Essen, Aalto-Theater, Eine Nacht in Venedig – Strauss – Korngold – Klimek, IOCO Kritik, 16.09.2018

September 19, 2018 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

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Eine Nacht in Venedig – Ein Opernhappening

Johann Strauss – Erich Wolfgang Korngold – Bruno Klimek

Von Viktor Jarosch

„Leichte Theater-Kost“ attraktiv zu inszenieren ist wahrlich schwer: Eine Nacht in Venedig  ist solch vermeintlich leichte Theater-Kost. Aalto-Intendant Hein Mulders benötigte 5 Jahre, um diese, seine erste Operetten-Produktion auf die Bühne des Aalto-Theaters zu bringen.

Eine Nacht in Venedig
Youtube Trailer Aalto Theater Essen
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Glatteis und Schnee  in Venedig dominiert die moderne Inszenierung von  Bruno Klimek, welche Klischees, alte wie neue, verlässt und mit Slapstick, Video, farbigen Dialogen und einem bunten Reigen szenischer Überraschungen den Besucher bannt.  Bruno Klimek, Professor an der nahen Essener Folkwang Universität, toppt vergangene Strauß und Korngold Fassungen von Eine Nacht in Venedig  mit einer neuartig faszinierenden Essener Fassung. Eine lebendige Bühnen-Show voller Esprit wird geboten. So führt die Titulierung der Essener Fassung als „Operette„, auch im Programmheft des Aalto-Theater, offene Erwartungen ein wenig ins Abseits.

Die 1883 uraufgeführte  Nacht in Venedig zeigt schmunzelnd modern nicht enden wollende Irrungen und Wirrungen amüsierfreudiger Frauen wie Männer zum Karneval in Venedig um 1800. Allerdings, die Intrigen um die Entstehung dieser Operette reichen schon für eine eigene Operette. Der Grund: Johann Strauss´ Operetten wurden alle in Wien uraufgeführt; zumeist im Theater an der Wien; so auch 1874 die Fledermaus; doch, Johann Strauß‘ zweite Ehefrau, die 25 Jahre jüngere Angelica Dittrich, „Lily“, hatte, als Eine Nacht in Venedig 1882 entstand, ein Verhältnis mit Franz Steiner, dem Direktor des Theater an der Wien. So leitete Johann Strauß, auch am Pult, die Uraufführung von Eine Nacht in Venedig 1883 nicht in Wien sondern teilweise „verberlinert“, in Berlin; die Uraufführung in Berlin wurde ein Flop. Die Operette wäre, trotz Anpassungen, wohl untergegangen, hätte nicht Erich Wolfgang Korngold um 1930, über 45 Jahre später, die verschiedenen Straußschen Urfassungen für moderne Theaterbühnen „veropert“ und mit eigenen Kompositionen wie  mit „Sei mir gegrüßt, holdes Venezia“ für Richard Tauber bereichert. So wurde im Aalto-Theater nicht die Straußsche Urfassung sondern die Korngold-Fassung  gespielt. Bruno Klimeks erhebliche wie aktuelle Werkbearbeitung  wirkt wie die Transponierung, wie ein Sprung der Korngold-Fassung in die Moderne, in das 21. Jahrhundert.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Ciboletta rutscht auf dem vereisten Markusplatz aus waehrend ein Luxusliner in Venedigs Hafen einfaehrt © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Ciboletta rutscht auf dem vereisten Markusplatz aus waehrend ein Luxusliner in Venedigs Hafen einfaehrt © Joerg Landsberg

Klimeks  Essener Fassung beherrscht auch den Verwechslungswirrwarr, nicht aber den  Karneval oder Commedia dell´arte. Eine Nacht in Venedig mutiert in Essen durch  Umdichtungen, gestrafften Texten, Gags, Clownerien und oft skurrilen Choreographien zu einem modernen Happening. Klimek:Das Stück ist ein großer, ironischer Abgesang auf die ganze „Gockelherrlichkeit“; der Herzog ist ein überzeichneter Superstar: Es ist Satire, nicht genaues Abbild des Lebens“. Klimek macht in seiner Essener Fassungdie Frauen viel schlauer, stärker als die Männer, ähnlich der Csardasfürstin, der Lustigen Witwe oder Adele “. Klimek:Bei Eine Nacht in Venedig folgt ein Hit dem anderen…  es ist nicht verwunderlich, dass Operette wieder im Kommen ist“.

Der Blick des Besuchers gleitet im ersten Bild (Bühne Jens Kilian) über den  vereisten weiten Markusplatz von Venedig; das angrenzende Meer mit farbigen, stetig wandernden Wolkenformationen am Himmel zeichnen Videoprojektionen auf eine den gesamten Bühnenhintergrund ausfüllenden Leinwand. Auf dem Markusplatz finden sich filigrane Miniaturen des Dogenpalastes, der Markuskirche und alter venezianischer Bauten. Zur Ouvertüre stöckeln warm angezogen, Schnee rieselt auf den Markusplatz, Ciboletta (Christina Clark) und  andere Venezianer, aufgeregt  rufend „Er kommt“, rufen sie; „Wer“, „Nun, er!“.    Wer kommt denn? Noch weiß es niemand!

Der erste Clou der Essener Fassung ist originell wie unerwartet: Ein riesiges Kreuzfahrtschiff  fährt ein in den Hafen Venedigs; Himmel und Meer verdeckend;  die Miniaturpaläste Venedigs wackeln, fallen zusammen. Wer entsteigt dem Schiff auf einer Schiffstreppe?  Nicht Guido, der draufgängerische Herzog von Urbino; es ist   Pappacoda, der Makkaronikoch (Martiijn Cornet). Derweil die in Mänteln und Hüten vermummten Venezianer  auf dem Schnee des Markusplatz rutschen, hinfallen und  „Wenn vom Lido sacht wieder Kühlung weht…“ singen. Pappacoda mischt sich, Makkaroni beschwörend und werfend, unter seine weiterhin „Er kommt, die Frauenwelt Venezias zu verwöhnen….“  singenden Verehrerinnen.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Annina und Ciboletta mit dem Herzog © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Annina und Ciboletta mit dem Herzog © Joerg Landsberg

Clou und Komik verstärken sich, wenn in Wiederholungen, in den Folgen von „Er kommt“,  „Wer“, „Nun, er!“ weitere monströse Kreuzfahrtschiffe (Foto) den Bühnenhintergrund durchkreuzen, Dogenpaläste umfallen und die anderen Protagonisten der Operette in eigenem Oeuvre dem Schiff entsteigen: Enrico Piselli (Carl Bruchhäuser), „Die Frauen müssen wir fernhalten“,  gefolgt von  Caramello (Albrecht Kludszuweit)  und schließlich  mit zahllos kolossalen Seekoffern Guido, Herzog von Urbino  (Dmitry Ivanchey), dem die geifernden Frauen Veneziens sogleich und  triumphierend die Kleider vom Körper reißen. Derweil Annina (Tamara Banjesevic)  ihre Arie  Frutti die Mare„Ich komme von Chioggia zu euch übers Meer…“  in lebendig frischem Sopran singt, von Chor und Statisten revuehaft begleitet. .

Zu allem Spiel, zu packenden Gags und Pointen auf der Bühne verlor sich der Blick des Autors immer wieder in den Bühnenhintergrund, wo psychodelisch wandernde Wolkenformationen,  die Handlung auf der Bühne kontrastierend, stetig sanft zarte Stimmungen webten.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : die Nacht des Karnevals, alle Venezianer, Männer wie Frauen, in gleichen Kostuemen © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : die Nacht des Karnevals, alle Venezianer, Männer wie Frauen, in gleichen Kostuemen © Joerg Landsberg

Das bunte Kaleidoskop von Klimeks Essener Fassung“ setzt sich modern, unbefrachtet von althergebrachten Operetten-Klischees fort: Senator Delaqua (Karel Martin Ludvik) bewundert den Herzog auf einer Wolke hoch über der Bühne schwebend „Mit der Würde, die Dir eigen…“;  während die Venezianer aus dem Mittelgang des Zuschauerraumes antworten. Doch es geht auch klassisch:  Ein Schlitten auf der Bühne würzt den lyrischen Lockruf des CaramelloKomm in die Gondel, mein Liebchen so steige doch ein..“ . Gags, Tiefsinniges wie  Überraschungen setzen sich im 2. Akt fort: wenn die Venezianer des Palast des Herzogs plündern, während sich Herzog Guido mit Anninazu unbekannten Zwecken“ in ein Hinterzimmer verzogen hat;  wenn zum Karneval Männer und Frauen – ohne Maske –  Männer und Frauen in gleichen Kostümen und Perücken merkwürdig gleich wie geklont wirken; wenn sie dann zum „Karneval ruft zum Ball, der ist Souverän“  auf dünnem Eis einbrechen und versinken; wenn Caramello  im 3. Akt fortwährend Wo ist meine Frau“ rufend über den Markusplatz irrt, während der Herzog (Dmitry Ivanchey) mit Annina und Ciboletta einer Gondel entsteigend den lebensfrohen Lagunenwalzer singt „Ach, wie so herrlich zu schaun, sind all die lieblichen Fraun…“. Aller Verwechslungs-wirrwar der Handlung bleibt bis zu einem „offenen Ende“ bestehen, wo man sich für den Karneval des nächsten Jahres verabredet.

Das gesamte Ensemble bot in der detailreichen Produktion eine darstellerisch wie stimmlich  starke Gesamtleistung. Doch  Tamara Banjesevic als Annina und Christina Clark als Ciboletta  waren in dem Potpourri der Clownerien durch hohe Präsenz, mit Charme, Esprit und romantisch timbrierten Stimmen besonders präsent. Johannes Witt und die Essener Philharmoniker begleiteten das Happening freier, hollywoodesken  Lebensfreude in den bunten Orchesterfarben. So feiert das Publikum lebhaft ein modern boulevardeskes Happening wie dessen Protagonisten auf der Bühne wie im Graben.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Applaus für das Ensemble vor dem venezianischem Himmel © IOCO

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Applaus für das Ensemble vor dem venezianischem Himmel © IOCO

Eine Nacht in Venedig im Aalto-Theater; die nächsten Vorstellungen: 30.9.; 7.10.; 28.10.; 3.11.; 11.11. und zu Sylvester am 31.12.2018

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Essen, Philharmonie Essen, 10 Jahre Philharmonie Essen, 04.06.2014

Juni 3, 2014 by  
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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen © Bernadette Grimmenstein

Philharmonie Essen © Bernadette Grimmenstein

Richard Strauss zum 150. Geburtstag. 10 Jahre Philharmonie Essen

Mittwoch, 4. Juni 2014, um 20:00 Uhr, Philharmonie Essen

Roland Maria Stangier, Orgel
Essener Philharmoniker
Tomás Netopil, Dirigent

Richard Strauss
Festliches Präludium für Orgel und großes Orchester, op. 61
Wolfgang Rihm
“Verwandlung 6” – Musik für Orchester (Uraufführung, Auftragswerk der Philharmonie Essen, finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung)
Richard Strauss
Sinfonia domestica, op. 53

Mit Grußworten von Reinhard Paß, Oberbürgermeister der Stadt Essen sowie von Hein Mulders, Intendant der Philharmonie Essen. Die Festrede hält Prof. Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

In der Denkmalliste der Stadt Essen – Untere Denkmalbehörde St. A 65 – ist unter der Lfd. Nr. 902 für das Flurstück 77/403 vermerkt: „Das Objekt ist ein Baudenkmal, da es bedeutend ist für die Geschichte des Menschen/Städte und Siedlungen. Die Erhaltung und Nutzung des Baudenkmals liegt aus künstlerischen Gründen im öffentlichen Interesse.“ Gemeint ist mit diesen dürren Worten die Philharmonie Essen mit ihrer unvergleichlichen Akustik, einer der besten der Welt. Nutzen wir dieses Denkmal also für ein besonderes Festkonzert zum zehnjährigen Jubiläum der Eröffnung, mit dem Komponisten und dem Werk, das auch 1904 zur Eröffnung die Meisterweise, das „Taufstück“ des alten Saalbaus war: der „Sinfonia domestica“ von Richard Strauss. Ergänzt wird dieses Jubiläumskonzert um das Präludium für Orgel und Orchester, ist doch die berühmte Kuhn-Orgel ein Glanzstück des Hauses. Darüber hinaus wird der große Wolfgang Rihm mit einer Auftragskomposition diesem Konzert einen besonderen Akzent verleihen, ein Akzent, der gleichzeitig Motto des Hauses und Verpflichtung für seine Gäste ist: die Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart zu schlagen.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Essen, Aalto Musiktheater, 9. Sinfoniekonzert: Sprechende Melodien, 24./25.04.2014

April 17, 2014 by  
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Aalto Theater Essen

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9. Sinfoniekonzert mit Violinistin Liza Ferschtman

Dirigent Tomás Netopil
Solistin Liza Ferschtman

 

Der Brückenschlag zwischen Philharmonie und Oper ist ein Leitmotiv der neuen Intendanz von Hein Mulders und seines neuen Generalmusikdirektors Tomás Netopil. Während Sie im Aalto-Musiktheater Leos Janáceks Oper Jenufa erleben können, präsentiert Ihnen das 9. Sinfoniekonzert seine Suite aus der Oper Das schlaue Füchslein sowie sein Violinkonzert mit dem poetischen Titel Wanderung einer Seele. Janáceks Melodienreichtum ist in beiden Werken der Stimme der Natur ebenso abgelauscht wie der Sprache seiner mährischen Heimat.
Diese Suche nach authentischen Klängen der europäischen Ethnien verbindet ihn mit dem Ungarn Béla Bartók. Dessen überaus kreative Gestaltung ge- und erfundener Volksmusiken gilt uns heute als Geschenk europäischen Kulturerbes.
Donnerstag/Freitag, 24./25. April 2014, 20:00 Uhr, Philharmonie Essen, Alfried Krupp Saal
 
Leos Janácek Suite aus der Oper Das schlaue Füchslein
Béla Bartók Konzert Nr. 1 für Violine und Orchester, Sz 36
Leos Janácek Wanderung einer Seele – Konzert für Violine und Orchester
Béla Bartók Tanzsuite für Orchester, Sz 77
 
 
—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Essen, Philharmonie Essen, Mariss Jansons: Essener Debüt zum Saisonstart, 05.09.2013

September 3, 2013 by  
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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen © PE-Frank Vinken

Philharmonie Essen © PE-Frank Vinken

Mariss Jansons: Essener Debüt zum Saisonstart

Spielzeit-Auftakt am Donnerstag, 5. September 2013, um 20 Uhr

Philharmonie Essen / Mariss Janson © Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Mariss Janson © Philharmonie Essen

Mit einem lang erwarteten Debüt geht die Philharmonie Essen in ihr Jubiläumsjahr: Zum Auftakt der zehnten Spielzeit ist erstmals Mariss Jansons zu Gast. Der Lette steht am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, das er seit 2003 als Chefdirigent leitet. Das Konzert ist gleichzeitig die erste Veranstaltung unter der neuen Intendanz von Hein Mulders. Ins Zentrum des Abends stellt Mariss Jansons zwei Meisterwerke der Moderne, die beide ihre Vitalität hinter dem schlichten Titel „Konzert für Orchester“ verbergen. Im zündenden und farbenreichen Stück Béla Bartóks hat man die „Summe seiner kompositorischen Arbeit“ und ein „Fresko des Lebens“ erkannt. Und Witold Lutoslawski ließ in seinem „Konzert für Orchester“, auch als Hommage an Bartók, noch einmal das Feuer eines spätromantischen Geistes auflodern. Der polnische Komponist hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert.
Mariss Jansons gehört zu den herausragenden Dirigentenpersönlichkeiten unserer Zeit. Nicht ohne Grund erhielt er erst vor wenigen Monaten den bedeutenden, mit 250.000 Euro dotierten Ernst von Siemens Musikpreis. Jansons gelinge es „selbst bei scheinbar längst Bekanntem, neue Facetten herauszuarbeiten, auf bisher kaum wahrgenommene Einzelheiten hinzuweisen, ohne den großen Bogen zu vernachlässigen“, betonte der Sänger Thomas Hampson in seiner Laudatio. Über sein Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sagt Mariss Jansons: „Erstens hat das Orchester eine hohe Qualität – technisch, klanglich und musikalisch. Zweitens sind die Musiker sehr engagiert, sehr enthusiastisch, sehr leidenschaftlich. Sie spielen mit großer Spannung und großem Interesse.“ Jansons ist darüber hinaus Chefdirigent des erstklassigen Royal Concertgebouw Orchestras.
Gefördert vom Freundeskreis Theater und Philharmonie Essen.
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INTERVIEW
„MEINE NEUGIER WIRD NIE ENDEN“
Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eröff nen die neue Spielzeit.
Sie sind seit zehn Jahren Chef des BR-Symphonieorchesters, vor Kurzem haben Sie Ihren Vertrag sogar bis 2018 verlängert. Was macht das Besondere des Orchesters aus?
Jansons: Erstens hat das Orchester eine hohe Qualität – technisch, klanglich und musikalisch. Zweitens sind die Musiker sehr engagiert, sehr enthusiastisch, sehr leidenschaftlich. Sie spielen mit großer Spannung und großem Interesse. Sie lieben Musik!
Gibt es musikalische Schwerpunkte?
Jansons: Mein Prinzip ist es, ein breites Repertoire zu dirigieren und sich nicht auf eine spezielle Richtung festzulegen. In der vergangenen Saison haben wir alle Beethoven-Sinfonien auf CD und DVD eingespielt, das könnte man durchaus als Schwerpunkt bezeichnen. Aber sonst machen wir ganz unterschiedliche Programme.
In Essen dirigieren Sie Werke von Bartók und Lutoslawski. Ein modernes Programm?
Jansons: Ich denke, diese Werke sind schon eher Klassiker. Natürlich hat nicht jeder ein so ausgeprägtes Verhältnis zu Bartók oder Lutos?awski. Wir haben es eben nicht mit Beethoven oder Brahms zu tun.
Aber eigentlich sind es klassische Werke. Und gerade Bartóks Konzert für Orchester ist doch sehr populär.
Witold Lutoslawski wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Aber gegen die Jubilare Verdi und Wagner hat es der Pole natürlich schwer. Wollen Sie ein bisschen Abhilfe schaffen?
Jansons: Ja, unbedingt! Er war so ein großer Komponist und ein interessanter Mensch. Deshalb darf er einfach nicht in Vergessenheit geraten!
Vor Kurzem wurde Ihnen der Ernst von Siemens Musikpreis verliehen. Thomas Hampson sagte in seiner Laudatio, Ihre Neugier sei unstillbar …
Jansons: Ja, das könnte man tatsächlich so sagen. Wenn man eine bestimmte Qualität hat, dann behält man sie einfach. Wenn Sie blaue Augen haben, dann werden es immer blaue Augen bleiben. Klar, manchmal verliert man ein bestimmtes Interesse und ist neugierig auf etwas Neues. Aber in meinem Leben war die Musik immer das wichtigste. Diese Neugier wird nie enden.
Sie besuchen häufig Proben Ihrer Dirigenten- Kollegen. Was können Sie von ihnen noch lernen?
Jansons: Oh, man kann noch vieles lernen. Bei den Kollegen finde ich Inspiration, neue Ideen, interessante Interpretationen.
Das ist sehr wichtig, sonst sitzt man zuhause und arbeitet, ohne dass sich der eigene Horizont erweitert.
Was haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere von Swarowsky und Karajan gelernt?
Jansons: Swarowsky war ein wunderbarer Lehrer. Er war ein Mensch mit sehr großen Kenntnissen und hatte ein eigenes System der Partituranalyse. Das war für uns junge Leute unheimlich interessant, seine Lektionen waren ganz fantastisch. Und Karajan war eine große Persönlichkeit, ein wunderbarer Dirigent. Ich war damals von neun Uhr morgens bis elf Uhr abends mit ihm zusammen, das ist für einen jungen Dirigenten natürlich eine große Inspiration.
Sie sind jetzt siebzig – gibt es Lücken im Repertoire, die Sie noch erforschen möchten?
Jansons: Das Repertoire ist so groß, ich finde immer etwas, das ich noch nicht dirigiert habe, vor allem von zeitgenössischen
Komponisten. Außerdem würde ich gerne viel mehr Oper dirigieren, das ist meine Leidenschaft. Aber auch dazu habe ich als Chef von zwei Orchestern einfach keine Zeit.
Interview: Christoph Dittmann
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