Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 30.05.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Das Rheingold – Richard Wagner

– Raub und Verschwörung –  Im Rheingold-Express und Untertage –

von Viktor Jarosch

Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Die Götterdämmerung bilden ein zeit- und grenzenloses Gesamtkunstwerk der Menschheit: Der Ring des Nibelungen, von seinem Schöpfer Richard Wagner als „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“ beschrieben. Zwist und Streit, in welche Götter, Riesen, Naturwesen oder Zwerge in dem Vorabend, in Rheingold, nach wenigen Takten verfallen, begleiten Rheingold auch „auf Erden“: So vollzog Ludwig II die Uraufführung des Rheingold 1869 im Königlichen Hof- und Nationaltheater in München. Gegen den Wunsch Richard Wagners, der weit entfernt in der Schweiz wohnte und nicht anwesend war. In bitteren Versen zeichnet Wagner 1869 seinen Frust über diese, allein von Ludwig II betriebene Uraufführung des Rheingold:

Das Rheingold – Richard Wagner

Spielt nur, ihr Nebelzwerge, mit dem Ringe,
wohl dien‘ es euch zu eurer Torheit Sold;
doch habet ach; euch wird der Reif zur Schlinge;
ihr kennt den Fluch; seht, ob er Schächern hold!
……..
doch euer ängstlich Spiel mit Leim und Pappe
bedeckt gar bald des Niblungs Nebelkappe!

Richard Wagners wahre, seine Uraufführung des Rheingold fand in Bayreuth, am 13. August 1876 statt: zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele, als Vorabend des Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen, hier erstmals zyklisch aufgeführt.

So schwebt seither über jeder Rheingold Inszenierung auch der Geist des Regisseurs: inszeniert er Rheingold als Teil des Ring oder das Einzelkunstwerk. Zwar tauchen in Rheingold erstmals die großen Leitmotive auf, welche das Beziehungsgeflecht in Wagners Bühnenfestspiel symbolisieren, doch die Leitmotivik in Rheingold ist noch spielerisch, nicht dicht geflochten. Rheingold kann so auch Satyrspiel empfunden werden, in welchem, in musikalischem Konversationston, Götter, naive Naturwesen, Riesen, Zwerge, Rheintöchter oder, wie im MiR, verschlagene, brutale, liebevolle oder zickige Menschen handeln und  kommunizieren.

Im Musiktheater im Revier wird Rheingold nicht als MiR-Ring, nicht als zyklische Parabel inszeniert. Michael Schulz, Wagner-erfahrener Regisseur und Intendant des MiR beschließt mit seinem Rheingold eine Reihe von Inszenierungen, welche sich mit Irdischem, dem Ruhrgebiet, dem Bergbau, mit dem Thema „Arbeit“ auseinandersetzen. So zuvor bereits in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Mythos oder Götter schweben in seiner Inszenierung von Rheingold kaum spürbar mit, dafür aber Bergbau, Maloche, Grubenlampen, Loren und ein Zug.

Das Rheingold – Richard Wagner
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Projektionen begleiten im MiR das vier-minütige Rheingold- Vorspiel: sonnendurchflutete lichte Gewässer schimmern auf dem Prospekt des Theaters, deuten Mythisches an. Doch aller Mythos wird verdrängt, alles wird sehr irdisch, wenn sich zum ersten Bild der Vorhang hebt und das Innere eines langgezogenen Speisewagen mit Abteilen und Speisetheke (Bühnenbild: Heike Scheele) zeigt. Der Speisewagen im Rheingold-Express dominiert, irdisch wie profan, den langen ersten und zweiten Auftritt der Inszenierung; macht alle, Götter, Zwerge, Rheintöchter und Riesen zu menschlichen Wesen, liebende, grobe, tanzende wie hinterhältige. Das Diktum von Regisseur Schulz wird im ersten Bild brutal deutlich: Das Ruhrgebiet ist sichtbar nah; alles ist menschlich in dieser Inszenierung! Götter sind auch nur Menschen!

So lümmelt sich denn Alberich, in altbackener Kleidung und mit Pudelmütze (Kostüme Renée Listerdal) auf einer Sitzbank des Zuges. Die Rheintöchter tauchen nicht aus dem Rhein auf, sondern in knappem sexy Outfit hinter der Theke hervor: „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Waglaweia!“ Ein Tabledance, von Woglinde lasziv an einer X-Pole-Stange vollzogen und mehr sollen den aus seinem Zugabteil herüber gekommenen Alberich („He, he! Ihr Nicker! Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk“) verführen; alle verschwinden sie dann durch die Zugfenster, erscheinen wieder durch die Waggontüren. Zum Finale des 1. Auftritts, zum Raub des Goldes und den Klagen der Rheintöchter, „Haltet den Räuber! Rettet das Gold“, verfärben sich die projizierten lichten Gewässer im Hintergrund, werden trübe, verschmutzt; deuten den Mythos an, den Untergang von Göttern, Zwergen und Riesen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

So erscheint dann auch Wotan, männlich menschlich in elegantem Anzug mit Krawatte, im Rheingold-Express, Walhall besingend („Der Wonne seligen Saal bewache mit Tür und Tor …“).. um dann, ein gelungener Regieeinfall, mit den Riesen Fasolt und Fafner („Sanft schloß schlaf dein Auge..“) zunächst „aus dem Off“ zu kommunizieren. Dann erscheinen die Riesen als irdische muskelbepackte Riesen auf den Bühne, um ihren Lohn für den Bau von Walhall einzufordern. Die sich zickig sträubende Freia wird mit Grubenhelm versehen in einen Grubenaufzug gepresst.

Mit dem 3. Auftritt, Loge führt Wotan in das Halbdunkel des unterweltlichen Nibelheim. Der Rheingold – Mythos, Richard Wagners wunderbare Komposition scheinen nun ein wenig auf. werden vom Bühnenbild gestützt; auch wenn Mime dort mit einem Putzeimer herum läuft und auf seinem Plakat „Gold macht Lust“ irdische Genüsse propagiert. Wotan fährt in einer Lore in das Halbdunkel von Walhall ein, wo (das MiR – Thema „Arbeit“, Ruhrgebiet), stöhnende Erdlinge schuften, frühindustrielle Stahlproduktion andeuten. Kinder weihen Walhall fröhlich ein, irdisch Friedensfahnen winkend: Loges düstere Prophezeiungen kontrastierend. So bleibt Rheingold im MiR beständig irdisch, gutmenschlich wie böse: wenn dann Wotan den an Händen gefesselten Alberich mit einem Dolch ersticht, wenn Fasolt  Fafner mit eine Knüppel erschlägt, wenn Erda – in schickem Kostüm ganz Partylike – Wotan vor „. des Ringes Fluch ..“ warnt. Nicht mehr so irdisch verwebt sich das Bühnenbild in Projektionen, wenn zu Wagners wunderbar romantischer Dichtung „Abendlich strahlt der Sonne Auge; in prächt´ger Glut prangt glänzend die Burg..“ im Bühnenhintergrund Walhall in vielschichtiger Farbenglut andeuten und Wotan und Fricka, nun doch ein wenig göttlich, dort friedlich einziehen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Trotz Speisewagen, Loren, Ruhrgebiets-Realität und anderem Irdischen auf der Bühne: Richard Wagner verzaubernde Dichtung, seine Komposition brachte das Ensemble mit stimmlicher Vielfalt wie Pracht und gut lesbaren Übertexten zum Leuchten; Bastiaan Evering, von Beginn an ein bleibend souveräner Wotan, ist mit souverän wohltimbrierten Bass-Bariton und eleganter Erscheinung ein sympathischer Mensch.  Wotan im MiR ist kein Göttervater, der widerwillig auf den Ring verzichtet; er möchte seiner Ehefrau Fricka mit der neuen Wohnung in Walhall gefallen. Cornel Frey festigt als Loge in seiner großen Partie das Irdische der Inszenierung: mit darstellerischem Facettenreichtum und wohlverständlichem Charaktertenor ist Frey als Loge steuerndes, gestaltendes Element der Inszenierung. Urban Malmberg ist als Alberich in profane Kleidung mit Pudelmütze ein herzlos kleingeistiger Kapitalist, beständig und laut schimpfend. Während sich Khanyiso Gwenxane mit elegantem Belcanto als Froh und Piotr Prochera als stimmlich gut aufgelegtem Donner (immer mit schwerem Hammer bewehrt) wunderbar ergänzen. Petra Schmidt ist die zickige Freia, Lohn für die körperlich breit ausstaffierten und stimmlich ebenso sicheren Riesen Fasolt (Joachim Gabriel Maaß und Fafner (Michael Heine). Stark, bewundernswert Almuth Herbst mit sicherem Mezzo in ihren Partien als Fricka und Erda: mit wohltimbrierter Gelassenheit, Persönlichkeit eigenen Charakter verleihend.

Giuliano Betta und die Neue Philharmonie Westfalen lassen Richard Wagners klangliche Momente des Rheingold lyrisch leben. Die wagnersche Dichtung, seine packenden Konversationspassagen kommen durch das sensible Dirigat und ein gut eingestelltes Ensemble wohltuend zur Geltung. So könnte man ein wenig glauben, daß im MiR das Irdische der Inszenierung und der Weltgeist der Komposition verschmitzt miteinander kokettieren.

Das Gelsenkirchener Publikum des MiR, in der Mitte des Ruhrgebiets gelegen, feierte diese Sicht des  Rheingold, ihren Rheingold-Express, ihr Ensemble, ihren Regisseur.

Das Rheingold am Musiktheater im Revier; die weiteren Vorstellungen: 30.5.; 2.6.; 9.6.; 20.6.; 30.6.2019

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere Ernani von Giuseppe Verdi, 24.02.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

  Ernani von Giuseppe Verdi

Premiere Samstag, 24. Februar um 19 Uhr

Das Operngenie Giuseppe Verdi setzte von Beginn seiner Karriere an eigene Akzente. An seinem 1844 in Venedig uraufgeführten Frühwerk Ernani lässt sich das gut beobachten. Die Vorlage stammt von einem »jungen Wilden« der französischen Literatur: In Victor Hugos skandalumwittertem Hernani findet eine junge Generation zu einer eigenen Sprache – das Extreme, Überzeichnete interessiert sie mehr als die Helden der traditionellen Tragödie.

Und dieser Ernani ist in der Tat eine extreme Figur: Um den ermordeten Vater zu rächen, setzt er das eigene Leben aufs Spiel und findet, gefangen in abstrusen und unmenschlichen Vorstellungen von Ehre und Moral, auch in der Liebe zur schönen Elvira keine Ruhe. Wie üblich sollte der männliche Titelheld 1844 von einer Sopranistin dargestellt werden. Verdi setzte jedoch durch, dass sein Ernani von einem Tenor gesungen wurde – im Sinne der dramatischen Wahrhaftigkeit und szenischen Glaubwürdigkeit.

Natürlich verbindet Verdi diese Glaubwürdigkeit mit den schönsten Melodien: Ernani strotzt nur so von Ohrwürmern. Die Hauptrolle wird der georgische Tenor Irakli Kakhidze singen, der ab der Spielzeit 2017/2018 festes Mitglied des Mannheimer Solistenensembles wird. Regie führt Yona Kim, die mit ihrer Deutung der Genoveva von Robert Schumann in der Spielzeit 2016/2017 bewiesen hat, wie tief sie in die Psyche ihrer Figuren vordringen kann.

Als eine Auseinandersetzung zwischen den Generationen, zwischen Revolution und Konterrevolution inszeniert Yona Kim Giuseppe Verdis Frühwerk Ernani – auf den Gräbern der Väter, über denen Heike Scheele die Bühne errichtete, und in den historisierenden Kostümen von Falk Bauer. Mit der Vorlage, dem Schauspiel Hernani, folgte Victor Hugo einer neuen Strömung in der französischen Literatur, in der junge Autoren die Extreme und das Überzeichnete suchten und sich weniger für die traditionellen Helden interessierten. Ein solcher Mann der Extreme ist auch Verdis Ernani, der den Tod seines Vaters rächen will und Erfüllung in der Liebe zu Elvira sucht, die zum Spielball und zur Trophäe seiner Rivalen und Widersacher zu werden droht.

Der georgische Tenor Irakli Kakhidze aus dem Ensemble singt die Titelpartie des Ernani, Miriam Clark, in dieser Saison eine herausragende Norma und Aida am NTM, gibt hier die Elvira. In weitere Rollen sind Evez Abdulla, Sung Ha, Raphael Wittmer und Philipp Alexander Mehr zu erleben. Dani Juris studiert den Chor des Nationaltheaters ein, Benjamin Reiners dirigiert das Nationaltheater-Orchester.

Premeire Ernani am Theater Mannhaim am 24.2.2018; weitere Aufführungen am 4., 9. und 29. März; am 6. und 11. April, am 16. und 19. Juni und am 1. Juli 2018

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Mathis der Maler – Paul Hindemith, IOCO Kritik, 03.11.2017

November 3, 2017 by  
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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Mathis der Maler von Paul Hindemith

Das Individuum – Im Bannkreis von Unruhen, Dogmen, Meinungen

Von Viktor Jarosch

Paul Hindemith (1895 – 1963) lebte 1934 in Deutschland, als Adolf Hitler und Alfred Rosenberg die Uraufführung seiner Oper  Mathis der Maler verhinderten, seine Kunst als entartet erklärten und  Joseph Goebbels Hindemith als „atonalen Geräusche-macher“ beschrieb. Hindemith spürte Kommendes und handelte auf die Machtergreifung der Nazis auffällig konkret, nicht künstlerisch verklärt: Eine schon fortgeschrittene Komposition  zu Johannes Gutenberg widmete er kurzerhand um: Nicht mehr dem Erfinder des Buchdrucks sondern Matthias Grünewald, dem Schöpfer des Isenheimer Altars (1514). Hindemiths Mathis, mit realer Wortgewaltigkeit komponiert, lehnt die Oper ungewöhnlich nah an das Genre Schauspiel.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier Urban Malmberg als Mathis und das gerade geschaffene Kunstwerk © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier Urban Malmberg als Mathis und das gerade geschaffene Kunstwerk © Karl + Monika Foster

Mathis der Maler  wurde 1938 in Zürich uraufgeführt, wohin Hindemith geflüchtet war. Die Oper reflektiert in unromantisch freier Tonalität mit schroffen Rhythmen,  grellen Dissonanzen und in real direkter Sprache Hindemiths eigene  Gegenwartskrise über die politischen Verantwortung eines Künstlers in unruhigen Zeiten: In der Abgeschiedenheit eines Klosters sinnt Mathis der Maler über seine Pflichten in einem Leben im Umbruch, der  allgegenwärtige Krise der Bauern in der Gesellschaft und der Kirche inmitten der von Protestanten betriebenen Reformation. In sieben Bildern verdichten Hindemith wie Mathis wiederkehrend das zeitlose Thema der Suche nach  dem „richtigen Lebensweg“; im Leiden und der Brutalität von Kriegen, Bereitschaft für persönliche Opfer zu zeigen.

Grünewald (um  1480 – 1531) war zu seiner Zeit eine bekannte Person, als Künstler aber auch als langjähriger Hofbeamter des  Erzbischofs  von Mainz. Bekannt  ist, dass Grünewald Sympathien für die rebellierenden Bauern hegte, dass ihn die Reformen Luthers und sozialutopische Ideen bewegten. Vermutlich über seine Nähe zu aufständischen Bauern wurde  er in Mainz als Hofbeamter des Erzbischofs  entlassen.

Regisseur Michael Schulz sieht Mathis der Maler als Oper mit spürbaren Bezügen zur Gegenwart. Der in dieser Oper rauh, unversöhnlich ausgetragene Kampf von Meinungen zum Leben, über  Dogmen der Kirche wie über die Rolle von Künstlern, so Schulz, sind im Heute so aktuell wie ehemals; sie sind auch der laute Kontrapunkt zu einer überbordenden, alles verspassenden Unterhaltungskultur. Schulz inszeniert Mathis der Maler im MiR mit modernen Bildsequenzen, doch mit hohen Torbögen mittelalterliches Klosterambiente austrahlend. Zur Ouvertüre wird der Besucher mit einer packenden Videoprojektion von Ives Klein eingestimmt welche filigran in die Handlung überleitet. 800 (!) Kostümvariationen  (Kostüme Renée Listerdal), gleißende Lichteffekte (Patrick Fuchs), exzellente Personenführung verleihen dem Bühnengeschehen mit streitenden wie sinnenden Protagonisten, von Kardinal,  Mathis, Bauernkriegern, Protestanten wie Kirchenleuten modern lebendige Optik.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier viertes Bild : die gemordeten Bauern © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier viertes Bild : die gemordeten Bauern © Karl + Monika Foster

Das erste Bild: Der karge kalkfarbene hohe Raum eines mittelalterlichen Klosters (Bühne Heike Scheele). Darin Mathis der Maler, der vor den Augen der MiR -Besucher ein Kunstwerk schafft, welches durch den Opernabend führt: Sichtbar weltabgewandt bestreicht Mathis den Körper einer Frau, mit gleißend blauer Farbe, welchen sie im Folgenden über ein großes Leinentuch rollt, rutscht (Dramaturgie Gabriele Wiesmüller): Dies gerade geschaffene Kunstwerk begleitet, fasziniert über die gesamte Vorstellung.  Mathis´ künstlerische Distanz zu vor den Klostermauern tobenden Zwisten wie Zweifeln bezeugt er in ersten Worten: Entspannt sich in einem Eimer die Füße waschend sinnt Mathis:  „Sonniges Land. Mildes Drängen Schon nahen Sommers. ….  Bist nicht nur eignen Nutzens voll?“. Während im Hintergrund der Chor unsichtbar kraftvoll christliche Lehren verkündet: „Rector potens, verax Deus, qui temperas rerum vices (Allmächtiger Lenker, wahrhafter Gott, der du leitest den Wechsel der Dinge)“. Der geflüchtete Bauernführer Schwalb erscheint, verletzt in Kampfanzug stöhnend:  „Mit Steuern und Zolle wird er – der Bauer – gepresst. Der Bauer steht auf!“  während seine Tochter Regina das hartes Leben beklagt: „Schmutz, Hunger und Leid sind unsere Begleiter“ ihr brutales Leben. Das zweite Bild spiegelt die Zerrissenheit der Gesellschaft wie  Entrücktheit der Eliten in Kirche und Staat ähnlich drastisch wie konkret: In  der Martinsburg in Mainz wird der Empfang des Kardinals zelebriert: Nicht bescheiden, einfach, sondern als elegantes, aufwändiges gesellschaftliches Ereignis. Auf Serviertischen stehen Sektgläser; junge schicke junge Frauen in flotten Kostümen tragen eine Reliquie, welche der Kardinal segnet, derweil die Katholiken und Protestanten untereinander streiten und sich mit Torten bewerfen. Doch Kardinal räsoniert ungerührt wie volksfern: „Empfängt mich in Mainz die Eintracht friedlicher Bürger“.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier zweites Bild : Kardinal mit Katholiken und Protestanten © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier zweites Bild : Kardinal mit Katholiken und Protestanten © Karl + Monika Foster

Die MiR Inszenierung von Mathis der Maler zeigt über die sieben Bilder auf der Bühne den Parcours realen Lebens: Meinungen gepflastert mit Widersprüchen treffen auf Dogmen, sensible Träume, platte Gefälligkeiten oder glattes wie robustes  Vorteilsstreben. So sterben Bauernführer wie Bauern, streiten, bekehren sich Kirchenleute, wandelt der Künstler ungerührt durch als dies Geschehen. Nie verrät Hindemith sein Werk mit jenem betrügerischen Deus ex machina, dem ersehnten „himmlischen  Fingerzeig“ oder gar kollektiver höherer Einsicht. 

Das große MiR Ensemble besticht in diesem schwierigen Werk durch ungewöhnlich sängerische wie darstellerische Präsenz: Die zentrale Partie des Mathis ist monströs, allein schon durch riesige wie schwierige Texte. Urban Malmberg, seit zwei Jahren im MiR – Ensemble, besticht  durch Textsicherheit und weichem Bariton,  wie als  „Egozentriker“ Mathis, des immer nur mit sich selbst beschäftigten Künstlers, der scheinbar unberührt durch die Zeiten des Umbruch wandelt, als eine Art Katalysator für sein Umfeld wirkend. Tobias Haaks, ohnehin  körperlich kräftig, entspricht  mit Kampfjacke und kraftvoller Stimme dem Bauerführer Hans Schwalb.  Auch die Sopranpartien sind bestens besetzt: Yamina Maamar, als reiche Bürgerstochter zwischen Mathis und dem Kardinal verwoben, besteht hochdramatische wie oft innigliche Momente mit Bravour. Bele Kumberger  verbreitet als Regina liebende Präsenz;  das Herz des Besuchers ergreift Kumberger im siebten, schließenden Bild, wenn sie mit seelenreicher Lyrik  „Es sungen drei Engel ein süssen Gesang, Der weit in den hohen Himmel erklang“ von dieser Welt Abschied nimmt. Ebenso überzeugte Martin Hombrich überzeugte in der großen Tenor – Partie als volksferner Kardinal Albrecht von Brandenburg, der letzlich doch seinem Gewissen folgt und sein Amt als Kardinal niederlegt und, konkretes Handeln widerspiegelnd, zum Protestantentum wechselt.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier Ursula tröstet Regina, während Mathis im Hintergrund unbeteiligt malt © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier Ursula tröstet Regina, während Mathis im Hintergrund unbeteiligt malt © Karl + Monika Foster

Das nicht große Orchester der  Neuen Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann erzeugt den eigenen kraftvollen Mathis – Klang eines großes Orchesters. Dieser volle Klang entstand nicht, weil das Orchester laut war, sondern weil die grandiose Instrumentierung  Hindemiths mit wenigen aber perfekten Blech- und Holzbläsern, bei mitreißenden  Flöten- und Fagott-Soli  einen unendlichen Klangreichtum  von Spätromantik bis zu Barock möglich macht. Welchen die Neue Philharmonie Westfalen als solistisch wie als Orchester nutzte. Im Überschwang der Gefühle könnte man geradezu eine Seelenverwandtschaft zu Hindemith vermuten. Mit dem spielfreundigen und gesangs- starken Ensemble, dem facettenreichen Bühnenbild ist Mathis der Maler ein weiterer Stern in der Krone des MiR, der „Perle des Ruhrgebiets“.

Mathis der Maler im Musiktheater im Revier; weitere Vorstellungen 9.11.2017; 12.11.2017; 26.12.2017, 10.12.2017, 30.12.2017

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Leipzig, Oper Leipzig, Premiere Turandot von Giacomo Puccini, 22.10.2016

Oktober 20, 2016 by  
Filed under Oper Leipzig, Premieren, Pressemeldung

Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Turandot von Giacomo Puccini

Jennifer Wilson ist Turandot, Leonardo Caimi ist Calaf

Oper Leipzig / Turandot Ensemble © Tom Schulze

Oper Leipzig / Turandot Ensemble © Tom Schulze

Am 22. Oktober, 19 Uhr ist nach vierzig Jahren wieder eine Neuproduktion von Turandot, der letzten Oper von Giacomo Puccini, auf der Bühne des Leipziger Opernhauses zu sehen.

Oper Leipzig Turandot: Premiere 22. Oktober 2016,  weitere Aufführungen 05. Nov. 2016 / 27. Nov. 2016 / 23. Dez. 2016 / 14. Jan. 2017 / 19. Mär. 2017 /16. Apr. 2017 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

Die Inszenierung dieser monumentalen Choroper übernimmt Balázs Kovalik, der im Juni 2014 mit seiner Produktion von Richard Strauss’ Frau ohne Schatten für einen Sensationserfolg sorgte. Heike Scheele zeichnet abermals für ein spektakuläres Bühnenbild verantwortlich. Gemeinsam verorten sie die blutrünstige Geschichte der Verwandlung der unnahbaren Prinzessin zur liebenden Frau in einer futuristischen Welt, in welcher der Einzelne in der Masse untergeht und damit menschliche Begegnung unmöglich gemacht wird.

Oper Leipzig / Turandot Leonardo Caimi als Calaf und Jennifer Wilson als Turandot © Tom Schulze

Oper Leipzig / Turandot Leonardo Caimi als Calaf und Jennifer Wilson als Turandot © Tom Schulze

Turandot ist eine kaltherzige Prinzessin, die sich durch ein selbst auferlegtes Gelübde jedem entzieht, der um sie wirbt. Nur wer ihre geheimnisvollen drei Rätsel zu lösen imstande ist, erhält ihre Hand. Wer fehlt, landet unter dem Beil des Henkers. Wagemutig wirft ein unbekannter Prinz seinen Kopf in den Ring.

Die Titelpartie wird von Jennifer Wilson gesungen, die als Turandot u.a. bereits an der Metropolitan Opera New York, dem Royal Opera House und an der Bayerischen Staatsoper zu hören war. Die Partie des unbekannten Prinzen Calaf übernimmt Leonardo Caimi, der sich als einer der führenden lyrischen Tenöre seiner Generation die großen Opernbühnen wie u.a. die Mailänder Scala, die Salzburger Festspiele, das Puccini Festival von Torre del Lago erobert. Am Pult des Gewandhausorchesters steht der erste ständige Gastdirigent Matthias Foremny.

Oper Leipzig Turandot: Premiere 22. Oktober 2016,  weitere Aufführungen 05. Nov. 2016 / 27. Nov. 2016 / 23. Dez. 2016 / 14. Jan. 2017 / 19. Mär. 2017 /16. Apr. 2017 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

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