Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag, IOCO Aktuell, 19.10.2019

Oktober 19, 2019 by  
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Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag

Meisterliche Technik, Seele, Intensität
Von der Oberlausitz in die Welt

von Michael Stange

Vollendung und der Aufstieg in den Sängerolymp sind ein steiler, dorniger Weg und die lebenslange Herausforderung des Opernsängers. Die gesteigerten Anforderungen durch die Werke Verdis und Wagners im neunzehnten Jahrhundert an die Sänger haben dies noch erschwert. Ihre neue Klang- und Gesangswelten vervielfachten für ihre Interpreten die Anforderungen an Gesangstechnik und Rollengestaltungen. Dies erfordert ein stetes Feilen und Arbeiten an der Stimme, der Interpretation und der Rollengestaltung für die Sänger.

Am 17.10.2019 feierte Reiner Goldberg den 80. Geburtstag – IOCO / Michael Stange würdigt einen großen Heldentenor

Richard Wagners Opern erfordern die technische Vereinigung von Belcanto und dramatischem Ausdruck. Nur in dieser Kombination können die vor der Aufführung seiner Werke ungeahnten sprachlichen, phonetischen und gesanglichen Dimensionen ausgefüllt werden. Dafür benötigten und benötigen insbesondere die Tenöre und Soprane eine völlig neue Gesangstechnik und –kultur. Schon zu Wagners Zeiten waren rollenerfüllende Heldentenöre kaum zu finden. Die geplante Uraufführung des Tristan in Wien musste während der Proben abgebrochen werden, weil der Interpret der Titelpartie nicht imstande war, die Rolle zu singen. Deutsche Wagner-Tenöre der Bayreuther Schule, die vor mehr als hundert Jahren in New York auftraten, entsetzten das Publikum durch deklamatorischen Vortrag und fehlende Belcantotechnik (nachzuhören auf: 100 Jahre Bayreuth auf Schallplatte, Gebhardt).

Im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert besserte sich die Situation bei den Heldentenören zunehmend. Lauritz Melchior, Walter Kirchhoff, Ludwig Suthaus, Max Lorenz, August Seider, Günther Treptow, Set Svanholm, Otto Wolff, Carl Hartmann, Hans Hopf und viele andere beherrschten Wagnerrollen gesangstechnisch und interpretatorisch meisterhaft.

Auch Leo Slezak, der ein hinreißender Belcanto Sänger war, triumphierte in den für hohe Stimmen gut liegenden Wagnerrollen wie Tannhäuser, Stolzing und Lohengrin. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es mit Wolfgang Windgassen einen modernen leichten und ergreifenden Darsteller aller Wagnerrollen. Die Zahl seiner ernstzunehmenden Konkurrenten ließ sich aber spätestens ab den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an einer Hand abzählen.

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Die Nichtexistenz und das Verblassen der Gesangstradition der großen Wagnerhelden lässt sich durch das Hören von vor 1920 und vieler seit 1970 entstandenen Wagneraufnahmen gut nachvollziehen. Die Stimmen waren nicht nur leichter geworden. Auch stimmtechnisch kämpften viele Rollenvertreter gegen die Rollenanforderungen wie Siegfried im 2. Akt der gleichnamigen Oper gegen den Drachen durch forcieren und Überanstrengen der Stimme.

Diesen Umstand kompensierten viele Musikliebhaber durch das Hören historischer Klangkonserven. Als in den siebziger Jahren in den USA eine obskure Liveaufnahme von Wagners Ring des Nibelungen aus der Mailänder Scala von 1950 unter Wilhelm Furtwängler auf Langspielplatten erschien, lag erstmals ein heute noch gültiges Zeitdokument vor, wie der Ring des Nibelungen mit großen Sängern klingen kann. Mit Kirsten Flagstad, Ferdinand Frantz und den Tenören Max Lorenz, Svet Svanholm und Günther Treptow offenbarte sich, dass die Bayreuther Rundfunkübertragungen jener Jahre mehr Wünsche offen ließen, als erfüllten.

Im Jubiläumsjahr der hundertjährigen Aufführung des Parsifal wendete sich das Blatt. Mit Reiner Goldberg betrat 1982 ein Held die Klangbühne, der alle Anforderungen Wagners erfüllte und an die Gesangstradition von Franz Völker und Max Lorenz anknüpfte. Er vereinte schon auf dieser Aufnahme die Forderungen Wagners nach „höchster Reinheit des Tons, höchster Präzision und Rundung, höchster Glätte der Passagen und höchster Reinheit der Aussprache, die das Fundament für den Gesangsvortrag bilden.“

All das brachte Reiner Goldberg mit. Stimmlich mühelos, scheinbar ohne Grenzen und mit großer innerlicher Beteiligung und Ausdrucksfähigkeit durchschritt er die Partie. Nach der heldisch gesungenen Antwort im 1. Akt, ob er den Schwan getötet habe („Gewiss, im Fluge treff ich, was fliegt“) befolgt er die Ausdrucksanweisungen (Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört) verändert, verschattet und die Stimme bei „Ich wusste sie nicht und in der Folge mit beachtlicher Feinsinnigkeit. Gleiches gilt für die Gestaltung der Rolle im 2. und 3. Akt, wo es ihm gelingt rein gesanglich durch Stimmfärbung und Tongebung die Wandlung und die emotionale Reifung Parsifal durch fein abgestimmte Stimmführung und –kolorierung in immenser Dichte und Größe im Ohr des Hörers mitreißend erstehen zu lassen.

Die Aufnahme ist nun bald dreißig Jahre alt. In dieser stimmlichen Vollendung und gestalterischen Wucht hat ihm die Rolle bis heute auf digital aufgenommenen Tonträgern Keiner nachgesungen. Auch den Vergleich mit seinen großen Vorgängern muss er nicht scheuen. Er vereint vollendete Gesangstechnik mit einer sehr seltenen Fähigkeit zur dramatischen Stimmfärbung und einer dadurch erreichten phänomenalen Rolleninterpretation auf der Klangbühne des Tonstudios.

In die Wiege gelegt war ihm dies nicht. Geboren in Crostau in der sächsischen Oberlausitz erkämpfte er sich nach einer Schlosserlehre seinen Platz auf den Bühnen der Welt. Einer seiner Leitsterne waren alte Schallplatten seiner Rollenvorgänger wie Leo Slezak, Peter Anders, Josef Traxel und Max Lorenz. Die an sich hell klingende, perfekt geführte Stimme, sein metallisches Timbre, seine leuchtende Höhe gepaart mit einer unvergleichlichen stimmlichen Gestaltung haben ihm ein riesiges Repertoire ermöglicht. Gleichzeitig war er immer auf der Suche nach Vervollkommnung und Verbesserung seiner Interpretationen und Gesangstechnik.

Zahllose Opernpartien, Oratorien und Lieder hat er in den mehr als fünfzig Jahren seiner Karriere interpretiert. Angefangen vom Max, Manrico, Cavaradossi, Florestan, Erik, Don Jose, Alfred (La Traviata) über den Hoffman (Hoffmanns Erzählungen; als Gesamtaufnahme im Rundfunk erhalten) bis zu den Werken Richard Strauss sang er auf der Bühne und im Konzert zahllose Opernpartien.

Gleiches gilt – bis auf den Tristan – für alle Heldenpartien Wagners. International wurde er insbesondere für Tannhäuser, Stolzing, Siegfried, Erik und Parsifal gefeiert. Weitere Höhepunkte waren Werke des zwanzigsten Jahrhunderts. Herausragend war u. a. der Aron in Schönbergs Moses und Aron, den er zuletzt 2004 in Hamburg mit fulminantem Erfolg verkörperte. Hinzu kommen der Tambourmajor, Bergs Wozzek sowie Partien in Opern von Zemlinsky, Borodin, Dvorak und zahlreiche andere Werke.

Schauspielerisch warf sich Reiner Goldberg mit immenser Verve und Ausdruckskraft in die Rollen, wie unter anderem die Bildaufzeichnungen als Max, Siegfried, Tannhäuser, Herodes und Pedro im Tiefland belegen.

Elisabeth Lindermeier, selbst eine große Sängerin, hat ihn im Jahr 1983 für die Zeitschrift Orpheus portraitiert und darauf hingewiesen, dass insbesondere Sänger in besonderem Maß Opfer ihrer Nerven, der seelischen Befindlichkeit, der Tagesform und der Gesundheit sind. Dies galt auch für Reiner Goldberg. Anders als an seinem Stammhaus Berlin fehlten andernorts Intendanten und Dirigenten, die ihn tatkräftig unterstützten. Daher kam es nicht zu der ausgedehnten Weltkarriere, die seinem stimmlichen Rang entsprochen hätte. In den entscheidenden Momenten der Karriere haben ihn Indispositionen infolge von Halsentzündungen in zurückgeworfen. Neben dem verschobenen Siegfried Debut in Bayreuth 1983 kam er daher auch an der Wiener Staatsoper und der MET in New York nur begrenzt zum Einsatz. An seinem Stammhaus, der Berliner Staatsoper Unter den Linden, in Bayreuth, Paris, New York, London, Mailand, Florenz, Rom, Zürich, Salzburg, Barcelona, Tokyo, Hamburg, München, Stuttgart und Dresden trat er unter anderem in seine Paraderollen Stolzing, Erik, Siegfried Tannhäuser, Max (Freischütz) und Herodes auf und wurde jahrzehntelang stürmisch gefeiert.

Der Qualität seiner Stimme und dem digitalen Zeitalter, das hochwertige technische Aufnahmen verlangte, verdankt er, dass er wie kaum ein Fachkollege seiner Generation in vielen verschiedenen Partien von Beethoven bis Zemlinsky auf kommerziellen Tonträgern dokumentiert ist.

Mit dem Parsifal unter Armin Jordan (heute bei Warner) hat er bis die digitale Referenzaufnahme der Partie hinterlassen, die auch „Stimmenpapst“ Jürgen Kesting für mustergültig befindet. Seine Aufnahmen unter Bernhard Haitink (Siegmund, Apoll (Daphne, EMI), sein Guntram (CBS), sein Herodes (Chandos) und sein Max (Denon) sind erste Wahl. Seine Siegfriede unter James Levine leiden trotz der Digitaltechnik unter klangtechnischen Defiziten. Sie zeigen ihn aber in insbesondere in der tontechnisch passablen Götterdämmerung in Hochform. Sein Aron in Schönberg Moses und Aron unter Herbert Kegel ist gleichfalls beeindruckend und heute noch eine Referenzaufnahme.

Am 18. Mai 2003 nahm er mit über sechzig Jahren vom Wagnerfach mit dem Tannhäuser an der Staatsoper Unter den Linden Abschied von den Wagnerrollen auf großen Bühnen. Stimmlich wie ein junger Mann gestaltet er die Partie mit einer Leidenschaft, die unvergessen ist und unvergleichlich bleibt. Fast bis zu seinem siebzigsten Geburtstag blieb er der umjubelte, stimmgewaltige Herodes der Berliner Salome und trat dort weiter auf.

Zahlreiche Liveaufnahmen aus den Tagen der großen Karriere wie seine Siegfriede aus Bayreuth, Barcelona und London, zahlreiche Tannhäuser, sein Pedro im Tiefland, sein Rienzi, seine Stolzings und vieles mehr kursieren unter Sammlern und auf YouTube. Diese Tondokumente vermitteln heute noch die ungeheure suggestive Wirkung, die er auf der Bühne entfaltete. Mitreißend, stürmisch, glühend und mit jeder Faser seines Herzens warf er sich in den Tannhäuser, Max, Erik, Stolzing und seine übrigen Partien.

Auf YouTube hat ihm ein findiger Sammler einen Geburtstagsgruß breitet und unter anderem seltene Aufnahmen des DDR Rundfunks veröffentlicht. Sehr sehenswert ist auch dort verfügbare Fernsehaufzeichnung der Meistersinger aus Tokyo.

Reiner Goldberg gibt seine Gesangstechnik und Bühnenerfahrung heute als gefragte Gesangslehrer weiter. Dies beschreibt die Berliner Sopranistin Barbara Krieger wie folgt: „Nach seiner großen Tenorkarriere ist er heute noch als Lehrer tätig und ist ein begnadeter und liebevoller Pädagoge. Seine technischen Tipps und das Auflockern und Entspannen der Stimme selbst in den kleinsten Pausen und seine übrigen Hinweise haben meine Entwicklung quasi beflügelt. Natürlich lernt man schon früh auf der Atemsäule zu singen und andere technische Grundlagen, aber daran muss man ständig arbeiten und sich fortentwickeln. Deshalb bin ich über die Begegnung mit ihm und seinen Unterricht sehr glücklich. Außerdem verstehen wir uns auch auf menschlicher Ebene sehr gut, lachen viel miteinander und nehmen das Leben nicht zu ernst.“

Am 17 Oktober 2019 feierte er seinen achtzigsten Geburtstag. Eine Jahrhundertstimme von unvergleichlicher Intensität, Gestaltungskraft und Schönheit, die berührt, unvergessen ist, in die Geschichte der Gesangskunst eingehen wird und noch in ferner Zukunft leuchten wird.

—| IOCO Portrait |—

Köln, Orangerie-Theater, INVASION – Ein Tanz für Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 03.09.2019

September 3, 2019 by  
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Orangerie - Theater Köln © Ingo Hamacher

Orangerie – Theater im Volksgarten, Köln © Ingo Hamacher

Orangerie Theater

INVASION –  Ein Stück Tanz für Jacques Offenbach

Uraufführung am 28.8.2019 im Orangerie-Theater

von Ingo Hamacher

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Mit Ovationen und lang anhaltendem Applaus belohnte das Publikum eine vollumfänglich gelungene Premiere der Kölner Offenbach-GesellschaftINVASION – Ein Stück Tanz für Jacques Offenbach. Mit tiefer Rührung dankte der Choreograf Emanuele Soavi dem begeisterten Publikum, das Lob bedeute ihm sehr viel, zumal diese Premiere auch noch auf seinen Geburtstag falle; worauf das Publikum zu seinen Ehren spontan ein herzliches „Happy Birthday“ anstimmte.

YES WE CANCAN ist das Motto des Jubiläumsjahrs 2019, mit dem seine Heimatstadt Köln den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach, dem „Erfinder der Operette“, mit zahlreichen Veranstaltungen in den Bereichen Musik, Theater, Tanz und Literatur organisiert von der Kölner Offenbach Gesellschaft, feiert.

Höhepunkt der Feiern in Köln und der Region war das Offenbach-Festival PIFF PAFF PUFF im Geburtstagsmonat Juni mit zahlreichen Veranstaltungen, aber auch im zweiten Halbjahr wird noch bis zum Jahresende an vielen Terminen und Veranstaltungsorten die Gelegenheit geboten, sich mit dem Werk des deutsch-französischen Komponisten zu beschäftigen. Eine Veranstaltungsübersicht findet sich unter: www.yeswecancan.koeln

Jacques Offenbach wurde als Jakob Offenbach am 21. Juni 1819 in Köln geboren. Sein Vater, von Beruf Synagogensänger, hieß bei seiner Geburt noch Isaac Juda Eberst und nahm den Namen seiner Geburtsstadt Offenbach an. 1833 übersiedelte Isaac Offenbach mit seinen beiden Söhnen in das Paris des Bürgerkönigs Louis Philippe. Jakob / Jacques nahm, da er das Instrument virtuos beherrschte, nach wenigen Monaten auf dem Konservatorium die Stellung eines Cellisten in der Opéra Comique an. Er komponierte erste Konzerte und kleinere dramatische Werke. 1844 heiratete er Hermine d‘ Alcain und trat zum katholischen Glauben über. Nach zwei Jahren in Köln kehrte Offenbach 1850 nach Paris zurück und wurde Kapellmeister an der Comédie Francaise.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen sich in Frankreich große politische Umwälzungen: Drei Jahre nach der Revolution von 1848 unternahm der Neffe von Napoleon I., Louis Napoleon, einen Staatsstreich und machte sich 1852 als Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen.

Das sogenannte „Zweite Kaiserreich“ brach an mit seinen Großbanken und den Weltausstellungen (1855 und 1867), den stolzen Kriegen und Expansionen der Nation, dem Rausch, der bis 1870 währte – als der Deutsch-Französische Krieg der Pracht ein Ende setzte und politisch sowohl die Französische Republik (1870) wie das Deutsche Reich (1871) hervorbrachte.

Die knapp zwanzig Jahre des Zweiten Kaiserreichs, in denen Wirtschaft und Künste gewaltig aufblühten, brachten die Ablösung der „Grand Opera“ durch die „Tragedie lyrique“ – und die Geburt der „Operette“. Es bedurfte eines Genies, die Gattung der Operette zu entwickeln, und dieses Genie war Jacques Offenbach. Er hatte die Frechheit und den Witz, eine Epoche satirisch aufs Korn zu nehmen – wie es die englische „Ballad Opera“ einst tat. Die Welt des Zweiten Kaiserreichs gab mit Zynismus alles dem Gelächter preis – auch und gerne sich selbst.

Unter dem Mantel der Persiflage klassischer Werke brachte die französische Operette gnadenlose Zeitkritik, in Witz gekleidete aktuelle Anspielungen hervor. Perfekter Ausdruck dieser neuen musikalischen Form war der zündende, mitreißende, spritzige Cancan.

Nach einer großen Zahl von einaktigen Werken, mit denen sich Offenbach das Oeuvre erschlossen hatte, komponierte er 1858 sein erstes abendfüllendes Werk: Orpheus in der Unterwelt, wofür der 1861 das Band der Ehrenlegion erhielt. Große Erfolge schlossen sich an: Die schöne Helena, 1864; Blaubart, 1866; Pariser Leben, 1866; Die Großherzogin von Gerolstein, 1867, La Perichole, 1868 und Die Prinzessin von Trapezunt, 1869.

Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, wurde Offenbach – gebürtiger Deutscher, seit 1860 naturalisierter Franzose jüdischer Herkunft – von allen Seiten angefeindet. Letztlich glücklos versuchte er sich noch mit verschiedenen Projekten. Offenbach, der 1877 begonnen hatte, an der Oper Hoffmanns Erzählungen zu arbeiten, starb am 5. Oktober 1880 in Paris. Die Uraufführung seines Hoffmann hat er nicht mehr erlebt.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Mit sehr verschiedenen Bezeichnungen wurden die 102 dramatischen Werke Offenbachs anfänglich bezeichnet, bevor sich der allgemeine Begriff der Operette durchsetzte. Eine zündende Rhytmik, eine klare Melodik, eine köstliche Frechheit und eine delikate, pariserische Frivolität kennzeichen seine Werke. Von großen Kollegen wurde er gelobt: so nannte Rossini ihn den “Mozart des Champs-Elysees“, und auch Richard Wagner gesteht ihm eine so leichte Hand wie dem „göttlichen Mozart“ zu.

Aus dem Jahr 1875 stammt die Operette Die Reise auf den Mond, seinerzeit noch als „Opera-feerie“ bezeichnet, mit 4 Akten in 23 Bildern. Jules Vernes Roman Von der Erde zum Mond, 1865, hatte zahlreiche Bühnenbearbeitungen angeregt. Das Sujet der „Reise zum Mond“ lag, wenige Jahre vor den ersten erfolgreichen Flugversuchen, genau im Trend der Zeit. Es war jedoch nicht der einzige Stoff, mit dem sich Offenbach in jenen Wochen beschäftigte. Innerhalb eines halben Monats brachte er drei große Werke zur Uraufführung. Verbürgt ist die Rastlosigkeit des alten Offenbach, wie er in seiner Kutsche von Ort zu Ort eilend an drei Partituren gleichzeitig arbeitete.

Die Kölner Offenbach-Gesellschaft vergab anlässlich des Offenbach-Jahrs 2019 an den Kölner Choreografen Emanuele Soavi den Auftrag zu einem Tanzprojekt inspiriert von Offenbachs Operette Le Voyage dans la lune (1875).

Die Reise zum Mond ist eine abenteuerliche Geschichte über Freundschaften und Vorurteile, über eigene und fremde Welten und wie man daran wächst, diese zu erforschen: Um seinem Neffen Caprice einen großen Traum zu erfüllen, konstruiert Onkel Mikroskop eine Mondrakete und startet ins All. Wider Erwarten trifft die Reisegruppe Lebewesen auf dem Mond und Caprice verliebt sich in die Mondprinzessin Fantasia.

Der Titel „INVASION“ deutet auf das deutlich gewandelte Geschichtsverständnis, das die „Entdeckung Amerikas“ durch Christoph Kolumbus heute aus dem Blickwinkel der autochthonen Bevölkerung als „Europäische Invasion“ begreift und deutet die Reise zum Mond analog als invasiven Akt.

„INVASION“ greift die Themen der Operette auf und fügt sie mit Motiven aus Ofenbachs Werk in einer dem 21. Jahrhundert entsprechenden tänzerisch-musikalischen Formensprache neu zusammen; als einzige Festjahrsproduktion auf tänzerischer Ebene.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Als Ort der Aufführung wurde das Orangerie-Theater im Volksgarten gewählt, ein seit Jahren etabliertes Freies Theaterhaus in der Kölner Südstadt. Nach langjähriger Nutzung als städtische Gärtnerei, wurde das Theater 1990 von einem Künstlerkollektiv gegründet und erhält seit 2007 Konzeptionsförderung seitens der Stadt Köln für sein innovatives Theaterkonzept.

Das Produktionsteam beschreibt sein Vorhaben wie folgt: Am 28. und 29. August lässt Emanuelle Soavi mit sechs Tänzer*innen seines Ensembles im Kölner Orangerie-Theater in seiner Produktion Offenbach-Klänge und Elektronik, zeitgenössischen Tanz und Mode, Vergangenheit und Gegenwart, Kunst und Unterhaltung aufeinandertreffen und eine explosive Reibung erzeugen. Dazu hat er die beiden Cellistinnen Katharina Apel-Hülshoff (Gürzenich-Orchester) und Anja Schröder (Duisburger Philharmoniker) sowie den Soundkünstler Stefan Bohne eingeladen.

Musikalisch werden sie Offenbachs Cello-Duette beisteuern und dessen vitale und in seiner Zeit auch visionäre Kraft mit elektronischen Sounds ins Heute transferieren. Emanuele Soavi über INVASION: Tempo, humorvoller Mut und absolute Zeitgenossenschaft, das ist es, was mich an Offenbachs Werk und Leben besonders interessiert.“

Das Set bildet mit einem Vexierspiel aus Plexiglaspanelen den Rahmen dafür. Vervollständigt wird die manchmal intime, manchmal lustvoll-exaltierte Performance durch die Ausstattung von Heike Engelbert mit Kollektionsteilen von Comme des Garcons zu einem Bühnentanz zwischen Utopie und Realität, der das Leben und das Abenteuer feiert, zwischen Absturz und Abflug, von Opium bis Absinth, wenn die weiße Fee uns im CanCan-Tempo zu Mond bringt.

Zeitgenössisches Tanztheater ist häufiger dafür bekannt eine große Zahl von Fragen aufzuwerfen, als sie zu beantworten. Um so erstaunlicher daher, wie nah Soavi in seiner Tanzproduktion den Ideen der Offenbachschen Operette kommt. Dabei sind es weniger die scherzhaft zitierten falschen Schnurr- und Backenbärte, der Regiestuhl des alten Meisters mit den Initialen J.O. und weitere kleine humorvolle Elemente, die immer wieder für Erheiterung sorgen. Es ist tatsächlich eher der kraftvoll ausdrucksstarke, ans artistische grenzenden Beziehungstanz zwischen den Personen und den Geschlechtern, die den Geist und die Emotionen der Vorlage wiedergeben.

Die ersten Hälfte der Operette, die ganz unter wissenschaftlichen und ingenieurstechnischen Aspekten die Möglichkeit einer Mondreise diskutiert, erleben wir in der Vertanzung des Themas in Form einer männlich dominierten, von Kraft und Bewegungsvielfalt innovativ gestaltete, emotionsgeladene Auseinandersetzung der Männer, teilweise mit hoher sinnlicher Intimität. Leidenschaftlich und erstaunlich präzise gestalten die Tänzerinnen und Tänzer bei ständig wechselnden Tempi der Szenen mit Hilfe der vorerwähnten Plexiglasplatten wechselnde Eindrücke und Bewegungsbilder mit hoher visueller Kraft.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Immer wieder taucht in sehr unterschiedlicher musikalischer Form das Thema des Cancan auf, zu dem ein weißer Trägerrock mit Plastiküberzug das optischen Pendant darstellt, der dann aber natürlich mit frei gestaltenden Bewegungsmustern in heutige, zeitgemäße Formen übersetzt wird.

Nach erfolgreicher Mondlandung erleben wir humorvolle tänzerische Szenen, die uns die Bilder der ersten Mondlandung vor 50 Jahren vor Augen führen und uns erneut teilhaben lassen an dem berühmten kleinen Schritt eines Menschen, der einen großen Schritt für die Menschheit bedeuten sollte.

Die Welt des Mondes, so erfahren wir bei Offenbach, ist der irdischen Welt so diametral entgegengesetzt, dass sie ihr fast schon wieder gleicht. So lebendig das Gefühlsleben auf der Erde war, so emotionsfrei ist das Leben auf dem Mond. Beziehungslose Catwalk-Auftritte, bei denen die Accessoires (große weiße Fächer, kleine weiße Kleidungselemente) nicht über die seelenlose Leere der Gesichter und die fehlende Beziehung zwischen den Tänzern hinwegtäuschen können, führen uns in dieses Leben ein.

Aber auch hier findet sich die positive Auflösung durch das Zueinanderfinden der gemischten Paare, die in leidenschaftlich und fließenden Bewegungen die erwachende Liebe und die neu gefundenen Gefühle zum Ausdruck bringen.

Großes Lob für alle Verantwortlichen!  Es war – trotz großer Hitze – ein sehr gelungener Abend.

Von Jacques Offenbach verwendete Kompositionen für zwei Celli:  Die Duette Op. 53 No.1 B-Dur (1. Satz Allegro), Op. 53 No.2 a-moll (Allegro-Andante-Allegro), Op. 53 No.3 C-Dur (2. Satz Andante) aus demJahr 1947, Sowie „Les Larmes de Jacqueline“ Op. 76 No.2

—| IOCO Kritik Orangerie Orangerie Theater Köln |—

Mainz, Staatstheater Mainz, OPERNGALA – Markus Müller moderiert, 25.08.2019

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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

OPERNGALA –  ZUR SPIELZEITERÖFFNUNG
25. August  – 18 Uhr

„Ich wusste es genau … die Zukunft gehört uns“ (Je le savais bien … l’avenir est à nous), singen Dorin Rahardja und Eric Laporte im Duett aus Hoffmanns Erzählungen. Und geben damit am kommenden Sonntag den optimistischen Grundton für die Opernsaison 2019/20 vor, die mit der Operngala im Großen Haus eröffnet wird. Die Sommerpause ist beendet, auf den Probebühnen wird bereits intensiv gearbeitet, wir freuen uns auf die neue Spielzeit! Solistinnen und Solisten des Ensembles, das Philharmonische Staatsorchester Mainz sowie der Opernchor machen mit musikalischen Kostproben aus Wiederaufnahmen und Premieren Lust auf den kommenden Spielplan – neben Hoffmanns Erzählungen erklingen unter anderem Arien aus Boris Godunow, Manon Lescaut, Al gran sole carico d’amore sowie erste Ausschnitte aus dem Musical The Producers. Durch den Abend führt wie gewohnt Markus Müller.

Musikalische Leitung: Hermann Bäumer, Samuel, Hogarth, Robert Houssart, Paul, Johannes Kirschner, Leitung Opernchor: Sebastian Hernandez-Laverny, Moderation: Markus Müller

Mit: Marie Christine Haase, Solenn‘ Lavanant-Linke,, Dorin Rahardja, Alexandra Samouilidou, Maren, Schwier, Linda Sommerhage, Nadja Stefanoff; Derrick, Ballard, Peter Felix Bauer, Stephan Bootz, Brett, Carter, Michael Dahmen, Alin Deleanu, Vincent Doddema,, Steven Ebel, Michael Kamp, Eric Laporte,, Johannes Mayer, Alexander Spemann, Philharmonisches Staatsorchester Mainz, Opernchor Mainz

—| Pressemeldung Staatstheater Mainz |—

Köln, Oper Köln, Opern-Air zum Saisonauftakt 2019.20, 15.09.2019

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Oper Köln

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Saisonauftakt  2019/20 –  Opern-Air  und  Mehr

Familienfest mit  Zauberflöte, Carmen, Fledermaus ….

Nach einer sehr erfolgreichen Spielzeit 2018.19 startet die Oper Köln am 15. September 2019 im StaatenHaus in die neue Saison. Ab 12 Uhr öffnen wir die Türen zum großen Familienfest: Groß und Klein erwartet ein abwechslungsreiches Programm mit spielerischen Einführungen in unsere diesjährigen Kinderopern-Produktionen und Ausflügen hinter die Kulissen der Oper Köln. Neben dem vielfältigen Rahmenprogramm wie einer Kostümversteigerung und einer Opern-Rallye werden anhand von Mozarts Die Zauberflöte Einblicke in die Arbeit der Kinderoper Köln geboten. Zahlreiche Partner der Oper Köln sowie Kölner Kultureinrichtungen sind wie bereits in den vergangenen Jahren mit Infoständen vor Ort vertreten.

Am Abend des 15. September 2019 eröffnen wir um 18 Uhr die Spielzeit offiziell mit der Premiere unseres ersten Opern-Air am Tanzbrunnen! Genießen Sie einen einzigartigen Abend mit dem exquisiten Ensemble, dem Internationalen Opernstudio und dem Chor der Oper Köln sowie dem Gürzenich-Orchester Köln, unter der Leitung des Wiener Opern- und Operettenspezialisten Alfred Eschwé. Dargeboten werden Ausschnitte u. a. aus Die Fledermaus von Johann Strauß, Orpheus in der Unterwelt und Hoffmanns Erzählungen vom Geburtstagskind Jacques Offenbach, Carmen von Georges Bizet und viele mehr. Zum Familienfest im StaatenHaus sowie zum Opern-Air am Tanzbrunnen am Sonntag, den 15. September 2019

So., 15. September › 18 Uhr

Auszug aus dem Programm

JOHANN STRAUSS »Die Fledermaus«
JACQUES OFFENBACH »Hoffmanns Erzählungen«
› »Barcarole«, »Leise tönt meiner Stimme Klang«, »Klein Zack«
JACQUES OFFENBACH »Orpheus in der Unterwelt«
› »Cancan«
FRANZ LEHÁR »Das Land des Lächelns«
› »Dein ist mein ganzes Herz«
GEORGES BIZET »Carmen«
› »Habanera«, »Schmugglerquintett«
JULES MASSENET »Manon«
› »Gavotte«
WOLFGANG AMADEUS MOZART »Die Zauberflöte«
› »Der Hölle Rache«, »Ein Mädchen oder Weibchen«
WOLFGANG AMADEUS MOZART »Don Giovanni«
› »Champagnerarie«
GIACOMO PUCCINI »Turandot«
› »Nessun dorma«
ANTONÍN DVO?ÁK »Rusalka«
› »Lied an den Mond«
HECTOR BERLIOZ »Le Carnaval romain« (Gürzenich-Orchester Köln)
GIUSEPPE VERDI »Nabucco«
› »Va, pensiero« (Gefangenenchor) (Chor der Oper Köln)

Musikalische Leitung Alfred Eschwé,  U.a. mit Adriana Bastidas-Gamboa / Claudia Rohrbach / Matthias Hoffmann / Martin Koch / Internationales Opernstudio / Chor der Oper Köln / Gürzenich – Orchester Köln

—| Pressemeldung Oper Köln |—

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