Chemnitz, Theater Chemnitz, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.01.2020

Januar 28, 2020 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Lohengrin –  Richard Wagner

– Mit Lohengrin auf dem Rummelplatz –

von Thomas Thielemann

Nach der Fertigstellung der Partitur des Tannhäuser reiste der Königlich Sächsische Hofkapellmeister Richard Wagner mit Frau Minna, Hund und Kanarienvogel am 3. Juli 1845 von Dresden zu einem Kuraufenthalt ins Böhmische nach Marienbad. Kreative Unruhe behinderten die Bäder sowie Brunnenkuren und brachte frühere noch ruhende Projekte zur Geltung. Ein noch unklares Konzept  zum Schwanenritter-Motiv des Wolframs von Eschenbach geisterte seit dem Pariser Aufenthalt in seinem Kopf. So begann er, parallel zur Arbeit an einem Meistersinger-Spektakel, die Prosafassung der Lohengrin-Szenen auszuführen. Ohne Rücksicht auf historische Gegebenheiten verschob er Figuren sowie Fürstentümer in Zeit und Raum, bis er „die Berührung einer übersinnlichen Erscheinung mit der menschlichen Natur und die Unmöglichkeit einer Dauer derselben“ wirkungsvoll  gestaltet hatte.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Nach Dresden zurückgekehrt, las er am 17. November 1845 im Restaurant Engel den Mitgliedern des Montagsklubs, dem u.a. auch Robert Schumann, Adam Hiller und Gottfried Semper angehörten, die Dichtung vor. Bei allem Lob der Freunde für die Dichtung, bezweifelte aber vor allem Schumann, dass Wagner zum Text eine Musik komponieren könne. Wagner aber, gewohnt auf seine Inspirationen zu warten, nutzte einen Urlaubsaufenthalt vom 15. Mai bis zum 30. Juli 1846 im Schäfer´schen Gut des Dorfes Graupa, um die Umrisse der Kompositionsskizze niederzuschreiben. Wagner wanderte oft in der Umgebung, schwamm in der Elbe und ließ sich vom Vogelgezwitscher sowie anderen Geräuschen seiner Umgebung inspirieren.

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Das Dorf Graupa ist inzwischen ein Ortsteil von Pirna. Im Schloss von Graupa befindet sich eine sehenswerte Wagnergedenkstätte mit einem interessanten Museum. Das Gut steht dem interessierten Wagner-Freund offen. Auch befindet sich im nahen Liebethaler Grund, einem der damaligen Wanderziele des Komponisten, ein Wagner-Denkmal mit einer Höhe von 12,5 Meter; siehe Foto.

Das Auskomponieren des Werkes wurde mehrfach unterbrochen, denn Wagner war kein Eilfertigkeitsapostel. Weil ihn andere Projekte ablenkten, aber auch die Tagesaufgaben als Hofkapellmeister forderten und er sich zunehmend auch politisch betätigte, zog sich die Arbeit lange hin. Somit konnte er erst am 28. April 1848 die Niederschrift der Lohengrin-Partitur abschließen.

Seit wir am 19. Mai 2016 in der Semperoper die legendäre Lohengrin-Aufführung in der fast konservativen Mielitz-Inszenierung von 1983 mit Georg Zeppenfeld, Anna Netrebko, Piotr Beczala, Evelyn Herlitzius, Tomasz Konieczny, der Sächsischen Staatskapelle unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann erleben durften, besuchen wir jede Vorstellung der von uns sehr geliebten Wagner-Oper mit etwas gemischten Gefühlen. Dieses, mein Problem, konnte auch die musikalisch hervorragende Bayreuther Lohengrin-Premiere am 25. Juli 2018 nicht kompensieren.

Auf der Drehbühne des Theater Chemnitz war von Sebastian Ellrich und seinen Handwerkern dem Regieteam von Joan Anton Rechi eine gewaltige Achterbahn aufgebaut worden. Rechi, 1968 im Fürstentum Andorra geboren arbeitet seit 2011 mit dem aus Magdeburg stammenden Ellrich (Jahrgang 1984) zusammen.

Nun war Richard Wagner ohnehin nicht pingelig, wenn es um die Verschiebung historischer Gegebenheiten in Zeit und Raum ging. Und so muss er sich gefallen lassen, dass die Dramaturgin Carla Neppl seine Texte und seine Musik nutzt, um die sozialen und zwischenmenschlichen Probleme eines ansonsten wenig beachteten Kokons der Rummelplatzbetreiber zu thematisieren, damit aber auch gleichzeitig zu verallgemeinern. Das Theater Chemnitz bildete aus seinen Opernchören, einem Kinderchor und Gastsängern weiterer Chöre sowie der Statisterie eine beeindruckende Menschengruppe gebildet. Die Kostümbildnerin Mercè Paloma hatte die Gruppe mit Kleidung aus allen Bevölkerungsschichten ausgestattet.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier :  Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Mit ausgezeichnetem Gesang und guten darstellerischen Leistungen übernahm die Gruppe eine tragende Rolle in den ersten beiden Aufzügen. Nach ihrer Klassenzugehörigkeit agierten sie mit den Solisten und machten den ersten Akt mit dem sich ständig bewegenden Achterbahn-Vehikel zu einem kurzweiligen Spektakel. Besonders gefiel mir, dass beim Gottesgerichts-Streit der Kampfplatz weggedreht war und man Chormitglieder vom Gerüst, gleichsam wie beim Fußball des Chemnitzer SC, die Kämpfer anfeuerten. Spielstätte des zweiten Aktes war die Unterkunft der Betreiber der Rummelplatzattraktionen. Die Aktionen passten aber über weite Strecken in herkömmliche Inszenierungen, auch wenn die Liegestützaktionen und die Weitergabe eines Befehls des Königs per Smartphone konservative Besucher irritierten. Das löste sich erst auf, als der Schwan wieder auf der Bühne erschien und Telramund vier depressive Rentner von einer Gartenbank aufjagte. Diese vier „Edlen von Brabant“ teilten den Chor in aktive Pro- und Contra-Gruppen, die ihrerseits die Handlung vorantrieben.

Der dritte Aufzug bot trotz interessanter Personenführung wenig Neues. Erst als klar war, dass Ortruds Fluch eine Rückkehr des Bruders der Elsa ausschloss, wurde die Inszenierung richtig zeitgemäß: Lohengrin überreichte seiner Gattin die Macht-Insignien Brabants und ernannte sie zum Herzog. Die Achtung vor Wagners Text ließ leider die aktuelle Sprachgestaltun „zur Herzogin“ nicht zu.

Das musikalische Gerüst des Abends lieferte die Robert-Schumann-Philharmonie mit der musikalischen Leitung des bekennenden Wagnerianer Guillermo Garcia Calvo. Dabei erwies sich Calvo als zuverlässiger Partner des Regiekonzepts Rechis. Calvo ließ sich Zeit, jagte weder seine Musiker noch die Sänger durch die Partitur, baute damit aber durchaus auch Spannungen auf, leitete aber nicht immer sängerfreundlich. Neben einer guten Orchesterleistung der Robert-Schumann-Philharmonie begeisterten hörenswerte Gesangsleitungen mit ordentlichen Textverständlichkeiten.

Den Lohengrin verkörperte Mirko Roschkowski als einen ziemlich kalten, unsensiblen und weltlichen Partner der Elsa von Cornelia Ptassek. Stimmlich gut ausgestattet, besticht seine Bühnenpräsenz. Aber egal, wie sich Elsa verzweifelt mühte, er gab ihr keinen Halt.

Mit Cornelia Ptassek stand Rechi mit ihrem klangschön, kraftvoll geführtem Sopran eine ordentliche Elsa von Brabant zur Verfügung. Mädchenhaft, opulent bühnenpräsent und stolz agierte sie in den ersten beiden Akten. Ebenso überzeugend entwickelte sich ihre Verzweiflung zum Ende des dritten Aktes hin.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier :  Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Aber so sehr ich die Charaktere von Elsa und Lohengrin liebe, meine Lieblingscharaktere der Oper bleiben deren Antagonisten Ortrud und Telramund. Stéphanie Müther, am Haus als Brünnhilde bereits bestens eingeführt, war mit ihrem wilden Hass in jeder Geste und einer Stimme, die Zähne zeigte, eine schreckliche Gegnerin. Mit ihren ersten leisen Tönen im ersten Akt wird bereits deutlich, dass sie Elsa mit ihrem naiven Glauben keine Chance auf ein glänzendes Heldentum lässt. Mit ihrem finalen sich selbst entlarvenden Wutausbruch schuf sie vielleicht den sängerischen Höhepunkt des Abends.

Da war der Telramund  des Tschechischen Baritons Martin Bárta mit seiner noblen Stimme doch deutlich zurückhaltender, eher menschlich, aber von der Ortrud abhängig. Mit seiner ehrfurchtsvollen Auftrittsarie zurückhaltend lyrisch, beweist er, dass die Stimme in den Mittellagen durchaus zu umfangreichen Ausbrüchen fähig ist, so dass er den Ausfällen der Ortrud standhalten konnte. Warum er beim Schluss-Beifall so wenig bedacht worden war, hat sich mir nicht erschlossen.

Die der Wagner-Figur des König Heinrich zugedachten Episoden waren vom Haus-Bass Magnus Piontek mit ordentlicher Bühnenpräsenz und gut dosiertem Gesang geboten. Ebenso gut präsentierte sich Andreas Beinhauer als Heerrufer. Auch die vier als brabantische Edle ausgeschrieben Rollen waren mit dem kristallklaren Tenor Florian Sivers, dem leichten Haus-Tenor Till von Orlowski, dem zupackend profund dem Bass André Eckert und leichteren Bass Tommaso Randazzo  recht opulent besetzt.

Ordentliche Ovationen und die unvermeidlichen vereinzelten Buhrufe feierten Regieteam und die Bühnenbesatzung. Damit wird die Rechi-Inszenierung ihren Platz im interessanten Repertoire der Oper Chemnitz einnehmen.

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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.01.2020

Dezember 31, 2019 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Lohengrin – Staatsoper Hamburg

Kultinszenierung – Seit 21 Jahren an der Staatsoper

von Christian Biskup

Lohengrin im Klassenzimmer? Was Traditionalisten vehement verneinen würden, läuft in Hamburg seit nun 21 Jahren und hat Kultstatus. Kein Wunder also, dass das Werk in der Inszenierung von Peter Konwitschny auch am zweiten Weihnachtstag für ein fast ausverkauftes Haus sorgt, wozu auch sicher Klaus Florian Vogts Engagement für die Titelrolle in der diesjährigen Wiederaufnahme maßgeblich beiträgt.

Die Handlung: Friedrich von Telramund bezichtigt Elsa von Brabant, ihren Bruder Gottfried um die Ecke gebracht zu haben. Im Gottesgericht soll vor König Heinrich ihre Schuld festgestellt werden. Ein Ritter erscheint, von einem Schwan gezogen, an Elsas Seite. Er – eigentlich ein Traumobjekt Elsas – kämpft für sie, gewinnt, und verschont doch Telramunds Leben. Elsa soll als Dank seine Frau werden, jedoch nie nach seiner Herkunft fragen. Doch Telramund und seine Frau Ortrud, die letzte eines heidnischen Fürstengeschlechts, intrigieren. Sie weckt in Elsa das Gift der Neugierde und des Misstrauens, sodass diese in der Brautnacht schließlich die entscheidende Frage stellt. Der Ritter versucht sich zu winden, doch als Telramund ihn in der Nacht überfällt, der dabei getötet wird, ist der Moment der Offenbarung gekommen. Als Lohengrin, Sohn des Gralskönigs Parsifal, gibt er sich zu erkennen. Das Wissen um seinen Namen zwingt ihn jedoch zur Rückkehr nach Montsalvat. Während er geht, kehrt Gottfried zurück. Er war Lohengrins Schwan, von Ortrud verzaubert. Elsa stirbt, doch der Weg für den neuen Herrscher ist frei.

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Richard Wagners Werk, entstanden im Vormärz der Revolution, ist nicht nur der Mythos. Es thematisiert Auflehnung, Auflehnung gegen Staaten, gegen Gebote, gegen Autoritäten. Dies findet man in Telramund und Ortrud, aber natürlich auch in Elsas Misstrauen in das mächtige Frageverbot. In der Auflehnung sieht Regisseur Peter Konwitschny etwas typisch Pubertäres, typisch jugendlichen Widerstandsgeist. Deshalb verlegt er die Handlung vom sagenhaften Brabant in ein Klassenzimmer zur Zeit des letzten Kaisers (Bühne und Kostüme: Helmut Brade) – was erstaunlich gut funktioniert. Hier haben Träume Platz und werden lebendig. Der Klassenbeste darf die Königskrone tragen, sein Kumpan wird dessen Heerrufer und Elsas Traum vom starken Ritter wird ebenfalls zur Wirklichkeit. In dieser jugendlichen Schuldimension werden die Träume greifbarer, alltäglich, etwas, was ein jeder im Publikum noch nachspüren kann. Welche Frau träumt denn nicht von einem großen, starken Mann (der auch noch gut singen kann…)?

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Konwitschnys Inszenierung besticht durch eine enorm vielfältige und detailreiche Personenführung. Häufig neigt der Lohengrin-Chor ja eher zur Steh-Rum-Staffage – nicht jedoch bei Konwitschny. Tische werden beklettert, Schwämme und Papierflieger geworfen, es wird gerangelt, gekämpft, aber auch individuell mit den Protagonisten agiert, so wunderbar lebendig bei Elsas Brautzug. Der strahlend helle Auftritt Lohengrins – er wird samt mit den Armen wedelnden Schwan/Gottfried aus dem Bühnenboden hochgefahren – ist die Erfüllung von Elsas Traum. Das Klassenzimmer wird allgemein zum Ort des Träumens. Bahnt sich der Kampf an, ordnen die Teenies ihre überdimensionalen Tische zur Arena an. Ist die Hochzeit angesetzt, wird wieder neu formatiert und romantisch eingedeckt. Fantasiewelten sind schnell geschaffen. Wie poetisch es dabei im Klassenzimmer zugehen kann, zeigt der Brautgang, eingebettet in eine Unterrichtsstunde über den Aufbau eines Münsters. Jubelnde Klassenkameraden, frisches Grün und bunte Papierschnipsel statt Reis und Rosenblüten erfüllen den Saal – ein wirklich schönes Bild. Genauso ästhetisch gelingt der Sonnenaufgang im zweiten Akt, der sich durch die Fenster zeigt. Was zu Zeiten Meyerbeers eine Theaterrevolution war, überzeugt auch noch heute und beendet das scheinbar nächtliche Nachsitzen Ortruds und Telramunds. Die Brautnacht Elsas und Lohengrins wird in den Sexualkundeunterricht eingebettet. Doch in diesem endet der Traum. Nach Telramunds Tod schließt die Oper auf offener Fläche. Der Hintergrund ist schwarz, Lohengrin muss gehen, die Teenie-Klamotte ist vorbei.

Was sich nach oberflächlichen Theaterspaß anhört, geht doch auch in die Tiefe. Gerade durch die Nahbarkeit der Inszenierung entstehen anrührende, intime Momente. Die Gralserzählung wird zu einem Moment der Trostlosigkeit. Übermenschliches und Menschliches kann nicht zusammen kommen, zumal Lohengrin als Gralsritter keusch zu leben hat. Gottfried gibt – stark gerüstet – nun zurückverwandelt – zumindest Hoffnung für Brabant.

Musikalisch war der Abend sehr gut bis durchwachsen. Am meisten konnte Andrzej Dobber in der Rolle des Heerrufers überzeugen. Kraftvoll strotzend, durchdringend und in allen Lagen sicher sowie spielerisch hervorragend, ist er eine Luxusbesetzung für die Rolle. Auch Tanja Ariane Baumgartners Ortrud konnte sich hören lassen. Sehr textverständlich und stets zwischen Dämonie und heuchlerischer Freundlichkeit spielt und lebt sie die – im Schulkontext – Klassenzicke. Ihre Stimme hat Durchschlagskraft, ihre dunkle Tiefe wie auch die gewaltigen Spitzentöne beeindrucken. Da hatte es ihr Partner Wolfgang Koch als Telramund schon schwerer. Schauspielerisch absolut glaubhaft, konnte er stimmlich mit seinen männlichen Kollegen nicht mithalten. Teilweise überforcierend und mehr sprechend als singend versucht er zwar expressiv die Verzweiflung darzustellen, was jedoch zu Lasten der Musik und Noten geht.

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Christof Fischesser als König Heinrich hingegen gelingt der Spagat zwischen größtmöglichem Ausdruck und getreuer Musikgestaltung. Sein flexibler Bass hat nicht das größte Volumen, kann sich aber doch stets dem Orchester gegenüber behaupten. Besonders seine leisen Stellen wie „Gott laß mich weise sein“ gelingen wunderbar sanft und sind hervorragend geführt. Simone Schneider legt ihre Elsa eher lyrisch an. Ihr runder Sopran neigt nicht so sehr zu dramatischen Ausbrüchen, sondern kann mit Schönklang punkten. Spielerisch bleibt sie eher blass. Bleibt noch Klaus Florian Vogt. An seinem Gesang scheiden sich die Geister. Sein sehr kopfiger Tenor ist purer Schönklang, strahlend hell, ideal für die Rolle des Parsifal, die er auch in Bayreuth schon mehrfach gesungen hat. Sein Lohengrin ist ebenfalls sehr lyrisch gehalten. Dramatische Ausbrüche fehlen fast völlig, auch macht sich die fehlende Tiefe teils bemerkbar. Ein paar Phrasen gestaltet er glaubhaft expressiv, doch ist er mehr lichte Traumgestalt als ein krafttrotzender Held, was aber im Zusammenhang der Inszenierung nicht stört, sondern gut passt. Seine Gralserzählung wird zum Gänsehautmoment obgleich einige Phrasen unglücklich gestaltet wurden.

Das Orchester unter Kent Nagano ist der Schwachpunkt der Produktion. Nagano hält das Orchester stets neutral, kostet nicht den Klang aus, Pathos wird ausgelassen wo es geht. Dies ist gerade auf dem Höhepunkt des Vorspiels zum ersten Akt schade, welches dymanisch zudem sehr eigenwillig gestaltet ist. Während die Geigen zu Beginn wunderbar aus dem Nichts erklingen, entwickelt sich einfach zu wenig, auf dem Höhepunkt nimmt Nagano den Klang gar zurück. Auch das geniale Vorspiel zum dritten Akt vermisst jeglichen Überschwang. Die ganz leisen Stellen sind am stärksten, aber das ist bei Lohengrin einfach zu wenig. Das Zusammenspiel zwischen Bühne und Graben ist einwandfrei, die Chöre agieren mit großer Spielfreude und guter Textverständlichkeit.

Das Publikum spendet besonders Klaus Florian Vogt und Tanja Ariane Baumgartner viel Applaus, der in seiner Begeisterung Bayreuth-Ähnliche Ausmaße zeigte!

Besuchte Vorstellung – 26.12.2019 – 16.00 Uhr

Lohengrin an der Staatsoper Hamburg, letzte Vorstellung der Spielzeit 03.01.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Dortmund, Oper Dortmund, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 22.12.2019

Dezember 22, 2019 by  
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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

LOHENGRIN  –  Richard Wagner

– Ein Schwan ist kein Taxi! –

von Karin Hasenstein

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Foyer der Oper Dortmund wurde die Rezensentin Zeuge einer Unterhaltung zwischen zwei Damen, beide offenbar langjährige und erfahrene Opernbesucherinnen. Nachdem sie aufmerksam der Einführung durch die junge Dramaturgin gelauscht hatten, trieb einzig sie die Frage um, wie der Regisseur das denn wohl mit dem Schwan macht. Man hätte ja schon die dollsten Sachen erlebt, immer dieses Regietheater heutzutage und diese neumodischen Einfälle… still in sich hineinschmunzelnd entfernte sich die Rezensentin Richtung Zuschauerraum, um der Lösung des Rätsels zu harren.

Doch zunächst trat der Intendant der Oper Dortmund vor den Vorhang, um eine Besetzungsänderung bekanntzugeben. Für die leider sehr kurzfristig erkrankte Sängerin der Ortrud, Stéphanie Müther, konnte glücklicherweise die erfahrende Wagner-Sängerin Sabine Hogrefe einspringen. Wer sich im Opernbetrieb auch nur ein bisschen auskennt, vermag zu ermessen, was es bedeutet, am Vorstellungstag um 11 Uhr in eine unbekannte Inszenierung eingewiesen zu werden und um 15 Uhr die Vorstellung zu singen UND zu spielen! Alleine dafür gebührt Frau Hogrefe allergrößter Respekt! Dass es damit allein aber nicht getan war, dazu später mehr.

1. Akt:    Nach wenigen Takten des Vorspiels hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eines der breitesten Bühnenportale der Republik. Links im Hintergrund sehen wir einen angedeuteten Raum mit linker Wand und Hinterwand, die anderen Seiten sind offen. Der Blick in das Zimmer offenbart ein Bett, an der Wand darüber einige gerahmte Fotografien, neben dem Fenster ein Stuhl und Frisiertisch, auch darüber zwei Bilderrahmen und ein kleines Horn an einer Schnur.

In dieser sparsam ausgeleuchteten Szene sehen wir Elsa betend auf dem Bett. Sie steht auf und tritt ans Fenster und parallel dazu sehen wir in einer Projektion die Perspektive von oben, der Blick auf Elsa, die auf dem Bett liegt, aber nicht schläft. Zusätzlich wird dieses Bild nun noch herangezoomt.

Lohengrin von Richard Wagner
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Im Vordergrund bis in die Tiefe der Bühne ziehen sich Stoppeln wie von Stroh oder Schilf. Es sind keine Felder, eher Reihen, und sie erinnern ein wenig an das Bühnenbild des Lohengrin der Mailänder Scala mit Jonas Kaufmann (Regie Claus Guth)

Bei den Kostümen (Jessica Rockstroh) der Solisten dominiert die Farbe Schwarz. Die Männer tragen unterschiedliche Anzüge beziehungsweise Telramund einen Gehrock, der Heerrufer des Königs einen Frack und der König selbst einen Dreiteiler. Die Damen tragen lange Kleider, hochgeschlossen, elegant aber dennoch streng. Zeitlich ist der Stil um die Jahrhundertwende 19./ 20. Jahrhundert einzuordnen, eine Mode, wie sie das gehobene Bürgertum getragen hat bis hin zum einfachen Adel. Eine starke Assoziation zum Film „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ von Michael Haneke drängt sich auf.

Der Einzige, der aus dieser Kleiderordnung heraus fällt, ist Lohengrin. Er trägt eine lange schwarze Hose, dazu ein weißes Hemd, die langen Ärmel aufgekrempelt. Er hat im ersten Akt keine Jacke und ist barfuß. Damit hebt er sich deutlich von allen anderen Personen ab. Die Chordamen und -herren sind ähnlich den Solisten in schwarze lange Kleider und schwarze Anzüge gekleidet.

Das nur 75 Takte lange Vorspiel (erstmals als solches bezeichnet und nicht mehr als Ouvertüre), von GMD Gabriel Feltz ruhig und unaufgeregt angelegt, leitet über zur ersten Szene des ersten Aktes. Das Tempo ist sehr ruhig, getragen aber dennoch fließend, ja: organisch. Die achtfach geteilte Violinen sind gut durchhörbar, sehr deutlich hervorgehoben die Stimmen der Holzbläser, hier vor allem die Flöten.  Der Heerrufer tritt auf und parallel dazu sehen wir eine Videoeinblendung mit dem Text „Es war einmal…“ – so fangen viele Märchen an…

Der Chor ist im Zuschauerraum positioniert, auf den rechten und linken Rängen, und mit ihm die Trompeten. Die Bühnenmusik wurde unter anderem verstärkt durch die Trompeter der Bielefelder Philharmoniker. Was für die Trompeten kein Problem darstellt, sollte sich im Laufe des Abends für den Chor doch wiederholt als Falle herausstellen. Hier kam es leider mehrfach aufgrund mangelnder Sichtachse zum Dirigenten (oder schlicht aufgrund der Übertragungsverzögerung zum Monitor) zu Synchronizitätsproblemen zwischen Graben und Rang.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Der Heerrufer (ausdruckstark in Gesang und Spiel: Morgan Moody) richtet das Wort an die Brabanter, dabei wird der Gesang immer wieder von starren, manieriert wirkenden Gesten unterstrichen.  Nachdem die Brabanter ihrem König Heinrich die Gefolgschaft versichern (eindrücklich der Herrenchor: „Wohlauf, [mit Gott] für deutsches Reiches Ehr!“) klagt Friedrich Graf von Telramund die Tochter des Herzogs von Brabant, Elsa, des Mordes an ihrem Bruder Gottfried an („Nun führ‘ ich Klage wider Elsa von Brabant, des Brudermordes zeih‘ ich sie“).

Die nun folgende Chorstellen „Ha, schwere Schuld zeiht Telramund...“ zeigen, dass der Chor von Fabio Mancini sicher einstudiert wurde, denn vom feierlichen Piano bis zum scharfen Fortissimo bei „Nicht eh’r zur Scheide kehr‘ das Schwert, bis ihm durch Urteil Recht gewährt!“ wird die ganze Dynamik differenziert ausgenutzt.  Der Chor beginnt auch in der zweiten Szene im Piano mit „Seht hin! Sie naht, die hart Beklagte!“ und geht dann in der Dynamik noch weiter zurück ins Pianissimo bei „Träumt sie? Ist sie entrückt?“

Bei „In lichter Waffen Scheine“ sind die akustischen Effekte aus dem Rängen sehr eindrücklich und wirkungsvoll eingesetzt. Die Deklamation im Chor und das Piano des Orchesters machen diese Stelle zu einem der ersten musikalischen Glücksmomente des Abends. Dem schließt sich mit „Des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein!“ gleich der nächste an. Die junge schwedische Sopranistin Christina Nilsson gibt mit der Elsa in Dortmund ihr Rollendebüt. Das macht sie so überzeugend, dass man ihr das naive Mädchen, das von der Anklage des Telramund unvermittelt getroffen wird, ohne weiteres abkauft.

Der Regisseur Ingo Kerkhof erzählt die ganze Geschichte aus Elsas Sicht, im Grunde ist sie die zentrale Figur der Handlung. Die anderen Personen nehmen mit ihrem Handeln auf unterschiedliche Weise Einfluss auf sie, angefangen bei Telramund über den König mit dem Gottesgericht, dann Ortrud und schließlich und ganz zentral der fremde Schwanenritter, Lohengrin selbst.  Das ist nicht neu und mit dem Frageverbot als zentralem Punkt der Oper gewissermaßen werkimmanent.

Dazu passt, dass wir als einziges gestaltendes Element Elsas Zimmer auf der Bühne haben. Es gibt im zweiten Akt kein Münster oder irgendwelche anderen Orte, die Gestalt annehmen. Fast scheint es, als ob alles nur in Elsas Phantasie spielt. „In lichter Waffen Scheine ein Ritter nahte da“ oder auch „Des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein“ könnte Elsas Traumwelt entstammen. Schließlich sinkt sie im Gebet nieder „Du trugest zu ihm meine Klage, zu mir trat er auf dein Gebot: o Herr, nun meinem Ritter sage, dass er mir helf‘ in meiner Noth! Lass mich ihn seh’n, wie ich ihn sah, wie ich ihn sah sei er mir nah!“

Die nun folgende Szene hält für viele Zuschauer eine herbe Enttäuschung bereit, so wohl auch für die beiden eingangs erwähnten älteren Damen. „Welch ein seltsam Wunder! Wie? Ein Schwan? Ein Schwan zieht einen Nachen dort heran! Ein Ritter drin! Ein Ritter hoch aufgerichtet steht! Wie glänzt sein Waffenschmuck!“ Soweit das Libretto. Den Gefallen tut Kerkhof uns aber nicht. Kein Schwan, auch kein ganz kleiner, nichtmal ein Nachen, nichts dergleichen. Der Ritter ohne Rüstung, ohne Glanz und ohne Waffen kommt… zu Fuß?!

Ein Blick ins Programmheft, doch, Lohengrin. Hm. Aber ohne Schwan. Kann ja nichts draus werden. Oder doch? Ein Schwanenritter ohne Schwan? Lediglich die Gardine vor Elsas Fenster bauscht sich etwas auf, ein Lichtschein fällt hinein, das ist aber auch schon alles.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Der fremde Ritter bedankt sich bei dem fürs Publikum unsichtbaren Schwanentaxi „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!“, worauf der Chor hier eigentlich sehr schlüssig kommentiert „Wie fasst uns selig süßes Grauen, welch holde Macht hält uns gebannt?“ Dass der Gesang an dieser Stelle etwas künstlich wirkt, passt eigentlich sehr gut zu dieser mysteriösen Erscheinung.

Alle verlassen das Zimmer, nur Elsa bleibt zurück. Erstmals richtet der fremde Ritter, den sie sich herbeigeträumt hat, das Wort an sie: „So sprich denn, Elsa von Brabant! Wenn ich zum Streiter dir ernannt, willst du wohl ohne Bang‘ und Grau’n dich meinem Schutze anvertrau’n? (…) Wenn ich im Kampfe für dich siege, willst du, dass ich dein Gatte sei?“ Ohne zu überlegen, bestätigt Elsa das: „Wie ich zu deinen Füßen liege, geb‘ ich dir Leib und Seele frei.“

Bei Lohengrins Frage geht das Licht aus und als er seine Forderung stellt „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam‘ und Art!“ verschwindet Elsas Zimmer ganz langsam aus dem Blick der Zuschauer in die schwarzen Tiefen der Hinterbühne. Damit hat Elsa jede Verbindung zu ihrer alten Welt gekappt, jeden Bezugspunkt verloren. Alle anderen handelnden Personen sind schon lange und beinahe unbemerkt abgegangen, sie ist mit Lohengrin alleine auf der leeren Bühne, der Chor kommentiert einer griechischen Tragödie gleich das Schicksal, das hier gerade besiegelt wird.

Elsa hat also den Ritter aus ihrem Traum gefunden und dieser ist tatsächlich bereit, für sie zu streiten. Immerhin stellt sie ihm die Krone in ihres Vaters Reich in Aussicht inklusive ihrer selbst. Im nun folgenden Kampf des Gottesgerichts tritt Lohengrin gegen seinen Herausforderer Telramund an und siegt seinem Auftrag und seiner Bestimmung gemäß. „Durch Gottes Sieg ist jetzt dein Leben mein: ich schenk‘ es dir, mögst du der Reu‘ es wei’hn!“

Während der Kampfszene sehen wir auf einer Gaze, die vor die Szene gesenkt wird, zunächst die Projektion einer Textstelle aus dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ der Gebrüder Grimm.

Man muss nicht erst bei Eugen Drewermann nachlesen, um die Bedeutung hinter der Psychologie dieses Märchens und die Analogie zwischen Elsa und dem Schwesterchen aus dem Märchen herzustellen. Im Märchen geht es um ein Entwicklungsdrama, wie auch in Wagners Opernlibretto. Die Hauptperson ist das Schwesterchen, in der Oper ist es in dieser Deutung von Kerkhof die Elsa. Es geht um die gefahrvolle Reifung eines Mädchens zur erwachsenen liebenden Frau. Das Brüderchen wird zu einem Teil der Seele des Mädchens, welche die unstillbare Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit verkörpert. Elsa wird Lohengrin zur Frau versprochen, so werden die Beiden ein Teil.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Dass es im Brautgemach nicht zur tatsächlichen Vereinigung kommt, ist dabei nicht mehr wichtig. Elsa sieht Lohengrin als „mein Schirm, mein Engel, mein Erlöser!“ worauf Lohengrin bekennt „Elsa, ich liebe dich!“ Der vom Gral gesandte Ritter verliebt sich stehenden Fußes in eine ihm unbekannte junge Frau. Das gibt es doch eigentlich auch nur im Märchen – oder in der Oper.

In der Videosequenz sehen wir Brüderchen und Schwesterchen (die junge Elsa und den kleinen Gottfried) am Tisch sitzen und Suppe löffeln. Plötzlich fischt der Junge einen Gegenstand aus der Suppe, bei genauem Hinsehen entpuppt sich dieser als ein Federball. Die Kinder werfen sich den Federball zu, albern herum.  Währenddessen sitzt die reale Elsa auf der Bühne am Tisch – allein. Denn der Bruder ist ja verschwunden.

Das Mädchen Elsa wächst gespalten auf. Es fehlt die Vaterfigur, in Ortrud erfährt die Heranwachsende nur Abneigung. Elsa versucht ängstlich, das schwesternhafte Ich zu bewahren, gleichzeitig aber drängt das pubertierende Mädchen wie ein junges Tier ins Freie und will (im Märchen) in ihrer neuen Rehgestalt gejagt und gezähmt werden. Aber wie kann ihr nun Erlösung zuteil werden?  Die Antwort liegt nahe: in Gestalt des Schwanenritters aus ihrem Traum. Der hat nun ganz real den Ankläger geschlagen und damit den Gotteskampf für sich entschieden.

Diese Schlüsselszene hat Wagner, nebenbei bemerkt, in ein ausgesprochen kunstvolles Quintett verpackt und noch dazu mit einem Chor unterlegt. Man sollte sich wirklich einmal die Mühe machen und alle fünf Solostimmen einzeln im Libretto verfolgen. Wie dieses Ensemble gebaut ist, erinnert sehr an die Soloquintette aus Mozarts Opern.

Als der Chor singt „Des Reinen Arm gib Heldenkraft“ wird im Video überblendet und aus den Kindern am Tisch werden die Erwachsenen. Aus Brüderchen und Schwesterchen werden Lohengrin und Elsa.

Der Damenchor singt „Mein Herr und Gott! Du kündest nun dein wahr‘ Gericht, (…) mein Herr, mein Herr, drum zag‘ ich nicht!“  Lohengrin stellt fest „Durch Gottes Sieg ist nun dein Leben mein: ich schenk‘ es dir, mögst du der Reu‘ es weih’n!

Der König und der Herrenchor beschließen mit „Ertöne, ertöne, Siegesweise, dem Helden laut zum Preise! Heil deiner Fahrt, Heil deinem Kommen…!“   Elsa und Lohengrin küssen sich, der Vorhang fällt.

 Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

2.  AKT:   Nach dem kurzen Vorspiel befinden wir uns wieder in Elsas Zimmer. Das Licht ist stark gedämpft. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir die Gestalt auf Elsas Bett, es ist Ortrud, die eine postkoitale Zigarette raucht. Telramund kleidet sich wieder an, wobei er Ortrud auffordert „Erhebe dich, Genossin meiner Schmach! Der junge Tag darf hier uns nicht mehr seh’n!“ worauf Ortrud erwidert „Ich kann nicht fort: hieher bin ich gebannt. Aus diesem Glanz des Festes unsrer Feinde lass‘ saugen mich ein furchtbar tödtlich Gift, das unsre Schmach und ihre Freuden ende!“

Telramund fällt erneut über sie her „Du fürchterliches Weib! Was bannt mich noch in deine Nähe? Warum lass ich dich nicht allein und fliehe fort, dahin, dahin, wo mein Gewissen Ruhe wieder fänd!“  Darin liegt Telramunds Schicksal, zuerst unterliegt er dem fremden Ritter im Kampf, jetzt ist er nicht einmal in der Lage, seine Frau zu verlassen.

Joachim Goltz versteht es meisterlich, die tiefe Verzweiflung Telramunds zu verdeutlichen. Sein  „Durch dich musst‘ ich verlieren mein‘ Ehr‘, all meinen Ruhm, nie soll mich Lob mehr zieren, Schmach ist mein Heldenthum! Die Acht ist mir gesprochen, zertrümmert liegt mein Schwert, mein Wappen ward zerbrochen, verflucht mein Vaterheerd! … Mein Ehr‘, mein Ehr‘ hab ich verloren, mein Ehr‘, mein Ehr‘ ist hin!“ gelingt eindrucksvoll und ausgesprochen authentisch. Er kann Ortrud nicht verlassen, noch umbringen, ist er doch durch den Kampf auch seines Schwertes beraubt: „Dass mir die Waffe selbst geraubt, mit der ich dich erschlüg!“ So bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich Ortruds Zauberkräften anzuvertrauen. Die Lösung seiner Misere liegt in einem Zauber: „Du wilde Seherin, wie willst du doch geheimnisvoll den Geist mir neu berücken?“

Ortrud weiß Antwort: „Die Schwelger strecken sich zur üpp’gen Ruh‘; setz dich zur Seite mir! Die Stund‘ ist da, wo dir mein Seherauge leuchten soll!“  Damit ist eine weitere Analogie zur Märchenwelt gefunden, Wendung des Schicksals (Gottesgericht) durch finstere Mächte, durch Zauberei.

Selbst wenn „Trug und Zaubers List“ nicht fruchten, „Missglückt’s, so bleibt ein Mittel der Gewalt! Umsonst nicht bin ich in geheimsten Künsten tief erfahren (…)“ Sie erklärt ihm, dass Lohengrins Macht schwindet, wenn es Telramund gelänge, ihm nur einen Finger oder gar nur eines Fingers Glied abzuschlagen.

In dem nun folgenden kurzen Duett „Der Rache Werk sei nun beschworen aus meines Busens wilder Nacht!“ schwören beide Rache den unschuldig Schlafenden. In dieser kurzen Szene entlädt sich die gesamte aufgestaute Frustration und Missgunst gegenüber Elsa und Lohengrin, ihrem vermeintlichen Buhlen.

Sabine Hogrefe geht absolut souverän und professionell mit ihrer Situation als kurzfristige Einspringerin um. Hätte der Intendant diese Information nicht zu Beginn gegeben, niemand im Saal wäre auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, Sabine Hogrefe hätte nicht die gesamte Probenphase über an der perfekten Umsetzung ihrer Rolle gearbeitet!

Zugute kommt ihr dabei sicherlich ihre langjährige Erfahrung an Bühnen wie Stuttgart, Mannheim, Frankfurt, München, Nantes, Dijon und als Brünnhilde bei den Bayreuther Festspielen 2010 unter Christian Thielemann. Darüber hinaus kann sie sich auf das gesamte Solisten-Ensemble und hier ganz besonders auf ihren Partner Joachim Goltz verlassen. Beide harmonieren darstellerisch wie stimmlich ganz ausgezeichnet und sind in ihrem Rache-Duett geradezu furchteinflößend authentisch.

Sabine Hogrefe kann als Ortrud ihre warme Mittellage optimal zur Geltung bringen, die gut ausgebaute gesunde Höhe ist glasklar mit einem guten Metallanteil und der nötigen Schärfe an den richtigen Stellen. Ihr „Entweihte Götter! Helft jetzt meiner Rache!“ lässt einem das Blut auf faszinierende Weise in den Adern gefrieren. Selbst hier gelingt es ihr noch, dass der Zuschauer Sympathie für Ortrud empfindet. Diese Stelle, an der nicht wenige Sopranistinnen an ihre Grenzen kommen, kostet Sabine Hogrefe richtig aus. Ihre Anrufung der Götter, „Wodan! Dich Starken rufe ich! Freia! Erhab’ne, höre mich! Segnet mir Trug‘ und Heuchelei, dass glücklich meine Rache sei!“ ist eine wahre Klangorgie im Fortissimo. Ganz professionell, souverän, einfach beeindruckend.

Während dieser Anrufung fährt Elsas Zimmer zurück auf die Hinterbühne und entzieht Telramund so ihren Blicken. Ortrud hat Elsa mit ihren Schmeicheleien derart berückt, dass diese scheinbar bedenkenlos das Messer annimmt, das Ortrud ihr reicht. „Du Ärmste kannst wohl nie ermessen, wie zweifellos mein Herze liebt? Du hast wohl nie das Glück besessen, das sich uns nur durch Liebe giebt? Kehr‘ bei mir ein! Lass mich dich lehren, wie süß die Wonne reinster Treu! Lass zu dem Glauben dich bekehren: es giebt ein Glück, es giebt ein Glück, das ohne Reu‘!“  Ortrud fällt in ihren Gesang ein, jedoch mit einem gänzlich anderen Text.  „Ha! Dieser Stolz, er soll mich lehren wie ich bekämpfe ihre Treu‘, er soll’s mich lehren! Gen ihn will ich die Waffen kehren, durch ihren Hochmuth werd‘ ihr Reu‘ (…)“

Es ist faszinierend, wie Wagner hier zwei so unterschiedliche Aussagen und Stimmungen mit ein- und derselben Musik unterlegt. Je nachdem, auf welche Stimme man sich mehr konzentriert, erhält das Duett einen ganz anderen Charakter. Hervorzuheben seien hier noch insbesondere die tiefen Streicher, die klangschön und transparent im Orchesterklang hervortreten.

Ortrud geht nach hinten ab, Telramund kommt zu Elsa und stellt fest „So zieht das Unheil in dies Haus! Vollführe, Weib, was deine List ersonnen, dein Werk zu hemmen fühl‘ ich keine Macht.“  Im Hintergrund erscheint wieder Elsas Zimmer. Auf den Rängen erklingen wieder zwei Gruppen von Trompeten (von Wagner als „auf dem Thurme“ und „entfernt“ angegeben). Der gewünschte Effekt wird hier durch die Positionierung auf den Rängen und aus dem Foyer erreicht.

Erst spät nehmen die Augen im rechten hinteren Drittel der halbdunklen Bühne ein Rehkitz wahr, das Rehlein aus dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen„. Hier wird wieder die Deutung von Elsa als gejagte Beute nahegelegt, während in der Fassung der Gebrüder Grimm das Brüderchen die Gestalt des Rehleins annimmt. Elsa betritt ihr Zimmer, in dem sich eben noch Ortrud und Telramund vergnügt haben. Angewidert zieht sie ihr Bett ab und wirft die Bettwäsche zu Boden. Dabei findet sie ein Brautkleid und einen Schleier unter der Matratze. Parallel dazu wird wieder ein Text auf der heruntergelassenen Gaze eingeblendet: „Am Ufer harrt mein Schwesterlein, das muss von mir getröstet sein.“

Der vollständige Text lautet: „Leb‘ wohl, du wilde Wasserfluth, die mich so weit getragen hat! Leb‘ wohl, du Welle, blank und rein, durch die mein weiß Gefieder glitt. Am Ufer harrt mein Schwesterlein, das muss von mir getröstet sein!“ Den hier nicht genannten Titel „Der ausgelassene Gesang des Schwanes aus Lohengrin“ teilte Richard Wagner seiner Schwester Cäcilie in einem Brief vom 15. September 1853 mit. Daran schließt sich der stattliche Herrenchor an „In Früh‘ versammelt uns der Ruf, gar viel verheißet wohl der Tag!“

Der Heerufer tritt auf und verkündet, dass Friedrich Graf von Telramund in Acht und Bann geschlagen wurde und dass jedem dasselbe Schicksal droht, der sich ihm nähert. Währenddessen näht Elsa still an ihrem Hochzeitskleid. Des Weiteren erklärt der Heerrufer, dass der „fremde, gottgesandte Mann“ mit Land und Krone von Brabant belehnt wird. Sein Titel soll jedoch nicht König lauten, sondern „Schützer von Brabant“. Die dritte Neuigkeit ist, dass am nächsten Tage Hochzeit gehalten wird und anschließend die Getreuen sich dem Heer des Königs anschließen sollen. Begeistert fallen die Männer ein „Zum Streite säumet nicht, führt euch der Hehre an! Wer muthig mit ihm ficht, dem lacht des Ruhmes Bahn! (…) Gott hat ihn gesandt zur Größe von Brabant (…) von Gott ist er gesandt.“ Danach legen sich die Männer zwischen den Stoppelreihen zur Ruhe.

Der rote Vorhang hebt sich und zum Zwischenspiel zur vierten Szene tritt der Damenchor auf. Ein weißer Vorhang aus Bändern ersetzt den roten und wohl auch das Portal des Münsters. Die Frauen kommen einzeln aus dem Hintergrund und nehmen ihre Plätze auf der Ebene ein. Sie tragen alle lange schwarze Kleider.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Die vier Edelknaben (ideal klangschön und ausgewogen: Rebecca Sörensen, Eunjii Park, Ji-Young Hong, Edvina Vlajevcic) bereiten Elsa den Platz. Sehr zart im Pianissimo folgt der Herrenchor „Gesegnet soll sie schreiten, die lang in Demuth litt; Gott möge sie geleiten, Gott hüte ihren Schritt!“ Die Frauen fallen ein mit „Heil dir, Tugendreiche!“  Elsa nähert sich der Menge, die vor ihr zurückweicht. Sie trägt Brautkleid und Schleier, in der Hand eine Kerze. Alle setzen sich, Kerzen werden durch die Reihen gereicht und angezündet. Das ergibt ein sehr stimmungsvolles anrührendes Bild. Elsa gleicht in ihrem langen schlichten Kleid mit dem Schleier und der Kerze in der Hand stark einer Madonnenfigur oder einem Heiligenbild.

Ortrud erscheint und fordert Elsa auf, ihr den Vortritt ins Münster zu gewähren. „Weil eine Stund‘ ich meines Werts vergessen, glaubest du, ich müsste dir nur kriechend nah’n? Mein Leid zu rächen will ich mich vermessen, was mir gebührt, das will ich nun empfah’n!“ Als Elsa nicht gleich einwilligt, fährt Ortrud schwerere Geschütze auf: „Wenn falsch‘ Gericht mir den Gemahl verbannte, war doch sein Nam‘ im Lande hochgeehrt; als aller Tugend Preis man ihn nur nannte, gekannt, gefürchtet war sein tapf’res Schwert. Der Deine, sag! wer sollte hier ihn kennen, vermagst doch du selbst den Namen nicht zu nennen!“

Damit pflanzt sie den Zweifel in Elsa, die versprochen hat, den fremden Ritter nicht nach Name, Art und Herkunft zu fragen. Sogleich verteidigt sie ihn: „So rein und edel ist sein Wesen, so tugendreich der hehre Mann, dass nie des Unheils soll genesen, wer seiner Sendung zweifeln kann! Hat nicht durch Gott im Kampf geschlagen mein theurer Held den Gatten dein? Nun sollt nach Recht ihr Alle sagen, wer kann da nur der Reine sein?“

Der König und Lohengrin erscheinen auf der Szene. Lohengrin verteidigt Elsa gegen Ortrud: „Du fürchterliches Weib, steh‘ ab von ihr! Hier wird dir nimmer Sieg!“ Doch nun ergreift Telramund das Wort und dreht den Spieß um: „Den dort im Glanz ich vor mir sehe, den klage ich des Zaubers an! (…) Die Frage nun sollt ihr nicht wehren, dass sie ihm jetzt von mir gestellt: nach Namen, Stand und Ehren frag‘ ich ihn laut vor aller Welt! Wer ist er, der ans Land geschwommen, gezogen von einem wilden Schwan? Wem solche Zauberthiere frommen, dess‘ Reinheit achte ich für Wahn!“

Lohengrin erwidert, dass er Telramund keine Antwort geben wird, ja, nicht einmal dem König. „Nur Eine ist’s, der muss ich Antwort geben: Elsa… Elsa! Wie seh‘ ich sie erbeben!“ Ortrud spürt, dass ihr finsterer Plan aufgeht: „In wildem Brüten darf ich sie gewahren; der Zweifel keimt in ihres Herzens Grund.“ Auch Lohengrin scheint sich Elsas Standfestigkeit nicht mehr sicher zu sein: „O Himmel! Schirm‘, o schirme ihr Herz vor Gefahren, nie werde Zweifel dieser Reinen kund!Ortrud und Telramund haben nun denselben Text: „Er ist besiegt, wird ihm (von ihr) die Frage kund!“ Der König versichert Lohengrin seines Schutzes: „Wir schirmen ihn, den Edlen, vor Gefahren; durch seine That ward uns sein Adel kund!“

Auch dieses Solisten-Ensemble mit unterlegtem Chor ist es wert, sich jede Stimme in Melodie und Text einmal näher anzuschauen. Immer wieder erinnern die Quartette und Quintette bei Wagner von der Bauweise sehr an Ensembles in Mozarts Opern wie in der Zauberflöte. Auch hier sind sie stets an zentralen Stellen großer Gefahr oder schicksalhafter Wendungen zu finden.

Zum Zeichen, dass er ihr vertraut, fordert Lohengrin Elsa auf: „Elsa, erhebe dich! In deiner Hand, in deiner Treu‘ liegt alles Glückes Pfand! Lässt nicht des Zweifels Macht dich ruh’n? Willst du die Frage an mich thun?“ worauf Elsa erwidert: „Mein Retter, der mir Heil gebracht! Mein Held, in dem ich muss vergeh’n! Hoch über alles Zweifels Macht soll meine Liebe steh’n!“  Nach diesem Bekenntnis ist Lohengrin bereit, mit Elsa vor Gott zu treten. Daniel Behle legt in diese zentrale Phrase so viel Liebe und Gefühl, dass es ungeheuer anrührend wirkt und auch Christina Nilsson ist in diesem Moment ganz und gar Elsa und ihre Liebe ist über jeden Zweifel erhaben.

Der nun folgende Chor „Gesegnet sollst du schreiten“ (Männer) bzw. „Heil dir, Tugendreiche!“ (Frauen), von der Orgel unterlegt und dadurch betont sakral anmutend, lotet dynamisch vom zarten Piano bis zum Fortissimo auf „Heil!“ alle Stufen aus. Das letzte „Heil dir!“ wird zum „Heil euch!“ im fff im vollen Orchester und Orgelregister. In den Trompeten und Posaunen erklingt unheilvoll das Fragemotiv. Der zweite Akt endet in strahlendem C-Dur, der „Siegestonart“.

3.  AKT:  Das Vorspiel zum dritten Akt nimmt GMD Gabriel Feltz in genau abgestimmtem raschen Tempo, zackig artikuliert und mit sattem Streicherklang. Die verschiedenen Motive, die vorgestellt werden, arbeitet er präzise heraus.

Auf dem noch geschlossenen Vorhang erscheint wieder ein Text, diesmal nicht aus dem bereits bekannten Märchen, sondern aus einer von Wagners Schriften zur Revolution: „Ja, wir erkennen es, die alte Welt, sie geht in Trümmer, eine neue wird aus ihr erstehen, denn die erhabene Göttin Revolution, sie kommt daher gebraust auf den Flügeln der Stürme, das hehre Haupt von Blitzen umstrahlt, das Schwert in der Rechten, die Fackel in der Linken, das Auge so finster so strafend, so kalt, und doch, welche Glut der reinsten Liebe, welche Fülle des Glückes strahlt dem daraus entgegen, der es wagt, mit festem Blicke hineinzuschauen in dieß‘ dunkle Auge.“ (aus: Richard Wagner, Die Revolution, 1849)

Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf ein Bett auf der linken Bühnenseite. Dazu erklingt der Brautchor „Treulich geführt“.  Das Zimmer hat nun nur noch eine Wand, zwei Türen und ein Fenster.  Elsa erscheint im weißen Brautkleid. Die Frauen singen „Wie Gott euch selig weihte, zu Freuden weih’n euch wir. In Liebesglück’s Geleite denkt lang der Stunde hier!“  Elsa und Lohengrin bleiben allein zurück. „Das süße Lied verhallt; wir sind allein, zum ersten Mal allein, seit wir uns sah’n.“ Auch diese Stelle gestaltet Daniel Behle innig und mit tief empfundenem warmen Ausdruck.

Elsas Bekenntnis „Wie wär‘ ich kalt, mich glücklich nur zu nennen! (…) Fühl‘ ich zu dir so süß mein Herz entbrennen, athme ich Wonnen, die nur Gott verleiht!“ ist Christina Nilssons Entsprechung, nicht weniger glaubhaft.

Doch dieses bedingungslose Glück hält nur sehr kurz an, als Lohengrin Elsas Namen ausspricht, erwidert sie „Wie süß mein Name deinem Mund entgleitet! Gönnst du des deinen holden Klang mir nicht? Nur wenn zur Liebesstille wir geleitet, sollst du gestatten, dass mein Mund ihn spricht…“   Lohengrin geht nicht darauf ein, versucht noch, sie abzulenken: „Athmest du nicht mit mir die süßen Düfte? O wie so hold berauschen sie den Sinn! Geheimnisvoll sie nahen durch die Lüfte, fraglos geb‘ ihrem Zauber ich mich hin.“

Doch Elsa bleibt beharrlich: „O mach‘ mich stolz durch dein Vertrauen, dass ich in Unwerth nicht vergeh‘! Lass‘ dein Geheimnis mich erschauen, dass, wer du bist, ich offen seh! Meiner Treue enthülle deines Adels werth! Woher du kamst, sag‘ ohne Reue, durch mich sei Schweigens Kraft bewährt!“   Lohengrin versucht an ihre Liebe zu appellieren: „Dein Lieben muss mir hoch entgelten für das, was ich um dich verließ; kein Loos in Gottes weiten Welten wohl edler als das meine hieß! (…) Das Einz’ge, was mein Opfer lohne, muss ich in deiner Lieb erseh’n! Drum wolle stets den Zweifel meiden, dein Lieben sei mein stolz Gewähr, denn nicht komm‘ ich aus Nacht und Leiden, aus Glanz und Wonne komm‘ ich her!“

Elsa glaubt, einen Schwan zu erblicken, hinter dem Fenster erscheinen Elsa- und Lohengrin-Doubles wie Doppelbilder und im Spiegel ersticht Elsa mit dem Messer, das sie von Ortrud erhalten hat, Lohengrin zu den Worten „Nichts kann mir Ruhe geben, dem Wahn mich nichts entreißt, als gält es auch mein Leben zu wissen, wer du seist!“

Indem Elsa die verbotene Frage stellt, tötet sie Lohengrin und seine Liebe zu ihr. Mit den Worten „Weh, nun ist all‘ unser Glück dahin!“ geht Lohengrin mit ein paar steifen Schritten wie ferngesteuert in das Zimmer und sinkt in der Ecke zu Boden. Elsa erkennt, was sie getan hat und fleht um Erbarmen: „Allewiger, erbarm‘ dich mein!“

Lohengrin verkündet, dass er Elsa vor dem König Antwort geben will. Wiederum wird ein Text eingeblendet: „Der König fragte das Mädchen, ob es mit ihm auf sein Schloss kommen wollte und ihn heiraten würde.“  Dazu wird auf der Gaze die Videoprojektion fortgesetzt. Brüderchen und Schwesterchen sitzen am Tisch und darunter wird die (zentrale) Frage eingeblendet: „WER BIST DU?“

Die nun folgenden Bläserfanfaren, die den König ankündigen, sind in drei Gruppen aufgeteilt. Die Standardbesetzung im Graben, eine zweite Gruppe in den Rängen („auf dem Theater“) und eine dritte Gruppe auf der Bühne („Bühnenmusik“).  Feierlich verkündet König Heinrich „Für deutsches Land das deutsche Schwert, so sei des Reiches Kraft bewährt!“ Die vier Edlen bringen Telramunds Leiche herbei und Elsa nähert sich aus dem Hintergrund, nun wieder in Schwarz gekleidet.

Die Edlen verkünden auf die Frage Heinrichs, dass der Schützer von Brabant es so will und nunmehr offenbaren will, wer er ist.  Der König begrüßt Lohengrin („Heil deinem Kommen, theurer Held!“), doch Lohengrin muss den König enttäuschen: „Mein Herr und König, lass‘ dir melden: die ich berief, die kühnen Helden, zum Streit sie führen darf ich nicht!“ Zunächst will er jedoch die Bestätigung erfahren, dass er den Mann (also Telramund) zu Recht erschlug, der ihn zur Nacht überfallen hat. Der König stimmt ihm darin zu. Dann bezichtigt Lohengrin Elsa des Verrats an ihm.  Da sie nun das Frageverbot gebrochen hat, will er dem König und allen Anwesenden seine Herkunft offenbaren.

„Jetzt merket wohl, ob ich den Tag muss scheuen! Vor aller Welt, vor König und vor Reich enthülle mein Geheimnis ich in Treuen!

Es folgt das Herzstück der Oper, die Gralserzählung. Nicht nur an ihr, aber auch insbesondere an ihr, muss sich wohl jeder Tenor, jeder Lohengrin-Interpret messen lassen. Sie im Konzert „schön“ zu singen, perfekt auf Tonträger zu verewigen, ist nicht gering zu bewerten. Sie jedoch am Ende eines so langen und Kräfte raubenden Abends noch in vollem tenoralen Glanz dem gespannt ausharrenden Publikum zu präsentieren, erfordert ein gerüttelt Maß an Erfahrung, solider Technik und nicht zu unterschätzende Nerven.

Lohengrin sitzt rechts am Bühnenrand auf einem Stuhl, Elsa auf der linken Bühnenseite, beide durch beinahe die gesamte Bühnenbreite getrennt. Das Licht fährt fast ganz zurück, nur ein einzelner Verfolger ist auf Lohengrin gerichtet. Nach vier Takten A-Dur-Akkorden im Orchester im Pianissimo setzt Behle mit den wohlbekannten Worten ein „In fernem Land, unnahbar euren Schritten...“ Die Stelle „alljährlich naht vom Himmel eine Taube…“ (mit einer Fermate auf Tau-) nimmt Behle so zart und leise, dass es eine Freude ist, um wenige Takte später im Crescendo „es heißt der Gral (forte), und selig reinster Glaube (decrescendo – pianissimo) erteilt durch ihn sich seiner Ritterschaft“ einmal richtig aufzumachen. Auch auf dem nächsten „Gral“ („wer nun dem Gral zu dienen ist erkoren“) im Mezzoforte und „den rüstet er mit überirdischer Macht“ im Piano arbeitet er gekonnt und sensibel mit der Dynamik. Er weiß genau, was er da singt und wie er die Botschaft transportieren muss.

Im weiteren Verlauf der Gralserzählung kommt er nun an den Kernpunkt: „Nun hört, wie ich verbot’ne Frage lohne! Vom Gral (ff) ward ich zu euch daher gesandt: mein Vater Parzival trägt seine Krone, sein Ritter ich bin Lohengrin genannt.“  Die Nennung seines Namens raubt Elsa die Kraft („Mir schwankt der Boden! Welche Nacht! O Luft, Luft der Unglücksel’gen!„) und Lohengrin macht es noch schlimmer mit der Frage „O Elsa, was hast du mir angetan?“ und der Ankündigung seines Abschieds „Jetzt muss ich, ach! von dir geschieden sein!“  Nun ist Eile geboten („Schon zürnt der Gral!“).  Lohengrin begrüßt den Schwan, der erschienen ist, um ihn abzuholen.

Auch diese so gut bekannte Stück „Mein lieber Schwan! Ach, diese letzte traur’ge Fahrt…“ singt Behle scheinbar völlig unangestrengt. Er hat sich über alle drei Akte seine Kräfte exzellent und klug eingeteilt, um auch am Ende noch kraftvoll und geschmeidig auf Linie die Stimme strömen zu lassen. Er richtet sich noch einmal an ElsaAch, Elsa, nur ein Jahr an deiner Seite hätt‘ ich als Zeuge deines Glücks ersehnt! Dann kehrte, selig in des Grals Geleite, dein Bruder wieder, den du tot gewähnt.“  In diesem Moment taucht Elsas Zimmer im Hintergrund wieder auf.

Kniend am Bühnenrand singt er „Kommt er dann heim, wenn ich ihm fern im Leben, dies Horn, dies Schwert, den Ring sollst du ihm geben (…) doch bei dem Ringe soll er mein gedenken, der einst auch dich aus Schmach und Not befreit. Leb wohl… leb wohl, mein süßes Weib!“  Behle ist dermaßen in der Rolle, dass Lohengrins Zerrissenheit, sein Schmerz fast körperlich spürbar wird.  Das Zimmer ist inzwischen vorne angelangt.

Ortrud „verabschiedet“ Lohengrin mit den Worten „Fahr heim! Fahr heim, du stolzer Helde!“ Dass jubelnd ich der Thörin melde, wer dich gezogen in dem Kahn; am Kettlein, das ich um ihn wand, ersah‘ ich wohl, wer dieser Schwan: es ist der Erbe von Brabant!“ Damit setzt Ortrud sich das Messer an den Hals, das Elsa ihr reicht und schneidet sich die Kehle durch.  Lohengrin verkündet der entsetzten Menge „Seht da den Herzog von Brabant, zum Führer sei er euch ernannt!“

In Elsas Schlafzimmer sehen wir die Kinder aus den Videosequenzen, nun herangewachsen, und der junge Lohengrin lässt einen Federball in Elsas Hand fallen. Elsa ruft aus „Mein Gatte! Mein Gatte!“ und ein kollektives „Weh!“ in d-moll beschließt die Oper. Auf dem Vorhang erscheint der Text „Es war einmal…“  Es gibt keinen Führer, der Bruder kehrt nicht zurück, der Held entschwindet. Keine Erlösung, kein „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Die Klammer zum Anfang ist geschlossen.

Am Dortmunder Lohengrin beeindruckt die Gesamtleistung so außerordentlich. Das Ensemble agiert auf einem derartig homogenen hohen Niveau, wie man es an einem Haus dieser Größe selten findet.

Daniel Behle liefert mit seinem Lohengrin ein sehr starkes Rollendebüt. Man merkt in jeder Minute, die er auf der Bühne ist, wie sehr er in der Rolle ist. Seine Bühnenpräsenz ist großartig. Er verkörpert nicht den strahlenden Held, die Lichtgestalt, als die Lohengrin gerne gezeichnet wird, sondern den Ritter, der pflichtgemäß in die Fremde gesandt wird, um dort einen Auftrag zu erledigen, ob ihm das nun passt oder nicht. Den Gotteskampf entscheidet er für Elsa, dass er sich von Fleck weg in sie verliebt, war so nicht vorgesehen und kann natürlich nicht gut gehen.

Das ist vor allem Telramund und Ortrud gar nicht recht, denn diese haben eigentlich andere, finstere Pläne. Nachdem es mit dem Kampf nicht geklappt hat, muss halt Zauberei her. Auch diese Paar harmoniert ganz ausgezeichnet, was umso erstaunlicher ist, als Sabine Hogrefe, wie bereits erwähnt, erst wenige Stunden zuvor am Vorstellungstag eingesprungen ist. Weder ihrem eigenen Spiel noch dem Zusammenspiel mit Joachim Goltz war dieser Umstand anzumerken. Das Publikum dankte beiden die starke sängerische und darstellerische Leistung mit jubelndem Beifall.

Christina Nilsson gibt eine jugendlich-naive Elsa, die die ganze Bandbreite von kindlicher Schwärmerei bis zur liebenden Frau, die schließlich verlassen vor den Trümmern ihres kurzen Glücks steht, überzeugend darstellen kann. Ihr kraftvoller, warmer jugendlich-dramatischer Sopran ist stets sicher, klar und gut geführt. Auch Nilsson versteht es, sich ihre Kräfte von „Einsam in trüben Tagen“ bis zum letzten verzweifelten „Ach!“ gut einzuteilen, so dass sie stets präsent ist und auch in der Höhe niemals schrill klingt. Einer ihrer berührendsten Momente ist „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘!

Joachim Goltz gibt einen sehr guten und ungewohnt sympathischen Telramund. Er verkörpert den Rachsüchtigen gut, vermag aber auch Mitgefühl zu wecken. Zwar ist er schwach gegen sein Weib, kann aber auch zeigen, wer Herr im Haus ist. Goltz vereint sehr gute Bühnenpräsenz mit sängerischem Können und großer Bandbreite in der Gestaltung. Sein Bariton verfügt über ein warmes Timbre und große emotionale Ausdruckskraft.

Shavleg Armasi ist die Idealbesetzung als König Heinrich. Sein warmer, nicht zu dunkel timbrierter Bass verströmt einen angenehmem Klang. Er verschafft sich Respekt, wenn nötig und ist ein gütiger König, er ist wie ein Vater für Elsa, insbesondere als er sie an seiner Hand ihrem zukünftigen Gatten zuführt.

Morgan Moody gibt einen perfekten Heerrufer.  Auch wenn dies immer eine sehr dankbare Rolle ist, so verleiht Moody ihr doch einen ganz eigenen Stil. Vielfach verwendet er ganz spezielle manierierte Gesten, um seine Aussagen und Ankündigungen zu unterstreichen. So wundert es nicht, dass er für seine Darstellung mit besonders herzlichem Applaus bedacht wurde.

Der Chor der Oper Dortmund präsentierte sich an diesem Abend grundsätzlich gut und stimmgewaltig, wurde aber bisweilen Opfer der Positionierung auf den Rängen. Leider waren Graben und Bühne manchmal nicht zusammen, was gut hörbar war. Hier wäre es wünschenswert, eventuell durch eine veränderte Choraufstellung oder Zwischendirigat nachzujustieren. Es gäbe genug Platz auf der Bühne, so dass man das Problem der Distanz Dirigent – Chor im Rang beseitigt hätte.

Die Regie von Ingo Kerkhof ist insgesamt klar strukturiert und gut durchdacht. Er versucht nicht, die Geschichte neu zu erfinden oder sie in unsere Zeit zu übertragen. Stattdessen schafft er eine zweite Ebene mit dem Märchen und der Analogie Brüderchen und Schwesterchen zu Gottfried und Elsa beziehungsweise Lohengrin und Elsa.

Anders als im Märchen gibt es in dieser Inszenierung kein Happy End. Kein Führer,  kein Erlöser, kein Schwan:  Nur Verlierer.

Das Publikum dankte dem gesamtem Ensemble für die homogene Leistung auf sehr hohem Niveau. Besonderen Applaus und stehende Ovationen für Daniel Behle und die den Abend rettende Sabine Hogrefe. Ein beeindruckender Lohengrin, der den Weg nach Dortmund unbedingt lohnt.

Lohengrin an der Oper Dortmund; die nächsten Vorstellungen 12.1.; 22.3.; 10.4.; 22.5.2020

Besetzung  der besprochenen Vorstellung:

Musikalische Leitung Gabriel Feltz, Regie Ingo Kerkhof, Bühne Dirk Becher, Kostüme Jessica Rockstroh, Video Philipp Ludwig Stangl, Licht Florian Franzen, Chor Fabio Mancini, Dramaturgie Laura Knoll

MIT:  Heinrich, der Vogler, (deutscher König) Shavleg Armasi, Lohengrin Daniel Behle, Elsa von Brabant Christina Nilsson, Friedrich von Telramund, (brabantischer Graf) Joachim Goltz, Ortrud, seine Gemahlin Sabine Hogrefe (für Stéphanie Müther), Heerrufer des Königs Morgan Moody, vier brabantische Edle Christian Pienaar, Jeayoun Kim,, Daegyun Jeong*, Thomas Günzler, vier Edelknaben Rebecca Sörensen, Eunjii Park,, Ji-Young Hong, Edvina Vlajevic, Double Elsa Andrea Rieche, Double Lohengrin Georg Kirketerp, Schwesterchen (im Film) Matilda Süggel, Brüderchen (im Film) Timo Steinhaus, Opernchor Theater Dortmund, Statisterie Theater Dortmund, Dortmunder Philharmoniker * = Mitglied des Opernstudio NRW

—| IOCO Kritik Theater Dortmund |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.08.2019

August 9, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Lohengrin – Richard Wagner

– Aufregende Besetzungs-Scharade –

von Ingrid Freiberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Lohengrin ist die wohl schönste (und nach Wagners eigenen Worten „allertraurigste“) Oper des Meisters. Während seiner Beschäftigung mit Tannhäuser fand Richard Wagner zum mittelalterlichen Stoff in Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem Versepos Parzival und erkannte in dem strahlenden Ritter sich selbst als einen von Gott gesandten und von der öden Welt missverstandenen Künstler. So lässt sich Lohengrin auch als Seelen- und Künstlerdrama begreifen. Das Frageverbot Lohengrins kommt geradezu dem göttlichen Verbot des Genusses der Früchte vom Baum der Erkenntnis im Alten Testament gleich. Indem Elsa das Verbot bricht, landet Wagner einmal mehr bei der Ur-Schuld des Weibes. Elsas Gegenspielerin Ortrud ergeht es durch Wagners Behandlung auch nicht besser: Mit ihrer Zerstörung verweigert Richard Wagner, ein reaktionärer Anhänger der „Revolution von oben“,  den Frauen jegliches Recht auf Einmischung in Politik und Kunst.

Bayreuth 2018 – Lohengrin – Interview mit Regisseur Yuval Sharon
youtube Trailer der Bayreuther Festspiele 2018
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Die Uraufführung des Lohengrin, 1850 in Weimar, wurde von Wagners späteren Schwiegervater Franz Liszt geleitet. In Weimar konnte der Komponist nicht beiwohnen, da er wegen Mitbeteiligung an den revolutionären Aufständen steckbrieflich gesucht wurde und sich ins Schweizer Exil begeben hatte. Erst 1861 erlebte er erstmals eine (unbefriedigende) Aufführung des Lohengrin in Wien.

Erlösung – durch Lohengrin, den Sohn des Parzival

Eine in Bedrängnis geratene Thronerbin, eine verleumderische Gegenspielerin, ihr willfähriger Gemahl und ein König aus alter deutscher Zeit – das sind die Beteiligten an einem Konflikt, der nicht nach Lösung, sondern nach Erlösung verlangt. Diese soll der Schwanenritter Lohengrin, der Sohn Parzivals, bewirken, ausgesandt vom heiligen Gral, um der des Brudermordes angeklagten Elsa von Brabant in einem Gottesgericht beizustehen. Die Bedingung dafür ist Vertrauen. „Nie sollst du mich befragen“, fordert Lohengrin von seiner Schutzbefohlenen.

Schon das Vorspiel zum ersten Akt offenbart das kompositions- und orchestrierungstechnische Genie Wagners.Wir haben hier in der Tat ein gewaltiges, langsames crescendo, welches, auf dem höchsten Grade der Klangfülle angelangt, im umgekehrten Sinne sich zu einem Ausgangspunkte zurückwendet und in einem fast unhörbaren Säuseln endigt… für mich ist es ein Meisterwerk.“ (Hector Berlioz) Obwohl das Drama ganz vom Text her erschlossen und musikalisch durchgestaltet ist, lassen sich in der durchkomponierten Großform eingebettete „Nummern“ erkennen, wie Elsas Traumerzählung „Einsam in trüben Tagen“, Elsas Szene „Euch Lüften, die mein Klagen“ und das anschließende Duett mit Ortrud, das in der unübertrefflich schönen Phrase endet „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘ “, der Brautchor im dritten Akt, die Liebesszene im Brautgemach „Wir sind allein“ und Lohengrins Gralserzählung „In fernem Land“.

Elsa – emanzipiert von männlichen Dogmen und Ritualen

Für das Regiekonzept von Yuval Sharon sind vor allem die starken Frauenfiguren, Elsa und Ortrud, prägend und wie diese sich von blindem Gehorsam emanzipieren können. Er versucht darzulegen, wie verführbar Menschen durch Religion und Spiritualität sind, inwieweit leben sie sie oder lassen sie sich durch spirituelle Führer verführen? Verkörpert am Ende eine neue Generation in Gestalt von Elsas Bruder Gottfried die Hoffnung auf eine bessere Welt?

Dieser Konflikt zeigt sich schon in der ersten Szene mit König Heinrich. Der erste Satz des Chors ist „Wir geben Fried und Folge dem Gebot“. Ein Scheingericht gegen Elsa schließt sich an. Im 1. Aufzug erscheint Lohengrin noch zweifelsfrei positiv und rettet sie. Je länger Lohengrin in dieser Welt bleibt, desto korrumpierbarer und schmutziger wird er –  bis Elsa das am Ende nicht mehr aushalten kann und das Frageverbot missachtet. Das ist laut Yuval Sharon eine mutige tapfere Tat – ein Aufbegehren, nicht zerstörerische Neugier… Der durch Neo Rauch und Rosa Loy stark vorgegebene Rahmen führt allerdings zu einer etwas statuarischen Inszenierung, liefert eine Traumatmosphäre, das Unterbewusstsein zeigt skurrile Bilder…

 Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Versinken in ein Gemälde

Obwohl Neo Rauch, ein international erfolgreicher deutscher Maler und der bedeutendste Vertreter der sogenannten Neuen Leipziger Schule, zusammen mit Rosa Loy, die sich mit dem Mysterium der Frau, der neuen Weiblichkeit und der neuen Romantik beschäftigt, noch nie ein Bühnenbild bzw. Kostüme für ein Theater kreiert haben, tragen beide diese Produktion entscheidend mit. Für Bühnenbild und Kostüme des männlichen Personals zeichnet Neo Rauch verantwortlich, Rosa Loy für die Kostüme der Frauen. Das Bühnenbild birgt Assoziationen an die flämische Malerei des 17. Jahrhunderts. Das Delfter Blau der Dekorationen hat Rosa Loy und Neo Rauch dazu inspiriert, für die Kostüme altniederländische Hauben und Krägen nach dem flämischen Maler Anthonis van Dyck zu kreieren… und romantisch blaue Wolkenformationen und Landschaftsszenerien zu malen. Mitten auf der Bühne steht – surreal – ein verlassenes Umspannwerk. Viele Figuren haben Flügel. Im Hintergrund ragen schemenhaft Felsen auf, es gibt Blitze, es geht um Licht und Dunkel. Wasser spielt eine Rolle, Sumpf, Schilf… Das Versinken in das Gemälde lässt der Musik Wagners nachhaltigen Raum. Ein wohltuendes Erlebnis in der oft mit Videos überfrachteten Theaterszene.

Aufregende Besetzungs-Scharade

Die Wiederaufnahme des Bayreuther Lohengrin 2019 wartet mit einem Novum auf: Lohengrin und Elsa sind in dieser Saison doppelt besetzt. Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, sieht dies als positiven Wettbewerb. Letztes Jahr gab es große Anerkennung für Piotr Beczala, der für Roberto Alagna eingesprungen war. 2019 singt er wieder, aber nicht alle Vorstellungen. Klaus Florian Vogt, der in Bayreuth „die Institution Lohengrin“ schlechthin ist, teilt sich mit ihm die Auftritte. Das hat durchaus Reizvolles. Die Partie der Elsa sollte ursprünglich Krassimira Stoyanova singen, die erkrankte; für sie wurde Camilla Nylund gefunden. Für zwei Vorstellungen war Anna Netrebko verpflichtet, die jedoch kurzfristig absagte… Die Scharade geht noch weiter: Annette Dasch wird nun in zwei Aufführungen die Elsa singen und Thomas J. Mayer ersetzt den erkrankten Tomasz Konieczny als Telramund. Und damit der Aufregung nicht genug, Elena Zhidkova ersetzt Elena Pankratova als Ortrud. Christian Thielemann sprach zu Beginn der Festspiele von einer „Super-Werkstatt Lohengrin, das hat sich nun in aufregender wie überraschender Hinsicht bewahrheitet!

Trotz aller Widrigkeiten lässt sich über die Aufführung am 3. August 2019 fast ausnahmslos in den höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizieren auf beeindruckendem Niveau und verbinden sich zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf. Trotz der Umbesetzungen ist dieser Abend ein Fest!

Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als wortprägnanter König Heinrich in der vordersten Liga, veredelte mit balsamischem sonoren Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der Tenor von Klaus Florian Vogt ist voluminöser geworden, mit durchaus sensiblen Seiten, schwankend zwischen Machismo-Ansprüchen an das männliche Geschlecht und einem Hauch von Selbstzweifeln, eine stimmlich und darstellerisch hervorragend gelungene Durchdringung des eben nicht nur edlen Charakters des Titelhelden. Er ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Leistung kulminiert in einer fantastisch klar intonierten Gralserzählung gegen Ende des dritten Aufzugs. Seine Stimme klingt viril und kann durchaus autoritär das Frageverbot verkünden oder sich als Führer der Brabanter ausrufen. Man hört die „heldischen“ Passagen selten so klangschön. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, seine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre, seine Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch-dramatischen Ausbrüchen beglücken. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der als missbrauchte Reflektionsfigur an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert. Vogts „In fernem Land, unnahbar euren Schritten“ ist ein glanzvoller Höhepunkt des Abends.

Sechs gestandene Wagner-Sänger*innen teilen sich im Lohengrin die Hauptrollen. Neu im Ensemble und erst kurz vor der Wiederaufnahme eingesprungen ist Camilla Nylund als Elsa. In der Traumerzählung überzeugt sie mit berührend zarten Farben. Sie singt die Partie mit berückend schönem, ganz leicht eingedunkeltem Timbre. Strahlend und licht schwingt sich ihre wunderbar sicher geführte Sopranstimme auf, brilliert im Duett mit Ortrud und in der Brautgemachszene mit Lohengrin mit berührender Intensität, einer Intensität, die sie auch in der Darstellung erreicht.

Ortrud – Elena Zhidkova ist ein Glücksgriff

Vor Vorstellungsbeginn wird mitgeteilt, dass Elena Zhidkova – nach kurzer Einweisung – die Rolle der Ortrud übernimmt und nicht, wie zuvor angekündigt .Elena Pankratova. Elena Zhidkova ist  ein absoluter „Glücksgriff“! Mit großer stimmlicher Attacke porträtiert sie Ortrud als intrigante, machtgeile, giftige Gegenspielerin von Elsa von Brabant. Sie ist die dunkle Zauberin, die Kämpferin gegen das von Lohengrin verkörperte Patriarchat und verleiht dieser Figur eine ungemein packende Größe und Kraft. Überwältigend, mit punktgenau geführter Stimme und wohl dosierten dramatischen Ausbrüchen schleimt sie sich bei Elsa ein, um deren Psyche mit ihrem Gift durchtränken zu können. Dabei gestaltet sie ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Egils Silins singt an diesem Abend Heerrufer und Telramund

Mit „Seht da, den Herzog von Brabant!“ ruft Egils Silins, ein markant respekteinflößender Heerrufer des Königs, klangvoll und nobel zur Versammlung der Ritter auf. Ausdrucksvoll, mit kernig-kräftigem Bariton, zuweilen auch mit ungewöhnlich hintergründigen Tönen, verleiht er der Figur mehr Charakter als üblich. Er wird zum „Hasardeur“, als er im 2. Aufzug eine zusätzliche Aufgabe übernimmt und den inzwischen gänzlich indisponierten Tomasz Konieczny covert. Bereits mit seiner ersten Arie „Dank, König, dir, dass du zu richten kamst…“ lässt dieser wunderbar dramatische Bassbariton erkennen, dass er Probleme mit seiner Stimme hat. Egils Silins übernimmt die Rolle des Friedrich von Telramund. Den gelungenen Wechsel unterstützt auch das märchenhafte Bühnenbild: Kaum sichtbar und vollkommen überzeugend kann Silins, der immer mehr Tiefe bekommt und dabei durch sein völlig akzentfreies Deutsch besticht, übernehmen. Er ist ein geifernder Bösewicht wie aus dem Bilderbuch… und fängt das Malheur mit Bravour auf.

Der Chor der Bayreuther Festspiele (134 Personen!) überzeugt einmal mehr unter seinem langjährigen Leiter Eberhard Friedrich ohne jeden Abstrich, wird auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht und ist eine der tragenden Säulen der Aufführung…

Vollkommener Wagner-Klang

Silbrig-ätherische Klänge kann er ebenso zaubern wie atemberaubende Steigerungen: Christian Thielemann kennt – und kann seinen Wagner. Das zeigt sich gleich im Lohengrin-Vorspiel mit seiner mystischen Grals-Atmosphäre. Wie kein Zweiter beherrscht Thielemann die Finessen und Tücken der Bayreuther Akustik. Zwischen Debussy-hafter Zartheit und staatstragendem Pomp bietet sein Lohengrin perfekten Wagner-Klang. Das bestens vorbereitete Festspielorchester ist auf seinen Musikdirektor eingeschworen, bietet ihm lyrische Streichergesänge, warmes Holz und rundes, strahlkräftiges Blech. Wann hätte man die Bühnenmusik bei Wagner je so perfekt erlebt wie hier? Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau-silberner Schönheit leuchten, in fein abgestuften Schattierungen von zarten piani – wie hingetupft – bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit welch souverän unverkrampfter Lust sich Thielemann in das Wagner-Abenteuer begibt, ist eine Freude.

Minutenlanger, einhelliger Applaus mit dem in Bayreuth üblichen euphorischen „Getrampel“ zeigen, dass auch kulinarische Inszenierungen ihren Platz in den Herzen der Wagnerianer finden können.

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