München, Bayerische Staatsoper, THE SNOW QUEEN – Hans Abrahamsen, IOCO Kritik, 02.01.2020

Dezember 31, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

THE SNOW QUEEN  –   Hans Abrahamsen

– Blühende Eisblumen –

von Hans-Günter Melchior

Wie war es?  fragte sie, und ich sagte: na ja, und sie: was heißt das: na ja?

Es hat mir gefallen, sagte ich, sehr sogar, eine Faszination ging von der Aufführung, vor allem der Musik, aus und nahm mich gefangen. Und sie wiederum: aber? Aber, sagte ich, ich habe, ohne jetzt überheblich sein zu wollen, gewissermaßen unter dem Niveau, das ich mir selbst abverlange, Gefallen an der Oper gefunden.

Wie das?     Ich habe die Musik nicht durchschaut. Sie ist nur scheinbar einfach, tarnt sich mit Einfachheit, hinter der ein hochdifferenziertes, für den Hörer schwer durchschaubares System steckt.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Es ging mir durchaus anders als einst Fritz Kortner, der in den Münchner Kammerspielen ein Shakespeare-Stück inszenierte und an dem Spiel des Narren etwas auszusetzen hatte. Sie haben aber gelacht, wandte der Schauspieler ein, und  Kortner:   Ja, gewiss, aber unter meinem Niveau.

Snow Queen – Hans Abrahamsen
youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Hier aber war ich es, der dem Niveau des Komponisten nicht gewachsen war. Im Programmheft wird er wie folgt zitiert: „Ich brauche so viel Flexibilität wie nur möglich. Deshalb baue ich Systeme in Systeme und weitere Systeme und versuche diese dann zu verbinden und zu synchronisieren.“

Aber lieber Herr Abrahamsen, komplexer geht es kaum –, da soll einer als Hörer dahinterkommen. Das geht ja tief hinein ins Problem der „freien (bzw. unfreien) Note“, wie Anselm Cybinski in seinem Aufsatz vermerkt. Womit wir mitten im Doktor Faustus von Thomas Mann und dem berühmten XXII. Kapitel wären, in dem Adrian Leverkühn seine Unabhängigkeit vom Strukturelement der Tonarten verteidigt.

Vielleicht lag es an diesem hohen intellektuellen Anspruch, dass einige Buhs zu hören waren und nach der Pause die Reihen sich ein wenig gelichtet hatten.

Wie auch immer: ich habe nicht die Partitur studiert (was mir, das nur nebenbei, kaum geholfen hätte), sondern  mich zurückgelehnt und die höchst differenzierte, sich wie Schnee und Eis zersplitternde, fast ausschließlich diatonische Musik genossen. Ja –, genossen, denn diese Musik hat vor allem sinnliches Potential, es wird einem kalt und mitten im Winter sogar warm ums Herz, wenn man sich nur darauf einlässt.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Peter Rose als Snow Queen, Rachael Wilson als Kay © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Peter Rose als Snow Queen, Rachael Wilson als Kay © Wilfried Hoesl

Das lag nicht zuletzt am Dirigat Cornelius Meister und seinem hochkonzentrierten Orchester, das die schwierige Partitur souverän beherrschte (passagenweise bedurfte es im 1. Akt  sogar eines zweiten Dirigenten für eine bestimmte Instrumentengruppe). Nicht zu vergessen der herrliche Chor, für den Stellario Fagone verantwortlich war.

Und natürlich lag es auch an der grandiosen Gerda Barbara Hannigans und dem stimmgewaltigen Kay von Rachael Wilson (die von Thomas Gräßle gedoubelt wurde; Kay als Kind einerseits, als Erwachsener andererseits). Die Schneekönigin ist seltsamerweise ein Bass, er wurde von Peter Rose gesungen.

Doch von vorne: dem Libretto liegt das in sieben Geschichten gegliederte Märchen Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen zugrunde. Ein böser Troll (der „Deibel“) hatte einen Spiegel hergestellt, in dem alles hässlich und böse und verzerrt erschien. Die Schüler seiner „Trollschule“ stiegen begeistert mit diesem Spiegel immer höher im Himmel, bis in die Nähe Gottes. Dort entglitt ihnen der Spiegel und fiel zur Erde, wo er in Millionen größerer und kleinster Teile zersplitterte.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Thomas Graessle als Kay Double © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Thomas Gräßle als Kay Double, Barbara Hannigan als Gerda, Thomas Graessle als Kay Double © Wilfried Hoesl

In der Stadt wohnen die Kinder Gerda und Kay nebeneinander. Sie sind eng befreundet. Kay sticht plötzlich etwas ins Auge und ins Herz: Teile des Spiegels. Er erstarrt gleichsam psychisch, sieht in allem nur etwas Hässliches und erkaltet seelisch bis zur Unansprechbarkeit. Die Schneekönigin nimmt ihn auf ihrem prächtigen Schlitten mit, entführt ihn also, verschwindet mit dem Jungen, verbringt ihn in ihren Eispalast in Lappland; Kay ist zunächst unauffindbar.

Gerda sucht den Freund. Es beginnt eine wahre Odyssee. Das Mädchen kommt zunächst zu einer alten Frau, dann, von einer Schlosskrähe geführt, in den Palast der Prinzessin und des Prinzen. Von dort begibt sie sich auf die weitere Suche, da Kay nicht, wie sie vermutete, der Prinz ist. Sie wird von Räubern überfallen, überlebt aber und wird von einem treuen Rentier bis nach Lappland gebracht. Über die Zwischenstation bei einer Finnenfrau gelangt sie schließlich in den Eispalast der Schneekönigin (makellos der Bass von Peter Rose).

Dort endlich findet sie Kay, der die Außenwelt nicht wahrnimmt und tief in sein Inneres vergraben ist. Gerda kommt nicht an ihn heran. Die Eiskönigin stellt Kay die Freiheit in Aussicht, wenn er „das vollkommene Wort“ findet. Die Kinder fangen in ihrer Verzweiflung zu weinen an. Die Tränen schmelzen das Eis im Auge und im Herzen Kays. Dieser findet das vollkommene Wort: Ewigkeit. Er ist frei.

Kay und Gerda kehren, inzwischen erwachsen geworden, in die Heimat zurück. Die Großmutter sitzt immer noch da und liest im Bilderbuch. Im Sommer blühen die Rosen. Alles ist wieder gut.

The Snow Queen – Hans Abrahamsen
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Andreas Kriegenburg und der die Bühne gestaltende Harald B. Thor finden Bilder von geradezu berückender Kraft. Hell, überhell leuchtet die Bühne, über die Ballettfrauen wie elfengleiche Vögel mit flügelähnlichen Kopfbedeckungen und Schleiern schweben. In verzerrtem und vielgefiedertem Schwarz die Raben (Forest Crow: Kevin Conners; Castle Crow: Owen Willets); bizarr Princess (Caroline Wettergreen) und Prince (Dean Power).

Freilich begegnet Kriegenburgs Konzept bei aller Bildergewalt Einwänden. Er transponiert Kays Erstarrung ins Psychopathologische. Ihm kommt eine posttraumatische Belastungsstörung mit der Symptomatik eines Rückzugs in sich selbst und interpersoneller Absperrung in den Sinn. Vielleicht auch eine katatone Schizophrenie (im Unterschied zur paranoiden und zur hebephrenen) mit ähnlichen Symptomen. Ärzte in weißen Kitteln umkreisen ein Bett, auf dem sich Kay krümmt.

Das leuchtet nicht ein, gräbt nicht tief genug (so wenig es freilich auch dem Gesamteindruck der Aufführung letztlich schadet).  Andere Deutungen sind schlüssiger: der Einzug der Vernunft zum Beispiel in die Kinderpsychologie, das Erwachsenwerden, das vom Misstrauen und Rückzug in sich selbst begleitet wird.

Andersen bietet selbst eine Erklärung an. Das Schloss der Eiskönigin ist eine einzige Architektur eiskalten Verstandes. Die Eiskönigin sagt von sich selbst, „sie sitze im Spiegel des Verstandes und dies sei das einzige und beste auf der ganzen Welt.“ Und der im Palast gefangen gehaltene Kay legt Figuren zu einem „Verstandes-Eisspiel“ zusammen.

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen - hier : Peter Rose als Snow Queen und Kinderstatisterie © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / The Snow Queen – hier : Peter Rose als Snow Queen und Kinderstatisterie © Wilfried Hoesl

So deutet sich in Andersens Werk, einem Erwachsenenmärchen, eine erstaunlich frühe Vernunftkritik an, die die heutige Philosophie in der Nachfolge von Adorno, Heidegger u.v.A. beherrscht (s. insbesondere auch Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns). Die Vernunft als das den Menschen verdinglichende und seiner Personalität beraubende Gewalt. Der Mensch als gleichsam tote Ware.

Hier wäre der richtige Ansatz zu einer Interpretation gewesen. Der Verweis auf einen psychopathologischen Krankheitszustand greift zu kurz, er ist allzu vordergründig banal. Krankheiten gibt es schon immer. Die Krankheit der vernunftdominierten Zeit, die wohl Andersen meinte, ist nicht mit medizinisch-psychiatrischen Therapien und Medikamenten zu bekämpfen. Freilich auch nicht wie im Märchen mit Substanzen, die das Eis der Vernunft zum Schmelzen bringen. Sondern mit tiefgreifenden Einsichten.

Gleichwohl: die bis zum Schluss bleibenden Zuschauer, die sich in der überwältigenden Mehrheit befanden, nahmen die Aufführung mit langanhaltendem Beifall auf. Eine Sitznachbarin zu ihrem Partner: „Die Buhs sind eine Unverschämtheit.“

The Snow Queen an der Bayerischen Staatsoper; die weiteren Termine 4.1.; 6.1.; 31.7.2020

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—


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Essen, Aalto Theater, Hans Heiling – Heinrich Marschner, IOCO Kritik, 23.05.2018

Mai 23, 2018 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

HANS HEILING – Romantische Oper von Heinrich Marschner

           – Endspiel der Ruhrgebietsbarone –

Von Albrecht Schneider

Haareschneiden und Tortebacken: sprich Friseur und Konditor gelten zu Recht als rechtschaffene Berufe. Freilich fehlt ihnen jener Nimbus, der dem genauso rechtschaffenen des Bergmannes anhaftet. Dessen Arbeitsplatz entzieht sich den Blicken der Normalbürgerlichen, da er tief unter der Erdoberfläche liegt. „Untertage“ ist der sinnige Begriff für den geheimnisvollen wie bedrohlichen Ort, vor dem der Kumpel die Kohle aus dem Gestein schlägt. Und woher sein Rang als besonderer Malocher rührt.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : v.o. Rebecca Teem, Königin der Erdgeister und Jessica Muirhed als Anna © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : v.o. Rebecca Teem, Königin der Erdgeister und Jessica Muirhed als Anna © Thilo Beu

Dieses Schauplatzes hat sich die Romantik um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bemächtigt. Allerdings weniger um den Abbau von Erdschätzen zu poetisieren, vielmehr eignete sich dessen Finsternis und Abgründigkeit trefflich als Sinnbild für Außerweltlichkeit und zudem die dunklen Tiefen der menschlichen Seele. Des Dichters Novalis >Heinrich von Ofterdingen< stößt in einem Bergwerksstollen auf eine Schrift seiner gegenwärtigen wie künftigen Lebensgeschichte, ohne sie entziffern zu können, und für E.T.A. Hoffmanns Jüngling >Elis Fröbom< bietet das Bergwerk von Falun zugleich höchste Beglückung und tiefsten Jammer; es reflektiert den wirren, schier somnambulen Gemütszustand einer hochromantischen, sehr „hoffmannesken“ Figur.

 – Der Berg ruft nicht mehr –

Mit dem Einzug des Christentums im Germanenland hatten die alten Götter ihr Aufenthaltsrecht bei den Menschen verspielt, weshalb aus diesem Ensemble die Liebesgöttin Venus in den Hörselberg emigrierte. Bei ihr wohnte später bekanntlich eine Zeitlang der Sänger Tannhäuser, den sein lüsternes Fleisch aufgrund kurzfristiger Suspendierung frommerer Denkarten dorthin getrieben hatte. Von Richard Wagner wurde dessen Glück und Elend in Musik gesetzt. Der Sage nach wartet auch Kaiser Barbarossa tief im Berg Kyffhäuser bald ein Jahrtausend auf den Ruf zur Rettung des deutschen Vaterlandes, weswegen ihm mittlerweile ein sehr, sehr langer Bart gewachsen ist. Eigentlich nimmt es Wunder, wie eine nach vorgestern sich sehnende und hinstrebende Politik mit ebenfalls langem Bart ihn nicht längst zu nämlichem Zwecke herbeibefohlen hat.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Heiko Trinsinger als Hans Heiling © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Heiko Trinsinger als Hans Heiling © Thilo Beu

Nicht Wunder nimmt es, wenn seinerzeit ein demgemäßer Stoff den Musiker Heinrich Marschner (1795–1861) zu der Oper Hans Heiling anregte. Der Komponist amtiert in der Musikhistorie als der Platzhalter zwischen den Großköpfen C.M. v. Weber und Richard Wagner. Wie ein „abgebrochener Riese“ wirke er, hat einmal leicht spitz der Philosoph Ernst Bloch geschrieben. Die Bezeichnung „Kleinmeister“ wird ihm wohl eher gerecht. Er schrieb an die zehn Opern, gekonnte Kapellmeistermusik, bisweilen durchaus von eigener musikszenischer Qualität, aber letztlich stand und steht er immer im Schatten seines Vorbildes und Vorgängers in Dresden C.M. von Weber.

Der Namensträger seines bekanntesten Opus’, Hans Heiling, ist Mitregent im Reich seiner dominanten Mutter, der Königin aller Erdgeister, die tief unten im Gebirge herrscht, und wo in ihrem Dienst jene emsigen Spukgestalten Edelsteine und Erze aus dem Berg hacken. Ihren Boss Hans indessen zieht es neuerdings an die Erdoberfläche, weil es ihm dort nach der schönen Anna gelüstet. Das Fräulein ist ihm versprochen, und mit ihr als Ehefrau möchte er fortan das der Wissenschaft gewidmete stille Leben eines Privatgelehrten führen. Seine Mutter hingegen mitsamt der unterirdischen Belegschaft will den Kronprinzen keinesfalls missen, weshalb sie ihn alle vehement zum Verzicht auf derlei kontraproduktive Absichten drängen. Vergeblich. Er bleibt stur und verlässt das dunkle Reich zugunsten einer lichten Gelehrtenstube. Seine Verbindung mit der Gattin in spe entwickelt sich ganz und gar nicht nach seinem Geschmack: diese ist der Heiterkeit des Dasein und darüber hinaus auch noch dem jungen Konrad, einem wesentlich fideleren Jägerburschen, mehr zugetan, als es ihrer ohnehin nicht sonderlich innigen Beziehung zu dem etwas philiströsen Erdgeistköniginnensohn dienlich wäre. In die mischt sich überdies seine Mutter ein, indem sie gemeinsam mit ihrer Geisterscharen der darob verschreckten Anna üble Tage prophezeit, sofern diese nicht den Herrn Sohn umgehend >aus dem Netz der Liebeszauberei< lösen sollte.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Jessica Muirhead als Anna und der Opernchor © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Jessica Muirhead als Anna und der Opernchor © Thilo Beu

Der in sie vernarrte Geisterfürst Heiling will mitnichten von der Braut lassen, muss aber nach verbalen wie handgreiflichen Balgereien mit den Einheimischen erkennen, dass ihm Konkurrent Konrad bei der Jungfrau längst den Rang abgelaufen hat. Schwer gekränkt wegen der desertierten Verlobten zitiert er seine alten Gebirgsdämonen zu sich und stimmt sie auf Heimzahlung der Schmach ein. Bloß bevor er auf seinem Rachefeldzug sein Mütchen an den gerade getrauten Anna und Konrad zu kühlen vermag, erscheint die Geisterfürstin und gebietet Mäßigung. Der brave Filius Hans Heiling gehorcht, entsagt der Ehe wie der Rache und verschwindet für immer im Berg, das junge Paar in einer friedfertigeren Zukunft. Die leidvolle Affäre hat ihr Happy End.

Des Industriezeitalters Energie lieferte von Anfang an die Kohle. In diesem Jahr 2018 geht deren Abbau im Ruhrgebiet mit der Schließung der letzten zwei Zechen definitiv zu Ende. Von ihr verabschiedet sich das Revier allenthalben mit ihr gewidmeten Ausstellungen. So auch in Essen.

Für das einheimische Aalto-Musiktheater mag dieses Finale mit ein Grund dafür gewesen sein, die Partitur Hans Heiling hinten aus dem Archiv  zu holen und die alte böhmische Sage zeitnah als Blick auf das Tun und Lassen einer Industriellenfamilie zu inszenieren. Aus dem banal biedermeierliche Libretto des Sängerschauspielers Eduard Devrient (1801-1877) formt der Regisseur (Andreas Baesler) durch Wort (Hans-Günter Papirnik), Bild (Harald B. Thor), Kostüm (Gabriele Heimann) und Licht (Stefan Bolliger) einen teils wehmütigen, teil heiteren, jedenfalls stets stimmigen Abgesang auf Arbeit, Herrschaft, Architektur, Kultur und eben solche „Typen“, die gemeinsam des Reviers, des (Ruhr-) Potts Charakter bestimmten. Und, wenngleich reduziert, noch bestimmen.

Da wir nun einmal in dessen Hauptstadt, in Essen, sind, findet das Vorspiel der Oper in einem der Villa Hügel, dem hiesigen Stammsitz der Kruppdynastie, nachempfundenen Interieur statt. Der Konzernherr Hans Heiling (Heiko Trinsinger) will das Unternehmen verlassen, um das Mädchen Anna von einfacher Herkunft zu ehelichen. Das geht seiner Mutter, der Patriarchin der Firma (Rebecca Teem, in Maske und Gestus eine Kopie der seligen, einst einflussreichen und mitbestimmenden Berta Krupp), gehörig wider den Strich. Und die übrige Führungsetage mault im Chor mit den Kumpels seinetwegen nicht minder heftig. Allein der Verliebte ist von dem Vorhaben nicht abzubringen und macht sich auf den Weg in das neue Leben.

Die Reise dorthin vollzieht sich musikalisch in der Ouvertüre. (Diese erst dem Prolog folgen zu lassen, war eine dramaturgische Erfindung Heinrich Marschners). Nach deren Ende empfängt der Hans in einem schicken Salon der Fünfzigerjahre Braut Anna (Jessica Muirhead) und die zukünftige Schwiegermutter Gertrude (Bettina Ranch). Letztere offenbart sich als eine gleichermaßen mächtige Übermutter, die aus wohlverstandenen ökonomischen und sozialen Gründen das Verlöbnis um nichts in der Welt scheitern sehen möchte.

Nur will das Verhältnis zwischen dem Großindustriellen und dem Kleinbürgerfräulein ebenso wenig recht gedeihen wie das ursprüngliche zwischen dem Menschenmädchen und dem Erdgeisterkönig. Auch jetzt kommt ihm der Jüngling Konrad (Jeffrey Dowd) ins Gehege, das er eigentlich ausschließlich mit seiner Herzensdame bewohnen möchte. Auch jetzt sind letztlich die zwei Sphären, einst das gefährlich Dämonische und das harmlos Irdische, nunmehr die der gesellschaftlichen Macht und die der Ohnmacht, nicht miteinander vereinbar.

Aalto Theater Essen / Hans Heiling - hier : Bergwerksorchester Consolidation Geslsenkirchen © Thilo Beu

Aalto Theater Essen / Hans Heiling – hier : Bergwerksorchester Consolidation Geslsenkirchen © Thilo Beu

Ausgetragen wird der Dissens weit weg von den Originalschauplätzen wie Erdinnerem, Schenkengarten, wilder Gebirgsgegend und Bergkapelle. Stattdessen nachgerade in der Kapitalistenvilla und auf der Zeche, im Stadtpark, und in der Wohnküche mit Schwarzweißtelevision und Kohlenherd. Zuletzt dann auf einem Grubengelände mit Förderturm als Hintergrundprospekt.

Das sind alles jeweils wunderbar stimmige Bilder. Milieugerecht, wenn eine Bergmannskapelle (siehe Foto, Bergwerksorchester Consolidation) in der Waschkaue der Zeche das Steigerlied intoniert oder sich in Gertruds Küche Heiling und Konrad fetzen, gar gespenstisch, wenn im vernebelten Stadtpark Clanchefin Berta „dat Anneke“ mit Drohungen zwingen möchte, ihren Hans laufen zu lassen. Dem ist mittlerweile klar geworden, dass ihm die Braut abhanden gekommen ist, doch die Schmach will er nicht auf sich sitzen lassen. Im großen Finale, nach der Trauung Annas und Konrads, macht er Anstalten, sie zu erschießen, einzig die beizeiten anrückende Mutter Berta weiß das zu verhindern. Seelisch und körperlich zerrüttet, sinkt er entkräftet und entnervt zu Boden, vermag indessen noch die zuvor ausgelegten Sprengsätze zu zünden. Im Hintergrund stürzt der Förderturm, fällt das Grubengebäude in sich zusammen. Aus ist es mit dem Bergbau. Und mit dem Hans Heiling. Mitnichten ein Happy End.

Dirigent Frank Beermann lockt mit den allzeit wachen und vortrefflich aufspielenden Essener Philharmonikern aus der von Einfällen nicht gerade überlaufenden und nicht unbedingt farbenreichen Partitur alles das heraus, was darinnen steckt. Und, wie man zu hören meint, auch manches mehr. Das Primat der SängerInnen lässt er unangetastet, von ihnen allen wird exzellent gesungen und mit Verve gespielt. Ein perfektes Solisten-ensemble, in das sich der Chor gleichrangig einfügt.

Mit Ausstieg und Fall des Hans Heilung gedenkt das Aalto Theater zu Essen des Endes der Zechen und des Exitus ihrer Dynastien.   Der Gruß GLÜCKAUF wird bleiben.

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—


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