Wien, Wiener Staatsoper, 150 Jahre Wiener Staatsoper – ARTHAUS MUSIK, IOCO DVD Rezension, 06.08.2019

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

150 Jahre Wiener Staatsoper –   CD / DVD  zum Jubiläum

EAN:  4058407093954   – UPC:  4058407093954

von Marcus Haimerl

Am 25. Mai 2019 feierte die Wiener Staatsoper ihr 150-jähriges Jubiläum mit der Premiere einer Neuinszenierung von Richard Strauss Frau ohne Schatten, welche 100 Jahre zuvor ihre Uraufführung hier feierte. Zudem war der Komponist gemeinsam mit Franz Schalk von 1919 bis 1924  Direktor des Haus am Ring.

Zum 150-jährigen Jubiläum der Staatsoper veröffentlichte ARTHAUS MUSIK, Halle (Saale) eine CD-/ DVD- Box mit großen Aufführungen und Premieren an der Wiener Staatsoper. Die DVD-Box umfasst insgesamt acht DVDs aus den Jahren 1978 bis 2014 und die Direktionszeiten von Egon Seefehlner (1. Amtszeit), Lorin Maazel, Claus Helmut Drese, Ioan Holender und Dominique Meyer und umfasst folgende Aufnahmen: Il Trovatore (Verdi), Carmen (Bizet), Turandot (Puccini), Elektra (Strauss), Lohengrin (Wagner), Don Giovanni (Mozart), Alcina (Händel) und Ariadne auf Naxos (Strauss).

IL TROVATORE (Giuseppe Verdi)

Am 1. Mai 1978 wurde Verdis Il Trovatore in der Inszenierung Herbert von Karajans aufgezeichnet. Es war die 98. Vorstellung in der Karajan-Inszenierung, die bereits 1968 Premiere feierte und mit 169 Aufführungen bis 1991 dem Repertoire erhalten blieb.

Die großartige Besetzung, die es nur in zwei Vorstellungen im Mai 1978 zu erleben gab, liest sich wie das who-is-who des Verdi-Gesanges der 60er und 70er Jahre. Piero Cappuccilli als Conte di Luna, Raina Kabaivanska als Leonore, Fiorenza Cossotto als Azucena und Placido Domingo als Manrico in der klassischen und etwas düsteren Inszenierung Karajans, der auch am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper stand, ist in jedem Fall eine der großen Sternstunden des Hauses.

ARTHAUS DVD / 150 Jahre Wiener Staatsoper © ARTHAUS Musik

ARTHAUS DVD / 150 Jahre Wiener Staatsoper © ARTHAUS Musik

CARMEN (Georges Bizet)

Am 9. Dezember 1978 hatte Bizets Oper Carmen in der Inszenierung des 2019 verstorbenen Franco Zeffirelli Premiere. Diese ebenfalls ausgesprochen klassische Inszenierung steht aktuell immer noch auf dem Spielplan und erlebte am 12. September 2018 seine bereits 164. Aufführung.

Unter dem Dirigat von Carlos Kleiber sangen in der Premiere Elena Obraztsova als Carmen, Plácido Domingo den Don José, Yuri Mazurok den Escamillo, Isobel Buchanan die Micaela und Kurt Rydl den Zuniga. Elena Obraztsova sang die Carmen insgesamt nur sieben Mal an der Wiener Staatsoper: einmal 1975 in der Inszenierung von Otto Schenk und sechs Mal in der Inszenierung von Franco Zeffirelli. Maßstäbe setzte Agnes Baltsa in dieser Zeffirelli-Inszenierung von. Sie sang diese Partie zwischen 1984 und 2004 insgesamt 59 Mal. Diese hervorragend besetzte Aufzeichnung von Bizets Meisterwerk zählt zweifelfrei auch zu den Höhepunkten in der Geschichte der Wiener Staatsoper.

TURANDOT (Giacomo Puccini)

1983 feierte Puccinis letzte Oper Turandot Premiere in einer Inszenierung des für seine Musical-Inszenierungen bekannten Harold Prince. Die opulente Umsetzung in den Bühnenbildern und Kostümen von Timothy O’Brien und Tazeena Firth erinnern auch ein wenig an das Genre Musical. Ebenso beeindruckend ist auch hier die Besetzung. Die ungarische Sopranistin Eva Marton gab die eisige Prinzessin Turandot, als Calaf erlebte man José Carreras und als Liù die italienische Sopranistin Katia Ricciarelli. In dieser starken Besetzung erlebt man auch die Aufzeichnung dieser spannenden Produktion. Auf insgesamt 61 Vorstellungen brachte es die Inszenierung ehe sie im März 2004 zum letzten Mal aufgeführt wurde.

ELEKTRA (Richard Strauss)

Ehe es durch die Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg im Jahr 2015 ersetzt wurde brachte es Harry Kupfers Inszenierung von Richard Strauss Atriden-Drama Elektra auf insgesamt nur 65 Aufführungen bis 2012. Die Premiere fand am 10. Juni 1989 zum 125. Geburtstag von Richard Strauss statt. In Kupfers Inszenierung dominiert die zerbrochene Statue Agamemnons die Bühne, auf welcher die hochkarätige Premierenbesetzung zu erleben war. Eva Marton als Elektra, Brigitte Fassbaender als Klytämnestra, Cheryl Studer als Chrysothemis, James King als Aegisth, Franz Grundheber als Orest und Claudio Abbado am Pult machen diese Aufzeichnung zu einem intensiven Erlebnis.

LOHENGRIN (Richard Wagner)

Bereits 1985 debütierte der spanische Tenor Plácido Domingo als Schwanenritter Lohengrin an der Wiener Staatsoper. Kein Wunder also, dass Placido Domingo auch zur Premierenbesetzung der Neuinszenierung durch Wolfgang Weber im Jahr 1990 gehörte. In dieser klassischen Regiearbeit, in welcher der Schwan als Projektion den Bühnenhintergrund dominiert, sangen neben dem spanischen Startenor in der Titelrolle Stars wie Cheryl Studer die Elsa, Hartmut Welker und Dunja Vejzovic Telramund und Ortrud und Georg Tichy den Heerrufer. Unter dem grandiosen Dirigat von Claudio Abbado wurde auch hier Operngeschichte geschrieben.

DON GIOVANNI (Wolfgang Amadeus Mozart)

Vor 150 Jahren wurde das Haus am Ring mit Mozarts Don Juan feierlich eröffnet. Somit darf auch dieses Werk in der DVD-Box nicht fehlen. Die Produktion des Hauses am Ring, die für die Wiener Festwochen allerdings am Theater an der Wien aufgeführt wurde, stammt aus dem Jahr 1999. Zu dieser Zeit als das Regietheater schon länger auf dem Vormarsch war erlebte der Zuseher ein opulentes Kostümspektakel in der Regie von Roberto de Simone.  Unter dem großartigen Dirigat von Ricardo Muti verkörperten Carlos Álvarez den Don Giovanni, Franz Josef Selig den Commendatore, Adrianne Pieczonka die Donna Anna, Michael Schade den Don Ottavio, Anna Caterina Antonacci die Donna Elvira, Ildebrando D’Arcangelo den Leporello, Angelika Kirchschlager die Zerlina und Lorenzo Regazzo den Masetto in einer absolut sehenswerten Produktion.

ALCINA (Georg Friedrich Händel)

Unter Direktor Dominique Meyer kehrte auch die Barockoper an die Wiener Staatsoper zurück. Anstelle des Orchesters der Wiener Staatsoper setzte man auf Originalklangensembles wie im vorliegenden Fall Les Musiciens du Louvre-Grenoble unter dem Dirigat von Marc Minkowski. Die beinahe märchenhafte Umsetzung stammt von Adrian Noble, musikalisch brillieren Anja Harteros als Alcina, Vesselina Kasarova als Ruggiero, Veronika Cangemi als Morgana, Kristina Hammarström als Bradamante, Benjamin Bruhns als Oronte und Adam Plachetka als Melisso. Diese Produktion markierte den Beginn der Rückkehr der Barockoper an die Staatsoper, die in der Erstaufführung von Georg Friedrich Händels Oper Ariodante im Jahr 2018 gipfelte.

Ariadne auf Naxos – Christian Thielemann und Ensemble studieren die Oper ein
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ARIADNE AUF NAXOS (Richard Strauss)

Im Dezember 2012 löste die von den Salzburger Festspielen übernommene Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf nach 162 Vorstellungen die klassische Inszenierung von Filippo Sanjust ab. Bechtolf rückte die Handlung in die Zeit der Uraufführung, der zweite Teil, die Aufführung der Oper seria Ariadne gemeinsam mit der Opera buffa fand zwischen sandverzierten Klaviertrümmern statt. Die Aufzeichnung dieser Oper bot ein Wiedersehen mit dem 2019 plötzlich verstorbenen Kammerschauspieler Peter Matic, der als Haushofmeister aus dieser Produktion nicht mehr wegzudenken ist. Auch dem viel zu früh verstorbenen Tenor Johan Botha als Tenor / Bacchus wird mit dieser Aufnahme ein Denkmal gesetzt. Aber auch der Rest der Besetzung lässt sich hören: Soile Isokoski als Primadonna/ Ariadne sang hier eine ihrer letzten szenischen Produktionen; Sophie Koch als Komponist, Jochen Schmeckenbecher als Musiklehrer, Daniela Fally als Zerbinetta, sowie Adam Plachetka, Carlos Osuna, Jongmin Park und Benjamin Bruhns als Harlekin,Scaramuccio, Truffaldin und Brighella und das Dirigat Christian Thielemanns machen diese Aufzeichnung zu etwas ganz Besonderem.

Die im Beige der Wiener Staatsoper gehaltenen DVDs zeigen auf der Vorderseite eine Ansicht des Schwindfoyers, die DVD-Innenseite eine Perspektive von der Bühne auf den Zuschauerraum. Die acht DVDs befinden sich in einem Schuber mit einem Bild der Wiener Staatsoper auf der Vorderseite der Box.

Die limitierte Ausgabe von 1.869 Stück der DVD-Box mit einer Gesamtspielzeit von 1.290 Minuten ist um rund 100 € im Fachhandel erhältlich.

—| IOCO CD-Rezension |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere OTELLO DARF NICHT PLATZEN!, 01.09.2019

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

OTELLO DARF NICHT PLATZEN! Das Musical
Brad Carroll / Peter Sham

Premiere So. 01.09.19, 19:30 Uhr, Stadttheater

Musical nach der Komödie von Ken Ludwig // Buch und Gesangstexte von Peter
Sham // Musik von Brad Carroll // Deutsch von Roman Hinze

Musikalische Leitung William Ward Murta Inszenierung Thomas Winter Bühne und Kostüme Ulv Jakobsen Choreografie Dominik Büttner Dramaturgie Jón Philipp von Linden Mit Dirk Audehm, Yun-Geun Choi, Mark Coles, Michaela Duhme, Christin Enke-Mollnar, Joshua Farrier, Patricia Forbes, Krzysztof Gornowicz, Jonas Hein, Navina Heyne, Franziska Hösli, Evelina Quilichini, Carlos Horacio Rivas, Roberta Valentini, Jeannine Michèle Wacker; Bielefelder Opernchor, Bielefelder Philharmoniker

Theaterdirektor Saunders ist verzweifelt: Das Opernhaus Cleveland fiebert einer Galavorstellung von Verdis Otello entgegen, die Theatergilde rotiert seit Wochen wegen des Festbanketts, der Saal ist lange ausverkauft, selbst Präsident Roosevelt hat sich angekündigt (wir schreiben 1934)! Als endlich der große Tag da ist, fehlt der wichtigste Gast: Startenor Tito Merelli. Was tun? Souffleur und Regieassistent Max ist bereit, einzuspringen, aber niemand darf etwas davon merken. Zwar taucht der vermisste Gast doch noch auf, hat auch sein Originalkostüm dabei, fällt aber nach einem handfesten Streit mit seiner Frau mithilfe von Beruhigungsmitteln in einen derart tiefen Schlaf, dass er die Vorstellung buchstäblich verschläft. Max brilliert als Otello, der Skandal ist abgewendet, das Publikum tobt – doch die Show hinter der Bühne geht jetzt erst richtig los, da diverse weibliche Mitglieder des Hauses die Chance auf ein Schäferstündchen mit dem Startenor durchaus nutzen wollen und Merelli selbst nicht nur aufgewacht ist, sondern sich ebenfalls in sein Otello-Kostüm geworfen hat …

Ken Ludwig schrieb 1986 die Komödie Otello darf nicht platzen als Schauspiel und landete damit seinen bisher größten Erfolg. Peter Sham und Brad Carroll, zwei Broadway-Autoren der jüngeren Generation, waren 2004 überraschenderweise die ersten, die auf die Idee kamen, ein Musical daraus zu machen. Was naheliegend war, schließlich lässt sich eine Komödie über die Oper und ihre Lieblings-Klischees mithilfe von Musik, Orchester, SängerInnen und Chor noch viel authentischer und spritziger erzählen.

Mit Jonas Hein (Max Garber) und Joshua Farrier (Tito Merelli) treffen ein Musical und ein Operntenor am Theater Bielefeld aufeinander, hochkarätig flankiert von Dirk Audehm (bekannt aus My Fair Lady), Jeannine Michèle Wacker (Daddy Langbein), Roberta Valentini (Das Molekül, City of Angels, Jekyll & Hyde u.v.a.m.) und Navina Heyne (Bonnie & Clyde) sowie dem überaus spielfreudigen Bielefelder Opernchor. Die musikalische Leitung liegt in den bewährten Händen von William Ward Murta. Mit Thomas Winter (Inszenierung), Ulv Jakobsen (Bühne und Kostüme) sowie Dominik Büttner (Choreografie) ist ein Regieteam am Start, das der Komödie das richtige Timing, den nötigen »Drive« und jede Menge Charme zu verleihen imstande ist.

MUSIKALISCHE LEITUNG
William Ward Murta, geboren in Fort Smith/Arkansas und aufgewachsen in Oklahoma, ist seit 1984 Musical-Kapellmeister am Theater Bielefeld. Er übernahm die musikalische Leitung vieler Produktionen wie Cabaret, Evita, Chicago, La Cage aux Folles, Piaf, Die Comedian Harmonists, der Uraufführung von James Lyons Für mich soll’s rote Rosen regnen, Franz Wittenbrinks Männer – Tore, Tränen und Triumphe, Sekretärinnen und Mütter, außerdem She Loves Me, Jekyll & Hyde, Me and My Girl, Crazy For You, The Scarlet Pimpernel, Chess, Company, The Birds of Alfred Hitchcock, City of Angels, Die Hexen von Eastwick, Bonnie & Clyde, Sunset Boulevard, A Little Night Music, Hochzeit mit Hindernissen, Avenue Q, Frühlings Erwachen (Spring Awakening), My Fair Lady und Lazarus. Murta ist in Musikerkreisen ein gefragter Arrangeur; zahlreiche seiner Arrangements gehören zu den Standards von Musical- und Gala-Aufführungen im In- und Ausland. Darüber hinaus komponiert Murta eigene Musicals: 1987 M … wie Marilyn
und sein Werk über das Leben von Galileo Galilei, Starry Messenger (Sternenbote), das 2004 sehr erfolgreich am Theater Bielefeld uraufgeführt wurde. Zu Beginn der Spielzeit 2010/11 folgte ebenso erfolgreich die Uraufführung von The Birds of Alfred Hitchcock und in der Spielzeit 2016/17 die Uraufführung von Das Molekül, für das er in fünf Kategorien beim Deutschen Musical-Theaterpreis nominiert und mit dem von New England Biolabs (NEB) ausgelobten »Passion in Science Award 2019« in der Kategorie »Arts & Creativity« ausgezeichnet wurde.

INSZENIERUNG
Thomas Winter war Sänger der Kölner Soulfunk Band Upstairs bevor er von 1995 bis 1999 an der Folkwang Hochschule Essen Schauspiel, Gesang und Tanz studierte. 1997 gewann er den 1. Preis beim Bundeswettbewerb Gesang (Musical, Chanson, Song). Von 1999 bis 2001 war er fest als Schauspieler am Theater Heilbronn und von 2001 bis 2005 am Staatstheater Oldenburg engagiert.
Seit 2005 arbeitet er als freier Schauspieler, war in Film- und Fernsehproduktionen wie Das Duo, SOKO München oder Der Baader-Meinhof-Komplex zu sehen und spielte unter anderem am Theater Bielefeld, im Winterhuder Fährhaus in Hamburg, am Theater Münster, in der Bar jeder Vernunft in Berlin, an der Deutschen Oper am Rhein und am Nationaltheater Mannheim.
Darüber hinaus ist er als Regisseur tätig und inszeniert u. a. an der Oper Chemnitz, am Volkstheater Rostock, am Theater Konstanz und am Theater Bielefeld, wo er auch seit 2011 die Spielstätte Loft künstlerisch betreut. Am Bielefelder Theater inszenierte er u. a. mit großem Erfolg City of Angels, Sunset Boulevard, Cyrano, Hochzeit mit Hindernissen, Das Molekül und My Fair Lady.

BÜHNE UND KOSTÜME
Ulv Jakobsen wurde 1962 in Berlin-Pankow geboren. Er absolvierte sein Design- und Bühnenbildstudium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und machte 1993 sein Diplom. 1992 war er Assistent bei Robert Wilson. Jakobsen war an über 80 Produktionen als Bühnen- und Kostümbildner an verschiedenen Theatern beteiligt. Darunter das Nationaltheater Lubljana (Slowenien), das Deutsche Theater Berlin, das Staatstheater Schwerin und das Theatret Vårt in Norwegen. Darüber hinaus arbeitete Jakobsen als Theater- und Filmautor in Schwerin, Bremerhaven und für den Kinofilm Die Datsche (2003). Seine Theaterplakate wurden mehrfach ausgezeichnet und fanden Aufnahme in staatliche und private Sammlungen. Am Theater Bielefeld war Ulv Jakobsen an den Musicalproduktionen City of Angels, Sunset Boulevard, Cyrano, Das Molekül und My Fair Lady als Bühnen- und Kostümbildner beteiligt.

CHOREOGRAFIE
Dominik Büttner studierte Schauspiel, Gesang und Tanz in Wien und sammelte bereits als Balletteleve erste Bühnenerfahrungen an der Wiener Staatsoper und an der Volksoper. Es folgten zahlreiche Engagements als Musicaldarsteller und Schauspieler, u. a. am Theater an der Wien, Theater des Westens Berlin, Nationaltheater Mannheim, Staatstheater Karlsruhe, Bad Hersfelder Festspiele, Oper Kiel, Stadttheater Ingolstadt, Komödie Düsseldorf, Apollo Theater Stuttgart, Theater 11 Zürich und bei der Japan-Tournee von Elisabeth der Vereinigten Bühnen Wien. Dabei arbeitete er beispielsweise mit Helmut Baumann, Jürg Burth, Stefan Huber, Melissa King, Kim Duddy, Bernd Mottl, Otto Pichler, Harry Kupfer, Dennis Callahan, Werner Sobotka und Roman Polanski zusammen. Außerdem spielte er Rollen in TV-Produktionen von ZDF, NDR, WDR und im Kinofilm Polly Blue Eyes. Inzwischen ist er vermehrt auch als Choreograf und/oder Regisseur tätig, u. a. am Theater Bielefeld, Theater für Niedersachsen Hildesheim, den Schauspielbühnen Stuttgart, Stadttheater Ingolstadt, Tipi am Kanzleramt Berlin sowie für Theaterprojekte und Produktionen in Namibia, Russland, der Türkei und den USA. Daneben hat er einen Lehrauftrag an der Universität der Künste Berlin im Studiengang Musical und war Gastdozent an der University of Namibia und der University of North Carolina/USA.

BESETZUNG
Henry Saunders Dirk Audehm
Bernie Guter, Inspizient Carlos Horacio Rivas
Max Garber, Assistent Jonas Hein
Anna 1 (Dame der Operngilde) Evelina Quilichini
Anna 2 (Dame der Operngilde) Franziska Hösli
Anna 3 (Dame der Operngilde) Michaela Duhme
Diana Divane, Operndiva Navina Heyne
Maggie Saunders, Henrys Tochter Jeannine Michèle Wacker
Tito Merelli, Startenor Joshua Farrier
Maria Merelli, seine Frau Roberta Valentini
Bürgermeister von Cleveland Paata Tsivtsivadze
Harry, Liftboy Vladimir Lortkipanidze
Mickey, Polizist Krzysztof Gornowicz
Joe, auch Polizist Mark Coles

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

Reiner Goldberg, Tenor – Leben und Wirken – Teil 2, IOCO Interview, 04.08.2018

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Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Tenor Reiner Goldberg im Interview –  Leben und Wirken

Teil 2 –  Aufbruch ins Heldenfach, Bayreuth, die Welt

Von Michael Stange

Teil 1  –  Reiner Goldberg Interview – Herkunft und Beginn der Karriere

Teil 2Interview mit Reiner Goldberg: Über den Aufbruch ins Heldenfach, Bayreuth, seine Karriere, Begegnungen mit Herbert von Karajan, Guiseppe Sinopoli, Wolfgang Wagner und mehr.

Teatro alla Scala Milano / Tannhäuser Reiner Goldberg, 1984 © Lelli und Masotti

Teatro alla Scala Milano / Tannhäuser Reiner Goldberg, 1984 © Lelli und Masotti

Der große Schritt ins Wagnerfach war 1978: der Tannhäuser in Dresden mit Harry Kupfer. Diese Rolle haben sie länger als die berühmten Tenöre der dreißiger Jahre Max Lorenz und Lauritz Melchior im Repertoire gehabt. Beide haben es immerhin auf jeweils 23 Jahre in dieser Partie gebracht. Sie haben 27 Jahre den Tannhäuser gesungen. Wie haben Sie sich den Tannhäuser erarbeitet und hatte die Partie Auswirkunken auf Ihre lyrischen Rollen und die weitere Entwicklung Ihrer Stimme?

Da muss man sich doch nur die Noten ansehen, wieviel Piano und Pianissimo dort drin steht. Natürlich kommen dort auch Stellen, wo es richtig losgeht. Davon lebt ja die Musik, von den Kontrasten. Den Tannhäuser kann man stimmlich als Fortsetzung des Max oder Stolzing anlegen. Man darf keinesfalls brüllen, sondern muss die Rolle der Musik, in der Gesangslinie bleiben und die dramatischen Ausbrüche entsprechend gestalten. Dann erschließt sich auch das Spannungsfeld der Rolle und das Leiden des Tannhäuser an seiner Zerrissenheit.

Letztlich habe ich meine ursprüngliche Gesangslinie im Tannhäuser nie verlassen, aber auch von meinem Metall und der Durchschlagskraft in der Höhe profitiert. Der Tannhäuser ist auch von der Gestaltung und Vielschichtigkeit der Rolle ein großer Brocken. Die Stimme muss mitmachen. Ich brauchte viel Zeit die Rolle zu verinnerlichen und sie weiter zu entwickeln. Insofern ist das erste Mal nur ein Versuch. Man steht am Fuße des Berges und braucht lange zum Gipfel. Man braucht aber gute Partner, um eine stimmige Gesamtleistung zu erreichen.

Den Tannhäuser habe ich zuletzt 2005 auf der Wartburg gesungen. Die letzten Vorstellungen in Berlin fanden 2003 statt. Da hatte ich die Rolle 25 Jahre im Repertoire und diese Jahre liefen bei den letzten Vorstellungen natürlich vor meinem geistigen Auge ab. Ich hatte das Glück, dass ich topfit war und konnte die Rolle so gestalten, wie ich mir das vorgestellt habe. Die Stimme machte alles mit, das Publikum, das mich zum Teil seit mehr als dreißig Jahren kannte jubelte. Das war für mich emotional ungeheuer bewegend, ich war sehr glücklich, dass mir die Intendanz das mit meinen damals 63 Jahren übergeben hat und ich bin froh, dass von beiden Abenden technisch ausgezeichnete Mittschnitte vorliegen.

Mit Harry Kupfer hatte ich das Glück, die Rolle mit einen Regisseur zu erarbeiten, der für realistisches Musiktheater und präzise Personenführung stand. Wir haben viel diskutiert, was mir sehr geholfen hat, die Rolle in den nächsten Jahren weiterzuentwickeln.

Meine Stimme wurde über die Jahre runder und dunkler. Trotzdem habe ich weiter lyrische Rollen auf der Bühne und im Rundfunk gesungen und bin auch den Oratorien treu geblieben.

Mit dem Tannhäuser bin ich um die Welt gereist. Die Rolle habe ich in Ungarn, Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland Russland, den USA und anderswo unzählige Male gesungen. Diese Partie war sicher eine der Rollen meines Lebens.

In den achtziger Jahren begann die eine große internationale Karriere, die sich schon in den siebziger Jahren abzeichnete. In Frankreich, Spanien Italien waren Sie besonders geschätzt. Als einziger deutscher Sänger haben Sie zum Beispiel 1985 am Konzert zum 25 Todestag von Jussi Björling mit Kolleginnen wie Birgit Nilsson und Kollegen wie Guiseppe di Stefano, Gösta Winbergh und Sherill Milnes teilgenommen. Erinnern Sie sich an dieses Konzert und Ihre frühen Gastspiele?

Mein erstes Auslandsgastspiel war im Frühling 1973 mit Bergs Wozzeck in Paris. Ich hatte den Tambourmajor erst einige Vorstellungen gesungen, aber die Rolle lag mir sehr gut. Das war natürlich eine riesige Sache. Als DDR Bürger drei Wochen in Paris, das hätte ich nie zu träumen gewagt. Ich habe dort viermal den Tambourmajor gesungen. Als ich das erste Mal in Berlin die Rolle singen sollte, mussten wir für mich im Fundus ein Kostüm suchen. Zunächst fanden und fanden wir nichts. Auf einmal kam die Kostümbildnerin mit einer Jacke. Oben drin fand sich ein Name. Max Lorenz, der hatte das Tambourkostüm auch schon getragen. Nun erbte der kleine Goldberg von Max Lorenz Rolle und Kostüm und das habe ich als sehr gutes Omen angesehen, das sich auch bewahrheitete. Den Tambourmajor habe ich noch 34 Jahre später in Barcelona gesungen.

Paris war natürlich ein Erlebnis. Wir hatten kein Geld und hatten Unmengen an Konserven mitgenommen, um uns zu verpflegen und Geld zu sparen. Ich bin zu Fuß auf den Eiffelturm gelaufen. Tief beeindruckt haben mich das Rodin Museum und Sacre Coeur. Wir haben die ganze Stadt zu Fuß entdeckt. Das war einmalig.

Wir hatten auf diesen Reisen einen unglaublichen Zusammenhalt und haben fast alle Ausflüge gemeinsam unternommen. Gerade im teuren Japan kam es zu köstlichen Szenen. Keiner hatte mehr Geld, weil wir alles ausgegeben hatten. Dort wurde das Bier in Automaten verkauft und wir standen alle um einen Automaten herum, um mit unserem letzten Geld gemeinsam eine Dose Bier zu kaufen, die wir uns dann geteilt haben.

Nach dem Gastspiel in Paris ging es mit Gastspielen in Frankreich, Italien, Deutschland, Japan und England weiter. Anfang der achtziger Jahre habe ich in Hamburg Freischütz, Fidelio und Holländer gesungen. Das Konzert in Stockholm ist mir in Erinnerung, weil ich wieder einmal eingesprungen bin. Vorgesehen war Jess Thomas, der aber erkrankt war. Ich vermute, dass mich mein Freund Gösta Winbergh als Ersatz vorgeschlagen hat. Das Konzert kann man heute einschließlich des Lohengrin Duetts bei spotify anhören. Das war natürlich ein unglaubliches Erlebnis mit Stars wie Birgit Nilsson, Sherill Milnes, James Mc Cracken und all den anderen auf der Bühne zu stehen. Die Autogramme habe ich heute noch.

Mit den Ensembles aus Dresden und Berlin sind wir nach Tokyo, Budapest, Paris, in die Sowjetunion und viele andere Städte gereist.

Für meine weitere Karriere waren zwei Gastspiele in Italien und England besonders wichtig. In Perugia habe ich 1980 Rienzi gesungen. Im Jahr davor habe ich mit Edda Moser dort in Beethovens Leonore gesungen. Wir kannten uns, weil ich auch in der drei Jahre zuvor entstandenen Plattenproduktion mitgewirkt habe. Als ich dort den Florestan sang, hat ihr das so gut gefallen, dass sie mir sagte: „Sie haben so eine schöne Stimme. Ich muss das dem Karajan erzählen, der soll Sie mal anhören.“ Etwas ähnliches passierte mir in London. Ich sang in Covent Garden den Stolzing in den Meistersingern 1982 gemeinsam mit Lucia Popp. Wir haben so gut harmoniert, dass sie mich Bernhard Haitink empfahl und wir gemeinsam in München die Daphne aufnahmen.

Teatro alla Scala Milano, Tannhäuser Reiner Goldberg, Elisabeth Elisabeth Connell, 1984 © Lelli und Masotti

Teatro alla Scala Milano, Tannhäuser Reiner Goldberg, Elisabeth Elisabeth Connell, 1984 © Lelli und Masotti

 Viele Reisen führten mich nach Italien, Spanien und Frankreich mit dem Tannhäuser. Den habe ich unter anderem in Bayreuth, Budapest, Mailand, Rom, Turin, New York, Paris, Barcelona, Las Palmas und natürlich oft in Dresden und Berlin gesungen.

In Salzburg wirkten Sie 1982 unter Herbert von Karajan im Fliegenden Holländer als Erik mit. Welche Erinnerungen haben Sie an Herbert von Karajan?

Herbert von Karajan war einer der Glücksfälle meines Lebens. Wir kamen sehr gut zu recht. Wenn ich mit ihm allein war, war er wie ein alter gütiger Vater. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass ich das erleben durfte. Ich wurde eingeladen in die Philharmonie nach Berlin, weil Karajan sich wohl auf den Rat von Edda Moser selbst ein Bild von meiner Stimme machen wollte. Ich sang ihm also einiges aus dem Holländer vor und Christian Thielemann, der damals sein Assistent war, begleitete. Irgendwann wurde Karajan unruhig und kam auf die Bühne. „Singen Sie mir doch einmal die Romerzählung“. Thielemann kannte das natürlich alles auswendig und begleitete bis mich Karajan bei der Stelle: „….. ein Engel hatte ach den übermütigen“ unterbrach: „Herr Goldberg, stellen Sie sich mal vor, ein Eeengel“. Das wiederholte ich und er kam dann zu mir, legte seine Hand auf meinen Arm und dann sagte der große Karajan zum kleinen Goldberg: „Na Herr Goldberg, wollen wir es miteinander versuchen?“ Seine gütige Art hat mich fast erschlagen. Der große Karajan und der kleine Goldberg. Ich konnte kaum sprechen vor Freude. Dann sagte er noch: „Ach wissen Sie was, dann können Sie 1981 in Salzburg gleich noch den Parsifal covern.“

Daraufhin erwiderte ich: „Das habe ich aber noch nie gesungen.“ Karajan erwiderte ganz ruhig: „Lernen Sie das, den Rest studieren wir dort ein.“

Ich habe das dann natürlich zu Hause mit meinen Korrepetitoren vorbereitet und dann intensiv mit Jeffrey Tate in Salzburg einstudiert. Einmal habe ich dann den Schluss des dritten Akts auf der großen Bühne unter Karajan gesungen. Ich hatte unglaubliche Angst. Zur Sicherheit hatte ich das Notenblatt mitgenommen und es auf den Altar gelegt. Ich glaube, Karajan hat das auch gemerkt, aber gesagt hat er nichts. Wir haben dann 1982 und 1983 zusammen den Fliegenden Holländer gemacht und 1982 habe ich in Salzburg noch unter Lorin Maazel Fidelio gesungen. Das war eine phantastische Zusammenarbeit mit Herbert von Karajan. Natürlich war er schon sehr gebrechlich, so dass sich nichts Weiteres ergeben hat.

Mit der Aufnahme des Parsifal im Jahr 1981 sind Sie endgültig weltweit bekannt geworden. Wie kam es dazu und wie haben Sie Proben, Aufnahmesitzungen und Monte Carlo erlebt?

Wie ich zu diesem Parsifal gekommen bin weiß ich nicht. Es traf im Frühjahr 1981 eine Anfrage bei meiner Agentin ein, ob ich an der Aufnahme teilnehmen könnte. Vermutlich hatten sie etwas aus Salzburg gehört, weil ich unmittelbar für den Juni 1981 nach Monaco für die Aufnahmen ohne Vorsingen verpflichtet wurde.

Nun war mein Glück, dass ich blendend vorbereitet war. Ich hatte die Rolle einstudiert und unglaublich viel von dem gütigen und weisen Jeffrey Tate profitiert. Mit ein paar Tipps von Karajan ausgestattet fühlte ich mich daher der Darstellung im Tonstudio und sogar auf der Bühne sehr gut gewachsen. Die Aufnahmen fanden im Sommer statt. Dort war eine furchtbare Hitze und die Aufnahmen wurden im Opernhaus von Monte Carlo gemacht. Dirigent war Armin Jordan und das Ensemble bestand aus tollen Sängen. Wir haben während des ganzen Monats fast immer geprobt um eine geschlossene Ensembleleistung zu erreichen oder Aufnahmen gemacht. Daher war kaum Zeit für Freizeit. An einem freien Tag bin ich den Berg zum Fürstenpalast hinaufgestiegen. Allerdings war diese Ansammlung von Reichtum nichts für mich. Die Aufnahme ist heute noch auf CD erhältlich, was mich sehr freut.

Sie wurden ja früh für Bayreuth engagiert. Wie sind Ihre Erinnerung an Wolfgang Wagner und Bayreuth?

Meine ersten Kontakte mit Bayreuth waren Vorsingen für Georg Solti für den Siegfried im für 1983 geplanten Ring 1981. In Bayreuth war Wolfgang Wagner anwesend und Solti kam nach dem Vorsingen auf die Bühne und fragte: „Wollen Sie mein Siegfried sein?“ Er liebte meine Stimme und hat auch später noch gesagt: „Der Goldberg hat mir Proben gesungen, da ist mir das Herz aufgegangen.“ Die Rolle funktionierte musikalisch sehr gut. Schwierig war es mit Peter Hall, dessen Regieanweisungen ich wegen der Sprachbarriere oft nicht so schnell umsetzen konnte, wie er sich das wünschte. Hinzu kam, dass das Bühnenbild für den Siegfried durch einen Wasserteich sehr ungünstig war und ich darin während der Proben öfter ausgerutscht bin.

Stimmlich war bis zur Hauptprobe alles in Ordnung. Die Rolle des Siegfried hatte ich mir auch mit Soltis Hilfe so gut erarbeitet, so dass ich fest überzeugt war, der Herausforderung des Rollendebuts in Bayreuth gewachsen zu sein.

Leider bekam ich aber, wie auch an anderen wichtigen Momenten meiner Karriere, eine Halsentzündung und wurde in der Generalprobe heiser. So musste ich den 2. und 3. Akt der Generalprobe heiser durchsingen. Das hat bei Wolfgang Wagner und Solti zu so großer Nervosität geführt, dass sie mich hinauswarfen, obwohl ich bis zur Premiere wieder fit gewesen wäre und ihnen das auch gesagt habe.

Das ganze Geld habe ich natürlich bekommen, aber ich war so wütend, dass ich keine Vorstellung singen durfte, dass ich ihnen das Geld am liebsten vor die Füße geworfen hätte. Aber das ging ja nicht wegen der DDR und der Agenten.

Reiner Goldberg, Bayreuth 1989 © Peter Schünemann, Mikkeli

Reiner Goldberg, Bayreuth 1989 © Peter Schünemann, Mikkeli

Über diesem Bayreuther Ring 1983 lag nun in vielerlei Hinsicht ein Fluch. Die Effekte, die sich Peter Hall ausgedacht hatte, funktionierten oder wirkten nicht. Solti ist erheblich mit den Musikern bei den Proben aneinandergeraten. In einem englischen Buch über die Produktion wurden über Sie verschiedene diffamierende Gerüchte gestreut. Behauptet wurde dort, sie hätten keine Stimmtechnik und ihnen könnte jederzeit die Stimme wegbrechen. Gleichzeitig wurden Sie bezichtigt, gegenüber Kollegen zu behaupten der größte Sänger der Welt zu sein. Solti hat dann ja auch nur den Sommer 1983 in Bayreuth dirigiert und ist in den Folgejahren in Bayreuth nicht mehr aufgetreten.

 Mit Wolfgang Wagner und Bayreuth ging es aber weiter?

Von dem Buch und diesen Verleumdungen über mich höre ich das erste Mal. Das sind wirklich blödsinnige und unverschämte Unterstellungen. Wäre ich so eingebildet, dann wäre ich mit meiner Karriere nicht so weit gekommen. So etwas würde ich nie sagen.

Prahlen ist immer ein Fehler, weil einem Schlösser oder Reichtum auf der Bühne nicht helfen, die Rolle zu bewältigen. Auch im Wagnerfach helfen Gesangstechnik und Bescheidenheit. Ich weiß wann mir Sachen gelingen und wann nicht. An schwierigen Tagen geht es darum, innerhalb der eigenen Möglichkeiten zu bleiben. Entweder kann man die Rolle bewältigen oder man sagt ab. Ich schätze andere Stimmen sehr hoch. Schließlich höre ich mir Vieles an, um zu Lernen.

Das mit der Stimmtechnik habe ich nach mehr als fünfzig Bühnenjahren glaube ich gleichfalls glänzend widerlegt. Das erste Mal in Bayreuth war für mich natürlich sehr schwierig. Die Atmosphäre war auch aus den von Ihnen genannten Gründen sehr gespannt. Hall ging die Umsetzung seiner Ideen nicht schnell genug und alle verschiedenen Schwierigkeiten gingen nicht nur mir sehr an die Nerven.

Hätte es ein völliges Zerwürfnis mit Solti gegeben oder wäre an diesen Gerüchten etwas Wahres, wäre es zu weiteren gemeinsamen Arbeiten sicher nicht gekommen. Mit Solti habe ich aber beispielsweise 1986 bei den Proms in London noch Beethovens 9. Sinfonie gemacht. Vermutlich sind damals viele Gerüchte gestreut worden, um von den Problemen rund um diese Inszenierung, dem gegenseitig herrschenden Misstrauen abzulenken oder es gab andere Gründe. Wolfgang Wagner hat in seinen Erinnerungen die Schwierigkeiten dieser Inszenierung ja aus seiner Sicht ausführlich und zutreffend beschrieben. Sie können das beispielsweise auch in den Artikeln des Hamburger Abendblatts jener Jahre nachlesen, die heute noch im Internet zu finden sind.

Nach so langer Zeit muss man sagen, dass Wolfgang Wagner, der ja ein ausgezeichneter Intendant war und der vermutlich Angst um seinen neuen Ring hatte und mich deswegen rauschmiss, weil er mich nicht kannte, mir nicht traute. Er hatte schon genug Angst wegen des Gelingens der Aufführungen und wollte wohl wegen mir kein Fiasko erleben. Aus seinen Erinnerungen an den Ring mit Solti ergibt sich ja auch, dass der ihm von Anfang an Unbehagen bereitete.

Nur zwei Jahre später inszenierte Wolfgang Wagner in Dresden die Meistersinger und wir trafen uns wieder. Natürlich war ich immer noch wütend, aber die Zusammenarbeit klappte gut und ich war gut bei Stimme. Wolfgang Wagner war ein sehr herzlicher Mensch und ein wandelndes Lexikon. In Dresden setzte er sich nach den Proben in der Kantine oft zu uns und er konnte auf jede Frage spannende Antworten geben.

Nach dem Bayreuth Debakel habe ich erst zwei Jahre später im Frühjahr 1985 Gelegenheit gehabt, als Siegfried in Barcelona zu debütieren (Anm.: zu hören auf YouTube). Das ging sehr gut und das habe ich ihm natürlich erzählt. Da wurde er hellhörig. Wenig später erhielt ich eine Einladung nach West-Berlin, um ihm und Daniel Barenboim im Theater des Westens für den Bayreuther Ring 1988 vorzusingen. In seiner grantigen Art sagte er: „Keine Zugaben. Können Sie mir den Tannhäuser und den Stolzing 1986 covern?“ Natürlich war ich noch sehr böse, aber mich reizte auch die Herausforderung. Also habe ich ja gesagt.

In den ersten zwei Wochen war ich in Bayreuth. Ich hatte meine Eltern mitgenommen, für die das die erste Reise in den Westen war. Sie waren von der fränkischen Küche und den Einkaufsmöglichkeiten erschlagen. Das war eine wunderbare Zeit, weil Franken für meine Eltern wie ein Schlaraffen- und Wunderland war und wir gemeinsam wunderschöne Ferien hatten.

Ein Einspringen in Bayreuth war nicht nötig und meine Eltern und ich reisten mit meinem bis in jeden Winkeln mit Lebensmitteln voll beladenen Lada zurück in die DDR.

Auf der Fahrt zur Grenze fiel uns ein, dass wir beim Einkauf vielleicht ein wenig übertrieben hatten und wir mussten vor Schreck natürlich schlucken, weil wir dutzende der winzigen DDR-Zollerklärungen hätten ausfüllen müssen.

Wir müssen aber bei der DDR-Passkontrolle so komisch mit unserer Bananenstiege und den anderen Köstlichkeiten gewirkt haben, dass uns die DDR Grenzer wohl für Außerirdische hielten und uns nach der Passkontrolle einfach durchwinkten. Ich reiste fröhlich zu Rundfunkaufnahmen nach Leipzig. Dort habe ich Szenen aus Othello, Frau ohne Schatten und einiges mehr gemacht. Natürlich war das anstrengend und ich wollte mich danach einige Tage ausruhen.

Plötzlich kam dann aber der Anruf aus Bayreuth: „Kommen Sie schnell, Sie müssen morgen den Tannhäuser singen.“ Ich fuhr rasch nach Bayreuth, hatte aber noch keine Probe mit Guiseppe Sinopoli gehabt. Der hatte am Abend meines Eintreffens auch keine Zeit, so dass wir uns erst 90 Minuten vor der Vorstellung zur ersten Probe trafen. Sinopoli war ein wunderbarer Musiker, aber er hatte eigene Vorstellungen. Wir haben also vor jedem Akt die Rolle des Tannhäuser in der Pause durchgenommen. An jenem Abend habe ich den Tannhäuser zweimal gesungen, aber dafür einen Riesenapplaus vom Chor und Publikum nach dem 3. Akt erhalten.

Nach der Vorstellung kam Wolfgang Wagner mit einem riesigen Blumenstrauß auf die Bühne und sagte zu mir: „Reiner, wir betrachten das jetzt mal als reinigendes Gewitter.“ Damit beerdigten wir unseren alten Krach im Jahr 1983.

Teatro alla Scala Milano / Tannhäuser Reiner Goldberg, 1984 © Lelli und Masotti

Teatro alla Scala Milano / Tannhäuser Reiner Goldberg, 1984 © Lelli und Masotti

 Im Jahr 1987 habe ich dann in Bayreuth den Stolzing in den Meistersingern gesungen. Im Jahr 1988 folgten Stolzing und Siegfried in Götterdämmerung und 1989 beide Siegfriede und Tannhäuser. Nun war ja 1989 auch der siebzigste Geburtstag von Wolfgang Wagner. Gleichzeitig mit seinem Geburtstag waren wir im Anschluss an die Festspiele zur Einweihung der Bunkamura Halle in Tokyo eingeladen. Wir machten dort ein Konzerte mit 2. Akt Lohengrin und 2. Akt Parsifal und Tannhäuser Vorstellungen.

Dorthin sind wir über Alaska geflogen und haben einen Halt in Anchorage in Alaska gemacht. In der Eingangshalle des Flughafens stellte sich der gesamte Festspielchor auf und sang Wolfgang Wagner als Ständchen den Wach auf Chor aus den Meistersingern. Alle waren sehr gerührt und die Reise ging weiter nach Japan. Sinopoli dirigierte auch das Konzert und ich sang den Lohengrin. Für die Szene mit dem Kirchgang brauchte man ja auch die Orgel. Bei der Probe soll noch alles funktioniert haben, aber im Konzert war die Orgel verstimmt und auf einmal eine Terz zu hoch. Sinopoli erstarrte beim Einsatz der Orgel, gab noch kurz meinen Einsatz und ich setzte in der Höhe der Orgel mit „Heil Dir Elsa“ zu hoch ein. Ich merkte natürlich, dass ich zu hoch war. Nun musste ich aber sehen, dass ich wieder runter kam auf die richtige Tonart, damit der Chor richtig einsetzen konnte. Irgendwie klappte das auch aber Sinopoli hat mich nie wieder so böse angesehen.

Den Vorfall hatte im Publikum wohl kaum jemand bemerkt. Trotz seiner Herzensgüte war Sinopoli stinkwütend und hat dem Organisten, der nichts dafür konnte, nach der Vorstellung fertig gemacht. Man durfte in seiner Gegenwart von dem Vorfall nicht sprechen. Er war da sehr empfindlich. Wir haben da ja von 1990 bis 1994 den Fliegenden Holländer gemacht. Er war ein begnadeter Dirigent mit einem wunderbaren Charakter und ist viel zu früh gestorben. Mit dem Klagenden Lied, das ich mit ihm live in Tokyo gemacht habe und das auf CD veröffentlicht wurde, bin ich noch heute sehr glücklich.

Interview mit Reiner Goldberg – Teil 2 –  Aufbruch ins Heldenfach, Bayreuth und die Welt;  der abschließende Teil 3 des Interview  folgt in KW 33

—| IOCO Interview Reiner Goldberg |—

Halle, Händel – Festspiele, 2017 : Barocke Kriege in Oper und Oratorien, IOCO Aktuell, 02.07.2017

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Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Falk Wenzel

Oper Halle © Falk Wenzel

Die Händel-Festspiele in Halle an der Saale

Barocke Kriege in Oper und Oratorium, dazu Händel-Pastete vom Feinsten

Von Guido Müller

Händel Logo © Händel Festspiele Halle

Händel Logo © Händel Festspiele Halle

Im Juni  2017 sind in Halle die Händel-Festspiele 2017 zu Ende gegangen. In über hundert Veranstaltungen widmeten sich diese Händel Festspiele dem Thema Original oder Fälschung mit einem besonderen Schwerpunkt auf Oratorien. Aber auch die Oper kam nicht zu kurz. Das letzte Händel-Oratorium Jephta wurde dann auch zur Eröffnung in der Oper von Halle szenisch aufgeführt. Eine Besprechung bei IOCO folgt zur Wiederaufnahme bei den kleinen Festspielen Händel im Herbst im November 2017 in der Saalestadt.

Zur bewährten Programmdramaturgie der Händel-Festspiele gehört auch, den Vorjahresbeitrag der Oper Halle nicht nur im Herbst sondern auch im folgenden Frühsommer aufzunehmen. Diesmal ist es die Inszenierung des eher selten aufgeführten königlichen Familiendramas Sosarme (1732) durch Philipp Harnoncourt, Sohn des kürzlich verstorbenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt. Dieser bringt schon von zu Hause den Sinn für historische Aufführungspraxis mit, den er hier mit einer frechen, behutsam aktualisierenden Inszenierung verbindet, die aber nie gewaltsam aufgesetzt wirkt. Bernhard Forck dirigiert das Händel-Festspielorchester Halle auf historischen Instrumenten nach leichten Unsicherheiten zu Anfang in der ersten von zwei Vorstellungen dann doch schnell frisch, lebendig und inspiriert. Bald verbreitet das Händel-Festspielorchester Halle eine geradezu prickelnde barocke Stimmung zwischen Orchestersolisten und Sängern.

Die Inszenierung von Harnoncourt bietet szenischen Spielwitz und Selbstironie, so daß das junge Sängersensemble sichtlich mit viel Spaß agiert. Geschickt werden auch die Wiederholungsteile der Dacapoarien mit immer neuen lebendigen Einfällen aufgepeppt, so dass nie Langeweile in dieser sprühenden Inszenierung aufkommt.
Auch in Sosarme steigert zudem Händel in der komplizierten königlichen Familiengeschichte im geschickten Wechsel der langsamen und schnellen Arien und der Stimmfarben der Protagonisten von Szene zu Szene die Dramatik. In dieser Oper geht es Händel schon deutlich weniger um die Demonstration der enormen stimmlichen barocken Verzierungsakrobatik wie in seinen frühen Heldenopern sondern um psychologischen Gefühlsausdruck, der auf Vorklassik und Klassik hindeutet.
Bei Händel spielt die Handlung im antiken Kleinasien. Für seine Zeitgenossen waren Parallelen der Handlung zum Konflikt zwischen dem englischen König und dem Prinzen von Wales deutlich erkennbar. Die Inszenierung in Halle verlegt das Ganze in eine leicht trostlose britische Vorstadtsiedlung, die nach Angriffen von Jugendbanden so bürgerkriegsmäßig herunter gekommen wirkt wie ein Londoner Vorort nach den gewalttätigen Jugend-Unruhen nach der Jahrtausendwende. Schließlich ist zu Beginn im Libretto auch von einer hungernden Bevölkerung in einer belagerten Stadt die Rede, die es zu befreien gilt.

Händel Festspiele Halle / Michael Taylor als Argone mit Komparsen © Falk Wenzel, Theater Oper und Orchester Halle

Händel Festspiele Halle / Michael Taylor als Argone mit Komparsen © Falk Wenzel, Theater Oper und Orchester Halle

Michael Taylor stellt mit seiner betörenden Countertenorstimme den aufsässig-revoltierenden Königssohn Argone in Lederjacke dar, der nach anfänglichem Zögern seine Jugendgang zum Krieg anstiftet. Ihm zur Seite stehen der Vater König Haliate, treffend tenoral durch Robert Sellier charakterisiert, und dessen engster Berater und Intrigant Altomaro, den David Ki Hyun Park mit betörendem tiefen und bedrohlichen Bass gestaltet. Die junge Altistin Julia Böhme verleiht dem unehelichen Sohn Haliates und Enkel Altomaros, Melo, ein edles tiefes und samtiges Timbre.
Auf der Gegenseite stehen die Braut Elmira und ihr leicht verträumt gezeichneter, edelmütiger und friedfertiger königlicher Geliebter Sosarme. Unterstützung findet das Paar bei der Gattin des Königs und Mutter des rebellischen Argone.
Henriette Gödde verkörpert für mich in dieser Aufführung diese Rolle der Erenice als leidende, mißhandelte Mutter und zugleich mutige Königin in besonders anrührender Weise. Stimmlich wie darstellerisch ist sie die eigentliche Hauptfigur der Oper. Ihr hat Händel besonders ausdruckstarke Arien gewidmet. Mein persönlicher Höhepunkt der Vorstellung war ihre stark berührende Darstellung in der tief traurigen Arie „Cuor di madre e cuor di moglie“ im dritten Akt mit konzertierender Solo-Violine. Darin schildert sie ihre innere Zerrissenheit vor einem Duell zwischen Sohn und Ehemann so wie es nur Händel schafft.

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner und Ines Lex © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester GmbH Halle

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner und Ines Lex © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester GmbH Halle

Ein weiterer Höhepunkt in der Aufführung ist das hinreißende Siciliano Andante-Duett im zweiten Akt zwischen Sosarme und seiner Braut Elmira. Der stilistisch wie in den Stimmfarben technisch perfekt seine Stimme nuancierende Countertenor Benno Schachtner und die gleichermaßen wunderbar lyrisch wie koloratursicher singende Ines Lex berühren dabei gesanglich ebenso stark wie sie das Publikum in glänzender Spiellaune immer wieder zu Szenenapplaus animieren. Sosarme wurde schließlich dem berühmten Kastraten Senesino in die Gurgel geschrieben und Elmira der großen Händel-Diva Anna Strada del Pò. Benno Schachtner und Ines Lex erweisen sich deren vollkommen würdig.
Der Regisseur lässt den im Kampfe fast tödlich verletzten Sosarme mit angehefteten Blutfetzen, den man je nach Bedarf abnehmen und wieder aufkleben kann, im Krankenbett mit Infusion im schmachtenden Liebesduett zur glucksenden Freude des Publikums auch mal mit seiner Braut unter die Bettdecke kriechen.

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner als Sosarme © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester Halle

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner als Sosarme © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester Halle

Insgesamt machte die Wiederaufnahme von Sosarme 2017 an der Oper Halle auch dem Publikum großes Vergnügen. Alle Sängerdarsteller wie das Händel-Festspielorchester Halle haben sich gegenüber 2016 noch einmalstark gesteigert.

Biblisches Kriegsdrama und zwei starke Frauen.

Neben Händels erstem Oratorium Esther und dem Messiah in der Dubliner und in der Londoner Fassung wurde in der voll besetzten Marktkirche von Halle Händels packendes Oratorium Deborah direkt an seinem Taufstein aufgeführt. Die zahlreichen Originalplätze der Händel-Zeit machen den großen Reiz der Festspiele in seiner Geburtsstadt aus. Händel komponierte das Werk 1733 ein Jahr nach Sosarme in großer Eile. So erlauben die Händel-Festspiele in Halle immer wieder interessante direkte Vergleiche zwischen seinen Werken. Auch nach seinen ersten Oratorien komponierte Händel nämlich auch noch weiter zwölf teilweise zu den wichtigsten seiner Opern zählende Werke wie Ariodante (1734), Alcina (1735) und Serse (1737).
Auch in Deborah standen Händel mit Anna Maria Strada del Po als Deborah und Senesino als Barak die Gesangstars seiner Operncompagnie zur Verfügung. Daher war die Neugier des Londoner Publikums auf dieses Werk so groß, daß der kaufmännisch versierte Händel zum Ärger der Subskribenden die Preise für die Uraufführung erhöhte. Die ersten Aufführungen fanden dann auch nicht in einer Kirche sondern im King’s Theatre am Haymarket statt. Das Oratorium wurde schon zu Händels Lebzeiten eines der beliebtesten in Großbritannien und noch Mendelssohn-Bartholdy schätzte das Werk sehr und führte es in einer eigenen Bearbeitung auf.

In Halle erleben wir einem zwanzigköpfigen Spitzenchor und ein Orchester aus Krakau, die Capella Cracoviensis, unter der dramatisch-bewegten musikalischen Leitung von Jan Tomasz Adamus mit durchgängig herausragenden Solisten. Für einen Händel-Liebhaber ist es faszinierend zu verfolgen, wie der Komponist eigene Chöre aus seinen Coronation Anthems oder Musik der Brockes-Passion nicht einfach nur recycelt sondern weiter entwickelt. Auch hier steht wie in vielen Oratorien Händels eine kriegerische Konfrontation aus dem Alten Testament – hier zwischen Israeliten und Kanaaiten – im Mittelpunkt. Im Zentrum der Handlung stehen aber zwei mutige Frauen: die Prophetin Deborah und die junge Jael.

Händel hatte mit seinem Librettisten Samuel Humphreys das englischsprachige Werk der englischen Königin Caroline gewidmet mit der Bemerkung, dass sie in dem Oratorium die alttestamentarische Heldin Deborah darstellten, wie sie für das Glück ihres israelitischen Volkes wirkte, sie würde jedoch von der Königin Großbritanniens übertroffen werden. Daher lobt das teilweise grausame Vorgänge schildernde Werk ganz besonders nachdrücklich und geradezu voremanzipatorisch den Heldenmut der Frauen. Der katalanische Countertenor Xavier Sabata singt wie gewohnt großartig den Barak und die Engländerin Rebecca Bottone die Deborah. Die Marokkanerin Hasnaa Bennani gestaltet mit glockenhellem Sopran die Jael. Diese junge Sängerin, die es in Zukunft zu beachten gilt, gewann 2011 den ersten Preis für Barockgesang im französischen Froville, eine der renommiertesten Auszeichnungen für Sänger im Bereich Alter Musik. Eine ebensolche äußerst positive Entdeckung war für mich der polnische Altist Micha Czerniawski als Bösewicht Sisera, der dem London Händel Festival besonders verbunden ist und gerade auf allen großen Alte-Musik-Festivals für Furore sorgt.

Der einzige Wermutstropfen für mich in diesem herrlichen Konzert war, dass zwischen der letzten Arie des Barak und dem großen auf Alleluja endenden Schlußchor das dramaturgisch äußerst wichtige Accompagnato-Rezitativ der Deborah gestrichen wurde. So etwas sollte bei einem Händel-Festival heutzutage vermieden werden, denn Händels Werke sind in allen Teilen musikalisch und dramaturgisch sehr bewusst so aufgebaut, dass nicht einfach Steine herausgebrochen werden können, ohne das Gleichgewicht zu zerstören.

Bukolisch-barocke Marionetten-Helden-Operette.

Im weiteren Verlauf der Händel-Festspiele gab es die Möglichkeit an drei Tagen Händels Dramma per musica Giustino von 1736 an einem besonderen Ort in einer einzigartigen Inszenierung und Atmosphäre zu erleben. Daher waren alle drei Vorstellungen schon lange im voraus ausverkauft.

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Im von Goethe persönlich konzipierten und fast unversehrt erhaltenen, gerade im Prozess der behutsamen gründlichen Restaurierung befindlichen Goethe-Theater im Kurpark von Bad Lauchstädt südlich von Halle wurde die selten gespielte Oper Giustino von einer Mailänder Marionetten-Truppe unter Eugenio Monti Colla aufgeführt. Da es sich bei dieser Oper eher um eine bukolische barocke Helden-Operette als ein Musikdrama mit psychologischem Tiefgang handelt, wo ein Hirte wie im Märchen nach vielen Abenteuern mit Bären und Seemonstern Vizekaiser von Byzanz wird und die Kaisertochter bekommt, bietet sich das Werk für eine solche Umsetzung mit Puppen besonders an. Händel hatte das Werk zeitgleich in einer Trias mit Arminio (den es 2015 und 2016 in Halle zu sehen gab) und Berenice (die 2018 in Halle zu sehen sein wird) verfasst.

Bereits 2011 hatte dasselbe italienische Puppentheater Carlo Colla e Figli  Händels frühe Ritter-Abenteuer-Oper Rinaldo mit großem Erfolg auf die Bühne des Goethe-Theaters gebracht und auf Tourneen gezeigt. Das entspricht der Tradition dieser Puppentheater, die bereits im 18. Jahrhundert die großen Opern aus Neapel, Mailand oder Venedig mit den berühmtesten Kastraten und Sängerinnen in vereinfachter und verkürzter Version als Wanderbühne in kleinen Städtchen aufführten. Auch diese Giustino-Produktion wird zunächst nach Winterthur weiter ziehen.

Aufgespielt hat das die bereits 1984 gegründete Berliner Lautten Compagney um Wolfgang Katschner am Pult. Auch seinem Orchester auf historischem Instrumentarium eignet eine besondere spielerische und farbig-swingende Herangehensweise, indem z. B. im Schlagwerk des Basso Continuo der Perkussion-Virtuose Peter A. Bauer auch Kastagnetten, alle möglichen Arten von Rasseln und Landknechtstrommeln verwendet. Die Sänger singen von der Empore zur rechten und linken Seite zum Spiel der farbenfrohen Marionetten in buntesten barock-byzantinischen Bühnenbildern, die sich als Schiebekulissen leicht wechseln lassen. Die Marionetten und ihre wechselnden Kostüme sind mit viel Liebe bis ins kleinste Detail hergestellt. Wer sich einen Rest kindlicher Begeisterungsfähigkeit erhalten hat, wird restlos entzückt sein so wie das Publikum in den eng besetzten Sitzbänken und auf der Galerie im Goethe-Theater. Es reagierte zum Schluss dann auch wie eine entfesselte Rasselbande mit Getrampel, rhytmischem Klatschen, Bravorufen und Standing-Ovations, wie wenn im Kasperletheater am Ende alles gut ausgegangen ist.

So reizvoll die Idee und Umsetzung durch Marionetten mit ihren bunten optischen Reizen auch sind, so zeigen sich doch auch die Grenzen einer solchen Inszenierung. Gerade in den Dacapo-Arien sind wir es seit den Regietheater-Zeiten der 1980iger Jahre, für die ein Peter Konwitschny an der Oper Halle, ein Harry Kupfer, der einen legendären Giustino an der Komischen Oper Berlin inszenierte (aus dem die Mailänder im Auftritt des Hirten Giustino inmitten seiner Tiere sogar ehrfürchtig zitieren), oder auch der langjährige Intendant der Oper Halle und Countertenor Axel Köhler stehen, gewohnt, dass die Wiederholungen des A-Teils der Dacapo-Arie zu einer psychologischen Vertiefung der Personen oder Szenen verwendet. Hier stoßen Marionetten in Mimik und Gestik trotz aller handwerklich feinen Arbeit an ihre Grenzen. Auch das Repertoire der Arm- und Beinbewegungen ist trotz aller Akrobatik der Spieler durch die Fäden in immerhin gut drei Stunden schnell erschöpft. Hinsichtlich der musikalischen Seite gab es zum Glück aber auch kaum Kürzungen.

Es ist also der szenisch-optische Reiz, mit dem z.B. ein Bär, dem nach dem Erlegen durch Giustino der rote Stoffbauch aufklappt, ein großes Seeungeheuer oder an vielen Fäden schwebende Vöglein und Putten die Zuschauer auf geradezu naive Weise verzaubern. Die Truppe aus Mailand zeigt dabei eine unerschöpfliche Fantasie. Und dazu kommt der Reiz der Abstimmung zwischen menschlichen Stimmen und Puppen. Die herausragenden Sänger verliehen den Personen der komplizierten Intrigen und Wunder am Hof von Byzanz Profil und Tiefe. Besonders gefielen mir der vor allem im mittleren und unteren Register tonschön singende Countertenor Owen Willetts in der Titelrolle, und Helena Rasker mit profunder Altstimme. Fanie Antonelou verzauberte mit ihrem klaren Sopran, den sie vor allem in dem ohne Begleitung als purem Gesang mit Echos vorgetragenen Arioso „Per me dunque il ciel“ im 2. Akt zeigen konnte. Sylvia Rena Ziegler (Mezzosopran) verlieh dem Kaiser ein schönes stimmliches Profil. Auch Andreas Post (Tenor), Drew Satini (Bariton) und Shadi Torbey (Bass) standen dem in nichts nach.

Der musikalische Hauptakteur in dieser an raffiniertesten Bläserstimmen und instrumentalen Mischungen besonders reichen Hirten- und Naturoper war für mich aber die Lautten compagney Berlin unter Wolfgang Katschner mit makelloser Blockflöte, zwei Oboen, Fagott, zwei Hörnern und Trompete. Weit über jede Routine hinaus belebten sie die ganze Aufführung der Händel-Oper in diesem reizvollen historischen Theaterraum, in dem Goethe bereits Schiller inszeniert und der junge Richard Wagner Mozart-Opern dirigiert hat.

Eine Pasticcio-Oper oder eine Händel-Pastete mit fremden Zutaten

Am vorletzten Tag der Händelfestspiele gab es eine wirkliche Novität und Überraschung. Als konzertante deutsche Erstaufführung wurde ein Pasticcio aufgeführt, eventuell von Georg Friedrich Händel nach einem Hinweis seines englischen Agenten in Italien Owen Swiney in Kooperation mit den Sängerstars Senesino, Francesca Cuzzoni und Giuseppe Maria Boschi zusammen gestellt: Elpidia von 1725. Solche Zusammenstellungen von Arien verschiedener Komponisten in einem neuen inhaltlichen Zusammenhang gab es im 18. Jahrhundert nicht nur in Italien oder Deutschland sondern auch unter der musikalischen Leitung von Händel am Cembalo in London sehr häufig. So wie Händel in seinem Oratorium Deborah eigene, oft nur einmal für andere Zwecke aufgeführte Musik wieder verwandte, wurden wie in einer Pastete Reste von noch unbekannten Arien aus verschiedenen Werken meistens italienischer Erfolgskomponisten zusammengestellt. Händel stellte solche Opern-Pasteten auch aus eigenen Werken zusammen wie z.B. im Fall des Oreste, der 2018 in Halle aufgeführt wird.

Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

In diesen Fall wurden 1725 in zwei Aufführungsserien am Londoner King’s Theatre Haymarket unter dem Titel L’Elpidia, ogero li rivali generosi Stücke vor allem der jüngsten Opernsaison in Venedig 1724/25 zusammengestellt aus Leonardo Vincis Opern Ifigenia in Tauride und Rosmira fedele sowie von Giuseppe Maria Orlandini, Antonio Lotti, Domenico Sarri, Geminiano Giacomelli und Giovanni Maria Capelli.
Das Werk firmierte lange unter dem Namen von Leonardo Vinci, dessen Werke in den vergangenen Jahren auch durch szenische Aufführungen wieder größere Beachtung finden. Händel schätzte diesen 1725 in London noch fast unbekannten neapolitanischen Kollegen so sehr, dass er auch ganze Opern von ihm unter seiner Direktion aufführen ließ. In den letzten Jahren hat sich das Interesse auch den Pasticci zugewandt, die besonders bei den Händel-Festspielen Halle jährlich aufgeführt werden.
Elpidia kam nun zur Aufführung in den Franckeschen Stiftungen in Halle, das als Waisenhaus die Entsprechung zu dem von Händel besonders unterstützten Foundling Hospital in London ist und an denen der junge Händel wohl selber als Student unterrichtet hatte.

Das Opern-Konzert unter der grandiosen musikalischen Leitung des italienischen Oboisten Leo Duarte mit dem Orchester der Opera Settecento war ein Ereignis der Sonderklasse! Für mich war es der Höhepunkt der diesjährigen Händel-Festspiele.
Erst seit 2015 widmet sich das Ensemble in London unter Duartes Leitung mit wechselnden jungen Sängern der Spitzenklasse Ausgrabungen vor allem von Opern im neapolitanischen Stil z.B. von Pergolesi oder Hasse. Die weibliche Hauptpartie der Elpidia wurde von Erica Eloff mit großem stimmlichen Einsatz und Dramatik gestaltet, der Countertenor Tom Verney, der erst kurzfristig eingesprungen war, sang die Hauptpartie des Olindo in Perfektion. Ihnen zur Seite gestellt war der hinreißend singende und schauspielernde Tenor Rupert Charlesworth (Vitige). Der Countertenor Michael Taylor sang den Ormonte mit Schmelz und notwendiger Leidenschaft. Ciara Hendrick erströmte ihren jugendlichen süßen Sopran (Rosmilda) und Christopher Jacklin durfte als Belisario seine kunstvollen Bass-Koloraturen beisteuern. Alle bekommen sich gewaltig in die Haare. Und natürlich geht es darum, wer Elpidia am Ende gewinnt.

Es war wirklich toll und Händel oder das Teamwork haben 1725 eine gute Auswahl der Arien der Kollegen getroffen. Aber zum wirklichen Ereignis wird das Ganze erst, wenn man so erstklassige Sänger hat, wie in dieser Produktion aus London, die das Ganze unter einer so durchglühenden und tänzerisch beschwingten Leitung so hinreißend gut interpretieren! Es war sensationell gut gesungen und musiziert! Da freut man sich schon, wenn das Ensemble 2018 mit der Händel-Pastete, pardon Pasticcio, Ormisda zu den Händel-Festspielen 2018 in Halle zurück kehrt.

HändelFestspiele 2018  Halle –  25.05. bis 10.06.2018

Auch 2018 gibt es wieder einen bunten Strauß an Opern von Händel, wie Berenice, Parnasso in festa, Ormisda, Oreste, Muzio Scevola, Rinaldo und Arianna in Creta, außerdem die Oratorien Jephta (szenisch), Samson, Messiah, Chandos Te Deum sowie Festkonzerte mit Joyce DiDonato, Sophie Karthäuser, Magdalena Kožená, Nathalie Stutzmann, Julia Lezhneva und Max Emanuel Cencic. Das vollständige Programm findet sich demnächst auf www.haendelhaus.de .Der Vorverkauf beginnt am 24.11.2017.

—| IOCO Aktuell Theater und Orchester Halle |—

 

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