Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Manon – Jules Massenet, IOCO Kritik, 23.02.2021

Februar 22, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

staatsoper_logo_rgbneu
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 MANON –  Jules Massenet

„C´est la vie“ : Las-Vegas-Nachtclub  – fliegende Geldscheine – Spielautomaten

von Wolfgang Schmitt

Seit nunmehr drei Monaten befinden wir uns in diesem unsäglichen Lockdown, seit drei Monaten sind die Opernhäuser und die Theater geschlossen, und seit drei Monaten liegt die Kulturszene mehr oder weniger brach. Umso dankenswerter ist es, daß nun auch die Hamburger Staatsoper sich entschlossen hat, die geplante Premiere von Massenets  Manon auf die Bühne zu bringen und dem Publikum per Livestream und im Radio zugänglich zu machen. Massenets Opern werden hierzulande leider nicht so häufig gespielt, mal abgesehen von Werther, und so waren die Hamburger besonders gespannt auf diese Manon, bevor der Lockdown die Vorfreude erstmal zunichte machte. Doch nun hat die Hamburgische Staatsoper sich in die Liste der Opernhäuser eingereiht, die kostenfreie Streaming-Angebote liefern. Die Oper basiert auf dem Roman L’histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut des Abbé Prévost von 1731. Massenet hat sich bei seiner Komposition ziemlich an die Romanvorlage gehalten, während Puccinis Manon Lescaut sich auf die wesentlichen Szenen konzentrierte. Auch Daniel Esprit Auber schrieb 1856 seine Manon Lescaut, die jedoch auf deutschen Opernbühnen nur höchst selten zu finden war. Auch Hans Werner Henze vertonte 1951 diesen Stoff als Boulevard solitude.

Manon an der Hamburgischen Staatsoper
youtube Trailer OperaVison
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die hier besprochene Aufführung vom 24.1.2021 in der Inszenierung von David Bösch ist aufregend, spannend, intensiv und spielerisch detail-verliebt: Wenn Manon im ersten Bild ihren ersten Versuch macht, eine Zigarette zu rauchen, später mit dem Pfefferspray hantiert, oder der imaginären streunenden Katze, die irgendwie durch alle Szenen und über die Videoprojektionen zwischen den Akten schleicht, die Milchschale hinstellt und sie im Katzenkorb füttert. Später der leuchtende Mini-Eiffelturm als Symbol für die Stadt der Liebe und des Vergnügens, dessen Lichter ausgehen, wenn die erste Verliebtheit und Leidenschaft erloschen ist oder am Ende der Tod wartet.

Manon ist Elsa Dreisig, der man das 16jährige, lebendige, neugierige, lebenshungrige Mädchen durchaus abnimmt, die Freude und Spaß an ihrem

Staatsoper Hamburg / Manon hier Elsa Dreisig als Manon © Brinkhoff / Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Manon hier Elsa Dreisig als Manon © Brinkhoff / Moegenburg

Dasein haben will. Als Mädchen vom Lande kostümiert (Kostüme Falko Herold) mit blauer Strickmütze, langem blauem Schal, Ringelpullover und Schlabberkleid, ist sie sogar beeindruckt von der düsteren Spelunke (Bühnenbilder von Patrick Bannwart), in der ihr Cousin Lescaut sie erwartet, um sie ins Kloster zu bringen. Als Manon und Des Grieux einander erblicken, ist es Liebe auf den ersten Blick, und da es auch auf der Bühne aufgrund der Corona-Abstandsregelungen nicht zu Berührungen kommen darf, ist der 3 Meter lange Schal die „intime“ Verbindung der beiden. Düstere Stimmung herrscht auch im nächsten Bild, ein kleines spartanisch eingerichtetes Zimmer mit Bett und „notre petite table“, ein großes Fenster, auf welches Herzen mit „M – G“ projiziert werden. Gleißende Atmosphäre dagegen im folgenden Bild, einem Las-Vegas-Nachtclub mit üppigem Kronleuchter und Spielautomaten, im Bühnenhintergrund prangt groß und neon-beleuchtet der Schriftzug „C’est la vie“.

MANON an der Hamburgische Staatsoper

IOCO bringt Sie LIVE zur Aufführung – Klicken Sie HIER!

 Hier feiert Manon gerade ihren 20. Geburtstag. Großartig präsentiert sich hier der Cousin Lescaut als bekiffter Rock-Star, anschließend Manon als Nachtclubsängerin, nicht unbedingt als Marilyn, sondern eher als eine Kathy-Kirby-Imitation mit blonder Perücke und weißem Pelzmantel. In Des Grieux‘ schlichter Klosterzelle dominiert das übergroße Kruzifix, auch eine Heimorgel ist vorhanden, in diesem Bild haben die noch immer Liebenden Manon und Des Grieux ihre stärksten, eindrücklichsten Momente, so daß er sein Klosterleben aufgibt und ihr in eine ungewisse Zukunft folgt. Im vierten Akt befinden wir uns in der Spielhölle des Transsylvanischen Hotels, hier dominiert der übergroße Roulettetisch, an dem sich Des Grieux nun im Glücksspiel versucht, auch russisches Roulette wird hier in dieser Inszenierung praktiziert, in dessen Verlauf schließlich Manon ihren Gönner, den Lebemann Guillot-Marfontaine erschießt, während im großen Finale des fünften Aktes Manon sich vergiftet und Des Grieux sich die Pulsadern aufschlitzt, um, wie Romeo und Julia, gemeinsam in den Tod zu gehen – ein weiterer, durchaus nicht unpassender Regieeinfall. – „C’est la vie“, „That’s Life“, „So oder so ist das Leben“.

Manon – hier Werkeinführung – David Bösch, Detlef Giese
youtube Trailer Hamburgische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In Zeiten von Corona ist es unumgänglich, sich an die Abstandsregeln zu halten, und so wurde der verkleinerte Chor, wie immer von Eberhard Friedrich auch unter diesen Voraussetzungen perfekt einstudiert, in die Logen und Ränge platziert, kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne, Chor und Orchester blieben daher nicht aus. Auch wurde das Philharmonische Staatsorchester unter der kompetenten Leitung von Sebastien Rouland etwas ausgedünnt – weniger Bläser, weniger Schlaginstrumente, weniger Streicher, dennoch gab es hier keinerlei nennenswerte Einschränkungen, das Orchester spielte fulminant auf, setzte dramatische Akzente oder nahm sich bei den sensiblen, anrührenden Passagen kammermusikalisch zurück, so daß trotz der reduzierten Instrumente hinsichtlich des Orchesterklangs kaum Wünsche offen blieben.

Sängerisch befand sich diese Darbietung auf allerhöchstem Niveau. Natürlich stand im Mittelpunkt eines insgesamt hochkarätigen Ensembles die junge Sopranistin Elsa Dreisig, sensationell in ihrer Darstellung dieses lebenshungrigen jungen Mädchens, ihre wunderschön timbrierte Stimme von berückender Natürlichkeit und Leichtigkeit, absolut perfekt in der Intonation, der Phrasierung und den Intervallsprüngen. Ihr zur Seite und durchaus ebenbürtig stand der junge rumänische Tenor Ioan Hotea als Des Grieux, jung und gut aussehend, etwas unbedarft und naiv, so legt er seine Partie an, sich im Verlaufe der Handlung hineinsteigernd in Stimmungsumschwünge und Gefühlsregungen zwischen Verzweiflung, Ablehnung, bis hin zu unerschütterlicher Leidenschaft und Liebe zu seiner Manon. Seine warm timbrierte Stimme verfügt über zarten Schmelz, dennoch kann er sie kraftvoll bis hin zur heldischen Leidenschaftlichkeit einsetzen.

Staatsoper Hamburg / Manon hier: Björn Bürger als Lescaut © Brinkhoff / Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Manon hier: Björn Bürger als Lescaut © Brinkhoff / Moegenburg

Björn Bürger präsentiert eine wahre Palette von Verkommenheit bis hin zum totalen Absturz, als Manons Cousin Lescaut gibt er den Beschützer, den machohaften Zuhälter, den drogenabhängigen Lebemann, und schließlich den hilflosen Junkie. Mit seinem kernigen, kraftvoll eingesetzten Bariton gefiel er insbesondere in seiner Rock-Star-Imitation im Casino-Bild des dritten Aktes. Mit seinem wohlklingenden Kavaliersbariton gab Alexey Bogdanchikov den eleganten, vornehmen Adligen Brétigny, während der Charaktertenor Daniel Kluge seine Partie des reichen Pächters und Lebemanns Guillot-Marfontaine mit Witz und Spielfreude ausstattet. Mit bassiger und gestrenger Autorität sang Dimitry Ivanshchenko den Vater Des Grieux, und auch Martin Summer als optisch Angst einflößender Wirt konnte seinen noblen Bass präsentieren. Das Trio der „leichten Mädchen“ Pousette, Javotte und Rosettein vulgärer Aufmachung mit Glitzer-Minikleidern und pastellfarbenen Perücken wurde von Elbenita Kajtaz, Narea Son und Ida Aldrian ansprechend und schönstimmig gesungen, und die beiden Gardisten Collin André Schöning und Hubert Kovalcyk rundeten dieses ausgezeichnete Ensemble ab.

Diese Manon-Inszenierung dürfte für die Hamburger Staatsoper ein großer Erfolg werden, wenn dieser Corona-Lockdown endlich vorbei sein wird und das geregelte Leben wieder beginnen kann. Wir freuen uns schon wieder auf unsere künftigen Live-Opernbesuche – hoffentlich bald !!!

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Lini Gong: Sopranistin mit besonderem Weg – im Gespräch, IOCO Interview, 15.08.2020

August 15, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Interview, Oper, Portraits

Lini Gong im Gespräch mit IOCO © Jörn Kipping

Lini Gong im Gespräch mit IOCO © Jörn Kipping

Lini Gong – Sopranistin, im Gespräch mit Michael Stange, IOCO

wie sie, mitten in China aufwachsend, ihren Weg zur klassischen europäischen Musik findet ….

Lini Gong ist durch ihren Stimmklang und Ihre Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit eine der großen Soprane unserer Tage. In klassischen Opernpartien, moderner Musik und in ihren Liederabenden gelingen ihr ungemein berührende und suggestive Interpretationen. Sie vermittelt dem Publikum so nicht nur Seele und Mysterium der Kompositionen, sondern überträgt die Gefühle als auch Sinngehalt der Musik in sinnlich, betörender Kraft. Klockenhelle Koloraturtöne setzt sie nicht als Selbstzweck, sondern als musikalisches Ausdrucksmittel ein; mit warmer Mittellage artikuliert Lini Gong Freude, Trauer, Liebe und die tiefen Geheimnisse von Musik. Auch in populären Arien bannt das Publikum immer wieder mit ihren vielfältigen, ergreifenden Ausdrucksformen.

Seele und Leidenschaft für Romantik, für Moderne

Ihr Studium absolvierte sie in Hamburg; hier feierte sie 2018 in der Hamburgischen Staatsoper auch einen ihrer international beachteten Erfolge in der Oper Benjamin von Peter Ruzicka. Siehe hierzu unten den Trailer der Hamburgischen Staatsoper, in welchem auch Lini Gong singt, spielt.

Lini Gong ist durch ihren Stimmklang und Ihre Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit einer der großen Soprane unserer Tage. In klassischen Opernpartien, moderner Musik und in ihren Liederabenden gelingen ihr ungemein berührende und suggestive Interpretationen. Sie vermittelt dem Publikum nicht nur Seele und Mysterium der Kompositionen sondern überträgt die Gefühle als auch Sinngehalt der Musik in sinnlich, atemberaubender Weise. Mit glockenhelle Koloraturtöne, die sie nie als Selbstzweck, sondern als musikalisches Ausdrucksmittel einsetzt undr mit ihrer warme Mittellage transportiert sie Freude, Trauer, Liebe und alle Geheimnisse in der Musik. Sie vermittelt dadurch selbst bei bekannten Stücken immer neue Eindrücke und bannt das Publikum in Konzerten und auf Tonträgern.

Ihr Studium absolvierte sie in Hamburg; dort feierte sie 2018 an der Hamburgischen Staatsoper einen ihrer international beachteten Erfolge: in der Oper Benjamin von Peter Ruzicka.

Michael Stange, IOCO,  traf die humorvolle, von Energie sprühende Sängerin Lini Gong (LG) zu einem Gespräch über ihre Herkunft, die Gegenwart und Pläne.

IOCO: Frau Gong, wie haben Sie Ihre Jugendjahre und Ihr Gesangsstudium erlebt?

L.G.: Geboren wurde ich 1981 in Zhuzhou (NB: 600 KM nördlich von HongKong in der Mitte Chinas gelegen, über 4 Mio Einwohnern) in der Provinz Hunan. Mein Vater begeisterte sich immer schon sehr für Musik, spielte Geige und gründete in seinem Betrieb auch ein Orchester. Meine Mutter spielte Akkordeon.

Europäische Musik spielte bei uns damals (in den 80er Jahren) kaum eine Rolle, weil in meiner Jugend im Volksmusik und patriotische Musik gespielt wurde. Meine Mutter war Englischlehrerin. Dadurch wuchs in uns allen die Sehnsucht nach dem Ausland und fremden Kulturen.

Daher lernte ich Klavier. Ich wollte das zunächst nicht, aber ich entwickelte mich so gut, dass meine Eltern mit großer finanzieller Entbehrung und dreitägigem Warten vor einem Musikgeschäft ein Klavier kauften. Nun sagten sie natürlich, dass sie sich so viel Mühe gegeben haben, dass ich weitermachen müsste. Mit neun Jahren kann ich dann auch zur klassischen Musik, weil in China nach der „Russischen Klavierschule gelehrt wurde. So kam es zu den Etuden von Cerny und auch zu Bach, Mozart und Haydn.

Zunächst war Musik für mich ein Aspekt meine Eltern zu erfreuen. Meine Eltern sind sehr liebevoll, haben sich unglaublich über meine Erfolge gefreut und mich sehr gelobt. Zunächst war das Musizieren todlangweilig aber irgendwann kam die Freude, weil wir gemeinsam musiziert haben und uns allen dies unglaubliches Vergnügen gemacht hat. Durch meine guten Fortschritte kamen wir auf die Idee, dass ich eine Musikkonservatorium im acht Stunden entfernten Wuhan besuchen sollte. Grund war, dass ein Platz dort die Möglichkeit bot, aus Zhuzhou herauszukommen. Dies ist für alle jungen Leute ein Ziel, weil diese Industriestadt in China keine Perspektive bietet und das Leben dort wesentlich weniger interessant und abwechslungsreich ist als zum Beispiel in Peking.

Dort habe ich dann vorgespielt als ich zehn Jahre alt war und die Professorin sagte: „Du hast kein Talent.“ Natürlich war ich todtraurig und wollte nichts mehr mit Musik zu tun haben. Zu Hause haben wir immer weiter gesungen, ich habe intensiv Englisch gelernt.

Dann hörten wir 1993 im Fernsehen ein schönes Volkslied;  ich war zwölf Jahre alt. Meine Mutter war so begeistert, dass sie mich zu einer Lehrerin brachte. Eigentlich wollte ich nichts mehr mit Musik zu tun haben. Aber, nachdem ich vorgesungen hatte, hat mich die Lehrerin umarmt und mich für meine Stimme sehr gelobt. Dann habe ich chinesischen Volkgesang mit seinen vielen glockenhellen Obertönen studiert. Nach drei Monaten Lernen habe ich einen Preis bei Jugend musiziert“ der Provinz Hunan gewonnen. Wieder kam der Vorschlag, die Schule Internat in Wuhan zu besuchen, um dort nun Gesang zu lernen.

Lini Gong im Gespräch mit IOCO © Patrik Klein

Lini Gong im Gespräch mit IOCO © Patrik Klein

Dem Lehrer gefiel ich, aber geplant war nun eine klassische Gesangsausbildung. Der Lehrer wollte mich haben, weil sagte: „Du bist dick genug um zu singen, Du kannst hohe Töne singen und Du hast eine Stimmfarbe, die nach Europäischem Gesang klingt.“

Dorthin bin ich zweimal im Monat zum Unterricht gefahren; ich war hochmotiviert etwas zu schaffen. Erst als ich siebzehn Jahre alt war empfand ich volle Begeisterung für die Musik. Das war, als ich in Shanghai Conservatory of Music Gesang Studierte, mit meiner Lehrerin Mozarts „Veilchen“ einstudierte und sie mir den Text übersetzte und den Zusammenhang von Wort und Ton erklärte.

IOCO: Sie haben die große Gabe, sehr stark Ihre Stimmfarben zu verändern, Ausdruck und Farben zu variieren und technisch zum Beispiel durch Atemführung, Modulation und Wortdeutlichkeit zu beeindrucken. Wie haben Sie diese Fähigkeiten erlernt?

L.G.: Am Anfang haben wir nur Sprache und Technik nachgemacht. Phonetik haben wir gelernt. Die Konsonanten kamen erst später. Ich habe dann in Deutschland an der Deutsch-Kurse besucht und die Lehrerin hat dann kaum den Mund bewegt. Das habe ich nachgemacht und habe später die Schauspieler beobachtet beim Warm-Up und beim Sprechen. Das hat mir einen Kick gegeben und meine Entwicklung unglaublich beflügelt. Hinzu kam mein Lehrer William Workman, der lyrischer Bariton der früher in Hamburg und Frankfurt engagiert war und auch viele moderne Rollen gesungen hat. Er hat uns immer gefragt: „Was singst Du hier? Warum singst Du?“ und immer wenn ihm etwas nicht gefiel hieß es: „Es klingt langweilig mein Schatz. Du musst Ihnen Gedanken machen. Versuch nicht langweilig zu sein.“ Dazu kam eben, die richtige Betonung zu finden.

Wichtig war das Studium in der Liedklasse bei Burkhard Kehring und die Zusammenarbeit mit meiner wundervollen Pianistin Mariana Popova. Von ihnen habe ich viel gelernt, weil wir und Möglichkeiten aufzeigen und über Interpretationsvarianten diskutieren. Das erfordert auch viel Fleiß, den Text zu studieren, zu verstehen und dann den Gesang anzugehen. Man muss die Hintergründe einer Partie erkennen, um zu verstehen was man auf der Bühne tun muss. Ist man gut vorbereitet beherrscht man Bühne und Publikum; man muss letzlich „mit dem Publikum in einen Dialog“ treten.

Mein Ziel ist es immer,  auf der Bühne eine mitreißende Geschichte zu erzählen, meine eigene Stimme und Persönlichkeit zu zeigen und so einen Dialog zum Publikum aufzubauen, es mitzureißen und zu fesseln.

Solo Musica CD - SM300 - mit Lini Gong und Mariana Popova © Jörn Kipping

Solo Musica CD – SM300 – mit Lini Gong und Mariana Popova © Jörn Kipping

IOCO: Wie haben Sie den Einstieg in das Berufsleben und das erste Engagement erlebt?

L.G.: Ich war zuerst am Theater Freiburg engagiert. Mit meinen Dirigenten hatte ich sehr viel Glück und habe versucht die interpretatorischen Ansätze zu spüren und mit ihnen mitzugehen und ihnen im Rahmen meiner Möglichkeiten das anzubieten, was sie wollten. Theaterregisseure fordern oft körperlich zu viel. Oft geht es aber auch an persönliche Grenzen.

Als fünfte Magd in Elektra sollte ich am Ende der Oper wo ich nichts mehr zu singen im Finale auf einer Toilette stehen und so tun als, ob ich uriniere. Ich habe gesagt: „Ich will das nicht.“ Eine Kollegin sagte mir dann: „Denk an Deinen Vertrag. Wenn Du das nicht machst, ist Deine Karriere vorbei.“ Dann bin ich von der Probe weggelaufen, weil ich mich so geschämt habe.

Am nächsten Tag wurde ich zur Operndirektorin Dominica Volkert gerufen und sie sagte mir: „Es tut mir leid, dass ich bei dieser Konfrontation nicht dabei war. Erzähl mal.“ Ich habe ihr dann alles erzählt und sie sagte: „Alles ist ok. Du bist nicht gekündigt. Aber, es gibt ein aber. Du darfst schreien und schimpfen, aber darfst nicht von der Probe weglaufen. Du gehst da jetzt hin und entschuldigst Dich, dass Du weggelaufen bist. Alles andere muss geregelt werden.“

Ich habe mich dann bei der nächsten Probe vor alle Teilnehmern für das Weglaufen entschuldigt und der Regisseur sagte zu mir. „You are so young, you are so stupid. But I will never forget you. You are the first one, who run away.“ Dann sagte er: „You are Asian, you are crazy, you will run.“ Das Ende war dann, dass ich die letzten zwanzig Minuten der auf der Bühne herumrennen musste. Unvergesslich war der Applaus, den ich bekam, weil das Publikum von meinem Gerenne so begeistert war.

Daraus habe ich gelernt, dass immer wichtig ist, diplomatisch zu sein und einen gemeinsamen Weg zu suchen. Für derartige Machtspiele muss man psychisch gestärkt sein, aber diese Jahre im Festengagement sind für den Einstieg in den Beruf unglaublich wichtig.

Das hat sich natürlich später fortgesetzt bei Diskussionen mit Dirigenten und ihren Anforderungen, die oft die Stimme überfordert hätten, wenn ich mit dem Ihnen nicht gesprochen hätte. Das habe ich zitternd auch geschafft, wenn es zuvor bei der Probe zum Krach gekommen ist.

Im Hintergrund stand neben dem Wunsch, der Stimme beim Singen nicht zu schaden natürlich auch, dass ich das Engagement für die Aufenthaltserlaubnis brauchte. Insofern waren viele Kompromisse nötig. Ich habe dann Zerbinetta, Königin der Nacht, Lucia, Rosina, Oscar, Adina, Gilda und vieles mehr gesungen. Eine Grenzpartie war Wagners Woglinde. Mein Gesangslehrer hat mir zu diesen Partien dann viele wertvolle Tipps gegeben, welche ich nutzte. Aber, man muss aber seine genau Grenzen kennen und Gefahren erkennen. Natürlich wächst man in, mit seiner Partie; die größte Sicherheit findet man in seiner Partie in der Regel ab der dritten oder vierten Vorstellung.

Vielen Kolleginnen ist der Verbleib im Beruf nicht gelungen, weil sie sich früh und oft überfordert haben. Mein Vorteil war auch, dass ich immer auf der Suche nach Neuem war und ich in moderner Musik meine Persönlichkeit gut entfalten kann. Das Eisntudieren neuer Partien fiel mir leicht, weil ich mir durch meine Jahre „am Klavier“ viel Disziplin und Technik angeeignet habe.

IOCO: Wie ist es zur Berührung mit moderner Musik gekommen?

L.G.: Ich habe in großen Rollen an Uraufführungen mitgewirkt. Erwähnenswert sind insbesondere die Opern Koma von Georg Friedrich Haas und Wilde von Hèctor Parra. In der Elbphilharmonie Hamburg habe ich in einer konzertanten Aufführung von Arnold Schönbergs Oper Moses und Aaron unter Leitung von Ingo Metzmacher mitgewirkt. Viele Komponisten haben auch Stücke für meine Stimme komponiert. An der Münchner Biennale haben wir die bereits genannte Oper von Hèctor Parra für fünf Stimmen aufgeführt. Danach kam ein sehr eleganter Herr zu mir und lobte mich für meine Interpretation. Das war Peter Ruzicka, der Künstlerische Leiter der Biennale. Er bot mir dann eine Rolle in seiner neuen Oper Benjamin in Hamburg an. Darauf kam eine Einladung aus Hamburg zum Vorsingen.

Benjamin von Peter Rudzicka – und mit Lini Gong
youtube Trailer Hamburgische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Bezüglich der Gesangspartie kam, haben wir intensiv kommuniziert und er fragte oft, ob es vom Singen her geht oder nicht machbar war und wo die unangenehmen Stellen langen. In bestimmten Punkten hat er auch eine unverrückbare Auffassung. Man muss aber auch die Struktur der Kompositionen kennen, um zu wissen, wo man den Atem setzt und die Regie kann dabei unterstützen, indem sie den Sänger unterstützt. Diese Mitwirkung in Peter Ruzickas Oper Benjamin an der Hamburgischen Staatsoper (siehe hierzu den folgenden Trailer der Staatsoper Hamburg mit Lini Gong) war einer der Höhepunkte und eines der erfüllendsten Ereignisse meiner Karriere.

IOCO: Welche Rollen liegen Ihnen derzeit am Herzen?

L.G.: Meine Stimme hat sich gut entwickelt. Gern würde ich auch Lucia und Traviata machen, und einmal in meinem Leben auch Lulu! Für mich ist die Symbiose von Gesang und Ausdruck ungeheuer wichtig. Das Darstellen auf der Bühne und das Ausleben von Gefühlen sind gerade in dieser Rolle unglaublich vielfältig. Die Stimme ist das Kapital, aber in vielen Rollen ist eben die Interpretation und die Darstellung die riesige Herausforderung, um die Gesten zu machen und die Seele des Publikums zu treffen.

IOCO: Wie ist es zu Ihrem CD Projekt gekommen?   

L.G.: Ich wollte gern eine CD machen zu hinterlassen. Der Liedgesang bedeutet mir sehr viel, weil man losgelöst von der Bühne die Möglichkeit hat, seine eigene Persönlichkeit und die eigenen Empfindungen in Text und Musik zu legen. Meine Freundin die Pianistin Marina Popova hatte die Idee zu dem Projekt. Sie sagte zu mir: „Wir beide leben in Hamburg.“ Neben den bekannten Komponisten wie Brahms, Mendelssohn und Mahler hatte sie viele Ideen, mit welchen wir uns dann gemeinsam auseinandergesetzt haben.

Natürlich wollten wir Neues machen. Bei den Musiksprachen aus drei Jahrhunderten spielen wir mit Kontrasten wie mit Klangfarben, eben mit dem ganzen Reichtum des Kunstliedes, das wir sehr lieben.

Uns vereint auch die Leidenschaft für Neue Musik. Wir haben mit Elmar Lampson zusammengearbeitet und so entstand zum Beispiel eine Klavierfassung seiner drei Lieder nach Gedichten von Christian Morgenstern. Durch die Zusammenarbeit Peter Ruzickas, zuletzt 2018 in der Uraufführung von Benjamin an der Staatsoper Hamburg, haben wir auch sein Lied Nach dem Lichtverzicht aufgenommen.

IOCO: Wie empfindest Sie Ihre Arbeit als Lehrerin?

L.G.: Am wichtigsten ist es zu beobachten und zu begleiten. Dann findet sich was die Schüler brauchen. Warum sing sie zum Beispiel „o“ und nicht „a“? Gefällt Ihnen was Du singst? Man muss sich auch vorstellen, was aus dem Schüler werden kann und wo seine Schwierigkeiten liegen. Auf dieser Grundlage kann man ihn unterstützen, Hinweise geben, wie er seine technischen Möglichkeiten ausbaut und sich weiter entwickelt. Durch meinen langen Weg und die vielen Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann ich gute Tipps geben, wie die eigene Entwicklung vorangebracht werden kann.

IOCO: Was sind die nächsten Pläne?

L.G.: Viele Kolleginnen und Kollegen und auch ich haben es derzeit ungeheuer schwer. Durch Corona hat sich vieles zerschlagen. Die Livestreams halte ich für problematisch. Das kann dann oft als Ersatz für das Live-Erlebnis gewertet werden, was es aber nicht ist und es fehlt für Künstler und Publikum die Begegnung. Auch so genannte Autokonzerte unter freiem Himmmel finde ich problematisch, weil Publikum und Künstler eine bestimmte Atmosphäre brauchen. In Brixen werde ich hoffentlch Ende August in einem Konzert mit dem Minguet Quartett auftreten und das Lied Erinnerung und Vergessen von Peter Ruzicka unter Verwendung eines Textes von Hölderlin singen. Darauf freue ich mich sehr. Es bleibt nur zu hoffen, dass trotz Corona bald weitere Projekte folgen.

IOCO:  Liebe Lini Gong, vielen herzlichen Dank für das Gespräch. Wir alle wünschen Ihnen viel Erfolg und Freude in Ihrem weiteren Lebensweg.

—| IOCO Interview |—

Marco Armiliato – Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper, IOCO – Aktuell, Dezember 2019

Dezember 20, 2019 by  
Filed under Oper, Personalie, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Maestro Marco Armiliato

zum Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper ernannt

Nach einer umjubelten Vorstellung von Puccinis La Bohème wurde am 19. Dezember 2019, dem seit vielen Jahren dem Haus am Ring eng verbundenen italienischen Dirigenten Marco Armiliato die Ehrenmitgliedschaft der Wiener Staatsoper verliehen.

Die Ehrung erfolgte durch Staatsoperndirektor Dominique Meyer und Bundestheater-Holding-Geschäftsführer Mag. Christian Kircher auf offener Bühne, auf der sich das Ensemble des Abends – Irina Lungu, Saimir Pirgu, Marco Caria, Samuel Hasselhorn, Ryan Speedo Green, Mariam Battistelli, Marcus Pelz –, der Chor sowie weitere Mitglieder des Hauses und Weggefährten wie Ioan Holender versammelt hatten. Im Rahmen der Ehrung wurde Marco Armiliato auch der von Juwelier Wagner gestaltete und zur Verfügung gestellte Ehrenring der Wiener Staatsoper überreicht.

Direktor Dominique Meyer sprach in seiner Laudatio von der großen internationalen Karriere Marco Armiliatos und betonte: „Wir lieben Marco Armiliato! Überall ist er beliebt – er ist geschätzt vom Orchester, geliebt von den Sängern und vom Publikum. Er bedeutet für uns alle echte Kenntnisse, Musikalität und Sicherheit. Er ist eine Stütze des Hauses!“

Ioan Holender erläuterte, dass Marco Armiliato eigentlich nicht von ihm, sondern von Luciano Pavarotti an die Wiener Staatsoper gebracht wurde – dieser wollte nur dann den Andrea Chénier singen, wenn Marco Armiliato dirigiert.

Bundestheater-Holding-Geschäftsführer Christian Kircher betonte: „Er ist immer präsent und mit seiner unglaublichen Ausstrahlung ist es eine so große Freude, ihm zu begegnen – und ich glaube, es gibt nur wenige Personen, die die Ehrenmitgliedschaft so verdienen, wie Marco Armiliato.“

Kurzbiografie:

Marco Armiliato studierte Klavier und Dirigieren in seiner Heimatstadt Genua. 1995 debütierte er mit Il barbiere di Siviglia am Teatro La Fenice in Venedig. Bereits ein Jahr später folgte sein Debüt an der Wiener Staatsoper mit Andrea Chenier – zusammen mit einigen Konzertserien mit Luciano Pavarotti waren diese Auftritte der Beginn seiner erfolgreichen Karriere, die ihn wiederholt unter anderem an die Met, zu den Salzburger Pfingstfestspielen, an die Bayerische und Hamburgische Staatsoper, die Deutsche Oper Berlin, an das ROH Covent Garden, an das Theatre du Chatelet und die Opera Bastille in Paris, nach Zürich, Madrid, Turin, Rom, Verona, Toronto, Pittsburgh, Baltimore, Turin, Rom brachte. Marco Armiliato ist international auch als Konzertdirigent höchst erfolgreich. An der Wiener Staatsoper dirigierte er seit seinem Debüt 1996 mit Andrea Chénier neben den Premierenproduktionen von Il trovatore und Samson et Dalila eine Vielzahl an Repertoireabenden von 30 unterschiedlichen Werken, mehrere Konzerte und Galaabende sowie die künstlerische Eröffnung des Wiener Opernballs 2019 – bisher insgesamt 290 Vorstellungen.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Essen, Philharmonie Essen, Orlando – mit Max Emanuel Cencic, 19.01.2020

TFN_Logo neu.jpg

Theater für Niedersachsen

Philharmonie Essen

Theater für Niedersachsen / Max Cencic © Emanuel Parnassus

Theater für Niedersachsen / Max Cencic © Emanuel Parnassus

Orlando  –  Georg Friedrich Händel

Countertenor Cencic am 19.01.2020 in der Philharmonie Essen 

In der konzertanten Aufführung von Händels Oper Orlando am 19. Januar 2020 in der Philharmonie Essen kommt es zu einer Neubesetzung der Titelpartie: Für Franco Fagioli übernimmt nun der Countertenor Max Emanuel Cencic die Rolle des bretonischen Ritters Orlando. Auf Fagiolis Rückkehr nach Essen darf sich das Publikum aber schon jetzt freuen: In der Spielzeit 2020/2021 wird der Argentinier als Oreste in Händels gleichnamiger Oper im Alfried Krupp Saal zu erleben sein. Max Emanuel Cencic ist als Interpret vor allem für die Musik des 18. Jahrhunderts international gefragt.

In jüngerer Vergangenheit führten ihn Auftritte an die Hamburgische Staatsoper (Oreste in Offenbachs La belle Hélène und Ezio in Glucks Ezio), an die Berliner Staatsoper Unter den Linden (Nerone in Monteverdis L’incoronatione di Poppea) und an das Theater an der Wien (Orlando in Vivaldis Orlando furioso). Auch die Bühnen der Oper Zürich, der Wiener Staatsoper, des Théâtre des Champs-Elysées und der Bayerischen Staatsoper waren bislang wichtige Stationen in Cencics Karriere. In der kommenden Spielzeit singt er unter anderem an der Wiener Staatsoper (Polinesso in Händels „Ariodante“) und an der Mailänder Scala (Athamas in Händels Semele).

Für seine Aufnahmen wurde Max Emanuel Cencic regelmäßig mit renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter der ECHO Klassik 2013 und 2014, der Preis der deutschen Schallplattenkritik und der Diapason d’or. In der konzertanten Aufführung von Händels „Orlando“ in der Philharmonie Essen ist Max Emanuel Cencic gemeinsam mit einem erlesenen Gesangsensemble zu erleben (Kathrin Lewek als Angelina, Nuria Riat als Dorinda, Delphine Galou als Medoro und Adam Plachetka als Zoroastro). Francesco Corti leitet das Barockensemble Il Pomo d’Oro.

Karten (Preis: € 33,00) und Infos unter T 02 01 81 22-200 und www.philharmonie-essen.de

 

—| Pressemeldung Theater für Niedersachsen |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung