Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Meistersinger von Nürnberg – Musikalische Betrachtung, 08.06.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Die  Meistersinger von Nürnberg

Musikalische Betrachtung mit Detlev Eisinger und Betsy Horne

 

von Ingrid Freiberg

Der Richard-Wagner-Verband International, Ortsverband Wiesbaden e. V., lädt unter Federführung von Prof. Dr. Gustav G. Belz zu einer musikalischen Betrachtung zu Die Meistersinger von Nürnberg, der einzigen komischen Oper Richard Wagners, im Rahmen der Internationalen Maifestspiele in das wunderschöne Foyer des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ein. Man fühlt sich als willkommener Gast einer Familie und wird – wie viele andere auch – persönlich begrüßt. Die Veranstaltung wird durch zahlreiche Sponsoren, u.a. Reinhard Winkler, der Musica Viva-Maria-Strecker-Daelen-Stiftung und weiteren Spendern ermöglicht. Protagonisten dieses besonderen Abends sind Prof. Detlev Eisinger und Betsy Horne. Sie wurden seit Längerem angekündigt und ungeduldig erwartet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Prof Detlev Eisinger © Detlev Eisinger

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Prof Detlev Eisinger © Detlev Eisinger

Prof. Detlev Eisinger – unmittelbar und kenntnisreich

Das Publikum möchte mehr über Die Meistersinger von Nürnberg wissen, die am darauffolgenden Abend in einer Gala-Vorstellung mit einer sogenannten „Bayreuther Besetzung“ (Hans Sachs Michael Volle, Eva Betsy Horne, Walther von Stolzing Thomas Blondelle, Sixtus Beckmesser Johannes Martin Kränzle, David Daniel Behle, Veit Pogner Günther Groissböck) aufgeführt werden, und die professionelle künstlerische Arbeit näher kennenlernen, Genaueres über das Werk, über seine historische Wirkung und geistesgeschichtliche Zusammenhänge erfahren, denn dieser Wissenshintergrund erhöht bekanntlich den Hörgenuss! Das ist auch der primäre Anreiz, das Gesprächskonzert von Prof. Eisinger zu besuchen. Er hat das Talent, unmittelbar und kenntnisreich große Werke der Musikgeschichte zu vermitteln. Dem Publikum werden geschichtliche, mythologische, philosophische, musikalische sowie politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich gemacht. Im Laufe des Abends gelingt es ihm, die genaue Konstruktion des Werkes, den Hintergrund des Komponisten, die Komposition und deren Einbettung in stilistische Epochen zu erfassen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Foyer © Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Foyer © Sven-Helge Czichy

Eisinger gibt Anregungen, der Musik kundig zuzuhören, zu verstehen, was sie ausdrückt und den Text richtig aufzunehmen. Nur, wer wirklich versteht, was Wagner geschrieben hat, braucht nichts hineinzudeuten. Er versteht es, komplizierte Zusammenhänge so zu erklären, dass man dafür nicht Musikwissenschaft studiert haben muss. Tonartencharakteristiken, doppelte Punktierungen und prägnante Leitmotive werden besonders hörbar, wenn Eisinger ein Leitmotiv Wagners mit einer Melodie eines anderen bedeutenden Komponisten vergleicht: mit Bach, Beethoven, Brahms und anderen Werken Wagners. Seine Musikbeispiele – die er bisweilen auch singt – lassen tief und genussreich in das Werk eintauchen. Er „erfühlt“ die Musik auf der Basis einer umfangreichen und soliden Kenntnis von Musik und deren Interpretationen. Dabei berücksichtigt er, dass sich der Zuhörer nicht in einem musikwissenschaftlichen oder historischen Vortrag befinden möchte, so interessant diese Gebiete auch sind. Emotional öffnet er die Türen zum Verständnis der Musik in lockerem Gesprächston. Er öffnet sein Herz, sein Gefühlsleben und bringt seine eigenen Ideen und Gedanken zum Werk ein. Dabei ist es sein Anliegen, dem sporadischen Konzertbesucher, dem musikalisch Begeisterten wie auch dem Grenzgänger einen direkten Zugang zur Komposition zu ermöglichen, ohne ihn zu überfordern. Für den musikalischen Kenner tritt als weitere reizvolle Komponente hinzu, zu hören, welche Assoziationen und Gedanken Eisinger zu dem jeweiligen Werk hat. So ist sein Gesprächskonzert in Form einer Klavier-Matinee ein publikumswirksamer Erfolg.

„In Anerkennung seines großen, unermüdlichen und jahrzehntelangen Einsatzes für das Schaffen Richard Wagners“ wurde ihm der „Pro Musica Viva-Preis“ der Maria Strecker-Daelen-Stiftung verliehen. Mittlerweile gibt es von seinen Einführungen zu allen großen Bühnenwerken Wagners auch CDs (www.musicom.de).

Leichtfüßig zum Vorspiel

In Wiesbaden bestens bekannt, gibt es schon „Bravorufe“ als Prof. Detlev Eisinger leichtfüßig die Treppe des Foyers zum Flügel herunterspringt, um mit dem Vorspiel Meistersinger zu brillieren. Mit Fug und Recht ist das Vorspiel mit dem Attribut der Ambivalenz zu charakterisieren. Trefflich arbeitet Eisinger die vielen musikalischen Aromen dieser Musik heraus. Das zeigt sich zu Beginn im groben Marschthema, welches zugleich Kontrapunkt im besten Sinne ist: Ton gegen Ton. Gelehrtheit und Banalität treffen aufeinander. Die nachfolgenden Achtelsequenzen sind bestens dazu angetan, den feierlichen Klang auszubilden und die Simplizität eines Spielwerks anzudeuten. In dieses Reich des absurd Feierlichen gehören auch die übertrieben breiten Schlusskadenzen. Wagner bringt es fertig, die gegensätzlichen Charaktere zu mischen und sich ihrer meisterlich anzunehmen. Diese Mixtur produziert nationale Aktualität und nationale Identität. Das Klavier-Solo von Eisinger besticht mit virtuosen Läufen, schnelle Arpeggios untermalen wundervolle Melodielinien.

Die Meistersinger von Nürnberg  –  Richard Wagner
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Wagners werkwitzige Komödie

Die Meistersinger sind Wagners werkwitzige Komödie, die sich bei näherer Betrachtung als eines seiner sprachlich tiefsinnigsten und dramaturgisch ausgereiftesten Werke entpuppt. Es befasst sich mit dem unversöhnlichen Gegensatz zwischen Genie und handwerksmäßiger Routine. Die Ironie ist in der Musik leicht zu erkennen. Der Meistergesang wird von Wagner degradiert, besonders in seinen späteren Auswüchsen. Es geht ihm darum, diese lieblose Art zu bekämpfen. Wagner teilt hiermit einen Seitenhieb auf die Kritiker aus, speziell auf die, die Kritik um der Kritik willen ausüben. Auch liegt im Werk seine Sehnsucht nach einem friedlichen Ort, der später für ihn Bayreuth werden sollte.

Leitmotivik, Diatonik, Kontrapunktik nach barockem Muster, Chromatik, schweratmende Synkopen und Kunsttradition werden von Eisinger beleuchtet. Besonders berührt seine Interpretation des Preisliedes, ein hinreißend schwungvolles Lied von Frühling und Liebe „Fanget an, so rief der Lenz in den Wald, das laut es ihn durchhallt und wie in fernen Wellen der Hall von dannen flieht, von weit her naht ein Schwellen, das mächtig näher zieht… Die selige Morgentraum-Deutweise, sei sie genannt zu des Meisters Preise“.

Eisinger äußert, dass es Wagner mit der Hochhaltung der deutschen Kunst nur um das Kulturelle, nicht aber um das Nationale geht. Aus diesem Blickwinkel heraus sind auch die letzten Verse von Hans Sachs zu interpretieren: „Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister und gebt ihr ihrem Wirken Gunst, zerging im Dunst das heil‘ge Römische Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst“, das heißt, selbst, wenn das Heilige Deutsche Reich – der Staat – zerstört werden würde, so bliebe immer noch die Kunst…

Betsy Horne steigert die Vorfreude

 Betsy Horne © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Betsy Horne © Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Obwohl die europaweit verpflichtete Betsy Horne die Eva in den Meistersingern schon am kommenden Abend singen wird, und einen Tag zuvor als Elisabeth in Tannhäuser überzeugte, glänzt sie mit ihrem klaren jugendlichen Sopran, gut durchgeformt in allen Lagen, ausgestattet mit der Fähigkeit zur dynamischen und farblichen Differenzierung mit der Arie aus den Meistersingern:O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann! Wie ich dir Edlem lohnen kann! Was ohne deine Liebe, was wär ich ohne dich…“

Mit ihrem empathischen Vortrag von Treibhaus, dem 4. Gedicht des Gedichtszyklus von Mathilde Wesendonck, den sie Richard Wagner während seiner Asyl-Zeit in Zürich überreichte, wird die Vorfreude auf den kommenden Abend noch gesteigert. Ihr samtweicher Sopran ist geradezu prädestiniert für dieses Lied und die Rolle der Eva. Betsy Horne ist auf dem Weg zu einer ganz großen Karriere…

Die dankbaren Zuhörer applaudieren herzlich für ein unterhaltsames Gesamtpaket aus Musik und Wissen.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

München, Bayerische Staatsoper, Karl V. – Oper von Ernst Krenek, IOCO Kritik, 01.03.2019

März 1, 2019 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Karl V. – Oper von Ernst Krenek

– Der Wurm im Apfel –

von Hans-Günter Melchior

Kaiser Karl V. ist reuig. Er dankt ab, zieht sich ins Kloster San Geronimo de Yuste zurück und hält Gericht mit sich selbst. War sein hochambitioniertes Regieren, das Streben nach einem unter der Krone vereinigten Europa, eine einzige Sünde. Weil zu teuer erkauft? Hat er Luther auf dem Reichstag zu Worms zu Unrecht ziehen lassen und damit der Verbreitung des Protestantismus´ Vorschub geleistet? War das Gold aus Mittel– und Südamerika mit Blut und Tränen, mit Mord und Totschlag, also mit Unrecht verschafft und sündhaft erworben worden?

Karl V. – Oper von Ernst Krenek
youtube Trailer Bayerischen Staatsoper München mit ungewöhnlicher Einführung
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Karls geistesverwirrte Mutter schenkt dem qualvoll Reflektierenden, dem von Gewissensbissen gepeinigten Monarchen, einen Apfel. Karl stellt fest, dass darin ein Wurm ist. Der unvermeidliche Wurm in jedem menschlichen Leben.

Der Kaiser ist weder ein guter noch ein böser Mann. Er ist nichts weiter als ein abdankender Herrscher, den der Unterschied zwischen Vergöttlichung des Amtes und der Fehlsamkeit und Unvollkommenheit menschlichen Handelns bis zur Verzweiflung peinigt.

Unvollendet! – Welches Werk wäre je vollendet?

Er lässt nach seinem Beichtvater Juan rufen. Der seinen Rechtfertigungsversuchen mit Skepsis begegnet und am Ende, in Karls Todesstunde, feststellt: „Unvollendet ist sein Werk“. Welches Werk wäre je vollendet?
Was für ein die höchste Höhe anvisierendes Programm!

Bayerische Staatsoper / Karl V.  - hier :  Anais Mejias als Zweiter Geist, Bo Skovhus als Karl V. © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Karl V. – hier : Anais Mejias als Zweiter Geist, Bo Skovhus als Karl V. © Wilfried Hoesl

Krenek hat das Libretto selbst verfasst. Er setzt es als Oper – nicht als Schauspiel – in Szene. Die Oper ist ausschließlich dodekaphonisch komponiert. Die Musik kommentiert, steigt geradezu ein in die Gefühle wie in Hülsen, füllt diese aus, dass sie aufgehen wie Blüten.

Vielleicht ist es das, was die Musik so eindrucksvoll neu und spannungsreich macht: diese Aufgipfelungen, Steigerungen ins Laute und Leise, ins Aufgeregte und Versiegende, ohne mehr sein zu wollen als eben dies. Und vielleicht ist es gerade die Zwölftonmusik, die diese Steigerungen möglich macht. Weil sie sich nicht im Belcanto verliert und sich nicht selbst zu gefallen droht. Weil sie dort, wo die traditionelle Musik sich zuweilen in den Vordergrund drängt und herrscht, ja nahezu ausschließlich die Szene ausfüllt und schon die ganze Oper allein ist, sich den Ereignissen fügt und sie nachzeichnet wie mit den Pinselstrichen eines abstrakten Gemäldes. Fahl und sparsam und nicht eigentlich schön im herkömmlichen Sinn.

Kreneks Musik bescheidet sich. Als kommentierende. Manchmal schweigt sie und lässt der Sprache den Vortritt, manchmal ahmt sie deren Rhythmus nach oder gibt so etwas wie den Takt des Sprechens an.
Der Chor! Der machtvolle Chor mit vielleicht Hunderten von Akteuren. Wenn er auftrumpft, schwemmt er jeden Einwand einfach hinweg, wie aus dem Erdinnern heraustönend, dass die Knie zittern.

Und die Inszenierung. Als wäre es noch nicht genug. Die Aufführung in München ist ein Ereignis wie es schwerlich ein anderes Theater in Deutschland zustande bringen dürfte. Eine zirzensische Großtat, die beim Zuschauer Kinderaugen macht, wenn er sich nicht vor lauter Bewunderung vergisst.

Bayerische Staatsoper / Karl V. © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Karl V. © Wilfried Hoesl

Dank La Fura dels Baus. Menschenleiber hängen akrobatisch verrenkt und halb- oder ganz nackt an Schnüren von der Decke wie von einer Zirkuskuppel herab oder sind wie in einem barocken Gemälde figürlich zusammengeballt und farbig beleuchtet in einer Art Kreis vereinigt. Einfach fantastisch, in den Bann ziehend, Staunen hervorrufend. Eine einzige Faszination. Ich habe so etwas ins Surreale Gesteigertes noch nie gesehen. Mal scheint das Dargestellte in die Ursprünge der Menschheit zu verweisen, mal in ein dantisches Inferno, mal in die Anfänge der Welteroberung und der Seefahrt. Da wurde kein Aufwand gescheut, das Innere nach außen zu kehren.

Was für ein Abend! Und was für ein Sänger: Bo Skovhus, der die Partie Karls V. vertritt. Eine Glanzleistung, vergleichbar, wie er selbst – ein wenig klagend – in einem Interview sagte, der Partie des Hans Sachs in den Meistersingern. Ihm zur Seite als Beichtvater Juan: Janus Torp.
Ja, und der Chor. Du meine Güte: der Chor; der schleuderte die Emotionen unter die Decke.         Da sage noch einer, die Oper sei veraltet.       Bravo. Bravissimo. Was für ein aufwühlender Abend. Ein begeistertes Publikum.

Leider legt die Aufführung eine lange Pause ein. Man muss sie zweimal, dreimal gesehen haben, um wirklich alles gesehen zu haben.

Karl V.  an der Bayerischen Staatsoper; die weitere Vorstellung 14. Juli 2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Mannheim, Nationaltheater, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.11.2018

November 30, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

– Der Aufmarsch der Marionetten –

Von Uschi Reifenberg

Das Nationaltheater Mannheim hat wieder eine Meistersinger Inszenierung, die Spaß macht, und das im doppelten Wortsinne. Die verschiedenen Spielarten des Komischen stehen für den englischen Regisseur Nigel Lowery, der ebenso für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnet, im Vordergrund seiner Inszenierung von Richard Wagners einziger komischen Oper Die Meistersinger von Nürnberg.

Was Lowery vorführt, ist Theater auf dem Theater im besten Sinne, episches Theater im Stile Brechts, ein Spiel mit Masken und Spiegeln, eine Verbindung aus Märchen-Puppen und Marionettentheater mit Anleihen bei der Commedia dell‘arte.

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner
Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Karikatur, Parodie, Ironie, Slapstic, comicartige Szenen, gewürzt mit einer Prise englischen Humors à la Monthy Python ergeben pralles, sinnliches Musiktheater, das nie ins Lächerliche abdriftet.

Lowerys Verkleinerungen, Perspektivwechsel und ironische Brechungen weiten und multiplizieren die Wahrnehmung, was zwar faszinierend ist, aber auch die Distanz vergrößert.

In Wagners menschlichstem Werk wünscht man sich, näher an die innerseelischen Vorgänge der Figuren herangeführt zu werden, was zumindest am Beginn des 3. Aktes in der Schusterstube gelingt. Wenn alle Hüllen gefallen sind und die Privatperson Hans Sachs nach den Ausschreitungen der Johannisnacht in Freizeitkleidung den Boden wischt, wird klar, dass Sachs nicht nur im entfesselten Gewirr der künstlerischen Ergüsse für Ordnung sorgt, sondern auch im realen Alltag den Überblick behält. Sichtbar wird ein einsamer, resignierter Mann, der über den wahnhaften Zustand der Welt reflektiert, der Abschied nimmt vom eigenen Liebesglück und sich zu der Erkenntnis durchringt, dass er sowohl der nächsten Generation als auch den künstlerischen Errungenschaften zur Weiterentwicklung und zum Fortbestand verhelfen muss.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Die Meistersinger, Wagners bürgerliche Festoper, konzipiert als (heiteres) Satyrspiel, das nach antikem Vorbild auf die Tragödien folgte, sind angesiedelt im Nürnberg des 16. Jahrhunderts, zur Zeit der Reformation, mit der historischen Figur des Schuster-Poeten Hans Sachs an der Spitze. Die Meistersinger sind alles andere als  rückwärtsgewandtes Historiendrama, der Ort

Nürnberg fungiert hier als Metapher für die Auseinandersetzung von Tradition und Fortschritt, Gegenwart und Zukunft, Politik und Staat. Über allem geht es in Wagners philosophischer Komödie um die Kunst. Sie erscheint hier als das Bindeglied der bürgerlichen Gemeinschaft und vermag- anders als die Politik- mit ihren Regeln Ordnung zu gewährleisten und Anarchie und „Wahn“ in Schach zu halten. Wagners gesellschaftsutopischer Entwurf, wie in seiner Schrift Das Kunstwerk der Zukunft“ thematisiert, findet hier seine ideale Entsprechung.

Das Spiel im Spiel findet in einem Guckkasten Rahmen mit Brecht-Gardine statt, in welchem sich die Akteure einfinden und den Darstellern die passenden Kostüme anprobieren. Ebenso werden verschiedene Bühnenbilder ausprobiert, beispielsweise ein großformatiges Tableau vom Moulin Rouge, das aber dann doch dem Inneren der Katharinenkirche weichen muss. Beckmesser entscheidet sich nach Anprobe einer Naziuniform und jüdischer Kippa mit Locken (man denkt an Beckmesser als viel gescholtene Judenkarikatur), schließlich für das Gewand eines evangelischen Priesters. Im schön gemalten gotischen Kirchenraum sieht man Eva- puppenhaft herausgeputzt- in träumerischer Haltung. Wie ihre Leidensgenossinnen Senta und Elsa sehnt sie sich heftig einen Retter herbei. Da schwebt plötzlich – man traut seinen Augen kaum — am oberen Bühnenrand das Raumschiff Enterprise l vorbei. Jetzt wissen wir: Erlösung naht aus den unendlichen Weiten des Weltalls. Und tatsächlich erscheint ein Stolzing/ Lohengrin Verschnitt in silbernem Gewand und blonder Haarpracht, direkt von der Enterprise in die Kirche gebeamt.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Tilmann Unger als Stolzing, Thomas Jesatko als Sachs, Thomas Berau und Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Tilmann Unger als Stolzing, Thomas Jesatko als Sachs, Thomas Berau und Ensemble © Hans Joerg Michel

Da wird nicht lange gefackelt, kaum haben sich Eva und Stolzing kurz beschnuppert, sind die beiden auch schon ein Paar, das ziemlich genau weiß, was es will und sich um Regeln und Vorschriften herzlich wenig kümmert. Dies nämlich ist vor allem Sache der Meistersinger. Diese kommen daher als putzige Karikaturen in detailverliebten Renaissancekostümen mit diversen Altersgebrechen, ein seniles Häuflein beflissener Nürnberger Handwerker, das keine neuen Impulse von Außen zulässt und sich verzweifelt an das Regelwerk der Tabulatur klammert. Die Kunstausübung ist erstarrt und hängt sozusagen am Tropf der tradierten Norm. Vielleicht wird deshalb immer wieder ein Sarg über die Bühne getragen, mal beerdigt man symbolisch die Kunst, oder was von ihr übrig geblieben ist, oder auch die Hoffnung-wer weiß…

Die aber stirbt bekanntlich zuletzt, was auch dadurch gezeigt wird, dass die Meister bei Stolzings überschwänglichem Probelied plötzlich wie in Trance zu tanzen beginnen und Wände in Bewegung geraten. Ein witziges Leitmotiv ist der Busch, der verschiedene Metamorphosen durchläuft. Zuerst fährt er als Dornenhecke Beckmessers über die Bühne, dann ist er Fliederbusch, der sich vermehrt und als Requisit für Sachsens Monolog dient, dann mobiles Versteck für das Liebespaar im 2. Akt oder gar brennender Dornbusch am Ende der Prügelfuge.

Am Schluss des ersten Aktes, wenn Stolzing gegen den Protest der Meister sein Kunstlied durchgesetzt hat, verstopfen sich die Meister die Ohren mit Zeitungspapier, ein bedrohliches Bühnenbild mit schwarzem Gewölk wird dazu heruntergefahren, das sogleich wieder verschwindet, stattdessen erstrahlt ein klarer Sternenhimmel, in welchen Stolzing hinaufgezogen wird. Nicht im Venusberg, sondern im Parnass hat der Künstler geweilt und vermag auf der Festwiese von jenen Wonnen zu singen, die ihm dort widerfahren sind …   Möglicherweise ist dies aber auch ein Verweis des Regisseurs auf Wagners eigene Inspiration, die ihn 1861 in Venedig nach dem Anblick des Bildes von Tizians Assunta, der Himmelfahrt Marias, zur Vollendung der Meistersinger animiert haben soll.

Der Sternenhimmel wölbt sich auch über das Bühnenbild des 2. Aktes, ergänzt durch einen Dorfbrunnen mit Johannes Figur und einem Häusereck im bayerisch-barocken Stil. Eine klare Verortung der Szene mit liebevollem bis kitschigem Lokalkolorit. Sachs – detailgetreu historisch kostümiert, mit weißer Perücke, singt seinen Fliedermonolog auch tatsächlich unterm Fliederbusch und hat mit Eva ein sehr inniges Verhältnis, was am unkomplizierten Körperkontakt zu erkennen ist. Beckmesser wird in seinem Ständchen von einer aparten Harfenistin mit veritabler Beckmesser- Harfe unterstützt, die jedoch um ihre wohlverdiente Gage geprellt wird. Bemerkenswert ist auch der Nachtwächter mit Totenkopfmaske, Laterne und Kegel, ein mittelalterlicher Sensenmann, der allgegenwärtig ist und wahllos zuschlägt.

Zum Ende von Beckmessers desolatem Ständchen verirren sich Sachs und Beckmesser in die erste Reihe des Zuschauerraumes und schaffen es gerade noch rechtzeitig zur Prügelfuge auf die Bühne, die von lustigen Kasperle Figuren angezettelt wird. Lowery inszeniert die Kontrapunktik der Prügelfuge, indem er der größtmöglichen musikalischen Verdichtung ein Puppentheater entgegensetzt. In der Tat ein interessanter Kunstgriff.

 Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Thomas Jesatko als Sachs © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Thomas Jesatko als Sachs © Hans Joerg Michel

Die Schusterstube im 3. Akt ist in schwarz gehalten, kräftige weiße Pinselstriche deuten die Innenarchitektur an, ein Kamin, ein Schreibtisch und eine Katze komplettieren Sachsens gemütliches Zuhause. Sachs und Stolzing sind während ihres philosophischen Diskurses über Leben und Kunst in rote Bademäntel gehüllt, trinken Punsch und lassen in schönster Harmonie eines der genialsten Lieder entstehen, die je geschrieben wurden. Beckmesser darf noch einen Kampf mit Sachsens Katze ausfechten, der für Lacher sorgt. Im 3. Akt ist die Guckkasten-Bühne mit überdimensional gespiegelter Laute, riesiger Ritterrüstung und bunten Mittelalter- Wimpeln ein Eyecatcher.

David darf noch seinen Junggesellen Abschied im zwielichtigen „Haus zum Schwanen“ feiern, (Parsifal lässt grüßen), dann fährt Lowery zum großen Festwiesen Finale zusätzlich zum Puppen Arsenal noch mal sämtliche Geschütze auf, die der Wagner Fundus zu bieten hat. Stolzing bringt zum Gesangswettbewerb gleich den Gralskelch mit, der die Kunst- Erlösung garantiert und lässt ihn – ganz im Wagnerschen Sinne -bei der Festwiesen Gesellschaft rumgehen. Bei Sachsens Schlussansprache ziehen – synchron zur berüchtigten c-Moll Stelle – wieder die dunklen Wolken herauf. Keiner will Sachs  zuhören, alle Anwesenden verschwinden, zu schwer wiegt die Bürde der Vergangenheit. Sachs bleibt zunächst im Regen stehen, da erscheint der versöhnte Beckmesser, den Sachs zu sich unter den Schirm holt. „Zweieinig“, unter dem Jubel aller Beteiligten feiern die beiden Kontrahenten die Kunst und Sachsens integrative Gesamtleistung. Am Bühnenhimmel wartet schon die Enterprise. Stolzing und Eva machen sich aus dem Staub und dringen womöglich in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Auch das Wagnerensemble, Orchester und Chor des NTM sind  überzeugend aufgestellt.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Der Bayreuth- erprobte Thomas Jesatko als Sachs stattet die Riesen- Partie mit allen Facetten seines variablen Baritons aus, wortverständlich, sensibel, mit großer Emphase, berührend in den resignativen Momenten, ein beeindruckendes Rollenportrait. Als Beckmesser steht Joachim Goltz ihm nicht nach. Sein klarer, tragfähiger und höhensicherer Bariton besticht mit präziser Deklamation, Goltz‘ darstellerische Fähigkeiten geben der vielschichtigen Figur nicht nur Witz, sondern auch Tiefe. Tilman Unger ist vom Erscheinungsbild her ein idealer Stolzing. Er teilt sich die Partie klug ein, lässt aber bisweilen heldische Strahlkraft und Durchsetzungsfähigkeit vermissen. Astrid Kessler überzeugt als mädchenhafte, quirlige Eva, mit klangvoller Mittellage und Tiefe sowie mit dramatischen Aufschwüngen in der Schusterstube. Christopher Diffey singt als David die Weisen differenziert, lebendig mit schönem Timbre und mühelosen tenoralen Spitzen. Der Pogner von Sung Ha erscheint als seriöse Persönlichkeit, mit kultiviertem, sonorem Bass. Die Magdalene wird von Marie-Belle Sandis mit resoluter Mezzo-Attitüde versehen. Als Nachtwächter lässt Bartosz Urbanowicz aufhorchen. Chor und Extrachor unter der Leitung von Danis Juris präsentieren sich in Bestform, homogen und klangexpansiv.

GMD Alexander Soddy geht das Vorspiel mit straffen Tempi, schwungvoll, pathosfrei, mit viel Sinn für die Mittelstimmen von Wagners komplexer kontrapunktischer Partitur an. Der 1. Akt kommt allerdings wirkt wie mit angezogener Handbremse; die Balance zwischen Bühne und Graben lässt ab und zu wünschen übrig, ebenfalls vermisste man diesmal die Trompeten, dafür überraschte das überaus engagierte Solohorn umso mehr. Im Laufe des Abends gleichen sich diese leichten Unstimmigkeiten; Soddy findet- bei aller kammermusikalischen Behandlung – zu schwebendem Fluss und sinfonischem Aufblühen der Komposition. Im 3. Akt vereint Soddy Orchester, Chor und Solisten zu einer eindrucksvollen Schlussapotheose in strahlendem C-Dur.

Das enthusiasmierte Publikum spendet lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten und Jubelrufe für die Solisten. Mit dieser Meistersinger Inszenierung kann man die kommenden Jahre wunderbar leben!

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 02.10.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

In höchster finanzieller Bedrängnis

von Ingrid Freiberg

Die erste Skizze zur Oper Die Meistersinger von Nürnberg verfasste Richard Wagner 1845 während eines Kuraufenthaltes in Marienbad. Der Entwurf blieb zunächst unverarbeitet liegen. Erst 1861 verpflichtete er sich – wieder einmal in höchster finanzieller Bedrängnis – gegenüber dem Verleger Franz Schott, diese Oper zu komponieren. In völliger Zurückgezogenheit schrieb er in nur 30 Tagen das Libretto in Paris. Anfang 1862 reiste er nach Mainz und erhielt vom Verlagshaus Schott den Kompositionsauftrag und einen ansehnlichen Vorschuss.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs © Monika Forster

Wiesbaden, Kettenhund Leo und das Heckelphon

Daraufhin mietete Wagner zwei Räume in der stattlichen Villa Annika, nahe des Biebricher Schlosses  – wie immer nobel und in fürstlicher Umgebung... Diesen Ort wählte er nicht nur wegen der reizenden Lage direkt am Rhein, sondern auch wegen der Möglichkeit, in kurzer Zeit die Theater von Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und Mannheim erreichen zu können. In Biebrich schrieb er – noch vor der Komposition der eigentlichen Oper – das hinreißende Vorspiel und begann mit der ersten Szene. In dieser Zeit spielte Wagner sogar mit dem Gedanken, auf der Adolfshöhe sein eigenes Festspielhaus zu errichten. Seine Arbeit geriet jedoch ins Stocken! Die Bulldogge des Vermieters, der Kettenhund Leo, biss ihn in den Daumen, so dass er nicht mehr schreiben und komponieren konnte. Das hatte fundamentale Auswirkungen: Der Hund erhielt nach seiner Abreise einen Teppich zum Schutz gegen frostiges Wetter… und Wiesbaden verlor die geplanten Wagner Festspiele!!! Nach dem Biss reiste Wagner nach Wien ab, wo er Hans Richter kennenlernte. Eine schicksalhafte Begegnung: Richter erstellte für ihn die Druckvorlage der Meistersinger-Partitur und wurde zum unverzichtbaren Assistenten, der u.a. die ersten Aufführungen des Ring des Nibelungen in Bayreuth dirigierte.

Erst nachdem Wagner in König Ludwig II. einen großzügigen Förderer gefunden hatte, konnte er die Komposition seiner Meistersinger beenden, die schließlich am 21. Juni 1868 in München zur Uraufführung kamen. Geblieben ist Wiesbaden eine Erfindung: Mit seinem Schaffen beeinflusste Richard Wagner einen ansässigen Holzblasinstrumentenmacher, Wilhelm Heckel, der den Wünschen des Komponisten folgend eine Bariton-Oboe, das so genannte Heckelphon, erfand.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :Ensemble © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier :Ensemble © Monika Forster

Genial, poetisch, peinlich und umstritten

Tradition oder Veränderung, jung oder alt, Regeln und Gesetze oder Chaos und Anarchie, Eigeninteressen oder Gemeinschaftswohl, national oder global – ein Balanceakt, der eine Gesellschaft auf Gedeih und Verderb prägt. Die Meistersinger-Welt zeigt ein Künstlerdrama und eine Liebesgeschichte als treibende Kräfte und schließlich das Volk als Zünglein an der Waage. Der Grat, der hier das Komische vom Tragischen unterscheidet, ist schmal. Wagners Zauberwort heißt Poesie. Ein Meister wie Hans Sachs, mit Klugheit, Menschlichkeit, Mut und List, Einsicht und Verzicht ausgestattet, muss, um das Chaos abzuwenden, Wege in eine Zukunft aufzeigen.

Jedoch ist das Geniale in den Meistersingern auch mit dem Peinlichen untrennbar verquickt und verwoben. Und jene Elemente, die uns in diesem Werk stören oder abstoßen – Deutschtümelei, Chauvinismus und Brutalität – sind immanente Bestandteile des Librettos wie der Partitur: Sie lassen sich mehr oder weniger akzentuieren, aber niemals eliminieren. Wagner bleibt der umstrittenste Künstler der deutschen Musikgeschichte und die Frage des antisemitischen Gehalts seines Werkes bildet den harten Kern einer weltweiten Kontroverse.

In seiner detailverliebten Wiesbadener Inszenierung geht es Bernd Mottl um Regeln für die Kunst und um eine Feinzeichnung des menschlichen Miteinanders. Er sieht unsere Gesellschaft am Scheideweg, wie auch Richard Wagner im Nürnberg des 16. Jahrhunderts, zeichnet er  eine Stadt zwischen Mittelalter und Neuzeit. Wer hat darüber zu entscheiden? Was ist erhaltenswert und was muss neuen Entwicklungen angepasst werden? Seine Meistersinger sind ein Club alter von Krankenpflegern begleiteten Herren, die ihre angestaubten Ideale bewahren wollen. Sie haben keinen Bezug zur Gegenwart. Hans Sachs, von eigenen Niederschlägen geprägt – in einem Video wird seine verstorbene Frau und die Geschäftsaufgabe seiner Schusterwerkstatt gezeigt – sucht lebensweise den Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt.

Stolzing unterscheidet sich deutlich von der traditionell altfränkischen Butzenscheiben-romantik  mit seiner (Motorrad-)Kluft und unterstreicht damit von Anfang an seine Zugehörigkeit zur rasenden Moderne. Erst als Sachs ihm hilft, das Lied zu schaffen, mit dem er das Wettsingen und damit seine geliebte Eva gewinnen wird, und ihm einen Trachtenjanker „zuordnet“, wird aus dem jungen liebestollen Feuerkopf, der die Nürnberger Jugend in seinen Bann zieht, zumindest optisch ein Meistersinger.

Wenn er sich mit allen anderen auf der Festwiese, hier ein Festsaal, zum Sängerwettstreit trifft, wird die sich beschleunigende oberflächliche Zeit deutlich: Selfies nutzend beschäftigt sich das Volk mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Motivationen. Fast unbeachtet beschwört sie Hans SachsVerachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst …“ Seine Worte finden keine Beachtung. Er kann den zerstörerischen Wahn des Volkes nicht bremsen, es vor ihrem sinnlosen Übereifer nicht schützen. Und er gewinnt auch Stolzing nicht, der die Meisterwürde ablehnt und mit Eva, Motorradhelme in der Hand schwingend, in ein neues modernes Leben entschwindet.

Mit Bühnenausstattung und Kostümen parodiert Friedrich Eggert die hausbackene konservative Kleinbürgerlichkeit mit leisem Strich: Ein 50er-Jahre Mehrfamilienhaus, in dem die Meister wohnen, und wo sich auch ihr Treffpunkt, die Gaststätte Alt-Nürnberg, mit Eichenmöbeln, Bleiglasfenstern und bunten städtischen Wimpeln befindet, unterstützt – auf mehreren Ebenen bespielbar –  den Gesang der Akteure; ihr Aktionsradius ist allerdings eingeschränkt. Die mit Samt und Pelz historisch aufgepufften Kostüme unterstreichen die Behäbigkeit der in die Jahre gekommenen Meister. Besonders Veit Pogner wird durch Kostüm und dunkle Brille so gehemmt, dass er schon deshalb auf die Hilfe seines Lehrbuben /Krankenpflegers angewiesen ist.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs und Betsy Horne als Eva © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs und Betsy Horne als Eva © Monika Forster

Auf Festspielhausniveau

Patrick Lange, in der Nähe von Nürnberg geboren, ehemaliges Mitglied der Regensburger Domspatzen, ist geradezu prädestiniert, die Meistersinger zu dirigieren. Unter seiner Leitung ist dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden ein starker Saisonauftakt gelungen, den das Publikum bereits vor Beginn des 3. Aktes feierte.

Der heitere musikalische Grundcharakter der Oper wird überschäumend vor Kraft, zart und transparent in allen Stimmen, überreich an verzaubernder Kontrapunktik und Klangfarben bedient. Ein herrlich perlender Klangfluss verwöhnt das Publikum. Die SängerInnen bewegen sich spielerisch auf einem zeitweise seidenleichten Klangteppich. Im Morgentraum-Quintett, in dem alle vom Glück träumen, aber auch um dessen Zerbrechlichkeit wissen, umgarnt das Orchester die Träumer einfühlsam und zärtlich. Christina Kuhn spielt die Beckmesser-Harfe, eine kleine Harfe mit Stahlsaiten, für alle sichtbar in der Proszeniumsloge. Dabei begleitet sie meisterhaft die stummen von Beckmesser gezupften Lautentöne auf der Bühne.

Das Rollendebüt von Oliver Zwarg als Hans Sachs ist gelungen. Mit einer in der Mittellage wohlklingenden, in der Höhe durch einen fast tenoralen Glanz ausgezeichneten Stimme mit gewaltiger stimmlicher Ausdauer bewältigt er diese Riesenaufgabe. Glaubhaft gelingt es ihm, das Hadern zwischen Schuster- und Komponistenleben, zwischen Autorität, Selbstsucht, Sehnsucht und Triebverzicht zu zeigen – auch, dass er am Schluss, im großen Jubel, einsam ist. Weder das Zarte (Flieder-Monolog), noch polternde Wut kommen zu kurz. Zwarg singt textverständlich, ermüdungsfrei verschwenderisch.

Der scheinbar mühelose Strahletenor von Marco Jentzsch als Walther von Stolzing schmeichelt den Ohren. Sein kristallklar mit süffigen piani gestaltetes Preislied Morgenlich leuchtend im rosigen Schein…, mit Innigkeit und Anmut vorgetragen, gehört zu den anrührendsten Momenten. Seine Präsenz und Kondition sind bewunderndswert.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Margarete Joswig als Magdalena und Marco Jentzsch als Walther von Stolzing  © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Margarete Joswig als Magdalena und Marco Jentzsch als Walther von Stolzing  © Monika Forster

Thomas de Vries debütiert in der Partie des verknöcherten Stadtschreibers Sixtus Beckmesser, mal charismatisch brillierend, mal nervend selbstgerecht. Gekonnt gelingen ihm die verschlagenen Beckmesser-Koloraturen, die technisch eine Herausforderung voller tückischer Stolpersteine sind. Er zeigt sich streng regelkonform denkend, akademisch konservativ, als an den Buchstaben der Vorschriften klebender Charakter. In der entsetzlich schwierigen Prügelfuge überzeugt er. Tragisch komisch sein Vortrag im Festsaal – anstatt „Morgenlich leuchtend“ singt er „Morgen ich leuchte“, oder „Wonnig entragend“ „Wohn‘ ich erträglich“ oder gar herrlich ein Baum“ „häng‘ ich am Baum“. Hier beweist Thomas de Vries sein feines Gefühl für Nuancen und erheitert gekonnt das Publikum.

Betsy Horne verkörpert Eva mit Empathie. Mit ihrem betörend leuchtenden samtweichen und klaren Sopran weiß sie sehr wohl, wie sie zu ihrem Willen kommt. Mit viel Temperament, nicht das naiv-fromme Mädchen, ist sie eine junge zielstrebige Frau, die das Objekt ihrer Begierde wild knutschend ins Nebenzimmer zieht. Es gelingt ihr, sich von den alten Meistern zu emanzipieren, sich zu befreien. Ihre Eröffnung des Quintetts im 3. Akt ist bewegend.

Erik Biegel ist ein charmant-frecher David mit hellem lyrischen Tenor. Er überzeugt darstellerisch und diktionsfreudig mit vortrefflicher Bühnenpräsenz. Fast eine Luxusbesetzung ist Margarete Joswig als Magdalena. Weich timbriert lässt ihr in der Höhe leuchtender Mezzosopran aufhorchen. Als stark sehbehinderter Veit Pogner ist der junge Young Doo Park kaum wiederzuerkennen. Mit seinem sonoren warmen Bass ist er ein souveräner, aber auch zögernder Vater, der seine Tochter – fernab von selbstgefälliger Protzigkeit – als Preis anbietet. Benjamin Russell als eifriger Organisator Fritz Kothner beeindruckt mit klangschön kräftigem Bariton und eloquenter Deklamation.

Richard Wagner - bewundert © IOCO

Richard Wagner – wird bewundert © IOCO

Die alten Meister Ralf Rachbauer (Kunz Vogelgesang), Florian Kontschak (Konrad Nachtigal), Rouwen Huther (Balthasar Zorn), Reiner Goldberg (Ulrich Eisslinger), Andreas Karasiak (Augustin Moser), Daniel Carison (Hermann Ortel), Philipp Mayer (Hans Schwarz) und Wolfgang Vater (Hans Foltz) tragen beeindruckend differenziert, bis hin zur geifernden Kakophonie in der Prügelfuge, zum Erfolg bei.

Hervorzuheben ist der profunde Nachtwächter von Tuncay Kurtoglu. Als Lehrbuben /Pflegekräfte agieren ausgezeichnete, bereits etablierte, Nachwuchssänger, die ohne Zweifel bald Meister-sängerniveau haben werden.

Der von Albert Horne einstudierte hellwache, mit viel Verve und Eindringlichkeit agierende Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden beeindruckt durch Spielfreude. Sicher und präzise profilieren sich die SängerInnen besonders in den Massenszenen, bei der Prügelfuge und im Festsaal. Eindrücklich gelingt  „Die Geister, die ich rief…“  zu einem vortrefflichen Schluss.

Der Jubel  am Ende des Abends ist groß. Das gutgelaunte Publikum hatte anschließend die einmalige Gelegenheit, statt eines Festsaals eine natürliche Festwiese vor dem Theater zu betreten. Stadtfest und Erntedankfest sei Dank…

Die Meistersinger von Nürnberg am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 3.10.2018; 14.10.2018; 4.11.2018; 22.4.2019; 30.5.2019

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Nächste Seite »