SALOME – ODER DIE PRINZESSIN VON BABEL – IOCO Serie – Teil 1, 13.02.2021

Februar 13, 2021 by  
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Die Erscheinung _- der Kopf von Johannes des Täufers ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trz?sacz

Die Erscheinung – der Kopf Johannes des Täufers – ein Gemälde von Gustave Moreau © Wikipedia / Trzesacz

SALOME  –  oder die  PRINZESSIN VON BABEL

IOCO  Serie in sechs Teilen – Von Peter M. Peters

Teil 1  —  Das Kultbild der Décadence 

Oscar Wilde (1854-1900) und Richard Strauss (1864-1949) gehörten zu einer Generation, die sich anschickte, neue soziale und sexuelle Freiheiten kennenzulernen. Strauss verwandelt Salome (1905), das Kultbild von Décadence, in eine psychologische Studie. Besser als dem Wildeschen Wort-Drama gelingt es dem Musik-Drama von Richard Strauss, die Sphäre „unerreichbar fremder“ Weiblichkeit einzufangen.

Bei Strauss wird aus der Verworfenen, Luxusübersättigten, ihren Körper in erregenden Tänzen zur Schau Stellenden, der von perversen Begierden Getriebenen, ein weibliches Ideal, in seinen furchtbarsten metaphysischen Dimensionen von Liebe und Tod: Salome fühlt, durchlebt ihre ganze Existenz in einem kurzen Augenblick, bis zur bittersten Konsequenz und völliger Einsamkeit, denn jeder Kontakt mit dem Gegenstand ihrer Leidenschaft wird zum einem Sakrileg. „Ein Kind, das sich ausdrücken kann wie Isolde“, nannte sie Wieland Wagner (1917-1966).

Die von Wilde übernommene Struktur der Oper in einem Akt ist das Kriterium für ihre bezwingende Kraft und Einheitlichkeit. Strauss verwendet die Leitmotivtechnik von Richard Wagner (1813-1883). Er ist kein musikalischer Neuerer wenn er die Tonalität auf weiten Strecken aufhebt oder bitonal verdoppelt. Wenn er von Wagner weg in Richtung Arnold Schönberg (1874-1951) zu Polytonalität übergeht, dann immer im Rahmen der dramatischen Erfordernisse. Ein unfehlbarer musikdramatischer Instinkt diktiert die musikalische Sprache. Auf dem Gebiet der Orchestrierung ist Strauss eines der originalsten Genies der Musikgeschichte. Doch auch der Klang des mit 102 Musikern besetzten Orchesters, der Phantasie-Orientalismus des Komponisten, der die vibrierende Atmosphäre einer schwülen Nacht einfängt, steht im Dienst des dramatischen Ausdrucks. Strauss schafft eine Klangwelt, die mit allem bisher Bekannten zu brechen scheint. Er selbst sprach von „Kadenzen wie Changeant-Seide“. Die musikalische Charakterisierung der Figuren ist an ihre psychologische Entwicklung gebunden. Die literarischen Qualitäten von Wildes 1890 zunächst in französischer Sprache verfasstem Drama sind nicht unumstritten.

Oscar Wilde – Salome – Das Ende
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In Gustave Flauberts (1821-1880) Hérodiade (1877) hatte er wohl die Szenerie gefunden. Bei Flaubert war Salomé noch das unschuldige, willenlose Rachewerkzeug der Hérodias. Die Schuld am Tod des Propheten trug wie bei den Evangelisten die Hérodias. Zu Recht ist Salomé bei Wilde die Titelfigur geworden: Ihre erotische Neigung ist seine Erfindung, auch wenn Heinrich Heine (1797-1856) das Motiv der monströsen Liebe zu Johannes dem Täufer und den vampirhaften Kuss des abgehackten Kopfes 1841 in Atta Troll in die Literatur eingeführt hatte. Doch hier war es Herodias, die sich in den Propheten verliebt hatte. Inspiriert wurde Wilde von Gustave Moreaus (1826-1898) zugleich kalten und wollüstigen Salomé-Bildern und deren artifizieller, schwülstiger Deutung durch Joris-Karl Huysmans (1848-1907) Romanhelden Jean des Esseintes (À Rebours / 1884). Beeinflusst von Flaubert, Stéphane Mallarmé (1842-1898) und Maurice Maeterlinck (1862-1949) schuf Wilde Salomés endgültige Gestalt, stellte die biblische Nebenfigur ins Zentrum eines symbolischen Dramas. Doch erst durch die Musik von Strauss wurde aus dem Symbol der Mythos Salome. Strauss vertonte die deutsche Übersetzung von Hedwig Lachmann (1865-1918) ohne wesentliche Änderungen, allerdings mit etlichen Kürzungen.

Die skandalöse Salomé 

Als Richard Strauss´ Oper Salome am 9. Dezember 1905 an der Königlichen Oper Dresden uraufgeführt wurde, hatte sich Oscar Wildes Schauspiel, das in England jahrzehntelang verboten blieb, längst einen festen Platz auf deutschen Bühnen erobert. Die Oper wurde vom Publikum begeistert aufgenommen und, auch wenn der deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) entsetzt war, begann einen bis heute andauernden Triumphzug in den Theater in aller Welt. Allein England sperrte sich bis in die 30er Jahre. Die New Yorker Salomé Aufführung 1907 wurde zum Skandal, der erbitterte Pressekampagnen provozierte.

Die Entstehung von Oscar Wildes Salomé

In der Entstehung eines großes Werkes tritt immer ein Teil eines Mysteriums ein.. Ohne dass sich der Künstler dessen unbedingt bewusst sein muss, neigt sein inneres Selbst dazu, seine schöpferische Tätigkeit zu beeinflussen, sein Werk auf intensive Weise zu gestalten und ihm seine letztendliche Physiognomie zu verleihen. So ist es auch mit der Salomé (1891) von Osacr Wilde. Das heißt, die Veröffentlichung dieses Dramas zum Ende 1891 sollte a priori nicht überraschen, wenn wir beachten, dass Wilde es im Herzen der Zeit von 1880 bis 1900 gestaltete, im fin de siècle, als in Frankreich die dekadenten Bewegungen triumphierten. Der Symbolismus war zwischen 1880 – 1890 in Frankreich sehr populär. Die zahlreichen, diesem Symbolismus ergebenen Künstler, hatten wiederum Hérodiade und Salomé als ihre Heldinnen hoch geschätzt.

Getrud Eysoldt als Salome - Gemälde von Lovis Corinth © Wikimedia Commons

Getrud Eysoldt als Salome – Gemälde von Lovis Corinth © Wikimedia Commons

Dekadenz und Verfall

Letztere Symbolisten sind des Realismus und des Naturalismus überdrüssig und nicht weniger an der Zeit, in der sie leben: Eine Ära, die als flach und trivial angesehen wird, weil die allgemeine Zustimmung, die bürgerliche Vulgarität nichts als Hässlichkeit bietet! Sie sind enttäuschte Ästhetiker, die nicht durch irgendeine Art von Glauben belebt sind, sei es patriotisch, religiös oder moralisch. Die Zivilisation, in der sie leben, ist im unblutigen Niedergang und erschöpft vom Verfall untergraben. Nur noch vom Tod bedroht! Sie werden daher Zuflucht in fiktiven Universen suchen und raffinierte Empfindungen von der Vorstellungskraft, von der Kunst und von Objekten erfordern. Ein solcher Geisteszustand wird wunderbar durch den beispielhaften Charakter von Des Esseintes veranschaulicht, dem Helden des Romans À Rebours von Huysmans, das Evangelium  der dekadenten Generation. Des Esseintes verachtet die Realität bis zu dem Punkt, das er es vorzieht als Einsiedler in seiner Wüste von Fontenay zu leben. Die er mit erstaunlichem Luxus arrangiert hat und hier will er „den Traum von der Realität durch die Realität selbst ersetzten. Diese Kunstfertigkeit scheint ihm das Kennzeichen des menschlichen Genies zu sein!“

Aber die Siege gegen Langeweile bleiben prekär, immer verwischt von den spleen’s, dem taedium vitae, der rastlosen Suche nach neuen Sensationen. Unsere Ästhetiker fühlen sich bedroht von den Lebensordnungen und greifen daher auf andere Lösungen zurück: Zuerst auf der Suche nach teuren und komplizierten Vergnügungen, dann aber nach neuen erotischen Empfindungen, die bald von dem Geschmack und der Praxis seltener Laster folgen. Zumindest solange, bis der letzte Grad an kitzliger Nervosität erreicht wurde.

Erotischer Dilettantismus begleitet und gekrönt von Kunst-Dilettantismus. Viele unter den Dekadenten sind diejenigen, die fleischliche Abweichungen pflegen. Die Liebe auf den einzigen sexuellen Instinkt reduzieren, die Verachtung von Frauen beeinflussen – oft weil sie sie fürchten – oder sogar wie bei Huysmans zu einer Mystik der Keuschheit tendieren. Viele waren Homosexuelle, andere fasziniert von Androgynie oder sogar Transsexualität, wieder andere zwischen Hysterie und Frigidität. Bei Des Esseintes und seinen Gleichgesinnten begünstigen die Entfremdung vom wirklichen Leben und der Rückzug in sich selbst. Ja! Die Vorstellungskraft verirrte sich in ein mentales Onanismus-Labyrinth! Kein Wunder also, dass dekadente Werke erotische Komplikationen aller Art aufweist und vor allem dem Sadismus einen so großen Stellenwert einräumen: Bei Wesen, die auf der Suche nach akuten Empfindungen sind, jedoch mit erkrankten Nerven, stimulieren Grausamkeiten in der Liebe oder Übertretungen der Norm die Trägheit des Instinkts.

Daher der Erfolg von Hérodias und Salomé: Das Thema bietet eine explosive Mischung aus ungezügelter Sexualität und sadistischer Grausamkeit und illustriert gleichzeitig die   „Monsterfrau“, einer Frau die den Mann anzieht und verschlingt, gleich der weiblichen Spinne der Gottesanbeterin. Der orientalische Rahmen der Geschichte ist ein weiteres Element, das zur Verführung der Dekadenten geeignet ist und immer von der Nostalgie nach anderen Epochen heimgesucht wird, mit denen sie sich besser einig wären: Byzanz oder insbesondere der alte Orient. Exotik und erotische Impulse gingen immer Hand in Hand, wobei die exotische Flucht meistens die fantastische Projektion eines sexuellen Bedürfnisses war. Zweifellos träumten viele Künstler dieser Zeit, wie der alte Hérode, gern von einem Tanz der sieben Schleier, der ihre trägen Sinne erwecken würde.

Oscar Wilde, um 1882 entstandes Gemälde von Napoleon Sarony

Oscar Wilde, um 1882 entstandenes Gemälde von Napoleon Sarony

Tausendundeine weitere Salomé Dichtungen

Daher führen wir viele Nachdichtungen von Hérodias und Salomé, im letzten Drittel des 19. Jahrhundert erschienen, hier nicht auf. Das Thema erfreute sich solch hoher Gunst, dass es zahlreiche Schöpfer inspirierte, die  aufgrund ihrer künstlerischen Spannweite sich einer Klassifizierung entziehen. So der englische Dichter Algernon Swinburne (1837-1909), der das Thema mit der ersten Sammlung seiner Gedichte und Balladen startet, die 1866 veröffentlicht wurde: Hérodias erscheint dort neben anderen femmes fatales, wie Faustina und Cléopatre. In der Hérodiade (1869) von Mallarmé ist Hérodias im Grunde die jungfräuliche Prinzessin Salomé, denn der Dichter zog den magischen Klang des Namens ihrer Mutter vor. In etwa gleicher Zeit erschienen die berühmten Kompositionen von Moreau im Jahre 1876: Salomé dansant devant Hérode und L’Apparition. Huysmans stellte sich in seinem À Rebours vor, dass sie von Des Esseintes erworben wurde und von ihm in allen Einzelheiten hervorragend beschrieben wurde. Die Hérodias aus den Trois Contes (1877) von Flaubert ist eine der hervorragenden Veröffentlichungen dieser Epoche. Die anderen Dichter bleiben nicht ohne Reaktion: Théodore de Banville (1823-1891) Un Sonnet des princesses (1874), Mallarmé noch einmal in Le Cantique de Saint-Jean (um 1885), indem er sich erinnert an L’Apparition, schreibt er das Gleichnis vom abgetrennten Kopf des Heiligen. Wobei Jules Laforgue (1860-1887) sich vom La Danse de Salomé desselben Moreau in der Karikatur Salomé inspirieren lässt und scherzte überlaut in seinen Moralités légendaires (1886). Jean Lorrain (1855-1906) beschäftigte sich ab 1883 mehrmals mit dem Thema.

Zitieren wir einige Dichter nach der Erscheinung der Salomé von Wilde: Trois Poèmes nach Moreau von Albert Samain, während das Gedicht Salomé von Guillaume Apollinaire (1880-1918) aus Alcools (1905) sich eher an Wilde inspiriert, desgleichen der junge Jean Cocteau (1889-1963) erinnert sich an den englischen Dichter (La Désireuse, La Folle, L’Inconsciente, La Peureuse, 1908).

Im musikalischen Bereich stammt die Oper Hérodiade (1881) von Jules Massenet (1842-1912) aus dem Jahr 1881. So auch Parsifal (1882) von Richard Wagner (1813-1883), in der Kundry eine ihrer vielen Inkarnationen erwähnt, indem sie als Hérodias verärgert Johannes dem Täufer (nach der Meinung des Komponisten und Musikwissenschaftler Jacques Chailley (1910-1999) war es nicht Christus, der von Kundry verhöhnt wurde!) irr unheimlichen ins Gesicht lacht.

Salomé – im Namen von Dorian Gray verurteilt

Im Jahr 1891 zeigte Wilde mit der Wahl von Salomé keine Originalität. Insbesondere für einen Schriftsteller, der, obwohl irischer Nationalität, mit der französischen Kultur äußerst vertraut war (seine Mutter hatte Alphonse de Lamartine (1790-1869) und Alexandre Dumas, 1802-1870, übersetzt). Dazu verbrachte er die meiste Zeit in Paris und sprach in einem fast perfektem Französisch. Darüber hinaus ein Schriftsteller, dessen Eintritt in die Männlichkeit mit dem Beginn der dekadenten Zeit zusammenfiel (er war 1880 vierundzwanzig Jahre!). Der mit The Portrait of Dorian Gray im Juli 1890, fünfzehn Monate vor Fertigstellung von Salomé,  ein Werk schuf, das als Klassiker der dekadenten Bewegung in England zählt.

Der Dekadentismus des komplexen und fantastischen Dorian Gray wurde schnell verdächtig. Tatsächlich spielte Wilde den Dekadenten mehr als er es in Wirklichkeit war. Wir haben überall seinen Dandyismus, seinen Sinn für Pose und Repräsentation, seine Sorge um die Komposition seines Bildes bemerkt. Aber im Gegensatz zu vielen Dekadenten pflegte er die Lebensfreude, setzte sich dafür ein, nicht seine Instinkte aufzugeben und jegliche Einschränkungen zugunsten der Selbstbehauptung abzulehnen. Zweifellos ist der von Dorian Gray bekannte Hedonismus an dem jüngsten Beispiel von Des Esseintes inspiriert. Dies verhindert nicht bestimmte Merkmale (insbesondere die Überfülle des für Wilde charakteristischen Bild der reichen Dekoration), z.B. die Arbeit wirkte nicht spontan, mehr oder weniger fabriziert und künstlich. Wilde wurde daher dafür kritisiert, dass er anderen das Eigentum wegnahm, mit fremden Ideen wie mit seinen Eigenen spielte und letztendlich nicht aufrichtig war. Die Glaubensbekenntnisse seines Helden zeugen nicht von einer verderblichen moralischen Beschränkung.

Wir erinnern daran, dass diese Salomé Kritiken bis heute denen zum  Dorian Gray ähneln. Viele weigerten sich, Salome höher zu würdigen als den  Dorian Gray. Salome würde, so die Kritiker der Zeit, im Thema wie seiner Behandlung vor allem das Talent seines Autors (Oscar Wilde) auf dem Gebiet kalkulierter Nachahmung und des Abklatsch bezeugen. „Es ist das gekonnt kalkulierte Werk eines gelehrten Wichtigtuers, der schamlos seinen schlechten Geschmack im Stil eines präraffaelitischen Hochstaplers zeigt“, sagte Pierre Lalo (1866-1943) am 14. Mai 1907 in Le Temps. „Eines der schlechtesten seiner Werke“, schrieb 1967 Philippe Jullian (1919-1977) und andere Kritiker zitieren Flaubert, Maeterlinck und einige andere unter den Autoren, die von Wilde angeblich geplündert wurden.

Uns erscheint solcher Standpunkt als höchst ungerecht. Salomé ist möglicherweise in die dekadente Atmosphäre des fin de siècle geschlüpft und bewahrte davon einige Merkmale. Salome ist jedoch nicht allein das Produkt der Jahrhundertwende; die willensstarke Persönlichkeiten Wilde hatte solche Einflüsse überwunden. Die bemerkenswerte dramatische Bewegung dieses Stückes, seine psychologische Tiefe machen Salome für alle Zeit zu einem authentischen Meisterwerk.

Oscar Wilde und Gustave Flaubert

Was die Schuld von Wilde gegenüber Flaubert und dessen Hérodias betrifft, so ist dies offensichtlich und mag auf den ersten Blick sogar beträchtlich erscheinen. Aber nur bei oberflächlicher Betrachtung scheint dies zu sein, da weder die Charaktere noch die Struktur oder die allgemeine Absicht der beiden Werke sich gleichen. Wilde fand vor allem bei dem Autor der Trois Contes Ideen für das Szenenspiel und dem Kulissenaufbau: Das Fest des Hérode und die Terrasse mit dem erweiterten Raum, indem sich die Zisterne befand, in der Iokanaan eingesperrt war. Auch die enorme Spannung aufgrund der Langsamkeit, die der Henker für seine blutige Aufgabe nimmt. Er verdankt ihm auch die Idee des  theologischen Streits zwischen den Nazarenern und den Juden (der in Hérodias drei große Seiten einnimmt!), deren Lärm im Drama erklingt, sobald sich der Vorhang hebt. Zweifellos wurden dem Werke noch mehrere Charaktere und Details entnommen, ebenso wie einige Namen. So leitet sich Iokanaan auf mysteriöse Weise von Flauberts Iokanaan ab oder auch der Name des Henkers Naaman. Jedoch ihre Charaktere sind dennoch völlig unterschiedlich!

SALOME – ODER DIE PRINZESSIN VON BABEL

IOCO Serie – Teil 2 – Jungfrau und Frau

über die  Veränderung der Person SALOME durch Oscar Wilde, und die tiefe eigene Indentifizierung des Dichters zu „seiner“ Salomé

 Hier, bei IOCO ab 20. Februar 2021

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—| IOCO Essay |—

Düsseldorf, Düsseldorfer Schauspielhaus, Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe – Heinrich Heine, IOCO Kritik, 10.10.2020

Düsseldorfer Schauspielhaus © Sebastian Hoppe

Düsseldorfer Schauspielhaus © Sebastian Hoppe

Düsseldorfer Schauspielhaus

Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe!

 Heinrich Heine – erlebt in einem theatralischen Rundgang 

von Rainer Maass

 Heinrich Heine Grabmal in Montmartre Paris © IOCO

Heinrich Heine Grabmal in Montmartre Paris © IOCO

Das Düsseldorfer Schauspielhaus, kurz D’haus, im Zentrum der Stadt gelegen, ist eines der bedeutendsten Sprechtheater Deutschlands. Das modern inspirierende Theatergebäude wurde 1965 bis 1969 von dem Düsseldorfer Architekt Bernhard Pfau errichtet. Die auffällige Architektur beherbergt das ranglose Große Haus (738 Plätze) und das Kleine Haus; beide mit hohem akustischem und technischem Niveau.

Düsseldorfs geliebter, streitbarer Dichter, Poet, Journalist steht auf

Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe! – heißt das am 5.9.2020 uraufgeführte Stück über den 1797 in Düsseldorf geborenen und 1856 in Paris gestorbenen Dichter, Schriftsteller und Journalisten Heinrich Heine, welcher der deutschen Literatur und Sprache eine bis dahin nicht gekannte Leichtigkeit und Eleganz verlieh. Heinrich Heine verließ Deutschland, da er auch wegen seiner jüdischen Herkunft vielfach verfemt wurde. Seine Liebe zu Deutschland wie Düsseldorf war in Paris eine ständig blutende Wunde, wie sie auch in seinen Dichtungen oft durchscheint.

Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe – Heinrich Heine
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Vor fast zwanzig Jahren schuf Bert Gerresheim in Düsseldorf ein Heinrich-Heine-Denkmal auf dem Schwanenmarkt: Ein in Stücke zerschnittenes Kunstwerk – Sinnbild der Zerrissenheit Heines und zum geliebt-gehassten Düsseldorf.

Mit dem Stück  LIEBER EIN LEBENDIGER HUND ALS EIN TOTER LÖWE!  hat das Schauspielhaus Düsseldorf, Regie Jan Philipp Gloger, Dramaturgie Felicitas Zürcher, auf eindrucksvolle Weise zusammen gefügt, was zusammen gehört. Das Schauspielhaus beschreibt das Stück in seinem Spielplan als einen theatralen Rundgang: „Im Foyer, auf den weit verzweigten Gängen im Keller  …. können sich die Zuschauer*innen auf die Spuren des berühmtesten Düsseldorfer Dichters begeben“.  Die Besucher erleben im Schauspielhaus auf ihrer Wanderung den Menschen Heinrich Heine in all seinen Facetten. Ein Weg mit vielen Etappen, beschwerlich, fast wie das Leben des Dichters. Wo immer der Besucher durch die Gänge und Bühnen des Hauses treppauf treppab zu Heine geleitet wird, Heine ist immer präsent. Immer glaubt man Heines Gedanken zu hören; mal meint man, seine Ängste spüren; an kahlen Wänden stehen oft Satzfragmente: Graffitis von Heines Hand?

Düsseldorfer Schauspielhaus / Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe - hier Thomas Wittmann als Heinrich Heine in der Matrazengruft © Sandra Then

Düsseldorfer Schauspielhaus / Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe – hier Thomas Wittmann als Heinrich Heine in der Matrazengruft © Sandra Then

Bedingt durch die geltenden Corona-Beschränkungen werden die Besucher der Vorstellung in kleine Gruppen aufgeteilt. So bekommt jedes Treffen der kleinen Besuchergruppe mit dem „lebenden“ Heinrich Heine ein persönliches, fast privates Timbre. Das zeigt sich schon zu Beginn, beim Besuch an Heines Matrazengruft; die Regie will, dass der Besucher den Dichter diese Station zum Ende seines Lebens als erstes kennenlernt. Wie vor guten Freunden beklagt Heine aus seiner Matratzengruft in offenen Worten seine Leiden. Der Besucher spürt die verblühende Energie, aber auch die bis zu seinem Ende lebendige Kreativität.

Thomas Wittmann verkörpert dabei Heine in Paris in seiner Matrazengruft, wo er krank und unbeweglich sich über Krankheit und Isolation beschäftigt. Den dann folgenden, jungen, lebensfrohen, politischen Heine, seine Reisebilder stellt Josha Baltha dar. Judith Bohle trägt aus der Schrift „Französische Zustände“ einen seltsam aktuellen Zustand zur damals herrschenden Cholera vor

Höhepunkte der „Wanderung“ der Zuschauer im Schauspielhaus sind die ständigen Begegnungen mit Heinrich Heine, die Gefühlswelt des Dichters wird spürbar. Es folgt der Rückblick auf das wechselvolle Leben von Düsseldorfs berühmtestem Dichter. Die Zuschauer erleben, durch den Lyriker, den Reisedichter, den Dramatiker und immer wieder den politischen Kopf. Dargestellt durch die Schauspieler*innen führt die Reise zu Heinrich Heines vielen Talenten. Dabei springt Heine mit munterer Fröhlichkeit und beißender Ironie über Gattungsgrenzen hinweg. Jede dieser Facette bekommt ihre eigene Bühne. Jede wird überraschend inszeniert. Ein besonderes Highlight ist die Darstellung von Heines Tanzpoem Der Doktor Faust. Hier spürt der Zuschauer, wie viel Kraft ihn sein künstlerisches Schaffen kostete, wie er bei allen Erfolgen immer wieder mit Rückschlägen kämpfen muss.

Großen Raum nimmt seine Rolle als Bürger und politischer Mensch ein. Heinrich Heines Worte über das Pariser Leben zur Zeit der Cholera glaubt man erst gestern gehört zu haben. Er mokiert sich über die Unwissenheit der Pariser und spottet über den Leichtsinn seiner Mitmenschen. Man merkt schnell: Ob Cholera oder Corona-Pandemie, die Menschheit hat sich in dieser Hinsicht auch in zwei Jahrhunderten wenig geändert.

 Düsseldorfer Schauspielhaus / Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe - hier : Josha Baltha als der Poet und Dichter Heinrich Heine © Sandra Then

Düsseldorfer Schauspielhaus / Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe – hier : Josha Baltha als der Poet und Dichter Heinrich Heine © Sandra Then

Für die Präsentation des politischen Menschen Heinrich Heine wählte man die größtmögliche Bühne, den vor dem Schauspielhaus liegenden Gustaf Gründgens Platz.  Per Megaphon verdammt Josha Baltha dort als der freiheitsliebende Emigrant Heine lautstark alle Formen von Zensur und Unterdrückung. Auch dieser historische Text klingt wie eine Kampfansage an die Populisten unserer Tage. Dass Heinrich Heines Worte zu dieser späten Stunde auf dem menschenleeren Platz ungehört verhallen, kann man durchaus symbolisch verstehen. Doch die Reise endet keineswegs mit Gebrüll.

Zum guten Schluss schließt Heine Frieden mit seiner Heimatstadt Düsseldorf. Die letzte Szene spielt in der lichtdurchfluteten Parklandschaft des Hofgartens, der unmittelbar an das Schauspielhaus grenzt. Alle Heine- Darsteller*innen  sind eins mit der Natur, sind eins mit Düsseldorf und natürlich mit Heinrich Heine. Was wünschte sich Bert Gerresheim von den Besuchern seines Denkmals? Sie sollten Heinrich Heine mit den Händen begreifen.

Dieser Abend im Düsseldorfer Schauspielhaus half den Besuchern, Heinrich Heine auch mit dem Kopf und Herzen zu begreifen.

 Düsseldorfer Schauspielhaus – Lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe; die nächsten Vorstellungen am 11.10; 8.11.; 15.11.; 29.11.; 6.12.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Düsseldorfer Schauspielhaus |—

Ulm, Theater Ulm, Spielplan 03.-05.07.2020

Juni 23, 2020 by  
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Theater Ulm

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Theater Ulm / Zuschauerraum © Carola Hoelting

Kammermusik, Lesung und Liederabend

Das abwechslungreiche »Zwischenspiel«-Programm vom 3. bis 5. Juli 2020

Durch die Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg vom 26. Mai 2020 sind auch am Theater Ulm Veranstaltungen mit bis zu 100 Teilnehmenden ab Juni wieder erlaubt. Nach der Corona-bedingten Schließung seit Mitte März lädt das Theater ab dem 19. Juni 2020 wieder zu Vorstellungen und Konzerten ein. Im Foyer und auf der Bühne des Großen Hauses werden bis zum 19. Juli 2020 immer freitags, samstags und sonntags unter Einhaltung behördlich vorgeschriebener Regelungen zur Corona-Prävention ca. einstündige abwechslungsreiche Programme aller Sparten gezeigt. Die geltenden Verhaltensregeln sind auf der Website des Theaters (https://www.theater-ulm.de/theater/aktuelles/verhaltensregeln) veröffentlicht.

Am Freitag, den 3. Juli 2020 präsentieren Christianne Bélanger und Martin Gäbler um 19.30 Uhr im Foyer Liederzyklen Robert Schumann und Michael Weiger, der den Liederabend auch am Klavier begleiten wird. Das Konzert steht dabei ganz im Zeichen der Liebe. Zur Liebe gehören maßlose Gefühle, rauschender Überschwang und Schmerz. Davon künden auch die Gedichte von Lise Devèze: »… dass in meinen Träumen, wenn ich schlafe / Goldlandschaften tanzen.« Lise Devèze stellte dem Ulmer Kapellmeister und Studienleiter Michael Weiger ihre Gedichte persönlich für eine Vertonung zur Verfügung. Nach der Uraufführung der »Rutilances« im Jahr 2000 in der Schweiz präsentiert Michael Weiger nun in Ulm mit der Sängerin Christianne Bélanger die Erstaufführung der Fassung für mittlere Stimmlage. Helle und düstere Seiten einstigen Liebesglücks sprechen auch aus Schumanns Liederzyklus »Dichterliebe«, der in einer Interpretation von Martin Gäbler zu Gehör gebracht werden wird. Sechzehn Gedichte aus Heinrich Heines »Lyrischem Intermezzo« verwandelte Schumann 1840 in ironische und sehnsuchtstänzelnde Musik. Klavier- und Gesangspart scheinen zu verschmelzen. Für den Liederabend, in dem diese besonderen Kompositionen erstmalig zusammen zur Aufführung kommen, sind Karten (16 €, ermäßigt 11 €) an der Theaterkasse oder online unter www.theater-ulm.de verfügbar.

Am Samstag, den 4. Juli 2020 liest Schauspieler Stephan Clemens aus Julian Barnes‘ »Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln«. Julian Barnes genialischer Episoden-Roman ist ein moderner Klassiker und — wie das Publikum bereits bei einer Lesung mit Stephan Clemens im Februar genießen konnte — ein echtes Hörvergnügen. Auf den Spuren des Arche-Noah-Mythos lädt uns der Schauspieler ein auf eine Reise durch die Zeit. »Die Kunst des Julian Barnes ist ein Schiff, das jeder besteigen sollte, den es zu den Abenteuern des Gedankens drängt«, urteilte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die »Zeit« befand ob der »unglaublichen Leichtigkeit« dieses Werks: »Wem die Kunst des Romans nicht gefällt, dem ist auf Erden nicht zu helfen — mit Kunst und Literatur jedenfalls nicht.« Stephan Clemens präsentiert in einer neu zusammengestellten Version das erste Kapitel »Der blinde Passagier«, in dem das Publikum die uneingeschränkte Wahrheit über die Arche erfahren wird, über Noah, seine Sippschaft und das, was wirklich mit dem Einhorn geschehen ist, einen Reisebericht, den man so nicht in der Bibel finden wird. Die Lesung im Großen Haus beginnt um 19 Uhr und wird musikalisch einfühlsam begleitet von der Harfenistin Evelyne Zoller. Karten zu 22 € (ermäßigt 14 €) sind an der Theaterkasse und online unter www.theater-ulm.de erhältlich.

Am Sonntag, den 5. Juli 2020 präsentieren Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Orchesters der Stadt Ulm um 11 Uhr und um 15 Uhr unter dem Titel »Romantik Russlands« Kammermusik von Alexander Borodin und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky im Foyer des Theaters Ulm. Borodin und Tschaikowsky gelten als die namhaftesten Vertreter künstlerischer Gruppierungen in Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich jeweils der Emanzipation von bis dahin vorherrschenden italienischen, deutschen und französischen Einflüssen und der Herausbildung einer nationalen Musik verschrieben, unter Einbindung volkstümlicher Melodien und Themen. Hauptamtlich Wissenschaftler, Mediziner und Chemieprofessor, war das Komponieren für den vielfach begabten Alexander Borodin eine lebenslange Passion: Im seiner Frau Ekaterina Protopova gewidmeten 2. Streichquartett von 1881 ist russische Melodik dominant, betont vor allem durch das Cello, welches Borodin selbst virtuos spielte. Die Komposition wurde nicht zuletzt durch das effektvolle Notturno populär. Das überhaupt erste bedeutende Streichquartett eines russischen Komponisten aber stellte der junge Pjotr Iljitsch Tschaikowsky 1871 mit einem Konzert eigener Lieder, Klavier- und Kammermusikwerke in Moskau vor, die von ortsansässigen prominenten Musikern interpretiert wurden. Tschaikowskys Opus 11 gelangte rasch zu internationalem Ruhm, vor allem das Andante cantabile, welches in zahlreichen Bearbeitungen weltweit Verbreitung fand. Wie bei Borodin sind auch hier volkstümlich inspirierte Themen prägnant, die schlichte ukrainische Volksmelodie aus dem Andante berührte den Dichter Lew Tolstoi bei einem Konzert zu seinen Ehren 1876 derart, dass er weinen musste. Angeblich lauschte Tschaikowsky diese Volksweise während der Sommerfrische einem ukrainischen Zimmermann bei der Arbeit ab. Es musiziert das »Porta Nuova Quartett«: Yuki Kojima (Violine) Christina Hauser-Gurski (Violine) Sayuri Nakao-Haas (Viola) Andreas Haas (Violoncello). Karten für die Konzerte (16 €, ermäßigt 11 €) sind an der Theaterkasse und online unter www.theater-ulm.de erhältlich.

Die Theaterkasse ist zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag bis Freitag: 11 – 18 Uhr, Samstag: 10 – 13 Uhr. Die Abend- bzw. Tageskasse öffnet jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.

 

—| Pressemeldung Theater Ulm |—

Paris, Père Lachaise, Oscar Wilde – Kultstätte in Paris, IOCO, 31.03.2020

Oscar Wilde auf Père Lachaise © IOCO Felix

Oscar Wilde – 20 Tonnen Gedenkstätte auf Père Lachaise © IOCO Felix

Oscar Wilde – Monumental – Père Lachaise, Paris
– Kult als Dandy – Kult als Dichter – Kult im Tod –

von Viktor Jarosch

 Heinrich Heine auf Montmarte Paris © IOCO

Heinrich Heine auf Montmarte Paris © IOCO

Die großen Friedhöfe von Paris, Père Lachaise, Montmartre, Montparnasse, Passy wurden im frühen 19. Jahrhundert auf Veranlassung von Napoleon neu geordnet und als „Parkfriedhöfe“ angelegt. Mit Denkmal-Gräbern für lange zuvor Verstorbene wie den Dichter Jean-Baptiste Poquelin alias Molière (1622-1673), den Fabeldichter Jean de la Lafontaine (1621 – 1695), der Äbtissin Héloise (1095 – 1164) oder des Theologen Abaélard (1079 – 1142) hat sich Père Lachaise wie alle Pariser Park-Friedhöfe früh zu weltweit einzigartigen, architektonisch touristischen Begegnungsstätten entwickelt.  Heinrich Heine (1797 – 1856) bestimmte 1851 in seinem, in der „Matratzengruft“ von Montmartre geschriebenen Testament, „auf dem Kirchhofe dieses Namens (Cimitière Montmartre, Foto) beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege …“.

Auch der Kult-gewordene Dichter, Dramatiker und Lyriker Oscar Wilde (1854 in Dublin – 1900 in Paris) fand auf Père Lachaise seine  letzte Ruhestätte. Père Lachaise, im 20. Arrondissement von Paris gelegen, ist mit 44 Hektar und 69.000 Grabstätten der größte Pariser Friedhof. Mit über drei Millionen Besuchern jährlich ist Père Lachaise weit mehr als letzte Ruhestätte für Verstorbene, es ist auch sinngebende Begegnisstätte für uns Lebende: sein Besuch wurde so zu einem Muss.für viele Paris-Besucher und Einheimische.

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Kurz hinter dem Eingang von Père Lachaise begegnet dem Besucher schon die Grabstätte von Gioacchino Rossini (1792 in Pesaro – 1868 in Passy, Paris). Rossini, ab 1824 Hofkomponist von Ludwig XVIII, König von Frankreich, und, obwohl er schon 1829 mit Guglielmo Tell seine letzte Oper schrieb, führte er, danach, mit lebenslanger französischer Rente versehen, ein aktives, ausgefülltes Leben. Er inspirierte dabei unter anderem den 1833 für eine Musikausbildung nach Paris gezogenen Jacques Offenbach (1819-1880), dessen auffällige Grabstätte in Montmartre, nahe der von Heinrich Heine liegt.

Der irische Schriftsteller Oscar Wilde, bekannt durch seine Werke u.a. Salome, Das Bildnis des Dorian Gray, The Importance of Being Earnest, Bunburry, Lady Windermere‘s Fan war im damaligen prüden viktorianischen Zeitalter zudem als bewunderter Dandy und seinen extrovertiert exzentrischen Lebensstil eine bekannte Person des öffentlichen Lebens.

 Die schwer lesbare Visitenkarte von Lord Queensbury an Oscar Wilde © National Archives UK

Die schwer lesbare Visitenkarte von Lord Queensbury an Oscar Wilde © National Archives UK

Wildes in Paris endender, tragischer Niedergang begann am 18. Februar 1895, mit einer zunächst läppisch wirkenden Boshaftigkeit, die aber letztlich tödlich endete: John Sholto Douglas, 9th Marquess of Queensberry, und Vater seines intimen Freundes Lord Arthur Douglas, hinterließ in dem gemeinsam oft besuchten Londoner Albemarle Club eine an Oscar Wilde adressierte Karte (siehe oben links) mit der Anschrift: „For Oscar Wilde posing Somdomite!“ („An Oscar Wilde, posierender Sodomit“ – NB: Sodomie war damals in England strafbar). Diese Karte war Grund der folgenden Verleumdungsklage von Oscar Wilde gegen Marquess of Queensberry. In seiner Klage wurde Wilde von Freunden wie Robert Ross, Lord Arthur Douglas und sogar Georg Bernard Shaw gestützt. Queensberry argumentierte vor Gericht mit seinen „Wahrheitsbeweisen“ gegen Wilde: aufgrund dieser „Wahrheitsbeweise“ wurde öffentlich, dass Oscar Wilde mit jungen Männern der damaligen Unterschicht und männlichen Prostituierten sexuelle Beziehungen hatte. Der Marquess of Queensberry wurde im Urteil von der Verleumdungsklage freigesprochen.

Marquess of Queensberry reagierte auf seinen Freispruch mit einer Gegenklage. Oscar Wilde wurde nun von ihm wegen Unzucht und Sodomie angeklagt. Der vermögende Marquess of Queensberry stellte für dies Verfahren zahlreiche, von seinen Detektiven aufwendig ermittelte Beweise zur Verfügung. Am 25. Mai 1895 wurde Oscar Wilde wegen sexuellen Beziehungen zu jungen Männern der Unterschicht und mit männlichen Prostituierten wegen „Gross indecency“ (ein Gesetz, welches damals sexuelle Akte zwischen Männer generell, auch in privaten Räumen kriminalisierte) zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, verbunden mit schwerer Zwangsarbeit. Das Urteil ruinierte Oscar Wilde persönlich und finanziell für den Rest seines Lebens.

Die Umstände im Zuchthaus Reading, wo Wilde seine Strafe verbrachte, waren entwürdigend und zerstörerend: Wie viele andere Zuchthäuser der Zeit in England war das Zuchthaus Reading damals vermeintlich modern ausgerichtet. Die englischen Zuchthäuser der Zeit waren zuvor aufwendig neu gestaltet, zur „Reformation der Gefangenen“, zur therapeutischen Behandlung der Insassen umgestaltet. Statt ehemals überfüllter Säle und Gemeinschaftszellen gab es erstmals durchgängig Einzelhaft in Zellen ohne Fenster. Kleine Milchglasschlitze ließen Licht ein, verhinderten aber den Blick ins Freie. Bei Freigang auf dem Gefängnishof bestand Redeverbot; das Tragen einer den Kopf verhüllenden Kapuze war dabei Pflicht.

Oscar Wilde 1882 © Napoleon Sarony

Oscar Wilde 1882 © Napoleon Sarony

Oscar Wilde verließ das Gefängnis 19. Mai 1897 als gebrochener und mittelloser Mann;  am gleichen Tag flüchtete er noch nach Paris: In Paris hatte Wilde 1883, in seinen guten Zeiten, mehrere Monate gelebt, mit Victor Hugo, Sarah Bernhardt, Edgar Degas verkehrt und das Bühnenstück The Duchess of Padua geschrieben. So ist Salome 1891 in Paris in französischer Sprache entstanden, und, in England war es durch die Zensur geächtet, 1894 in Paris mit Sarah Bernhardt als Salome uraufgeführt.  Oscar Wilde auf die Frage, warum er Salome in Französisch geschrieben hat: er sei „im Herzen Franzose, der Geburt nach aber Ire und von den Engländern dazu verurteilt, die Sprache Shakespeares zu sprechen.“  Nach seiner Ausreise im Mai 1897 betrat Oscar Wilde nie wieder englischen Boden.

Das letzte, unter solch dramatischen Umständen in Paris entstandene Werk von Oscar Wilde, ist das Gedicht The Ballad of Reading Gaol; es beschreibt die letzten Tage des 30-jährigen, wegen Mordes verurteilten Kavalleriesoldaten Charles Thomas Wooldridge kurz vor seiner Hinrichtung. Oscar Wilde zeichnet sein Gedicht in großer emotionaler Nähe zu dem sterbenden Soldaten. 

Jean-Baptiste Molière - La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Jean-Baptiste Molière – La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Oscar Wilde lebte in Paris vereinsamt und verarmt, aber im besten Zimmer des kleinen Hôtel d’Alsace in der Rue des BeauxArts, dessen Besitzer ein Bewunderer von ihm war. Dort starb  Wilde am 30. November 1900 elendig, unter schmerzhaften Umständen. Die Todesursache (Hirnhautentzündung oder Syphillis) wurde nie eindeutig festgestellt. Trotz seiner Schmerzen begleiteten ihn Aphorismen bis in den Tod: “My wallpaper and I are fighting a duel to the death – one or the other of us has to go” oder “Either the wallpaper goes, or I do“. Robert Ross, enger Freund und Lektor, war bei Oscar Wilde als dieser starb: Ein herbei gerufener katholischer Priester erteilte Wilde Nottaufe, Absolution und letzte Ölung. Begraben wurde Oscar Wilde 1900 zunächst in einem Armengrab auf dem Pariser Friedhof Cimetiere Bagneux. Auf nachdrückliches und uneingennütziges Betreiben von Robert Ross, nun Verwalter von Wildes künstlerischem Nachlass, wurde dieser 1909 auf den Cimetière du Père Lachaise umgebettet. Erst seit 1914, 14 Jahre nach Wildes Tod, schmückt das Grab die kultische Felsskulptur..

 Oscar Wilde Grabmal - die Sphinx © IOCO Felix

Oscar Wilde Grabmal – die Sphinx © IOCO Felix

Robert Ross, 1868 – 1918, Student an der Oxford University, war mit Oscar Wilde seit 1886, als erstem homoerotischen Freund verbunden. In späteren Jahren blieb Ross als Lektor, Freund und Verwalter des Nachlasses eng mit Oscar Wilde verbunden. Robert Ross, in seinem Bemühen um eine angemessene Grabstätte, beauftragte 1908 den amerikanisch-britischen Bildhauer Jakob Epstein (1880-1959) mittels einer anonym erhaltenen Spende von 2.000 englischen Pfund ein Grabmal für Oscar Wilde zu schaffen: ein 20 Tonnen wiegender Hopston Wood–Fels aus Derbyshire in England bildete die Grundlage. Epstein meißelte in Anlehnung an Wildes Gedicht Die Sphinx in die Mitte des riesigen Felsblocks eine vertikale, geflügelte Figur mit ausgesprägt sichtbaren Phallus, welche vorwärts zu fliegen scheint: symbolischer Ausdruck für einen Dichter als Botschafter, so wird es oft interpretiert. Auf der Stirn dieser Sphinx verkündet eine Figur mit langer Trompete ewigen Ruhm; über dem Kopfschmuck symbolisieren fünf kleine Figuren, eine davon mit einem kleinen Kreuz, an das Martyrium von Wildes Lebensende erinnernd. Der Transport des Denkmals von London nach Paris gestaltete sich schwierig: 120 Pfund Importzoll mussten entrichtet werden, da die französischen Behörden den Felsen nicht als Kunstwerk anerkannten. Nach letzten Arbeiten von Epstein auf Père Lachaise wurde das Grabmal im August 1914 von dem Okkultisten und Dichter Aleister Crowley offiziell enthüllt. Robert Ross hatte zuvor den Phallus der Sphinx mit einer Schmetterlings-ähnlichen Bronzeplastik verhüllt, welche allerdings später wieder entfernt wurde.

Seither entwickelte sich die Grabstätte von Oscar Wilde auf Père Lachaise zur gesuchten Pilgerstätte und ein Raum für unzählige Anekdoten: Der ausgeprägte Phallus der Sphinx wurde 1961 von einem Souvenirjäger abgeschlagen; im Jahr 2000 durch eine Silberprothese ersetzt wurde er erneut abgeschlagen und seither nicht mehr ersetzt. Seit den 80er Jahren wurde das Grab von Oscar Wilde Ziel neuer Kulthandlungen: Besucher übersäten es bis 2011 beständig mit roten Kussmündern. Sei es der Abdruck eigener, fett rot bemalter Lippen, seien es aufgemalte rote Lippen: Zeichnungen auf dem Grabmal wurden zum kultischen Happening der Besucher. Graffitisprays ergänzten zahllose Lippen-Abdrücke. Die folgenden beständigen Reinigungen beschädigte wiederum das Grabmal, er wurde über die Jahre porös; Küssen Verboten–Schilder und Strafen bis zu 9.000 Euro _ nichts half: Die irische Regierung schritt ein; für Irland ist Oscar Wildes Grabmal irisches Kulturerbe. Die Felsskulptur wurde 2011 auf Kosten des Irischen Bauspflegeamtes erneut aufwändig gereinigt und zusätzlich mit  einer hohen Glasbarriere vor den Kussattacken und anderen Zuwendungen geschützt. Seither ruht Oscar Wilde dort wahrlich in Frieden. An seiner Seite ruht seit 1950 sein 1918 gestorbener Freund Robert Ross: dessen Asche wurde 1950 in das Grabmal von Oscar Wilde übergeführt

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