München, Residenztheater, Das Erdbeben in Chili – Heinrich von Kleist, IOCO Kritik, 21.10.2020

Oktober 20, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Das Erdbeben in Chili   –   nach Heinrich von Kleist

– Die „schöne Blume“ des „menschlichen Geistes“? –

von Hans-Günter Melchior

„Ach, Heinrich. Wäre er nicht um so Vieles größer, man wagte die Hybris, ihm das Du anzubieten.“  —–  Was hatte Heinrich von Kleist nicht alles uns vorausgelitten. In keinem Fach, in keinem Beruf hielt er es aus. Und bei keiner Philosophie und Überzeugung. Wie wir Heutigen im Dickicht der Meinungen herumirrend.

Was hat man ihm nicht alles angedichtet – und dichtet ihm immer noch an. Die sogenannte „Kant-Krise“. Als ob es bei seiner, Kleists, Zweifelsnatur überhaupt Kants bedurft hätte. Es ist ja richtig: wer bei Kant auf der Suche nach der Wahrheit ist, verirrt sich leicht in der Wüste der Ratlosigkeit. Da gibt es die analytischen Urteile und die synthetischen Urteile a priori und a posteriori, die zwar einen empirischen Halt haben, sich letztlich sich aber doch nur darauf stützen können, wie die Dinge uns erscheinen. Während uns die Erkenntnis, wie die Dinge an sich, wirklich, sind, verschlossen bleibt. Und die Ideen nun ja, die Ideen sind schön und gut, aber sie taugen allenfalls als gewisse Ordnungsprinzipien, mühsam windet sich Kant um die Frage herum, ob er sie für reine Hirngespinste hält.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili - hier:  vl Barbara Horvath, Pia Händler, Linda Blümchen, Antonia Münchow, Mareike Beykirch © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili – hier: vl Barbara Horvath, Pia Händler, Linda Blümchen, Antonia Münchow, Mareike Beykirch © Sandra Then

Und die Anhänger der Dekonstruktion reklamieren Kleist als einen ihrer Vorläufer. „Kein Sein ohne Seiendes“ hat Adorno in der „Negative Dialektik“ postuliert. Und Lyotard und Derrida teilen mit ihm das Misstrauen gegen die diktatorischen Begriffe/Ideale und rekurrieren auf das „Heterogene“, sie preisen die „Deligitimation des Universellen“ als Befreiung.

Und das alles soll Kleist vorbedacht haben. Mag sein, mag auch nicht sein. Was ihn zum Bruder uns Heutiger macht, ist das Oszillierende seines Denkens, das Hin- und Hergerissensein zwischen menschlicher Größe und menschlicher Niedertracht, zwischen einfacher, mitleidiger Zuwendung und fanatischer Geistesverbohrtheit, die vor Mord- und Totschlag nicht Halt macht.

Und damit hat unsere brüderliche Verbundenheit zu tun. Da wollen wir in einer freien und von mitmenschlicher Verbundenheit geprägten Gesellschaft leben und müssen es ertragen, dass ein Lehrer, der mit seinen Schülern über Meinungsfreiheit diskutiert und dabei Karikaturen der französischen Satirezeitschrift Charlie-Hebdo verwendet, von einem muslimischen Fanatiker enthauptet wird.

Und da muss es bei Kleist in der Novelle Das Erdbeben in Chili politisch, religiös und menschlich verarbeitet werden, dass ein Paar, welches sich wider die Konvention und die religiöse Doktrin in einem „zärtlichen Einverständnis“ befand und ein Kind hatte, am Ende der Lynchjustiz religiöser Eiferer zum Opfer fällt.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Nur kurz – der Inhalt wird im Wesentlichen vorausgesetzt, Kleist gehört nunmal zum Bildungskanon: Josephe liebt ihren Hauslehrer Jeronimo. Ihr Vater steckt sie zur Strafe in ein Kloster. Jeronimo findet durch einen Zufall dort Eingang, er wird Vater eines gemeinsamen Kindes. Josephe wird der Prozess gemacht, sie wird zum Tod durch Enthaupten verurteilt. Kurz vor der Exekution bricht das Erdbeben aus, die Klostermauern werden eingerissen, Josephe ist frei. Sie irrt mit dem Kind durch die unversehrt gebliebene, idyllische Landschaft (auch so ein Gegensatz zum Chaos), Jeronimo findet sie. Das Paar wird von einer hilfsbereiten Gesellschaft aufgenommen, die Don Fernando anführt. Josephe reicht dessen Sohn, einem Säugling, die Brust, da die Mutter, Fernandos Frau Donna Elvire, schwer verletzt ist. Man kommt im Laufe des Tages überein, die Dankesmesse in der Kirche der Dominikaner zu besuchen. Der Prediger, der älteste Domherr, prangert die „Sünden“ Josephes und Jeronimos an und macht die beiden für das Erdbeben, Gottes Strafe, verantwortlich. Die aufgeputschte Menge geht gegen die beiden vor, tötet sie und Fernandos Sohn Juan. Der Sohn von Josephe und Jeronimo wird gerettet und von Fernando und seiner Frau – ein Akt menschlicher Größe – an Kindes Statt aufgenommen…

Kleist feiert einerseits die Solidarität der durch das Erdbeben ihres Eigentums und ihrer Heimat beraubten Menschen („und in der Tat schien…, der menschliche Geist selbst, wie eine schöne Blume, aufzugehn“), schildet aber das Pogrom in der Kirche in drastischen Farben –; der religiöse Fanatismus, die andere der Gesellschaft als hässliche Ausdrucksform des menschlichen Geistes. Das ist es wieder, das schlechte Allgemeine, das sich am guten Besonderen vergeht.

Ulrich Rasche macht aus der Novelle ein höchst eindrucksvolles, ja zuweilen in seiner Intensität und Dynamik erschütterndes Theaterstück. Er hält sich dabei streng an den kleist´schen Text. Die Protagonisten (Mareike Beykirch, Linda Blümchen, Pia Händler, Barbara Horvath, Thomas Lettow, Nicola Mastroberardino, Antonia Münchow, Johannes Nussbaum, Noah Saavedra) stehn auf einer Scheibe, die mit geradezu unerbittlicher, marternder Stetigkeit den Weltenlauf andeutend rotiert, sich dreht und dreht, die Agierenden heranträgt und entfernt und die kreishafte Schicksalhaftigkeit des Geschehens symbolisierend nicht stillstehen will. Ein wunderbarer Einfall, hier mehr als angebracht und noch einmal neu, auch für den, der mit Rasches Stil bereits aus anderen Inszenierungen (Die Räuber u.a.) vertraut ist.

Gesprochen wird überwiegend im Chor, im abgehackten, die Prosa gleichsam in Strophen und Verse aufteilenden Stil einer griechischen Tragödie. Das hat etwas überwältigend Eindringliches, zumal die Sprechstimmen über einer zuweilen dröhnend lauten Musik– eher einer Geräuschkulisse – liegen und im wörtlichen Sinne unter die Haut gehen. Man beginnt vor Aufregung und Teilnahme zu schwitzen, freilich ohne dem Vorgetragenen auch nur ungefähr etwas „Verschwitztes“ anzulasten.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Mit der Zeit ist man ganz im Kosmos dieses Geschehens aufgenommen, verliert fast die Distanz zur Bühne, ist mittendrin, nicht eigentlich nur oberflächlich und geschmäcklerisch fasziniert (was Distanz voraussetzen würde), sondern man ist gefesselt, wird nicht losgelassen von dem, was da geschieht, wie wenn es einen selbst anginge. Wobei der besondere Duktus des Sprechens, dieses Deklamatorische, das die Prosa so gut wie verschwinden lässt, das Bühnengeschehen ins Unmittelbare des Mitdenkens und Mitfühlens zu transponiert, die Zuschauer nicht nur überredet, sondern hineinzieht in eine Kunst-Realität des Lebensvorgangs (Brecht hätte sich wohl im Hinblick auf sein Distanzpostulat die Haare gerauft, oder?). Hier wird das Tragische – und auch das reflektierte, gewollt in sich Widersprüchliche der Kleist´schen Erzählung (Feier des menschlichen Geistes einerseits, Verzweiflung an genau diesem Geist, dem Un-Geist des Fanatischen, andererseits) zum Ereignis. Nach etwas mehr als zwei Stunden wird man aus der Klammer dieser Inszenierung entlassen, nachdenklich und irgendwie um eine Last des Schicksalhaften erleichtert zugleich.

Ein großer Abend. Leider von der Pandemie beschädigt. Man hätte sich ein volles Haus gewünscht. So aber waren viel zu wenige Zuschauer da, die freilich begeistert Beifall spendeten.

Das Erdbeben in Chili – Residenztheater München; die weiteren Vorstellungen am 22.11.; 5.12.; 13.12.; 14.12.2020 und mehr ..

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Bayerische Staatsoper, Die Zauberflöte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 06.09.2020

September 5, 2020 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Die Zauberflöte  – Wolfgang Amadeus Mozart

– Ein tastender Versuch –

von Hans-Günter Melchior

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Mit der Kultur ist wie mit dem Wald. Regnet es nicht, verdursten die Bäume und es entsteht eine Wüste.

Auch die Kultur kann nicht lange entbehren, worin sie besteht: der Aktualität, der lebendigen Betätigung. Da helfen auch nicht die Konserven der Plattenindustrie. Und vom allzu langen Bücherlesen beginnen die Augen zu tränen. Raus in die Wirklichkeit, das ist die Sehnsucht der Künstler.

Und nicht minder der Kunstkonsumenten. Wird die Kultur nicht aktuell betätigt, wird nicht gesungen, gespielt, gemalt und angeschaut und zugehört, tritt zuerst dieser ziehende Schmerz der Entbehrung auf –, und danach macht sich eine innere Leere breit, die Dumpfheit bleibenden Verlustes und schließlich díe Abtötung des Begehrens, ja des Interesses überhaupt: in einer Lethargie des Verzichts. Soweit darf es nicht kommen. Der Verlust wäre weit stärker als der etwaige Gewinn in einem Pandemie-Programm.

Ehrlich gesagt: ich hielt ihn nicht mehr aus, nicht diesen Schmerz, den ich noch nicht kannte, der ich doch mein Leben lang ins Theater, in die Konzerte und in die Oper ging.

Bayerische Staatsoper / Die Zauberflöte © W Hoesl

Bayerische Staatsoper / Die Zauberflöte © W Hoesl

Freudig begrüßte ich daher das Angebot der Bayerischen Staatsoper (zugegeben: ein Pandemie-Angebot unter der Fuchtel des Infektionsschutzgesetzes). Ich ging in die Zauberflöte in der uralten, von Helmut Lehberger etwas aufpolierten Inszenierung von August Everding aus dem Jahr 1983, die ich schon mehrfach gesehen habe.

Mit betritt das gewaltige Hause, ein Palast der Musik, wie ein Bankräuber: mit Maske. Weil ich die Maske trug, sah man mir die Freude nicht an. Freude spielt um die Mundpartie, das Lächeln, der missbilligend verzogene Mund, das breite, lärmende Lachen, ja, selbst dieses kommt hinter der Maske wie ein gefährliches Grunzen hervor.

Nur 500 Zuschauer sind zugelassen –, in München sagt man zu diesen Gelegenheiten: 500 Hanseln. Auch sie offenbar vorfreudig, mit wässrigen Augen, was man im Zweifel als Vorfreude deuten sollte, wenn es nicht allzu offensichtlich vom aufsteigenden Dampf des Atems herrührt.

Um es vorweg zu nehmen: es war ein schönes, erfrischendes Erlebnis, das das fast schon ausgetrocknete Reservoir der Kultur in mir etwas auffüllte. Es war ein Dreiviertelgenuss.

Die Zauberflöte – München – August Everding Inszenierung von 1983
youtube Trailer wolframtismer
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Um zum vollen Genuss werden zu können, hätte es der gewohnten Perfektion bedurft. Der Eindruck des Behelfsmäßigen drängte sich allenthalben auf. Oder genauer: das Provisorische verschaffte sich Geltung: der Orchestergraben, in dem etwa 50 Musiker unter der Wahrung der Abstandsregel Platz fanden, war beträchtlich vergrößert. Und die in der doch sehr großen Oper sich verlierenden, weit auseinander sitzenden 500 Zuschauer vermochten nicht diese typische, nervöse Spannung zu vermitteln, die einer Opernaufführung den Charakter des Ereignishaften, Einmaligen zu verleihen pflegt. Kein Nachbar, mit dem man sich austauschen könnte. Zu wenig dankbare Blicke zur Bühne. Eben nichtt dieses pralle Gefühl gemeinsamen Genusses.

Dennoch: geboten wurde solide Kunst, vom Orchester sogar große. Zwar dirigierte Jordan de Souza weitgehend fast emotionslos, zeichenhaft andeutend, ohne Feuer ins Orchester zu übertragen. Dessen bedurfte es freilich bei diesen exzellenten Musiker/innen keinesfalls. Was dieses von der Personenzahl relativ schwach besetzte Orchester an diesem Abend bot, war exemplarisch. Schlechthin perfekt.

Die sängerischen Leistungen hielten sich im guten Mittelmaß. Einzig der Sarastro von Mika Kares stach hervor, er bot neben dem kernigen Papageno von Michael Nagy eine Sängerleistung von internationalem Niveau. Die Königin der Nacht von Sabine Devieihle hatte in der Höhe ein wenig Mühe, wenn sie auch die extrem hohen Töne traf. Schön der Sopran der Pamina von Hanna-Elisabeth Müller, auch sie musste freilich  die Stimme ein wenig in die Höhe stemmen, während sich der Tamino von Benjamin Bruns der Partie durchaus stimmlich gewachsen zeigte. Wunderbar die drei Knaben des Tölzer Knabenchors und der – wie immer – archaisch anmutende Vortrag der beiden Geharnischten von Vincent Wolfsteiner und Markus Suihkonen.

Nun ja, die Inszenierung von August Everding ist – auch von Helmut Lehberger als ein wenig aufgefrischte Einstudierung – für Opernverhältnisse uralt. Märchenhaft. Da treiben sich Bären und Affen herum und zu Beginn jagt ein Riesenreptil dem armen Tamino einen Schrecken ein. Und die den Treppenaufgang zu dem etwas verstaubten Palast Sarastros flankierenden Löwen heben zum warnenden Donnerschlag, der Papageno einschüchtern soll, lustigerweise jeweils ein Bein. Und aus ihren Mäulern spritzt der Wein. Huch. Da hätten eben die Kinder ihre helle Freude gehabt. Ingmar Bergmann hat es so ähnlich versucht, nur tiefsinniger.

Kurzum: eine rechte Erfrischung war dieser Abend am Ende doch, auch wenn es an einem Buffet mit Erfrischungen fehlte. Aber die Pfälzer Weinstuben sind ja in der Nähe. In der warmen Sommernacht im Innenhof der Residenz stellte sich bei einem Glas Wein ein rechtes Glücksgefühl ein. Endlich wieder einmal in der Oper gewesen. Danke Staatsoper! Ein vorsichtiger, aber gelungener Versuch zur Normalität der unentbehrlichen Kultur.

Musikalische Leitung: Jordan de Souza, Inszenierung 1983 : August Everding, Neueinstudierung: Helmut Lehberger, Bühne: Jürgen Rose

Die Zauberflöte am Nationaltheater, München; die weiteren Vorstellungen: 7.9.; 10.9.; 12.9.; 23.9.; 25.9; 27.9.2020 und mehr

 

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Kultur: Die Systemrelevanz der Kulturkritik – ein Essay, IOCO Aktuell, 13.05.2020

Mai 13, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Aktuell

 Ludwig van Beethoven - so ganz anders © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven –  Gefürchteter Provokateur und Systemkritiker – hier   eine Hauswand in Paris © Peter M. Peters

 Die Nöte der Künstler in dieser Zeit

– Die Systemrelevanz der Systemkritik –

von Hans-Günter Melchior

Kunst ist ihrer Natur nach subversiv. Ihre Sehnsucht will hinaus in die grenzenlose Freiheit. Und ihr Misstrauen gilt der Form. Und gleichzeitig droht sie im Formlosen unterzugehen. Im Chaos. Denn die Form ist Begrenzung und Halt. So ist die Form oder, um einen anderen Begriff zu gebrauchen, das System der Form, Rettung und Untergang zugleich.

Und dieser Widerspruch ist unauflösbar, geradezu die Bedingung der Kunst. Ludwig van Beethovens formsprengende Musik, die die Zeitgenossen zuweilen in „Angst und Schrecken“ versetzte (s. der Schlusssatz der 8. Sinfonie) . Von der Modernen mit ihrer Verachtung der Tonarten als Einengung und Reglementierung, gar nicht zu sprechen.

Und Mozarts, ach, der liebe, glühend verehrte Mozart, war und ist angeblich ein Liebling des Bürgertums.  Das freilich selten seine „heitere Melancholie“ zu begreifen scheint, diese über den Dingen schwebende Musik, der man den Schmerz über den Verlust der absoluten Freiheit anhört –; und dann an manchen Stellen sich zugleich geradezu zufrieden und nur scheinbar harmlos räkelt in der ironisch gebrochenen Gewissheit, in einer Form aufgehoben zu sein.

Die Oper macht da keine Ausnahme

Von der bildenden Kunst gar nicht  zu reden. Ihre Geschichte ist die eines einzigen Abenteuers, einer Systeme, Anschauungen und Formen geradezu umstürzenden Dauerrevolution.

Kaum anders verhält es sich, wenn auch nicht so drastisch wie in der bildenden Kunst, in der Literatur, von Schillers Räuber über die sogenannte Entliterarisierung der Theaterkunst im 20. Jahrhundert bis zum postdramatischen Theater und der Perfomance der Neuzeit.

Dabei ist es nicht nur der Widerspruch zwischen Form und Freiheit, es sind auch die inhaltlichen Widersprüche. Am deutlichsten ausgesprochen noch in der Literatur, die nicht gerade selten gegen die gesellschaftlichen Zustände anrennt wie gegen Gefängnismauern.

Die Kritik an den Verhältnissen und die Forderung nach Erneuerung, zur Veränderung der Gesellschaft gehören geradezu zum Credo der modernen Literatur.

Liegt es – vielleicht unbewusst – gerade daran, am immanenten revolutionären Impetus, dass die Sachwalter und  (ebenfalls ihrer Natur nach) die Bewahrer der Macht- und Herrschaftsverhältnisse von Hilfsprogrammen für die Wirtschaft in der Corona-Krise geradezu schwärmen und dabei, wenn überhaupt, die Kultur eher kleinlaut und pflichtschuldig nur am Ende erwähnen? Es ist mehr eine Selbstermahnung der Politik. Aber es fehlt ihr die Empathie, das Mitgefühl, das im Gegensatz dazu den vom Scheitern bedrohten Teilnehmern am Handels– und Wirtschaftsverkehr entgegengebracht wird, diese stirnrunzelnde Sorge um die Arbeitsplätze,  die Wachstumsraten und die Dividenden. Kunst ist kein originärer Wirtschaftszweig, über die Kunst lässt sich Krisenbewältigung wirtschaftlich nicht mobilisieren.

Kurz: Dem Staat und seinen Organen ist die Kunst nicht geheuer. So sehr sie auch das Gegenteil behaupten. Sie scheuen sich oder nehmen es nicht einmal wahr, verdrängen es: dieses Hemmungslose und Ausufernde und schwer zu Bändigende, das der Kunst elementar eigen ist, es macht die Handelnden unsicher, ist ihnen, den auf Sicherheit und Stabilität Bedachten wesensfremd –, und wenn sie es sich doch einmal bewusst machen, ist ihr Bekenntnis von dieser schwankenden Unsicherheit, ein Bekenntnis zur Kultur ganz allgemein, als gebe es dies: eine von den Künsten abgespaltene Sonderdisziplin, die sich Kultur nennt.

Wenn man befreundete Künstler fragt, wie ihnen konkret geholfen wird, kommt ein Schulterzucken.

Früher, vor der Krise, so die Klage, hieß es, sollte nur eine neue Kita aufgemacht werden: wir haben kein Geld.  Und jetzt auf einmal ist von hunderten von Milliarden die Rede, vor allem für die lautesten wie VW und Lufthansa (die sich außerdem vom Steuerzahler, der ihnen hilft, nicht hineinreden lassen wollen und auf den Dividenden und Boni bestehen), aber bei den Künstlern weiß man nicht so genau, wie man ihnen helfen könnte oder schiebt Entscheidungen vor sich her.

Das Schlagwort der Krise ist „Systemrelevanz“. Banken sind systemrelevant, die wirtschaftsbeherrschenden Industrien.

Nur von der Kunst oder den Künsten hört man nichts dergleichen

Dabei ist gerade das seiner Natur nach Systemkritische systemrelevant. Nur am Widerstand wächst das Neue. Alle Entwicklung im Sinne von Fortentwicklung und Verbesserung ist dialektisch, das Neue muss sich am Alten abarbeiten, bevor es sich etablieren kann. Um das zu begreifen, muss man nicht unbedingt Hegelianer sein. Nur unter der kritischen Reflexion des Alten und zwangsläufig mit der Zeit Veralteten wächst der Wille zur Korrektur und Erneuerung. Zur zeitgemäßen Ausrichtung.

Nirgends also mehr als gerade in und durch die Kunst, die die Methode der kritisch-dialektischen Erneuerung geradezu zu ihrem Prinzip erhebt, ist letztlich die Zukunftssicherung zu erwarten. Und zwar im Sinne einer kontinuierlichen Entwicklung und Fortentwicklung. So ist gerade die Kunst das Paradigma des Fortschritts.

Dass die Erkenntnisse der Künste erst in einem vergleichsweise langen Prozess Eingang in das öffentliche Bewusstsein finden und zum Allgemeingut werden, begründet zwar keinen Einwand, ist aber ein weitere Grund für das zögerliche Verhalten der Politik, wenn es um die Unterstützung der Künste geht.

Generell sind die Künste und die Kunstschaffenden ihrer Zeit voraus. Meist auch die Philosophen. An einer Diskussion über Kants kategorischem Imperativ kommt heutzutage eine Ethiktagung ebenso wenig vorbei wie ein Historikerkongress an Hegels dialektischem Geschichtsverständnis. Und dass die vernunftkritischen Ansätze der modernen Philosophie sich insbesondere mit den Auswüchsen und Widersprüchen der ökonomischen Vernunft auseinandersetzen müssen, ist unbestritten.

Dies alles und natürlich noch weit mehr an Innovativem greift die moderne Kunst in allen ihren Sparten auf, verdeutlicht, erweitert es und weist auf die Anwendbarkeit im täglichen Leben hin (füllt es geradezu mit konkretem Leben), setzt es in kritischen Kunstprodukten um, die zwar langsam, jedoch mit der Zeit Eingang ins öffentliche/gesellschaftliche Bewusstsein finden. Kunst ist nicht nur schön, sie ist notwendig.

Und die Kunst ist nicht nur hilfsbedürftig, es ist auch staatliche Pflicht, ihr zu helfen. Die verfassungsrechtlichen Postulate dürfen keine leeren Formeln bleiben.

Die Bayerische Verfassung fordert in ihrem Artikel 140 ausdrücklich:

„(1) Kunst und Wissenschaft sind von Staat und Gemeinde zu fördern.

(2) Sie haben insbesondere Mittel zur Unterstützung schöpferischer Künstler, Gelehrter und Schriftsteller bereitzustellen, die den Nachweis ernster künstlerischer oder kultureller Tätigkeit erbringen.

(3) Das kulturelle Leben und der Sport sind von Staat und Gemeinden zu fördern.“

Kriterium ist freilich die Selbständigkeit. „Selbständig“, so die Auskunft der KSK auf Google, „ist die künstlerische oder publizistische Tätigkeit nur, wenn sie keine abhängige Beschäftigung im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses darstellt.“ Gemeint sind also die besonders unsicheren Einkommensverhältnisse von Künstlern, die keine Ensemblemitglieder in einem Haus mit festen Gehältern sind, sondern von Auftrag zu Auftrag honoriert werden. Und gemeint sind damit vor allem nicht die Stars, die Rücklagen haben, sondern gemeint ist die Masse derer, die gleichsam von der Hand in den Mund leben.

Machen wir uns nichts vor. Die Lage der Künstler ist rechtlich wie tatsächlich fatal. Es gibt zwar eine KünstlerSozialkasse (KSK) und sogar ein Künstlersozialversicherungsgesetz (KSVG), das für Verdienstausfälle eintritt.

Die KSK tritt aber für Verdienstausfälle nur ein, wenn der Verdienstausfall – so die Auskunft einer Künstlerin –, monatlich den Betrag von 3000 Euro erreicht oder übersteigt. Für die Mehrzahl der Künstler ist ein solcher Grenzbetrag eine reine Wunschvorstellung. Was sie brauchen sind Zuschüsse für die monatliche Miete (etwa eines Ateliers) oder die Lebenshaltungskosten. Die Kosten dafür unterschreiten den Betrag von 3000 Euro regelmäßig, so dass diese Künstler leer ausgehen.

Die Bundesregierung, vertreten durch die Staatsministerin Monika Grütters, Beauftragte für Kultur und Medien, kündigt zwar baldige Hilfsmaßnahmen an, Zahlungen sind indessen noch nicht eingegangen.

Baldige Entscheidungen sind dringend erforderlich. In der Zwischenzeit verarmt die Kunst. Viele Künstler wandern in Nebenbeschäftigungen ab, wo ihr Talent verkümmert. Ob sie je zurückfinden, ist fraglich.

Schlechte Aussichten. Die Krise zwingt ohnehin schon jetzt zu Notbehelfen. Die fest angestellten Künstler suchen Alternativen. Kirill Petrenko lässt mit wenigen Orchestermitgliedern der Berliner Philharmoniker Mahlers 4. Symphonie spielen, Daniel Barenboim führt mit einem Teil seines Orchesters die Kleine Nachtmusik auf. Es ergeben sich zwar überraschende Effekte. Skelettartig werden die Strukturen der Werke verdeutlicht, wenn auf einen opulenten Orchesterklang verzichtet wird. Andererseits fehlt es an den Valeurs, der Farbigkeit und der Dynamik des großen Orchesters.

Schlimme Zeiten. Votieren wir für die Künstler, machen wir politischen Druck.

—| IOCO Aktuell |—

München, Münchner Kammerspiele, Passing – It´s so easy, was schwer zu machen ist, IOCO Kritik, 05.03.2020

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Passing  –  It´s so easy, was schwer zu machen ist  – –  René Pollesch

Passing – nicht Pasing  – Furioses Gedankenkarussell

von Hans-Günter Melchior

Hui, das geht aber ab, gleich zu Beginn nimmt eine Riesenspinne, zusammengeschraubt wie im Kinderbaukasten und dennoch bedrohlich Besitz von der gesamten Bühne, achtarmig und glotzend und einer mit Hut (Thomas Schmauser) tritt auf und erklärt, das alles „mit mir nichts zu tun hat, sondern mit euch“.

Und ein anderer der siebenköpfigen Mannschaft, die sich die „Glorreichen Sieben“ nennt, verheddert sich zuweilen, spricht das Passing wie Pasing, muss sich erklären lassen: also, mein Junge, es geht um Passing und nicht Pasing. Damit das mal klar ist im grundsätzlich Unklaren, denn Pasing ist ein Stadtteil (nicht ein Vorort) von München und Passing, ja, was ist Passing?, ein Vorübergehen, eine Vorläufigkeit, ein Synonym für Veränderung –, weil eben nichts Bestand hat und alles sich ständig verändert, verändern muss, um die Verhältnisse menschlich zu gestalten. Die Personen zuvörderst, aber vor allem die Gesellschaft, die aufgebrochen werden muss, weil sie im Zustand sozialer Ungerechtigkeit zementiert ist.

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy  -  was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele / Passing – It´s so easy – was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Warum, wird gefragt (Kathrin Angerer), ist Theater also nicht ein Flugblatt, eine Art Mitteilung im Vorübergehen, zu einem Flugblatt am Boden muss man sich tief herabbeugen, womöglich noch in den Dreck hinein, wo die Armen kriechen und ihr Leben fristen –, und so, eben in gebückter Haltung, kann man lesen, was zu sagen ist: zu der Zeit und den Zuständen und den schreienden sozialen Ungerechtigkeiten.

René Pollesch ist bekennender Linker, ob das parteipolitisch zu verstehen ist, sei dahingestellt, jedenfalls einer in der Tradition von Bert Brecht – und insbesondere Erwin Piscator, der im Berlin der 20-er Jahre mit den Begriffen episches und proletarisches Theater Furore machte. Das Theater als quasi-politische Institution, die auf die Zustände aufmerksam macht, das Bewusstsein der Unterdrückten schärft und eben das Passing einleitet.

Auf Polleschs Bühne wuseln unter der Spinne die Ideen nur so hin und her, eine Handlung gibt es nicht (es fehlt bewusst die Benennung eines Autors, alles ist Inszenierung, erschöpft sich darin), nur eben – warum auch nicht?! –  Gedankenanstöße und kritische Anmerkungen, dass den chronischen Lachern eigentlich der Humor vergehen müsste. Figuren und Handlungen „sind nicht zu greifen. Wohl aber die Schauspieler“, heißt es an einer Stelle. Eben allein das Konkrete, Fassbare, „die Normalität ist das Geilste. Aber sie muss natürlich jedem zustehen.“

Quod erat demonstrandum. Die Leute wollen sehen, wie es mit ihnen abwärts geht. Oder wie es ihnen gut geht. Und was sich verändern muss. Das Passing als Zustand.

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy - was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele / Passing – It´s so easy – was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Da braucht es keine Vorne und Hinten, keine Geschichte, die sich entwickelt und zu einem Ende kommt wie im traditionellen Theater. Das Denken und Mitdenken ist die Geschichte selbst. Avantgarde pur.

Vor allem also: keine Fantasien, die eine Realität nur vorspiegeln und Lüge sind. Ein Video wird eingeblendet, verdrängt für kurze Zeit die Spinne. Einige der Schauspieler in einer himmelstrebenden Gebirgslandschaft. Einer tritt an den Rand eines Felsens, unten gähnt der filmische Abgrund. Noch einen Schritt, denken die Zuschauer, und er stürzt in die Tiefe. Und er tut den Schritt –, stürzt aber keineswegs in die Tiefe, sondern tritt auf die Leinwand, die sich eindellt. Man merkt: allein die Realität zu zeigen, ist die Absicht, es gilt, die Illusion des Theaters zu desillusionieren, das Gemachte als gemacht zu entlarven. Weil die gesellschaftliche Lüge allgegenwärtig ist und die Masken heruntergerissen werden müssen. Danke René Pollesch. Wir haben es freilich schon immer gewusst. Aber es wird so selten gesagt – und fast nie gezeigt. Bewusst verschwiegen.

Oder noch so ein Gedanke im Bewegungspiel, hingeworfen und aufgegriffen und durch die Mangel gedreht an diesem im Grunde recht schwierigen Abend, der einem als Zuschauer ganz schön was auflädt an Nachdenklichem: „Wir brauchen keine Abgründe. Stattdessen in die Abgründe der Begriffe blicken!“ Da drängt sich doch dem Rezensenten der Gedanke an Adornos Negative Dialektik auf: „Kein Sein ohne Seiendes“.  Die das sogenannte Nicht-Identische (gemeint ist das konkrete Leben, das sich nur schwer zusammenfassen lässt) schluckenden, unterjochenden Begriffe sind das Erzübel unter der Herrschaft des Diktators Vernunft, in Sonderheit der „ökonomischen Vernunft“, die schlechthin alles verdinglicht und zur Ware macht. „Theorien bringen gar nichts, außer im Angesicht des Bodenlosen“, heißt es an einer Stelle. Die wahren Abgründe –, das sind die Begriffe.

Und dann wieder die Spinne mit ihren kalten blinkenden Augen. Wie wäre folgender Gedanke, lieber René Pollesch?: die Spinne webt und webt und wirft ihr Gedankennetz über das ganze Land. Und dann zerreißt ein einziger Windstoß das gesamte Konstrukt.  Weg ist es. Wie unter Umständen das ganze Leben. Man geht vom Theater zum Marienplatz in die überfüllte  U-3. Und einer, den das Corona-Virus im Griff hat, hustet einen an. In vier Wochen bist du weg. Passing.           Nachdenklicher Beifall

„Die Glorreichen Sieben“  – Darsteller:  Kathrin Angerer,  Max Bretschneider, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz, Thomas Schmauser

Passing in den Münchner Kammerspielen; die nächsten Vorstellungen 7.3.; 24.3.; 30.3.; 12.4.; 19.4.; 30.4.2020

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung