Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Le nozze di Figaro – in dänischem Bettenlager, IOCO Kritik, 19.12.2019

Dezember 19, 2019 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Le nozze di Figaro – Wolfgang Amadeus Mozart

– Hochzeitswirrwarr im Dänischen Bettenlager –

von  Peter Schlang

Am 1. Dezember 2019 feierte an der Stuttgarter Staatoper Wolfgang Amadeus Mozarts erste Da-Ponte-Oper Le nozze di Figaro Premiere. Da IOCO zur Premiere verhindert war, liegen Einordnung und Bewertung dieser Neuproduktion die Eindrücke von der zweiten Vorstellung am 6. Dezember zu Grunde. Im musikalischen Bereich sind diese Beobachtungen bzw. Hör-Erfahrungen ausnahmslos eindrucksvoll und äußerst erfreulich. Für die Regie Christiane Pohles, die nach mehreren Regiearbeiten für das benachbarte Schauspielhaus erstmals für die Stuttgarter Oper tätig war, fällt das Urteil deutlich kritischer, bestenfalls indifferent aus.

Le nozze di Figaro – Wolfgang Amadeus Mozart
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Ausgangspunkt von Pohles Regie-Konzept ist die einleitende Vermessung des Ehebetts durch Susanna und ihren Auserwählten, den wie sie im Dienste des Grafen Almaviva stehenden Figaro. Dieses Maßnehmen an der künftigen gemeinsamen Schlafstatt wird bei Pohle und ihrer Bühnenbildnerin Natascha von Steiger (dazu Kostümbildnerin  Sara Kittelmann) nicht nur zur ausschweifenden Bettenwahl, die dazu auf der Bühne aufgefahrene Bettenkollektion eines Möbelhauses wie IKEA oder seiner Mitbewerber liefert auch das mehr oder wenige einheitliche Szenarium für alle folgenden Akte und Szenen. Dem im Programmbuch abgedruckten Interview mit der Regisseurin zufolge wollen sie und ihr Regieteam damit auf das Phänomen uniformer, quasi in Serie gefertigter Lebensentwürfe hinweisen, das „oft schon mit der Einrichtung normierter Wohneinheiten mit austauschbarer Massenware seinen Anfang nimmt“. Dabei erlägen Paare aber der Täuschung, sie wählten für ihre gemeinsame Zukunft eine ganz individuelle, private und originelle Fassung eines glücklichen Lebens, ohne zu bemerken, dass heutzutage das persönliche Glück vorproduziert und von rein kommerziellen Interessen geprägt würde.

Damit geht für die Regie das Fehlen fester, stabiler Identitäten einher, die sie durch multiple Interpretationen des je eigenen Ichs ersetzt sieht. Auf Mozarts Figaro übertragen bedeutet dies, dass jener durchaus auch Charaktermerkmale seines Herrn Almaviva  oder dessen Gemahlin Züge ihrer Zofe trägt, dass also in jedem der Protagonisten auch Fremdes, nur zur Schau Gestelltes prägend ist. Allerdings sind die so mehrfach geprägten Figuren davon überzeugt, dass alles die  je eigenen, individuellen Charakterzüge seien. Mag diese Idee anfangs noch halbwegs verfangen, führt sie auf die Dauer zu einer Verflachung und Angleichung der Charaktere und damit verbunden zu zahlreichen Wiederholungen und einer ziemlichen Langeweile. Diese wird auch dadurch befördert, dass sich die (eher wenigen) guten Regieeinfälle bald erschöpft haben und die Führung und individuelle Gestaltung der Personen höchstens zu erahnen ist, so dass sich die Sängerinnen und Sänger über weite Strecken selbst überlassen bleiben und ziemlich verloren herumsitzen, -liegen oder –stehen. Insgesamt bleibt der dringende Verdacht, dass die Regie die Stärke und Tragkraft von da Pontes Libretto wie von Mozarts Musik deutlich unterschätzt und beiden Vorlagen nicht genügend zutraut – genauso wenig wie der Phantasie des Publikums.

 Staatsoper Stuttgart / Le nozze di Figaro - hier :  Esther Dierkes als Susanna, Sarah-Jane Brandon als Gräfin Almaviva, Diana Haller als Cherubino © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Le nozze di Figaro – hier : Esther Dierkes als Susanna, Sarah-Jane Brandon als Gräfin Almaviva, Diana Haller als Cherubino © Martin Sigmund

Glücklicherweise bleiben diese Schwächen der Inszenierung in dieser dritten von insgesamt  zehn in dieser Spielzeit geplanten Aufführungen ohne Einfluss auf die durchweg famosen musikalischen Leistungen. Dabei sind an diesem Abend insgesamt drei fabelhafte Kollektive zu bestaunen, denn neben dem von Bernhard Moncado erneut bestens disponierten Staatsopernchor und dem unter der Leitung des neuen Grazer Generalmusikdirektors Roland Kluttig mozartisch-frisch agierenden Staatsorchester entpuppt sich das fast ausnahmslos aus hauseigenen Kräften gebildete Solistenensemble als dritte, äußerst homogene und in guter Abstimmung agierende Solidargemeinschaft dieser Neu-Produktion.  Es fällt dem schreibenden Zuhörer und Beobachter schwer, darin eine klare Siegerin oder einen Vormann zu benennen, denn stimmlich agieren alle Beteiligten auf allerhöchstem Niveau und belegen erneut die schlüssige Zusammenstellung und großartige sängerische Entwicklung des Stuttgarter Solist*innen-Ensembles.

Esther Dierkes als Susanna besticht nicht nur mit ihrem, so man sie denn lässt, äußerst lebendigem und komödiantischem Spiel, sondern auch durch ihre in allen Lagen sichere, wohl geführte Stimme. Gleiches gilt für den Cherubino Diana Hallers, die dessen Hingezogensein zum (scheinbar) anderen Geschlecht jederzeit durch ausschweifendes, Empathie geladenes Spiel und eine wunderbar geführte, der Jugendlichkeit der Rolle bestechend Ausdruck verleihende Stimme deutlich macht.

Die noch dem Internationalen Opernstudio der Stuttgarter Staatsoper angehörende Claudia Muschio weckt genauso höchste Erwartungen auf die Zukunft, wie sie von etlichen anderen, aus dieser Stuttgarter Kaderschmiede hervorgegangenen Ensemblemitgliedern in dieser Oper aufs Wunderbarste erfüllt wurden.

 Staatsoper Stuttgart / Le nozze di Figaro - hier :  Michael Nagl als Figaro, Esther Dierkes als Susanna © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Le nozze di Figaro – hier : Michael Nagl als Figaro, Esther Dierkes als Susanna © Martin Sigmund

Das gilt neben den bereits erwähnten Esther Dierkes und Diana Haller bei den Männern für  Michael Nagl, der mit seinem klangschönen Bass seinem Figaro große Souveränität und stimmliche Opulenz verleiht, allerdings zu den Figuren gehört, die darstellerisch unter der Knute der Regie am meisten zu leiden haben.

In gewissem Maße gilt dies auch für Johannes Kammler  als Graf Almavia, der nach seinem Pantalone in der Neuproduktion von Prokofjews Liebe zu drei Orangen und weiteren Rollen im Repertoire stimmlich erneut unter Beweis stellt, welch hochkarätigen Zuwachs das Ensemble der Stuttgarter Oper durch ihn erhalten hat.

Als einzig von außen für diese Produktion  und deren ersten Zyklus im Dezember 2019 ans Haus gekommene Sängerin gibt Sarah-Jane Brandon eine junge, eher leidend-zarte Gräfin, der man abnimmt, wie sehr sie unter ihrer Ehe mit Almaviva und dessen Liebesentzug leidet. Ihre Arien, aber auch Auftritte in den Ensembleszenen gestaltet sie tonschön, ohne Druck und in der Höhe wunderbar klar.

Diese und andere der hier verwendeten Sänger*innen-Attribute kann man auch den Darstellerinnen und Darstellern der zahlreichen Nebenrollen zuschreiben, vor allem der famosen Helene Schneiderman als Marcellina, Friedemann Röhlig als Bartolo und Heinz Görig als Basilio, aber auch Christopher Sokolowski als Don Curzio, dem Antonio Matthew Anchels und den zwei Mädchen von Elisabeth von Stritzky und Teresa Smolnik.

Wie bereits angedeutet, überzeugt das Staatsorchester  unter Roland Kluttigs schlüssig-durchdachtem Dirigat  mit einer sehr mozart-affinen Lesart der Partitur, in der straffe Tempi und ein trocken-kerniger Klang die Nähe zur historisch-informierten Aufführungspraxis erkennen lassen. Dazu passend lässt das Orchester aber auch viel filigran-Durchscheinendes hörbar werden, wie es überhaupt um große Transparenz und eine vorbildliche Dynamik bemüht ist. Dies kommt ganz besonders auch jenen Stellen der Partitur zu Gute,  die auf die thematische Verwirrung der Handlung hinweisen und dem Auslegen falscher Fährten dienen.

Musikalisch ist dieser neue Stuttgarter Figaro auf jeden Fall eine Offenbarung, was man vom Regiekonzept  höchstens eingeschränkt behaupten kann.

Figaros Hochzeit an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen 21. Dezember und in einer zweiten Aufführungsserie in teilweise neuer Besetzung am 07., 13., 17. und 28. März sowie am 14. April 2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, PREMIERE Le nozze di Figaro, 01.12.2019

November 6, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

 Le nozze di Figaro –  Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere 1.12.2010; Weitere Vorstellungen 01. / 03. / 08. / 10. November 2019,  15. / 21. / 26. März 2020,  18. April 2020

Von der Normierung des Glücks
Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 Premiere im Stuttgarter Opernhaus
Roland Kluttig dirigiert; Christiane Pohle inszeniert in einem Bühnenbild von Natascha von Steiger

Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 um 18 Uhr Premiere an der Staatsoper Stuttgart. Christiane Pohle führt Regie und gibt damit nach mehreren Arbeiten am Schauspiel Stuttgart ihr Hausdebüt an der Staatsoper Stuttgart. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Roland Kluttig, dem künftigen Chefdirigenten der Oper Graz.

Le nozze di Figaro ist die immer gültige Erzählung vom Versuch, die Liebe und das Begehren handhabbar zu machen. Die Vermessung des ehelichen Bettes, die Hochzeitsvorbereitungen von Figaro und Susanna und ihr Wunsch, sich ein eigenes Heim für die Rahmung des partnerschaftlichen Glücks zu schaffen, stehen am Anfang von Mozarts Opera buffa und sind zugleich Ausgangspunkt des Regiekonzepts von Christiane Pohle und ihrem künstlerischen Team: „Wir gehen dem Phänomen der seriell produzierten, stereotypen Lebensentwürfe auf den Grund. Es nimmt oft schon bei der Einrichtung normierter Wohneinheiten mit austauschbarer Massenware seinen Anfang“, so Christiane Pohle. „Die Menschen stellen sich eine möglichst individuelle Einrichtung zusammen, eine mit dem ,persönlichen Zuschnitt‘, in der das Glück jetzt stattfinden soll. Dabei wird man den Verdacht nicht los, dass genau dieses Bett, dieses Zimmer, schon millionenfach bewohnt wurde. Das persönliche Glück ist vorproduziert und im Interesse des Kapitalismus zu haben.“

Nahezu alle Partien sind mit Solistinnen und Solisten aus dem Stuttgarter Sängerensemble besetzt. Viele von ihnen werden in dieser Neuproduktion ihre Rollendebüts geben: Michael Nagl in der Titelparte, Esther Dierkes als Susanna und Johannes Kammler als Graf Almaviva. Erstmals zu Gast an der Staatsoper Stuttgart ist Sarah-Jane Brandon als Gräfin. Diana Haller singt Cherubino. In weiteren Rollen sind u. a. Ks. Helene Schneiderman (Marcellina) und Ks. Heinz Göhrig (Basilio) zu erleben. „Diese Produktion ist ein Bekenntnis zum Solistenensemble unseres Hauses“, so Intendant Viktor Schoner. „Wir wollen unser Stuttgarter Mozart-Ensemble kontinuierlich pflegen. Für viele unserer jungen Sängerinnen und Sänger bietet Mozarts Le nozze di Figaro ideale Voraussetzungen, sich stimmlich und szenisch weiterzuentwickeln.“

Musikalische Leitung Roland Kluttig / Markus Poschner **, Regie Christiane Pohle
Bühne Natascha von Steiger, Kostüme Sara Kittelmann, Video Anna-Sophie Lugmeier
Licht Reinhard Traub
Chor Bernhard Moncado
Dramaturgie Ingo Gerlach
Graf Almaviva Johannes Kammler / Jarrett Ott**
Gräfin Almaviva Sarah-Jane Brandon / Olga Busuioc**
Susanna Esther Dierkes / Josefin Feiler**
Figaro Michael Nagl / Andrew Bogard**
Cherubino Diana Haller / Ida Ränzlöv**
Marcellina Helene Schneiderman / Maria Theresa Ullrich**
Basilio Heinz Göhrig
Don Curzio Christopher Sokolowski*
Bartolo Friedemann Röhlig
Antonio Matthew Anchel
Barbarina Claudia Muschio*
* Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart
** Vorstellungen März/April 2020

Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart

Begleitveranstaltungen

Einführungsmatinee
Sonntag, 24. November 2019, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Einführungen
Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

Öffentliche Probe
Samstag, 16. November 2019, 9.45 Uhr bis 11.30 Uhr. Kostenlose Platzkarten sind ab sofort im Theatershop erhältlich.

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 22.03.2019

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze

– Träume und Visionen – Wirkmächtiger als reales Handeln ? –

von Peter Schlang

Am 17. März 2019 hob sich in der Stuttgarter Staatsoper der Vorhang für die fünfte Neuproduktion der ersten Spielzeit des neuen Leitungs-Duos Viktor Schoner und Cornelius Meister. Zu sehen war – und ist in weiteren Vorstellungen noch bis 4. Mai – als Stuttgarter Erstaufführung Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg, in dessen revidierter Fassung von 1991. Gleichzeitig wurde damit das erste Frühjahrsfestival der Stuttgarter Staatsoper eröffnet, das noch bis zum 15. April 2019 dauert und unter dem Motto „wirklich wirklich“ steht. Das Haus am Eckensee widmet sich dabei den Phänomenen von Wirklichkeitskonstruktionen und Realitätsverschiebungen sowie dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Wie im Weiteren zu zeigen sein wird, war Henzes Prinz von Homburg mit seinem verschiedenen (Traum-)Welten verhafteten Protagonisten der perfekte Auftakt für diese musikalische Versuchsanordnung, die am 13. April von einem „Wirklichkeitskongress“  theoretisch unterfüttert werden wird.

Der Prinz von Homburg  –  Hans Werner Henze
youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart – Cornelius Meister und Probeneinblicke II
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Das Libretto zu Henzes Musik wurde 1958/59 von Ingeborg Bachmann geschrieben, die sich dazu zwar des gleichnamigen Schauspiels Heinrich von Kleists bediente, die berühmte Vorlage aber einer behutsamen bis deutlichen Bearbeitung unterzog. Diese umfasste nicht nur Kürzungen, eine Zusammenfassung von Details und die Hinzufügung weiteren, vor allem weiblichen Personals, sondern zeichnet sich auch durch die für Ingeborg Bachmann typische, sehr poetische Sprache aus. Diese bildet nicht nur eine ideale Ausgangsbasis für Henzes Musik, sondern ist dieser eine kongeniale wie hilfreiche Partnerin und Begleiterin.

Der aus Stuttgart stammende und durch mehrere Inszenierungen am hiesigen Schauspielhaus bestens eingeführte Regisseur Stephan Kimmig arbeitete mit dieser Henze-Oper erstmals für die Stuttgarter Staatsoper. Er legt von Anfang an Wert auf eine möglichst enge Heranführung des Traums an die Wirklichkeit, ja vermischt, wo es nötig und angebracht ist, sogar die beiden Sphären. Andererseits macht er aber durch zahlreiche Details und eine klare Personenzeichnung auch  deutlich, wo sich Traum und Realität ausschließen und entsprechende Handlungen ihre Grenzen haben. Dazu bedient er sich klarer, zum Teil sehr drastischer theatralischer Elemente und gibt seiner Personenführung etwas betont Statuarisches, ja manchmal zu Artifizielles, das den Betrachter immer wieder an die Personenregie in Inszenierungen Robert Wilsons denken lässt.

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg - hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Boecker als Prinzessin von Oranien © Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg – hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Boecker als Prinzessin von Oranien © Wolf Silveri

Katja Haß hat ihm dafür einen weißen Einheitsraum gebaut, der Anklänge an einen Laborraum aufweist, aber auch an eine in die Jahre gekommene Turnhalle erinnert und etwas Hermetisches verkörpert. Darin und an den an den Wänden angebrachten Ballett- oder Turnstangen absolvieren nicht wenige der Protagonisten ihre sie auf die bevorstehenden Kämpfe vorbereitenden Fitness-Übungen. Seine Schäbigkeit – die Farbe blättert ab, Rostspuren „zieren“ die Wände – mag auf die Zustände des historischen Fürstentums Brandenburg wie auf jene aktueller Systeme und Strukturen schließen lassen, ohne klar Position für die eine oder andere Wirklichkeit zu beziehen.

Dazu passen die von Anja Rabes geschaffenen Alltagskostüme, die irgendwo zwischen früher Nachkriegszeit und zeitgeistigem Retro- wie Freizeitlook anzusiedeln sind. Sie zeugen von überraschendem Wechsel, von einer Haltung des Noch-nicht- Bereitseins und auch davon, dass ihre Träger noch ganz andere Schlachten schlagen müssen als die auf dem Feld. Darauf mag auch der übermäßig häufige Einsatz von Unterwäsche bei Obrigkeit und Soldaten hinweisen. Er ist stellenweise sinnenhaft und wohl auch ironisch gemeint, ermüdet aber im Lauf der Zeit genauso wie die immer wieder über die Wände zuckenden Lichtreflexe oder die auf den Zwischenvorhang projizierten Video-Doppelungen. (Videos: Rebecca Riedel, Lichtregie: Reinhard Traub) Beides soll wohl die Traumseite unterstreichen, doch sind die in Handlung und Musik vorhandenen Hinweise darauf so klar und deutlich, dass diese optischen Verstärker eher eine mentale Unterforderung der Zuschauer bewirken. Dies alles sind aber eher Luxus- oder Randprobleme, die Kimmigs Regie nichts von ihrer großen Dichte und dramaturgischen Stringenz rauben.

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg - hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Erster, Zweiter, Dritter Offizier © Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart / Der Prinz von Homburg – hier : Robin Adams als Prinz von Homburg und Erster, Zweiter, Dritter Offizier © Wolf Silveri

Auch musikalisch bewegt sich die Stuttgarter Erstaufführung von Henzes wichtigem Werk der klassischen Moderne auf allerhöchstem Niveau. Dafür sorgt an erster Stelle Cornelius Meister, der nach Wagners Lohengrin zum Spielzeitbeginn mit dem Prinz von Homburg seine zweite Stuttgarter Premiere dirigierte und auch schon bei mehreren Repertoirevorstellungen und Sinfoniekonzerten seine überaus großen Kompetenzen als Musikgestalter und Leiter musikalischer Kollektive unter Beweis stellte. An diesem Abend ist er auch  der komplex-polyphonen Musik Henzes mit ihren so vielschichtigen epochalen, stilistischen und musik-ästhetischen Anspielungen ein leidenschaftlicher wie verlässlicher Sachwalter und steuert das unter seiner Leitung immer souveräner und mitreißender agierende Staatsorchester so hochkonzentriert wie gefühlsbetont durch die verflixt anspruchsvolle Partitur. Henzes höchst klangsinnliche Musik hat den nötigen Raum zu wirken und aufzublühen, gerade auch an den Vor- und Zwischenspielen, die bei geschlossenem Bühnenbild wie filmische Schnitte wirken und eine ganz eigene erzählende wie kommentierende Funktion besitzen.

Bei aller Hingabe an sein Orchester mangelt es Meister nicht an jenem sorgfältigen Blick auf und für die Sängerinnen und Sänger – dazu dirigiert er aus leicht erhöhter Position – die diesen eine sichere und  rollengerechte Bewältigung ihrer ja ebenfalls  höchst diffizilen Partien ermöglichen. Und so ist das Staatsorchester bis auf ganz wenige Stellen, an denen es vielleicht ein bisschen zu engagiert und damit zu laut tönt, ein wunderbarer und verlässlicher Begleiter und Unter- und Hintergrund-Geber.

Aus der vokalen Solistenriege jemanden hervorzuheben, ist nur wegen der Größe und des Schwierigkeitsgrads der Hauptrollen gerechtfertigt. Die fünf Sängerinnen und neun Sänger bilden nämlich ein Protagonistenteam, das den Abend ohne jegliche Trübung und Einschränkung bereichert und um welches die Stuttgarter Oper von nicht wenigen Opernhäusern und deren Publikum beneidet werden dürfte. Diese Leistung wirkt umso eindrucksvoller, wenn man berücksichtigt, dass die Sänger häufig musikalisch „nahezu nackt“ auftreten, also nur von wenigen Instrumenten „begleitet“ werden, die zudem wie spätestens seit Wagner üblich eine völlig andere, eigene Melodie zu spielen haben.

Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze
youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart – Stephan Kimmig und Probeneinblicke I
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Von höchster stimmlicher wie darstellerischer Präsenz und Leidenschaft gestalten Vera-Lotte Böcker die Rolle der Prinzessin Natalie von Oranien und Robin Adams jene des Prinzen von Homburg, dabei wunderbar zwischen den verschiedenen Stimmungen wie Stimmlagen changierend und sehr glaubhaft ihren Emotionen Ausdruck verleihend. Diese inneren Zustände nach außen zu transportieren gelingt aber auch allen anderen Darstellerinnen und Darstellern, vor allem der wundervoll sich zurücknehmenden und fast devot wirkenden Helene Schneiderman als Kurfürstin. Stefan Margita singt deren Gemahl, den Kurfürsten von Brandenburg, mit tief gründendem, Respekt einflößendem und Distanz ausdrückendem Tenor, der aber auch Zerbrechlichkeit und eine gewisse Überforderung im Amt erkennen lässt.

Ein fabelhaftes Rollendebüt gelingt Moritz Kallenberg als Graf Hohenzollern, der nicht nur in der Interaktion mit seinem Freund und Vertrauten Friedrich Artur von Homburg seine große Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Mit geschmeidiger, flexibel geführter und in allen dynamischen Abstufungen bewegend eingesetzter Stimme macht er zu jeder Zeit vergessen, dass  er erst bzw. noch Mitglied des Opernstudios der Stuttgarter Oper ist und erst zur kommenden Spielzeit in das „große“ Opernensemble übernommen wird.

Weiteren großen Anteil an der überragenden  gesanglichen Ausstrahlung dieses Opernabends haben die Sängerinnen der drei Hofdamen Catriona Smith, Anna Wehrle und Stine Marie Fischer, die aber ebenso darstellerisch Großes leisten – auch wenn sie nicht stimmlich im Einsatz sind – wie ihre Kollegen Michael Ebbecke als Feldmarschall Dörfling, Friedemann Röhlig als Obrist Kottwitz und Johannes Kammler als Wachtmeister. Gleiches gilt ohne jede Einschränkung für Mingjie Lei, Pawel Konik und Michael Nagl als die drei Offiziere.

Im Schlussbild präsentieren sich alle auf der Bühne Mitwirkenden mit einer Mischung aus Fan-Schal und Demo-Transparent, auf denen für die Gesellschaft und deren Zukunft  wichtige Werte und Einstellungen zu lesen sind. Dies mag etwas plakativ wirken, erscheint aber angesichts der populistischen, ja  rechtsextremen Tendenzen in vielen Ländern Europas als ein zulässiges, ja notwendiges Instrument, um Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit und die dortige Willensbildung zu nehmen. Und auch Träume müssen ja befeuert und  ins Bewusstsein gerufen werden….

Am Ende gab es vom ausverkauften Haus begeisterten, ja für eine zeitgenössische Oper frenetischen Beifall, der alle Beteiligten einschloss und an keiner Stelle durch eine noch so kleine Missfallenskundgebung getrübt wurde.

Der Prinz von Homburg an der Staatsoper Stuttgart, weitere  Vorstellungen am 20., 22. 29. März, 6. April, 4. Mai 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Der Prinz von Homburg – Hans Werner Henze, 17.03.2019

Februar 19, 2019 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Der Prinz von Homburg  –  Oper von Hans Werner Henze

 Nach Heinrich von Kleist, für Musik eingerichtet von Ingeborg Bachmann

Sonntag, 17. März 2019, 18 Uhr, Weitere Vorstellungen : 20. / 22. / 29. März 2019, 06. April 2019, 04. Mai 2019

Wovon träumst Du?
Cornelius Meister dirigiert Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg in der Regie von Stephan Kimmig zum Auftakt des Frühjahrsfestivals an der Staatsoper Stuttgart

Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg feiert am Sonntag, 17. März 2019, um 18 Uhr Premiere im Stuttgarter Opernhaus. Mit der Stuttgarter Erstaufführung dieses Werks knüpft die Staatsoper Stuttgart an die große Henze-Tradition des Hauses an. Die Oper Der Prinz von Homburg basiert auf Heinrich von Kleists Drama über den Konflikt des träumenden Menschen mit der auf Gehorsam zielenden staatlichen Ordnung. Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert Henzes revidierte Fassung aus dem Jahr 1991. Der aus Stuttgart stammende Regisseur Stephan Kimmig, derzeit Hausregisseur am Deutschen Theater in Berlin, wird nach zahlreichen Arbeiten im benachbarten Schauspielhaus bei dieser Premiere zum ersten Mal an der Staatsoper Stuttgart inszenieren.

Prinz von Homburg – Hans Werner Henze
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In ihrer Interpretation von Kleists Drama entwarfen Hans Werner Henze und seine Librettistin Ingeborg Bachmann 1958/59 die Idealversion einer offenen und sich reflektierenden Gesellschaft, die für den Regisseur nichts an Dringlichkeit eingebüßt hat: „Ingeborg Bachmanns Libretto ist der Traum eines Gegenentwurfs zur verknöcherten Realität: der Traum von einem freigeistigen Brandenburg, in dem Gerechtigkeit lebbar wird und wo Freimut kein Wagnis mehr ist, einem Brandenburg, in dem der Staat Zweifel und Widerstand seiner Macht gegenüber nicht nur duldet, sondern legitimiert, ja, sich wünscht.“

In der Titelpartie debütiert Robin Adams. Der britische Bariton ist regelmäßiger Gast an den Opernhäusern in Buenos Aires, Barcelona, Basel, Leipzig, Frankfurt und dem Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel. 2011 debütierte er an der Mailänder Scala bei der Uraufführung von Luca Francesconis Zweipersonenstück Quartett nach Heiner Müller. Vera-Lotte Böcker singt Prinzessin Natalie von Oranien und gibt damit ihr Rollen- und Hausdebüt in Stuttgart. Ks. Helene Schneiderman, die seit mehr als 30 Jahren dem Stuttgarter Solistenensemble angehört, singt die Kurfürstin.

Die Premiere von Hans Werner Henzes Der Prinz von Homburg ist der Auftakt zum ersten Frühjahrsfestival der Staatsoper Stuttgart vom 17. März bis zum 15. April 2019 unter dem Motto „wirklich wirklich“: Eine Reihe von Gesprächsveranstaltungen, Sinfonie-, Kammer- und Liedkonzerten, eine Lange Nacht der Minimal Music, ein Wirklichkeits-Kongress sowie zahlreiche Repertoire-Vorstellungen widmen sich in diesem Zeitraum den Phänomenen von Wirklichkeitskonstruktionen und Realitätsverschiebungen sowie dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Weitere Höhepunkte des Festivals markieren nach Der Prinz von Homburg auch die Premieren von John Adams‘ Oper Nixon in China in der Regie von Marco Štorman (Premiere am Sonntag, 7. April 2019) sowie Vorstellungen der jüngsten JOiN-Produktion Antigone-Tribunal (Uraufführung am 9. März 2019, Vorstellungen bis 31. März 2019).

—| Pressemeldung Oper Stuttgart |—

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