Ein Freund, ein guter Freund – Robert Gilbert, IOCO Buchrezension, 16.04.2020

April 17, 2020 by  
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Ein Freund, ein guter Freund - Robert Gilbert © Ch. Links Verlag

Ein Freund, ein guter Freund – Robert Gilbert © Ch. Links Verlag

„Ein Freund, ein guter Freund – Robert Gilbert“

eine Biographie von Christian Walther – Ch. Links Verlag
978-3-96289-056-8 (ISBN)

von Kerstin Schweiger

Ein Wortartist zwischen Agitprop und Operette: Elegant spannte der Textdichter, Autor und Librettist Robert Gilbert das Seil zwischen den Buchstaben A und Z. Der 1899 in Berlin geborene Autor schrieb die Texte für Weltschlager wie „Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln geh‘n“, „Das gibt‘s nur einmal“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“. Aus seiner Feder flossen Operettenlibretti, Filmsongtexte und Drehbücher, Lyrik, Romanthriller, Kabaretttexte, aber auch politische Lieder und Gedichte, von Ernst Busch vorgetragen und Hanns Eisler vertont. Zum 120. Geburtstag von Robert Gilbert erschien im Herbst 2019 eine umfassende Biographie von Christian Walther im Ch. Links Verlag.

„Von Schopenhauer zum Gassenhauer“ –  Textdichter und Autor Robert Gilbert

Walther ist den Spuren Robert Gilberts u.a. nach München, Wien, Zürich und an Gilberts Schweizer Wohnort Minusio gefolgt und es ist ihm gelungen, sowohl die Person Robert Gilberts als auch die Texte des produktiven Berliners aus der Verborgenheit wieder ins rechte Licht zu rücken. Denn bisher gibt es in Berlin keine Gedenktafel oder einen Stolperstein für den jüdischen 1933 vertriebenen und in den 1950er Jahren nach Deutschland zurückgekehrten literarischen Tausendsassa.

Ein Lesevergnügen ist Walthers Buch obendrein, denn er lässt Gilbert selbst  zu Wort kommen mit Originalzitaten aus Briefen, Textzeilen seiner Schlager oder Lyrik und Prosatexten. Und wer hätte gedacht, dass der Erfolg des Musicals My Fair Lady in Deutschland nicht zuletzt auf der kongenialen Übersetzung von Robert Gilbert beruht. „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“ ist zum geflügelten Wort geworden. Und Christian Walther hat im Zuge seiner Recherchen gleich auch noch entdeckt, dass die beliebte Zeile wahrscheinlich sogar noch eine Co-Autorin hat, die bisher im Verborgenen blieb: Robert Gilberts Ex-Ehefrau Elke Gilbert erhält so hoch verdiente Aufmerksamkeit für ihre Übersetzertätigkeit. Gleichwohl Gilbert nach dem zweiten Weltkrieg aus den USA dauerhaft nach Deutschland bzw. in die Schweiz zurückgekehrt war und mit seiner Arbeit fast produktiver als vor der Emigration war, saß das Trauma der Verfolgung und Emigration tief. Als sich am 25. Oktober 1961 der Vorhang zur Deutschsprachigen Erstaufführung von My Fair Lady im Berliner Theater des Westens hob, war Gilbert, der als Übersetzer ins Deutsche verantwortlich zeichnete, nicht anwesend. Seine Bedenken – zwei Monate zuvor war die Mauer gebaut worden –  teilte er in einem Brief mit: „Warum soll ich mich in Gefahr begeben, der ich – in ähnlicher Weise – früher mal knapp entronnen bin“.

Aus dem Film „Die drei von der Tankstelle“ der Schlager „Ein Freund, ein guter Freund…“ mit Heinz Rühmann …, von Robert Gilbert
youtube Trailer von Rundfunker
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Gilbert, dessen Vater Jean Gilbert in Berlin als Kapellmeister und Operettenkomponist ganz groß herausgekommen war, hatte seine produktivste und erfolgreichste Zeit in den 1920er Jahren, bevor er 1933 – jüdischer Herkunft – in die Emigration gehen musste.

Geboren 1899 in der Warschauer Straße, kam Robert Gilbert 1918 in Kontakt mit dem revolutionären Spartakusbund, Flugblätter und ein „Waffenarsenal“ hortete er nach eigenen Angaben in seiner Wohnung. Stärkste Waffe des links orientierten Studenten war jedoch das Wort. So entstanden Agitproptexte für das „Rote Sprachrohr“, eine Gruppe von jungen Leuten, die mit Sketchen und Texten Kabarett machten. Dort begegnete er auch Hanns Eisler, der als Pianist dabei war. Für Eisler schrieb Gilbert Texte, die dieser vertonte.

Schnell war Gilbert gern gesehener Texter an anderen Kabaretts, die wie Pilze aus dem Nährboden der Umbruchszeit in der jungen Weimarer Republik schossen. Für Rosa Valletti und ihr Kabarett Größenwahn schrieb er Texte ebenso wie für Claire Waldoff („Warum liebt der Wladimir jrade mir“). Gilbert eroberte sich neben den Bühnen alle verfügbaren neuen Medien, von der Rundfunkkantate „Tempo der Zeit“ 1929 über Liedtexte und Drehbücher für den jungen Tonfilm, bis zur „Roten Roten Revue“, in der 1931 u.a. Ernst Busch, Helene Weigel und Blandine Ebinger mitwirkten.

Produktive Komponisten wie Robert Stolz, Friedrich Hollaender, Ralph Benatzky oder sein Lebensfreund Werner Richard Heymann, mit dem er ab 1930 seine bekanntesten Schlager u.a. für die Filme Die drei von der Tankstelle, Bomben auf Monte Carlo und die Comedian Harmonists schrieb („Ein Freund, ein guter Freund“, „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“, „Irgendwo auf der Welt“, „Das ist die Liebe der Matrosen“) rissen ihm die Texte aus der Hand, um die Bedürfnisse des Schlagermarkts für Filme, Revuen und Kabaretts zu bedienen. 1930 hat auch Benatzkys Im weißen Rössl Premiere, Gilbert wird in letzter Minute dazu geholt und textet alle Lieder neu. Obendrauf komponiert und steuert er den Hit „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ zum Sensationserfolg bei.

Der Schlager „Liebling, mein Herz läßt dich grüßen …“ mit Lilian Harvey und Willy Fritsch, von Robert Gilbert
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David Robert Winterfeldt lautetet der eigentliche Name des Textgenies, das sich das populäre, weltläufige und französisch anzusprechende Pseudonym Gilbert seines erfolgreichen Vaters ebenfalls zu eigen machte, schrieb auch unter dem Namen David Weber. Zum Beispiel das sozialkritische Stempellied 1929 in der Katakombe aufgeführt, für das Hanns Eisler die Musik schrieb und mit dem Gilbert unter dem Pseudonym David Weber die sozialen Verhältnisse analysierte und in zynische, Dialekt gefärbte Worte fasste. „Äußerst schnell schafft die Gesellschaft Menschen auf den Müll“.

Selbstreflektiert sah Gilbert später die Zeit der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre als seine Wandlung vom „Von Schopenhauer zum Gassenhauer“ aus finanzieller Notwendigkeit.  Der zynische Bänkelsänger konnte auch „lieb“, wenn es um den Broterwerb ging.

1933 wurde es für den jüdischen Kommunisten Gilbert und seine Familie höchste Zeit, das Land zu verlassen. Über Wien und Paris gelangte er in die USA. Er arbeitete dort unter Pseudonym weiter, publiziert in Exilblättern wie der Neuen Weltbühne seine Lieder wurden auch in Deutschland gespielt. Der Start in den USA ist schwer, doch Gilbert streckte die Fühler in alle Richtungen aus, Film, Broadway, Emigrantentheater, Operette. Hitlers erklärte Lieblingsoperette macht auch vor dem Broadway nicht halt. Für Robert Stolz‘ Produktion der Lustigen Witwe schrieb Gilbert Extra-Verse. Lyrik hieß das Medium seiner Selbstreflexion im Exil. In den USA erschien ein Gedichtband quasi im Selbstverlag, besprochen in der Emigrantenzeitschrift Aufbau: „Das lyrische Tagebuch eines Autors, der es fertig gebracht hat, mitten im Steinmeer von Manhattan Berliner Dialektgedichte zu schreiben“.

Was kann der Siegismund dafür, dass er so schön ist, gesungen von Max Hansen, von Robert Gilbert
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Kurz nach seiner Einbürgerung in den USA endete der Krieg und Gilbert ging 1949 in die Schweiz. Beispielhaft beginnt er einen Kampf um Rückübertragung mit Behörden und der GEMA, denn die von ihm genutzten Pseudonyme waren nicht be- bzw. anerkannt. Im Vergleich mit anderen Rückkehrern fasste Gilbert arbeitsmäßig schnell wieder Fuß. Er schrieb für Bühne, Film und Kabarett. Texte entstanden für eine Neuverfilmung von Im weißen Rössl und für den Film Alraune mit Hildegard Knef. Hier knüpfte Gilbert auch an die Zusammenarbeit mit Werner Richard Heymann an, der für den Film die Musik beisteuerte. Vielleicht war es Hannah Arendt die Gilbert in Anlehnung an Mozarts erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Autor Lorenzo Da Ponte als „Da Ponte“ ´Heymanns bezeichnete. Denn eng und langjährig befreundet war Gilbert seit den frühen 1920er Jahren mit dem Publizisten Heinrich Blücher und später auch mit dessen Ehefrau Hannah Arendt. Die Philosophin und Autorin verfügte sogar, dass Gilberts Schlager „Das ist die Liebe der Matrosen“ aus der Filmoperette Bomben auf Monte Carlo 1975 auf ihrer Beerdigung gespielt werden sollte. Herzenstreuer kann Freundschaft nicht sein. Unter der populären Oberfläche von Gilberts Text zu Werner Richard Heymanns Superschlager „Ein Freund, ein guter Freund“ („Die drei von der Tankstelle“) lag ein authentischer, integrer und menschlicher Kern.

„Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines Stückchen Glück“, ein Freund, ein guter Freund“ oder „Das ist die Liebe der Matrosen“. Mit „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“: Gilberts Lebensgeschichte changiert selbst zwischen Operette und knallharter Realität, tragikomisch mit Berliner Schnoddrigkeit weggelacht. In Buchstaben gegossen zwischen Berlin und New York, Karriere und Exil, Erfolg und Klinkenputzen am Broadway, Polit-Ballade und Musical. Sein Text-Talent und eine künstlerische Resilienz haben den Zeit- und Ideologiegraben der ausgelassenen toleranten Weimarer Republik zum Film, Kabarett und Theater der Nachkriegszeit mühelos überwunden. Max Raabe, bekannter Interpret von Gilbert-Texten, benennt die Treffsicherheit von dessen Texten im Vorwort des Buches: „Sie nehmen sich zurück, doch man erahnt die Klugheit hinter ihren Versen. Denn in dieser scheinbaren Mühelosigkeit steckt natürlich viel Arbeit“.

Und für Christian Walther scheint „gerade ein Teil der politischen Lyrik hochaktuell, die Liedtexte haben sich ohnehin weitgehend als immergrün erwiesen“. Er fand den „Spagat von Revolution und Unterhaltung, den Wandel von Kommunist zu Antikommunist, die erzwungene Wanderung von Berlin durch die Stationen des Exils bis schließlich in die letzte Heimat, ins Tessin“ in der Lebensgeschichte von Robert Gilbert besonders spannend.

Der Band Ein Freund, ein guter Freund ist mehr als eine Biographie. Gilberts Texte, insbesondere mit der Musik von Werner Richard Heymann, seinem Lieblingsfreund und Komponisten, sind bis heute präsent. Es ist das Verdienst von Christian Walther, die Texte in den zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen und ihrem Autor im Spiegel der Zeitgeschichte einen verdienten Platz in der Geschichte des Unterhaltungssektors im 20. Jahrhunderts zuzuweisen.

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Pforzheim, Theater Pforzheim, Das Kultstück – Die Feuerzangenbowle, 24.02.2018

Februar 22, 2018 by  
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Theater Pforzheim

Theater Pforzheim © Sabine Haymann

Theater Pforzheim © Sabine Haymann

Das Kultstück – Die Feuerzangenbowle

 Erinnerungen an „alte“ Schulzeiten!

Premiere 24. Februar um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen Di, 27. und Mi, 28. Februar 2018 sowie an weiteren Terminen der Spielzeit

Für eine klassische Feuerzangenbowle benötigt man – viele wissen es – Rotwein (trocken), Orangen, Zitronen, Zimt (Stange), Sternanis, Nelken, Rum und einen Zuckerhut. Wieviel von jeder Zutat benötigt wird, ist je nach Geschmack unterschiedlich. Orangen und Zitronen werden in Scheiben geschnitten und zusammen mit den Gewürzen (Zimt, Anis, Nelken) und dem Rotwein in einem Topf erwärmt. Wichtig: es darf nicht kochen! Der Zuckerhut wird dann auf eine Zange oder ein Drahtgitter über den Topf gelegt, mit Rum beträufelt und angezündet. Der Rum muss solange auf den Zuckerhut geträufelt werden, bis dieser vollständig in den Wein getropft ist. Obwohl eben jenes Rezept für Feuerzangenbowle schon sehr alt ist, avancierte sie erst im Jahre 1944 zum absoluten Kultgetränk – dank des gleichnamigen Films mit Heinz Rühmann. „Pfeiffer, mit drei f.“ — „Also wat is en Dampfmaschin‘? Da stelle mer uns janz dumm.“ Wer kennt sie nicht, diese Sätze aus der bekannten Verfilmung!

Heiß geht es her, wenn eine Gruppe von Herren höheren Alters sich trifft, um beim Genuss von Feuerzangenbowle beschwipst alte Schulerinnerungen aufzuwärmen. Der Schriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer kann da nicht so ganz mithalten, schließlich fristete er sein Pennälerdasein in privater Erziehung. So ist es an der Zeit, Verpasstes nachzuspielen. Gesagt, getan: Als „Pfeiffer mit drei f“ wird Pfeiffer in der Oberprima von Babenberg somit zum „Schöler“ von Professor Crey, bekommt bei Bömmel die Bedeutung derDampfmaschin‘“ erläutert und ist kreativ an vorderster Front dabei, wenn es darum geht, sich freche Streiche auszudenken. Höchstdramatisch, wenngleich nicht minder komisch, wird es, als Pfeiffer sich ausgerechnet in die Tochter des strengen Direktors verliebt.

Die Kultkomödie schlechthin, die auf dem Roman von Heinrich Spoerl basiert, steht der bekannten Verfilmung mit Heinz Rühmann von 1944 in nichts nach. Ab Samstag, 24. Februar steht sie auf dem Spielplan des Theaters Pforzheim – im Großen Haus. Garantiert ein Riesenspaß für die ganze Familie, bei dem das komödiantische Können unseres Schauspielensembles und die Lust an der Verwandlung Begeisterungsstürme beim Publikum aus Stadt und Region auslösen wird! Für alle Durstigen serviert das Café Opéra im Foyer selbstverständlich das Original: Feuerzangenbowle pur!

Der Stuttgarter Regisseur und Schauspieler Martin König stellt sich mit dieser Regiearbeit erstmalig am Theater Pforzheim vor. Über „Die Feuerzangenbowle“ sagt er: „Wer möchte nicht mal aus dem alltäglichen Allerlei ausbrechen? Verpflichtungen hinter sich lassen und ohne Risiko eine kurze Zeit ein anderer sein? Die Feuerzangenbowle entführt den Zuschauer in solch einen ‚Lebenstraum‘. Noch mal die Schulbank drücken mit dem Wissen und der Reife einer ‚gestandenen‘ Persönlichkeit. Wie ein Kind Streiche spielen und die große Jugendliebe treffen – wer hätte da nicht noch einmal Lust darauf!

Die Schule, die Hans Pfeiffer für einige Wochen besuchen darf, ist obendrein gespickt mit wunderbar schrägen Charakteren, welche die Lachmuskeln strapazieren. Für mich ist neben dem Reiz der ‚geborgten‘ Identität das Stück eine Hommage an die Freundschaft. Der ‚Schöler‘ Pfeiffer schmiedet Freundschaften zwischen sich und den Mitschülern – Außenseiter werden selbstverständlich integriert und angenommen.“


Die Feuerzangenbowle
Komödie nach dem Roman von Heinrich Spoerl

Mit Steffi Baur, Konstanze Fischer, Lilian Huynen, Anne-Kathrin Lipps, Clemens Ansorg, Alexander Doderer, Lars Fabian, Klaus Geber, Thorsten Klein, Bernhard Meindl, Fredi Noël und Aki Tougiannidis

Inszenierung: Martin König,  Bühne und Kostüme. Katrin Busching

Premiere 24. Februar um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen Di, 27. und Mi, 28. Februar sowie an vielen weiteren Terminen im Laufe der Spielzeit

—| Pressemeldung Theater Pforzheim |—

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