Chemnitz, Theater Chemnitz, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.01.2020

Januar 28, 2020 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Lohengrin –  Richard Wagner

– Mit Lohengrin auf dem Rummelplatz –

von Thomas Thielemann

Nach der Fertigstellung der Partitur des Tannhäuser reiste der Königlich Sächsische Hofkapellmeister Richard Wagner mit Frau Minna, Hund und Kanarienvogel am 3. Juli 1845 von Dresden zu einem Kuraufenthalt ins Böhmische nach Marienbad. Kreative Unruhe behinderten die Bäder sowie Brunnenkuren und brachte frühere noch ruhende Projekte zur Geltung. Ein noch unklares Konzept  zum Schwanenritter-Motiv des Wolframs von Eschenbach geisterte seit dem Pariser Aufenthalt in seinem Kopf. So begann er, parallel zur Arbeit an einem Meistersinger-Spektakel, die Prosafassung der Lohengrin-Szenen auszuführen. Ohne Rücksicht auf historische Gegebenheiten verschob er Figuren sowie Fürstentümer in Zeit und Raum, bis er „die Berührung einer übersinnlichen Erscheinung mit der menschlichen Natur und die Unmöglichkeit einer Dauer derselben“ wirkungsvoll  gestaltet hatte.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Nach Dresden zurückgekehrt, las er am 17. November 1845 im Restaurant Engel den Mitgliedern des Montagsklubs, dem u.a. auch Robert Schumann, Adam Hiller und Gottfried Semper angehörten, die Dichtung vor. Bei allem Lob der Freunde für die Dichtung, bezweifelte aber vor allem Schumann, dass Wagner zum Text eine Musik komponieren könne. Wagner aber, gewohnt auf seine Inspirationen zu warten, nutzte einen Urlaubsaufenthalt vom 15. Mai bis zum 30. Juli 1846 im Schäfer´schen Gut des Dorfes Graupa, um die Umrisse der Kompositionsskizze niederzuschreiben. Wagner wanderte oft in der Umgebung, schwamm in der Elbe und ließ sich vom Vogelgezwitscher sowie anderen Geräuschen seiner Umgebung inspirieren.

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Das Dorf Graupa ist inzwischen ein Ortsteil von Pirna. Im Schloss von Graupa befindet sich eine sehenswerte Wagnergedenkstätte mit einem interessanten Museum. Das Gut steht dem interessierten Wagner-Freund offen. Auch befindet sich im nahen Liebethaler Grund, einem der damaligen Wanderziele des Komponisten, ein Wagner-Denkmal mit einer Höhe von 12,5 Meter; siehe Foto.

Das Auskomponieren des Werkes wurde mehrfach unterbrochen, denn Wagner war kein Eilfertigkeitsapostel. Weil ihn andere Projekte ablenkten, aber auch die Tagesaufgaben als Hofkapellmeister forderten und er sich zunehmend auch politisch betätigte, zog sich die Arbeit lange hin. Somit konnte er erst am 28. April 1848 die Niederschrift der Lohengrin-Partitur abschließen.

Seit wir am 19. Mai 2016 in der Semperoper die legendäre Lohengrin-Aufführung in der fast konservativen Mielitz-Inszenierung von 1983 mit Georg Zeppenfeld, Anna Netrebko, Piotr Beczala, Evelyn Herlitzius, Tomasz Konieczny, der Sächsischen Staatskapelle unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann erleben durften, besuchen wir jede Vorstellung der von uns sehr geliebten Wagner-Oper mit etwas gemischten Gefühlen. Dieses, mein Problem, konnte auch die musikalisch hervorragende Bayreuther Lohengrin-Premiere am 25. Juli 2018 nicht kompensieren.

Auf der Drehbühne des Theater Chemnitz war von Sebastian Ellrich und seinen Handwerkern dem Regieteam von Joan Anton Rechi eine gewaltige Achterbahn aufgebaut worden. Rechi, 1968 im Fürstentum Andorra geboren arbeitet seit 2011 mit dem aus Magdeburg stammenden Ellrich (Jahrgang 1984) zusammen.

Nun war Richard Wagner ohnehin nicht pingelig, wenn es um die Verschiebung historischer Gegebenheiten in Zeit und Raum ging. Und so muss er sich gefallen lassen, dass die Dramaturgin Carla Neppl seine Texte und seine Musik nutzt, um die sozialen und zwischenmenschlichen Probleme eines ansonsten wenig beachteten Kokons der Rummelplatzbetreiber zu thematisieren, damit aber auch gleichzeitig zu verallgemeinern. Das Theater Chemnitz bildete aus seinen Opernchören, einem Kinderchor und Gastsängern weiterer Chöre sowie der Statisterie eine beeindruckende Menschengruppe gebildet. Die Kostümbildnerin Mercè Paloma hatte die Gruppe mit Kleidung aus allen Bevölkerungsschichten ausgestattet.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier :  Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Mit ausgezeichnetem Gesang und guten darstellerischen Leistungen übernahm die Gruppe eine tragende Rolle in den ersten beiden Aufzügen. Nach ihrer Klassenzugehörigkeit agierten sie mit den Solisten und machten den ersten Akt mit dem sich ständig bewegenden Achterbahn-Vehikel zu einem kurzweiligen Spektakel. Besonders gefiel mir, dass beim Gottesgerichts-Streit der Kampfplatz weggedreht war und man Chormitglieder vom Gerüst, gleichsam wie beim Fußball des Chemnitzer SC, die Kämpfer anfeuerten. Spielstätte des zweiten Aktes war die Unterkunft der Betreiber der Rummelplatzattraktionen. Die Aktionen passten aber über weite Strecken in herkömmliche Inszenierungen, auch wenn die Liegestützaktionen und die Weitergabe eines Befehls des Königs per Smartphone konservative Besucher irritierten. Das löste sich erst auf, als der Schwan wieder auf der Bühne erschien und Telramund vier depressive Rentner von einer Gartenbank aufjagte. Diese vier „Edlen von Brabant“ teilten den Chor in aktive Pro- und Contra-Gruppen, die ihrerseits die Handlung vorantrieben.

Der dritte Aufzug bot trotz interessanter Personenführung wenig Neues. Erst als klar war, dass Ortruds Fluch eine Rückkehr des Bruders der Elsa ausschloss, wurde die Inszenierung richtig zeitgemäß: Lohengrin überreichte seiner Gattin die Macht-Insignien Brabants und ernannte sie zum Herzog. Die Achtung vor Wagners Text ließ leider die aktuelle Sprachgestaltun „zur Herzogin“ nicht zu.

Das musikalische Gerüst des Abends lieferte die Robert-Schumann-Philharmonie mit der musikalischen Leitung des bekennenden Wagnerianer Guillermo Garcia Calvo. Dabei erwies sich Calvo als zuverlässiger Partner des Regiekonzepts Rechis. Calvo ließ sich Zeit, jagte weder seine Musiker noch die Sänger durch die Partitur, baute damit aber durchaus auch Spannungen auf, leitete aber nicht immer sängerfreundlich. Neben einer guten Orchesterleistung der Robert-Schumann-Philharmonie begeisterten hörenswerte Gesangsleitungen mit ordentlichen Textverständlichkeiten.

Den Lohengrin verkörperte Mirko Roschkowski als einen ziemlich kalten, unsensiblen und weltlichen Partner der Elsa von Cornelia Ptassek. Stimmlich gut ausgestattet, besticht seine Bühnenpräsenz. Aber egal, wie sich Elsa verzweifelt mühte, er gab ihr keinen Halt.

Mit Cornelia Ptassek stand Rechi mit ihrem klangschön, kraftvoll geführtem Sopran eine ordentliche Elsa von Brabant zur Verfügung. Mädchenhaft, opulent bühnenpräsent und stolz agierte sie in den ersten beiden Akten. Ebenso überzeugend entwickelte sich ihre Verzweiflung zum Ende des dritten Aktes hin.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier :  Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Aber so sehr ich die Charaktere von Elsa und Lohengrin liebe, meine Lieblingscharaktere der Oper bleiben deren Antagonisten Ortrud und Telramund. Stéphanie Müther, am Haus als Brünnhilde bereits bestens eingeführt, war mit ihrem wilden Hass in jeder Geste und einer Stimme, die Zähne zeigte, eine schreckliche Gegnerin. Mit ihren ersten leisen Tönen im ersten Akt wird bereits deutlich, dass sie Elsa mit ihrem naiven Glauben keine Chance auf ein glänzendes Heldentum lässt. Mit ihrem finalen sich selbst entlarvenden Wutausbruch schuf sie vielleicht den sängerischen Höhepunkt des Abends.

Da war der Telramund  des Tschechischen Baritons Martin Bárta mit seiner noblen Stimme doch deutlich zurückhaltender, eher menschlich, aber von der Ortrud abhängig. Mit seiner ehrfurchtsvollen Auftrittsarie zurückhaltend lyrisch, beweist er, dass die Stimme in den Mittellagen durchaus zu umfangreichen Ausbrüchen fähig ist, so dass er den Ausfällen der Ortrud standhalten konnte. Warum er beim Schluss-Beifall so wenig bedacht worden war, hat sich mir nicht erschlossen.

Die der Wagner-Figur des König Heinrich zugedachten Episoden waren vom Haus-Bass Magnus Piontek mit ordentlicher Bühnenpräsenz und gut dosiertem Gesang geboten. Ebenso gut präsentierte sich Andreas Beinhauer als Heerrufer. Auch die vier als brabantische Edle ausgeschrieben Rollen waren mit dem kristallklaren Tenor Florian Sivers, dem leichten Haus-Tenor Till von Orlowski, dem zupackend profund dem Bass André Eckert und leichteren Bass Tommaso Randazzo  recht opulent besetzt.

Ordentliche Ovationen und die unvermeidlichen vereinzelten Buhrufe feierten Regieteam und die Bühnenbesatzung. Damit wird die Rechi-Inszenierung ihren Platz im interessanten Repertoire der Oper Chemnitz einnehmen.

—| IOCO KritikTheater Chemnitz |—

Dortmund, Oper Dortmund, LOHENGRIN von Richard Wagner, 30.11.2019

November 13, 2019 by  
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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

LOHENGRIN von Richard Wagner

Daniel Behle wird am Samstag, 30. November 2019, um 18 Uhr im Dortmunder Opernhaus sein Rollendebüt als Lohengrin in Richard Wagners Oper geben. Unter der Regie von Ingo Kerkhof und der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz werden außerdem Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Shavleg Armasi als Heinrich der Vogler, Stéphanie Müther als Ortrud sowie Joachim Goltz als Friedrich von Telramund zu sehen sein.

Theater Dortmund /  Lohengrin - Daniel Behle © Marco Borggreve

Theater Dortmund / Lohengrin – Daniel Behle
© Marco Borggreve

Großartige Sängerpersönlichkeiten geben mit dem LOHENGRIN ihr Debüt an der Oper Dortmund, allen voran der Sänger der Titelpartie, Daniel Behle, der u. a. bei den Bayreuther Festspielen brillierte. Ihm zur Seite steht die schwedische Sopranistin Christina Nilsson, die u. a. als Ariadne (ARIADNE AUF NAXOS) an der Oper Frankfurt reüssierte. Joachim Goltz (Friedrich), ein gleichsam routinierter wie ausdrucksstarker Wagner-Bariton, die stimmgewaltige Stéphanie Müther (Ortrud) sowie Shavleg Armasi (König Heinrich) komplettieren das hochkarätige Ensemble.

Theater Dortmund /  Lohengrin - Christina Nilsson © Peter Knutson

Theater Dortmund / Lohengrin – Christina Nilsson
© Peter Knutson

Elsa, die Tochter des Herzogs von Brabant, wird des Mordes an ihrem Bruder Gottfried beschuldigt. Ihre Kläger sind Telramund und Ortrud, die sie damit um ihre Herrschaftsansprüche bringen wollen. Der König überlässt das Urteil dem Entscheid Gottes, zwei Ritter sollen im Zweikampf sein Werkzeug sein. Elsa ruft dafür den Mann zu Hilfe, der ihr zuvor im Traum erschienen war. Wie durch ein Wunder erhört sie der strahlende Held und erkämpft Elsas Recht. Die Verlierer sinnen auf Rache – da kommt es ihnen gelegen, dass der Ritter ein großes Geheimnis um seinen Namen und seine Herkunft macht. Er hat eingewilligt, Elsa zu heiraten, wenn sie ihn niemals danach befragen wird. Sie lässt sich darauf ein, doch hinterlistig drängt Ortrud Elsa zu der verbotenen Frage und insistiert so lange, bis diese nachgibt. Die Folge ist fatal: Lohengrin verkündet, dass er der Sohn des Gralskönigs Parzival ist. Doch nach dieser Offenbarung muss er Elsa verlassen, die entseelt in den Armen des erlösten Gottfried zu Boden sinkt.

Zart und mit einer unglaublichen Schönheit beginnt der von Wagner selbst als „romantische Oper“ bezeichnete Lohengrin. Das Stück markierte eine neue Qualität in seinem Schaffen, so ist das Orchester mit seinem mal innigen, mal pathetischen Klang nun Träger des Bühnengeschehens. In seiner revolutionären Phase entstanden, verbindet Wagner darin historische Ereignisse mit seinen philosophischen Ideen und schafft so eine politische Parabel.

—| Pressemeldung Theater Dortmund |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.11.2018

November 27, 2018 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 „Wen sollen wir fragen, wem vertrauen?“ –   Die Lohengrin Inszenierung gibt viel zu sehen, viel zu hören – doch viel mehr Nachzudenkliches

Von Peter Schlang

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die Eröffnungspremiere der aktuellen Saison der Staatsoper Stuttgart von Richard Wagners letzter von ihm so genannter romantischer Oper liegt zwar schon fast zwei Monate zurück; leider war es dem lokalen IOCO – Korrespondenten nicht möglich, den „neuen Lohengrin“ damals zu sehen und zu hören. Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die zweitletzte Vorstellung – nicht nur dieses ersten Aufführungs-Zyklus, sondern dieser gesamten Spielzeit – am 3. November zu besuchen. Mit Blick auf die gerade begonnene Intendanz Viktor Schoners und auf die nach wie vor ungeminderte Bedeutung einer Wagner-Inszenierung, nicht zuletzt an einem so traditionsreichen Haus wie der Staatsoper Stuttgart (Der jetzt sanierungsbedürftige Littmann-Bau war 1912 mit dem Lohengrin eingeweiht worden), erscheint es aber sinnvoll und gerechtfertigt, auch jetzt noch ein paar Bemerkungen zu dieser Produktion zu machen. Zudem waren in deren Leitungs-Team durchweg – zumindest für Stuttgart – Debütanten angetreten, deren zwei wichtigste sicherlich der ungarische Regisseur Árpád Schilling und der neue Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister sind.

Lohengrin  –  Richard Wagner
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Der Regie des quasi im Exil lebenden Árpád Schilling merkt man an allen zentralen Stellen an, dass ihr Autor aus einem immer autoritärer regierten Land stammt und sich somit verständlicherweise intensiv mit sozialen und politischen Fragen wie denen nach der Freiheit, dem Ziel und der Zukunft von Gemeinschaften sowie den Chancen und Möglichkeiten von darin lebenden Individuen, nicht zuletzt im Bereich von Verantwortung und Führung, beschäftigt. So stellt er nicht nur die Frage nach der Herkunft Lohengrins und nach dem Verbot, diese zu erfragen, sondern frägt auch intensiv, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt, was sie zusammenhält und warum und woran sie letzten Endes zerbricht.

Dabei zweifelt er unmissverständlich an der Macht und Problemlösungs-Fähigkeit einzelner Führer und rückt bereits den Glauben der Masse an deren angebliches Charisma und die Hoffnung auf Hilfe oder gar Rettung durch sie in das Reich der Utopie.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Martin Gantner als Friedrich von Telramund, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Martin Gantner als Friedrich von Telramund, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Dies wird gleich zu Beginn an dem frappierenden Einfall deutlich, Lohengrin nicht durch einen Schwan und damit von außen in die gebeutelte Gemeinschaft der Brabanter bringen zu lassen. Bei Schilling kommt der ersehnte Retter vielmehr aus dem Innern des zu Hoffnung verdammten Volkes, wobei es mehrerer Anläufe bedarf, bis sich ein „Freiwilliger“ finden lässt, der schließlich und endlich bereit ist, diese schwierige und undankbare Rolle zu übernehmen. Und im letzten, überaus starken Bild zieht Lohengrin folgerichtig über zwei Stunden später auch nicht mittels Schwan in das Reich der Gralsritter zurück, sondern kehrt in die anonyme Masse seiner Landsleute zurück, die umgehend nach einem neuen Hoffnungsträger Ausschau halten und den nächsten Kandidaten in die Manege schubsen! Dass durch diese zentrale Deutung und Botschaft des Regisseurs manche gesungene und durch die projizierten Übertitel klar ins Bewusstsein der Opernbesucher drängenden Originalzitate – vor allem in der Schlussszene – unglaubwürdig und fast gar ins Lächerliche gezogen werden, erscheint dem Verfasser dieser Gedanken weit weniger verurteilenswert, als dies mehrere Rezensenten der Premiere fanden. Ja, der Erkenntniswert und die dramaturgische Wirkung dieser Regie-Einfälle rechtfertigen dieses Abweichen von der ja im Übrigen hier oft und stark (über-) strapazierten Vorlage Wagners durchaus.

Lohengrin  – HIER:  Interview mit Cornelius Meister
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
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Musikalisch bewegt sich die erste Stuttgarter Opernproduktion unter der Gesamt-Verantwortung Viktor Schoners auf sehr hohem Niveau. Cornelius Meister zaubert an diesem Abend vom ersten Takt der Ouvertüre an und lässt diese in jener luziden und flirrenden Aura strahlen, wie sie für Wagner und speziell für dessen Lohengrin als idealtypisch angesehen wird. Besonders hervorzuheben sind hierbei die wunderbaren, dunkel grundierten tiefen Streicher, allen voran die Kontrabässe, aber auch die vorzüglichen Blechbläser, bei denen wiederum den Hörnern die Krone gebührt. Dies soll aber in keiner Weise die Leistung der übrigen Orchestergruppen abwerten, von denen etwa die Holzbläser im zweiten Akt oder die Königs- und Reitertrompeten ganz besonders glänzen.

Als Kollektiv begeistert das Orchester aber nicht nur in den Vorspielen und anderen instrumentalen Passagen, sondern ist auch den Sängerinnen und Sängern ein aufmerksamer und verlässlicher Begleiter, der Solisten wie Chor wie selbstverständlich trägt und das Gesungene fast ständig durchhörbar und gleichberechtigt erscheinen lässt, ohne die Dynamik und Phrasierung zu vernachlässigen. Der Staatsopernchor überzeugt dabei auch unter seinem neuen Leiter Manuel Pujoll ohne jeden Abstrich und wird – egal in welcher Rolle und Besetzung – auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht. Ja, die Choristen sind wieder so überzeugend und zelebrieren allerfeinste Gesangskunst, als wollten sie beweisen, dass der ihnen gerade erneut zugesprochene Titel „Opernchor des Jahres“ wirklich nur diesem phänomenalen Gesangskollektiv gebührt.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Michael König als Lohengrin, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Michael König als Lohengrin, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Aber auch die Solisten, dieselben wie in der Premiere und bis auf drei Ausnahmen hauseigene Kräfte, überzeugen bis auf allerkleinste, höchstens punktuelle und damit zu vernachlässigende Trübungen und runden so das Bild einer homogenen, geschlossenen musikalischen Höchstleistung ab.

Dies gilt zu allererst für Michael König in der Titelrolle des Lohengrin, der sich seine anspruchsvolle, kräftezehrende Partie klug einteilt und nicht nur die Gralserzählung klangschön und mit betörendem Glanz meistert, sondern auch in den ruhigeren, nach innen gewandten Passagen keine Schwächen erkennen lässt.

Simone Schneider als Elsa ist ihm nicht nur in den Paarszenen eine ebenbürtige Partnerin, sondern überzeugt auch und gerade in ihren solitären Auftritten. Mit ihrem wandelbaren, jederzeit fein geführten Sopran, ihrer subtilen Dynamik und ihrer großartigen stimmlichen wie darstellerischen Gestaltungskraft gelingt ihr ein mitreißendes Rollendebut.

Ihre Gegenspielerin, die unaufhaltsam intrigierende Ortrud, wird von der Bayreuth-erfahrenen Okka von der Damerau mit jener Mischung aus Dämonie, Boshaftigkeit und Verführungskraft auf die Bühne gewuchtet, die nicht nur ihrem Mann Telramund keine Chance zur persönlichen Entfaltung lässt, sondern auch die Zuschauer das Fürchten lehrt. Dabei setzt sie ihre bewundernswerten stimmlichen Fähigkeiten ohne jede Rücksicht ein und gestaltet ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Martin Gantner als Telramund steht seiner (Ver-)Führerin weder stimmlich noch darstellerisch nach und zeichnet mit absoluter stimmlicher Genauigkeit und höchster mimischer Überzeugungskraft ein phänomenales, ja stellenweise geradezu erschütterndes Bild eines willenlosen, fremd-bestimmten Menschen.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Simone Schneider als Elsa von Brabant, Goran Juric als Heinrich der Vogler, Okka von der Damerau als Ortrud, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Simone Schneider als Elsa von Brabant, Goran Juric als Heinrich der Vogler, Okka von der Damerau als Ortrud, Staatsopernchor © Matthias Baus

Gegen solch wirklich betörenden, mit allen Wassern gewaschenen musikalischen Überzeugungstäter haben es Goran Juric als König Heinrich und Shigeo Ishino als sein Heerrufer allein rollenbedingt nicht leicht. Sie versuchen jedoch, das Beste aus dieser Situation zu machen und fügen sich letztendlich ohne große Abstriche in eine Sängerriege ein, wegen der es sich wirklich nicht lohnt, nach Bayreuth oder zu einem der anderen großen deutsche Opernhäuser in Berlin, Hamburg oder München zu reisen.

Am Ende dieser aufrüttelnden Produktion und nach manch beantworteten Fragen bleibt eine letzte große Frage im Raum, nämlich die, wem wir glauben und vertrauen sollen. Im Zusammenhang mit dieser Frage und vor der Folie des überall in Europa zu spürenden neuen Nationalismus und einer überwunden geglaubten Autoritätsgläubigkeit, ja Führerverehrung, kommt dem neuen Stuttgarter Lohengrin eine beklemmende Aktualität zu, die durch die starke Personenführung und die nachdenklich machenden Chorszenen noch an Eindrücklichkeit und Intensität gewinnt. So kann man den Opern- und Wagner-Fans, welche keine dieser ersten sieben Aufführungen besuchen konnten, nur raten, sich in Geduld zu üben und sich rechtzeitig um Karten für die Aufführungen in der nächsten Spielzeit zu kümmern.

Lohengrin an der Staatsoper Stuttgart: Keine weiteren Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Neuinszenierung des Lohengrin, IOCO Kritik

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Schwanenritter in Traumwelt paralleler Sphären

Neuinszenierung des Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen 2018

Von Patrik Klein

Die Bayreuther Festspiele begannen in diesem Jahr mit einer Neuinszenierung der romantischen Oper Lohengrin, die auf die zunächst kontrovers diskutierte und zuletzt vom Publikum geliebte Inszenierung Hans Neuenfels folgte, der die Gesellschaft als Ratten im Versuchslabor sah. Der junge amerikanisch-israelische Regisseur Yuval Sharon, der erst vor zwei Jahren nach dem Rücktritt von Alvis Hermanis in die bereits skizzenhaft erarbeitete Konzeption der erstmals für das Theater arbeitenden Künstler Neo Rauch und Ehefrau Rosa Loy einstieg,  verlegte die Handlung in Brabant aus dem 10. Jahrhundert in das reiche Holland des 17. Jahrhundert und bediente sich der Theaterästhetik des 19. Jahrhunderts. Die beiden Maler, die der „Neuen Leipziger Schule“ zugerechnet werden, hatten die Bühne in dominierende Delfter Blau-Facetten getaucht und mit Versatzstücken wie Transformatorenstation, stillgelegtes Elektrizitätswerk, Strommasten und Sumpflandschaft versehen.

IOCO  berichtet von der „Dernière“ auf dem Grünen Hügel

Yuval Sharon erzählte eine Geschichte von blindem Gehorsam und dem Versuch, sich davon zu emanzipieren. Er zeichnete eine korrumpierte Gesellschaft, die durch Elsas ambivalentes naiv-kritisches Handeln und Lohengrins archaische Kraft von Feuer und Elektrizität bestimmt, überwunden werden musste. In drei bildgewaltigen Aufzügen mit meist nur sanfter Bewegungsregie dominierte ganz besonders die musikalische Komponente mit einem überragenden Ensemble, Chor und Orchester unter der musikalischen Leitung Christian Thielemanns, der hiermit seine zehnte Wagneroper auf dem Grünen Hügel zur Aufführung brachte.

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin - 1. Aufzug - Musikalissche Leitung : Christian Thielemann, Inszenierung : Yuval Sharon, Bühne und Kostüme : Neo Rauch & Rosa Loy © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin – 1. Aufzug – Musikalissche Leitung : Christian Thielemann, Inszenierung : Yuval Sharon, Bühne und Kostüme : Neo Rauch & Rosa Loy © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Drei Wochen vor der Premiere der Neuinszenierung des Lohengrin kam mit einem Paukenschlag die Absage des vorgesehenen Titelhelden Roberto Alagna. Der italienisch-französische Star-Tenor sagte kurzfristig den Bayreuther „Lohengrin“ ab. Er habe den Text aus Zeitmangel nur bis zum zweiten Akt einstudieren können. In den Medien herrschte kurzzeitig völliges Unverständnis und Kopfschütteln. Die Leitung der Bayreuther Festspiele präsentierte während der bereits laufenden Proben als „Einspringer“ den polnischen Star-Tenor Piotr Beczala, der bereits im Mai 2016 an der Dresdner Semperoper als Lohengrin an der Seite von Anna Netrebko und vielen anderen namhaften Sängerinnen und Sängern brillierte. Die Neuproduktion auf dem Grünen Hügel war erstklassisch besetzt mit Anja Harteros (Elsa von Brabant), Georg Zeppenfeld (Heinrich der Vogler), Tomasz Konieczny (Friedrich von Telramund), Egils Silins (Heerrufer des Königs), den vier Edlen Michael Gniffke,  Eric Laporte, Kai Stiefermann, Timo Riihonen und der lebenden Legende Waltraud Meier, die noch einmal nach 18 Jahren Abstinenz und auf ausdrücklichen Wunsch von Katharina Wagner und Christian Thielemann als Ortrud auf den Grünen Hügel zurückkehrte. Das damalige Zerwürfnis mit Wolfgang Wagner war längst abgehakt und vergessen. Sie wollte nun als 62-jährige Künstlerin eine letzte Ortrud in Bayreuth darstellen mit dem persönlichen Gefühl: „Abschließen, abgeben, loslassen“.

Entstehung
Richard Wagners romantische Oper Lohengrin spielt vor einem historischen Hintergrund in Brabant in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Die Uraufführung fand am 28. August 1850 in Weimar unter der Leitung von Franz Liszt im Großherzoglichen Hoftheater statt. Wieder vereinte Richard Wagner zwei verschiedene Sagenkreise zu einer eigenen neuen Handlung: den um den Gral und den um den Schwanenritter. Grundlage des Stoffes ist die Gestalt des Loherangrin in Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem Versepos Parzival.

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin - Piotr Beczala - Musikalissche Leitung : Christian Thielemann, Inszenierung : Yuval Sharon, Bühne und Kostüme : Neo Rauch & Rosa Loy © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin – Piotr Beczala – Musikalissche Leitung : Christian Thielemann, Inszenierung : Yuval Sharon, Bühne und Kostüme : Neo Rauch & Rosa Loy © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Handlung – Erster Aufzug
Das Vorspiel stellt die Aura des Grals dar. König Heinrich der Vogler sitzt auf einer Aue am Ufer der Schelde unter einer Gerichtseiche, um Heerschau und Gerichtstag im Fürstentum Brabant zu halten. Er teilt seine Absicht mit, für einen Krieg gegen die Ungarn ein Heer zu sammeln, an dem sich auch Brabant mit Soldaten beteiligen soll. Er hat erfahren, dass ein Streit um die Erbfolge im Herrscherhaus entbrannt sei. Er ruft daher Friedrich von Telramund zur Aussage vor Gericht. Dieser ist der Erzieher Elsas und Gottfrieds, der Kinder des verstorbenen Herzogs von Brabant. Telramund sagt aus, Gottfried sei auf einem Spaziergang mit seiner Schwester im Wald verschwunden. Er klage sie daher des Brudermordes an, obwohl sie ihm eigentlich als Braut versprochen war. Er selbst habe Ortrud, die letzte Nachfahrin des Friesenfürsten Radbod, geheiratet. Daher beanspruche er zusätzlich die Fürstenwürde von Brabant. Vom König zur Tat befragt, sagt Elsa nur „Mein armer Bruder“. Sie erklärt, dass ihr im Traum ein Ritter erschienen sei, der sie schützen und verteidigen werde. König Heinrich ordnet einen Gerichtskampf als Gottesurteil an. Auf die Frage, wer sie im Kampf vertreten soll, sagt Elsa, ihr werde der gottgesandte Streiter zur Seite stehen, den sie im Traum gesehen habe. Auf den königlichen Aufruf der Streiter meldet sich zunächst kein Kämpfer für Elsa. Erst als sie selbst betet, erscheint ein Boot, das von einem Schwan gezogen wird. Darauf steht ein fremder Ritter in heller Rüstung. Dieser will nicht nur für Elsa streiten, sondern hält zugleich um ihre Hand an. Beides ist jedoch mit der Bedingung verknüpft, niemals nach seinem Namen und seiner Herkunft zu fragen. Den Versammelten verkündet der Ritter, dass Elsa von Brabant schuldlos sei. Es kommt zum Zweikampf, in dem der Unbekannte den Grafen von Telramund besiegt. Der Fremde verzichtet darauf, Telramund zu töten. Unter allgemeinem Jubel sinkt Elsa ihrem Retter in die Arme.

Bereits im Vorspiel schärft ein berauschendes Blau die Sinne des Zuhörers. Ganz zart eröffnet die Querflöte die Oper. Das Festspielorchester lässt das märchenhafte Ambiente des Grals vernehmen. Sanft führen die samten klingenden Streicher in die Sphären der Vorgeschichte ein. Dann erschallen die Bläser absolut rein und präzise. Das Dirigat von Christian Thielemann lässt schon jetzt Großartiges in der Musik der kommenden knapp vier Stunden erahnen. In der ersten Szene vor einem riesigen blauen Halbrund steht eine Art Energiequelle in Form einer Transformatorenstation mit Strommasten und Blitzableiter und herumliegenden übergroßen Isolatoren. Neo Rauchs 2015 erschafftes Gemälde „Der Former“ diente hierbei als Impulsgeber. So entsteht eine Traumwelt mit skurrilen Bildern wie in einem eigenen Traum des Betrachters, eine Art Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Brabanter Gesellschaft lauscht voller Spannung dem Heerrufer und dem König von Brabant. In mottenflügelbehafteten, blaugetünchten, elfenartigen Kostümen stehen die Protagonisten vor einem in blau schimmernden Abendhimmel. In einer Atmosphäre, die an Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ erinnert, lassen Georg Zeppenfeld des Königs und Egils Silins des Heerrufers Stimme erklingen. Aufgeregt und mit stachelartig besetzter Halskrause tritt der Bösewicht Telramund glaubhaft verkörpert und gesungen von Tomasz Konieczny in Erscheinung  und beschuldigt Elsa des Brudermordes. Argwöhnisch blickend taucht im Hintergrund am Eingang des Transformatorhauses seine Gattin Ortrud auf. „Seht hin! Sie naht, die hart Beklagte“ erschallt erstmals der musikalisch überragende Festspielchor, der gewohnt präzise und raumfüllend jeden Ton und jede Phrase singt. Die Bühne erscheint wie ein gemaltes Bild auf einer Staffelei. Häufig werden die Bewegungen des Chores eingefroren (freezing), um so diesen bildlichen Effekt zu verstärken. Elsa wird an Fesseln hereingeführt in ihrem hellblauen Gewand mit kleinen Flügeln, die die märchenhafte Szenerie unterstreichen. Die Frauen dieser „Mottengesellschaft“ haben deutlich kleinere Flügel als die herrschenden Männer. Sie taugen nicht zum Fliegen. Ihnen allen gemeinsam ist die Sehnsucht nach Licht und Energie. Glaubhaft und berührend gesungen von Anja HarterosEinsam in trüben Tagen…“ fleht sie mal am Boden liegend,  mal die Isolatoren umarmend zu Gott, am Seil von zwei Brabantern gehalten, sehnt das Kommen des Retters und Fürstreiters herbei. Einige Brabanter bringen bereits erste Holzscheite für eine mögliche Exekution Elsas herbei. Telramund macht sich am Seil Elsas zu schaffen und fordert mit weiteren üblen Anschuldigungen zum Gottesgericht. Blitze zucken, das Transformatorenhäuschen erbebt, Elsa fleht mit hoch erhobenen Armen und sinkt zu Boden. Im Kern der Energie der Trafostation erscheint Lohengrin in taubenblauem Monteursanzug, (noch) ohne Insektenflügel. Das Volk ist hingerissen angesichts der unerwarteten Erscheinung. Vergeblich sucht man einen Schwan, findet auf dem Trafodach ein flügelandeutendes, glitschig-weiß strahlendes Objekt als Symbol aus einer anderen Welt. Lohengrin wirkt, als stehe er unter „Erlösungsdruck“ und dem Willen, endlich aus seiner Gralsritterrolle herauszukommen. Kann er seine Chance nutzen? Mit gesenkten Köpfen empfangen die Brabanter den unbekannten Ritter. Bei der Warnung vor der Frage nach seiner Herkunft tritt Ortrud hervor und bildet mit Telramund sowie Lohengrin mit Elsa zwischen den in den Boden gerammten Schwertern ein magisches Quadrat. Das „gute“ und das „böse“ Paar bilden eine seltsame, märchenhaft verklärte Konstellation. Lohengrin geht mit einem Blitzsymbol in den Kampf mit Telramund. Die Brabanter Gesellschaft wirbelt wild und unschlüssig wirkend umher. Adrenalin-gefüllt nimmt Telramund den Kampf mit Lohengrin auf. Blitz und Schwert überkreuzen sich. Das Volk verteilt sich sitzend um das abgesteckte Kampfterrain. In der düsteren Stimmung fliegen die beiden Kontrahenten an Seilen geführt wie Insekten durch das Halbrund der Szenerie. Telramund unterliegt und verliert einen Flügel. Alle preisen Gottes Sieg. Elsa und Lohengrin triumphieren. König Heinrich hält die Spitze eines Isolators und lässt Lohengrin durch anbringen eines Flügelpaares zum Teil der Neuordnung suchenden Gesellschaft werden. Ortrud und Telramund sind scheinbar am Boden zerstört.

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin - 2. Aufzug-Musikalissche Leitung : Christian Thielemann, Inszenierung : Yuval Sharon, Bühne und Kostüme : Neo Rauch & Rosa Loy © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin – 2. Aufzug-Musikalissche Leitung : Christian Thielemann, Inszenierung : Yuval Sharon, Bühne und Kostüme : Neo Rauch & Rosa Loy © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Handlung – Zweiter Aufzug
Am folgenden Tag beklagt Graf Friedrich von Telramund den Verlust seiner Ehre und bezichtigt seine Gattin, ihn zur Falschaussage gegen Elsa verführt zu haben. Ortrud beschuldigt ihn der Feigheit gegenüber dem fremden Ritter, in dem sie keineswegs einen von Gott gesandten Helden erblickt, sondern ein menschliches Wesen. Den widerstrebenden Telramund überzeugt Ortrud davon, dass ihm Unrecht getan wurde und der Fremde den Zweikampf nur mit Hilfe eines Zaubers habe gewinnen können. Die beiden beschließen, Elsa zu verleiten, ihrem Helden die verbotene Frage nach „Nam’ und Art“ zu stellen. Für den Fall, dass dies missglücke, rät Ortrud zur Anwendung von Gewalt gegenüber dem fremden Helden. Kurz darauf erblicken sie Elsa. Telramund zieht sich auf Drängen seiner Gattin zurück. Ortrud gibt sich scheinbar reuevoll gegenüber Elsa, die kurz vor ihrer Hochzeit steht, und schafft es, Elsas Mitleid zu erregen und in den Palast eingelassen zu werden. Triumphierend ruft sie die „entweihten Götter“ Wodan und Freia um ihren Beistand an. Arglos ist Elsa nur zu gern bereit, allen und auch Ortrud zu verzeihen. In einem vertraulichen Gespräch vor der Pforte deutet Ortrud an, es könne ein dunkles Geschick sein, aus dem heraus der Fremde gezwungen sei, seinen Namen zu verbergen. Elsa weist allen Zweifel von sich und nimmt Ortrud zu sich in den Palast. Der Heerrufer des Königs ruft die Brabanter zusammen und verkündet, dass Telramund, wie es die Gesetze erfordern in Acht und Bann gefallen sei. Der „fremde, gottgesandte Mann“ aber soll als „Schützer von Brabant“ mit dem Herzogtum belohnt werden. Der Heerrufer kündigt an, dass der Fremde sich noch am selben Tage mit Elsa vermählen werde, um am nächsten Tag die Brabanter anzuführen und König Heinrich auf dem Kriegszug zu folgen. Am Rande der Szene äußern vier brabantische Edle ihren Missmut über die Beteiligung an Heinrichs Feldzug gegen eine weit entfernte Bedrohung. Telramund taucht auf und teilt mit, dass er den Fremden am Feldzug hindern könne und dass dieser das Gottesgericht durch einen Zauber verfälscht habe. Aus der Burg bewegt sich der Brautzug mit Elsa auf das Münster zu. Er hat gerade die Stufen vor dem Portal erreicht, da vertritt Ortrud Elsa den Weg und verlangt den Vortritt für sich mit der Begründung, dass sie einem geachteten Geschlecht entstamme, während Elsa noch nicht einmal in der Lage sei, den Namen ihres Gatten zu nennen. Elsa weist sie unter Hinweis auf die Reichsacht, der ihr Gatte verfallen sei, zurück. König Heinrich erscheint mit dem Fremden, und Ortrud muss vor diesem zurückweichen. Der geächtete Telramund erscheint und klagt den Fremden des Zaubers an, aber die Klage wird abgewiesen. Der Geächtete redet auf Elsa ein, die verbotene Frage zu stellen, doch Elsa ringt sich zu einem erneuten Vertrauensbeweis gegenüber ihrem Helden durch. Der Hochzeitszug zieht mit dem Fremden und der verunsicherten Elsa ins Münster ein.

Düster beginnt der zweite Aufzug in Sharons Neuinszenierung mit einem blauen Gazevorhang vor einer schummrigen Heidelandschaft. Dunkle Wolken ziehen am Horizont auf. Telramund tritt in schwarz gehüllt mit nur noch einem Flügel behaftet hervor, den Lohengrin ihm beim Kampf abschlug. Ortrud umgarnt ihn im wahrsten Sinne des Wortes, um seine erlittene Schmach vergessen zu machen und seine Feigheit in alten Machtanspruch zu wenden. Kulissenteile, Schilfgras, Blitzableiter auf einem Turm verschieben sich. Die Überzeugungskunst Ortruds trägt erste Früchte. Nur Telramund kann des Gralsritters Geheimnis offenlegen und seinen Sieg beim Gotteskampf als bösen Zauber entlarven. Gemeinsam schwören sie Rache. Im Blitzableiter-bekrönten Turm erscheint Elsas Portrait im schmalen Fenster. Betörend singt Anja Harteros  „Euch Lüften, die mein Klagen…“. Die Saat des Zweifels, durch Ortrud gestreut, kann aufgehen. Ortrud zieht alle Register ihrer Überzeugungskunst und erfleht dabei die Hilfe ihres Gottes Wodan. Elsa tritt aus ihrer sicheren Behausung hervor und zeigt bereits deutlich ihre Zweifel an Lohengrins Identität. Die „Giftpfeile“ ihrer Kontrahentin beginnen ihre Wirkung zu zeigen und die naiv-kindlichen Belange Elsas zu verändern. Telramund erscheint und triumphiert: „So zieht das Unheil in dieses Haus…“. Im Zwischenspiel hebt sich der Gazevorhang und gibt den Blick frei auf die Brabanter Gesellschaft, die wie in einem Bild von Rembrandt vor Blau und komplementärem Orange im Hintergrund erscheint. Ein Künstler steht hinter seiner Staffelei und malt das gerade entstandene Bühnenbild. Später wird er es dem Betrachter zeigen. Die traumandeutende Transzendenz des Blaus und die komplementäre realitätsbezogene Bodenständigkeit des Oranges können hier ihre volle Wirkung entfalten. Noch einmal ächten die Brabanter Telramund, verfluchen seine Tat. Das Volk ist aufgebracht und lässt sich kaum beruhigen. Das neue Paar Elsa und Lohengrin wird als Schützer von Brabant jubelnd gezeichnet und die Hochzeit heraufbeschwört.  Ortrud erscheint in blau-weißer Robe festlich gekleidet. Das Volk wirft in gleicher Farbe Konfettiherzen in einer märchenhaft anmutenden Szenerie. Auch die mögliche Thronfolgerin Elsa erscheint, schreitet über das gestreute Konfetti währenddessen Ortrud die „politisch Grauenvolle“  sie erneut „Giftspritzen“ verteilend anklagt. Das Volk ist entsetzt. Selbstbewusst beginnt sich Elsa zu wehren. Erneut gelingt es Ortrud bei Allen Zweifel zu säen und fordert, den Namen des Unbekannten zu nennen. Der König und Lohengrin nahen. Der mittlerweile insektenbeflügelte Beschuldigte und Teil der Brabanter Gesellschaft werdende Lohengrin konfrontiert Ortrud selbstbewusst und kraftvoll mit ihrer hinterlistigen Intrige. Er nimmt Elsas Hand und führt sie zum König. Telramund platzt herein und spielt seine letzte Trumpfkarte aus. Er klagt den unehrenhaften Neuling der Gesellschaft des Zaubers an. Lohengrin soll endlich seinen Namen und seine Herkunft nennen.  Wieder stecken vier Schwerter als Zeichen des Gottesgerichts im Boden. Lohengrin wehrt sich und richtet sein Vertrauen an Elsa, die als einzige zu dieser Frage berechtigt ist. Auf Geheiß König Heinrichs sollen alle dem ausgemachten Brautpaar die Ehre erweisen. Doch es ist zu spät. Elsas Verlangen nach Ausbruch aus ihrer gesellschaftlichen Enge ist zu groß geworden. Lohengrin nimmt Elsas Hand und schreitet mit ihr ins Off. Das Volk wirkt trotz Jubels angesichts des neuen Brautpaares ratlos.

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin - Chor der Bayreuther Festspiele mit Chordirektor Eberhard Friedrich © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin – Chor der Bayreuther Festspiele mit Chordirektor Eberhard Friedrich © Patrik Klein

Die Handlung – Dritter Aufzug
Das frischvermählte Paar zieht unter der Musik des Brautmarsches in das Brautgemach ein. Es kommt zum ersten vertraulichen Gespräch der beiden. Elsa sagt, dass sie auch dann zum unbekannten Gatten halten würde, wenn Ortruds Verdacht zuträfe. Dieser möchte sie beruhigen und weist auf seine hohe Herkunft hin, die er für sie aufgab. Elsa befürchtet, ihm nicht zu genügen und ihn eines Tages zu verlieren. Und so fragt sie den Ritter nach seinem Namen. In diesem Moment dringt Telramund in das Gemach ein. Es kommt zu einem Kampf, in dessen Verlauf Telramund vom Fremden erschlagen wird. In der letzten Szene ist das Volk versammelt, um das versammelte Heer und König Heinrich zu verabschieden. Die vier Edlen bringen den Leichnam Telramunds vor den König. Der Fremde klagt Telramund des Hinterhaltes und Elsa der Untreue an. Sie habe ihm die verbotene Frage nach seinem Namen und seiner Herkunft gestellt, und er müsse sie nun beantworten. Er könne daher weder als Gatte noch als Heerführer in Brabant bleiben. Dann schildert er seine Herkunft. Er erzählt vom Gralspalast Montsalvat und der göttlichen Kraft, die den Hütern des Grals gegeben werde, solange sie unerkannt für das Recht kämpften. Wenn sie aber erkannt würden, müssten sie die von ihnen Beschützten verlassen. Er selbst sei der Sohn des Gralskönigs Parzival und sein Name sei Lohengrin. Der König werde aber auch ohne ihn die Ungarn besiegen. An Elsa gewandt berichtet Lohengrin weiter, dass es nur eines Jahrs bedurft hätte, und Gottfried wäre nach Brabant zurückgekehrt. Trotz Elsas Flehen und des Königs Drängen kann Lohengrin nicht bleiben. Der Schwan mit dem Boot kehrt zurück und nimmt Lohengrin mit sich. In schrecklichem Triumph ruft Ortrud aus, sie habe den Schwan wohl als den verschwundenen Gottfried erkannt, den sie selbst verzaubert habe. Auf Lohengrins Gebet wird Gottfried bereits jetzt, noch vor Ablauf der Jahresfrist, erlöst. Der Kahn, in dem Lohengrin unendlich traurig scheidet, entfernt sich. Ortrud sinkt mit einem Schrei tot zu Boden, Elsa stirbt an psychischer Erschöpfung und das Volk bekundet sein Entsetzen.

Der dritte Aufzug beginnt zunächst mit geschlossenem Vorhang während des Vorspiels. Das Festspielorchester nimmt mit dem Hochzeitsmarsch Fahrt auf. So temporeich, brillant und funkensprühend hat man es sicher lange nicht gehört. Die Bühne zeigt eine Küstenlandschaft mit Schilf, Gräsern und dunklen Wolken in Blautönen. Sie ist zunächst menschenleer. In der Bühnenmitte steht ein Strommast vor einem Transformatorhäuschen. Von den beiden Seiten erscheinen die Brabanter und pilgern zu ihrer Energiequelle. Ganz in Weiß gekleidete Brautjungfern beschwören die Energie und ziehen das Haus auf die Rückseite drehend nach vorne. In komplementärem Orange wird das Brautpaar vor grell leuchtendem Isolator, der vor dem Brautbett steht sichtbar. Man spürt, dass von diesem Ort viel Kraft für eine Veränderung ausgehen könnte. „Das süße Lied verhallt…“ Im Duett Lohengrins mit Elsa lesen beide aus einem Buch, als ob sie hier eine Lösung für die entstandenen Probleme entnehmen könnten. „Fühl ich zu Dir so süß mein Herz entbrennen…“ Elsa und Lohengrin singen ergreifend im grellen Schein der orangeleuchtenden Kräfte des Brautgemachs. Elsa beginnt ihre Zweifel zu formulieren und möchte mit ihrem Gatten darüber reden. „Atmest Du nicht mit mir die süßen Düfte…“ Der Gralsritter versucht mit seiner ganzen Überzeugungskraft Elsa von der verbotenen Frage abzuhalten. Mit einem orangefarbenen Seil beginnt Lohengrin Elsa am Isolator zu fesseln. Zunächst versucht sie sich zu wehren, doch sie verstrickt sich immer mehr in diesen Fängen. Ihre Verzweiflung wächst und sie versucht sich zu befreien. Für Elsa erscheint die Aussichtslosigkeit ihrer Beziehung Form anzunehmen. Es beginnt zu blitzen. Sie sieht im Wahn ihren Bruder Gottfried. Im Hintergrund schleicht sich Telramund in die Szene. Elsa stellt die verbotene Frage. Das Licht der Trafostation erlischt. Atemlose Stille und Spannung entsteht durch eine lange Pause des Festspielorchesters. Lohengrin im Brautbett kriechend ist am Boden zerstört. Telramund wird durch einen Kurzschluss getötet und bleibt auf der Treppe des Brautgemachs liegen. Lohengrin wird sein Geheimnis preisgeben. Seine Vision verkörpert durch den Gral wird scheitern. Seine Vorstellungen von Erneuerung kann er nicht an die Gesellschaft weitergeben. Die schallenden Bläser verkünden die Ankunft des Königs. Nur noch ein paar Leitungen auf beinahe leerer Bühne sind zu erkennen. Leuchtende Mottenkörper auf Speerspitzen erhellen die Szene. Telramunds abgeschlagener Flügel wird hereingebracht. Traurig erscheint Elsa im orangefarbenen Kleid. Der Gralsritter tritt wieder im fahlblauen Monteuranzug mit Blitzsymbol in den Händen herein. Seine Kraft und Energie haben sichtbar abgenommen. Er klagt erneut Telramund des Mordversuchs an ihm an und rechtfertigt seinen Tod. Resigniert stellt er Elsa bloß, da sie ihm die Frage nach seiner Herkunft stellte. Nach der Gralserzählung, die Piotr Beczala atemberaubend singt, ist er völlig energielos. „Mir schwankt der Boden…“ Elsa sieht den „Schwan“ kommen. Mit dem Blitzsymbol verschwindet Lohengrin wieder zu seinem Ursprung. Die Mottenlichter blinken in der Dunkelheit. In einem auf Elsas Rücken befindlichen Korb verbleiben Horn und Ring Gottfrieds. Die entsetzte Gesellschaft erstarrt. Ortrud wird in Fesseln zum Scheiterhaufen geführt. Elsas Bruder Gottfried erscheint als Führer von Brabant in neuer, Hoffnung machenden Farbe Grün, gesichtslos unter einem Hut mit blinkendem grünen Zweig. Elsa überwindet ihre Enttäuschung und verlässt an der Seite des Bruders die korrupte, nicht lebensfähig gewordene Gesellschaft.  Die blauen Farben verblassen, verwelken und sind zu Ende. Eine neue, andere Farbenwelt kann beginnen. Der Vorhang fällt.

Das gesamte Ensemble und der Chor der Bayreuther Festspiele (Einstudierung Eberhard Friedrich) wurden zu Recht vom Publikum frenetisch gefeiert.

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin - Schlussapplaus Lohengrin © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele 2018 / Lohengrin – Schlussapplaus Lohengrin © Patrik Klein

Piotr Beczala triumphierte als Lohengrin und Retter der Produktion. Seine lyrische Stimme aus komponierter Feinheit und Nobles verbindet auf einzigartige Weise Leichtigkeit mit Kraft. Sie strahlte hell und klang doch warm und natürlich. Und seine Phrasierung kombiniert italienische Gesangstechnik mit einem phantastisch textverständlichen Deutsch. Mit bewusst eingesetzten Kraftreserven gestaltete er menschlich und berührend das Scheitern des strahlenden Gralsritters. Einer der besonderen Höhepunkte war die Gralserzählung, die er im Liegen fast unhörbar leise begann und sich mit höchster Stimmkontrolle und wunderbarem Legato scheinbar mühelos in die finalen Fortissimophrasen steigerte.  Mit einer klugen Zukunftsplanung ohne Ambitionen auf weitere, noch schwierigere Wagnerpartien, darf man sich auf einige Lohengrins in den kommenden Jahren freuen.

Anja Harteros, eine der größten Sopranistinnen unserer Zeit,  gestaltete die Elsa grandios mit intensiver Bühnenpräsenz, perfekter Stimmführung und absolut bewundernswerter musikalischer Sensibilität. Sie legte die leichte Nervosität, die sie noch in der Eröffnungspremiere hatte ab und gestaltete die Partie detailliert, feinfühlig, in der Intonation äußerst präzise und mit absolut sicherem und jugendlich frischem Glanz. Man spürte bei dieser fünften und letzten Aufführung in diesem Jahr, dass sie diese Partie mit großer Lust und Identifikation mit der Figur der Elsa sang.

Mit großer Spannung erwartete man Waltraud Meier als Ortrud. Erneut wurde schnell klar, dass man sich vor dieser großen Künstlerin dankbar verneigen muss. Sie ist eine sehr leidenschaftliche und auch ungewöhnlich kluge Sängerin, die genau weiß, wie sie die Kräfte einteilen muss. Ihre Stimme leuchtete nach so vielen Jahren immer noch und sie fand immer wieder die richtige Stimmung und Farbgebung. Über einhundert Mal hat sie auf der Bühne der Bayreuther Festspiele gestanden. In der von IOCO Kultur im Netz besuchten letzten Aufführung des Lohengrins nun zum letzen Mal überhaupt. Das Publikum überhäufte sie mit dem größten Applaus des Abends voller Dankbarkeit und Hochachtung.

Ihr Gemahl und Verbündeter in Sachen Machtergreifung war der polnische Bariton Thomasz Konieczny, der als Telramund einen  brachialen Super-Power-Bösewicht gab, dessen Kraft und Unerbittlichkeit besonders in den Duetten mit Elsa und Ortrud ungeheure Energie durch stimmliche Gestaltung beinahe körperlich fühlbar machte. Auch er hatte bei der Eröffnungspremiere einige Stellen, an denen ihm inhaltlich jedoch nur die sehr textsicheren Wagnerenthusiasten folgen konnten. In der von IOCO Kultur im Netz besuchten letzten Vorstellung war auch ihm die leichte Nervosität genommen und er sang seine Partie wie gewohnt mit Bravour.

Mit sicherem Bass geriet Georg Zeppenfeld als König Heinrich zum geforderten Ruhepol der Handlung. Mit dunkler Schwärze, hoher Textverständlichkeit, kraftvoller Stimmführung und sicheren Höhen unterstrich er die Autorität seiner Rolle. Er hatte an diesem Abend mehr als 50 Vorstellungen in seinen Paraderollen auch als Gurnemanz im Parsifal und als König Marke in Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen gegeben. Dafür bekam er vom Publikum einen entsprechend großen Fußgetrampelapplaus.

Die übrigen Sänger und hier besonders Egils Silins als Heerrufer des Königs sowie die vier Edlen Michael Gniffke,  Eric Laporte, Kai Stiefermann und Timo Riihonen komplettierten das Ensemble zu einer insgesamt überragenden musikalischen Vorstellung.

Christian Thielemann ließ bei seiner nunmehr zehnten Bayreuth-Premiere alle Potenziale seines großartigen Festspielorchesters erkennen. Er nutzte den Mischklang des verdeckten Orchestergrabens und ließ die Musik ganz besonders bei den zahlreichen Pianostellen in vollem Glanz strahlend erklingen. Wohl kaum jemand hat die Akustik des Festspielhauses derart im Griff wie der musikalische Direktor Christian Thielemann. Meisterhaft disponiert er Wagners Dynamik und Klangmischungen. Er sorgte im Graben für eine betörende, ja sogar manchmal atemberaubende Balance und Präzision.

Das Publikum dankte es den Mitwirkenden mit minutenlangen Bravostürmen und Getrampel.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

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