London, Royal Opera House, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.07.2018

 Royal Opera House London und, links hinten die Paul Hamlyn Hall © Royal Opera House

Royal Opera House London und, links hinten die Paul Hamlyn Hall © Royal Opera House

Royal Opera House

Royal Opera House – Covent Garden

Mit Betreten des geschichtsträchtigen  Royal Opera House (ROH) im Zentrum Londons, im Stadtteil Covent Garden ergreift dessen klassisch-barocke Ambiente wie die locker entspannte „englische“ Atmosphäre seiner Besucher. 1732 als Theatre Royal eröffnet wurde das Gebäude 1808 und 1856 durch Brände zerstört und wiederaufgebaut. Der heutige, dritte  Bau des ROH wurde 1858 errichtet. Seit 1735 werden hier auch Opern und Oratorien von Georg Friedrich Händel – englisch George Frederick Handel – aufgeführt. Der prunkvolle Innenraum des ROH fasst 2.256 Plätze und beeindruckt durch hervorragende Akustik,  wunderbare Logen sowie einem spektakulären Amphitheater, welches im 3. Rang des Zuschauerraumes bis unter das Dach steil ansteigt.

Das klassische ROH wurde 1990 um ein modernen Glaspavillon, die Paul Hamlyn Hall, ergänzt; das architektonische Aufeinandertreffen von Historie und lebhafter Moderne wurden prägend für den besonderen Charme des Theatergebäudes. Die mit dem ROH verbundene hochmoderne Stahl-Glas-Konstruktion bietet Besuchern wunderbare Aufenthaltsräume und eine der schönsten Dachterrassen Londons: Ein Besuch wird dringend empfohlen!

Royal Opera House London/ Besucherraum - Auditorium © Rob Moore / ROH

Royal Opera House London/ Besucherraum – Auditorium © Rob Moore / ROH

LOHENGRIN  von  Richard Wagner

– In den Trümmern der Welt –

Von Uschi Reifenberg

Die Welt ist aus den Fugen:  Die Gesellschaft nach einem Krieg schwer traumatisiert, die Menschen sehnen sich nach Orientierung und Stabilität. Das ist die Ausgangslage in der Lohengrin – Neuinszenierung des US-amerikanischen Regisseurs David Alden. Der Bühnenbildner Paul Steinberg hat für diese trostlose Situation im 1. Akt zwei heruntergekommene, doppelstöckige, schräg abfallende Häuserreihen auf die Bühne des Königlichen Opernhauses gestellt, die ihre Position je nach Bedarf verändern und auch dem Chor als Aktionsraum dienen.

Richard Wagner konzipierte den Lohengrin um 1845, in einer Zeit des tiefgreifenden politischen Auf- und Umbruchs. Sein Denken war zum damaligen Zeitpunkt auf einen radikalen Strukturwandel der Gesellschaft ausgerichtet und gipfelte in seiner aktiven Teilnahme als Barrikadenkämpfer bei den Dresdner Maiaufständen 1849. In der romantischen Oper Lohengrin kommt Wagners Utopie einer durch Revolution und Kunst erneuerten demokratischen Welt zum Ausdruck, die auf Erlösung hofft…

Royal Opera House London / Lohengrin - hier: Klaus Florian Vogt als Lohengrin © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier: Klaus Florian Vogt als Lohengrin © Clive Barda

Der Heerrufer des Königs ist ein Kriegsversehrter mit Beinschiene und Kopfverletzung, König Heinrich ein zutiefst verunsicherter Herrscher, der sich an seinen Königsmantel klammert und mit Elsa zusammen zu ihrem vermeintlichen Retter betet. Elsa, gedemütigt und entrechtet, wird in einem Gefängnis unter der Erde gefangen gehalten, mühsam kriecht sie aus ihrem Verließ und singt ihren Traum unter strenger Bewachung von bewaffneten Militärs, die ihr die Augen verbinden und ein Erschießungskommando vorbereiten.

Elsas traumwandlerische Sicherheit im Glauben an ihre Errettung evoziert Lohengrins Ankunft, indem schwarze Flügelschläge von Schwänen auf die Hauswände projiziert werden (Video: Tal Rosner). Diese gleiten auseinander und geben den Blick frei auf Lohengrin, der in gleißend weissem Licht (Licht: Adam Silverman), rückwärts gewandt, den Schwan verabschiedet. Lohengrin erscheint barfuß, engelsgleich, in einem strahlend weißen Anzug (Kostüme: Gideon Davey), verletzlich, ein Schützer, der selbst Schutz sucht, wenn er seinen Kopf in Elsas Schoss birgt.

Lohengrins Anspruch an Elsa, Liebe und Verständnis durch “höchstes Vertrauen“ zu finden, fraglose Akzeptanz seiner „Eigenart“ zu gewinnen sowie Aufnahme in eine Gesellschaft zu finden, in die er als Retter gesandt wurde, manifestiert auch gleichzeitig die Lohengrin Tragödie. Das Frageverbot, der folgende Dialog zwischen Elsa und Lohengrin, ist bei David Alden eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen den Liebenden. Sie sind plötzlich allein mit sich, das restliche Ensemble ist für diesen Moment nicht mehr auf der Bühne. Telramund wird nach seiner Niederlage im Kampf mit Lohengrin an einen Stuhl gefesselt, fortan ist er stigmatisiert durch ein rotes Farbmal auf seiner Stirn. Ein Geächteter, der sich nach und nach immer mehr seiner eigenen schrecklichen Schuld bewusst wird.

Im 2. Akt ist nun die Innenseite der Häuserreihe zu sehen, die durch Balken abgestützt wird.  Ortrud sitzt an einem Schreibtisch und ordnet Aktenunterlagen, eine eiskalte Politikerin, der zur Erreichung ihrer Ziele jedes Mittel recht ist. Telramund, den heftigste Verzweiflung und Gewissensbisse quälen, ist am Ende. Ein labiler Charakter, der von seiner machtgierigen Frau Ortrud hemmungslos manipuliert wird. Hier wird eine Beziehungstragödie von Shakespeareschem Ausmaß gezeigt, wenn Lady Macbeth- Ortrud Telramund verführt und dieser- nicht nur sexuell von ihr abhängig-, sich nur allzu bereitwillig zum Werkzeug ihrer kriminellen Absichten instrumentalisieren lässt. „Der Rache Werk“ singt das Paar in eng umschlungener Umarmung.

Royal Opera House London / Lohengrin - hier : Jennifer Davis als Elsa © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier : Jennifer Davis als Elsa © Clive Barda

Bei Elsas Zug zum Münster gleitet die schiefe Häuserreihe auseinander und es erscheint eine riesige, leuchtend weiße „Reichs-Schwan“ Statue (!), die auf dem Sockel des Leipziger Völkerschlachtdenkmals thront. Elsas Brautkleid senkt sich vom Schnürboden herab und sie ähnelt nun in ihrer weißen Pracht deutlich dem Schwan.

Ein Verweis auf die Schwan Symbolik von Reinheit, Unschuld und Licht, und ebenso ein Hinweis des Regisseurs, wie unreflektiert notleidende Gesellschaften fremde Kultursymbole und -techniken zu übernehmen bereit sind und wie schnell sogenannte Heilsbringer etabliert werden. Das arg strapazierte Nazi-Klischee lässt grüßen.  Elsa wird- gegenüber der Schwan-Statue auf einen kleineren blumenbekränzten Sockel gehoben, der später Telramund und Lohengrin vor den Volksmassen als Rednerpult dient.

Während des Vorspiels zum 3. Akt verirren sich das Brautpaar Elsa und Lohengrin in die vorderen Parkettreihen des Zuschauerraumes und beeilen sich – in freudiger Erwartung der Hochzeitsnacht- wieder auf die Bühne zu kommen. Denn dort wartet ein großes Bett- ebenfalls in klinischem weiß vor ebensolcher Wand. Darüber hängt ein überdimensionales Bild von August von Heckels „Die Ankunft Lohengrins“ aus dem Wohnzimmer von Neuschwanstein.

Man wünschte sich, Elsa und Lohengrin wüssten dies als Fingerzeig zu nutzen, aber vielleicht gerade deshalb steuern sie sehenden Auges in ihr Schicksal. Die sensible und differenziere Personenführung von David Alden ließ in der Brautgemachszene den Dialog zwischen dem Liebespaar zu einem Höhepunkt werden. Telramund bricht bei seinem Anschlag auf Lohengrin durch die geschlossene Wand; ein wunderbares Detail ist, wenn Lohengrin dem toten Telramund die Augen schließt und er plötzlich erkennt, dass nun auch an seinen Händen Blut klebt.

Das letzte Bild des 3. Aktes wird von zahlreichen Flaggen mit  rot-weiß-schwarzen Schwänen eingerahmt, die Militärmaschine kommt in Gang, Soldaten mit Stahlhelmen und mittelalterlichen Speeren versammeln sich in „ Kampfeslust“. Lohengrin geht wie er kam: weiß, barfüßig, einsam. Das Prinzip Hoffnung ist gescheitert, so wie Land, Leute und Liebe. Er beginnt die Gralserzählung zusammengekauert am Boden, in sich gekehrt und vernichtet in der Erkenntnis seines Scheiterns an den unlösbaren Aufgaben. Ein starkes Bild!

Bei Ortruds Triumphgeheul fallen plötzlich alle Flaggen in sich zusammen, aus diesen schält sich der vermisste Gottfried heraus. Er reckt das übergroße Schwert, das er kaum tragen kann in Siegerpose in die Höhe und man ahnt, dass aus diesen Trümmern wohl keine bessere Zukunft erwachsen kann.

Royal Opera House London / Lohengrin - hier : Georg Zeppenfeld als König Heinrich © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier : Georg Zeppenfeld als König Heinrich © Clive Barda

Andris Nelsons hinreißendes Dirigat führt Orchester, Chor und Solisten zu Höchstleistungen. Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau- silberner Schönheit leuchten, in fein  abgestuften Schattierungen von zarten piani bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit klar strukturierten Klangschichtungen, idealen Spannungsbögen und austarierter Agogik zelebriert Nelsons das Vorspiel als Tondichtung im Sinne Wagners:  „..in unendlich zarten Linien zeichnet sich mit allmählich wachsender Bestimmtheit die wunderspendende Engelschar ab, die, in ihrer Mitte das heilige Gefäß geleitend, aus lichten Höhen unmerklich sich herabsenkt...“ ( Richard Wagner: Vorspiel zu Lohengrin, 1853)

Mit packendem Zugriff geriet das Vorspiel zum 3. Akt, schwungvoll-ausladend, mit präzisen Posauneneinsätzen und perfekt balancieren Tutti Stellen. Klaus Florian Vogt ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, eine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre sowie seine unforcierte und zu schönster Legatokultur fähigen Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch- dramatischen Ausbrüchen. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert.

Die junge Jennifer Davis bewährte sich als Einspringerin für Kristine Opolais in ihrer ersten großen Rolle als Elsa in bewundernswerter Weise. Sie besitzt einen sicher geführten, in allen Lagen ausgeglichenen, substanzreichen lyrischen Sopran, der sich im Laufe des Abends mühelos in dramatische Bereiche entwickelt und Zartheit in Dynamik und Darstellung glaubhaft vermittelte.

Die Figur des Telramund ist Thomas Johannes Mayer auf den Leib geschrieben. Der vielseitige Bariton aus Südhessen durchleuchtet die psychologischen Abgründe des Denunzianten bis an die Grenzen und sorgt für Gänsehaut. Mit kernigem, teils stählernem Bariton versucht er seinem Widersacher die Stirn zu bieten und offenbart einen im Kern tief verzweifelten Menschen.

Christine Goerke zeigte nicht nur in ihrer Rollengestaltung als Ortrud eine dämonische Frau mit vielen Gesichtern, auch stimmlich wies ihr Mezzo in den verschiedenen Lagen eine eher inhomogene Klangkultur auf. Ihre tragfähige Tiefe überzeugte mehr als die höheren Lagen, die beiden Spitzentöne im 2. Akt und am Schluss gerieten- trotz oder wegen der Fermaten- leider enttäuschend.

Kostas Smoriginas als Heerrufer liess einen vollen und ausdrucksstarken Bariton hören, allerdings mit einigen mulmigen Vokalen und stellenweiser Textunverständlichkeit. Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als exemplarischer König Heinrich in der vordersten Liga- veredelte mit balsamischem Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Der Chor des ROH (Leitung: William Spaulding), war überwältigend in Klangentfaltung, Präzision und Textverständlichkeit. Das begeisterte Publikum im ausverkauften Royal Opera House spendete für alle Mitwirkenden nach jedem Akt lautstark Jubelrufe und Bravos. Die Musik und die Bilder blieben noch lange präsent auf dem Weg durch die sommerlich-heißen Londoner Straßen.

—| IOCO Kritik Royal Opera House |—

Cambridge, Cambridge Handel Opera Company – Julian Perkins, IOCO Interview, 23.05.2018

Great Hall, The Leys School, Cambridge © The Leys School

Great Hall, The Leys School, Cambridge © The Leys School

Cambridge Handel Opera Company

 Julian Perkins – Director  Cambridge Handel Opera Company

The Cambridge Handel Opera Company (CHOC) in Cambridge, England, is a new professional organization that celebrates the fusion of music and the stage with performances that are not just ‘historically informed’, but ‘historically inspired’. There is meaningful integrity between what happens in the music and what happens on stage. Baroque stagecraft is incorporated into their productions in a manner that speaks directly to audiences. In April  2018 Cambridge Handel Opera Company staged a highly acclaimed production of Handel’s Rodelinda, HWV 19 in Cambridge at the new theatre at The Leys. In May 2018 Victor Jarosch, IOCO, spoke to Julian Perkins about his objectives and future plans for the CHOC.

Victor Jarosch (VJ): Julian, who or what inspired you to take up the harpsichord, and pursue a career in music?

Julian Perkins - Artistic Director Cambridge Handel Opera Company © Julian Perkins

Julian Perkins – Artistic Director Cambridge Handel Opera Company © Julian Perkins

Julian Perkins (JP):: As the youngest of four, I was born into a family of musical noise. Sitting on my mother’s lap at the piano, making music started out as little more than sibling rivalry. Apart from anything with a keyboard, I enjoyed singing, playing the violin and recorder (infuriated at having to wait until I had legs long enough for the organ!). My patient parents packed me off to music courses including Pro Corda in Suffolk, which nurtured my deep love of chamber music. I first met the harpsichord in my teens experimenting with Baroque music in chamber groups. How could one not love instantly the joy of the dance, the chatter of counterpoint and the freedom to improvise? And what better way to earn a living than sharing with others this life-affirming music?

VJ: Who or what have been the most important influences on your musical life and career?

JP: At school, David Langdon and Ralph Allwood both went way beyond their job descriptions in supporting my various musical interests. As a choral scholar and organist at King’s College, Cambridge, it was enriching to experience music as part of a daily form of worship. In my studies, I was a shameless magpie in hassling as many musicians as would tolerate me. Amongst others, Trevor Pinnock taught me the importance of connecting with the sound, David Parry the physicality of conducting and Noelle Barker an understanding of the voice.

 George Frederick Handel tomb at Westminster Abbey, London © IOCO

George Frederick Handel tomb at Westminster Abbey, London © IOCO

As a child, there is one stand-out experience that continues to inspire me: singing as a treble in Mahler’s Symphony of a Thousand’ under Klaus Tennstedt. I was a dreamy child, but Tennstedt captivated me for reasons I have never fully understood. A grumpy old man, in poor health, flailing about in a seemingly haphazard manner on the podium – but I have never, ever heard an orchestra or choir sound like they did with him – and this had nothing to do with his relative fame. I can only put it down to his complete identification with the music and his utter determination to transmit it to his fellow musicians. Humbling.

VJ: What have been the greatest challenges of your career so far?

JP: In addition to keeping up and improving one’s musicianship and technique, my greatest challenge is ring-fencing the administration. Like the hydra’s heads – where two more appear if one is amputated – I find that email requests have an alarming tendency to increase the more one writes! Just the other day I sent off programme details for a forthcoming festival only to find two more similar requests in my inbox for other bespoke events. Whilst it is important to keep abreast of the administration, it is vital to maintain the discipline and enjoyment of studying and practising one’s art. I just turn off the computer at a certain point and know that the world will probably not collapse if one email gets slightly delayed.

Cambridge Handel Opera Company / Rodelinda © Jean-Luc Benazet

Cambridge Handel Opera Company / Rodelinda © Jean-Luc Benazet

VJ: As a conductor, how do you communicate your ideas about a work to the orchestra?

JP: Words can be a dangerous medium in rehearsals. Isn’t it truly said that a large part of a conversation happens through one’s body language? While images, colours and metaphors can be useful, I like to communicate my ideas primarily through my gestures and, when I’m directing from the keyboard, my playing.

VJ: How exactly do you see your role as a conductor? Inspiring the players/singers? Conveying the vision of the composer?

JP: I like to enable the musicians to give of their best by providing a framework within which they can work. One needs to balance the dangers of being over-prescriptive on the one hand with being wishy-washy on the other. Every group is different, of course, but if I can earn a group’s trust, stimulate their imagination and have a clear idea of the sound I want, then things are looking good. Inspiration comes out of this – but one can’t plan to be inspiring. As for the composer’s vision, one can only hope to convey this by having a cultural appreciation of their life and works, and by scrutinizing the score again, again and again.

VJ: Which recordings are you most proud of?

JP: They each have treasured memories, but I’m probably most proud of how my first solo recording came together. This was the world-première of eight harpsichord suites by Handel’s younger English contemporary, James Nares. Historic Royal Palaces granted me the honour of recording on the Royal Harpsichord at Kew Palace. The project attracted dozens of subscribers – and even some artwork from one of Nares’ living descendants.

VJ: Which particular works do you think you play best?

JP: Those that are imbued with lyricism and harmonic interest within a cohesive musical structure. A good dollop of counterpoint never goes amiss either!

VJ: How do you make your repertoire choices from season to season?

JP: I like mixing treasured favourites with pieces that are new to me. It’s fascinating how The Frick Collection in New York juxtaposes art and media from different periods. Similarly, I enjoy devising programmes that have meaningful resonances, such as arias by Handel or Hasse alongside recent responses to earlier works by composers like Stephen Dodgson or György Ligeti. And fresh challenges are irresistible! For instance, I recently created an opera pasticcio about Casanova with the writer Stephen Pettitt. We joyfully plundered operas and oratorios from Vivaldi to Bellini, committing some glorious heresies along the way. Watch this space for our next run…

Westminster Abbey London © IOCO

Westminster Abbey, London © IOCO

VJ: Do you have a favourite concert venue to perform in and why?

JP: I find that the quality of a venue is determined as much by the unique chemistry of the audience as by the room itself. I have given recitals in some unusual locations – including a water mill – in which the sense of occasion gave a special quality to the venue. Acoustically, it’s often rewarding to perform in a space where there is some wood panelling as this helps to give a glow to the sound. Among venues that are perhaps lesser-known, Wilton’s Music Hall in East London has a particular charm. Originally a Victorian music hall, its acoustic is akin to the Wigmore Hall in its clarity and warmth. There is also an alluring patina to the building’s fabric that makes it feel like the equivalent of a well-loved pair of slippers.

VJ: Who are your favourite musicians?

JP: Those who are brilliant, humble, open-minded – and fun!

VJ: What is your most memorable concert experience?

JP: Arriving to rehearse Handel’s Messiah only to find that the organ was at the wrong pitch. Transposing the piece up a semitone in the concert proved to be good brain-gym!

VJ: As a musician, what is your definition of success?

JP: Knowing that I have touched a listener’s emotions.

VJ: What do you consider to be the most important ideas and concepts to impart to aspiring musicians?

JP: In addition to the normal nostrums such as preparation, punctuality and professionalism, another ‘P’ has come to have increasing importance for me: Process. When I was starting out as a musician I sometimes worried too much about what people might think of me. Now, I try and focus more on the ever-changing process of making music and let the listeners decide for themselves what they like. When Roger Federer turned the tables and beat Rafael Nadal to win the 2017 Australian Open, he spoke afterwards of having played the ball and not the opponent. Similarly, I think performers should give due importance to playing the notes (grouped together musically!) and not the audience. It’s impossible to make people like you, but if you’re absorbed in what you’re doing, that in turn should draw in the listener.

VJ: Where would you like to be in 10 years’ time?

JP: Playing a positive role with my wife in the lives of our two sons, giving lots of fulfilling performances, teaching proactive students – and enjoying good food.

VJ: What is your most treasured possession?

JP: My appetite for learning. As the Artistic Director of Cambridge Handel Opera, I recently conducted a staged production of Handel’s Rodelinda in Cambridge. Praised for its  ‘flawless ensemble’ in IOCO, Cambridge Independent headlined its review by stating that ‘Productions of Handel’s operas don’t get much better than this one’.

This season also sees Julian’s concerto debut at the Sage Gateshead with the Royal Northern Sinfonia, his directorial debuts with the Croatian Baroque Ensemble and Wroclaw Baroque Orchestra, a solo appearance on BBC Radio 3’s ‘Early Music Show’, a world première of a choral work by Stephen Dodgson and the debut of his group, Sounds Baroque, at St John’s Smith Square. Solo recitals include appearances in Boston (USA) and at the Petworth Festival, Lammermuir Festival, Northern Aldborough Festival, London Handel Festival, St George’s Bristol and the Holywell Music Room, Oxford, and duo recitals for the Budapest Bach Festival and Mozart Society of America. He returns to the Anghiari Festival in Italy this summer to conduct the Southbank Sinfonia, performs with Florilegium and continues his collaboration with Coram in directing the annual Handel Birthday Concert with Sounds Baroque and international soprano Rebecca Evans. Forthcoming recordings include a programme of Purcell’s songs with soprano Anna Dennis and Sounds Baroque, the second volume of Mozart’s keyboard duets on original instruments with Emma Abbate, Schubert’s sonatas for violin and piano with Peter Sheppard Skærved and the world première of Stephen Dodgson’s opera, Margaret Catchpole. His recent recording of Howells’ clavichord music was described by The Guardian as ‘a virtuoso showcase’ and praised by MusicWeb International as ‘exemplary’.

VJ: Thank you, Julian, for the interview.

—| IOCO Interview Cambridge Handel Opera Company |—

Köln, Friedenskirche – Köln Ehrenfeld, ZAMUS – Fest für Alte Musik, IOCO Kritik, 03.04.2018

April 3, 2018 by  
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ZAMUS Köln / Exequien - Motetten von Heinrich Schuetz © Karin Hasenstein

ZAMUS Köln / Exequien – Motetten von Heinrich Schuetz © Karin Hasenstein

Heinrich Schütz – Musikalische Exequien und Motetten

  “Eile mich, Gott, zu erretten”

Von Karin Hasenstein

Inmitten der an Konzerten so reichen vorösterlichen Passionszeit faszinierte besonders die Konzertreihe des ZAMUS – Zentrum für ALTE MUSIK Köln, mit den Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz in ihrer Mitte. Das in der Friedenskirche in Köln-Elberfeld  auftretende ZAMUS-Vocal-Consort, mit einem überregional anerkannten Gesangs-Ensemble, die mit gesungenem Wort so sensibel umgehende Starsopranistin Emma Kirkby, seit vielen Jahre international anerkannte große Dame der Alten Musik, an der Spitze, machte den Besuch der Exequien mit Heinrich Schütz für die Rezensentin zu einem unbedingten Muß.

Motetten und die Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz standen auf im Mittelpunkt, nicht die zu dieser Zeit gewohnten großen Passionen von J.S. Bach oder G.F. Händel, nein.

ZAMUS Köln / Exequien von Heinrich Schuetz © Karin Hasenstein

ZAMUS Köln / Exequien von Heinrich Schuetz © Karin Hasenstein

Die Musikalischen Exequien SWV 279-281 (op. 7) sind ein geistliches musikalisches Werk für Singstimmen und Basso continuo von Heinrich Schütz. Das Werk entstand als eine erweiterte Evangelienmotette im Rahmen der lutherischen Trauermesse (Teile I und II) und als Musik zur Beisetzung (Teil III) von Heinrich Posthumus Reuß im Februar 1636. Das damals geläufige lateinische Wort ex(s)equiae bedeutet “Leichenbegängnis”. Es stellt jedoch keinen Traditionszusammenhang mit der ebenfalls oft Exequien genannten katholischen Begräbnisliturgie her.

Schütz komponierte seine Exequien 1635/36 anlässlich des Todes seines Landesherrn Heinrich Posthumus Reuß. Sie erklangen erstmalig bei Reuß’ Trauergottesdienst und Beisetzung in Gera. Der Fürst selbst hatte noch zu Lebzeiten eine Sammlung von Bibelversen und Liedtexten zusammengestellt, mit welchen sein Sarg beschriftet werden sollte. Diese Texte übergab Heinrichs Witwe nach dessen Tod an Schütz, der sie zur Grundlage des ersten Teils der Exequien machte. Mit dem zweiten Text “Herr, wenn ich nur dich habe” (Psalm 73, 25-26) schloss Schütz als zweiten Teil der Exequien die Vertonung dieses Textes als Motette an. Als abschließende fünfstimmige Motette erklang der Lobgesang des Simeon “Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren”.

Den ersten Teil der Exequien bestreiten sechs Soli (2 Soprane, Alt, 2 Tenöre, Bass) und Orgel. In den als Capella bezeichneten Sätzen können weitere Ripieno-Sänger je Stimme hinzukommen. Der zweite Teil besteht aus zwei jeweils mit Sopran, Alt, Tenor und Bass besetzten Teilensembles. In der letzten Motette kontrastiert der als Capella bezeichnete fünfstimmige Hauptchor mit drei Solostimmen (2 Soprane und Bariton als Seraphim mit der Beata Anima, als Fernchor zu positionieren).

Den Exequien vorangestellt hat der musikalische Leiter Joachim Diessner zwölf Motetten von Heinrich Schütz, Samuel Scheidt, Johann Rudolph Ahle und Johann Eccard. Sie alle einzeln zu beschreiben würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Allen gemein ist jedoch, dass sie vom ZAMUS Vocal-Consort mit differenzierter Dynamik und sauberer Intonation sensibel gestaltet wurden. Das Ensemble zeichnete sich durch hohe Textverständlichkeit und präzise Wegnahmen aus. Bei den Doppelchören waren die Frage- und Antwortpartien durch Soli und Chor eindringlich gestaltet. Auch hier fielen die gute Textverständlichkeit und präzise Befolgung der dynamischen und agogischen Vorgaben des Dirigenten auf. An den Tutti-Stellen fügten sich die Solisten harmonisch in das Vokal-Ensemble ein, stets sensibel begleitet von den hervorragenden Instrumentalisten auf historischen Instrumenten. Besonders erwähnt werden sollen hier stellvertretend Sophie Vanden Ende (Laute) und Felix Görg (Bassgambe), die zusammen mit Tatjana Vorobjova an der Orgel einen zuverlässigen Basso continuo-Teppich unter die filigranen Kompositionen legten.

Diese Art der Alten Musik zeichnet sich nicht durch große musikalische Höhepunkte aus, sie besticht vielmehr durch den stetigen Fluss, der eine große Ruhe ausstrahlt und den Zuhörer im Idealfall selbst ganz ruhig werden lässt.

ZAMUS Köln / Exequien von Heinrich Schuetz © Karin Hasenstein

ZAMUS Köln / Exequien von Heinrich Schuetz © Karin Hasenstein

Die Chorstimmen der Exequien waren stets ausgewogen, die Texte gut verständlich. Diessner leitete Chor und Solisten souverän und formte die einzelnen Teile dynamisch gut differenziert. Mit großem Engagement und bisweilen großen Gesten führte Diessner Sänger und Instrumentalisten immer wieder konzentriert auf das Wesentliche dieser Musik. So strahlt gerade der II. Teil große Zuversicht aus (“Wenn mir gleich Leib und Seele verschmacht, so bist du doch, Gott, allzeit meines Herzens Trost und mein Teil.”)

Viele Besucher waren auch wegen Emma Kirkby zu diesen Exequien gekommen, der Ikone der Alten Musik und großer Interpretin dieses Genres. Kirkby schaffte es, die Zuhörer mit großer Zartheit und Expression in ihren Bann zu ziehen, vor allem als Solistin in der Schütz-Motette Eile mich, Gott, zu erretten” für Sopran und b.c. aus den Kleinen geistlichen Konzerten. Emma Kirkby gestaltete den Text eindringlich, beinahe flehentlich und zutiefst ergreifend.

Die Zuhörer in der ausverkauften Friedenskirche in Köln Ehrenfeld honorierten das Konzert mit lang anhaltendem begeisterten Beifall und wurden dafür mit der Wiederholung der Schütz Motette “Verleih uns Frieden gnädiglich” als Zugabe belohnt.

Die Ausführenden  –  Musikalische Exequien und Motetten

– Musikalische Leitung: Joachim Diessner

– ZAMUS-Vocal-Consort mit:

– Gesang:  Sopran:  Emma Kirkby, Bethany Seymour, Santa Bulatova;  Alt:  Elisabeth Popien, Melissa HegneyTenor:  Fabian Strotmann, Scott Wellstead;  Bass Alexander Schmidt, Martin Wistinghausen.

– Instrumentalisten: Sophie Vanden Eynde – Laute; Tatjana Vorobjova – Orgel, Felix Görg – Bassgambe, Jenny Heilig, Paul Rhee, Zink; Christoph Hamborg, Regina Oelfe, Raphael Vang, Johannes Weber – Posaune

—| IOCO Kritik Friedenskirche Köln |—

 

Oldenburg, Oldenburgisches Staatstheater, Siroe von Adolph Hasse, IOCO Kritik, 12.01.2017

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Oldenburgisches Staatstheater

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Siroe von Johann Adolph Hasse

 Barockoper verzaubert in märchenhaft-exotischer Inszenierung

Von Guido Müller

Johann Adolph Hasses Opera seria in drei Akten Siroe, Re di Persia, in der Dresdner Fassung von 1763 ist eine spätere Überarbeitung eines eigenen Werks dieses in Italien zu Ruhm  gekommenen Hamburg-Bergedorfer Komponisten von 1733. Es wurde in Bologna auf ein Libretto des berühmtesten Operndichters des 18. Jahrhunderts Pietro Metastasio uraufgeführt, den noch Mozart für seine Opern nutzte. Das Libretto von Siroe war dabei ein besonderer Renner im 18. Jahrhundert, den u.a. nach dem ersten Komponisten Leonardo Vinci (1726) auch Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi vertonten.

Der seit mehr als drei Jahrzehnten in kursächsischen Diensten stehende Hofkapellmeister Hasse wollte mit 66 Jahren die Komposition noch einmal ganz überarbeiten. Doch ein schwerer  Gichtanfall und vor allem  das Ende des Siebenjährigen Krieges mit Preußen wie der überstürzte Umzug des Kurfürsten Friedrich August II. aus dem polnischen Exil in Warschau nach Dresden zwangen Hasse dazu, die Arbeit unter Zeitdruck anlässlich des Namenstages  des Kurfürsten für das kriegszerstörte und von den Preußen zuvor als Munitionslager genutzte Opernhaus  in der sächsischen Metropole zu beenden.

So revidierte Hasse nur 14 von 21 Nummern von 1733, darunter alle für Siroe, den in Bologna der berühmte Kastrat Farinelli gesungen hatte, der nun nicht mehr zur Verfügung stand. Der Kurfürst starb aber schon bald darauf im Oktober 1763 während einer Vorstellung von Siroe  unerwartet am Schlaganfall. Das bedeutete auch für das durch den Krieg mit Preußen finanziell ausgeblutete Sachsen das Ende einer glänzenden musikalischen Ära, in der auch ein Johann Sebastian Bach gerne ein Hofamt in Dresden bekleidet hätte.

Hasse verließ mit seiner Frau, der berühmtesten Sängerin des 18. Jahrhunderts Faustina Bordoni aus Venedig, wo das Paar eine Zweitwohnung hatte, Sachsen Richtung Wien an den Hof der Kaiserin  Maria Theresia. Dort kreuzte Hasse die Wege von Joseph Haydn, den er unterrichtete, und Wolfgang Amadé Mozart, der sich als Heranwachsender wünschte, einmal ein so  berühmter und bewunderter Komponist wie Händel oder Hasse zu werden.

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse - hier Hagar Sharvit als Emira und Nicholas Tamagna als Siroe © Stephan Walzl

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse – hier Hagar Sharvit als Emira und Nicholas Tamagna als Siroe © Stephan Walzl

Bekanntlich sollte Mozart sowohl Hasse wie Haydn als Opernkomponist so in den Schatten  stellen, dass beide zunächst nur mit ihren kirchlichen Kompositionen und Oratorien bis wiet    ins 20. Jahrhundert bekannt blieben. Hasse wird auch heute noch regelmäßig mit seinen Kompositionen für die Dresdner Hofkirche dort aufgeführt. Seine bedeutenden Opern, die im 18. Jahrhundert sehr viel mehr Beachtung fanden in ganz Europa als die Werke Händels oder gar Vivaldis gerieten  in Vergessenheit und galten als unaufführbar. Das ändert sich zum Glück gerade – nicht zuletzt durch Maßstäbe setzende CD-Aufnahmen z.B. auch des Siroe durch die durch Europa tourende Parnassus Produktion  mit namhaften Sängern oder von  Artaserse (DVD und CD aus Italien mit Franco Fagioli), Didone abandonata unter Michael Hofstätter und der letzten Oper Hasses, Ruggiero aus Mailand, die Mozart auswendig  beherrschte.

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse - hier Nicholas Tamagna als Siroe © Stephan Walzl

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse – hier Nicholas Tamagna als Siroe © Stephan Walzl

Seit einigen Jahren findet nun endlich nach Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi langsam mit Unterstützung der beiden Hasse-Gesellschaften in Hamburg-Bergedorf und München auch eine Hasse-Renaissance statt, nach zögerlichen Versuchen u.a. der Dirigenten Frieder  Bernius in Dresden, René Jacobs in Innsbruck und Berlin und anderer auch mit den großen opernmässigen Oratorien in den 1990iger Jahren.

Mit den CD-Aufnahmen der Mezzosopranistin Vivica Genaux und des Countertenors Valer  Barna-Sabadus im letzten Jahrfünft, beides große unermüdliche Botschafter der Musik Hasses, fing es vor wenigen Jahren an, bis nun auch die berühmten Countertenöre Max Emanuel  Cencic und Franco Fagioli ganze Opern einspielten, darunter als Parnassus Produktion den Siroe. Mittlerweile gibt es sogar auch in den sozialen Medien auf Facebook eine Gruppe der Johann Adolph Hasse Friends und Spezialisten aus der ganzen Welt.

Auf die ältere Siroe-Produktion von Parnassus von 2014 mit Max Emanuel Cencic, die u.a.  bereits in Wiesbaden zu den Maifestspielen gezeigt wurde und 2018 in Bayreuth im neu eröffneten Markgräflichen Opernhaus zu sehen sein werden wird, und die hier besprochene Siroe-Produktion in Oldenburg 2017/18, die erweitert auch 2018 durch die Niederlande tourt, folgt im April 2018 die Neu-Eröffnung des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth mit der dort bereits zur Eröffnung im 18. Jahrhundert uraufgeführten Hasse-Oper Artaserse. Im Sommer 2018 führt das barocke Ekhof Theater im Schloßbezirk von Gotha Johann Adolph Hasses neapolitanische Serenade Marc Antonio e Cleopatra auf.

Die Besetzung der Sänger der ersten Aufführung in Dresden 1763 ist uns erfreulicherweise bekannt und verdient Beachtung. Die Titelpartie Siroe sang der Kastrat Pasquale Bruscolini, genannt Pasqualino, (1718-1782), der seit 1753 in Dresden tätig war. Emira wurde von der Sopranistin Caterina Pilaja verkörpert.

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse - hier Hagar Sharvit als Emira © Stephan Walzl

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse – hier Hagar Sharvit als Emira © Stephan Walzl

Cosroe wurde von dem berühmten Tenor Angelo Amorevoli (1716 -1798) gesungen, der bereits seit 1744  bis dann bis 1764 in Dresden verpflichtet war, und Medarse von dem Kastraten Giuseppe Gallieni. Dem Komponisten und Barockopernspezialisten Dragan Karolic  aus Berlin danke ich ebenso für Hinweise auf die Besetzung wie der sehr informativen französisch-englischen Internetseite „Quell’Usignolo“.

Die erst 18jährige anspruchsvolle und später in Wien berühmte Elisabeth Teyber (1745-1816) sang 1763 Dresden die äußerst anspruchsvolle Koloratursopranpartie der Laodice, die in der CD-Einspielung bei Decca 2014 mit höchster Virtuosität von Julia Lezhneva gesungen wird. 1765 sollte die Teyber in Wien in Glucks Festoper Telemaco die Circe zur Hochzeit des späteren Kaisers Joseph II. mit Maria-Josepha von Bayern verkörpern.

Am Oldenburgischen Staatstheater gestaltet Sooyeon Lee die Laodice mit einer solchen enormen Hingabe und mit solcher technischen Perfektion, dass sie mit dieser eindrucksvollen  Leistung nicht hinter der berühmten Kollegin der Decca-Einspielung verstecken muss. Ihre große Arie Se il caro figlio im dritten Akt wird zu einem Kabinettstück gesanglicher Perfektion und Ausdruckskunst. Besonders der Tenor Amorevoli fand 1763 in Dresden höchste Anerkennung für seine extreme Kehlkopfbeweglichkeit, seine herausragende Koloraturfähigkeit, seinen Stimmumfang von d bis zum hohen h“ und seinen sehr natürlich und tonschön klingenden Stimmklang – vor allem im Bereich zwischen c‘ und b‘.

All dies trifft auch auf den österreichischen jungen Tenor Philipp Kapeller zu. Dieser Ausnahmetenor mit einer wunderschönen sicheren Höhe, einschmeichelnden Mittelage und in  die tiefe Lage bruchlos geführten Stimme war für mich die größte Entdeckung des Abends. Ein Ereignis der Extraklasse dem österreichischen Tenor Philipp Kapeller zuzuhören und im sehr lebendigen Spiel zusehen zu dürfen. Nicht nur in seinen mit Koloraturen und mit stimmlichen Finessen gespickten großen Bravourarien wie „Tu di pieta mi spogli“ mit virtuoser Naturhörnerbegleitung (Joaquim Palet  und Hubertus Grünewald) im zweiten Akt berührt Philipp Kappeler ganz besonders in den mit  größtem Stilgefühl vorgetragenen, besonders kantablen Arien wie „Gelido in ogni vena“ des  dritten Aktes, als Cosroe den Geist des vermeintlich auf seine Veranlassung getöteten Sohnes beklagt.

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse - hier Yulia Sokolik als Medarse © Stephan Walzl

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse – hier Yulia Sokolik als Medarse © Stephan Walzl

Ihm stand die Mezzosopranistin Yulia Sokolik in der Hosenrolle als Cosroes hinterhältiger und intriganter, nach der Herrschschaft strebender Sohn Medarse in nichts nach. Ihre stimmliche Perfektion und innige Beseelung der Figur lässt wahrlich staunen. Ihre große Arie „Torrente cresciuto“ im dritten Akt über den anschwellenden Strom hat mich mit den emotional und psychologisch begründeten enormen Sprüngen und endlosen, immer im Dienste des Ausdrucks stehenden Koloraturkaskaden besonders stark bewegt. Diese stimmlich prächtigen und schillernden Kaskaden erinnern an die prächtigen Springbrunnen der sächsischen königlichen Parks von Pillnitz oder Warschau.

Martyna Cymermann gestaltet den Arasse mit größter emotionaler und stimmtechnischer Perfektion, die staunen macht. Hagar Sharvit als Emira bezaubert nicht nur mit ihrem Spiel,  sondern beeindruckt mit enormer gesanglicher Finesse wie in ihrer empfindsamen Schäferinnen-Arie „Non vi piacque“ zum Abschluss des zweiten Aktes, die Mozarts spätere  Arien etwa in Don Giovanni vorwegnimmt. Ihre große anklagende und an ähnliche Arien  Mozarts in Idomeneo oder La Clemenza di Tito gemahnende Furien-Bravourarie Che furia, che monstro im dritten Akt lässt das Blut gefrieren.

Nicholas Tamagna als Cosroes zunächst mißachteter und dann siegreicher Königssohn Siroe   zieht nicht nur alle Register seiner überaus großartigen Countertenorstimme sondern berührt mit einer äußerst glaubwürdigen Darstellung. Tamagnas große Arie „Se l’amor tuo mi rendi“ im dritten Akt mit ihren rhythmisch vertrackten, atemberaubenden Sprüngen und Koloraturen ließ mich den Atem anhalten. Diese Arie der tief empfundenen Bruderliebe, die zu den schönsten des späten Rokoko zählt, erinnert an springende Lämmer in einem Gemälde von François Boucher.

Ebenso wie Philipp Kappeler und Yulia Sokolik mit dem übrigen Ensemble macht Nicholas Tamagna besonders nachdrücklich deutlich, wie heutzutage fast mühelos wirkend eine neue  Sängergeneration diese Partien der ganz besonders von der menschlichen Stimme lebenden Hasse-Opern bravourös und zur Begeisterung des Publikums meistert. Die stimmtechnisch höchsten Anforderungen dieser Arien gehören zum schwierigsten und anspruchsvollsten, was das Jahrhundert des von der neapolitanischen Schule ausgehenden wahren Belcanto und der größten Stimmartistik zu bieten hatte.

So wie der zeitgenössische Musikkritiker Charles Burney über Johann Adolph Hasse schrieb: „Er betrachtet beständig die Stimme als den Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit auf der    Bühne, und unterdrückt sie niemals durch ein gelehrtes Geschwätz mannigfaltiger Instrumente,  oder arbeitender Begleitsätze; vielmehr ist er immer darauf bedacht, ihre Wichtigkeit zu erhalten,  gleich einem Mahler, welcher der Hauptfigur in seinem Gemälde  das stärkste Licht gibt.“ (Programmheft, Oldenburgisches Staatstheater, S. 13).

Johann Adolph Hasses späte Oper Siroe im Übergang vom Barock zur Klassik, oder von Händel zu Mozart, fand am Oldenburgischen Staatstheater eine besonders feinsinnige, stilbewußte, humorvolle, psychologisch genaue und bildmächtige Inszenierung von Jakob Peters-Messer mit den schönen Bühnenbildern und prächtigen Kostümen von Markus Meyer.

Sehr geschmackvoll und handwerklich gekonnt kontrastiert Jakob Peters-Messer auf drei Ebenen historische Kontexte der Handlung im märchenhaft-exotischen antiken Persien, das  im 18. Jahrhundert gerne als sittlicher Spiegel der höfischen europäischen Gesellschaft diente, und die prächtige Rokoko Entstehungszeit aus der Epoche der Herrschaft des Sohnes August des Starken mit heutigen Kriegserfahrungen und Bildern des Vorderen und Mittleren Orients.

Besonders gelingt Jakob Peters-Messer die psychologische Vertiefung und Verdichtung auch in den Kontrasten rokokohafter Leichtigkeit und aktueller Kriegsbilder, die bereits in der  empfindsamen Musik Hasses angelegt ist.

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse - hier Oldenburgisches Staatsoprchester unter Wolfgang Katschner © Stephan Walzl

Oldenburgisches Staatstheater / Siroe von Johann Adolph Hasse – hier Oldenburgisches Staatsoprchester unter Wolfgang Katschner © Stephan Walzl

Hasses Komposition weist oft verblüffend auf die Wiener Klassik und Mozart voraus, der bekanntlich von Hasse so stark beeindruckt war, dass er zur Verärgerung des Vaters, der  sicherlich einen zu starken Einfluss Hasses befürchtete, die Hasse-Opern auswendig wieder geben konnte. Musikalisch von Wolfgang Katschner mit einem Alte Musik Spezialensemble   aus Mitgliedern des Staatsorchesters und Gästen erarbeitet, bleibt dessen Handschrift deutlich spürbar auch unter der vorzüglichen und präzisen musikalischen Leitung von Thomas Bönisch an diesem Abend.

Wenn auch die bereits von Jean Jacques Rousseau als bestes Orchester Europas gelobte Dresdner Hofkapelle 1763 in Siroe z.B. mit zwei Cembali noch stärker besetzt war als in dieser Oldenburger Aufführung, so füllt das mit je vier Violinen (Konzertmeisterin Birgit Rabbels), drei Violen, zwei Violoncelli, einem Kontrabass, einer Theorbe und einem Cembalo wie je zwei Holzflöten, zwei Oboen, einem Fagott und zwei Naturhörnen besetzte Spezialensemble voll den Raum des nicht so sehr großen Staatstheaters. Die Opernhäuser in Neapel, Venedig und Dresden zur Zeit von Hasse waren deutlich größer als das Opernhaus in Oldenburg.

Besondere Erwähnung unter den Musikern in Oldenburg verdient das Bassuo continuo Ensemble mit den Gästen Gerd Amelung am Cembalo, Fabian Boreck am Cello und Andreas Nachtsheim an der Theorbe. Oldenburg bietet ein Sängerensemble mit ausnahmslos  hervorragenden Solisten wie Philipp Kapeller, Nicholas Tamagna, Yulia Sokolik, Hagar Sharvit, Sooyeon Lee und Martyna Cymerman.

Was die Staatsopern von Hasses Geburtstadt Hamburg und Hasses jahrzehntelanger Uraufführungsstätte Dresden, aber auch große Häuser in München, Wien oder Berlin nicht schaffen oder sich nicht trauen, das gelingt Oldenburg auf das Überzeugendste. Damit straft diese Maßstäbe setzende Produktion des Oldenburgischen Staatstheaters auch das  Verdikt René Jacobs vor zwanzig Jahren Lügen, die Opern Hasses seien nicht mehr aufführbar. Jacobs sah damals keine Sänger ausser Vivica Genaux, die nicht nur in der Lage seien, die halsbrecherischen technischen Schwierigkeiten mit größter Lust an vokaler Selbstinszenierung zu beherrschen sondern ebenso die für Hasse charakteristischen großen melodisch-empfindsamen kantablen Bögen auch über die bereits sich auflösende traditionelle Form der Dacapo-Arie hinweg zu beseelen, psychologisch zu vertiefen und stilvoll zu gestalten.

Und zu Recht empfing das der Vorstellung begeistert und aufmerksam folgende Publikum  einer Repertoirevorstellung mit Jubel und zahlreichen Bravorufen alle Künstler am Ende, nachdem es bereits mut Applaus für die einzelnen Arien nicht gegeizt hatte. Nach der Pause  war keine Abwanderung zu bemerken. Glückwunsch daher dem Staatstheater Oldenburg für ein solches aufmerksames, neugieriges und konzentriertes Publikum.

Unbedingter Vorstellungsbesuch dieser Rarität einer herausragenden Oper zwischen Händel  und Mozart empfohlen – entweder noch in Oldenburg ab März 2018 wieder oder der leicht  durch den Regisseur vor allem mit Tänzen erweiterten Version ab Januar unter der musikalischen Leitung von George Petrou mit teilweise Übereinstimmung der Sänger auf  einer Tournee in den Niederlanden: 26.1.2018 Enschede, 29.1.2018 Amsterdam und mehr….siehe auf   www.reisopera.nl

Siroe von Johann Adolph Hasse am Oldenburgischen Staatstheater; weitere Vorstellungen 25.3.; 27.3.; 31.3.; 5.4.2018

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