Graz, Styriarte, Ein Klavierkonzert der Tausend – Corona-Meditation, 30.04.2020

Steirische Festspiele

Steirische Festspiele / Gerd Kuehr  © Werner-Kmetitsch

Steirische Festspiele / Gerd Kuehr © Werner-Kmetitsch

Ein Klavierkonzert der Tausend – „Corona-Meditation“ von Gerd Kühr

Welturaufführung live im Internet – Zentrale in Graz

Die Uraufführung seines neuen Werks, der gerade eben entstandenen „Corona-Meditation“ für beliebig viele Klaviere, dezidiert für eine Realisierung über das Internet komponiert, überträgt der renommierte österreichische Komponist Gerd Kühr dem Hause styriarte und seinem Intendanten Mathis Huber, der in der heutigen Pressepräsentation vorausschickt: „Heute, gerade 40 Tage nach dem Start der Quarantäne, ist die Zeit der Absagen vorbei und die Zeit der Ansagen in der Kultur sollte wieder kommen. Denn wir brauchen die Botschaft der Kunst, dass sie sich nicht unterkriegen und einsperren lässt.“

Am Donnerstag, dem 30. April, Beginn um 20.20 Uhr, wird das Werk mit einer Zentrale im styriarte.STUDIO im Grazer Palais Attems live über die Internet-Bühne gehen. Olga Chepovetsky, ganz junge Ausnahme-Pianistin aus Riga, spielt das Werk von dort aus, der steirische Jungstar Philipp Scheucher schaltet sich aus seiner Wohnung in Hannover über „Zoom“ zu. Nach der ersten Vorstellung des Werkes durch diese beiden wird Mathis Huber ein Gespräch mit Gerd Kühr und Olga Chepovetsky führen, in dem das Publikum essentielle Gedanken zum Werk erfährt. In einem zweiten Durchgang der „Corona-Meditation“ sollen sich dann Pianistinnen und Pianisten aus aller Welt – egal ob renommierte Künstler oder Laien – über Zoom zuschalten und das Werk gemeinsam aufführen. Jede Stufe des Könnens befähigt die Menschen dazu, mitzuwirken. Man muss etwa nicht das gesamte Notenmaterial mitspielen, sondern kann sich auch auf eine Auswahl an gespielten Tönen beschränken. Um diese Mitspielenden auch in Bild und Ton erlebbar zu machen, wird ein Technik- und Tonmeisterteam ein gemeinsames Ergebnis aller Klänge und PianistInnen in ein Live-Gesamtbild fassen. Das Stück ist von Gerd Kühr schon mit allen zu erwartenden Unschärfen, den Verschiebungen in Tonhöhen, Klang und Tempi, konzipiert und will damit eine neu Art von „Hauskonzert“ hervorbringen, wozu sich der Komponist folgend äußert:

„Das Stück war plötzlich da und musste sein! Wir erleben eine Zeit der Besinnung, die Gelegenheit zur Meditation bietet. Der ruhige Grundpuls, nicht durch ein Metronom koordiniert, sorgt dafür, dass das Zusammenspiel der prinzipiell unendlich vielen Klaviere kaum präzise ausführbar wird. Diese Unschärfe, gepaart mit der langsamen Auffüllung des Tonraums, sorgt für einen Ausdehnungseffekt, analog der Ausdehnung des Kosmos. Das Stück ruht in sich und erweitert sich zugleich.

Unschärfen in Timing, Klavierstimmung und Klangqualität sind explizit erwünscht. Das Werk wird dadurch ein präziser Kommentar zur gegenwärtig aufblühenden Streamingkultur, in der eben ein gewohnt perfektes Echtzeit-Zusammenspiel, wie wir es vom konventionellen physischen Konzert kennen, nicht möglich ist.“

Mitwirkende:

Die Zusage zur Mitwirkung hat man bisher bereits von: Christopher Hinterhuber, Markus Schirmer, Piano Duo GrauSchumacher, Clara Frühstück, Janna Polyzoides, Christoph Traxler, Florian Groß, Aleksandra Mikulska, Markus Koropp, Clara Murnig

… und die Liste wächst beständig, denn viele weitere mit dem Haus styriarte verbundene KünstlerInnen sind herzlich eingeladen … wie auch jeder Laie, der mitspielen möchte.

Für Interessierte steht auf der Homepage der styriarte ein umfangreiches Infopaket bereit (Noten, Spielanleitung, ein Forum für Fragen, und Hilfe in technischen Belangen über eine Kontakt-Telefonnummer).

Tickets:

Um die Live-Uraufführung am 30. April um 20.20 Uhr (MESZ) als Konsument mitzuerleben, können Musikfreunde sich ab Montag, 27. April um 15 Uhr, für 9 Euro (oder auch 99 bzw. 909 für den KünstlerInnen-Hilfsfonds der styriarte J) ein Ticket kaufen und erhalten dann per Mail einen Zugangslink zur Übertragung aus dem styriarte Kartenbüro.

Bestellung über www.styriarte.com/events/corona-meditation/

oder per Mail an tickets@styriarte.com

Zusammenfassend hier im O-Ton Matthias Wagner, der das Projekt im Hause styriarte hochzieht:

„Das Besondere und Hochaktuelle an dieser Unternehmung ist wohl, dass wir eben keinen vorproduzierten Content streamen, sondern tatsächlich ein hochambitioniertes Live-Konzert via Internet, an dem sich voraussichtlich KünstlerInnen aus vielen Ländern beteiligen. Die technischen Limitierungen (siehe Beschreibung) werden dank einer klugen Werkkonzeption sogar in künstlerische Tugenden umgewandelt. Und dann ist da noch dieses Stück mit seiner jungen Entstehungsgeschichte, das die aktuelle Lage der Welt und der Kunst auf mehreren Ebenen exakt auf den Punkt kommentiert.“

Im Rundfunk und TV wird das Werk zu einem späteren Zeitpunkt zugänglich gemacht. Diese Termine sind dann auf www.styriarte.com zu erfahren.

Alle Informationen zum Projekt erreichen Sie über: www.styriarte.com/events/corona-meditation/

Homepage von Gerd Kühr: www.gerd-kuehr.at

—| Pressemeldung styriarte |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Die griechische Passion – Bohuslav Martinu, 21.03.2020

März 6, 2020 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, StaatsOper Hannover

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

The Greek Passion / Die griechische Passion –  Bohuslav Martinu

Premiere Samstag, 21.03.2020, 19:30 Uhr

Gibt es eine Identität ohne die Abgrenzung gegen Andere? Bohuslav Martinus The Greek Passion legt den Finger in die Wunde der gesellschaftlichen Verantwortung jeder*s Einzelnen. Sie stellt die Frage, ob eine Gemeinschaft durch Zugezogene in ihrer Sicherheit bedroht wird.

Staatsoper Hannover / Greek Passion Plakat - Barno Ismatullaeva © Clemens Heidrich

Staatsoper Hannover / Greek Passion Plakat – Barno Ismatullaeva © Clemens Heidrich

Ein Dorf zur Zeit des Griechisch-Türkischen Kriegs 1919 – 1922. Die Bewohner*innen bereiten sich auf die jährlichen Passionsspiele vor, als eine zweite, ebenfalls griechische Dorfgesellschaft auf der Flucht vor türkischen Truppen um Aufnahme bittet. Sofort folgt die Probe aufs Exempel: Was bedeutet die christliche Heilslehre im Ernstfall? Die spontane Solidarität, wie sie der Hirte Manolios vertritt, der Jesus spielen soll, ist der konservativen Kirchenmacht ein Dorn im Auge. Sie hält nichts von einer Gemeinschaftlichkeit, die ihre Herrschaft in Frage stellt. Das Gedankengut der biblischen Bergpredigt erweist sich als revolutionär.

Bohuslav Martinus in den 1950er Jahren für London entstandene Vertonung als Griechische Passion ist zugleich ein Spiel mit Identitäten: Wer bin ich, und wer kann ich werden? Und was braucht es, um ein guter Mensch zu sein? Der tschechische Komponist mischt wie selbstverständlich die kristallklare Symphonik seiner französischen wie seiner US-amerikanischen Wahlheimat mit Weisen seiner böhmischen Herkunft, um ein universell gültiges Drama zu erzählen. Die Eingängigkeit und Direktheit der Musik – leidenschaftlich und intensiv – lässt die dramatische Handlung in versöhnlichem Licht erscheinen.

Ebenso arbeitet die Regisseurin Barbora Horáková, Hausregisseurin der Staatsoper Hannover, an diesem Helldunkel: Die Inszenierungen der „Newcomerin des Jahres“ (International Opera Awards 2018) kennzeichnet ein psychologisch genauer Blick auf den Menschen, der allerdings nie ohne Empathie für das Handeln der Figuren ist. Horáková wird in den kommenden Spielzeiten als Hausregisseurin an der Staatsoper Hannover tätig sein.

Musikalische Leitung Valtteri Rauhalammi Inszenierung Barbora Horáková Choreografie James Rosental Bühne Susanne Gschwender Kostüme Eva-Maria van Acker Licht Susanne Reinhardt Video Sarah Derendinger Chor Lorenzo Da Rio, Matthias Wegele Kinderchor Tatiana Bergh Dramaturgie Martin Mutschler

Priester Grigoris Tassos Apostolou, Archon – Daniel Eggert, HauptmannFrank Schneiders,  Lehrer – Latchezar Pravtchev, Ladas / Kommentator August Zirner, Kostandis James Newby, Dimitri Darwin Prakash, Manolios Magnus Vigilius, Yannakos Rupert Charlesworth, Michelis Pawel Brozek Panait Uwe Gottswinter Andonis Aljoscha Lennert Nikolio Philipp Kapeller Lenio Nikki Treurniet Die Witwe Katerina Barno Ismatullaeva Priester Fotis Michael Kupfer-Radecky Despinio Clara Nadeshdin Eine alte Frau Monika Walerowicz Ein alter Mann Stephen Owen Stimme im Orchester Gagik Vardanyan

Bewegungschor Chor der Staatsoper Hannover Extrachor der Staatsoper Hannover Kinderchor der Staatsoper Hannover Niedersächsisches Staatsorchester Hannover Projektchor

—| Pressemeldung Staatsoper Hannover |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Richard Strauss – Also sprach Zarathustra, IOCO Kritik, 21.02.2020

Februar 21, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, StaatsOper Hannover

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

 Also sprach Zarathustra – Richard Strauss

– Zwischen Philosophie und Bergweltpanorama –

von Christian Biskup

Die Anfangstakte stehen in ihrer Berühmtheit sicher nicht der von Beethovens 5. Sinfonie oder Wagners Walkürenritt nach. Ob bei den Simpsons, dem Außerirdischen Alf, bei 2001:Odyssee im Weltraum oder in Willi Wonkas Schokoladenfabrik, das Hauptmotiv des Werkes ist stets Ausdruck erhabener, wichtiger Momente – Der Beginn von Richards Strauss‘ sinfonischer Dichtung Also sprach Zarathustra ist Kult, und so steht auch das 5. Sinfoniekonzert des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover in der Staatsoper kurz und knapp unter diesem Motto.

Staatsoper Hannover / Solist Lukas Vondracek © Irene Kim

Staatsoper Hannover / Solist Lukas Vondracek © Irene Kim

Am Beginn des Konzertes stand jedoch das dritte Klavierkonzert Sergei Rachmaninovs auf dem Programm. 1909 komponiert, erlangte es zwar nicht die überbordende Beliebtheit des zweiten Konzerts, doch ist es – nicht zuletzt aufgrund der Anfangstakte – ein regelmäßiges und geschätztes Repertoirestück, welches begeistern kann. Zudem hält es angeblich den Rekord für die meisten Noten pro Sekunde in einem Klavierkonzert. Als Solist für das Konzert konnte der tschechische Pianist Lukáš Vondrácek gewonnen werden. Geboren 1986, gewann er mit eben jenem Konzert 2016 den Brüsseler Königin-Elisabeth-Wettbewerb und ist spätestens seitdem auf den Konzertpodien der Welt ein gern gesehener Gast – so auch in Hannover!

Die berühmten, an ein russisches Volkslied gemahnenden Anfangstakte waren ein Genuss. Vom ersten Augenblick an offenbart Vondrácek seine lyrische Stärke. Weich und silberklar ausgespielt, auf ein Minimum an Lautstärke zurückgenommen, entfaltet das Thema – wunderbar dezent vom Orchester begleitet – unmittelbar seine melancholische Wirkung. Auch im weiteren Verlauf, zeigt Vondrácek seine perfekte Klaviertechnik. Die virtuosen Kniffe, die Rachmaninov in seinem Werk eingebaut hat, sind schon eine Herausforderungen, besonders in der Kadenz. Doch ob rasante Läufe, wuchtig akkordisches Spiel oder Tastenrepititionen – es wird mit Bravour gemeistert. Dabei verliert sich Vondrácek jedoch nicht in bloßer Lautstärke – seine gestaltenden lyrischen Linien blicken stets durch, so besonders im schwermütig anmutenden zweiten Satz, dessen Wirkung nur durch das teils sehr lautstarke Niedertreten des Dämpferpedals gemindert wird. Attaca wird das strahlende Finale eingeleitet. Rhythmisch mitreißend und klar akzentuiert führt Vondrácek den Satz hin zum breiten, schmachtenden Höhepunkt, der mit seinen Rubati auch im Zusammenspiel mit dem Orchester hervorragend gelang. Nach den letzten Schlussakkorden brach ein Beifallssturm für den Pianisten hervor, der erst nach zwei Zugaben vom Publikum entlassen wurde. Herausragend war dabei seine Interpretation von Debussy’s Prelude „La Cathédrale Engloutie“. Sein fein differenziertes Spiel und die empfindsamen Dynamikabstufungen ließen Debussys Werk zu einer farbenprächtigen Klangmagie werden – erneut viel Beifall.

Staatsoper Hannover / Niedersächsisches Staatsorchester Hannover © Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover / Niedersächsisches Staatsorchester Hannover © Staatsoper Hannover

Die Dirigentin Xian Zhang erwies sich schon bei dem Klavierkonzert als Glücksgriff für den Abend – klare Zeichengebung, ein dynamisch ungemein ausgewogenes Begleiten und die organische Gestaltung der Übergänge ließen in ihr eine erfahrene Orchesterleiterin erahnen, die in Deutschland noch nicht so präsent ist. Dabei weist die sympathische Musikerin bereits eine beachtliche Karriere auf. Protege von Lorin Maazel, 2005-2007 Music Director beim Sioux City Orchestra, 2009-2016 Direktorin des Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi, aktuell Leiterin des New Jersey Symphony Orchestras sowie erste Gastdirigentin des BBC National Orchestra of Wales, mehrere Auftritte bei den BBC Proms, sowie Gastdirigate bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Nun also Hannover – mit Richard Strauss‘ sinfonischer Dichtung Also sprach Zarathustra. Vertonter Nietzsche? Ob und wie es Strauss gelungen ist, Nietzsches dichterisch-philosophisches Werk adäquat zu vertonen – darüber scheiden sich die Geister. Cosima Wagner schrieb sogar an Strauss:Ich hatte den Titel Ihrer symphonischen Dichtung für einen Zeitungsscherz gehalten“. Dass es sich um großartige Musik handelt, darüber war man sich in Hannover hingegen einig!

Staatsoper Hannover / Dirigentin Xian Zhang © B Ealovega

Staatsoper Hannover / Dirigentin Xian Zhang © B Ealovega

Den berühmten Sonnenaufgang nahm Zhang flott, klangvoll, aber ähnlich wie bei Strauss‘ eigenen Aufnahmen ohne das ganz große Pathos. Den packt sie in das religiös anmutende „Von den Hinterweltlern“, welches sie schwelgerisch und gedehnt ausmusizieren lässt. In welch großen Bogen sie das Orchester, bis zu dem klangmächtigen erneuten Ausbruch des Anfangs- bzw. Natur-motivs führt, ist beeindruckend. Stets bemühmt um einen transparenten Orchesterklang, gelingt es bei den knapp 100 Musikern dennoch nicht immer jedes Motiv prägnant hervorzuholen. Sichtlich genießend und mit zahlreichen Rubati versehen, lässt Zhang das Tanzlied erklingen, welches solitisch hervorragend vom Konzertmeister Gabriel Adorjan gestaltet wurde. Bayrische Gemütlichkeit, Alpenpanorama entsteht unwillkürlich vor dem geistigen Auge des Zuhörers. Sehr überzeugend der Schluss – ganz verhaucht, wie ein Klang aus weiter Ferne, geradezu transzendent lässt Zhang das Monumentalwerk in seiner harmonischen Zweideutigkeit aushauchen.

Nach einem Moment der Stille tosender Applaus für die energiegeladene Dirigentin und das Orchester im mit 1200 Plätzen nahezu ausverkaufte Haus.

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

Hannover, Staatsoper Hannover, La Juive – Fromental Halévy, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 9, 2019 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

La Juive – Fromental Halévy – Die Jüdin

– Liebe unter dem Schatten der Intoleranz –

von Hanns Butterhof

Die neue Spielzeit an der Staatsoper Hannover beginnt unter der neuen Intendantin Laura Berman mit einem szenisch-musikalischen Großereignis. Fromental Halévys tragische Oper La Juive (Die Jüdin) von 1835 erzählt eine Liebesgeschichte, auf die tödlich der Schatten konfessioneller Intoleranz und barbarischer Gewalt fällt. Lydia Steyer inszeniert in opulenten Bildern, ein tolles Ensemble und die von Valtteri Rauhalammi souverän geleitete musikalische Handlung stimmen zu einem eindringlichen, aufwühlenden Opernabend zusammen.

La Juive – Fromental Halévy
youtube Trailer der Staatsoper Hannover
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Fromental Halévys La Juive mit dem Libretto von Eugène Scribe spielt eigentlich in Konstanz des Jahres 1414 zur Zeit eines Konzils, das um die Einheit der Katholischen Kirche und gegen Reformer wie Jan Hus kämpft. Die aufgeregte Zeit voller Intoleranz dehnt Lydia Steyer bis in die Gegenwart. Sie lässt jeden Akt einen Zeitsprung rückwärts machen, von den 50er Jahren in den USA zum Ende der 20er-Jahre nach Deutschland und dort in das barocke Stuttgart, bevor die Oper über die spanische Inquisitionszeit schließlich in Konstanz ankommt. Dass dieser Verweis auf die Aktualität des Stoffs erstaunlich glatt gelingt, hat nicht zuletzt darin seinen Grund, dass sich das Geschehen so erschreckend unverändert durch die Historie zieht.

So beginnt das Unheil nicht erst, als die junge Jüdin Rachel (Barno Ismatullaeva) eine Liebesbeziehung zu dem katholischen Prinzen Léopold (Matthew Newlin) eingeht. Es wird immer schon dort ausgebrütet, wo niemand derjenige sein kann, der er ist, sondern von starren Konventionen überformt und gefesselt wird.

Als Bühne für die eindringliche Handlung hat Momme Hinrichs eine große Video-Wand wie eine Mauer gebaut, auf die mittelalterliche Kreuzigungsszenen mit Juden als Tätern projiziert werden. Video-Technik lässt die Mauer wie durch die Posaunen von Jericho zerstieben und malt einen künstlichen Heiligenschein um den Versöhnung predigenden, aber Unterwerfung fordernden Kardinal Brogni (Shavleg Armasi). Aus der Wand lassen sich auch Tribünen für die üppigen Volksszenen und das symbolisch stimmig in Flammen aufgehende Häuschen Éléazars herausschieben.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin – hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Poppig bunt beginnt die Oper im Amerika der 50er Jahre. Hier fährt Léopold in Elvis-Pose und verkleidet als der Jude Samuel im Straßenkreuzer vor, bei seiner Serenade „Loin de mon amie“ werden die Mädchen in Petticoats (Kostüme: Alfred Mayerhofer) schwach. Sein werbendes Lied aber gilt der Jüdin Rachel. Sie ist das Kind christlicher Eltern, das der jüdische Goldschmied Éléazar (Zoran Todorovich) aus einem brennenden Haus gerettet und in seinem Glauben aufgezogen hat. Eine fromme Menge, die sich für eine Prozession mit Panzern, Wagen mit Gehenkten und Geräderten versammelt hat, ist umstandslos bereit, Éléazar wegen Störung der Festtagsruhe zu lynchen, und stimmt dazu ein mächtiges Tedeum (Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio) an. Dass Léopold als Samuel ihn schützen kann, kommt einem Wunder gleich.

Die gedrückte Stimmung einer Kirche im Untergrund breitet der düstere zweite Akt aus, der Ende der 20er Jahre in Deutschland spielt. Im Hause Éléazars wird mit Samuel das Pessach-Fest zur Befreiung von der Herrschaft der Ägypter gefeiert, als es beängstigend kräftig an der Türe klopft. Hastig werden alle rituellen Gegenstände abgeräumt, die Gäste versteckt und der Raum wieder in Éléazars Goldschmiede-Geschäft zurückverwandelt. Doch harmlos erscheint mit Hündchen die aufgedonnerte Prinzessin Eudoxie (Mercedes Arcuri), die Gattin Léopolds, um für ihn eine Goldkette zu kaufen. Sie verlässt, ohne in Samuel ihren Mann erkannt zu haben, das Haus, das mit bedrohlichem Vorschein in Video-Flammen aufgeht. Léopold gesteht Rachel seine Täuschung und erwägt, mit ihr vor der drohenden Todesstrafe für die „Rassenschande“ irgendwohin zu fliehen. Als Éléazar in Unkenntnis der Täuschung zustimmt, dass die beiden heiraten, bekommt der Prinz kalte Füße und flüchtet sich in die Residenz zu seiner Gattin.

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Hier ist alles voller barocker Leichtigkeit und Glanz, die Kostümabteilung prunkt mit rauschenden Röcken, glänzenden Uniformen und phantasievollen Frisuren. Vor einem Wandschirm mit dem pornographischen Boucher-Gemälde „Leda und der Schwan“ macht sich Eudoxie für ihren Gatten schön, der sich von ihr recht widerstandslos flachlegen lässt. Rachel, die ihm nachgegangen ist, macht den Skandal öffentlich, dass sich der christliche Prinz mit einer Jüdin eingelassen hat. Sofort fällt die ganze Gesellschaft, die sich zur Feier Léopolds um die üppigst beladene Speisetafel versammelt hatte, demütigend über die beiden her. Das Geständnis bringt alle vor Gericht, Rachel, Léopold und Éléazar – ein Anklang an das Schicksal von „Jud Süß“ Oppenheimer, der im Stuttgart von 1738 unter obskuren Anklagen zum Tode verurteilt wurde. Kurz scheint zwar ein Happy-End möglich, als Éléazar mit sich ringt, ob er nicht offenbaren sollte, dass Rachel ein Christenkind ist. Das würde der Anklage den Boden entziehen. Aber Éléazars Fesseln aus bitterem Hass und religiösem Fanatismus lassen das nicht zu.

Deren Quellen liegen tiefer in der Vergangenheit. In Rom war einst unter dem damaligen Magistrat Brogni die Familie Éléazars getötet, er selber verbannt worden. Jetzt ist Brogni als Kardinal und Präsident des Konzils Chefankläger gegen Éléazar & Co. Doch Brogni weiß nicht, dass Rachel seine Tochter ist, die er mit seiner ganzen Familie verbrannt glaubt.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin -  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin –  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

Rachel wartet 1492 in dem Gefängnis der spanischen Inquisition am Fuße einer hohen Treppe auf den Ausgang des Prozesses. Dem Flehen Eudoxies, ihre Anschuldigung zu widerrufen und so wenigstens Léopolds Leben zu retten, kommt sie aus Liebe nach; Léopold ist ein Großer, das Gericht lässt ihn laufen. Doch auch für Rachel scheint noch Hoffnung auf. Brogni hat von Éléazar erfahren, dass seine Tochter noch lebt, aber nicht, wer sie ist, und bietet ihm als Rettung den Übertritt zum Katholizismus an. Doch ist dieser Weg durch Éléazars Hass auf die Katholiken und seinen fanatischen Glaubenseifer versperrt. Nur für Rachel erwägt er in tragischer Zerrissenheit diese Möglichkeit. Als er ihr die Alternative eröffnet, für eine kurze Spanne Lebens das Seelenheil auf ewig zu verlieren, wählt sie mit ihm den Tod.

Die Hinrichtung findet schließlich im Rahmen eines Volksfestes beim Konstanzer Kirchenkonzil 1414 statt. Die Menge in den Kostümen jetzt aller vorherigen Akte, mit Go-go-Tänzerinnen in Stars-and-Stripes-Bikinis, erfreut sich wieder an dem Schauspiel einer Prozession. Ein riesiger Globus als Zeichen der katholischen Weltherrschaft, Menschenfresser und Henker in Micky-Maus-Kostümen ziehen vorbei. Und in dem Moment, in dem Rachel zur Belustigung des Volks in kochendes Wasser geworfen wird und nicht mehr zu retten ist, verrät Éléazar dem Kirchenfürst in Befriedigung seines alten Rachegelüstes, dass sie seine Tochter war. Mit dem zusammenbrechenden Brogli fällt der Vorhang.

Lydia Steyer schafft mit klaren, teilweise witzigen und bunten, auch erschreckenden ganz der Grande Opéra gemäßen Bildern trotz der schwierigen Zeitsprünge eine schlüssige Erzählung, der man gebannt bis zum tragischen Ende folgt. Für ihre große Neigung, Kinder einzusetzen, finden sich nicht unbedingt zwingende Anlässe. Im Großen gelingen ihr jedoch ergreifend menschliche Figuren und die Entwicklung von Rollenträgern zu Menschen in all ihrem Zwiespalt, wie sie eine Zeit fortlebender Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und gewaltbereitem Fanatismus hervorbringt. Die Regie ergreift keine Partei und erlaubt so dem Publikum nicht, sich beruhigt auf der richtigen Seite zu fühlen. Das reißt aktuell die in jedem vorhandenen Vorurteile, Ressentiments und Zerrissenheiten auf, so dass man La Juive aufgewühlt betroffen verlässt.

Die Gesangspartien sind durchwegs hervorragend besetzt. Die junge usbekische Sopranistin Barno Ismatullaeva begeistert mit einem überaus gelungenen Rollendebüt. Mit ihrem warmen jugendlichen Sopran, sicheren Höhen und eindrucksvoll stimmlicher Gestaltung ihrer Rolle ist sie eine nahezu ideale, bis in den Tod liebende Rachel. Auch die Argentinierin Mercedes Armasi überzeugt als Eudoxie. Anfangs mit ihrem sehr beweglichen Koloratursopran noch etwas veralbert, gewinnt sie an Format und rührt als flehende Gattin. Der Amerikaner Matthew Newlin passt als Léopold mit seinem leichten, hellen Tenor perfekt als Bruder Leichtfuß, und der Georgier Shavleg Armasi entwickelt sich mit profundem Bass von einem empathielosen Kirchenfunktionär zum gebrochenen Vater. Der serbische Tenor Zoran Todorovich ist ein gesanglich ungeheuer eindringlicher Éléazar von starker Bühnenpräsenz. Beeindruckend sein großes Gebet im zweiten Akt, erschütternd sein inneres Ringen um den rechten Weg für Rachel, der er allerdings ihre Herkunft verschweigt.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin – hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Wuchtig und klangschön hat der von Lorenzo Da Rio einstudierte Chor prächtige Szenen, und im Orchestergraben leitet Valtteri Rauhalammi das Niedersächsische Staatsorchester bei einigen kleinen Unstimmigkeiten mit der Bühne umsichtig. Die großen musikalischen Ausbrüche wie beim schrillen Entsetzen der Festgäste macht er so hörbar wie das feine Schlagen von Rachels Herz, und horcht musikalisch tief in die Seele des Volks und der Protagonisten hinein.

Die unbedingt sehens- und hörenswerte Oper La Juive endet nach dreieinhalb fesselnden Stunden und einer langen Pause betroffenen Schweigens mit großem Jubel, teils stehend dargebrachtem Beifall für Valtteri Rauhalammi und das Niedersächsische Staatsorchester, großem Beifall für Chor und das Sängerensemble,Trampelbeifall für Barno Ismatullaeva und Zoran Todorovich.

La Juive an der Staatsoper Hannover; die nächsten Termine:12.10 um 19.30 Uhr, 31.10.2019  16.00 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

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