Hamburg, Elbphilharmonie, Cecilia Bartoli betört mit Vivaldi, IOCO Kritik, 12.12.2018

Dezember 13, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Kulturstätte © Ralph Lehmann

Cecilia Bartoli betört mit Vivaldi 

Von Michael Stange

Mit Cecilia Bartoli stand in der Elbphilharmonie am 10.12.2018 eine der beeindruckendsten und wandlungsfähigsten Opernsängerinnen unserer Zeit auf dem Konzertpodium.

Neben ihrem, mit virtuosen, Koloraturarien gespickten Vivaldi-Album, das sie vor zwanzig Jahren veröffentlichte, stellte sie in diesem Jahr den inwendigen, seelenvollen Vivaldi vor.

Antonio Vivaldi Opern bergen immense gesangstechnische Herausforderungen. Ohne die fulminante Gesangs- und Atemtechnik der damals auf den Opernbühnen herrschenden Kastraten sind die Stücke nicht zu bewältigen. Ihre „Knabenstimmen in Männerkörpern“ verfügten über erhebliches Atemvolumen und die Kraft für die virtuos verzierten Arien. Sängerinnen, die dieses Repertoire heute singen, müssen virtuoseste Herausforderungen meistern und benötigen dafür eine stupende Gesangstechnik.

Mit Mezzotiefe, glitzernden, geläufigen Koloraturen, eindrucksvoller seelischer Wandlungs- sowie Darstellungsfähigkeit, immenser Spiel- und Lebensfreude sowie der Sonne im Herzen interpretierte Cecilia Bartoli die verschiedenen Rollen und ihre zahlreiche Zugaben.

Antonio Vivaldi - Denkmal in Wien © IOCO

Antonio Vivaldi – Denkmal in Wien © IOCO

Ihre weitgefächerte stimmlichen Farbpalette, ihre immense Ausdrucksfähigkeit, die superbe delikate Tongebung und ihre Musikalität machen den Abend zu einem Hochgenuss. Neben im neuen Decca Album enthaltenen Arien wurden weitere Raritäten präsentiert.

Am Anfang von Cecilias Bartolis Auftritt stand die Vogel-Arie „Quell’augellin“. Dort singt ein Vöglein in der Gefangenschaft von Freiheit und seiner geliebten Buche. Bartoli gestaltet die Vogelarie in verhaltener Mezzavoce. Koloraturgewandt, kunstvoll und mit melancholischem Ton zeichnet sie ein rührendes Portrait, dass sie in den Textwiederholungen einfühlsam und ausdrucksvoll variiert und steigert.

Wenig später beklagt sie in „Vedro con mio diletto“ aus Giustino mit schmerzerfüllter Stimme das Fernbleiben des Geliebten. Melancholische Stimmfärbung und schwebendes, melancholisches Piano lassen das Publikum an Sehnsucht und Seelenqual teilnehmen. Auch hier wird die Darstellung im Verlauf der Arie immer ausgefeilter und nuancierter. Koloraturen im Piano und Bartolis seelenvoller Gesang lassen ein todesnahes Klagelied ertönen.

In der Rachearie „Se lento ancora il fulmine“ aus Argippo spielt Cecilia Bartoli ihre dramatischen Trümpfe aus. Furchteinflößend ihr Ruf nach Rache, anrührend ihr Angebot an den Geliebten zur Versöhnung. Hier zeigt sie, dass sie auch die feurigen Attacke im Forte meisterlich beherrscht und überaus dramatisch ihre Stimmmittel einsetzen kann.

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Westminster Abbey © IOCO

Neben dem mit weiteren Vivaldi-Arien ohnehin schon umfangreichen Programm folgten zahlreiche Zugaben. Am Beginn stand die Rache-Arie der Zauberin Melissa aus Händels Amadigi di Gaula: „Desterò dall‘ empia Dite“. Atemberaubende Koloraturen und ein Wettkampf mit der Trompete waren eine weitere Delikatesse des Konzerts. An die introvertiert vorgetragene Arie Cherubinos „Voi che sapete“ aus Mozarts Le nozze di Figaro reihte sich die italienische Canzone „Non ti scordar di me“.

Die Krone der Zugaben war dann die Arie „A facile vittoria“ aus Agostino Steffanis Tassilone. Hier liefert sich Bartoli eine weitere urkomische Bataille mit dem Trompeter Thibaud Robinne. Natürlich ging daraus Cecilia Bartoli als virtuose spitzbübische Siegerin hervor. Ihre biegsame in sphärische Höhen aufsteigende Stimme bot der Trompete brillant bei jedem Tempo, jeder Melodie und jeder Tonlänge Paroli. So kapitulierte Robinne für diesen Moment.

Cecilia Bartoli, das gesamte Ensemble und Robinne blieben aber gemeinsame Sieger. Sie überzeugten fulminant und nahmen das Publikum mit einem furiosen Abend für sich ein. Was für eine immense Musikalität, atemberaubende Stimmtechnik und die einzigartige Identifikation mit den portraitierten Rollen! Jede Arie und jedes Orchesterstück waren Kleinode und eine Reise zu den Schätzen Vivaldis.

Ein weiterer Clou war nach der Pause, dass Cecilia Bartoli beim Besingen des Bachs in der Arie „Zeffiretti che sussurrate“ aus: Ercole su’l Termodonte durch die Galerie flanierte, sich auch den hinter ihr sitzenden Besucherinnen und Besucher zeigte und ihre tragfähige Stimme von jeder Stelle in den Saal strömen ließ und während des Singens auf das Podium zurückkehrte.

Wesentlichen Anteil an diesem grandiosen Ereignis hatten die Musiciens du Prince – Monaco unter Gianluca Capuano. Sie begleiteten Bartoli intensiv und spielfreudig. Gesang und Instrumente waren stets in berückendem Dialog und harmonierten betörend.

In den Auszügen aus Vivaldis „Le quattro stagioni“ und den Konzerten für Violine, Streicher und Basso continuo op. 8, Nr. 1-4 hatte das aus 23 Musikern bestehende Ensemble Gelegenheit, seine solistischen Qualitäten zu beweisen. Scharfe, federnde Rhythmen, stürmende Bläser, sinnliche Streicher, eine virtuose Orchesterführung und die immense technische Beherrschung der Instrumente bewiesen die kompositorischen Qualitäten und die blitzenden Inspirationen Vivaldis.

Das Publikum bedankt sich frenetisch mit stehenden Ovationen

Der Abend warf die Frage auf, warum die Wiederentdeckung Vivaldis so lange gebraucht hat. Grund dafür war, dass erst 1927 seine Original Handschriften der Partituren aus Privatbesitz in die Nationalbibliothek Turin überführt wurden. Danach begann eine langsame Reise zu seinem Werk. Partituren waren zuvor allenfalls in wenigen Bibliotheken verfügbar, veröffentlichte Exemplare waren kaum greifbar und daher weitgehend unbekannt. Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war Vivaldis Opernschaffen im Wesentlichen in Deutschland renommierten Musikwissenschaftlern wie Hellmuth Christian Wolff bekannt. Auch die Wiederentdeckung der Orchesterwerke Vivaldis begann mit Bach-Experten des neunzehnten Jahrhunderts Julius Rühlmann. Wolff widmete der venezianischen Oper 1937 seine Dissertation und fasste 1968 in einem Artikel für Acta Musicologica den Forschungsstand zu den Opern Vivaldis zusammen. Durch Schallplatten aus den USA wurde mit der Aufnahme der Oper La Fida Ninfa beim Label VOX 1964 erstmals einem breiten Publikum die Entdeckung Vivaldis als Opernkomponist ermöglicht.

Hoffentlich war dieser Abend auch ein Zündfunke für andere norddeutsche Opernhäuser als die Hamburger Kammeroper das Opernschaffen Vivaldis konzertant oder szenisch in den nächsten Jahren zu beleben.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Aachen, Aachener Bachtage 2018 – Feuer und Flamme, IOCO Kritik, 15.11.2018

November 16, 2018 by  
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Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche © Aachener Bachverein / Andreas Schmitter

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche © Aachener Bachverein / Andreas Schmitter

Bachverein Aachen

– 45. Aachener Bachtage – Feuer und Flamme  –

3. November – 26. November 2018

Von Ingo Hamacher

Bach-Recital am 13. November 2018 im Rahmen der 45. Aachener Bachtage in der Aachener Annakirche unter dem Motto: Feuer und Flamme.

Feuer und Flamme waren nicht nur das Barock-Ensemble des Sinfonieorchesters Aachen unter der Leitung von Justus Thorau, sondern auch die Besucher des Bach-Recitals, die die großartige Leistung der Vortragenden vor fast ausverkauftem Haus mit nicht enden wollendem Applaus und rythmischem Klatschen lobten.

Nach begrüßenden Worten des künstlerischen Leiters der Aachener Bachtage, Georg Hage, wurde das Publikum mit der feurig-lebendigen Ouvertüre der Orchestersuite C-Dur Bach Werkverzeichnis (BWV) 1066 auf den Abend eingestimmt.

Justus Thorau, seit Beginn der Spielzeit 2018/2019 als 1. Kapellmeister am Saarländischen Staatstheater engagiert, und in der letzten Spielzeit noch stellvertretender GMD in Aachen, dankte dem Aachener Bachverein für die nun zum zweiten mal stattfindende Teilnahme des Aachener Sinfonieorchesters an den Aachener Bachtagen und gab seiner Hoffnung auf eine zukünftig fortbestehende Zusammenarbeit Ausdruck.

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche / Bachkantate zum Mitsingen © Aachener Bachverein / Andreas Steindl

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche / Bachkantate zum Mitsingen © Aachener Bachverein / Andreas Steindl

Mit dem überregional bedeutenden Musikfestival Aachener Bachtage, initiiert 1974, setzt der Aachener Bachverein zusammen mit der Evangelischen Kirchengemeinde als Veranstalter einen künstlerischen Schwerpunkt. Mit Barock- und Kammermusik, Kantaten und Oratorien, Orgelmusik, Orchesterkonzerten und Jazz-Improvisation bieten die Aachener Bachtage alljährlich ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Musikprogramm.

Der Aachener Bachverein, seit 2008 unter der künstlerischen Leitung von Annakantor Georg Hage, ist der Oratorienchor der Evangelischen Kirchengemeinde Aachen. Als herausragende Institution mit Resonanz weit über die Grenzen der Stadt hinaus zählt der Aachener Bachverein mit seinen rund 120 Mitgliedern aller Altersgruppen und Konfessionen zu den traditionsreichsten (bestehend seit 105 Jahren) Kulturträgern der Region.

Es folgt die Kantate BWV 199: Mein Herze schwimmt im Blut aus dem Jahr 1714, geschrieben für Solo-Sopran, Oboe, zwei Violinen, Viola und Basso continuo.

Johann Sebastian Bach in Weimar © IOCO / Gallée

Johann Sebastian Bach in Weimar © IOCO / Gallée

Der Großteil des Textes ist Georg Christian Lehms‘ Sammlung Gottgefälliges Kirchen-Opfer entnommen; er handelt von der Erlösung eines Sünders durch Gott.

Die Kantate besteht aus acht Sätzen:
„Mein Herze schwimmt im Blut“
„Stumme Seufzer, stille Klagen“
„Doch Gott muss mir genädig sein“
„Tief gebückt und voller Reue“
„Auf diese Schmerzensreu“
„Ich, dein betrübtes Kind“
„Ich lege mich in diese Wunden“
„Wie freudig ist mein Herz“

Suzanne Jerosme – französischer Sopran und Ensemblemitglied am Theater Aachen – gestaltet mit ihrer klaren, ergreifenden Stimme die Leiden des sich zu Gott kehrenden Sünders zu einem sinnlich erfahrbaren und atemberaubenden Erlösungsereignis.

Johann Sebastian Bach (* 31. März 1685 in Eisenach; †28. Juli 1750 in Leipzig) war ein deutscher Komponist, Kantor sowie Orgel- und Chembalovirtuose des Barocks. In seiner Hauptschaffensperiode war er Thomaskantor zu Leipzig. Er ist der prominenteste Vertreter der Musikerfamilie Bach und gilt heute als einer der bekanntesten und bedeutendsten Musiker überhaupt.

Als zweite Kantate des Bach-Recitals – unter einem Recital versteht man ein Konzert, das entweder von einem einzigen Solisten dargeboten wird oder – wie hier – aus den Werken eines einzigen Komponisten besteht – hören wir die Kantate aus dem BWV 170: Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust, eine Solokantate für Alt, aus dem Jahr 1726.

Mit „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ beginnt Georg Christian Lehms ein Loblied auf den „wahren Seelenfrieden“ und auf die „Stille und Ruhe des Herzens“. Der Arientext ist jedoch nur ein ruhiges Vorspiel. Im ersten Recitativo, wettert er über die Schar der Sünder. Im zweiten Arientext wird der Irrweg des menschlichen Herzens beklagt. In der letzten Zeile dieser Arie heißt es wie schon zu Beginn: „Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen“. Damit kehrt Lehms wieder zum Anfang zurück. Das nächste Recitativo setzt dann das Klagen fort, bis es dann aber zu „Gottes Vorschrift“, auch den Feind wie einen Freund zu lieben, zurückkehrt. Die abschließende Arie vollendet den Gedankenkreis, indem sie mit der „vernügten Ruh“ wieder zum Beginn zurückkehrt.

Die Kantate gliedert sich in fünf Teile:
Arie: Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust
Recitativo: Die Welt, das Sündenhaus
Arie: Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen
Recitativo: Wer sollte sich demnach wohl hier zu leben wünschen
Arie: Mir ekelt mehr zu leben

 Aachener Bachverein © Aachener Bachverein / Andreas Hermann

Aachener Bachverein  © Aachener Bachverein / Andreas Hermann

Um der Forderung Bachs, der für diese Kantaten ein zweimanualiges Continuo fordert, nachzukommen teilt Justus Thorau sein Barock-Orchester, dass die Stücke auf zeitgenössischen Instrumenten vorträgt, auf. Während die restlichen Musikern weiterhin vom Altarraum der Kirche her spielen, zieht er sich mit 4 Streichern auf die Empore zurück, um dort an der großen Orgel das Stück wie gefordert begleiten zu können.

Durch die Teilung des Orchesters, wie auch durch Fanny Lustauds (großartiger Mezzosopran, Ensemble-Mitglied des Theaters Aachen) Positionswechsel vom Chorraum zur Empore im zweiten Teil der Kantate, entsteht ein spannungsgeladenes raumfüllendes Musikerlebnis, von ungewöhnlicher Intensität getragen von der besonderen Akustik des Kirchenraumes.

Die evangelische Annakirche ist eine ehemalige Klosterkirche in Aachen. Im Jahr 1511 wurde in Aachen zu dem bereits bestehenden umfangreiche Ordensleben der Stadt ein kleines Benediktinerinnenkloster gegründet und der hl. Anna geweiht. Als 200 Jahre später die Notwendigkeit und die Möglichkeit eines größeren Kirchenneubaus entstand, wurde diese Aufgabe dem für Aachen so bedeutenden Architekten und Sohn der Stadt Johann Joseph Couven übergeben. Es entstand ein einschiffiger Saalbau. Mit der französischen Besetzung Aachens 1794 wurde das Kloster aufgelöst. Die bald darauf eingeführte Religionsfreiheit führte dazu, dass den evangelischen Gemeinden eines der aufgelösten Klöster zur Verfügung gestellt wurde. So wurde die Annakirche 1802 evangelisch.

Als Abschluss dieser doch seelenschwerden Kantatentexte verabschiedet uns das Orchester mit Bachs 3. Brandenburgischen Konzert, BWV 1048, eine Komposition für neun Streichinstrumente und Basso Continuo, vermutlich aus dem Jahre 1714.

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche © Aachener Bachverein

Aachener Bachtage 2018 in der Annakirche © Aachener Bachverein

Der erste Satz zieht seine Spannung vor allem aus der Gegenüberstellung der dreistimmigen Violinen gegen die ebenfalls dreistimmigen Violen. Das Konzert hat als Überleitung keinen ausgeführten langsamen Satz, sondern nur zwei gehaltene überleitende Akkorde, an die der Schlusssatz unmittelbar anschließt. Dieser Satz stellt einen lebhaften, heiteren Tanz dar. Wie für einen Tanz typisch besteht der Satz aus zwei Teilen, die in sich wiederholt werden.

Für das begeisterte Publikum und die spiel- und sangesfreudigen Künstler, die abschließend mit Präsenten eines ortsansässigen Schokoladenherstellers verwöhnt wurden, sind die 45. Aachener Bachtage aber noch nicht abgeschlossen.

Am Sonntag, 18. November 2018 gibt es am selben Ort ein Kammerkonzert mit Werken J.S. Bachs.

Sonntag, 25. November 2018 und Montag, 26. November 2018 ein Chorkonzert II von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Kirche St. Michael, Jesuitenstraße. Mendelssohn gilt als ‚Wiederentdecker‘ von Bachs Werken.

Über die Aachener Bachtage hinaus ist der Aachener Bachverein auch im kommenden Jahr aktiv. Folgende Termine sind bislang bekannt:

Samstag, 9. Februar 2019, Haus der Ev. Kirche: Bach Kantate zum Mitsingen und Mitspielen

Sonntag, 10 Februar 2019, Annakirche, Musikalischer Gottesdienst mit Bach-Kantate

Sonntag, 31. März 2019; Krönungssaal des Aachener Rathauses: Johannes Brahms: Ein deutsches Requiem, vorgetragen vom Kammerchor Aachener Bachverein und dem Aachener Bachorchester

Palmsonntag, 14. April 2019, Kirche St. Michael, Jesuitenstraße: Johann Sebastian Bach: Markus Passion

Interessierte haben in den nächsten Monaten ebenfalls die Möglichkeit, das Sinfonieorchester Aachen-Barock unter der Leitung von Justus Thorau zu erleben. Bis Februar 2019 spielt das Theater Aachen das Oratorium Il Triumpho von Händel in einer musikalisch äußerst ansprechenden szenischen Inszenierung im Großen Haus. Auch dort wieder dabei: Suzanne Jerosme und Fanny Lustaud.

—| IOCO Kritik Aachener Bachverein |—

Aachen; Theater Aachen, Il trionfo del Tempo e del Disinganno – G. F. Händel, IOCO Kritik, 28.10.2018

Oktober 30, 2018 by  
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Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

Theater Aachen © IOCO

Il trionfo del Tempo e del Disinganno   

Der Triumph der Zeit und der Ernüchterung

Oratorium von Georg Friedrich Händel – Libretto Benedetto Pamphili

 Von Ingo Hamacher

DER TRIUMPH von Händel ist ein wunderschönes, aber äußerst selten gespieltes Werk. Und das mag wohl auch daran liegen, dass niemand so richtig etwas mit dem Stück anzufangen weiß. Schon alleine der Titel: Der Triumph von Zeit und Enttäuschung. Seltsam! „Der Triumph der Zeit“, dazu mag man ja noch Bilder im Kopf haben. Aber „Triumph“ und „Enttäuschung“ wollen zusammen keinen Sinn ergeben. Enttäuschung ist kein Triumph. Es ist das Gegenteil davon.

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Sehen wir uns die Entstehungsgeschichte an: Georg Friedrich Händel reiste 1706 nach Rom. Die öffentliche Darbietung von Opern war zu dieser Zeit in der Heiligen Stadt verboten, weshalb die Komponisten auf Kantaten und Oratorien auswichen. Ein geistlicher Herr namens Kardinal Benedetto Pamphilj hatte ein moralisches Libretto geschrieben, in dem die Schönheit die Falschheit ihres Handelns erkennt, die Lust auf der Strecke bleibt und Zeit und Enttäuschung den Sieg davon tragen. Und dieses moralinsaure Traktätchen hat Händel dann mal eben 1707 in eine der schönsten Musiken seiner Zeit gekleidet. So die offizielle Geschichtsversion.

Für das Jahr 1700 hatte Papst Clemens IX. ein Opernverbot für Rom verhängt. Die wollüstigen Bühnenspektakel, die sich in ganz Italien immer weiter ausbreiteten, schienen für das anstehende Heilige Jahr nicht passend zu sein. Aufgrund der auch im römischen Klerus zunehmenden Sitten- und Zügellosigkeiten wurde auch in den nachfolgenden Jahren an diesem Verbot fest gehalten. Händel reiste also an keinen frömmlerischen Tugendort, sondern in eine Welt sprudelnder Lebens- und Sinnesfreude, die kaum zu bändigen war. Der ‚geistliche Herr‘, auf den er dort traf, war auch nicht irgendwer, sondern Kardinal Benedetto Pamphilj. Pamphilj war italienischer Kardinal, Librettist, Komponist und Musikmäzen. Er war bis zu seinem Tode zuständig für das Vatikanische Geheimarchiv und die Vatikanische Apostolische Bibliothek. Und außerdem war der zu diesem Zeitpunkt 50-jährige stattliche Mann ein leidenschaftlicher Verehrer junger Männer. Händel, 23, jung, schlank, bildschön und ebenfalls sein ganzes Leben lang nur an Männern interessiert, erhielt zahlreiche Liebesbriefe von Pamphilj, in denen dieser seinen „caro sassone“ (lieben Sachsen) zärtlich umgarnt.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno  © Wil van Iersel

Das Wort „Disinganno“ ist nicht ganz eindeutig. Es kann „Enttäuschung“ bedeuten, jedoch gibt es auch die Möglichkeit, es mit „Erkenntnis“ zu übersetzen. Und in diesem Fall ergibt sich ein völlig neuer Sinnzusammenhang: Es handelt sich bei dem Libretto offensichtlich um ein Werbelied des reiferen Mannes an seinen jungen Geliebten.

Schönheit und Lust (Attribute der Jugend) werden im ersten Teil des weltlichen Oratoriums kritisch hinterfragt. Im zweiten Teil hebt Pamphilj die Vorzüge der Zeit und der Erkenntnis hervor (die von ihm als reifem, gestandenen Mann in vorbildlicher Weise vertreten werden). Zeit und Erkenntnis triumphieren am Ende. Der junge Mann, der derzeit noch an so lästigen Vergänglichkeiten wie Schönheit und Lust leidet, wäre also dumm, wenn er sich nicht in die Arme des reifen Partners sinken ließe, der bereits den Triumph von Zeit und Erkenntnis genießt.

 Theater Aachen mit – Händel für Hipster 

Das Theater Aachen startet diese Inszenierung mit einem spannendem Experiment. Es stellt die Frage:   Lässt sich das Stück mit seinen verschiedenen Aspekten auch in die heutige Zeit übertragen?

Den mutigsten Vorstoß wagt Ric Schachtebeck (Bühne) mit einer völligen Veränderung der Sicht- und damit auch der Hörgewohnheiten. Er zerschneidet geradezu das klassische Setting einer Opernbühne. Barockgesang ist immer Rampensteherei; egal ob Oper oder Oratorium. Also verändert und verlängert er die Bühnenrampe derart, Foto oben, dass sie den Raum des Bühnengrabens überspannt, um sich dann S-förmig in den Zuschauerraum zu erstrecken. Die dadurch verlorenen Sitzplätze werden im Bereich des Orchestergrabens und im linken Teil der Bühne ausgeglichen. Jeder Besucher gerät dadurch in eine Doppelrolle zwischen Beobachter und Teilnehmer, spätestens dann, wenn eine der zahlreichen Kameras auf ihn gerichtet sind, und er auf einer der vielen großen Leinwand für alle sichtbar erscheint. Die Sänger stehen den ganzen Abend an der Rampe, aber diese Rampe ist überall, so dass ein sehr ansprechendes akustisches Raumerlebnis entsteht. Ein geglücktes interessantes Konzept.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Ebenfalls fantasievoll die Kostüme. Die völlig übersteigerte und lebensfremde Bühnenkostümierung der Barockzeit wird von Raphael Jacobs in einen catwalk-artigen Showlauf der Prêt-à-porter-Mode übersetzt, mit der die Protagonisten sich auf dem Laufsteg in Szene setzen. Bizarre Kombinationen aus Farben, Schnitten und Materialien, in der Wirkung wie ein Schaulaufen von Narzisten, prägt das Bühnengeschehen. Raschelplastik und Knisterfolie setzen nicht nur materialinteressante Akzente, sondern verhindern über weite Strecken hinweg ein Wahrnehmen der großartig komponierten und auf historischen Instrumenten gespielten wunderschönen Musik.

Meine Sitznachbarin, eine mittelalte Lehrerin, interpretierte das die Musik überdeckende Geraschel und Geknarze der Kostüme begeistert als das Rauschen des Windes im Wald der Vergänglichkeit. Die Inszenierung lässt also reichlich Raum für eigene Bilder des Betrachters.

Im zweiten Teil der Aufführung wechseln die geräuschintensiven Kleidungsstücke zugunsten farbenfrohem Irgendetwas, so dass die großartige Musik Händels wieder erlebbar wird.

Der Regisseur Ludger Engels hatte Händel = Handy assoziiert, Foto unten, und so filmt jeder Sänger sich, andere oder das Publikum, übertragen auf zahlreiche große Bildschirme, mittels eines Mobiltelefons. Auch bedeutungsschwangere Facebook-Posts, immer wieder in den Bildschirmen oder auf dem Bühnenhintergrund eingeblendet, sollen der Inszenierung einen doppelten Boden und eine entsprechende Tiefe vermitteln. Irgendwann springen irgendwoher irgendwelche jungen Tänzer auf die Bühne, tanzen schweißtreibend irgendetwas, und springen ins Publikum zurück. Konkret krass! Musiktheater für junge Leute.

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Theater Aachen / Il trionfo del Tempo e del Disinganno © Wil van Iersel

Wie in der Einführungsveranstaltung bereits erfahrbar, hatte die junge Dramaturgin Pia-Rabia Vornholt zu dem Stück keinen Zugang gefunden. Um dem turbulenten Treiben auf der Bühne nicht im Wege zu sein, wurde das Orchester im Bühnenhintergrund platziert, worunter jedoch die Akustik deutlich leidet.

Das Theater Aachen führt mit diesem Oratorium seinen Barock-Schwerpunkt fort, bei dem jede Spielzeit ein Werk der Barockzeit auf historischen Instrumenten einstudiert wird. In besonderen Kursen wird den Musikern ermöglicht, mit den alten Instrumenten vertraut zu werden, um auf diesem Wege möglichst nah an den Originalklang der alten Musik heran zu kommen. Das unter der musikalischen Leitung von Justus Thorau, dem stellvertretenden GMD der letzten Spielzeit, stehende Orchester des Theaters Aachen, das bereits aus den Vorjahren große Erfahrung in diesem Bereich vorweisen kann, meistert diese Aufgabe mit Bravour.

Die Musik von Händel ist ausgesprochen abwechslungsreich. Stücke, die nur vom Continuo begleitet werden, wechseln sich mit Arien mit obligaten Soloinstrumenten ab, ruhigere Teile folgen auf hochvirtuose, rhythmisch angeschärfte Gesangsequilibristik. Immer dann, wenn die Aufmerksamkeit des Hörers nicht allzu sehr vom schrillen Treiben auf der Bühne, das in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem musikalischen Geschehen steht, abgelenkt wird, ist der Abend ein musikalischer Hochgenuss.

Unter den Arien vielleicht eine der berühmtesten Melodien Händels, die er mehrfach verwendet hat und die vielleicht mit dem Text „Lascia ch´io piango“ aus Händels Oper Rinaldo am bekanntesten geworden sein dürfte, gesungen von Fanny Lustaud. Wunderbar!

Die jungen Sänger auf der Bühne sind großartig.  La Belezza (Die Schönheit) wird vom Sopran Suzanne Jerosme gesungen, die das Ensemble des Theaters Aachen in ihrer zweiten Spielzeit bereichert. Kolloraturreich und stimmschön gestaltet sie die Partie. Il Piacere (Die Lust) ist von Händel eigentlich für einen Alt geschrieben. Fanny Lustaud, eher Mezzo, gefällt an diesem Abend ebenfalls mit einer großartigen gesanglichen Leistung.

Auch die männlichen Partien überzeugen: Il Disinganno (Die Erkenntnis) gesungen vom kanadischen Countertenor Cameron Shahbazi und Il Tempo (Die Zeit), dargestellt vom chilenischen Haustenor des Aachener Theaters Patricio Arroyo, beide eine perfekte Ergänzung des Ensembles.

Neben der gesanglichen Höchstleistung soll aber auch nicht die schauspielerische Leidenschaft und Begeisterung der Sänger unerwähnt bleiben, die zusammen mit dem Orchester einen turbulenten und ungewöhnlich interessanten Abend gestaltet haben.

Verdienter großer Applaus vor ausverkauftem Haus.

Um die eingangs gestellte Frage noch zu beantworten, ob sich das Stück mit seinen verschiedenen Aspekten auch in die heutige Zeit übertragen lässt: Eher nein. Auch bei großartiger musikalischer Leistung und farbenfrohem lebendigem Bühnengeschehen, beide Aspekte haben in dieser Aufführung leider nicht zusammen gefunden.

Il trionfo del Tempo e del Disinganno am Theater Aachen: Weitere Termine: 17.11.18; 22.11.18; 02.12.18; 14.12.18; 19.12.18; 29.12.18; 02.02.19; 14.02.19

—| IOCO Kritik Theater Hagen |—

London, Royal Opera House, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.07.2018

 Royal Opera House London und, links hinten die Paul Hamlyn Hall © Royal Opera House

Royal Opera House London und, links hinten die Paul Hamlyn Hall © Royal Opera House

Royal Opera House

Royal Opera House – Covent Garden

Mit Betreten des geschichtsträchtigen  Royal Opera House (ROH) im Zentrum Londons, im Stadtteil Covent Garden ergreift dessen klassisch-barocke Ambiente wie die locker entspannte „englische“ Atmosphäre seiner Besucher. 1732 als Theatre Royal eröffnet wurde das Gebäude 1808 und 1856 durch Brände zerstört und wiederaufgebaut. Der heutige, dritte  Bau des ROH wurde 1858 errichtet. Seit 1735 werden hier auch Opern und Oratorien von Georg Friedrich Händel – englisch George Frederick Handel – aufgeführt. Der prunkvolle Innenraum des ROH fasst 2.256 Plätze und beeindruckt durch hervorragende Akustik,  wunderbare Logen sowie einem spektakulären Amphitheater, welches im 3. Rang des Zuschauerraumes bis unter das Dach steil ansteigt.

Das klassische ROH wurde 1990 um ein modernen Glaspavillon, die Paul Hamlyn Hall, ergänzt; das architektonische Aufeinandertreffen von Historie und lebhafter Moderne wurden prägend für den besonderen Charme des Theatergebäudes. Die mit dem ROH verbundene hochmoderne Stahl-Glas-Konstruktion bietet Besuchern wunderbare Aufenthaltsräume und eine der schönsten Dachterrassen Londons: Ein Besuch wird dringend empfohlen!

Royal Opera House London/ Besucherraum - Auditorium © Rob Moore / ROH

Royal Opera House London/ Besucherraum – Auditorium © Rob Moore / ROH

LOHENGRIN  von  Richard Wagner

– In den Trümmern der Welt –

Von Uschi Reifenberg

Die Welt ist aus den Fugen:  Die Gesellschaft nach einem Krieg schwer traumatisiert, die Menschen sehnen sich nach Orientierung und Stabilität. Das ist die Ausgangslage in der Lohengrin – Neuinszenierung des US-amerikanischen Regisseurs David Alden. Der Bühnenbildner Paul Steinberg hat für diese trostlose Situation im 1. Akt zwei heruntergekommene, doppelstöckige, schräg abfallende Häuserreihen auf die Bühne des Königlichen Opernhauses gestellt, die ihre Position je nach Bedarf verändern und auch dem Chor als Aktionsraum dienen.

Richard Wagner konzipierte den Lohengrin um 1845, in einer Zeit des tiefgreifenden politischen Auf- und Umbruchs. Sein Denken war zum damaligen Zeitpunkt auf einen radikalen Strukturwandel der Gesellschaft ausgerichtet und gipfelte in seiner aktiven Teilnahme als Barrikadenkämpfer bei den Dresdner Maiaufständen 1849. In der romantischen Oper Lohengrin kommt Wagners Utopie einer durch Revolution und Kunst erneuerten demokratischen Welt zum Ausdruck, die auf Erlösung hofft…

Royal Opera House London / Lohengrin - hier: Klaus Florian Vogt als Lohengrin © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier: Klaus Florian Vogt als Lohengrin © Clive Barda

Der Heerrufer des Königs ist ein Kriegsversehrter mit Beinschiene und Kopfverletzung, König Heinrich ein zutiefst verunsicherter Herrscher, der sich an seinen Königsmantel klammert und mit Elsa zusammen zu ihrem vermeintlichen Retter betet. Elsa, gedemütigt und entrechtet, wird in einem Gefängnis unter der Erde gefangen gehalten, mühsam kriecht sie aus ihrem Verließ und singt ihren Traum unter strenger Bewachung von bewaffneten Militärs, die ihr die Augen verbinden und ein Erschießungskommando vorbereiten.

Elsas traumwandlerische Sicherheit im Glauben an ihre Errettung evoziert Lohengrins Ankunft, indem schwarze Flügelschläge von Schwänen auf die Hauswände projiziert werden (Video: Tal Rosner). Diese gleiten auseinander und geben den Blick frei auf Lohengrin, der in gleißend weissem Licht (Licht: Adam Silverman), rückwärts gewandt, den Schwan verabschiedet. Lohengrin erscheint barfuß, engelsgleich, in einem strahlend weißen Anzug (Kostüme: Gideon Davey), verletzlich, ein Schützer, der selbst Schutz sucht, wenn er seinen Kopf in Elsas Schoss birgt.

Lohengrins Anspruch an Elsa, Liebe und Verständnis durch “höchstes Vertrauen“ zu finden, fraglose Akzeptanz seiner „Eigenart“ zu gewinnen sowie Aufnahme in eine Gesellschaft zu finden, in die er als Retter gesandt wurde, manifestiert auch gleichzeitig die Lohengrin Tragödie. Das Frageverbot, der folgende Dialog zwischen Elsa und Lohengrin, ist bei David Alden eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen den Liebenden. Sie sind plötzlich allein mit sich, das restliche Ensemble ist für diesen Moment nicht mehr auf der Bühne. Telramund wird nach seiner Niederlage im Kampf mit Lohengrin an einen Stuhl gefesselt, fortan ist er stigmatisiert durch ein rotes Farbmal auf seiner Stirn. Ein Geächteter, der sich nach und nach immer mehr seiner eigenen schrecklichen Schuld bewusst wird.

Im 2. Akt ist nun die Innenseite der Häuserreihe zu sehen, die durch Balken abgestützt wird.  Ortrud sitzt an einem Schreibtisch und ordnet Aktenunterlagen, eine eiskalte Politikerin, der zur Erreichung ihrer Ziele jedes Mittel recht ist. Telramund, den heftigste Verzweiflung und Gewissensbisse quälen, ist am Ende. Ein labiler Charakter, der von seiner machtgierigen Frau Ortrud hemmungslos manipuliert wird. Hier wird eine Beziehungstragödie von Shakespeareschem Ausmaß gezeigt, wenn Lady Macbeth- Ortrud Telramund verführt und dieser- nicht nur sexuell von ihr abhängig-, sich nur allzu bereitwillig zum Werkzeug ihrer kriminellen Absichten instrumentalisieren lässt. „Der Rache Werk“ singt das Paar in eng umschlungener Umarmung.

Royal Opera House London / Lohengrin - hier : Jennifer Davis als Elsa © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier : Jennifer Davis als Elsa © Clive Barda

Bei Elsas Zug zum Münster gleitet die schiefe Häuserreihe auseinander und es erscheint eine riesige, leuchtend weiße „Reichs-Schwan“ Statue (!), die auf dem Sockel des Leipziger Völkerschlachtdenkmals thront. Elsas Brautkleid senkt sich vom Schnürboden herab und sie ähnelt nun in ihrer weißen Pracht deutlich dem Schwan.

Ein Verweis auf die Schwan Symbolik von Reinheit, Unschuld und Licht, und ebenso ein Hinweis des Regisseurs, wie unreflektiert notleidende Gesellschaften fremde Kultursymbole und -techniken zu übernehmen bereit sind und wie schnell sogenannte Heilsbringer etabliert werden. Das arg strapazierte Nazi-Klischee lässt grüßen.  Elsa wird- gegenüber der Schwan-Statue auf einen kleineren blumenbekränzten Sockel gehoben, der später Telramund und Lohengrin vor den Volksmassen als Rednerpult dient.

Während des Vorspiels zum 3. Akt verirren sich das Brautpaar Elsa und Lohengrin in die vorderen Parkettreihen des Zuschauerraumes und beeilen sich – in freudiger Erwartung der Hochzeitsnacht- wieder auf die Bühne zu kommen. Denn dort wartet ein großes Bett- ebenfalls in klinischem weiß vor ebensolcher Wand. Darüber hängt ein überdimensionales Bild von August von Heckels „Die Ankunft Lohengrins“ aus dem Wohnzimmer von Neuschwanstein.

Man wünschte sich, Elsa und Lohengrin wüssten dies als Fingerzeig zu nutzen, aber vielleicht gerade deshalb steuern sie sehenden Auges in ihr Schicksal. Die sensible und differenziere Personenführung von David Alden ließ in der Brautgemachszene den Dialog zwischen dem Liebespaar zu einem Höhepunkt werden. Telramund bricht bei seinem Anschlag auf Lohengrin durch die geschlossene Wand; ein wunderbares Detail ist, wenn Lohengrin dem toten Telramund die Augen schließt und er plötzlich erkennt, dass nun auch an seinen Händen Blut klebt.

Das letzte Bild des 3. Aktes wird von zahlreichen Flaggen mit  rot-weiß-schwarzen Schwänen eingerahmt, die Militärmaschine kommt in Gang, Soldaten mit Stahlhelmen und mittelalterlichen Speeren versammeln sich in „ Kampfeslust“. Lohengrin geht wie er kam: weiß, barfüßig, einsam. Das Prinzip Hoffnung ist gescheitert, so wie Land, Leute und Liebe. Er beginnt die Gralserzählung zusammengekauert am Boden, in sich gekehrt und vernichtet in der Erkenntnis seines Scheiterns an den unlösbaren Aufgaben. Ein starkes Bild!

Bei Ortruds Triumphgeheul fallen plötzlich alle Flaggen in sich zusammen, aus diesen schält sich der vermisste Gottfried heraus. Er reckt das übergroße Schwert, das er kaum tragen kann in Siegerpose in die Höhe und man ahnt, dass aus diesen Trümmern wohl keine bessere Zukunft erwachsen kann.

Royal Opera House London / Lohengrin - hier : Georg Zeppenfeld als König Heinrich © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier : Georg Zeppenfeld als König Heinrich © Clive Barda

Andris Nelsons hinreißendes Dirigat führt Orchester, Chor und Solisten zu Höchstleistungen. Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau- silberner Schönheit leuchten, in fein  abgestuften Schattierungen von zarten piani bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit klar strukturierten Klangschichtungen, idealen Spannungsbögen und austarierter Agogik zelebriert Nelsons das Vorspiel als Tondichtung im Sinne Wagners:  „..in unendlich zarten Linien zeichnet sich mit allmählich wachsender Bestimmtheit die wunderspendende Engelschar ab, die, in ihrer Mitte das heilige Gefäß geleitend, aus lichten Höhen unmerklich sich herabsenkt...“ ( Richard Wagner: Vorspiel zu Lohengrin, 1853)

Mit packendem Zugriff geriet das Vorspiel zum 3. Akt, schwungvoll-ausladend, mit präzisen Posauneneinsätzen und perfekt balancieren Tutti Stellen. Klaus Florian Vogt ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, eine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre sowie seine unforcierte und zu schönster Legatokultur fähigen Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch- dramatischen Ausbrüchen. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert.

Die junge Jennifer Davis bewährte sich als Einspringerin für Kristine Opolais in ihrer ersten großen Rolle als Elsa in bewundernswerter Weise. Sie besitzt einen sicher geführten, in allen Lagen ausgeglichenen, substanzreichen lyrischen Sopran, der sich im Laufe des Abends mühelos in dramatische Bereiche entwickelt und Zartheit in Dynamik und Darstellung glaubhaft vermittelte.

Die Figur des Telramund ist Thomas Johannes Mayer auf den Leib geschrieben. Der vielseitige Bariton aus Südhessen durchleuchtet die psychologischen Abgründe des Denunzianten bis an die Grenzen und sorgt für Gänsehaut. Mit kernigem, teils stählernem Bariton versucht er seinem Widersacher die Stirn zu bieten und offenbart einen im Kern tief verzweifelten Menschen.

Christine Goerke zeigte nicht nur in ihrer Rollengestaltung als Ortrud eine dämonische Frau mit vielen Gesichtern, auch stimmlich wies ihr Mezzo in den verschiedenen Lagen eine eher inhomogene Klangkultur auf. Ihre tragfähige Tiefe überzeugte mehr als die höheren Lagen, die beiden Spitzentöne im 2. Akt und am Schluss gerieten- trotz oder wegen der Fermaten- leider enttäuschend.

Kostas Smoriginas als Heerrufer liess einen vollen und ausdrucksstarken Bariton hören, allerdings mit einigen mulmigen Vokalen und stellenweiser Textunverständlichkeit. Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als exemplarischer König Heinrich in der vordersten Liga- veredelte mit balsamischem Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Der Chor des ROH (Leitung: William Spaulding), war überwältigend in Klangentfaltung, Präzision und Textverständlichkeit. Das begeisterte Publikum im ausverkauften Royal Opera House spendete für alle Mitwirkenden nach jedem Akt lautstark Jubelrufe und Bravos. Die Musik und die Bilder blieben noch lange präsent auf dem Weg durch die sommerlich-heißen Londoner Straßen.

—| IOCO Kritik Royal Opera House |—

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