Natalie Clein – Joseph Haydn – Cello-Konzerte, IOCO CD Besprechung, 16.01.2021

Natalie Clein - Joseph Haydn - Cello Concerte - OEHMS classics © OEHMS classics

Natalie Clein – Joseph Haydn – Cello Concerte – OEHMS classics © OEHMS classics

Natalie Clein  – Joseph Haydn –  Cello-Concertos
Ungewöhnliche Instrumentation und Humor

OEHMS classics CD – BestellNr. OC 1895 – Barcode 4260330918956

von   Ljerka Oreskovic Herrmann 

Die Autorin beschrieb in einer vorangegangenen IOCO Publikation die ORFEO CD CARE PUPILLE – Samuel Mariño mit Georg Friedrich Händel – Christoph Willibald Gluck Kompositionen, in welcher Michael Hofstetter die musikalische Leitung hat.

Die nun besprochene Oehms Classics CD bzw. styriarte bei der Michael Hofstetter ebenfalls die musikalische Leitung innehat, ist ein Live-Mitschnitt von 2017 aus Graz von der styriarte – ein alljährliches steirisches Festival zur Pflege der klassischen und Alten Musik und mit dem recreation Großes Orchester Graz. Dieser rückt Joseph Haydn (1732-1809)  in den Mittelpunkt, so dass die musikalischen Formsprachen und Richtungen des 18. Jahrhunderts auf den beiden CD-Einspielungen von Hofstetter zum Leben erweckt werden: Angefangen mit Händels und Glucks Arien der Opera seria hin zum Konzert der Wiener Klassik eines Haydn. Dieser war übrigens auch ein London-Reisender: Mehrere Mal nach 1790 besuchte er die britische Metropole und wurde dort begeistert empfangen.

Haydn Gedenktafel in Wien "Nicht ganz werde ich sterben" © IOCO

Haydn Gedenktafel in Wien „Nicht ganz werde ich sterben“ © IOCO

Der Weg zum Ruhm war für Haydn allerdings beschwerlicher, der öffentliche Erfolg stellte sich erst spät in seinem Leben ein. Seine beiden für das Cello komponierten Konzerte stehen in diesem historischen Kontext und haben eine wechselvolle Beurteilung und späte Anerkennung erfahren. Das erste Cellokonzert in C-Dur komponierte Haydn wohl um 1765 in Eisenstadt, als er die Vizekapellmeisterstelle beim Fürsten Esterházy bekleidete; das zweite in D-Dur entstand 1783 in Esterháza in der Nähe des Neusiedler Sees, wohin der Fürst seine Residenz mitsamt der 30 Musiker umfassenden Kapelle, inzwischen unter Haydns alleiniger Leitung, verlegt hatte. Das letztgenannte ist, mit zwei Oboen, zwei Hörnern und Streichern von Haydn ungewöhnlich instrumentiert, das bekannteste und deshalb wohl auch als Eröffnungsstück gewählt worden. Es hat drei Sätze, erfordert vom Solisten bzw. Solistin – aufgrund der häufig hohen Lage – eine enorme spieltechnische Fertigkeit, doch auch die für Haydn so typisch humorvollen Töne finden sich im letzten Satz, dem Rondo, ein.

Auch für das erste Cellokonzert setzte Haydn neben den Streichern Hörner ein; es hat ebenso drei Sätze, weist jedoch mit seiner barocken Orchester-Ritornelle in der Einleitung des ersten Satzes einen stärkeren Bezug zum vergangenen musikalischen Erbe auf – und so stellt sich plötzlich eine ungeahnte Verbindung zwischen zwei zeitlich und räumlich unterschiedlichen CD-Einspielungen (jedoch unter derselben musikalischen Leitung) ein. Das Cello spielt im zweiten Satz durchweg in hoher Lage, um im finalen Satz mit dem Orchester eine homophone Gesamtstruktur erklingen zu lassen.

Die Kunst und das Erleben

Eingespielt hat sie Hofstetter mit dem recreation Großes Orchester Graz und einer Solistin, die dafür nicht nur über das richtige Instrument verfügt, sondern auch mit der Musik des 18. Jahrhundert bestens vertraut ist: Natalie Clein, einer aus England stammenden und seit Jahren erfolgreich auf internationalen Bühne konzertierenden Cellistin, deren musikalischer Fokus durchaus die Musik des 18. Jahrhunderts in den Blick nimmt. Sie hat eigens für dieses Konzert Darmsaiten, anstelle der üblichen Stahlsaiten, auf ihrem 1777er Guadagnini-Cello aufziehen lassen. Auch benutzt Clein einen leichteren Bogen, um, wie sie schreibt, „die zeitgenössische Artikulation leichter zu erreichen“. Und sie setzt die Tradition, „Kadenzen in der Aufführung zu improvisieren“ fort, eine Praxis die zur Zeit Haydns Usus war und die für diese Aufnahme von ihr stammen und eine sogar „tatsächlich als Improvisation“ entstanden ist.

Das mitreißende Hörerlebnis rechtfertigt ihre Wahl, denn nicht nur entstand ihr Cello in jener Zeit, die im Rückblick als die epochemachende Wiener Klassik verstanden wurde, Clein vermag es diese musikalische vergangene Welt aufleben zu lassen, ohne den leisesten Hauch von „Antiquiertheit“. Im Gegenteil, ihr Cello (wie auch das Orchester) klingt geradezu jung und frisch, Haydns Musik ist es sowieso, sie lässt den Ton aufblühen, wie es die menschliche Stimme vermag, der ja bekanntlich das Cello am nächsten kommt. Eine Binsenwahrheit, deshalb jedoch nicht weniger wahr. Die Freude an der musikalischen Kunst Haydns wie auch dem gemeinsamen Musizieren kann man selbst beim Zuhören der CD nachempfinden. Dabei erweist sich Michael Hofstetter als ein Dirigent, der seinen Solisten – ob es sich um einen Sänger oder eine Cellospielerin handelt – Freiraum, Luft zur Entfaltung gibt und den Gesamtklang mit dem Orchester zur vollen Geltung bringt.

Joseph Haydn Gemälde aus 1791 von Thomas Hardy © Wikimedia Commons

Joseph Haydn Gemälde aus 1791 von Thomas Hardy © Wikimedia Commons

Abgerundet wird der Mitschnitt des Konzertes mit dem zweiten Satz von Haydns Symphonie Nr. 13 in D-Dur: „Adagio cantabile“. In diesem 1763 komponierten viersätzigen Orchesterwerk – es knüpft hervorragend an die beiden Cellokonzerte an – lässt Haydn im zweiten Satz ein Solo-Cello auftreten; vermutlich hat er es für den Cellisten und seinen Patensohn Joseph Weigl geschrieben. Natalie Clein erliegt nicht der Versuchung, falsche Sentimentalität oder übergroße Emotion zu beschwören, sie spielt nicht effekthaschend, stattdessen entfaltet sie den Ton langsam, lässt ihn sachte aufblühen, das Orchester bleibt dabei ein ebenso sachter und behutsamer Begleiter. Es verströmt ein positives Gefühl, diese Live-Aufnahme, den Applaus des Publikums, zu hören, in einer Zeit, in der das Live-Erlebnis gänzlich abhanden gekommen ist. Auch wenn man nicht dabei war, stellt sich bei einem das – schöne und schmerzlich vermisste – Gefühl ein, etwas von der Atmosphäre zu erahnen, die einem gelungen Konzertabend innewohnt.

Darstellende Kunst lebt vom Kontakt, dem Austausch mit dem Publikum – es ist das eigentliche Fundament, nur so kann Neues entstehen und Altes weitergeführt werden; nur so kann der Künstler, die Künstlerin, Fähigkeiten und Talente darbieten, sie im Zusammenspiel mit anderen, aber auch mit dem Publikum überprüfen und neue Möglichkeiten der Darstellung ausloten.

Darstellende Kunst entsteht durch das „als ob“, einer Behauptung, die, wenn sie gelingt, wie hier die Zeit Haydns oder eines Glucks und Händel hör- und erlebbar zu machen, zur Wahrheit gereift, jene auf dem Podium und jene im Publikum zu einer Einheit verschmelzen kann und sich das Gefühl einstellt, etwas Außerordentlichem beigewohnt zu haben. Und sie ist diejenige Kunstform, die den unmittelbaren Kontakt zur kulturellen Vergangenheit und die Brücke zur Zukunft schlägt – nur wenn wir das „Alte“ sehen und hören, können wir den künstlerischen, technischen und handwerklichen (nicht nur beim Instrumentenbau) Weg ermessen, der dafür zurückgelegt werden musste, um sich stetig weiter zu entwickeln; sie prosperiert nicht einfach im luftleeren Raum oder in den Weiten des Universums, sondern braucht die Reibung mit den jeweils vorhanden Rahmenbedingungen und Gegebenheiten. Kunst entsteht mit jeder Aufführung aufs Neue im Hier und Jetzt. Deshalb brauchen wir sie.

—| IOCO CD-Rezension |—

Berlin, Philharmonie Berlin, Chamber Orchestra of Europe – Sir Simon Rattle, IOCO Kritik, 20.10.2020

Oktober 19, 2020 by  
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Berliner Philharmonie / Chamber Orchestra of Europe - nun in Berlin © Julia Wesely

Berliner Philharmonie / Chamber Orchestra of Europe – nun in Berlin © Julia Wesely

Berliner Philharmonie

Chamber Orchestra of Europe  –  Sir Simon Rattle

Ludwig van Beethoven – Joseph Haydn

von Julian Führer

Das Chamber Orchestra of Europe ist eine kleine, hochprofessionelle Formation, die normalerweise mit prominenten Dirigenten arbeitet und ihre Kunst europaweit zu Gehör bringt. Derzeit ist alles anders, und so wurde am 5. Oktober das erste Konzert in diesem Jahr überhaupt gespielt, und zwar in der Berliner Philharmonie unter keinem Geringeren als Sir Simon Rattle.

Auf dem Programm standen zwei bekannte Werke des Repertoires, zunächst das Violinkonzert in D-Dur Opus 61 von Ludwig van Beethoven, gewissermaßen ein Klassiker. Mit Vilde Frang war auch der Solopart prominent besetzt. Simon Rattle hatte weder Pult noch Podium und dirigierte auswendig, wobei er sich während des gesamten Konzerts immer wieder zu einzelnen Musikern oder Instrumentengruppen hinbewegte und Zeichen gab, moderierte, vor allem aber zum gemeinsamen Musizieren aufmunterte.

Die Introduktion zum Violinkonzert wurde sehr konturiert dargeboten, jede Phrase war unterschiedlich strukturiert und überzeugend in der dynamischen Abstufung. Das Kopfthema erschien zunächst in einem robusten Stil (eher mezzoforte als piano), die Streicher wurden aber alsbald immer zurückhaltender, so dass das zweite Thema in den Holzbläsern schon fast etwas zu auftrumpfend daherkam. Vilde Frang präsentierte den solistischen Teil in einem schmalen, fast zerbrechlich wirkenden Ton, der gleichzeitig sehr klar war und trotz großer Zurückhaltung bei der Dynamik stets über das klein besetzte Orchester hinweg hörbar blieb. Das Zusammenspiel aller Instrumentengruppen zeigte das höchste Niveau, auf dem sich das Chamber Orchestra of Europa bewegt, und Simon Rattle gab mit wenigen Zeichen die Strukturen vor, um der Musik die Entfaltung zu ermöglichen.

Beim Zuhören stellte sich bereits im Allegro man non troppo des ersten Satzes der Eindruck ein, einen besonderen Moment zu erleben, und dieser Eindruck sollte sich im zweiten Satz (Larghetto) noch verstärken: so leise hat man die Einleitung zu diesem Mittelsatz wohl noch nie gehört. Notiert ist diese Passage pianissimo mit Dämpfern, und doch brauchte es wohl die besondere Raumsituation der extrem hellhörigen Berliner Philharmonie, siehe Foto oben, in die nur wenige Menschen hineingelassen worden waren – Menschen, die ihrerseits nicht nur extrem diszipliniert, sondern auch extrem konzentriert waren. Natürlich wagt es derzeit niemand, öffentlich zu husten… Als die ersten Töne erklangen, brauchte es auch diese äußerste Konzentration, um sie auch wirklich zu hören. Die atemlose Stille im Publikum machte es möglich, auf höchstem Niveau zu musizieren, jede Feinheit der kostbaren Partitur hörbar zu machen, dies alles ohne interpretatorische Manieriertheiten oder Showeinlagen; es gab gewissermaßen ‚nur‘ die Noten zu hören, aber so innig, so kongenial zwischen den Instrumentengruppen und Solo abgestimmt, dass es beglückend war. Man meinte buchstäblich, das Soloinstrument würde über dem Orchester schweben, während immer höhere und doch immer ganz reine Töne zu hören waren. Im Rondo (Allegro) dann wurde der Dialog zwischen Fagott und Violine, zart begleitet vom Orchester, zu einer besonderen Kostbarkeit. „Wenn ich zum Augenblicke sage: Verweile doch, du bist so schön…“, heißt es in Goethes Faust. Und genau so war es.

Joseph Haydn Gedenktafel in Wien © IOCO

Joseph Haydn Gedenktafel in Wien © IOCO

Als Zugabe präsentierte die Norwegerin Vilde Frang ein in Deutschland und Österreich durchaus bekanntes Stück, nämlich den zweiten Satz aus Joseph Haydns Streichquartett Hob. III:77 Nr. 3 in C-Dur, von ihr historisch zutreffend als „Gott erhalte Franz den Kaiser“ angekündigt, heute die Melodie der deutschen Nationalhymne. Mit ihrem Instrument integrierte sie die drei anderen Parts des Quartetts, über Vorschläge und Aufstriche war sie in der Lage, das Quartett auf die Violine allein reduziert zu spielen, leise und mit Wiederholungen, so dass das Stück nicht an den Auftakt zu einem Fußballländerspiel denken ließ, sondern an ein konzentriertes Stück ernster Musik.

Eine Pause gibt es in der Philharmonie derzeit nicht. Mit der Zugabe war die Überleitung zu Joseph Haydn bereits vollzogen. Beethoven war Haydns Schüler, und manche Wendung gerade in Beethovens früheren Stücken beruht auf dem breiten Werk seines Lehrers. Die Symphonie Nr. 90 Hob. I:90 C-Dur hat einen klassischen Aufbau und leitet im Kopfsatz von einer langsamen Introduktion in einen Allegro-Teil über, in dem besonders der Dialog von Flöte und Oboe auffiel. Einmal mehr erlaubte Rattles gewissermaßen demokratisch moderierender Dirigierstil ein immer freier scheinendes Musizieren auch innerhalb der eigentlich streng auskomponierten Form – große Kunst, der man nicht mehr anmerkt, welche Arbeit und welche Disziplin im Vorfeld erforderlich sind. In der dynamischen Abstimmung fiel auf, dass Haydn auf einmal lauter schien als Beethoven, und in der Kammerbesetzung kann in der akustisch hochsensiblen Philharmonie auch ein Einsatz im piano von nur drei Kontrabässen einen großen Eindruck bewirken. Das folgende Andante präsentiert Variationen zwischen Dur und Moll und enthält solistische Passagen für Flöte und Cello. Das Menuett ist vergleichsweise lang und bietet auch im folgenden Trio vor allem der Oboe Gelegenheit zur solistischen Entfaltung, während im abschließenden Allegrosatz dann vor allem Streicher und Fagott in einen zunehmend quirligen Dialog eintreten. Die Reprise des Finales ist sehr kurz und endet in einem effektvollen Schluss, alle Streicherbögen fliegen hoch, das Publikum applaudiert dankbar – und nach vier Takten Pause setzt die Musik wieder mit einer Coda ein. Haydn hat mehr als einmal Scherze in seine Kompositionen eingebaut, um die Gewohnheiten des Publikums zu konterkarieren. Als großer Haydn-Kenner grinste Simon Rattle, als dann nach dem echten und tatsächlichen Schluss sich niemand aus dem Publikum dabei erwischen lassen wollte, an der falschen Stelle zu klatschen.

Berliner Philharmonie / Chamber Orchestra of Europe in Berlin © Werner Kmetitsch

Berliner Philharmonie / Chamber Orchestra of Europe in Berlin © Werner Kmetitsch

Als das Stück tatsächlich zu Ende war (und das Publikum sich, vom Dirigenten dann doch gütig ermutigt, zu klatschen getraute), löste sich auch im Orchester die Konzentration. Die Musiker dankten ihrem Leiter mit Trampelapplaus, dass ein Musizieren auf diesem außergewöhnlichen Niveau möglich ist. Zu hören waren nicht nur viele fehlerfrei gespielte Noten, sondern wirkliche Musik, die sich aus dem Zusammenspiel und aufeinander Eingehen hochprofessioneller Musiker ergab. Das nächste Konzert dieses Orchesters war für den Monat November in Paris und Köln geplant (dann mit Vladimir Jurowski als Dirigent und Martha Argerich als Solistin), Werke von Beethoven und Schubert stehen auf dem Programm. Das Kölner Konzert ist soeben abgesagt worden. Es wäre ein Jammer, wenn es nicht zum Pariser Konzert käme und diese Berliner Sternstunde der einzige öffentliche Auftritt des Chamber Orchestra of Europe im Jahr 2020 bleiben sollte.

—| Pressemeldung Berliner Philharmonie |—

Mainz, Staatstheater Mainz, 2. Sinfoniekonzert im Jockel-Fuchs-Saal , 08. – 10.10.2020

Oktober 1, 2020 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

2. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz
am 8., 9. und 10.10.
im Jockel-Fuchs-Saal

Am 8., 9. und 10. Oktober macht das Philharmonische Staatsorchester Mainz mit dem 2. SINFONIEKONZERT im Jockel-Fuchs-Saal zwischen Rathaus und Rheingoldhalle Halt – mit Blick auf den Rhein und zum Gutenbergfoyer. Auf dem Programm, das Daniel Montané dirigiert, steht Musik der polnischen Komponistin Grazyna Bacewicz sowie von Ludwig van Beethoven und Antonin Dvorák. Der Spanier Daniel Montané ist Gästen der Mainzer Oper kein Unbekannter. Nun stellt sich der 1. Dirigent am Staatstheater Mainz erstmalig auch dem hiesigen Konzertpublikum vor. Zu Beginn des 2. Sinfoniekonzerts dirigiert er die Ouvertüre für Orchester von Grazyna Bacewicz. Sie studierte Komposition in Paris bei Nadia Boulanger und war in den 1930er Jahren vor allem in Frankreich und Polen als Violinistin und Komponistin sehr erfolgreich. 1943, während der Besatzung Polens durch die Nationalsozialisten, entstand ihre
Ouvertüre für Orchester.

Es folgt der Jubilar Beethoven mit seinem 2. Klavierkonzert, das streng genommen sogar sein erstes ist. Denn er komponierte es als junger Mann in Bonn und nahm es mit nach Wien, wo er es bis zur Veröffentlichung immer wieder umarbeitete. Es steht noch ganz in der Tradition der Wiener Klassik, unverkennbar sind der haydnsche Esprit und die mozartsche Empfindsamkeit. Der Solopart liegt in den Händen des katalanischen Pianisten Daniel Blanch, der als intelligenter, einfühlsamer und vielseitiger Interpret gilt. Erst im Juni veröffentlichte er eine CD mit Liedern des katalanischen Geigers und Komponisten Joan Manen. Beethoven war und ist für zahlreiche Komponist*innen ein wichtiges Vorbild – so auch für Antonín Dvorák.
Über dessen Schreibtisch soll ein Bild von ihm gehangen haben, von dem er sich Inspiration erhoffte. Gesangliche Themen, kraftvolle Gesten und tänzerische Momente zeichnen seine 7. Sinfonie aus. Sie steht in d-Moll, der Tonart von Beethovens Neunter.

Karten gibt es an der Kasse im Staatstheater,
telefonisch unter 06131 2851-222, per Mail
kasse@ staatstheater-mainz.de oder an der Abendkasse.

Das Programm im Überblick:
Grazyna Bacewicz
Uwertura na orkiestr? symfoniczn?
(Ouvertüre für Orchester)
Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 19
Antonín Dvorák
Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70
Klavier … Daniel Blanch
Dirigent … Daniel Montané
Philharmonisches Staatsorchester Mainz

—| Pressemeldung Staatstheater Mainz |—

Dresden, Semperoper, Sir András Schiff – Capell Virtuos und ein Bösendorfer, IOCO Kritik, 14.09.2020

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Sir András Schiff – Capell-Virtuos der Saison 2020/21 in Dresden

– beeindruckt das Publikum der Staatskapelle – ehrt Peter Schreier –

von Thomas Thielemann

Der Capell-Virtuos der Sächsischen Staatskapelle der Saison 2020/21 Sir András Schiff ist nicht nur einer der herausragenden Pianisten unserer Zeit, sondern auch ein streitbarer Mann. Nicht nur, dass der 1953 in Budapest geborene und inzwischen vorwiegend in Italien lebende Künstler, im Jahre 2000 seine Teilnahme an der Feldkircher Schubertiade wegen der Beteiligung der FPÖ an der österreichischen Bundesregierung absagte und in Ungarn wegen der Politik Viktor Orbáns nicht mehr konzertiert. András Schiff formuliert seine Meinung deutlich und pointiert, sowohl im politischen als auch im künstlerischen Kontext. Er kann darüber hinaus durchaus Konzertbesucher-Gruppen „die Beurteilungskompetenz“ absprechen, sich mit Musikerkollegen anlegen, das Regietheater verteufeln und die besondere Eignung der doch allgemein anerkannten Flügel des Marktführers Steinway & Sons für eine Wiedergabe der Musik von Franz Schubert in Frage stellen. Nach Schiffs Auffassung, repräsentieren die Flügel des Wiener Instrumentenbauers Bösendorfer des weicheren melancholischeren Tonbildes wegen, die zentraleuropäischen Musiktraditionen am deutlichsten.

Semperoper Dresden / Sir Andras Schiff @ Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sir Andras Schiff @ Matthias Creutziger

Aus diesem Grunde musiziert Schiff trotz des logistischen Aufwandes auf seinen Konzertreisen mit seinem Bösendorfer Konzertflügel, Modell 280VC Vienna Concert..
András Schiff ist ein begeisterter Kammermusiker, obwohl er auch als Dirigent und Konzertsolist wirkt. Er selbst bezeichnete sich als „Stänker der Gründlichkeit“.
Sein Rezital eröffnete András Schiff mit einer kurzen Erinnerung an seinen langjährigen Freund Peter Schreier und ehrte den im vergangenen Jahr Verstorbenen mit Johann Sebastian Bachs „Capriccio über die Abreise des sehr geschätzten Bruders“ B-Dur (BWV 992).

Das ausgeschriebene Programm begann mit der g-Moll-Klaviersonate Hoboken-Verzeichnis XVI:44 von Joseph Haydn (1732-1809). Diese Sonate entstand vermutlich zwischen 1768 und 1773, als Haydn Erster Kapellmeister der ungarischen Magnaten Familie Esterhazy war. Die Musikkenner-Fürsten Paul Anton und später vor allem Nikolaus I. gaben dem Mittdreißiger Raum für seine künstlerische Entwicklung unter anderem durch ständigen Zugang zum eigenen kleinen Orchester, sowie ausführliche Gespräche über die Hauskonzerte. Die zweisätzige Sonate gehört zu den ersten Klavierwerken, die Haydn nicht mehr als etwas anspruchslose „Divertimenti“ einordnete.

Bereits mit dem Moderato-Kopfsatz beeindruckte Schiff durch die zurückhaltende Trauer, die Melancholie und die feinen melodischen Linien seines Spiels. Im Allegretto bestätigt er die Haydnische Vorliebe für harmonische Überraschungen und nutzt die Vorgaben des Komponisten, diese mit Humor zu intonieren.

Im Mittelteil seines Dresdner Rezitals stellte der Capell-Virtuos den Werken des Lehrers Haydn eine Komposition seines Schülers Ludwig van Beethoven (1770-1827), die Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53Waldstein -, gegenüber. Mit der Entwicklung neuer Techniken hatte Beethoven mit seiner 1804 dem Grafen Waldstein gewidmeten Sonate eine Wende in der Entwicklung der Klaviermusik eingeleitet und ein neues Verständnis geschaffen, was Klavierspiel letztlich leisten kann. Entstanden ist die heute gültige Fassung der Sonate nicht in einem einzigen Zug. Beethoven nahm mehrfach Änderungen vor. So hat er den ursprünglichen Mittelsatz, der vermutlich von Josephine Brunswick inspiriert gewesen war, als selbstständiges „Andante favori“ ausgegliedert und durch das recht kurze „Introduzione, Adagio molto“ ersetzt.

 Semperoper Dresden / Sir Andras Schiff und sein Boesendorfer Konzertflügel © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sir Andras Schiff und sein Boesendorfer Konzertflügel © Matthias Creutziger

Begeisternd meistert der Pianist die schwierigen Orchestereffekte mit seiner unwahrscheinlichen Virtuosität. András Schiff beeindruckte mit seinem glasklaren, an Varianten reichem Anschlag und nahm sich genau die Zeit, um den Akkorden die Möglichkeit zur Nachwirkung zu geben. Da wurden Nebenstimmen und Schattierungen hörbar, die ansonsten, insbesondere in den Ecksätzen, oft untergehen. Jede Note schien deutlich markiert und die Relationen der Ecksätze zum Mittelsatz stimmten an jeder Stelle.
Mit der Klaviersonate G-Dur, D 894 von Franz Schubert  konnte der Capell-Virtuos die Besonderheiten seines Bösendorfer Konzertflügels im letzten Teil des Rezitals nachdrücklich zur Geltung bringen.

Obwohl die musikwissenschaftliche Forschung im Lied-Schaffen Schuberts bedeutsamsten Beitrag zur europäischen Musikgeschichte sieht, hat er doch in seinem kurzen Leben Außerordentliches in allen musikalischen Gattungen seiner Zeit komponiert. Die Sonate in G-Dur, die oft als „Fantasie“ benannt wird, hat Franz Schubert (1797-1828) im Jahre 1826 im Alter von 29 Jahren als sein perfektestes Klavierwerk fertig gestellt, auch wenn sie im Kammermusik-Betrieb oft im Schatten seiner letzten drei Klaviersonaten D958 bis 960 steht.

Mit seiner Klarheit und Transparenz des Spiels, dem kaum spürbaren Wechsel der Stimmungen bot uns Schiff ein außergewöhnliches Hörerlebnis. Mit dem Schubert-adäquaten warmen Klang des Bösendorfers konnte Schiff eine erstaunliche Klangfarbenvielfalt und fast unwirkliche Differenzierungen im oberen Pianissimo-Bereich der Komposition Schuberts schaffen.

Mit stehenden Ovationen wurde Sir András Schiff vom ausgedünnten Publikum begeistert gefeiert. Der Pianist bedankte sich bei den Besuchern mit zwei Zugaben.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

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