Essen, Aalto Theater, Wiederaufnahme Salome – Richard Strauss, ab 19.01.2019

Januar 3, 2019 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

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 Salome – Richard Strauss

Wiederaufnahme am 17.1.; 27.1.; 10.3.2019

Es ist eine faszinierende und verstörende Geschichte von sinnlichem Begehren und unerbittlicher Rache: Mit Salome schuf Richard Strauss ein meisterhaftes Musikdrama, das nicht zuletzt durch seinen rauschhaften und betörenden Orchesterklang begeistert.

Salome Sketch des Aalto Theater
Youtube Trailer des Aalto Theater
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Im Aalto-Theater ist die Oper in der Inszenierung der französischen Regisseurin Mariame Clément zu Beginn des neuen Jahres 2019 wieder zu erleben: Unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Tomáš Netopil stehen drei Vorstellungen am 19. und 27. Januar sowie am 10. März 2019 auf dem Spielplan. Wie schon in der Premierenserie in der vergangenen Spielzeit singt die niederländische Sopranistin Annemarie Kremer die Titelpartie. Auch Rainer Maria Röhr als Herodes, Marie-Helen Joël als Herodias, Almas Svilpa als Jochanaan, Carlos Cardoso als Narraboth und Liliana de Sousa als Page werden erneut mitwirken.

Aalto Theater Essen / Salome - Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Aalto Theater Essen / Salome – Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Richard Strauss griff für seinen 1905 an der Dresdner Hofoper uraufgeführten Einakter auf einen der skandalträchtigsten Stoffe der Jahrhundertwende zurück: Salome, die Prinzessin von Judäa und Stieftochter des Königs Herodes, begehrt den unbekannten Propheten Jochanaan, der von Herodes gefangen gehalten wird. Doch Jochanaan hat für Salome nichts als Verachtung übrig. Gedemütigt schwört Salome Rache und fasst einen Plan. Als ihr Stiefvater Herodes bei ihr die Erfüllung seiner Lust sucht, ringt sie ihm das Versprechen ab, ihr für ihren „Tanz der sieben Schleier“ jeden Wunsch zu erfüllen. Sie besteht auf den Kopf des Jochanaan …

Karten (€ 11,00 – 55,00) unter T 02 01 81 22-200 oder www.theater-essen.de.

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Köln, Oper Köln, Premiere Salome – Richard Strauss, 14.10.2018

September 24, 2018 by  
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Oper Köln

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

  Salome – Richard Strauss
StaatenHaus – Saal 2

Premiere 14. Oktober 2018 18 Uhr

Die Oper um die Prinzessin Salome und ihren ›Tanz der sieben Schleier‹ ist ein Werk der emotionalen Extreme und fasziniert seit ihrer Uraufführung 1905 in Dresden die Musikwelt.

In der dekadenten Atmosphäre des orientalischen Palastes, in dem Prinzessin Salome als Stieftochter des Tetrarchen Herodes lebt, erscheint ihr der eingekerkerte Prophet Jochanaan wie eine faszinierende Verlockung. Dass dieser asketische Mann ihre erotischen Annäherungen unter Flüchen von sich weist, verleiht ihm in den Augen Salomes einen noch höheren Reiz. Als Herodes sie dazu auffordert, für ihn zu tanzen und ihr dafür die Erfüllung jeden Wunsches in Aussicht stellt, verlangt Salome den Kopf des Jochanaan auf einer Silberschüssel.

GMD François-Xavier Roth dirigiert erstmals eine Oper von Richard Strauss. Der junge US-amerikanische Regisseur Ted Huffman, auf den Bühnen unseres Kontinents ein hoch gehandelter ›Newcomer‹, stellt sich – zum zweiten Mal überhaupt an einem deutschen Opernhaus – an der Oper Köln vor. Die schwedische Sopranistin Ingela Brimberg, zuletzt hier als Senta in Der fliegende Holländer gefeiert, alterniert mit ihrer österreichischen Kollegin Kristiane Kaiser, der Kölner Tannhäuser-Elisabeth, in der alle gesangsdarstellerischen Register fordernden Partie der Salome.


Salome (Premiere):  So., 14. Oktober 18 Uhr,  StaatenHaus, Saal 2

Besetzung – Musikalische Leitung  François-Xavier Roth | Arne Willimczik (28.10. und 10.11.2018), Inszenierung Ted Huffman, Bühne Ben Baur, Kostüme Annemarie Woods
Licht Andreas Grüter, Choreografie Sam Pinkleton, Dramaturgie Georg Kehren

Mit  –  Herodes › John Heuzenroeder, Herodias › Dalia Schaechter, Salome › Ingela Brimberg / Kristiane Kaiser, Jochanaan › Kostas Smoriginas / Markus Marquardt
Narraboth › Dino Lüthy, ein Page der Herodias › Judith Thielsen, 1. Jude › Martin Koch
2. Jude › Ján Rusko, 3. Jude › William Goforth, 4. Jude › Alexander Fedin, 5. Jude › Nicolas Legoux, 1. Nazarener › Luke Stoker, 2. Nazarener › Anton Kuzenok, 1. Soldat › Matthias Hoffmann, 2. Soldat › Lucas Singer, Ein Cappadocier › Yunus Schahinger / Julian Schulzki, Ein Sklave › Alina Wunderlin, Tanzensemble Orchester › Gürzenich-Orchester Köln

Premiere  Salome 14. Oktober 2018 18 Uhr, Weitere Vorstellungen, Do, 18. Oktober › 19:30 Uhr, Sa, 20. Oktober › 19:30 Uhr, Mi, 24. Oktober › 19:30 Uhr, Fr, 26. Oktober › 19:30 Uhr, So, 28. Oktober › 19:00 Uhr, So, 04. November › 18:00 Uhr, Mi, 07. November › 19:30 Uhr, Sa, 10. November › 19:30 Uhr, Fr, 16. November › 19:30 Uhr, So, 18. November › 18:00 Uhr

—| Pressemeldung Oper Köln |—

Essen, Aalto-Theater, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 11.07.2018

Juli 12, 2018 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

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SALOME – Richard Strauss

 – Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes –

Von Karin Hasenstein

Die Handlung:  Am Hofe des König Herodes begehren alle irgendetwas, das sie nicht haben können. Der Hauptmann Narraboth begehrt die Prinzessin Salome, oder doch wenigstens einen Blick, ein Lächeln von ihr. Der König Herodes begehrt die Frau seines Bruders, Herodias. Er lässt seinen Bruder einsperren und schließlich töten, um Herodias heiraten zu  können. Das reicht ihm jedoch nicht, er begehrt außerdem ihre Tochter Salome, seine Nichte.

Begierde besteht entweder in der Lust, etwas zu besitzen, oder in der Furcht davor, es zu verlieren, weil dann das Begehren niemals gestillt werden kann. Herodes ist ein Mann, der von seinen Begierden getrieben ist: er ist umgeben von Macht, Reichtum und Schönheit. Dadurch leidet er unter ständiger Verlustangst. Außerdem ist da Salome, die er nicht ohne weiteres besitzen kann. Salome steht also im Zentrum seines Begehrens und will ihm möglichst entfliehen. So sind auch ihre ersten Worte „Ich will nicht bleiben, ich kann nicht bleiben!” Immer wieder entzieht sie sich seinen Blicken und Berührungen.

Ähnliche Begehren treiben Narraboth; doch ganz andere Gründe verbieten ihm, die Prinzessin zu begehren. Narraboth und Herodes werden mit denselben Worten gewarnt; dass es Unglück bringt, die Prinzessin auf diese Weise anzusehen. Der Page warnt Narraboth: „Du siehst sie immer an. Du siehst sie zuviel an. Es ist gefährlich, Menschen auf diese Weise anzusehen. Schreckliches kann geschehen.” Herodias ermahnt ihren Gatten „Du sollst sie nicht ansehen, fortwährend siehst du sie an!” Doch Herodes hört ebenso wenig auf seine Frau, wie Narraboth auf den Pagen. So wird mit Beginn verdeutlicht: es wird Schreckliches geschehen; alle sind Sklaven ihrer Begierden. Auch Salome begehrt etwas, was sie nicht haben kann.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Annemarie Kremer als Salome © Martin Kaufhold

Der eigentlichen Handlung vorgeschaltet ist ein Video (fettFilm), das auf den Bühnenhintergrund projiziert wird. Wir sehen eine Szene aus einem Kindergeburtstag. Ein kleines Mädchen bekommt Geschenke. In der nächsten Einstellung ist das Mädchen etwas älter, ein Teenager. Wieder wird ein großes Geschenk überreicht. Es scheint nicht das Gewünschte zu sein, es wird achtlos weggeworfen.

Die  Aalto – Inszenierung: Im Palast des Herodes wird ein Fest gegeben. Salome entflieht den lüsternen Blicken ihres Stiefvaters und flieht zum Personal in die Küche. Sie trägt Jeans und eine weiße Bluse, weiße Turnschuhe; ihr langes Haar ist zum Pferdeschwanz gebunden. (Bühne und Kostüme: Julia Hansen). Es ist ein nach drei Seiten offener Raum auf einer Drehbühne. Am linken Rand befindet sich eine Tür, die in den Vorratskeller führt. Als der Koch die Tür offenstehen lässt, dringt die Stimme eines Gefangenen herauf. Als Salome die Stimme Jochanaans vernimmt, ist sie von seinen Worten berauscht und verlangt von den Wachen, ihn zu sehen. Narraboth willigt ein, als Salome ihm ein Lächeln verspricht.

Die Bühne wechselt; wir sehen ein Kontor, Regale mit Kartons an den Wänden, in der Ecke ein Bett. Der Zuschauer erkennt das Kinderzimmer aus der Video-Projektion. Salome läuft aufgeregt hin und her, als die Wachen kommen und den Gefangenen bringen. Der Prophet trägt, wie die Wachen, schwarze Uniformhosen und Stiefel, die  Arme in einer Zwangsjacke gefesselt. Sofort beginnt der Prophet merkwürdig zu sprechen; niemand kann Salome sagen, von wem er spricht. Salome glaubt „Er spricht von meiner Mutter!Narraboth erkennt seinen Fehler und fleht Salome an, zu gehen. Salome gibt sich dem Propheten zu erkennen mit den Worten „Ich bin Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa!” Sie will ihn aus der Nähe betrachten; als Jochanaan sie harsch zurückweist steigert dies ihre Neugier, ihr Begehren. Narraboths Rufe  „Prinzessin! Prinzessin! Prinzessin!” dringen nicht zu ihr durch.

Obwohl der Prophet sie beschimpft und von sich stößt, steigert sich Salome in eine wahnhafte Begierde hinein. Sie ruft aus, sie sei verliebt in seinen Leib; sie vergleicht diesen Leib  mit den Lilien auf dem Feld, mit dem Schnee auf den Bergen Judäas, den Rosen im Garten von Arabiens Königin. Als Jochanaan Salome erneut zurückweist, beschreibt sie seinen Leib als grauenvoll.

Während des Wechselspiels von Preisen und Beschimpfen zeigt eine Video-Projektion über den Köpfen der handelnden Personen:  Das kleine Mädchen wandert in  weißem Ballettröckchen durchs Bild. Die Szenen im Film wechseln und kommentieren die Bühnenhandlung. Mit Salomes Ausruf: „Dein Leib ist grauenvoll. Er ist wie der Leib eines Aussätzigen…” ritzt sich das Mädchen seine Arme mit einer Schere.  Auf den Text „In dein Haar bin ich verliebt” bürstet das Mädchen sein langes Haar. Als Salome Jochanaans Haar berühren will und er sie abermals zurückstößt, sehen wir zu ihren Worten „Dein Haar ist gräßlich!”, wie das Kind sein Haar mit einer Schere strähnenweise abschneidet.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Das Fest im Haus des Herodes © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Das Fest im Haus des Herodes © Martin Kaufhold

Salome will den Mund des Propheten küssen. Ein sinnlicher Wunsch der jungen Frau, der auf den Zuschauer verstörend wirkt, zieht Salome doch einen riesigen Teddy an der Hand zu Jochanaan. Kindfrau, Lolita, alle möglichen Assoziationen kommen in den Sinn. Narraboth kann all das nicht mehr ertragen; er erschießt sich, als Salome stetig wiederholt „Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan. Lass mich deinen Mund küssen!” zu diesen Worten legt Salome ihren Kopf in seinen Schoß, als er sich unter ihr hervor windet, klammert sie sich an sein Bein. Mit den Worten „Du bist verflucht, Salome, Du bist verflucht!” lässt er sich in sein Gefängnis zurückbringen.

Salome wütet in dem Kontor wie ein trotziges Kind, stößt Möbel um, reißt Kartons aus den Regalen. Mitten in diesen Wutausbruch hinein treffen Herodes, Herodias und die Gäste ein. Herodes trägt ein Diner-Jackett, Herodias ein elegantes Abendkleid, man ist bester Laune. Die Gäste tragen lustige kleine Partyhütchen, der aufmerksame Zuschauer erkennt die Geburtstagsgesellschaft aus der ersten Video-Einspielung. Diener bringen transparente Stühle herbei, eine Tafel wird mit einer Geburtstagtorte und allerlei Leckereien gedeckt.

Niemand scheint das Chaos im Raum zu bemerken. Weil es so im Libretto steht, stolpert Herodes über die Leiche des Narraboth bzw. gleitet in dessen Blut aus. In Blut zu treten, gilt als böses Zeichen, also muss der Tote schnell weg. Der Schrecken ist jedoch rasch vergessen und Herodes fordert Salome auf, sie solle mit ihm Wein trinken. Salome zischt ihn an: „Ich bin nicht durstig, Tetrarch.”  Herodes:Bringt Früchte, Salome, komm iss mit mir.” Mit den Worten „Ich bin nicht hungrig, Tetrarch”  weist sie ihn erneut zurück.

Schließlich provoziert er noch seine Frau Herodias, indem er Salome auffordert „Salome, komm setz dich zu mir… du sollst auf dem Thron deiner Mutter sitzen.” Salome bleibt unnachgiebig: „Ich bin nicht müde, Tetrarch.” Herodias weist ihn mit den Worten zurecht, mit denen zuvor der Page Narraboth ermahnt hat: „Du sollst sie nicht so ansehen… Warum starrst du sie immer an?” Während die Gesellschaft ausgelassen feiert, stößt Jochanaan weiter apokalyptische Prophezeiungen aus.

Nun kommt die Stimme des Propheten aus dem Rang rechts oben, dann von hinten links, die Prophezeiungen werden konkreter, der Streit zwischen Juden und Nazarenern steigert sich und in dieses Durcheinander hinein erklingt die Aufforderung des Herodes Tanz für mich, Salome!” Salome will nicht tanzen, auch Herodias ereifert sich immer mehr: „Ich will nicht haben, dass sie tanzt!”

Herodes versucht seinen Wunsch zu unterstreichen, indem er Salome ein großes Geschenk anbietet. Sie wittert ihre Chance, alles zu fordern, was sie will, vergewissert sich aber noch und lässt ihn einen Eid schwören. „Bei meinem Leben, bei meiner Krone, bei meinen Göttern. O Salome, Salome, tanz für mich!” Die Bitten ihrer Mutter, nicht zu tanzen, ignorierend, willigt Salome schließlich ein. Das Licht wird gedimmt, Salome nimmt das Tutu und verhüllt ihr Gesicht mit einer weißen Maske, alle Gäste setzten sich farbige Perücken auf, was die Szene immer grotesker erscheinen lässt, und Salome beginnt zu tanzen.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Annemarie Kremer als Salome und ihr Schleiertanz © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Annemarie Kremer als Salome und ihr Schleiertanz © Martin Kaufhold

In ihrem nun folgenden Tanz vollzieht Salome eine Art Pantomime. Sie wehrt etwas ab, was der Zuschauer nicht sieht, fällt aufs Bett, scheinbar von bösen Träumen geschüttelt, deutet ein Aufschneiden der Pulsadern an, legt schließlich Tutu und Maske ab, macht das Licht wieder an. Zu den nun folgenden rauschhaften Walzerklängen fordert sie die Gäste zum Tanz auf; alle tanzen, bis Herodes  Salomes Handgelenk beendet, indem er sie roh am Handgelenk packt und hinter die Tafel zerrt. Was dort geschieht mag sich der Zuschauer ausmalen. Als Herodes mit den Worten “Ah! Herrlich! Wundervoll, wundervoll!” wieder erscheint, bezieht sich dies nicht nur auf den Tanz der Salome. Zerraufte Haare und derangierte Kleider der Salome deuten anderes an.

Salome fordert mit versteinerter Miene ihren Lohn; in einer Silberschüssel fordert sie den Kopf des Jochanaan. Die Regieanweisungen an dieser Stelle sind „Süß, lächelnd”. Die Prinzessin, die gewohnt ist, stets zu bekommen, was sie will, bleibt unnachgiebig, als Herodes ihr das verweigern will, was sie begehrt, hat er doch damit nicht gerechnet. Salome wiederholt ihre Forderung: „Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan in einer Silberschüssel.” und erinnert Herodes:Du hast einen Eid geschworen, Herodes. Du hast einen Eid geschworen, vergiss das nicht.“

Herodes bietet ihr alle Schätze seines Königreiches, Salome jedoch bleibt unerbittlich. Sie wiederholt ihre Forderung, dreimal, viermal, alle seine Angebote ignorierend. Als er immer noch nicht darauf eingeht, unterstreicht sie ihren Wunsch, indem sie zunächst mit der Pistole, mit der schon Narraboth seinem Leben ein Ende bereitet hat, auf Herodes zielt, ihn in die Knie zwingt und ihm schließlich die Pistole an den Kopf hält. Ihre Forderung erklingt zum fünften und sechsten Mal: „Den Kopf des Jochanaan. Gib mir den Kopf des Jochanaan.” Inzwischen reicht es auch Herodias und sie unterstützt Salome in ihrer Forderung.

Nach der siebenten und achten Wiederholung, Salomes Pistole an der Schläfe, in Todesangst, willigt Herodes verzweifelt ein: „Man soll ihr geben, was sie verlangt! Sie ist in Wahrheit ihrer Mutter Kind!” Daraufhin zieht Herodias dem Tetrarchen den Todesring vom Finger und übergibt ihn dem Soldaten, der ihn dem Henker überbringt. Als Herodes dieses bemerkt, ist er sicher, dass Unheil geschehen wird.

Salome lauscht an der Tür zum Gefängnis, es ist jedoch kein Laut zu vernehmen. Schließlich bemerkt Salome, dass der Henker sein Schwert hat fallen lassen. Sie befindet sich in einem wahren Blutrausch und schickt den Pagen hinterher mit den Worten „Es sind noch nicht genug Tote!”

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Heiko Trinsinger als Jochanaan_ gefesselt © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Heiko Trinsinger als Jochanaan_ gefesselt © Martin Kaufhold

Hier bricht die Regie mit dem Libretto: Der Henker bringt nicht das Haupt des Jochanaan, wie man es aus zahlreichen Inszenierungen kennt, sondern der Prophet wird noch einmal lebend heraufgeführt. Gefesselt und mit verbundenen Augen steht Jochanaan vor Salome, die ihm vorhält „Du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen, Jochanaan! Wohl, ich werde ihn jetzt küssen!“ In dem folgenden Monolog tobt sich Salome noch einmal aus. Es ist nicht nur die Rache gegen Jochanaan, die sich hier entlädt, sondern auch ihr Hass auf Herodes den sie hier noch einmal richtig demütigen kann und dem sie alles heimzahlen kann, was er an ihr begangen hat.

Sie preist ihn ein letztes Mal. Dann löst sie ihr Haar und während Jochanaan aufsteht und mit der Wache abgeht, stellt sie die zentrale Frage in den Raum: „Warum hast du mich nicht angesehen, Jochanaan? Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt! Ich weiß wohl, du hättest mich geliebt. Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes…”

Herodes zischt seiner Frau zu „Sie ist ein Ungeheuer, deine Tochter!”  und, in diesem Moment bringt die Wache den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan und legt ihn vor Salome auf den Boden. Salome nimmt den Kopf auf und ist nun damit endlich am Ziel ihrer Begierden angelangt. Zu den Worten: „Ah! Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. Ah! Ich habe ihn geküsst, deinen Mund, es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. (…) Sie sagen, dass die Liebe bitter schmecke… allein, was tut’s? Was tut’s? (…) Ich habe ihn geküsst, deinen Mund” , bedeckt sie seinen Mund mit Küssen.

Sie legt den Kopf wieder ab. Die Bühne fährt zurück, Salome bleibt allein auf der Vorderbühne zurück; vor ihr das Haupt des Jochanaan. Aus dem Hintergrund ertönt der Ruf des Herodes “Man töte dieses Weib!”, das Licht wird abgeblendet.   ENDE.

Was fasziniert uns so an Salome? – Wirkung und Rezeption

Salome ist seit jeher als Kunstfigur in unserer Gesellschaft verankert. Es hat sie gegeben, diese Tochter der Herodias; in der Bibel bleibt sie jedoch namenlos. Die Tochter verlangt den Kopf Johannes des Täufers als Preis für ihren Tanz um ihrer Mutter Willen, weil die verbotene Ehe zwischen Herodias und Herodes angeprangert wird.

Seit dem 6. Jahrhundert ist der „Kopf des Täufers“ auch Gegenstand der bildenden Kunst, oft in Verbindung mit Salomes Tanz. Ab dem 16. Jahrhundert wird vor allem  Salome allein mit dem Kopf des Propheten dargestellt. Salome vereint in sich die schöne, begehrenswerte Frau und die Wahnsinnige, die den abgeschlagenen Kopf in Händen hält. Später, im 19. Jahrhundert, liegt der Fokus auf Salomes Sinnlichkeit und Verführungskunst. 1877 widmete Jules Massenet dem Thema mit „Hérodiade” eine Oper. Richard Strauss´ Oper von 1905 ist nach dem Drama Salome von Oscar Wilde entstanden. 1908 hat sich noch Antoine Mariotte mit seiner Oper Salomé  an dem Stoff versucht. Durchgesetzt hat sich jedoch die Salome von Richard Strauss, nicht zuletzt wegen ihrer rauschhaften energischen Musik.

Die Komposition

Strauss selbst hat erkannt, Wildes Stück „schreie nach Musik”. Mit Salome durchbricht er zum ersten (und einzigen) Mal die Grenzen der bürgerlichen Repräsentation. Unverhüllte Erotik, die schamlose Darstellung der lüsternen Gefühle des Herodes machen diesen Stoff zu etwas Besonderem.

Strauss schafft mit seiner Harmonik und Instrumentierung eine besondere Klangwelt, die so bisher nicht vorstellbar war. Das Tonmalerische wächst über sich hinaus. Strauss hat Wildes Drama Wort für Wort durchkomponiert und verfolgt damit konsequent die von Richard Wagner entwickelte Technik des Leitmotivs. Klangfarbe in Verbindung mit den rhythmischen Elementen ist die Grundlage dieser expressionistischen Partitur. Der Komponist beherrscht die Mächte des Guten, Erlösenden und Versöhnlichen ebenso wie die des Grausens und Entsetzens, die Angst und das Bangen, all die dunklen seelischen Gewalten. Er geht auch in der Harmonie ungewöhnliche und teils „regelwidrige” Wege, entschließt sich jedoch nie ganz zur Atonalität. Lediglich im Streit der Juden mit den Nazarenern geht er in den Bereich der Bitonalität hinein.

Auch der Aufbau der Komposition ist ungewöhnlich: Ohne Vorspiel wird der Hörer direkt in die Szene geworfen mit dem Ausruf des Narraboth „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!” So führt gleich die erste Szene in den Fokus des Geschehens und der Zuschauer oder Zuhörer ist von den ersten Takten an gebannt. Eine Spannung, die sich erst in den letzten Tönen der Partitur löst.

Bei Strauss’ Musik handelt es sich nicht nur um einen hohen Schwierigkeitsgrad, sondern um eine ebenso raffinierte musikalisch-dramaturgische Struktur. Salome ist seine bis dahin fortschrittlichste Komposition. Er schreibt extrem chromatisch und legt entfernte Tonarten übereinander, ohne jedoch die Regeln der Tonalität zu missachten. Durch dieses Mittel der  Bitonalität treibt er die Personencharakteristik auf die Spitze. Ganztonskalen verleihen der Oper ein gewisses orientalisches Kolorit. Im „Tanz der sieben Schleier” unterstreicht er diese fernöstliche Atmosphäre noch zusätzlich durch den Einsatz von Xylophon, Kastagnetten, Tamtam und Tamburin.

Leitmotive und ihre Wirkung

Salome ist wie Richard Wagners Werke durchkomponiert und mit Leitmotiven versehen. Jeder Charakter wird durch verschiedene Tonfiguren beschrieben. Salomes Hauptmotiv ist durch eine verminderte Terz und parallel einsetzende Geigen-Tremoli gekennzeichnet und wird von einem 32stel-Lauf eingeleitet. In der zweiten Szene wird das Motiv erweitert. Auch Hauptmann Narraboth erhält sein eigenes Motiv, welches in den Celli erklingt. Die Aneinanderreihung von zwei großen Sexten bildet eine Undezime, wodurch sich sein großes unerfülltes Verlangen nach Salome ausdrückt.

Den Prophet Jochanaan hingegen bekommt lange fließende Melodien und bliebt dabei überwiegend im tonalen Bereich. Die Tonarten sind C-Dur, As-Dur, es-Moll. Salomes Figuren sind von kurzen Motiven mit großer Chromatik und Atonalität gekennzeichnet. Sie hat kurze Notenwerte und ihre Tonarten bewegen sich zwischen cis-Moll und A-Dur, während der Prophet im Hintergrund in Es-Dur bleibt. A und Es bilden einen Tritonus, eine übermäßige Quarte oder verminderte Quinte, ein Intervall, das als dissonant empfunden wird und traditionell für Unheil steht. Jochanaan hebt sich durch seine Melodieführung sowohl von Salome als auch von allen anderen Hauptrollen ab. Das sogenannte Prophezeiungsmotiv durchzieht alle seine Auftritte und unterstreicht seine Beschwörungen auch aus dem Hintergrund. Als Salome den Propheten zum ersten Mal gehört hat, passt Strauss ihre Tonart der des Jochanaan an und betont damit ihr Interesse am Propheten. Als sie Narraboth benutzt, vermischen sich ihre beiden Leitmotive im Orchester. Bei Jochanaans Auftritt in der dritten Szene verwendet Strauss Oboen, Englischhorn und Heckelphon und das Motiv besteht aus fallenden Quarten. Die langen Notenwerte und klaren Bewegungen werden durch Salomes Begehren mit 32stel-Auftakten und dem schon bekannten Tritonus kontrastiert. Ihr Instrument ist hier die Klarinette, oft auch die Flöte.

Das Leitmotiv zu „Ich will deinen Mund küssen” wiederholt sich immer wieder, molto appassionato nähert sich Salome Jochanaans Tonarten an, während dieser in ihrer Tonart cis-Moll endet. Im Schleiertanz wird das Motiv des Begehrens mit dem „Ich will den Kopf”-Melodie in verkürzter Form verbunden. Jochanaans Quart-Motiv wird ebenfalls bei Salome verkleinert, jedoch verzichtet der Komponist auf eine Wiedergabe des Herodes-Motivs. Salome ist gedanklich nur mit Jochanaan beschäftigt. Die chromatischen Verzierungen im Tanz-Motiv sind charakteristisch für die einleitende Oboen-Melodie. Im großen Schlussmonolog besingt Salome den Kopf des getöteten Propheten. Ihr anfängliches cis-Moll wandelt sich hier in Cis-Dur, als sie seine Schönheit preist. Man könnte eine positive Wendung vermuten.

Besonders hervorgehoben wird ihr Satz „Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes.” Strauss verwendet hier alle 12 Halbtöne der Skala. Dabei fällt „Liebe” auf einen hohen und „Todes” auf den tiefsten Ton von Salomes gesamter Partie. Als sie den Kopf des Propheten küsst, erklingt im Orchester ein extrem dissonanter Zusammenklang aus ais, c, disis, eis, fis und a, welcher Liebe und Grausamkeit zugleich widerspiegelt.

Musikalische Interpretation

Es lässt sich denken, dass diese Partitur von Richard Strauss besondere Anforderungen an das Orchester wie an die Solisten stellt. Die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Tomás Netopil interpretieren diese anspruchsvolle Aufgabe sicher und mit großer Verve. Der geräumige Orchestergraben des Aalto-Theaters erlaubt eine großzügige Streicherbesetzung (14-12-10-8-6), wobei Strauss eine 16er-Besetzung vorgesehen hatte, und vierfaches Holz. Besonders hervorzuheben sind hier die Klarinetten und die Soloflöte sowie die hervorragende Horngruppe. Die Dynamik ist stets so, dass alle Solisten gut über das Orchester kommen, was in anderen Aufführungen an anderen Häusern in dieser Spielzeit nicht immer der Fall war (vgl. hier link: Die Rezension der Salome der Deutschen Oper Berlin).

Netopil ist stets aufmerksam an den Sängern und nimmt, falls notwendig, das Orchester behutsam zurück, ohne dadurch an Dramatik oder Expression zu verlieren. Hauptgrund, diese Inszenierung der Salome zu besuchen, war für die Rezensentin die Besetzung der Salome mit der niederländischen Sopranistin Annemarie Kremer, die bereits in Hannover in der Titelrolle begeistert und überzeugt hat. Kremer passt sich unterschiedlichen Inszenierungen an, behält jedoch stets eine eigene sehr starke Färbung der Rolle, die neben ihren stimmlichen auch ihre großen darstellerischen Fähigkeiten unterstreicht.

In der Inszenierung von Mariame Clément entwickelt sie sich vom genervten verwöhnten Töchterchen zur femme fatale und schließlich zum berechnenden eiskalten Racheengel. Ihr Ausdruck an Stellen wie „Gib mir den Kopf des Jochanaan!” lässt den Zuhörer den Atem anhalten und die Temperatur im Raum gefühlt um drei Grad absinken.

Aalto-Theater Essen / Salome - hier : Salome bedroht Herodes © Martin Kaufhold

Aalto-Theater Essen / Salome – hier : Salome bedroht Herodes © Martin Kaufhold

Annemarie Kremer ist so in der Rolle und ihr dramatischer Sopran passt so gut zu Strauss’ Musik, dass es eine große Freude ist, sich von ihr in diese schwelgende rauschhafte Klangwelt entführen zu lassen. So wundert es nicht, dass Annemarie Kremer seit ihrem Salome-Debüt an der Wiener Staatsoper 2011 mit dieser Rolle an verschiedenen Theatern weltweit Erfolge feiert, u.a. in Sao Paulo, Moskau, Hong Kong und Neapel. Ihre Stimme ist leuchtend und von großer Strahlkraft in der Höhe, aber auch voll und mezzohafte warm bis hin zu den tiefen Tönen. Zusammen mit ihrem intensiven Spiel begeisterte sie in der letzten Vorstellung der Spielzeit noch einmal das Publikum.

In der Rolle ihrer Mutter Herodias besticht Marie-Helen Joel. Die in Aachen geborene Mezzosopranistin wechselte 2009 aus Bonn ans Aalto-Theater. Mit silbergrauer Frisur im Stile Marilyn Monroes und altrosa Abendkleid überzeugte sie schon optisch würdevoll als Königin. Ihr gut geführter Mezzo und ihre hohe Textverständlichkeit führten den Fokus immer wieder zu ihr, auch wenn sie von der Regie manchmal etwas fremdartig am Rand platziert wirkte.

Herodes wurde verkörpert von Jeffrey Dowd. Der in New York geborene Tenor ist seit 1994 Ensemblemitglied am Aalto-Theater und war dort bereits in großen Wagner- und Strausspartien zu erleben, u.a. als Parsifal, Lohengrin, Stolzing und Kaiser in Frau ohne Schatten. Mit großer Spielfreude verlieh er dem lüsternen Tetrarchen bisweilen komische Züge ohne jedoch lächerlich zu wirken.

Heiko Trinsinger gab den Jochanaan. Der Bariton wurde in Dresden geboren und war dort von 1979 bis 1987 Mitglied des Dresdner Kreuzchores. Nach Engagements in Hamburg, München, Bonn, Kassel, Wiesbaden, an der Wiener Volksoper u.v.m. ist er seit 1999 Ensemblemitglied des Aalto-Theaters, wo er in zahlreichen großen Rollen seines Fachs zu erleben war. Trinsinger verkörpert glaubhaft den Propheten, der die Prinzessin in ihrem unerhörten Ansinnen immer und immer wieder zurückweist. Seine Stimme erklingt aus dem Gefängnis in der Unterbühne oder aus den Rängen durchdringend und mahnend mit vollem warmem Bariton.

Auch die Nebenrollen sind durchweg gut besetzt. So wird diese Salome zu einem insgesamt äußerst erfreulichen Opernerlebnis, welches das begeisterte Publikum mit anhaltendem Beifall und stehenden Ovationen honoriert.

Salome am Aalto – Theater, Essen: weitere Vorstellungen 19.1.; 27.1.; 10.3.2019

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Salome von Richard Strauss, IOCO Kritik, 11.03.2018

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Salome von Richard Strauss

 Neuenfels´Abschied als Regisseur an der Staatsoper

Von Kerstin Schweiger

Bei dieser Salome an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (8.3.2018) roll(t)en Köpfe –  Regisseur Hans Neuenfels verabschiedet sich von Berlin und der Oper mit Richard StraussSalome in Stummfilmästhetik.

Hans Neuenfels © IOCO

Hans Neuenfels © IOCO

Hans Neuenfels ist Berlins Schauspiel- und Opernbühnen lange Jahrzehnte eng verbunden. In einem Interview mit der Berliner Zeitung hat er kürzlich seinen Rückzug als Opernregisseur angekündigt. Auf Salome folgt – so wird er dort zitiert – nur noch die lang geplante Inszenierung von Tschaikowskis Pique Dame im Sommer bei den Salzburger Festspielen. Im gleichen Interview sagte Neuenfels auch, er habe keine Sorge um das Fortbestehen der Kunstgattung. Dazu trägt Neuenfels mit seinen Inszenierungen selbst viel bei.

Thomas Guggeis, 24, dirigiert Salome – Premiere

Auch dieser Abschied macht laut deutlich, dass die Oper höchst lebendig ist. Schon im Vorfeld dieser Salome rollten Köpfe – hier zunächst im übertragenen Sinne. Für die musikalische Leitung war Zubin Mehta besetzt. Christoph von Dohnanyi sprang im Januar für den erkrankten Mehta in den Probenprozess ein und vor der Generalprobe wieder aus der Produktion heraus. Zwei Tage vor der Premiere verlautete aus der Staatsoper, von Dohnanyi habe wegen unüberbrückbarer künstlerischer Differenzen mit Regisseur Neuenfels die Produktion verlassen. Thomas Guggeis, 24 Jahre junger Assistent von Daniel Barenboim und für eine der geplanten Aufführungen bereits als Dirigent angekündigt, übernahm mit der Generalprobe die Stabführung und das Dirigat der Premiere. Und dies erfolgreich!

Handlung:  In einem privilegierten Umfeld, aufgewachsen, das keinerlei Mäßigung und Hemmungen kennt, ist die exzentrische Prinzessin Salome fasziniert von der Andersartigkeit des moralisch integren und asketisch lebenden Propheten Jochanaan, den ihre Mutter Herodias und ihr übergriffiger Stiefvater Herodes gefangen halten. Als Jochanaan Salomes von Liebeslust durchtränkte Annäherungsversuche brüsk zurückweist, entwickelt sie eine regelrechte Obsession und nutzt die Lüsternheit ihres Stiefvaters, um ihren Willen durchzusetzen: Salome nutzt es aus, dass Herodes ihr versprochen hat, ihr für den erotischen »Tanz der sieben Schleier« jeden Wunsch zu erfüllen, und verlangt nun als Gegenleistung Jochanaans Kopf auf einem Silbertablett. In rasendem Wahn küsst sie dessen leblose Lippen und erfüllt sich so ihr sinnliches Begehren – bis Herodes den Befehl gibt, Salome zu töten.

Staatsoper Unter den Linden / Salome hier - Ausrine Stundyte als Salome © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Salome hier – Ausrine Stundyte als Salome © Monika Rittershaus

Hintergrund:  Das 20. Jahrhundert nahm in seinen ersten Jahren bis zum Ende des Kaiserreichs in der Kunst einige kühne künstlerische Anläufe, die sich einem in Bürgerlichkeit eingerichtetem Musikgeschmack widersetzten und Neues probierten, jedoch an den desaströsen Prellböcken der beiden Weltkriege und der zwischen ihnen liegenden Greueltaten ausgebremst wurden. Einige kamen so zum künstlerischen Stillstand wie z.B. der von den Nationalsozialisten geschasste und früh verstorbene Franz Schreker oder Erich Wolfgang Korngold, der sich in die Emigration rettete und in Hollywood Filmmusiken schrieb. Andere, wie Gustav Mahler oder Richard Strauss, der sich opportun durch das sogenannte dritte Reich zu manövrieren verstand, sind ins zeitlos Gültige gelangt. Als Strauss Oscar Wildes Drama Salomé als Vorlage für seine Oper auswählte, bedeutete das für ihn den Durchbruch als Opernkomponist. Dabei öffnete er gleichzeitig für die jüngere Komponistengeneration ein „Tor zur Neuen Musik.“, wie es Edwin Akkordarbeiter beschreibt in „Strauss:Salome‘ – das Tor zur Neuen Musik, Capriccio Kulturforum, 23. Januar 2012.

Strauss erlebte 1902 in Max Reinhardts Berliner Kleinem Theater eine private Aufführung des von Hedwig Lachenmann aus der englischen Fassung ins Deutsche übertragenen Wilde-Dramas. Was den eher bürgerlichen Komponisten zu Wildes Skandalstück zog, war vielleicht Wildes besonderer Ansatz. Der Autor forderte in einem Essay die Rückkehr zu einer musikalischen, vom Verständnis des griechischen Dramas und Theaters geprägten Bühnensprache für das Schauspiel. Entsprechend trifft seine Sprache den musikalischen Gestaltungswillen von Richard Strauss, der nach Wildes provokanter Vorlage selbst das Libretto schrieb. Im Wortlaut weitgehend unverändert, nahm Strauß jedoch zahlreiche musikalisch-dramaturgisch bedingte Kürzungen und Umstellungen vor. Salome gilt deshalb als eine der ersten Literaturopern, die in größerem Umfang Formulierungen aus Werken des Sprechtheaters direkt übernehmen.

Seine Musik ist ein in Musik gegossenes Psychogramm von „hysterischen“ Persönlichkeiten, wie sie Sigmund Freud in seinen damals erstmals publizierten Schriften beschrieb. Strauss selbst äußerte gegenüber Franz Schreker: „Die auftretenden Figuren sind lauter perverse Leute, und, nach meinem Geschmack, der perverseste der ganzen Gesellschaft ist – der Jochanaan“. Dies sah der Hofzensor in Wien ähnlich und vereitelte wegen „die Sittlichkeit beleidigender “Handlung eine von Gustav Mahler an der Wiener Staatsoper geplante Doppelpremiere: „… abgesehen von mehr textuellen Bedenken kann ich über das Abstoßende des ganzen Sujets nicht hinaus und kann nur wiederholen: Die Darstellung von Vorgängen, die in das Gebiet der Sexualpathologie gehören, eignet sich nicht für unsere Hofbühne“, Dr. Emil Jettel von Ettenach, Hofzensor an Staatsopern-Direktor Gustav Mahler, 31. Oktober 1905

Staatsoper Unter den Linden / Salome - hier Thomas J. Mayer als Jochanaan © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Salome – hier Thomas J. Mayer als Jochanaan © Monika Rittershaus

Der Schlüssel für die moderne Oper im 20. Jahrhundert liegt also auch bei Oscar Wilde, ein Schriftsteller, der für seine scharfen und ironisch-kritischen wie auch liberalen Stoffe ebenso angegriffen wurde wie er für seinen anti-bürgerlichen, bohémienhaften Lebens- und Liebesstil demontiert wurde, sich im Gefängnis wiederfand und an den Haftfolgen starb. Wildes Salomé mit ihrem konsequenten Verhalten ist eine Schwester Wildes.

Musikalisch ist diese Produktion ein großer Genuss. Thomas Guggeis führt die Staatskapelle und das Solistenensemble sicher und packend durch die Strauss‘sche Klangfülle. Mit einer in Bestform musizierenden fast 100 Musiker starken Staatskapelle ließ Guggeis die Farbpalette der Musik voll aufblühen, den Solisten gab er dabei genügend Raum. Er führte besonnen und konzentriert voran und gab den einzelnen Instrumentengruppen im aufgeregten Klangbild transparente Präsenz.

Und Neuenfels? Kehrt nach Ariadne auf Naxos für eine zweite Strauss-Oper an die Staatsoper Unter den Linden zurück. Legendär ist sein so unterhaltsamer wie trotziger Aufbruch in die Opernwelt 1982 mit Verdis Macht des Schicksals an der Deutschen Oper Berlin. Publikum wie Opernregisseure hat er damit gleichermaßen wach gerüttelt und gezeigt, dass Oper kein Museum und ein hoch dosiertes Kulturmittel sein kann.

Bei dieser Salome jedoch nimmt sich Neuenfels in der szenischen Ausarbeitung zurück. So setzt er den orgiastischen Klangmassen Strauss‘ eine streng stilisierte Bühne gegenüber. Zusammen mit seinem langjährigen Arbeitspartner Reinhard von der Thannen (Bühnenbild) ruft er großartige Bilder auf. Der Raum: ein Kino- oder Casinosaal mit Gassenbühne in Schwarz-weiß-Film-Ästhetik auf nahezu leerer Bühne. Einzig störend dabei ist eine Art Rohrpostrakete oder Zeitkapsel, aufgeregte Stimmen sprechen von einem Riesen-Phallus, in der der Prophet Jochanaan gefangen gehalten wird. Erst über der Bühne schwebend, wird das schwere Versatzstück – einmal gelandet – aufwendig von Herodes Gefolgsleuten über die Bühne von Position zu Position geschoben.

Staatsoper Unter den Linden / Salome - hier Ausrine Stundyte als Salome, Thomas J. Mayer als Joachanaan, Christian Natter als Oscar Wilde © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Salome – hier Ausrine Stundyte als Salome, Thomas J. Mayer als Joachanaan, Christian Natter als Oscar Wilde © Monika Rittershaus

Osacr Wilde leitet die Protagonisten als stummer Kommentator

Neuenfels bietet szenisch einen UFA-Stummfilm mit Musik an. Dies stellt die unvereinbaren Positionen der Protagonisten ganz besonders heraus. Statt Nosferatu tritt – „Wilde is coming“ – der Dichter selbst aus dem Leinwand-Schatten und leitet seine Figuren durch das Stück (Christian Natter – Foto oben –  ist als stummer Kommentator sehr präsent). Seine Aufmerksamkeit gilt Salome. Mit ihr tanzt er SalomesTanz der sieben Schleier“ als morbiden Pas de Deux. Salome ist da schon längst – erst im Prinzessinnenkleid mit Mondsicheldiadem – im einteiligen Damensmoking zu einer dandyhaften Oscar Wilde Doublette transformiert. Neuenfels spielt mit Oscar Wildes Geschlechterdiversität: Jochanaan erscheint mit freiem Oberkörper im langem Rock. Das Herrscherpaar Herodes und Herodias eisgrau und eisblond in Abendtoilette bricht wie ein Revuefilm in die Kinoästhetik des nachtschwarzen Ringens Salomes, Wildes und Jochanaans ein. In den religösen Disput geht das Judenquintett wie überzeichnete Comedian Harmonists im Frack.

„Plötzlich Prinzessin?“, möchte man Ausrine Stundyte zurufen. Die litauische Sopranistin in der Titelrolle gibt mit Salome ihr Rollendebüt. Sie ist darstellerisch unglaublich intensiv. Stundyte beherrscht die Szene mit Blick und Gestik einer Stummfilmdiva. Guggeis unterstützt das und lässt die Staatskapelle stellenweise filmschnittartig akzentuiert kommentieren. Ihr dunkel gefärbter Sopran erreicht mühelos die Höhen der Partie. In der Tiefe gleitet sie dagegen ohne geschmeidigen Übergang mehrfach in einen expressiven Sprechgesang. Äußerst respektabel meistert sie die Rolle als Rollendebütantin allemal, vom Publikum zu recht mit hoher Zustimmung gewürdigt. Die Sängerin ist Berlin derzeit eng verbunden, im Januar sang sie mit großem Erfolg an der Komischen Oper die Rolle der Carlotta in Franz Schrekers Die Gezeichneten.

Marina Prudenskaya als kühle dominante platinblonde Herodias solidarisiert sich mit ihrer starken konsequenten Tochter, mit einem schwachen Herrscher an ihrer Seite spürt sie den nahenden Zeiten- und Machtwechsel, der sich mit dem Propheten Jochanaan ankündigt. Stimmlich ist sie eine geschmeidige junge Herodias mit klaren kraftvollen und scharf akzentuierten Tönen. Komödiantisch gelingt ihr Schuhwurf gegen Jochanaan.

Gerhard Siegel ist stimmlich und darstellerisch ein überragender und erprobter Herodes. Den überschwänglichen Redefluss, der seine Ängste über einen drohenden Machtverlust überdecken soll, beherrscht er devot-aufbegehrend, ängstlich und auftrumpfend stimmdifferenziert aus dem Effeff. Wenn er Salome mit einer aufgeschnittenen Frucht zum Feiern bewegen will, ist das fast kabarettreif. Thomas J. Mayers präsenter Jochanaan mit einem eindringlich kraftvollen, recht hohen Bariton macht neugierig. Nikolai Schukoff ist ein wacher Narraboth mit einem geschmeidigem hellen Tenor.

Worauf will Neuenfels also hinaus? Die Kino-Methaper scheint schlüssig. Royale Liebesverhältnisse sind per se schon schwierig. In der prekären Familienkonstellation einer durch Missbrauch und Mord zusammengewürfelten Patchwork-Herrscherfamilie geht es um Macht und Besitzstandswahrung. In die Prinzessinnenrolle gezwungen testet ein Teenager auf der Suche nach Liebe und Anerkennung Grenzen aus. Wie einen Filmplot erzählt Neuenfels das persönliche Drama auf einer zweiten Ebene vor dem Hintergrund der Zeitenwende des aufkommenden Christentums. Ein Clash der Gesellschaftsformen, der in der Katastrophe enden muss. So lässt Neuenfels vor Salome in ihrer Maßlosigkeit am Ende auch nicht nur den einen Kopf des Jochanaan bringen sondern eine ganz Palette, ein Schlachtfeld Geköpfter, ausbreiten. Ein Kopf zerbricht, Salome steht vor dem Scherbenhaufen unerwiderter Liebe, bevor sie von Herodes Soldaten umgebracht wird.

Staatsoper Unter den Linden / Salome - hier Thomas J. Mayer als Jochanaan, Gerhard Siegel als Herodes, Marina Prudenskaya als Herodias © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Salome – hier Thomas J. Mayer als Jochanaan, Gerhard Siegel als Herodes, Marina Prudenskaya als Herodias © Monika Rittershaus

Salome mutiert zur expressionistischen Femme fatale

In einer dritten Ebene wird auch das ganz persönliche Drama Oscar Wildes mitverhandelt. Salome ist seine Projektionsfläche. Wilde schrieb „Salomé“ auf Französisch, weil er diese Sprache für geeignet hielt, seine formalen, musikalischen an der Theaterform der griech. Antike orientierte Darstellung (Chor) ausdrücken zu können. Über die vielen Übersetzungen des Stückes ins Englische, später ins Deutsche, veränderte sich auch der Charakter der Titelfigur. Aus der tragischen antiken Figur, die im religiös geprägten Zwiespalt der Zeit konsequent ihren Lebensanspruch durchsetzt, wurde eine expressionistische Femme fatale. Dabei geriet der Anspruch einer selbstbestimmten konsequenten und ihren Lebenszielen folgenden Prinzessin in der Opernfassung aus dem Fokus. Neuenfels rückt die Aufführungsgeschichte zurecht und zeigt Salomes letzte Stunden als gerafften Lebenslauf einer Konsequenten. Sie spiegeln einen jungen Menschen in Rebellion, Grenzen austestend, auf der Suche nach Liebe und Gegenliebe um jeden Preis als „One way Ticket zum Schaffott“. Eine Prinzessin im praktischen Jahr, die grandios scheitert. Salome ist dabei ihrem Schöpfer Oscar Wilde in Liebe, Rebellion und Konsequenz aufs Engste verbunden, unbeirrbar auf ihrem eingeschlagenen Weg, und in der Konsequenz am Ende wie er selbst zu Tode gekommen – Wilde starb an den Folgen der Haft, verurteilt für seine damals unter Strafe stehende öffentlich gemachte Homosexualität.

Die bei der Premiere kontrovers aufgenommene Produktion trifft bereits in der zweiten Aufführung auf einhellige, lang anhaltende Zustimmung im Applaus. Sie spiegelt ziemlich genau die zeitlose Gültigkeit von Musiktheater auf Neuenfels‘ lange angelegten Fährten. Das Publikum reagiert, kommentiert, ist in Bewegung. Die Oper ist lebendig, nicht zuletzt dank Regisseuren wie Hans Neuenfels.

Salome an der Staatsoper Unter den Linden:   Weitere Vorstellungen 10., 14. 17. März 2018; jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

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