Mannheim, Nationaltheater, Der Troubadour – Il Trovatore, IOCO Kritik, 25.07.2019

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 DER TROUBADOUR – Giuseppe Verdi  

– Liebe und Rache –  In Zeiten des Krieges –

von Uschi Reifenberg

Kurz vor der Sommerpause setzte das NTM, das Nationaltheater Mannheim,  mit einer Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Der Troubadour einen phänomenalen Schlusspunkt nach einer glanzvollen, an Höhepunkten reichen Spielzeit und stellte wieder einmal seine herausragende Stellung in der Theaterlandschaft unter Beweis.

Il Trovatore gilt mit seiner verworrenen und widersprüchlichen Handlung, seiner langen und komplizierten Vorgeschichte und den dramaturgischen Ungereimtheiten als schwer inszenierbar und stellt so große Herausforderungen. Das Aufeinanderpallen polarer Leidenschaften von Liebe und Hass, Eifersucht und Opferbereitschaft, menschliche Abgründe in vielfacher Ausprägung, Kindesverwechslung, Unterdrückung, Menschen-verbrennung, Folter und Mord sowie das alles beherrschende Trauma der Rache, spitzen sich in Verdis Schauerdrama in einer unaufhaltsam Spirale der Ausweglosigkeit immer weiter zu.

Il Trovatore –  Giuseppe Verdi
youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Darstellung der entgrenzten Emotionen, die Fülle an melodischen Einfällen, hinreißende Solonummern, Ensembles und Chöre, sowie die Vielfalt an prägnanten und federnden Rhythmen, lassen den Troubadour bis heute auf der Beliebtheitsskala ganz oben rangieren.

Im Schaffen Verdis ist Il Trovatore stilistisch in der Mitte zwischen den genialen Spätwerken und der frühen Schaffensperiode einzuordnen. Mit Rigoletto und La Traviata bildet die Oper die sogenannte „trilogia popolare“ (populäre Trilogie), Höhe- und Wendepunkt in Verdis Schaffen, die ihm weltweite Anerkennung bescherte.

Verdis Weg zum italienischen Musikdramatiker im 19. Jahrhundert nimmt seinen Ausgang in der Tradition des frühromantischen Belcanto im Stil eines Bellini, Rossini oder Donizetti mit deren  artifiziellem Ziergesang, Trillern und Koloraturen. Verdis Bestrebungen galten aber zunehmend der psychologischen Durchleuchtung seiner Figuren, der musikalischen Umsetzung einer inneren Wahrheit, dramatischem Ausdruck und realistischer Darstellung auf der Bühne. Die Gesangstimmen transportieren in bis dahin nie gehörter Weise alle Facetten der menschlichen Seele, ihre Abgründe, Konflikte und Grenzerfahrungen.

Il Trovatore – Arie   Di quella pira – Irakli Kakhidze als Manrico
youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

1850 hatte Verdi das Drama El trovador (1836) des spanischen Literaten Garcia Gutierrez als Vorlage für eine neue Oper ins Auge gefasst. Er beauftragte Salvatore Cammarano, einen der damals begehrtesten Textdichter, mit dem ihn bereits eine frühere Zusammenarbeit verband, mit der Verfassung eines Librettos. Cammaranos starke Verkürzung und Komprimierung des Stoffes hatte zur Folge gehabt, dass das Endergebnis des Werkes als wenig befriedigend galt. Die Einteilung erfolgte in 4 Akte mit je zwei Bildern mit den Titeln: Das Duell, Die Zigeunerin, Der Sohn der Zigeunerin und Die Hinrichtung. Als Cammarano 1852 überraschend starb, wandte sich Verdi an den Schriftsteller Leone Emanuele Bardare, der die fehlenden Teile des 3. und 4. Aktes nach den vorliegenden Skizzen vollenden sollte. Auch das wiederum war einem einheitlichen Handlungsablauf nicht förderlich. Die Verdichtung der einzelnen Bilder und ihre lose Folge, gaben Verdi aber auch die Möglichkeit, deren Essenz musikalisch unmittelbar und focussiert zu gestalten und die Handlung zwischen die Akte zu verlegen.

Die Uraufführung 1853 im Apollo Teatro in Rom war einer der größten Triumphe der italienischen Aufführungsgeschichte und verbreitete sich in Windeseile in ganz Europa. Die historische Vorlage, El trovador, ist um 1410 in Spanien angesiedelt, als ein Thronfolgestreit um die Krone von Aragon zwischen den Häusern Urgel und Kastilien entbrannt war und die Gesellschaft in einem grausamen Bürgerkrieg tief gespalten wurde.

Zwei Brüder, Graf Luna und der Troubadour Manrico, deren Beziehung zueinander erst am Ende der Oper enthüllt wird, kämpfen in gegnerischen Lagern und lieben unglücklicherweise die gleiche Frau. Zentrale Figur in diesem obskuren Nachtstück aber ist die Zigeunerin Azucena, deren Leben nur noch um die unkontrollierbare Obsession der Rache kreist. Ihre Mutter wurde dereinst vom alten Grafen Luna auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Daraufhin raubte sie aus Rache eines der beiden Kinder von Luna und warf im Wahn versehentlich das eigene Kind statt des geraubten ins Feuer. Eben jenen Ziehsohn, den Rebellen und Sänger Manrico, den sie für ihren Rachefeldzug gegen den jungen Graf Luna instrumentalisiert und den sie dennoch abgöttisch liebt.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore -  hier :  Irakli Kakhidze als Manrico und Julia Faylenbogen als Acucena © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Irakli Kakhidze als Manrico und Julia Faylenbogen als Acucena © Hans Jörg Michel

Der renommierte Regisseur Roger Vontobel, der am NTM bereits mit großem Erfolg Verdis Aida und Beethovens Fidelio inszenierte, stellt in seiner Deutung des Troubadour den Topos des Scheiterhaufens ins Zentrum der Handlung. Auf der Bühne herrscht undurchdringliches Dunkel, nur spärlich erhellt vom Feuerschein, der auf übergroße Leinwände im Hintergrund gespenstische Schatten projiziert. Die albtraumhafte Atmosphäre wird bereichert durch starke hell-dunkel Kontraste in der beklemmenden Lichtregie von Frank Kraus. Nur wenn Azucena die Flammen des Scheiterhaufens heraufbeschwört, färbt sich das weiße Licht rot, ein magischer Effekt.

Eine kleine Drehbühne in der Mitte unterstützt die gelungenen Bildwechsel im variablen Einheitsbühnenbild von Claudia Rohnert. Die einzelnen Szenen sind zeitlich nicht definiert, das Geschehen changiert zwischen Archaik, Gegenwart oder auch Zukunft.

Vor dem Einsetzen der Musik kommt eine junge Frau im heutigen Outfit mit Jeans und Baseballkappe auf die Bühne, sie trägt ein in Tüchern gewickeltes Bündel auf dem Arm; ein Kleinkind? Das Heulen eines Sturmes ist zu hören, dann windet sich die Frau, lässt die Tücher fallen: sie sind leer!

Der Paukenwirbel beginnt, die junge Frau verwandelt sich nun in das „tanzende Trauma“, eine von Roger Vontobel eingefügte Kunstfigur, die in faszinierenden Choreografien (Zento Haerter) die Protagonisten begleitet, deren Seelenzustände verdoppelt, illustriert oder konterkariert. Nebelschwaden wabern im Raum, gezackte Holzscheite hängen bedrohlich von der Decke, symbolisieren den Scheiterhaufen, Kerkermauern oder formieren sich später auch zu einem riesigen Kreuz. Es herrscht trostlose Dunkelheit, ab und zu blitzt ein Licht auf. Soldaten sitzen auf der Drehbühne, sie sind kriegsversehrt, erinnern an den 1.Weltkrieg, mit bleichen Gesichtern, maskenhaft verfremdet, es fehlen ihnen Gliedmaßen.

Alle Personen sind vom Bürgerkrieg schwer gezeichnet, auch Graf Lunas Waffenbruder Ferrando hat nur noch einen Arm, seine Erzählung an die Soldaten ist eine Rückblende der vormaligen Geschichte des alten Grafen Luna, seiner beiden Söhne und der unseligen Zigeunerin, die zur Rächerin ihrer auf dem Scheiterhaufen verbrannten Mutter wird. Die Szene wird wieder von riesigen gruseligen Schattenbildern im Hintergrund bebildert.

Leonora, Objekt der Begierde der beiden verfeindenden Brüder, ist zunächst in Spiel und Gestik ein junges, verliebtes Mädchen, das mit einem Messer spielt und dieses trotzig mal gegen ihre Freundin Inez oder gegen sich selbst richtet, nichtsahnend, welch grausame Wendung ihr Schicksal nehmen wird.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore - hier :  Bartosz Urbanowicz als Ferrando und Ensemble © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Bartosz Urbanowicz als Ferrando und Ensemble © Hans Jörg Michel

Graf Luna erscheint nicht nur als die Inkarnation des Bösen, sondern wird ebenfalls von seinen Traumata beherrscht. Eine zweifelnde Gestalt, die zwischen seiner unglücklichen Liebe zu Leonora und dem Versprechen, den verschwundenen Bruder zu finden, hin-und hergerissen ist. Auch Manrico befindet sich in einer zwiespältigen Situation. Er ist der Rebell, der mit den Aufständischen gegen die Herrschenden kämpft und gleichzeitig der Troubadour, der mit der Kraft seiner Stimme eine Gegenwelt der Poesie und Schönheit in der grausamen Realität des Krieges schafft, aber von Leonora geliebt wird. Manrico und Luna ähneln sich auch äußerlich, sie haben die gleiche Frisur, Statur und Mantel, nichts ahnend von ihrer Herkunft.

Die einzigen Farbtupfer im düster dräuenden Dunkel sind Azucena und die Zigeuner mit ihren bunten und lebenslustigen Kostümen (Nina von Melchow). Diese handeln mit Arm-und Beinprothesen, ein einträgliches Geschäft in Zeiten des Krieges. Die alte Zigeunerin Azucena mit Gehstock und wirren grauen Haaren, quälen die immer gleichen wahnhaften Visionen vom Feuertod ihrer Mutter auf dem Scheiterhaufen und ihrer entsetzlichen Tat, das eigene Kind versehentlich ins Feuer geworfen zu haben.

Die Klosterszene wird wieder beherrscht vom Kontrast der gleißend weißen Kutten der Nonnen im dunklen Bühnenbild, das vom Schein der Kerzen schwach erleuchtet wird und der Szene eine sakrale Aura verleiht. Leonora, die sich vom schwärmerischen jungen Mädchen zur liebenden Frau entwickelt, ist bereit, den Opfertod für Manrico zu sterben und verspricht dem verhassten Luna, ihn zu lieben, wenn  dieser Manrico die Freiheit schenkt. – Eine Vorläuferin der Tosca 

Luna, der sich am Ziel seiner Wünsche wähnt, willigt ein. Ein beeindruckender Regieeinfall ist,  wenn Luna das Lager für sich und Leonora auf seinem mit Blumen übersäten Mantel vorbereitet.

Leonoras Opfertod entspringt keinem spontanen Entschluss, sondern wird immer wieder von Zweifeln und Momenten der Hoffnung überlagert. Die Flasche mit dem Gift trinkt sie erst nach langem Bangen und Zögern, eine psychologisch glaubhafte Haltung, die ihr fast antike Größe im Angesicht des nahenden Todes verleiht. Der Regie gelingt eine überwältigende Schlusswirkung,  wenn der jetzt rot leuchtende Scheiterhaufen unheilvoll die Schatten der Vergangenheit beschwört und Azucena in Erwartung ihrer und Manricos Hinrichtung in einer Wahnsinnszene über sich hinauswächst, während das Trauma sie fest umschlungen hält. Nachdem Manrico von Luna exekutiert wurde, nimmt das Trauma Luna in seinen Besitz, Azucena schleudert ihm ihren letzten Rache-Triumph entgegen: Er war dein Bruder!

Ein häufig kolportierter Ausspruch von Enrico Caruso lautet: „es ist sei, den Troubadour aufzuführen, man braucht lediglich die vier besten Sänger der Welt“. Das zeigt, welche immensen Anforderungen an die vier Hauptrollen gestellt werden. Das NTM besteht diese Herausforderung mit Bravour und punktet mit einem erlesenen Solisten-Quartett, das sich auf extrem hohem Niveau präsentiert und für eine Sternstunde im ausverkauften Opernhaus sorgt.

Der georgische Tenor Irakli Kakhidze ist als Manrico eine Idealbesetzung. Sein heldischer Tenor besitzt Schmelz, Kraft und Metall, er berührt in der lyrischen Arie „Ah! si, ben mio“ mit wunderbar phrasierten Bögen und inniger Verhaltenheit und darf anschließend seine Stretta an der Rampe stehend ins Publikum schmettern. Seine hohen C’s waren strahlend, leidenschaftlich und absolut mitreißend, was vom Publikum mit begeistertem Applaus honoriert wurde.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore - hier :  Miriam Clark als Leonore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Miriam Clark als Leonore © Hans Jörg Michel

Die Sopranistin Miriam Clark besticht mit einem beeindruckenden Rollendebüt der Leonora. Die junge Sängerin verfügt über einen weichen ausgeglichenen lyrischen und sehr beweglichen Sopran, der nach oben keine Grenzen zu kennen scheint. Mit ihren Koloraturen und Trillern in „D‘amor sull‘ ali rosee“ sorgte Miriam Clark für Gänsehauteffekt. Hinreißend Ihre hohen piano Töne, die fast unhörbar im Nichts verhauchen. Mühelos und mit verblüffender Präzision gerieten die halsbrecherischen Schwierigkeiten dieser Arie. Auf ihre weitere Entwicklung darf man gespannt sein.

Als Graf Luna überzeugte Evez Abdulla mit seinem kernigen, virilen und edel timbrierten Bariton sowohl als Schurke als auch in seinen introvertierteren und schwachen Momenten. In der  Arie “Il balen“, brachte er alle Facetten einer klangschönen und höhensicheren Stimme zur Geltung. Die Zigeunerin Azucena wurde von Julia Faylenbogen mit Magie, Dämonie und der nötigen Portion Fanatismus ausgestattet. Ihr voluminöser Mezzo trägt ideal im tiefen Register und steigerte sich auch in den Höhen zu dramatischem Ausdruck und großer Expressivität.

Bartosz Urbanovic füllte die Rolle des Ferrando mit tragfähigem, sonorem Bass wunderbar aus und gestaltete seine Erzählung am Anfang spannungsgeladen und mit perfekter Diktion. Natalija Cantrak als kraftvolle Inez, Koral Güvener als wohlklingender Ruiz, sowie Xuecheng Zhang als Bote und Daniel Claus Schäfer als Zigeuner überzeugten ebenfalls in ihren Rollen. Wie zuletzt die fabelhafte Trauma-Tänzerin Delphina Parenti, die der Handlung einen spannenden und schillernden Aspekt hinzufügte.

Roberto Rizzi Brignoli am Pult entlockte dem bestens disponierten Nationaltheater Orchester nicht nur das lodernde Feuer der typisch schwungvoll – federnden Verdi Rhythmen, es gelangen ihm auch groß angelegte Steigerungen mit rasanten Tempowechseln, fein gesponnene, schwebende  Melodiebögen, sensibel durchgehörte Übergänge in den lyrischen Szenen und eine wunderbar einfühlsame Grundierung der Gesangsstimmen. Der Chor unter der Leitung von Danis Juris präsentierte sich homogen, differenziert und klangschön in jeder Szene.

Begeisterungsstürme, Jubelrufe und tosender Applaus nach einer grandiosen Opernpremiere.

Der Troubadour am Nationaltheater Mannheim; die nächsten Vorstellungen 15.9.;  22.9.; 28.9.; 5.10.2019

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Il trovatore – Giuseppe Verdi, 13.07.2019

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Il trovatore / Der Troubadour – Giuseppe Verdi

Premiere  Samstag, 13. Juli  2019

Als Geschichte eines großen Traumas und zerstörerischer Missverständnisse inszeniert Regisseur Roger Vontobel Giuseppe Verdis Oper Il trovatore / Der Troubadour und stellt dabei den angsteinflößenden Blick auf das Fremde in den Mittelpunkt. Claudia Rohner gestaltet die Bühne, Nina von Mechow die Kostüme. Die musikalische Leitung hat Roberto Rizzi Brignoli.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Das erlesene Sängerensemble setzt sich aus Irakli Kakhidze als Manrico, Miriam Clark als seiner Geliebten Leonora und Evez Abdulla als seinem Rivalen Graf Luna zusammen sowie außerdem aus Julia Faylenbogen als Azucena, der vermeintlichen Mutter Manricos, Bartosz Urbanowicz als Hauptmann Ferrando und Natalija Cantrak sowie Koral Güvener aus dem Opernstudio. Das Trauma verkörpert die Tänzerin Delphina Parenti.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Weitere Vorstellungen finden am 18., 21. und 25. Juli sowie in der kommenden Spielzeit ab 15. September statt.

Karten sind ab 12 Euro (ermäßigt 9 Euro) erhältlich.

 

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjiew, IOCO Kritik, 02.03,2019

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Die Liebe zu drei Orangen  – Sergei Prokofiew

– Ein Puppenspieler und andere fantastische Gestalten –

 von Uschi Reifenberg

Bühne frei für Sergei Prokofiews satirische Märchenoper Die Liebe zu drei Orangen, zur Zeit eine der originellsten Produktionen am Mannheimer Nationaltheater. Mit der Wiederaufnahme aus dem Jahr 2014 in der Inszenierung der fabelhaften Cordula Däuper, besitzt das Nationaltheater einen langjährigen Publikumsrenner in seinem umfangreichen Repertoire.

Sergei Prokofiews märchenhaftes Werk strotzt vor überraschendem Witz und skurrilen Charakteren. Parodie, Ironie und Groteske treffen auf Fantastisches, Komisches und Irreales und verschmelzen zu einem vielschichtigen und symbolhaften Spektakel, das gleichzeitig einen theaterästhetischen Diskurs thematisiert.

Die Oper geht zurück auf eine Fabel aus der Märchensammlung Pentamerone von Giambattista  Basile aus dem Jahr 1635, die hundert Jahre später der Dichter Carlo Gozzi aufgriff und daraus eine Komödie im Stil der Commedia dell’arte schuf.

Die Liebe zu den drei Orangen  –  Sergej Prokofjiew
Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Gozzi wollte die Commedia  dell’arte, die in der Renaissance Ihre Blütezeit erlebte, vor dem Verfall retten, im Gegensatz zu seinem Widersacher Carlo Goldoni, der einen natürlichen bzw naturalistischen Theaterstil einforderte. Mit Gozzi und Goldoni trafen zwei unterschiedliche Positionen aufeinander, zum einen das improvisierte Masken- und Typentheater, zum anderen eine „an den Gedanken der Aufklärung orientierte realistische Wirklichkeitsreflexion“ (Programmheft).

1913 knüpfte der bedeutende russische Regisseur Wsewolod Meyerhold, einer der wichtigsten Vertreter des revolutionären russischen Theaters an Gozzis Ideen vom Theater aus dem Geist der Commedia dell’arte an und arbeitete dessen Stück Die Liebe zu den drei Orangen zu einem szenischen Divertissement um. Meyerhold beeinflusste mit seinen Thesen eines  antinaturalistischen Theaters beispielsweise auch Bertold Brecht, Erwin Piscator, Jerzy Grotowski oder Luigi Pirandello.

Der Komponist Sergei Prokofiew, als Musiker immer am Puls der Zeit, begegnete 1917 Meyerhold und beschloss, aus besagtem Stück eine Oper zu schaffen. Als Avantgardist wandte er sich bewusst gegen die Opernkonventionen des späten 19. Jahrhunderts mit ihrer Mystik und ihrem romantischen Pathos Wagnerscher Prägung. Die Liebe zu drei Orangen reizte Prokofiew nicht nur aufgrund seiner Mischung aus Scherz und Satire, sondern auch „wegen seiner szenischen Wirksamkeit“ (Prokofiew).

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen © Hans Joerg Michel

1918 verließ Prokofiew nach der Oktoberrevolution Russland und reiste in die USA, wo er von der Chicagoer Oper den Auftrag erhielt, ein Werk zu komponieren. Er bearbeitete Meyerholds Text als Libretto, versah es mit Bühnenanweisungen und beendete die Komposition 1919. Zwei Jahre später erfolgte die Uraufführung an der Oper Chicago mit großem Erfolg und läutete damit auch einen Richtungswechsel des modernen Musiktheaters ein.

Träger der märchenhaften Musikkomödie ist das farbenreiche Orchester, welches jede szenische Aktion bis ins feinste Detail hörbar macht. In atemlosen Tempo wechseln rhythmische, instrumentale und harmonische Einfälle. Dissonanzen und bohrende Motorik, spezielle Klangeffekte, filmmusikartige Schnitte, bizarre Charakterisierungen und leitmotivische Floskeln sorgen für Hochspannung. Auf Arien oder Ensembles wird bewusst verzichtet zugunsten eines deklamatorischen Gesangstils.

Der Verschmelzung von Surrealem und Realem sowie dem Ineinandergreifen der verschiedenen Schichten entsprechen die drei verwobenen Handlungsebenen der Oper, nämlich die Personen aus dem Märchen (Prinz, Truffaldino...), die der unterirdischen Mächte (Zauberer)  und die der Sonderlinge. Das sind die widerstreitenden Fraktionen, von denen jeder die eigene Vorliebe auf dem Theater verwirklicht sehen möchte, die Tragiker, die Komiker, die Lyriker, die Hohlköpfe, allesamt vom Komponisten geistreich karikiert.

Die Vermischung der Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum wird bereits vor Beginn des eigentlichen Stückes erfahrbar, wenn sich schwarz gekleidete Akteure auf der offenen Bühne einfinden und das Theaterpublikum spiegeln.

Bühnenbildner Ralf Zeger hat das Halbrund eines Amphitheaters geschaffen mit ansteigenden Treppensitzen, in dessen manegenartiger Mitte ein kleines Puppentheater steht. Der Chor, bzw das Publikum nimmt nach und nach auf den Stufen Platz und separiert sich in die erwähnten fünf Fraktionen, die immer wieder in das Geschehen eingreifen, kommentieren oder je nach Handlungsverlauf ihre eigenen Interessen einfordern.

Regisseurin Cordula Däuper beeindruckt mit einem Feuerwerk an Ideen, Puppentheater, Märchenspiel, Zirkusnummer, Commedia dell‘arte, alles gewürzt mit viel Situationskomik. Punktgenau werden die Figuren geführt, die unterschiedlichen Ebenen der Handlung präzise herausgearbeitet. Däuper bereichert ihre kunstvolle Inszenierung durch die eingefügte Figur des Puppenspielers, der alle Puppen auch selbst angefertigt hat und sie bespielt, sowohl die menschenähnlichen Marionetten als auch die riesige furchteinflössende Monsterpuppe der Zauberin Fata Morgana, die nebelumwabert, mit blutroten Glutaugen und riesigen Schaufelhänden für Gruseleffekte sorgt. Ein genialer Kunstgriff ist, einige Sänger durch Puppen zu verdoppeln, was einerseits Distanz schafft, aber auch die Gleichzeitigkeit verschiedener Bedeutungsebenen erlaubt. Das geschieht immer in perfekter Kongruenz mit den musikalischen Abläufen.

Der Puppenspieler kündigt die Aufführung von Goethes Faust an, beginnend mit dem „Vorspiel auf dem Theater“, aber die lächerliche Gruppe setzt das Stück Die Liebe zu drei Orangen durch. Das Puppentheater wird seitlich platziert, das Spiel kann beginnen.

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen - hier :  Bartosz Urbanowicz als der Zauberer Celio © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen – hier :  Bartosz Urbanowicz als der Zauberer Celio © Hans Joerg Michel

Der König ist untröstlich, dass sein einziger Sohn, der Prinz, an schwer zu behandelnden seltsamen Symptomen leidet, und in diesem Zustand nicht die Regierungsgeschäfte zu übernehmen imstande ist. “Hypochondriotische Verschleimung“ diagnostiziert der Arzt dem Prinz, den man als Marionette im Krankenbett liegen sieht. Die traurige Prinz-Puppe leidet so täuschend echt, dass man vor Mitleid zerfließen möchte. Als alleiniges Heilmittel gegen Dekadenz, Depression, Antriebslosigkeit, Deprivation, um nur einige der Symptome zu nennen, soll das Lachen als befreiendes Heilmittel zum Einsatz kommen. Der „richtige“ Prinz im Schlafanzug entpuppt sich als heilloser Hypochonder. Er jammert und greint und zieht seinen ganzen Hofstaat mit in sein Elend. Der König befiehlt den Spaßmacher Truffaldino als geeignete Therapiemaßnahme herbei. Dieser – ganz im Stil der Commedia dell‘arte ausstaffiert, versucht sein Bestes, aber vergebens. Ein königliches Fest, als Spassbad ausgerichtet, garantiertes Lachen inbegriffen, soll Abhilfe schaffen.

Allerlei skurrile Gestalten tummeln sich in diesem bizarren Panoptikum, eine dämonische Zauberin, ein Windgeist, ein Spaßmacher, eine maskuline Köchin mit riesiger Kelle und attraktive durstige Prinzessinen, die Orangen entsteigen. Die Figuren hat die Kostümbildnerin Sophie du Vinage in spektakuläre leuchtend bunte Kostüme gesteckt, mal im Commedia-Stil, mal in schrillem Haute Couture Outfit oder einfach nur  märchenhaft-fantasievoll verkleidet.

Um den Thron und gegen den Prinzen streiten auch Clarice, der zwielichtige Leander, sowie die Sklavin Smeralda, denen die dämonische Zauberin Fata Morgana zur Seite steht. Auf der Seite der Guten für Prinz und König kämpfen der Magier Tschelio, Farfallone, der Windgeist, Pantalone und natürlich der Harlekino alias Truffaldino.

Auf dem Fest des Königs verliert Fata Morgana bei einem Streit mit Truffaldino ihren Rock und steht in der Unterhose da, was endlich dem Prinzen das befreiendste Gelächter entlockt, das je für die Opernbühne komponiert wurde. Schadenfreude ist eben die schönste Freude! Aber Fata Morgana wäre nicht die Zauberin, für die sie berüchtigt ist, würde sie diese Schmach auf sich sitzen lassen. Sie schleudert dem Prinzen einen Fluch entgegen, er müsse sich in drei Orangen verlieben, und sich sofort auf die Suche nach ihnen machen. Tatsächlich beginnt der Prinz sich nach den Orangen zu verzehren und zieht mit Truffaldino von dannen. Sie werden vom Windgeist mit Sturmfrisur zur furchtbaren Köchin mit der alles vernichtenden Kelle geblasen, die über die drei Orangen wacht. Wie das umgesetzt wird, zeigt die beeindruckende Bühnentechnik des Opernhauses, ein weiterer schöner Effekt epischen Theaters.

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen - hier :   Michael Pietsch als Puppenspieler, Jelena Kordic als verruchte Smeralda © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen – hier :   Michael Pietsch als Puppenspieler, Jelena Kordic als verruchte Smeralda © Hans Joerg Michel

Die Köchin, eine hünenhafte, Bass- singende Matrone mit roten Haaren und überdimensionalem Kochlöffel kann überlistet werden und der Prinz entführt die Objekte seiner Begierde. Als die Orangen geöffnet werden, entsteigen den beiden ersten Früchten zunächst winzige Püppchen, die kurz vor dem Verdursten stehen, dann zwei wunderschöne Prinzessinnen, denen aber nicht mehr zu helfen ist. Es kommt wie es im Märchen kommen muss. In die dritte Prinzessin, Ninetta, verliebt sich der Prinz sogleich und will sie heiraten.

Bis es allerdings soweit ist, wird Ninetta erst noch in eine Ratte verwandelt, die man als Marionette bereits im ersten Akt bewundern durfte. Das Gute siegt, Ninetta wird wieder in ein hübsches Mädchen zurückverwandelt, die bösen Mächte werden verbannt und es kann Hochzeit im Königreich gefeiert werden. Ende gut, alles gut!

Der farbenfrohen, tempo- und effektreichen Szene entspricht das NTM Orchester unter der Leitung seines Dirigenten Matthew Toogood in idealer Weise. Den immens schwierigen Anforderungen der Partitur wird Toogood in jedem Moment gerecht und versteht es  darüberhinaus, alle Energien des hochmotiviert aufspielenden Klangkörpers zu entfesseln. Beeindruckend die präzisen und virtuosen Kapriolen der Holzbläser, die stringent peitschende Rhythmik, die genüsslich ausgestalteten Dissonanzen. Toogood lässt gekonnt den nötigen Raum für die Entfaltung von Kantilenen, um danach sofort wieder in den unerbittlichen Duktus der Prokofievschen Motorik zu wechseln. Dabei behält er in jeder Zeit die Kontrolle über die aktionsreichen Abfolgen von Orchester, Chor und Sänger.

Sung Ha verlieh dem Kreuz-König sowohl royale Würde als auch glaubhafte Verzweiflung über die Melancholie seines Sohnes und überzeugte in jedem Moment mit seinem prachtvollen weichen Bass. Juraj Holly war als Prinz mit nuancenreichem, tragfähigem Tenor nicht nur umwerfend komisch, er gestaltete auch die Entwicklung vom labilen Weichei zur selbstbestimmt liebenden Persönlichkeit mit großer Ausdruckskraft.

Als lustige Figur Truffaldino war Raphael Wittmer mit lebendigem Spiel, komödiantischem Eifer und viel tenoralen Glanzpunkten eine Idealbesetzung. Die Wandlungsfähigkeit von Thomas Jesatko ist immer wieder staunenswert. Den zwielichtigen  Leander stattete er mit baritonaler Belkanto-Dämonie aus, und gab der Figur auch ausreichend kriminelle Energie. Nikola Diskic sang den Pantalone mit klangschönem Bariton und Profilschärfe, als Zauberer Celio zog Bartosz Urbanowicz alle darstellerischen Register und überzeugte mit kultivieren Basstiefen.

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen - hier :  Natalija Cantrak als Prinzessin Ninetta, Puppenspieler Michael Pietsch, Juraj Holly als Prinz © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Liebe zu den drei Orangen – hier : Natalija Cantrak als Prinzessin Ninetta, Puppenspieler Michael Pietsch, Juraj Holly als Prinz © Hans Joerg Michel

Die imposante Köchin von Patrik Zielke schwang ihren Kochlöffel bedrohlich wie einen Hammer, faszinierte aber auch mit heldischem Bass. Der Windgeist Farfarello von Ilya Lapich war stimmlich als auch darstellerisch absolut rollendeckend. Die Damenriege stand den Herren lediglich zahlenmäßig nach. Sorgte das Erscheinen der Riesenpuppe Fata Morgana für Gänsehauteffekt, so fand Ludovica Bello als Double zu ihrer dämonisch-suggestiven Darstellung mühelos auch die nötigen dramatischen Spitzentöne. Julia Faylenbogen war als Kontrahentin Clarice ideal im Spiel und wartete mit satten Mezzo- Farben auf, ebenso gefiel Jelena Kordic als verruchte Smeralda.

Die zarte Orangen Prinzessin Ninetta wurde von Natalija Cantrak mit silbernen Sopran Spitzen ausgestattet, auch Julia Müller-Wolthuis und Gudrun Hermanns als verdurstende Prinzessinen gaben ihren kleinen Rollen anrührende Innerlichkeit. Viel Applaus für Michael Pietsch, der als Puppenspieler von Anfang bis zum Ende alle Fäden in der Hand hielt. Hervorragend der von Danis Juris einstudierte Chor, dem nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch eine Hauptrolle zukam!

Jubel und Begeisterung im ausverkauften Opernhaus, vor allem auch von den jüngeren Zuschauern.

Die Liebe zu den drei Orangen im NTM:  Die  Termine der laufenden Spielzeit 2.3.; 21.3.2019

 

Mannheim, Nationaltheater, La Cenerentola – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 07.01.2019

Januar 8, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

La Cenerentola – Gioacchino Rossini

– Brautschau mit Hindernissen –

Von Uschi Reifenberg

Es war einmal ein berühmter italienischer Opernkomponist im 19. Jahrhundert mit dem Namen Gioacchino Rossini, der sich entschloss, einen der schönsten Märchenstoffe zu einer Oper zu verarbeiten, nämlich die Geschichte vom Aschenputtel, italienisch La Cenerentola.

La Cenerentola – Als phantastisch-bunte Familienoper 

Für Kinder ab acht Jahren, aber dennoch „Eine Märchenoper für viele Generationen“ wie im Programmheft zu lesen ist, brachte das NTM in einer rundum gelungenen Produktion vom Konzert Theater Bern in der Inszenierung von Cordula Däuper, Neueinstudierung: Claudia Plaßwich, auf die Bühne des Opernhauses ( Premiere: 1.11.17). Wenn man am Ende der Vorstellung glücklich und beschwingt das Theater verlässt, bedauert man in der Tat, dass dies die letzte Aufführung in dieser Spielzeit gewesen ist…

Der komplexe und viel verarbeitete Aschenputtel Stoff hat durch die Jahrhunderte nichts von seiner Faszination und Beliebtheit eingebüßt und bewegt bis heute die Gemüter von Jung und Alt. 1697 erscheint in Frankreich Charles Perraults bedeutende Märchensammlung, in welcher die Geschichte vom Aschenputtel unter dem Titel Cendrillon erstmalig erwähnt ist.

La Cenerentola   –  Gioacchino Rossini
Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

1812 veröffentlichen die Gebrüder Grimm in Deutschland ihre weltberühmte Sammlung, das Märchen vom Aschenputtel weicht bei den Brüdern von der französischen Urfassung lediglich in Details ab, auch Ludwig Bechstein übernahm den Stoff 1845 in sein Deutsches Märchenbuch. Der Walt- Disney Zeichentrickfilm Cinderella gelangte 1950 zu Weltruhm, der 1973 produzierte tschechische Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel erlangte ebenfalls Kultstatus.

2015 nahm sich Hollywood noch einmal der Aschenputtel Story an, die Walt- Disney-Studios produzierten unter der Regie von Kenneth Branagh eine vielgelobte Neuverfilmung, besetzt mit hochkarätigen Schauspielern.

Unter den zahlreichen Opern-Bearbeitungen des Aschenputtel Stoffes wie beispielsweise der frühen Vertonung von 1759 durch Jean-Louis Laruette Cendrillon, bis zu Cinderella von Peter Maxwell Davies im Jahre 1980, ist zweifellos Gioacchino Rossinis komische Oper in zwei Akten die bedeutendste und populärste Adaption.

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini ( 1792-1868), einer der produktivsten und flexibelsten Komponisten des italienischen Belcanto und unangefochtener Meister der Opera buffa, erlangte bereits im Alter von 24 Jahren Weltruhm mit einem seiner Meisterwerke, dem Barbier von Sevilla, der ein Jahr vor Cenerentola uraufgeführt wurde. Rossini schuf innerhalb von 19 Jahren 39 Opern, die in ganz Europa gefeiert wurden und führte die Gattung der Opera buffa im 19. Jahrhundert zugleich zum Höhe- und Endpunkt, bevor die Musikdramatiker Wagner und Verdi die führende Rolle in der Opernwelt übernahmen. Ab 1829 zog er sich vom Opernschaffen weitgehend zurück, widmete sich der Lehrtätigkeit sowie auch seiner vielgerühmten Kochleidenschaft und komponierte nur noch vereinzelt Kammermusik.

La Cenerentola ossia la bontà in trionfo, Aschenputtel oder der Triumph der Herzensgüte, wie der komplette Titel lautet, wurde in 24 Tagen komponiert und 1817 in Rom uraufgeführt, die Komposition basiert auf dem Libretto von Jacopo Ferretti nach der Märchenfassung von Charles Perrault. Die Oper verzichtet gegenüber dem Märchen auf Magisches und Mystisches und stellt das Element des Komischen in den Vordergrund. Die gute Fee wird beispielsweise durch den Pädagogen Alidoro ersetzt, es gibt auch keinen Kürbis, der sich in eine Kutsche verwandelt, und der alles entscheidende Ballschuh wird bei Rossini in einen Armreif getauscht, in der Mannheimer Produktion wird er dann allerdings doch wieder zum Schuh…

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Die Inszenierung von Cordula Däuper besticht durch eine perfekt ausgefeilte Personenführung, angereichert mit reichlich Comedy und Slapstic und setzt auf herrlich ironisch-groteske Überzeichnung der Figuren im Stil der Commedia dell’ arte. Däuper überrascht mit einer an Walt Disney orientierten Ästhetik, und zitiert beispielsweise das berühmte Schloss aus dem Cinderella Film, für welches Neuschwanstein Pate stand. Nicht Deutung, sondern lustvolle Unterhaltung steht im Vordergrund. Zauber- und Märchen-Requisiten kommen an passenden Stellen zum Einsatz, wo sie für jene magischen Momente sorgen, die vor allem bei den jüngeren Zuschauern für hörbares Vergnügen sorgen: eine fliegende prunkvolle blaue Kutsche mit Zauberpferd, ein Goldesel, ein großer roter Damenschuh oder ein hinreißendes weißes Ballkleid, das vom Himmel direkt in Aschenputtels Arme herabschwebt oder riesige gemalte Tauben, die in die Wolken flattern.

Die Sänger- Darsteller agieren virtuos, mit ausgelassener Spielfreude und atemberaubendem Tempo, scheinen selbst in den Sog der Rossini-Musik zu geraten, in welchen sie das amüsierte Publikum gekonnt mit hineinziehen. Während der Ouvertüre sieht man ein überdimensionales Buch, dessen Seiten von Cenerentola und dem „Spiritus rector“ Alidoro aufgeschlagen werden. Eine große, verzierte Texttafel als unverzichtbarer Bestandteil des Bühnenbildes liefert nicht nur den laufenden Text in Deutsch-, gesungen wird in italienischer Sprache-, sondern kommentiert auch in witziger Weise das Bühnengeschehen, die Geschichte kann also beginnen:

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Die Schwestern Clorinda und Tisbe, zwei zickige Gören, hausen zwischen herumliegenden Holzbrettern und einem herabgefallenen Kronleuchter im abbruchreifen Hause ihres überschuldeten Vaters Don Magnifico (Bühne: Ralph Ziegler) und streiten sich um die Vorzüge ihrer Schönheit und Begabung. Sie haben angesagte Frisuren, schrillen Kopfschmuck und tragen opulente quietschbunt- aufgeblähte Ballkleider (Kostüme: Sophie du Vinage), jederzeit abrufbereit für den potenziellen Prinzen, der sie vom Fleck weg heiratet. Ihre Stiefschwester Cenerentola alias Angelina hingegen, mit üppiger Blondmähne, in Fetzen gewandet, wird als Dienstmagd gehalten und übel gemobbt.

Don Magnifico, ein abgehängter trotteliger Adliger in Unterwäsche und Krawatte, träumt von einem Goldesel, der ihn vor der drohenden Insolvenz rettet und prompt steigt ein Esel aus der Versenkung hinauf in den Bühnenhimmel, aus dessen Hinterteil Goldstücke herabfallen und die Wohnstube überfluten. Schon kündigt sich die Erfüllung des Glückstraumes der sozial Entrechteten an, denn der Prinz des Landes, Don Ramiro, sucht eilig eine Frau und lädt alle Schönen auf einen Ball in sein Schloss. Die Schwestern sind absolut siegessicher, auserwählt zu werden, auch der Vater wähnt sich am Ziel seiner Wünsche. Zuvor aber will der junge Prinz mit Goldkrone auf dem blondgelockten Haupt noch testen, ob die künftige Gefährtin nicht nur Schönheit, sondern auch Herzensbildung besitzt und er nicht nur wegen seines Ranges, sondern um seiner selbst Willen geliebt wird. Also tauscht er mit seinem Diener Dandini die Kleider und den Status und begibt sich in das Haus von Don Magnifico. Dandini ist ein cooler Machotyp mit hippem hochfrisiertem Hairstyling und genießt die Freiheiten, die ihm der Rollentausch erlaubt. Im Hause von Don Magnifico trifft der Prinz in seiner Verkleidung auf die Dienstmagd Aschenputtel und die beiden verlieben sich auf der Stelle. Clorinda und Tisbe machen sich zum Ball bereit, verleugnen aber Aschenputtel und verbieten ihr vehement, sie zu begleiten. Der kluge Strippenzieher Alidoro, ein Intellektueller mit Strickmütze, verspricht ihr zu helfen.

Im Palast des Prinzen angekommen, wird Don Magnifico zugleich zum königlichen Weineinschenker ernannt, da er sich bereits durch den Weinkeller des Prinzen gezecht hat und sein Amt – schwer angeheitert- auf einem überdimensionalen Fass sitzend, fröhlich ausübt. Die beiden Schwestern umwerben heftig den Prinzen alias Dandini, da erscheint auf dem Fest eine unbekannte verschleierte Schönheit in einem traumhaften Ballkleid, deren Ähnlichkeit mit Aschenputtel alle verblüfft und für heillose Verwirrung sorgt.

Der vermeintliche Prinz umwirbt die unbekannte Schöne, diese bekennt jedoch, bereits einen anderen zu lieben. Als Ramiro, der die Situation belauscht hat, ihr einen Heiratsantrag macht, lehnt sie ab. Sie überreicht ihm ihren roten Schuh, und fordert ihn auf, sie zu suchen. Aschenputtel wagt hier den Schritt aus Unterdrückung und Abhängigkeit, der ihr den sozialen Aufstieg ermöglicht kann und sie zur selbstbestimmten, liebenden Frau reifen lässt. Dandini und Ramiro schlüpfen nun wieder in ihre wahren Identitäten, die anderen Familienmitglieder müssen zu ihrem Ärger feststellen, leider die Falschen umworben zu haben.

Der echte Prinz macht sich in einer prunkvollen blauen Pferdekutsche auf, seine Angebetete zu suchen, die Kutsche samt Pferd erhebt sich daraufhin wie von Zauberhand geführt in die Lüfte und entschwebt.

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Ein Gewittersturm bricht herein, infolgedessen die Zauberkutsche aus der Flugbahn geraten ist, der Prinz und Alidoro flüchten sich ins Haus von Don Magnifico, um Schutz zu suchen. Dort erkennt Ramiro sofort Aschenputtel wieder und steckt ihr den zweiten roten Schuh an den Fuß. Nun wird Hochzeit gefeiert, das Brautpaar darf – siehe FOTO oben – lilafarben umstrahlt- (Licht: Christian Wurmbach), gefeiert vom Volk, in das rosafarbene Walt Disney Schloss einziehen. Die neidische Verwandtschaft- in schwarzer Trauerkleidung und Sonnenbrille- scheint zunächst dazu verdammt zu sein, den Glanz des Traumpaares nicht nur zu bewundern, sondern auch dafür zu sorgen, dass dieser nicht verblasst. Zähneknirschend polieren und putzen sie nun an der Fassade von Aschenputtels neuer prachtvoller Behausung.

Aber die frisch Vermählte in ihrem Glück, verzichtet auf Rache und verzeiht großmütig ihrem Vater und den Stiefschwestern. Nun gibt es für alle ein rauschendes Happy End und wenn sie nicht gestorben sind …, dann sehen wir sie in der nächsten Spielzeit wieder.

Das Nationaltheater Orchester im erhöhten Graben entfaltet unter seinem Dirigenten Matthew Toogood einen federnden, transparenten und biegsamen Rossini Sound, mit bestechender rhythmischer Präzision, mitreißenden, aber immer kontrollierten Tempi und rauschhaften Steigerungen. Toogood bringt den Farbenreichtum der Rossinischen Partitur zum Blühen, vertraut der üppigen Melodik und zelebriert beglückend schwebende Koloraturen. Er setzt auf wohl dosierte Effekte, und dimmt, wenn nötig, das Orchester zugunsten der Solisten auf das entsprechende Klangniveau. Kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben sind zu verzeihen.

Als hübsches zierliches Blondpüppchen berührt Sofia Koberidze in der Rolle des Aschenputtel mit innigem Schmelz und glasklaren, akkuraten Koloraturen. Sie vermittelt glaubhaft die Entwicklung vom unscheinbaren Mauerblümchen zur gütigen selbstbewussten Frau.

Ludovica Bello als schlaksige hochgewachsene Tisbe ist eine Intrigantin wie aus dem Bilderbuch, mit ausdrucksstarker Mimik und Körpersprache, ihr flexibler Mezzo funkelt mühelos in allen Lagen. Ihre Schwester Clorinda als quirlige, kichernde Zicke mit albernem ausuferndem Kopfschmuck wird von Ji Yoon mit hauchzarten Silbertönen ausgestattet. Die anspruchsvolle Partie des Prinzen ist bei Christopher Diffey bestens aufgehoben, sein angenehm timbrierter lyrischer Tenor schwingt sich in höchste Höhen, die Koloraturen perlen fast immer locker und klar.

Joachim Goltz zieht als Vater Don Magnifico alle Register seines komödiantischen Talents. Der vielseitige Bariton überzeugt einmal mehr sowohl mit kraftvollen heldischen Ausbrüchen als auch mit spielerischer Leichtigkeit. Die meisten Lacher erntet Ilya Lapich in der Rolle des Dieners Dandini, er beherrscht nicht nur alle Tanzstile von barock bis Luftgitarre, sondern amüsiert auch als buffoneske Figur par excellence mit edlem, weichen Bariton. Der Lehrmeister des Prinzen, Alidoro, wird von Dominic Barberi mit satten Basstiefen überzeugend ausgestattet. Der Herrenchor unter der Leitung von Dani Juris lässt auch diesmal keine Wünsche offen.

Nach dieser umjubelten Vorstellung im ausverkauften Opernhaus am Silvester-Vorabend, blickt man mit Spannung auf weitere Sternstunden am Nationaltheater Mannheim im neuen Jahr 2019!

La Cenerentola:  Zur Zeit keine weiteren Termine am Nationaltheater Mannheim

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Nächste Seite »