Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Salome von Richard Strauss, IOCO Kritik, 11.03.2018

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Salome von Richard Strauss

 Neuenfels´Abschied als Regisseur an der Staatsoper

Von Kerstin Schweiger

Bei dieser Salome an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (8.3.2018) roll(t)en Köpfe –  Regisseur Hans Neuenfels verabschiedet sich von Berlin und der Oper mit Richard StraussSalome in Stummfilmästhetik.

Hans Neuenfels © IOCO

Hans Neuenfels © IOCO

Hans Neuenfels ist Berlins Schauspiel- und Opernbühnen lange Jahrzehnte eng verbunden. In einem Interview mit der Berliner Zeitung hat er kürzlich seinen Rückzug als Opernregisseur angekündigt. Auf Salome folgt – so wird er dort zitiert – nur noch die lang geplante Inszenierung von Tschaikowskis Pique Dame im Sommer bei den Salzburger Festspielen. Im gleichen Interview sagte Neuenfels auch, er habe keine Sorge um das Fortbestehen der Kunstgattung. Dazu trägt Neuenfels mit seinen Inszenierungen selbst viel bei.

Thomas Guggeis, 24, dirigiert Salome – Premiere

Auch dieser Abschied macht laut deutlich, dass die Oper höchst lebendig ist. Schon im Vorfeld dieser Salome rollten Köpfe – hier zunächst im übertragenen Sinne. Für die musikalische Leitung war Zubin Mehta besetzt. Christoph von Dohnanyi sprang im Januar für den erkrankten Mehta in den Probenprozess ein und vor der Generalprobe wieder aus der Produktion heraus. Zwei Tage vor der Premiere verlautete aus der Staatsoper, von Dohnanyi habe wegen unüberbrückbarer künstlerischer Differenzen mit Regisseur Neuenfels die Produktion verlassen. Thomas Guggeis, 24 Jahre junger Assistent von Daniel Barenboim und für eine der geplanten Aufführungen bereits als Dirigent angekündigt, übernahm mit der Generalprobe die Stabführung und das Dirigat der Premiere. Und dies erfolgreich!

Handlung:  In einem privilegierten Umfeld, aufgewachsen, das keinerlei Mäßigung und Hemmungen kennt, ist die exzentrische Prinzessin Salome fasziniert von der Andersartigkeit des moralisch integren und asketisch lebenden Propheten Jochanaan, den ihre Mutter Herodias und ihr übergriffiger Stiefvater Herodes gefangen halten. Als Jochanaan Salomes von Liebeslust durchtränkte Annäherungsversuche brüsk zurückweist, entwickelt sie eine regelrechte Obsession und nutzt die Lüsternheit ihres Stiefvaters, um ihren Willen durchzusetzen: Salome nutzt es aus, dass Herodes ihr versprochen hat, ihr für den erotischen »Tanz der sieben Schleier« jeden Wunsch zu erfüllen, und verlangt nun als Gegenleistung Jochanaans Kopf auf einem Silbertablett. In rasendem Wahn küsst sie dessen leblose Lippen und erfüllt sich so ihr sinnliches Begehren – bis Herodes den Befehl gibt, Salome zu töten.

Staatsoper Unter den Linden / Salome hier - Ausrine Stundyte als Salome © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Salome hier – Ausrine Stundyte als Salome © Monika Rittershaus

Hintergrund:  Das 20. Jahrhundert nahm in seinen ersten Jahren bis zum Ende des Kaiserreichs in der Kunst einige kühne künstlerische Anläufe, die sich einem in Bürgerlichkeit eingerichtetem Musikgeschmack widersetzten und Neues probierten, jedoch an den desaströsen Prellböcken der beiden Weltkriege und der zwischen ihnen liegenden Greueltaten ausgebremst wurden. Einige kamen so zum künstlerischen Stillstand wie z.B. der von den Nationalsozialisten geschasste und früh verstorbene Franz Schreker oder Erich Wolfgang Korngold, der sich in die Emigration rettete und in Hollywood Filmmusiken schrieb. Andere, wie Gustav Mahler oder Richard Strauss, der sich opportun durch das sogenannte dritte Reich zu manövrieren verstand, sind ins zeitlos Gültige gelangt. Als Strauss Oscar Wildes Drama Salomé als Vorlage für seine Oper auswählte, bedeutete das für ihn den Durchbruch als Opernkomponist. Dabei öffnete er gleichzeitig für die jüngere Komponistengeneration ein „Tor zur Neuen Musik.“, wie es Edwin Akkordarbeiter beschreibt in „Strauss:Salome‘ – das Tor zur Neuen Musik, Capriccio Kulturforum, 23. Januar 2012.

Strauss erlebte 1902 in Max Reinhardts Berliner Kleinem Theater eine private Aufführung des von Hedwig Lachenmann aus der englischen Fassung ins Deutsche übertragenen Wilde-Dramas. Was den eher bürgerlichen Komponisten zu Wildes Skandalstück zog, war vielleicht Wildes besonderer Ansatz. Der Autor forderte in einem Essay die Rückkehr zu einer musikalischen, vom Verständnis des griechischen Dramas und Theaters geprägten Bühnensprache für das Schauspiel. Entsprechend trifft seine Sprache den musikalischen Gestaltungswillen von Richard Strauss, der nach Wildes provokanter Vorlage selbst das Libretto schrieb. Im Wortlaut weitgehend unverändert, nahm Strauß jedoch zahlreiche musikalisch-dramaturgisch bedingte Kürzungen und Umstellungen vor. Salome gilt deshalb als eine der ersten Literaturopern, die in größerem Umfang Formulierungen aus Werken des Sprechtheaters direkt übernehmen.

Seine Musik ist ein in Musik gegossenes Psychogramm von „hysterischen“ Persönlichkeiten, wie sie Sigmund Freud in seinen damals erstmals publizierten Schriften beschrieb. Strauss selbst äußerte gegenüber Franz Schreker: „Die auftretenden Figuren sind lauter perverse Leute, und, nach meinem Geschmack, der perverseste der ganzen Gesellschaft ist – der Jochanaan“. Dies sah der Hofzensor in Wien ähnlich und vereitelte wegen „die Sittlichkeit beleidigender “Handlung eine von Gustav Mahler an der Wiener Staatsoper geplante Doppelpremiere: „… abgesehen von mehr textuellen Bedenken kann ich über das Abstoßende des ganzen Sujets nicht hinaus und kann nur wiederholen: Die Darstellung von Vorgängen, die in das Gebiet der Sexualpathologie gehören, eignet sich nicht für unsere Hofbühne“, Dr. Emil Jettel von Ettenach, Hofzensor an Staatsopern-Direktor Gustav Mahler, 31. Oktober 1905

Staatsoper Unter den Linden / Salome - hier Thomas J. Mayer als Jochanaan © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Salome – hier Thomas J. Mayer als Jochanaan © Monika Rittershaus

Der Schlüssel für die moderne Oper im 20. Jahrhundert liegt also auch bei Oscar Wilde, ein Schriftsteller, der für seine scharfen und ironisch-kritischen wie auch liberalen Stoffe ebenso angegriffen wurde wie er für seinen anti-bürgerlichen, bohémienhaften Lebens- und Liebesstil demontiert wurde, sich im Gefängnis wiederfand und an den Haftfolgen starb. Wildes Salomé mit ihrem konsequenten Verhalten ist eine Schwester Wildes.

Musikalisch ist diese Produktion ein großer Genuss. Thomas Guggeis führt die Staatskapelle und das Solistenensemble sicher und packend durch die Strauss‘sche Klangfülle. Mit einer in Bestform musizierenden fast 100 Musiker starken Staatskapelle ließ Guggeis die Farbpalette der Musik voll aufblühen, den Solisten gab er dabei genügend Raum. Er führte besonnen und konzentriert voran und gab den einzelnen Instrumentengruppen im aufgeregten Klangbild transparente Präsenz.

Und Neuenfels? Kehrt nach Ariadne auf Naxos für eine zweite Strauss-Oper an die Staatsoper Unter den Linden zurück. Legendär ist sein so unterhaltsamer wie trotziger Aufbruch in die Opernwelt 1982 mit Verdis Macht des Schicksals an der Deutschen Oper Berlin. Publikum wie Opernregisseure hat er damit gleichermaßen wach gerüttelt und gezeigt, dass Oper kein Museum und ein hoch dosiertes Kulturmittel sein kann.

Bei dieser Salome jedoch nimmt sich Neuenfels in der szenischen Ausarbeitung zurück. So setzt er den orgiastischen Klangmassen Strauss‘ eine streng stilisierte Bühne gegenüber. Zusammen mit seinem langjährigen Arbeitspartner Reinhard von der Thannen (Bühnenbild) ruft er großartige Bilder auf. Der Raum: ein Kino- oder Casinosaal mit Gassenbühne in Schwarz-weiß-Film-Ästhetik auf nahezu leerer Bühne. Einzig störend dabei ist eine Art Rohrpostrakete oder Zeitkapsel, aufgeregte Stimmen sprechen von einem Riesen-Phallus, in der der Prophet Jochanaan gefangen gehalten wird. Erst über der Bühne schwebend, wird das schwere Versatzstück – einmal gelandet – aufwendig von Herodes Gefolgsleuten über die Bühne von Position zu Position geschoben.

Staatsoper Unter den Linden / Salome - hier Ausrine Stundyte als Salome, Thomas J. Mayer als Joachanaan, Christian Natter als Oscar Wilde © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Salome – hier Ausrine Stundyte als Salome, Thomas J. Mayer als Joachanaan, Christian Natter als Oscar Wilde © Monika Rittershaus

Osacr Wilde leitet die Protagonisten als stummer Kommentator

Neuenfels bietet szenisch einen UFA-Stummfilm mit Musik an. Dies stellt die unvereinbaren Positionen der Protagonisten ganz besonders heraus. Statt Nosferatu tritt – „Wilde is coming“ – der Dichter selbst aus dem Leinwand-Schatten und leitet seine Figuren durch das Stück (Christian Natter – Foto oben –  ist als stummer Kommentator sehr präsent). Seine Aufmerksamkeit gilt Salome. Mit ihr tanzt er SalomesTanz der sieben Schleier“ als morbiden Pas de Deux. Salome ist da schon längst – erst im Prinzessinnenkleid mit Mondsicheldiadem – im einteiligen Damensmoking zu einer dandyhaften Oscar Wilde Doublette transformiert. Neuenfels spielt mit Oscar Wildes Geschlechterdiversität: Jochanaan erscheint mit freiem Oberkörper im langem Rock. Das Herrscherpaar Herodes und Herodias eisgrau und eisblond in Abendtoilette bricht wie ein Revuefilm in die Kinoästhetik des nachtschwarzen Ringens Salomes, Wildes und Jochanaans ein. In den religösen Disput geht das Judenquintett wie überzeichnete Comedian Harmonists im Frack.

„Plötzlich Prinzessin?“, möchte man Ausrine Stundyte zurufen. Die litauische Sopranistin in der Titelrolle gibt mit Salome ihr Rollendebüt. Sie ist darstellerisch unglaublich intensiv. Stundyte beherrscht die Szene mit Blick und Gestik einer Stummfilmdiva. Guggeis unterstützt das und lässt die Staatskapelle stellenweise filmschnittartig akzentuiert kommentieren. Ihr dunkel gefärbter Sopran erreicht mühelos die Höhen der Partie. In der Tiefe gleitet sie dagegen ohne geschmeidigen Übergang mehrfach in einen expressiven Sprechgesang. Äußerst respektabel meistert sie die Rolle als Rollendebütantin allemal, vom Publikum zu recht mit hoher Zustimmung gewürdigt. Die Sängerin ist Berlin derzeit eng verbunden, im Januar sang sie mit großem Erfolg an der Komischen Oper die Rolle der Carlotta in Franz Schrekers Die Gezeichneten.

Marina Prudenskaya als kühle dominante platinblonde Herodias solidarisiert sich mit ihrer starken konsequenten Tochter, mit einem schwachen Herrscher an ihrer Seite spürt sie den nahenden Zeiten- und Machtwechsel, der sich mit dem Propheten Jochanaan ankündigt. Stimmlich ist sie eine geschmeidige junge Herodias mit klaren kraftvollen und scharf akzentuierten Tönen. Komödiantisch gelingt ihr Schuhwurf gegen Jochanaan.

Gerhard Siegel ist stimmlich und darstellerisch ein überragender und erprobter Herodes. Den überschwänglichen Redefluss, der seine Ängste über einen drohenden Machtverlust überdecken soll, beherrscht er devot-aufbegehrend, ängstlich und auftrumpfend stimmdifferenziert aus dem Effeff. Wenn er Salome mit einer aufgeschnittenen Frucht zum Feiern bewegen will, ist das fast kabarettreif. Thomas J. Mayers präsenter Jochanaan mit einem eindringlich kraftvollen, recht hohen Bariton macht neugierig. Nikolai Schukoff ist ein wacher Narraboth mit einem geschmeidigem hellen Tenor.

Worauf will Neuenfels also hinaus? Die Kino-Methaper scheint schlüssig. Royale Liebesverhältnisse sind per se schon schwierig. In der prekären Familienkonstellation einer durch Missbrauch und Mord zusammengewürfelten Patchwork-Herrscherfamilie geht es um Macht und Besitzstandswahrung. In die Prinzessinnenrolle gezwungen testet ein Teenager auf der Suche nach Liebe und Anerkennung Grenzen aus. Wie einen Filmplot erzählt Neuenfels das persönliche Drama auf einer zweiten Ebene vor dem Hintergrund der Zeitenwende des aufkommenden Christentums. Ein Clash der Gesellschaftsformen, der in der Katastrophe enden muss. So lässt Neuenfels vor Salome in ihrer Maßlosigkeit am Ende auch nicht nur den einen Kopf des Jochanaan bringen sondern eine ganz Palette, ein Schlachtfeld Geköpfter, ausbreiten. Ein Kopf zerbricht, Salome steht vor dem Scherbenhaufen unerwiderter Liebe, bevor sie von Herodes Soldaten umgebracht wird.

Staatsoper Unter den Linden / Salome - hier Thomas J. Mayer als Jochanaan, Gerhard Siegel als Herodes, Marina Prudenskaya als Herodias © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Salome – hier Thomas J. Mayer als Jochanaan, Gerhard Siegel als Herodes, Marina Prudenskaya als Herodias © Monika Rittershaus

Salome mutiert zur expressionistischen Femme fatale

In einer dritten Ebene wird auch das ganz persönliche Drama Oscar Wildes mitverhandelt. Salome ist seine Projektionsfläche. Wilde schrieb „Salomé“ auf Französisch, weil er diese Sprache für geeignet hielt, seine formalen, musikalischen an der Theaterform der griech. Antike orientierte Darstellung (Chor) ausdrücken zu können. Über die vielen Übersetzungen des Stückes ins Englische, später ins Deutsche, veränderte sich auch der Charakter der Titelfigur. Aus der tragischen antiken Figur, die im religiös geprägten Zwiespalt der Zeit konsequent ihren Lebensanspruch durchsetzt, wurde eine expressionistische Femme fatale. Dabei geriet der Anspruch einer selbstbestimmten konsequenten und ihren Lebenszielen folgenden Prinzessin in der Opernfassung aus dem Fokus. Neuenfels rückt die Aufführungsgeschichte zurecht und zeigt Salomes letzte Stunden als gerafften Lebenslauf einer Konsequenten. Sie spiegeln einen jungen Menschen in Rebellion, Grenzen austestend, auf der Suche nach Liebe und Gegenliebe um jeden Preis als „One way Ticket zum Schaffott“. Eine Prinzessin im praktischen Jahr, die grandios scheitert. Salome ist dabei ihrem Schöpfer Oscar Wilde in Liebe, Rebellion und Konsequenz aufs Engste verbunden, unbeirrbar auf ihrem eingeschlagenen Weg, und in der Konsequenz am Ende wie er selbst zu Tode gekommen – Wilde starb an den Folgen der Haft, verurteilt für seine damals unter Strafe stehende öffentlich gemachte Homosexualität.

Die bei der Premiere kontrovers aufgenommene Produktion trifft bereits in der zweiten Aufführung auf einhellige, lang anhaltende Zustimmung im Applaus. Sie spiegelt ziemlich genau die zeitlose Gültigkeit von Musiktheater auf Neuenfels‘ lange angelegten Fährten. Das Publikum reagiert, kommentiert, ist in Bewegung. Die Oper ist lebendig, nicht zuletzt dank Regisseuren wie Hans Neuenfels.

Salome an der Staatsoper Unter den Linden:   Weitere Vorstellungen 10., 14. 17. März 2018; jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Fidelio von Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 02.02.2018

Februar 4, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

  Fidelio von Ludwig van Beethoven

 „Befreiungsoper im Umfeld  der biederen (?) 50er Jahre“

Von Patrik Klein

Hamburgs Staatsopernintendant Georges Delnon inszeniert nach eigener Aussage ausnahmsweise eine Produktion an seinem Haus selbst. Er nimmt sich Beethovens politisch unverhüllte Befreiungsoper Fidelio vor und löst damit die damals überaus kontrovers aufgenommene Regie von Hans Neuenfels aus dem Jahr 2004 unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher ab. Delnons Inszenierung ist für eine Koproduktion mit dem Teatro Communale di Bologna vorgesehen.

Fidelio ist die einzige Oper von Ludwig van Beethoven in zwei  Akten (in der Urfassung unter dem Titel Leonore jedoch in drei Akten). Das Libretto schrieben Joseph Sonnleithner, Stephan von Breuning und Georg Friedrich Treitschke. Als Vorlage diente ihnen die Oper Léonore ou L’amour conjugal , die 1798 in der Komposition von Pierre Gaveaux entstand. Die Uraufführungen der ersten beiden Fassungen des Fidelio fanden am 20. November 1805 bzw. am 29. März 1806 am Theater an der Wien statt. Die endgültige Fassung wurde dann am 23. Mai 1814 im Wiener Kärntnertortheater präsentiert. In dieser Fassung wurde der Text überarbeitet und die Handlung straffer gestaltet. Ferner wurden die tragischen Züge der Hauptpersonen verstärkt, und die Grundidee des Werkes trat nun deutlicher hervor, nämlich die Überhöhung der konkreten edlen Tat Leonores.

Staatsoper Hamburg / Fidelio - hier Don Pizarro, Marzelline und Jaquino © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier Don Pizarro, Marzelline und Jaquino © Arno Declair

War zum Beispiel bei Mozart die Gesellschaftskritik noch in den Verwirrspielen eines scheinbar aufgeklärten Zeitalters versteckt, so bringt der revolutionäre Bürger Beethoven die neuen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Bühne. Bei dem recht populären und besonders in letzter Zeit häufig gespieltem Werk stellt sich hiermit erneut die Frage: Hat Beethovens einzige Oper an Aktualität und Relevanz seit über 200 Jahren verloren? Wie realistisch ist der Glaube an den Einfluss der Liebe und der Menschlichkeit in einer Welt voller Gewalt und Machtexzesse? Antworten auf diese Fragen werden von Georges Delnon auf den ersten Blick kaum erkennbar gegeben.

Ging Hans Neuenfels in seiner Inszenierung von 2004 von einer radikalen Umdeutung in einer grotesken Show des Scheiterns und einem „Aus der Traum von Friede, Freiheitaus, so muss man Georges Delnons Sichtweise mühevoll suchen. Im Opernjournal der Staatsoper Hamburg, in den Blogs der Dramaturgen (Klaus-­Peter Kehr, Johannes Blum), auf Plakaten und in Interviews wird wenig bis nichts im Vorfeld verraten. Während der Ouvertüre steht auf dem schwarzen Bühnenvorhang: Ich hatte einen Traum. Es war ein Albtraum. Als ich erwachte, war Alles wieder in Ordnung„. Die Inszenierung nun zeigt dem aufgeschlossenen, vorurteilsfreien Beobachter einen Blick in die sagen wir einmal 50er Jahre in einem Überwachungsstaat. Auf der Bühne erblicket man ein geräumiges Wohnzimmer mit zeitgemäßer Ornamentiktapete, großer Terrassenfront und überdimensionaler Gardine (Bühne: Kaspar Zwimpfer; Kostüme: Lydia Kirchleitner; Licht: Michael Bauer; Video: fettFilm). Ausstattungselemente sind eine für die damalige Zeit klassische Musiktruhe der Firma Nordmende namens Fidelio, ein Klavier, ein Schreibtisch mit mechanischer Schreibmaschine, an der vor allem Rocco seine Korrespondenzen gestaltet und Tischgruppierungen mit einigen Stühlen. Es wird ein biedermeiersches Idyll gezeichnet, in der sich die handelnden Personen familiär von der Außenwelt, die durch Machtexzesse und Gewalt geprägt ist, abschotten. Dieses Idyll wird von der linken Bühnenseite gelegentlich jäh gestört und durchbrochen von langsam bis in die Bühnenmitte hineinfahrende Logistikregale. Sie legen den Blick frei auf Bücher, Akten und Gefangene. Florestans Gefängnis befindet sich in einem Art Sarkophag. Durch die riesige Glaswand schaut man videobebildert in Wälder mit unterschiedlicher Farbstimmung, in denen Rehe und zum Beispiel der „böse Wolf“ überdimensional groß und in weiß bei Florestans Arie „Gott, welch Dunkel hier in hellstem Licht erscheinen. Eine Kernaussage oder Deutung der Befreiungstat Leonores findet man scheinbar nicht. Die Charaktere der Handlung werden sehr persönlich, ja sogar intim gezeichnet mit ihren individuellen Absichten und Abgründen im Überwachungsstaat und Familienidyll. Die Sänger agieren meist an der Rampe in dem dunkel wirkenden Bühnenbild oder vor schwarzen Bühnenvorhängen fast wie bei einer konzertanten Aufführung. Zum Finale ein verklärter Einmarsch der Gefangenen, der mittlerweile auch in weiß gekleideten Schergen des Don Pizarros und ein Vermischen mit allen Beteiligten der Oper. Don Pizarro wird von zwei Beteiligten über die Terrasse nach draußen geführt. Aus dem düster nebelverhangenen graue Wald entspringt wieder frühlingshaftes Grün als Zeichen der Hoffnung. Zur Premiere am 28.1.2018 wurde die gesamte Regie dieses Fidelio mit weitgehend heftigen Missfallenskundgebungen beurteilt.

Staatsoper Hamburg / Fidelio - hier im Vordergrund Don Pizarro, Ensemble © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier im Vordergrund Don Pizarro, Ensemble © Arno Declair

Die Komposition nicht die Handlung übernimmt bei dieser Regie das Primat der Aufführung.  Nach Eindrücken in der Generalprobe und – dem Vernehmen nach in der missratenen Premiere – dirigiert Kent Nagano sein Staatsorchester „auf Sicherheit“. Nur sehr wenige Einsätze kommen unklar für Orchester, Chor und auch Solisten. Flott klingt es zum Beispiel bei der ausgewählten längeren dritten Konzertouvertüre Leonore. Hier erhält das Orchester lautstarken Beifall. Sicher und deutlich langsamer, die Sänger- und Choreinsätze betonender führt Nagano durch die Partie. Die Chorszenen (Einstudierung Eberhard Friedrich) insgesamt geraten zu sehr schönen musikalischen Höhepunkten. Die Sängerinnen und Sänger des Abends gestalten durchweg auf ordentlichem Niveau und machen den musikalischen Eindruck über weite Strecken hörenswert.

Die schönsten stimmlichen Momente des Abends gehören Fidelio und Rocco. Simone Schneider ist Ensemblemitglied am Staatstheater am Gärtnerplatz in München gewesen und derzeit an der Staatsoper Stuttgart engagiert. Sie gestaltet die Titelpartie mit großem Einsatz, hoher Textverständlichkeit und schön dunkel gefärbtem Timbre. In den mittleren Lagen klingt ihre Stimme sehr lyrisch; sauber und kraftvoll gelingen ihr auch die Spitzentöne. Sie hat es auch etwas leichter, da sie zum Beispiel die Arie Abscheulicher, wo eilst Du hin?“ beinahe wie konzertant alleine vor herabgelassenem Bühnenvorhang gestalten kann. Falk Struckmann (Rocco) gehört zu den bedeutendsten Bassbaritonen seines Fachs. Er ist in Hamburg gerne gesehener Gast seit seinem Debüt in der Spielzeit 1994/95. Er sang hier unter anderem in Mathis der Maler, Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Fidelio (in der Neuenfelsinszenierung als Don Pizarro), Tosca und Salome. Falk Struckmann gibt den Gefängniswärter mit prachtvollem, besonders schwarz gefärbten Klang mühelos und feinstartikulierend. Er erhält vom Publikum am Ende auch den größten Beifall. Christopher Ventris (Florestan) gehört zu Großbritanniens erfolgreichsten Tenören und ist vor allem für sein Wagner-Repertoire bekannt, auf das er seine internationale Karriere in den letzten zwanzig Jahren fokussiert hat. Mit dem Florestan feiert Christopher Ventris nun an der Hamburgischen Staatsoper sein Debut. In der zweiten Vorstellung hat er jedoch einen rabenschwarzen Tag erwischt. Er singt die Partie zwar kraftvoll, aber gestemmt und viel zu sehr gepresst, so dass ihm bei der Arie „Gott, welch Dunkel hier“ die Stimme mehrfach wegbricht. Mit großer Mühe steht er seine Rolle bis zum Ende durch. Werner Van Mechelen (Don Pizarro) ist ein vielseitiger belgischer Bass-Bariton mit breitem Lied-, Konzert- und Opernrepertoire, das von Barockpartien über Mozart- und deutsches bzw. italienisches Repertoire bis hin zu modernen Komponisten mit vielen Uraufführungen reicht. Erst im Sommer des vergangenen Jahres konnte man sein Debut bei den Bayreuther Festspielen verzeichnen (IOCO Kultur im Netz berichtete), wo er einen erfolgreichen Klingsor im Parsifal in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg darstellte. Als „Stasi-Chef“ Don Pizarro kann er in Hamburg nahtlos an seinen Bayreutherfolg anknüpfen. Er singt sehr textverständlich mit hohem Einsatz und ist bemüht die dunklen Seiten des Gefängnisleiters herauszustellen. Ein wenig prägnanter bösartig hätte es jedoch noch sein können.

Don Ferrando ist der türkische Bariton Kartal Karagedik, der seit der Spielzeit 2015/16 Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper ist. Seine zu Beginn noch recht unauffällige Wirkung entwickelte er durch kluge Rollenauswahl und Debuts an kleineren und mittleren Opernhäusern zu einer mittlerweile tragenden, flexibel agierenden und klangschönen Ausstrahlung. Als Don Ferrando hat er die undankbare Aufgabe, erst am Ende der Oper und nur recht kurz aufzutreten. Er gestaltet seinen Part jedoch sehr schön lyrisch, textverständlich und mit feiner Stimmführung.

Staatsoper Hamburg / Fidelio- hier Schlussszene mit Chor und Ensemble © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier Schlussszene mit Chor und Ensemble © Arno Declair

Mélissa Petit (Marzelline) war von 2010 bis 2013 Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Hamburg. Seit der Spielzeit 2015/16 gehört Mélissa Petit zum Ensemble des Zürcher Opernhauses und debütierte mittlerweile auch an der Opéra Bastille in Paris und den Bregenzer Festspielen. Mélissa Petit gibt die Marzelline mit fein geführter Stimme und  schönem dunklen Klang.

Thomas Ebenstein, seit 2012 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, gibt den Jaquino solide mit schöner Spieltenorstimme und großem Einsatz.

Zur Premiere dieses Fidelio waren die Rezensionen weitgehend höchst negativ. IOCO möchte sich diesen Philippiken nicht anschließen. Das Publikum in der zweiten fast ausverkauften Aufführung des Fidelio reagierte mit sehr freundlichem Applaus auf alle musikalisch Beteiligten.

Fidelio an der Staatsoper Hamburg: Weitere Aufführungen: 4.2.2018; 6.2.2018; 9.2.2018; 27.4.2018; 2.5.18; 5.5.2018 und 9.5.2018

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, 2017/18 – Teurer Kulturtempel öffnet die Pforten, IOCO Aktuell, 30.06.2017

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper im Schillertheater

 2017/18 – Staatsoper Unter den Linden – Im Wandel

 Wiedereröffnung:  3.10.2017 – 7.12. 2017

Auf der Jahrespressekonferenz der Staatsoper Unter den Linden stellten im Intendanzgebäude der zum 31.3.2018 scheidende Intendant Jürgen Flimm (75), Matthias Schulz (40) und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim (74) den Spielplan 2017/18 vor. Der Geschäftsführende Direktor der Staatsoper, Ronny Unganz, fehlte, ohne Erklärung. Die Pressekonferenz der Lindenoper galt so sichtbar allein der Kunst, dem Künstlichen. Matthias Schulz, als Konzertchef der Salzburger Festspiele erstmals prominent in der Öffentlichkeit, ab 1.9.2017 Co-Intendant der Staatsoper, wird zum 1.4.2018 Intendant und Nachfolger Flimms. Doch Jürgen Flimm scheidet nur als Intendant; der Lindenoper und den Berlinern bleibt er weiterhin erhalten: Als Regisseur kehrt er bereits am 7.7.2018 mit der deutschen Erstaufführung von Salvatore Sciarrinos Ti vedo, ti sento, mi perdo an die Lindenoper zurück.

Staatsoper unter den Linden / Manager Flimm, Barenboim, Schulz © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Manager Flimm, Barenboim, Schulz © IOCO

Es war eine auffällige Pressekonferenz. Erwartungen, daß die Lindenoper-Chefs, Flimm, Barenboim und Schulz, vor Begeisterung über die anstehende Rückkehr an das Stammhaus platzten würden, wurden enttäuscht. Die teure Luxusoper im Herzen Berlins: Nebensache! Obwohl zu den verkündete Lindenoper-Eröffnungsterminen 3.10.2017 und 7.12.2017 Unsicherheit dominierte. In Abwesenheit von Direktor  Ronny Unganz klang Jürgen Flimm zur Wiedereröffnung merkwürdig resignativ als er sagte: „Wir glauben es (den Termin) bis heute immer noch nicht..  zupfen uns am Ohr… kleine Angst haben wir immer noch..„.  Die Zeit zwischen dem 3.10. und dem 7.12.2017 sei erforderlich, um die neue Bühnentechnik zu testen und Inszenierungen der neuen Technik anzupassen. Zum  profanen Alltag, wie Budget, Auslastung, Einnahmen hörte man von Flimm nur, daß das „kleine“ Schillertheater mit 90% ausgelastet sei. Flimm & Co konzentrierten sich sehr routiniert nur auf künstlerische Erfolge der laufenden Spielzeit, „Triumphe (?) in der Carnegie Hall..„, auf 2017/18 kommende Inszenierungen, auf Flüge der Staatskapelle in Barenboims Heimat ans Teatro Colon in Südamerika; man freute sich über Dirigate des seit vielen Jahren nach London abwandernden Simon Rattle, erklärte Claude Debussys´ Bedeutung in der Musik und ähnliches. Anders Dominique Meyer, Chef der Wiener Staatsoper: Auf dessen Pressekonferenzen werden, sehr professionell, nicht nur den „Erfolgen“, sondern auch Problemen, dem Opernalltag, Auslastungen, Budget, Besucheralter oder Frauenquoten allzeit detailliert Platz einräumt.

 Staatsoper Unter den Linden im Juni 2017 - Ohne Verschalung © IOCO

Staatsoper Unter den Linden im Juni 2017 – Ohne Verschalung © IOCO

Eine der Pressekonferenz folgende, 2-stündige Führung mit Bauhelm und auf eigene Gefahr, gab umsomehr Aufschluß über Status und Ziele der Sanierung. Kay Keßner, an der Lindenoper auch auf der Bühne aktiv, erklärte der Presse in vielen Details, auf der Hauptbühne wie den vier Rängen der Lindenoper, in Proberäumen, in tiefen unterirdischen Gänge mit logistischer Hightec, das Primat des Denkmalschutzes bei der Sanierung, die große Bedeutung von Erich Kleiber (1890 – 1956) und Vater von Carlos Kleiber für den Erhalt der Lindenoper und Apollosaal in  alten, klassischen Strukturen. Keßner führte in die neuen Probenräume für Orchester und Chor; er führte aus, wie Nachhallzeiten der Lindenoper durch um 3.000m³ auf 9.500m³ vergrößertes Raumvolumen oder in Probenräumen durch aufwendig sanierte Wand- und Vorhangstrukturen gesteuert werden. Die mit knapp 1.400 Plätzen nicht große Lindenoper wird durch neue Bestuhlung noch 30 Plätze einbüßen.  Zum Zeitpunkt der Führung war in der Lindenoper noch wenig fertig: Blanke Bretter, kreischende Maschinen, Schläuche, rohes Mauerwerk, hämmernde Arbeiter. Kay Keßner glaubte fest an den offiziellen Eröffnungs-Termin. Doch ob am 7.12.2017 oder irgendwann: Die  neue Lindenoper im Herzen Berlins wird zu einem Juwel deutscher Kultur werden, wenn auch unendlich teuer erkauft.

Staatsoper Unter den Linden / Sanierung - Blick vom vierten Rang © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Sanierung – Blick vom vierten Rang © IOCO

3.10.2017: WIEDERERÖFFNUNG LINDENOPER

Wenn sie dann stattfindet!

Am 3. Oktober 2017, fünf Tage nach Abzug der Bauarbeiter, erleben Berliner die erste Vorstellung in der sanierten neuen Lindenoper: Robert Schumanns romantische  „Szenen aus Goethes Faust“ mit großem Aufgebot an Solisten, Chören und Musikern; dazu Sinfoniekonzerte in der Oper, der Philharmonie und auf dem Bebelplatz. All dies soll ab 3.10.2017 einen neuen Anfang verkünden, ist Teil eines neutätigen PRÄLUDIUMS. Den Auftakt des PRÄLUDIUM bildet das Open-Air-Konzert STAATSOPER FÜR ALLE mit Daniel Barenboim, der Staatskapelle Berlin und dem Staatsopernchor am 30. September um 17 Uhr unter freiem Himmel auf dem Bebelplatz bei freiem Eintritt. Am folgenden Tag, dem 1. Oktober, haben Berliner sowie Gäste aus aller Welt die Möglichkeit, die Lindenoper bei musikalischen Führungen zu erkunden.  Am 7. Oktober sind die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta in der Staatsoper Unter den Linden zu Gast. Am 8. Oktober wird die Neue Werkstatt mit »Rivale«, einer Uraufführung von Lucia Ronchetti als Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden, in der Regie von Isabel Ostermann und unter der musikalischen Leitung von Max Renne eingeweiht (weitere Termine: 11., 14., 15., 17., 19., 20. und 22. Oktober 2017). Das Programm des PRÄLUDIUM wird für alle live auf den Bebelplatz übertragen.

Am 7.10.2017 Abends ist wieder Stille in der Lindenoper; Technik, Inszenierungen, Theater-Mitarbeiter müssen gelernt, getestet werden; bis 7.12.2017: An diesem Tag findet die formelle Eröffnung des Opernhauses Unter den Linden statt; mit Feiern und einem Geburtstagskonzert zur Gründung des Opernhauses vor 275 Jahren: Die Staatskapelle Berlin spielt aus Ein Sommernachtstraum, dazu Kompositionen von Pierre Boulez und Richard Stauss. Am 8.12.2017 beginnt der wahre Opernbetrieb: Mit der Premiere von Hänsel und Gretel in der Inszenierung von Achim Freyer (83).

Staatsoper Unter den Linden / in der Sanierung / Blick von der Hauptbühne in den Zuschauerraum © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / in der Sanierung / Blick von der Hauptbühne in den Zuschauerraum © IOCO

2017/18 – BESONDERE AKZENTE

Besondere Akzente setzen 2017/18 acht Premieren auf der großen Bühne (darunter eine deutsche Erstaufführung), zwei Uraufführungen und vier Premieren in der Neuen Werkstatt, 13 Musiktheaterwerke aus dem Repertoire sowie mehr als 90 Konzerte. Die bereits zum 23. Mal veranstalteten FESTTAGE kehren zurück an ihren Gründungsort, während das Festival für Neues Musiktheater INFEKTION! erstmals Unter den Linden stattfindet. Insgesamt sind es über 290 Veranstaltungen plus zahlreiche Projekte der Jungen Staatsoper. Darüber hinaus führen Gastspiele die Staatskapelle Berlin u. a. nach Dresden, Paris, Wien, Salzburg und Buenos Aires.

Staatsoper Unter den Linden / Riesiger sanierter Probenraum für Orchester mit speziellen Nachhall Konstruktionen © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Riesiger sanierter Probenraum für Orchester mit speziellen Nachhall Konstruktionen © IOCO

2017/18: PREMIEREN UND REPERTOIRE

Alte Freunde: Anna Netrebko mit Ehemann an der Staatsoper

Daniel Barenboim wird in der kommenden Spielzeit neben Robert Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ (Premiere: 3. Oktober) drei weitere Neuproduktionen dirigieren. Zum einen Wagners »Tristan und Isolde« in der Regie von Dmitri Tcherniakov mit Andreas Schager und Anja Kampe in den Titelrollen (Premiere: 11. Februar 2018), zum anderen zwei Verdi- Opern: die FESTTAGE-Premiere mit »Falstaff«, inszeniert von Mario Martone, mit Michael Volle, der sein Rollendebüt in der Titelpartie gibt (Premiere: 25. März 2018) sowie »Macbeth« mit Harry Kupfer (81) als Regisseur und mit Plácido Domingo (76 – 80) und Anna Netrebko als Macbeth und Lady Macbeth (Premiere: 17. Juni). Darüber hinaus wird Daniel Barenboim die Wiederaufnahmen von Wagners »Parsifal« und Debussys »Pelléas et Mélisande« musikalisch leiten. Yusif Eyvazov, Ehemann von Anna Netrebko, hier die Heirat in Wien,  wurde, passend zu den Juni Macbeth Terminen seiner Anna Netrebko, mal eben gleich mit an die Lindenoper geladen: Ab 2.6.2018 macht Eynazov den Cavaradossi in Tosca.

Staatsoper Unter den Linden / Kay Keßner führt durch die Lindenoper © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Kay Keßner führt durch die Lindenoper © IOCO

Zu den weiteren Premieren der Spielzeit 2017/18 zählen Engelbert Humperdincks »Hänsel und Gretel« inszeniert von Achim Freyer (81) und dirigiert von Sebastian Weigle (Premiere: 8. Dezember), Claudio Monteverdis »L’incoronazione di Poppea« in der Regie von Eva-Maria Höckmayr, gespielt von der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von Diego Fasolis (Premiere: 9. Dezember), sowie „Altrocker“ (so Jürgen Flimm) Hans Neuenfels´ Neuproduktion von Richard Strauss´ »Salome«, musikalisch geleitet von Zubin Mehta, Ehrendirigent der Staatskapelle Berlin (Premiere: 4. März). Mit der deutschen Erstaufführung von Salvatore Sciarrinos »Ti vedo, ti sento, mi perdo«, im Rahmen von INFEKTION! Festival für Neues Musiktheater, kehrt Jürgen Flimm wenige Wochen nach dem Ende seiner Amtszeit als Intendant als Regisseur an das Haus zurück und setzt die intensive Auseinandersetzung mit dem Musiktheaterschaffen des italienischen Komponisten an der Berliner Staatsoper fort. Die Koproduktion mit dem Teatro alla Scala di Milano wird dirigiert von Maxime Pascal; es singen u. a. Laura Aikin und Otto Katzameier (Premiere: 7. Juli 2018 | INFEKTION!).

Höhepunkte des Repertoires sind Jürgen Flimms Inszenierung von Glucks »Orfeo ed Euridice« mit Bejun Mehta und Elsa Dreisig in den Titelrollen, Wim Wenders´ Produktion von Bizets »Les pêcheurs de perles«, wie bei der Premiere mit Olga Peretyatko-Mariotti, sowie Purcells »King Arthur« in der Regie von Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch, dirigiert von René Jacobs. Mit Brittens »The Turn of the Screw« und Mozarts »Don Giovanni« stehen zwei erfolgreiche Produktionen von Claus Guth wieder auf dem Spielplan, u. a. mit Christopher Maltman und Maria Bengtsson. Neben »Pelléas et Mélisande« – erstmals seit 2009 wieder gezeigt – ist eine weitere Regiearbeit von Ruth Berghaus zu erleben: Rossinis »Il barbiere di Siviglia«. Darüber hinaus spannt die Spielzeit 2017/18 mit Mozarts »Die Zauberflöte«, Puccinis »La Bohème« (Angela Gheorghiu als Mimì), »Tosca«, Verdis »La traviata«, Wagners »Parsifal« (R: Dmitri Tcherniakov), Strauss´ »Ariadne auf Naxos« (R: Hans Neuenfels) einen Bogen vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Sängerinnen und Sängern sind u.a. Maria Agresta, Laura Aikin, Daniela Barcellona, Piotr Beczala, Maria Bengtsson, Max Emanuel Cencic, Marianne Crebassa, Francesco Demuro, Plácido Domingo, Tara Erraught, Yusif Eyvazov, Angela Gheorghiu, Ekaterina Gubanova, Anja Kampe, Dmitry Korchak, Bejun Mehta, Anna Netrebko, René Pape, Olga Peretyatko-Mariotti, Ailyn Pérez, Simone Piazzola, Adrianne Pieczonka, Anna Prohaska, Xavier Sabata, Fabio Sartori, Nadine Sierra, Nina Stemme, Lauri Vasar, Rolando Villazón, Michael Volle sowie Kwangchul Youn.

 

2017/18 KONZERTPROGRAMM

Die Staatskapelle Berlin spielt in Berlin 16 große Sinfoniekonzerte mit acht Programmen – erstmals wieder im Opernhaus Unter den Linden sowie in der Philharmonie. Acht von ihnen stehen unter der Leitung von Daniel Barenboim. Die weiteren großen Orchesterkonzerte werden geleitet von Antonio Pappano, Zubin Mehta, Christoph von Dohnányi und François-Xavier Roth. Als Solisten sind Maurizio Pollini (Klavier), Renaud Capuçon, Lisa Batiashvili (Violine) sowie die Sängerinnen und Sänger Anna Prohaska, Nadine Sierra, Anna Nechaeva, Lauren Michelle (Sopran), Marianne Crebassa (Mezzosopran), Bejun Mehta (Countertenor), Ian Bostridge, Francesco Demuro (Tenor), Thomas Hampson, Matthias Goerne (Bariton) und Alex Espositio (Bass) zu erleben.

Staatsoper Unter den Linden / Kay Keßner führt durch den Apollosaal © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Kay Keßner führt durch den Apollosaal © IOCO

Einen besonderen Auftakt der Konzertsaison bildet das Eröffnungskonzert des Musikfest Berlin am 31. August in der Philharmonie. Unter der Leitung von Daniel Barenboim spielt die Staatskapelle Berlin Anton Bruckners 8. Sinfonie. In der Spielzeit 2017/18 werden gleich zwei besondere Geburtstagskonzerte gefeiert: Am 15. November gibt Daniel Barenboim anlässlich des 75. Geburtstags ein Benefizkonzert zugunsten des Musikkindergartens Berlin e.V. in der Philharmonie. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und Weggefährten Zubin Mehta als Dirigent der Staatskapelle Berlin tritt Daniel Barenboim als Solist am Klavier in Erscheinung. 200 Jahre älter wird die Staatsoper Unter den Linden, die am 7. Dezember ihr 275-jähriges Bestehen feiert. Anlässlich dieses Jubiläums erklingen unter der Leitung von Daniel Barenboim Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Pierre Boulez sowie Richard Strauss, allesamt Komponisten, die auch selbst an der Staatsoper dirigiert haben.

Zum ersten Mal überhaupt wird James Levine die Staatskapelle Berlin am 31. Oktober 2017 in der Philharmonie bei Gustav Mahlers 3. Sinfonie dirigieren. Mit Mezzosopranistin Violeta Urmana sowie dem Staatsopernchor und dem Kinderchor.
Zu Gast sind außerdem die Wiener Philharmoniker – zunächst unter der Leitung von Zubin Mehta (81) mit Werken von Johannes Brahms, Joseph Haydn und Béla Bartók (7. Oktober) sowie bei den FESTTAGEN 2018 unter der Leitung von Daniel Barenboim mit Gustav Mahler (24. März). Darüber hinaus werden die Berliner Philharmoniker gemeinsam mit Simon Rattle als Gastorchester in der Staatsoper Unter den Linden ein Konzert mit Musik von Strawinsky und Rachmaninow geben (30. November). Die Staatskapelle wird im November mit drei Konzerten, geleitet von jungen Dirigenten wie Lahav Shani, Pablo Heras-Casado und Lorenzo Viotti, im Pierre Boulez Saal zu Gast sein (4., 9., 21. November).

Das Konzertprogramm der FESTTAGE 2018 steht ganz im Zeichen von Gustav Mahler und Claude Debussy. Nach der Eröffnung am 24. März durch die Wiener Philharmoniker, die bereits zum fünften Mal in Folge der Einladung nach Berlin nachkommen, gibt die Staatskapelle Berlin anlässlich des 100. Todestages von Debussy gemeinsam mit ihrem Generalmusikdirektor ein Konzert allein mit Werken dieses Komponisten (29. März). Auf dem Programm stehen seine »Fantaisie« für Klavier und Orchester mit Martha Argerich (77) als Solistin sowie sein monumentales Opus »Le Martyre de Saint Sébastien«, mit Anna Prohaska (Sopran), Marianne Crebassa (Mezzosopran), Anna Lapkovskaja (Alt) und Maria Furtwängler als Sprecherin sowie dem Staatsopernchor. Ihren Abschluss finden die FESTTAGE-Konzerte am 31. März in einem gleichfalls Debussy gewidmeten Duo-Recital von Martha Argerich und Daniel Barenboim.

 Staatsoper im Schillertheater / Hauptspielstaette bis Dezember 2017 © Thomas Bartilla

Staatsoper im Schillertheater / Hauptspielstaette bis Dezember 2017 © Thomas Bartilla

Die Konzerte zum Jahreswechsel finden am 31. Dezember 2017 und 1. Januar 2018 in der Staatsoper Unter den Linden statt, mit Beethovens 9. Sinfonie unter der Leitung von Daniel Barenboim auf dem Programm.
Im Pierre Boulez Saal kommt Schuberts Streichquartett-Zyklus zur Aufführung, gespielt vom Streichquartett der Staatskapelle Berlin (3. Dezember 2017, 7. Februar, 5. März, 13. Juni 2018). Die Konzertreihe »Preußens Hofmusik«, die Kammerkonzerte mit Mitgliedern der Staatskapelle Berlin, die Liedrecitals, die Kinder- und Chorkonzerte finden künftig wieder im Apollo-Saal der Staatsoper statt. Darüber hinaus gibt es Jubiläumskonzerte der Orchesterakademie und des Internationalen Opernstudios, ein »Klimakonzert« des »Orchester des Wandels«, Museumskonzerte im Bode-Museum und Konzerte in der Neuen Werkstatt. Fortgesetzt wird das Symposion »450 Jahre Staatskapelle Berlin« mit Betrachtungen zum »langen« 19. Jahrhundert.

GASTSPIELE DER STAATSKAPELLE BERLIN

Gastspiele führen das Orchester und ihren Generalmusikdirektor Daniel Barenboim im September 2017 in den Kulturpalast Dresden (4. September) sowie in die Philharmonie de Paris (9. und 10. September). 2018 stehen Auftritte im Musikverein Wien (7., 9. und 10. Mai) und bei den Salzburger Pfingstfestspielen (20. und 21. Mai) auf dem Programm sowie erneut eine Reise in die Ferne, nach Südamerika: Im Juli 2018 geht es nach Buenos Aires an das Teatro Colón.

Staatsoper Unter den Linden / Die Gänge der Lindenoper im Rang - Heute © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Die Gänge der Lindenoper im Rang – Heute © IOCO

NEUE WERKSTATT (NW)

Die Werkstatt im Schiller Theater, die sich in den vergangenen sieben Jahren als Ort für das zeitgenössische Musiktheater wie für Kinder- und Jugendoper etabliert hat, findet als »Neue Werkstatt« Unter den Linden ihre Heimat im historischen Orchesterprobesaal im Intendanzgebäude.

Grabstätte von Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Grabstätte von Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Eröffnet wird die Neue Werkstatt am 8. Oktober mit »Rivale«, einer Uraufführung von Lucia Ronchetti als Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden unter der musikalischen Leitung von Max Renne. Inszeniert wird die Kammeroper von Isabel Ostermann. Zum weiteren Programm der Neuen Werkstatt zählen die Uraufführung von »Abstract Pieces« von Manos Tsangaris als Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden (Uraufführung: 19. Mai 2018), die Premiere von Sommertag von Nikolaus Brass nach dem gleichnamigen Stück von Jon Fosse (R: Eva-Maria Weiss, ML: Max Renne, Premiere: 10. Februar 2018) sowie »Ein Portrait des Künstlers als Toter«, ein Projekt des italienischen Autors Davide Carnevali zusammen mit dem argentinischen Komponisten Franco Bridarolli (28. Juni 2018 | INFEKTION!). Für Menschen ab sechs Jahren ist Mike Svobodas Musiktheater für Kinder »Der unglaubliche Spotz« zu erleben (R: Marcin ?akomicki, Premiere: 24. November 2017). Ab dem 5. April 2018 bringt das Kinderopernhaus Lichtenberg in Kooperation mit der Staatsoper »Fanny! – Wer will mir wehren zu singen«, ein Musiktheater mit Kompostionen von Fanny Mendelsohn für Menschen ab acht Jahren, auf die Bühne.   IOCO VJ

—| IOCO Aktuell Staatsoper im Schillertheater |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere DIE KRÖNUNG DER POPPEA, 10.06.2017

Mai 16, 2017 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Theater Bielefeld

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

DIE KRÖNUNG DER POPPEA von Claudio Monteverdi
(L’INCORONAZIONE DI POPPEA)

Opera musicale // Libretto von Giovanni Francesco Busenello // In
italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

PREMIERE 10.06.17, 19:30 Uhr, Die nächsten Vorstellungen 20.06., 30.06., 02.07., 05.07.,, 11.07.2017

Ein Reich am Rande des Abgrunds: Von außen wie von innen ist Kaiser Nerones Herrschaft bedroht. Und dennoch bleibt die Anziehungskraft der Macht ungebrochen. Brennend vor Ehrgeiz umgarnt Poppea den Herrscher Nero, um den Platz an seiner Seite zu erobern – auch wenn die Nähe des unberechenbaren Tyrannen durchaus Gefahren birgt. Unglücklicherweise stehen sowohl Nerones Ehefrau Ottavia als auch sein Lehrer, der Philosoph Seneca, Poppeas skrupellosen Aufstieg zu Liebe und Macht im Weg und sind keineswegs gewillt, ihre gehobenen Positionen kampflos aufzugeben. Im Gegenteil: Angesichts des drohenden persönlichen wie politischen Untergangs klammert sich jeder an seine schwindenden Privilegien und verteidigt sie um jeden Preis.

Grabstaette Claudio Monteverdi © IOCO

Grabstaette Claudio Monteverdi © IOCO

Zum ersten Mal in der noch jungen Geschichte des Musiktheaters brachte Claudio Monteverdi mit Die Krönung der Poppea – anstelle eines mythischen – einen historischen Stoff auf die Opernbühne. Die intrigenreiche Handlung erzählt von Erotik, Macht und Moral sowie ihrem Missbrauch – Themen, die heute noch genauso brisant sind wie bei der Uraufführung vor fast 400 Jahren und wie in der römischen Antike, in der die Oper spielt. 2017 gilt es, ein wichtiges Jubiläum der Musikgeschichte zu begehen: Zum 450sten Mal jährt sich der Geburtstag Monteverdis, der schon zu Lebzeiten als Göttlicher Claudio und »Orakel der Musik« bezeichnet wurde. Wie verdient diese Beinamen sind, beweist Die Krönung der Poppea in aller Nachdrücklichkeit. Dieser frühe Beitrag zur Operngeschichte weist weit über die eigene Zeit hinaus auf ein durchkomponiertes Gesamtkunstwerk, in dem Musik, Wort und Dramaturgie eine vollkommene Einheit bilden.

Überraschend modern wirken die ausgefeilte psychologische Motivierung aller Charaktere, die geradezu filmische Überblendung der Szenen und das engmaschige Netz an dramaturgischen Vor- und Rückbezügen. Auch wenn Monteverdi nicht davor zurückschreckt, die kalt-berechnende Erotik Poppeas, die kindische Brutalität Nerones oder die selbstgefällige Moral Senecas auszustellen, denunziert er seine Figuren jedoch nie und wertet nicht. Er entwirft lediglich ein Kaleidoskop menschlicher Verhaltensweisen. Statt von Göttern oder dem Schicksal,wie in den vorher entstandenen Opern, wird in Monteverdis letztem Werk der Mensch von seinen Trieben beherrscht. Nur folgerichtig, dass der Komponist es ablehnte, die Oper mit der vom Librettisten Giovanni Francesco Busenello vorgesehenen Apotheose enden zu lassen, und stattdessen ein Liebesduett einforderte, das in seiner erotischen Anziehungskraft lange unübertroffen blieb.

»So geht’s meiner Ansicht nach immer schlimmer abwärts mit dem Reich.« Zwei Soldaten sprechen heimlich untereinander aus, was alle wissen und doch niemand offen zu sagen wagt: Nerones egozentrische Regierungsführung hat alle an den Rand der Katastrophe geführt, Aufstände bedrohen das römische Reich von außen, moralischer Verfall, Korruption und Vetternwirtschaft zerfressen es von innen. Wie das Gefühl, in einem permanenten Ausnahmezustand zu leben – stets in Erwartung der persönlichen oder universellen Katastrophe –, das menschliche Verhalten beeinflusst, interessiert das Team um Regisseurin Nadja Loschky besonders. Im Bühnenbild von Ralf Käselau und den Kostümen von Gabriele Jaenecke spiegeln sich Dekadenz und Verfall einer untergehenden Diktatur sowie die unerbittliche Ausweglosigkeit des apokalyptischen Zustandes. Nach Puccinis Madama Butterfly und Brittens Death in Venice, die ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Kostümbildnerin Gabriele Jaenecke entstanden, ist Die Krönung der Poppea Nadja Loschkys dritte Inszenierung am Theater Bielefeld. In beiden erhaltenen Partituren der Krönung der Poppea ist der Orchesterpart nur in einem Notensystem notiert. Jede Aufführung stellt daher schon allein in der Entscheidung für eine Orchesterbesetzung eine Interpretation des historisch Überlieferten dar. Aus Mitgliedern der Bielefelder Philharmoniker formiert Kapellmeister Merijn van Driesten, Bielefelds Spezialist für historisch informierte Aufführungspraxis, ein Barockensemble bestehend aus Blockflöte, Trompeten, Schlagzeug, Harfe, Gambe, Theorben, Cembali, Orgel und solistisch besetzten Streichern. Mit intensivem musikalischen wie sprachlichen Stilcoaching durch ausgewiesene Kenner der Alten Musik bereiten sich die Bielefelder Philharmoniker wie auch die Sänger auf die besonderen Erfordernisse dieses Meisterwerks der venezianischen Oper des 17. Jahrhunderts vor.

Mit Ausnahme der Countertenor-Partie des Nerone besetzt das Theater Bielefeld alle Rollen aus dem Ensemble. Der amerikanische Countertenor Ray Chenez gibt hier sein Rollendebüt als Nerone. Cornelie Isenbürger nutzt als Poppea all ihre Verführungskraft, um an die Macht zu gelangen. In der Kaiserin Ottavia, gesungen von Melanie Kreuter, findet sie eine ihr im politischen Ränkespiel ebenbürtige Gegnerin. Auch Moon Soo Park als Seneca gelingt es nicht, Nerone zur Räson zu bringen. Als verstoßener Geliebter Poppeas, Ottone, gerät Evgueniy Alexiev zwischen die Fronten. Die Götter, die Dienergestalt annehmen, werden dargestellt von Katja Starke (Fortuna / Arnalta), Nohad Becker (Virtù / Die Amme) und Dorine Mortelmans (Amor / Damigella). Für heitere und liebevolle Momente sorgen Nienke Otten als in Ottone verliebte Drusilla und Hasti Molavian als Valetto. Lianghua Gong in den Rollen Liberto und Lucano sowie Caio Monteiro als Mercurio und Liktor stehen Nerone treu zur Seite. Mitglieder des Herrenchores des Bielefelder Opernchores übernehmen solistisch die Rollen der Soldaten, der Angehörigen des Seneca, der Konsuln und Tribune.

MUSIKALISCHE LEITUNG
Merijn van Driesten ist Kapellmeister und Studienleiter am Theater Bielefeld. Der gebürtige Niederländer studierte zunächst Klavier in Utrecht und Amsterdam sowie bei E. Koroliov in Hamburg. Nach einer freischaffenden Tätigkeit als Kammermusiker, Liedbegleiter und Dozent am Musikseminar Hamburg studierte er Dirigieren bei Prof. Christoph Prick an der Hamburger Musikhochschule. Ab 2007 arbeitete Merijn van Driesten an verschiedenen Theatern als Kapellmeister und Repetitor, wo er ein großes Repertoire an Bühnenwerken und Konzertliteratur spielte und dirigierte. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Aufführungspraxis barocker und klassischer Musik, die er oft am Cembalo begleitet. Am Theater Bielefeld leitete er neben vielen Vorstellungen (z. B. Così fan tutte, Die Fledermaus, Tosca, Madama Butterfly und Die Zauberflöte) viele Kinderkonzerte und Opernproduktionen, darunter Händels Xerxes, die Wiederaufnahme von Tannhäuser und in 2016 die erfolgreiche europäische Erstaufführung von Dog Days des amerikanischen Komponisten David T. Little. Außerdem leitet er seit 2011 das Sinfonieorchester Paderborn.

INSZENIERUNG
Nadja Loschky, Jahrgang 1983, studierte Musiktheaterregie an der HfM »Hanns Eisler« in Berlin. Parallel zu ihrem Studium arbeitete sie bereits als Assistentin von Hans Neuenfels und als freie Regisseurin an den Städtischen Bühnen Osnabrück. An diesem Theater erarbeite sie in den folgenden Jahren ihre ersten Inszenierungen im Bereich Kinderund Jugendtheater. 2006 wurde ihre Interpretation von Frieds Monooper Das Tagebuch der Anne Frank zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen. Es folgten weitere Engagements, unter anderem am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an ihre praktische Diplomprüfung 2009 inszenierte Nadja Loschky u. a. auch an der Komischen Oper Berlin, am Theater Heidelberg, am Opernhaus Zürich, am Theater Aachen und am Luzerner Theater. Neben ihrer Regietätigkeit ist sie projektbezogen auch als Dozentin an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« sowie der UDK Berlin tätig. Loschky hat bereits mehrfach sehr erfolgreich am Theater Bielefeld gearbeitet: Für ihre Inszenierung von Madama Butterfly wurde sie 2015 mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet. Zuletzt konnte man hier ihre Interpretation von Benjamin Brittens Death in Venice erleben, wofür sie in der jährlichen Kritikerumfrage des Fachmagazins Opernwelt eine Nennung in der Kategorie »beste Regie« erhielt. Ab der Spielzeit 2017/18 ist sie Hausregisseurin der Musiktheatersparte am Theater Bielefeld.

BÜHNE
Ralf Käselau, Jahrgang 1972, wuchs in Plön, Schleswig Holstein auf und studierte an der HdK Berlin in der Bühnenbildklasse von Achim Freyer. Nach seinem Abschluss assistierte er an der Schaubühne Berlin. Seit 2001 ist Ralf Käselau freiberuflich als Bühnen- und Kostümbildner für Schauspiel und Musiktheater tätig. Wichtige Stationen waren unter anderem das Schauspiel Frankfurt / Main, Deutsches National Theater Weimar, Theater Heidelberg, Schauspielhaus Zürich, Theater Basel und das Residenztheater München. Produktionen mit den Regisseurinnen Corinna von Rad, Anna-Sophie Mahler und dem Regisseur Lorenzo Fioroni. Die Krönung der Poppea ist seine erste Zusammenarbeit mit Nadja Loschky und seine erste Arbeit für das Theater Bielefeld.

KOSTÜME
Gabriele Jaenecke wuchs in Heidelberg auf und studierte später Bühnenbild und Kostüm an der Akademie der bildenden Künste in München. Eine langjährige Assistentenzeit bei Jürgen Rose rahmte dieses Studium. Seit 1979 hat sie als selbständige Bühnen- und Kostümbildnerin in den Bereichen Oper, Schauspiel, Tanz und Film ca. 180 Produktionen im In und Ausland gestaltet. Unter zahlreichen anderen Häusern finden sich die Staatsopern von München, Wien und Hamburg, die Opernhäuser von Köln, Leipzig, Düsseldorf, das Edinburgh Festival, das Mariinsky Theater St. Petersburg, das Teatro Sao Carlos in Lissabon, De Nederlandse Opera Amsterdam, die Opernhäuser von Bern, Luzern und Dublin, Berlin, London, Porto, Wiesbaden, Saarbrücken, Kassel, Bonn, Braunschweig und viele andere mehr. Ihre Arbeit führte sie zusammen mit den Regisseuren Johannes Schaaf, Tim Coleman, Andreas Homoki, Andras Fricsay, Kirsten Harms, Ludger Engels, Sandra Leupold, Philipp Kochheim und wiederum vielen anderen. Mit Nadja Loschky verbindet sie seit 2010 eine enge Zusammenarbeit. Seit 1992 geht sie auch unterschiedlichen Lehrtätigkeiten nach, u. a. bei der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin in der Musiktheaterregieklasse, an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee in den Abteilungen Modedesign und Bühnenbild/Kostüm, an der Technischen Universität Berlin und der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Seit 2014 ist sie Professorin für Kostümgestaltung an der Hochschule für bildende Künste Dresden. Am Theater Bielefeld stattete Gabriele Jaenecke zuletzt Webers Der Freischütz aus.

BESETZUNG
Poppea Cornelie Isenbürger, Nerone Ray Chenez, Nerones Vertrauter Thomas Wilhelm, Drusilla Nienke Otten, Ottavia Melanie Kreuter, Fortuna / Arnalta Katja Starke, Virtù / Die Amme Nohad Becker, Amor / Damigella Dorine Mortelmans, Valletto Hasti Molavian, Ottone Evgueniy Alexiev, 1. Soldat Dumitru-Bogdan Sandu, 2., Soldat Vladimir Lortkipanidze, Liberto / Lucano Lianghua Gong, Seneca Moon Soo Park, Mercurio / Liktor Caio Monteiro, Angehörige des Seneca Lianghua Gong / Krzysztof Gornowicz /, Lutz Laible / Seung-Koo Lim / Vladimir, Lortkipanidze / Caio Monteiro / Ramon, Riemarzik / Carlos Rivas / Dumitru- Bogdan Sandu, Konsuln Lianghua Gong / Seung-Koo Lim /, Dumitru-Bogdan Sandu / Krzysztof, Gornowicz / Carlos Rivas, Tribune Lutz Laible / Caio Monteiro / Ramon Riemarzik, Amori Nohad Becker / Dorine Mortelmans /, Nienke Otten / Katja Starke

BIOGRAFIE DES GASTSÄNGERS
Ray Chenez wurde in Lockport, NY (USA) geboren und schloss sein Gesangsstudium an der State University of New York in Fredonia und an der Florida State University ab. Er ist Gewinner des George London Awards, der Metropolitan Opera National Council District Auditions und weiterer Wettbewerbe.

Die New York Times nannte ihn eine »Luxusbesetzung«, Opera News schrieb, er habe »eine exzellente Verbindung zum Text, eine superbe Stimmkontrolle und eine makellose Aussprache«, und Opera Britannia, sein »dramatischer Sopran strotzt vor Potenzial.« Sein höchst erfolgreiches Europadebüt gab er in der Rolle der Marzia in Leonardo Vincis Catone in Utica neben Max Emanuel Cencic und Franco Fagioli. Weitere Rollen waren Nutrice und Amore in Luigi Rossis Orfeo unter Raphaël Pichon, Athamas in Händels Semele unter Stephen Stubbs, Cherubino in Le Nozze di Figaro, Achille in Luigi Cherubinis Ifigenia in Aulide und the Sorceress in Purcells Dido and Aeneas. In der Saison 2015/16 sang er erstmals ein Konzert in der Carnegie Hall mit Bernsteins Chichester Psalms und gab ein Solo- Konzert mit Vivaldis Nisi Dominus, begleitet von Mercury: The Orchestra Redefined. In vergangenen Saisonen gab er Konzerte mit dem Repertoire von Vivaldi, Händel, Bach und Bernstein. In der Saison 2016/17 debütierte er als Hunahpú in Purcells The Indian Queen unter dem Dirigat von Teodor Currentzis, nahm die Rollen als Lutrice und Amore in Luigi Rossis Orfeo wieder auf (an der Opéra National de Bordeaux, am Théâtre de Caen und an der Opéra Royal de Versailles) und sang erstmals in London, als Olinto in Hasses Demetrio (in der Cadogan Hall). Am Theater Bielefeld gibt er sein Rollendebüt als Nerone in Monteverdis L’Incoronazione di Poppea. PMThBi

Musikalische Leitung : Merijn van Driesten, Inszenierung : Nadja Loschky, Bühne : Ralf Käselau, Kostüme : Gabriele Jaenecke, Dramaturgie : Yvonne Gebauer // Anne Christine Oppermann

Mit Evgueniy Alexiev // Nohad Becker // Ray Chenez // Lianghua Gong // Cornelie Isenbürger // Melanie Kreuter // Hasti Molavian // Caio Monteiro // Dorine Mortelmans // Nienke Otten // Moon Soo Park // Katja Starke // Thomas Wilhelm

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