Die Oper in Zeiten der Seuche – ein lockerer Beitrag, IOCO Aktuell, 14.05.2020

Mai 13, 2020 by  
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Alphonsine Plessis - Violetta und Kameliendame des realen Lebens - ruht in Montmarte © IOCO

Alphonsine Plessis – Violetta und Kameliendame des realen Lebens – ruht in Montmarte © IOCO

DIE OPER –  IN ZEITEN DER SEUCHE

Ein lockerer Beitrag  –  Albrecht Schneider

Wenn derzeit die Pandemie das äußere Leben weitgehend maßregelt, liegt es nahe, dass ein Musikfreund, an geschlossenen Theatern und Konzertsälen leidend und diese erzwungene Abstinenz anderweitig zu konterkarieren sich abstrampelnd, in der Opernhistorie danach zu blättern beginnt, inwieweit hier Krankheit, gar eine Seuche mitunter zum Sujet von Librettisten und Komponisten geworden sind. Bricht man mithin auf zu einer nicht unbedingt ausgedehnten Besuchsreise, die kreuz und quer hin zu den großen Bühnen Europas führt, lässt sich an deren Ende ohne jeden wissenschaftlichen Anspruch resümieren, nirgendwo ist die Krankheit in der Pose der Primadonna aufgetreten. Doch eine Rolle hat sie wiederkehrend übernommen, weil sie zu der meisten Tonsetzer dramaturgischem Repertoire gehört und ihm, um einen Topos Richard Wagners wieder zu beleben, als ‚Mittel zum Zweck‘ zu dienen hat.

„Die Krankheit ist die Vergeltung der empörten Natur“ –  Theologe Hosea Ballou 1771-1852

Schaut man auf die Werke mit entsprechender Thematik, die unbeschadet ihres Alters oder relativen Jugend in der Gunst des Publikums verharren durften, also gleichsam stets Logenplätze innehatten oder ganz vorn auf den Orchestersesseln hockten, dann trifft der diagnostische Blick auf zwei Menschheitsleiden: die Tuberkulose und insbesondere den Wahnsinn. Sofern man willens ist und das metaphorische Bild der Rangfolge nicht ablehnt, demgemäß auch Opern hinten auf den Stehplätzen für erwähnenswert erachtet, begegnen einem zwei Stücke, in der eine wahre Seuche, die Pest nämlich, am Drama beteiligt ist. So geschehen in Jacques Fromental Halevys still in den Archiven schlummerndem Opus: Guido et Ginevra (oder: Die Pest in Florenz), worin ein mit der Pest infizierter Schleier der Heldin den Scheintod beschert, indessen in Igor Strawinskys quicklebendigem Ödipus Rex der Titelheld die in Theben ausgebrochene Pest durch Selbstaufopferung  austreiben will.

Als ein die Handlung motivierendes Element erlangt demnach die epidemische Seuche in der Operngeschichte so gut wie kein Gewicht, hingegen sind Tuberkulose und der Wahnsinn einem Librettisten geradezu unentbehrlich. Jene amtiert als eine Affektion der Lunge unter dem emphatischeren Namen Schwindsucht in der Literatur und gleichermaßen auf der Bühne, wo sie sich mit einem ihrer Symptome, nämlich dem Husten, zu erkennen gibt. Obschon nichts weiter denn ein kakophones Geräusch und für den Tonsetzer kaum verwertbar, kommt ihm der Misston durchaus gelegen, weil sich mit dessen Hilfe eine Bühnenfigur für alle hörbar stigmatisieren lässt: Dieser Mensch ist krank! Denkbar wäre ohne Frage, horribile dictu, die Syphilis, nur bleibt der eine ähnlich signifikante Äußerung verwehrt. Fernerhin ist die Schwindsucht ein von der Gesellschaft respektiertes und reputierliches Leiden, was freilich von der Lues nun ganz und gar nicht behauptet werden kann.

Jacques Offenbach Grab in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach Grab in Montmartre © IOCO

Die berühmtesten Agentinnen der Husterei sind die Edelkurtisane Violetta Valery aus Giuseppe Verdis La Traviata mitsamt Giacomo Puccinis Midinette Mimi aus La Bohème. Deren pathologisches Symptom signalisiert akustisch dem versierteren Teil des Publikum ein tristes Ende der Heldin und folglich der ganzen Geschichte. Die dritte im Bunde entsprechend malader Damen heißt Antonia und stirbt in Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, indem sie sich selbst zuerst um die Luft und dann leider zu Tode singt. Hier darf mit Fug und Recht von einer operngerechte Fatalität die Rede sein, was wiederum von des genialen Komponisten Theaterinstinkt zeugt.

Augenscheinlich und vernehmbar rafft die Schwindsucht lediglich Soprane und Mezzosoprane dahin. Tenöre, Baritone und Bässe andererseits, ersichtlich das gesamte singende männliche Geschlecht, verschont sie offenkundig. Das zeugt unbedingt von einer zum Himmel schreienden infamen Bevorzugung durch wen auch immer. Zugleich mag die Krankheit eine Chiffre sein dafür, und das bezieht sich gemeinsam auf Sängerin wie Sänger, dass beide aufgrund ihrer Herkunft, Armut oder Tätigkeit kaum oder niemals den Abstand zu einer gesunden, tugendhaften und in geordneten Verhältnissen beheimateten braven Bourgeoisie überwinden werden.

Der Wahnsinn verfährt da auf erheblich gerechtere Weise. Für Opernliebhaber/Innen hat unbestritten Gaetanos Donizettis Lucia di Lammermoor sich gewissermaßen zur Mutter aller vom Wahnsinn heimgesuchten Weiber hochgedient, falls die heute despektierliche, vormals respektable Bezeichnung ausnahmsweise erlaubt sei, und bitte keinen weiblichen(!) Shitstorm provozieren möge. Zu ihrer Schwester im Wahn darf man die Elvira in Vincenzo Bellinis I Puritani insofern rechnen, als beiden der Liebesverlust die Sinne verwirrt mit den bekanntlich stark differierenden Folgen. Dergleichen Verhängnis ereilt fairerweise genauso die Männer, allerdings hauptsächlich in Opern aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Dazumal wurden die gleichen mythologischen Stoffe von genialen wie weniger genialen Musikern unzählige Male vertont. Weil sie heute kaum Zuschauer hinter den Monitoren der Notebooks und TV Geräte hervorzulocken imstande sind, vergilben sie größtenteils in den hintersten Regalen der Staatsbibliotheken. Allenfalls gelegentlich entsinnt sich ihrer ein Regisseur und setzt sie mal mehr, mal weniger einfallsreich in Szene. Auf CD können Interessierte einige vortrefflich musizierte und die Kunst jenes Zeitalters repräsentierende Werke kennenlernen.

Igor Starvinksky auf der Toteninsel von Venedig © IOCO

Igor Stravinksky auf der Toteninsel von Venedig © IOCO

In schummrigen Magazinen stößt man auf einige kraft des Liebesverlustes ebenfalls dem Wahnsinn verfallene Leidensgenossen oben genannter Frauen, als da sind der König Iarba aus Francesco Cavallis Didone und der Kollege König namens Atys aus Jean-Baptiste Lullys Atys. Manche auf dem Sachgebiet sehr beschlagene Leute vertreten die diskutierbare These, mit William Shakespeares umnachteter Ophelia sei die Ära der irren Frauen eingeläutet worden und die der irren Männer zu Ende gegangen. Das mag man so sehen, oder auch nicht. Hernach im 19. und 20. Jahrhundert behaupten sich neben den vorgenannten weiblichen Protagonisten der Verrücktheit durchaus die mit ihr geschlagenen Männer: Giuseppe Verdis Nabucco, salopp gesagt, schnappt über, da er wähnt, Gott zu sein, normalisiert sich aber wieder, und in Igor Strawinskys The Rake’s Progress ist Mister Tom zweitweise nicht minder wirr im Kopf.

Die Worte ‚Verrücktheit‘ und ‚Wahnsinn‘ klingen schrill, sie wecken alsbald die Vorstellung von wie wahnsinnig durch die Räume rasenden Figuren, die sich durch Verrücktheiten unterschiedlicher Qualität drastisch von der Umgebung abheben. Das Substantiv ‚Geisteskrankheit‘ stattdessen kommt weniger plakativ daher und impliziert ihre differierenden Erscheinungsformen und ebenso deren oft weniger spektakulären Wirkungen. ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Beachtet werden sollte dabei, dass Sinnesverwirrung auf der Bühne nicht aus einer klinischen Krankheit, einer sich einschleichenden pathologischen Veränderung des Cerebrums herrührt, vielmehr verschulden ein Schock, ein hysterischen Anfall oder eine von den Göttern verhängten Strafe das rätselhaft groteske Betragen. An dem sind bisweilen Furien beteiligt, die mittels einer plötzlichen Geistesumnachtung dem in ihren Augen kriminellen Sterblichen seine Untat heimzahlen wollen. Bei alledem sollte niemandem entgehen, wie der Wahn nach dem Stande blinzelt; kann doch in der Regel das Personal, vorwiegend das der Opera buffa, all die Doktoren, Ehefrauen, Bräute, Mündel, Soldaten, Bauersleute und Dienerschaft, abermals sehr salopp formuliert, sich keinen Dachschaden leisten. Womöglich wähnt eine hierfür verantwortliche höhere Instanz, voreingenommen und hochnäsig wie sie sich gibt, deren Hirnsubstanz sei für derlei nicht geeignet oder, noch denunzierender, sie seien eines gehörigen Wahnwitzes schlichtweg nicht wert.

Zur Warnung der Betroffenen sei darauf aufmerksam gemacht, wie die Melancholie vor Jahrhunderten als Agens, als Auslöser einer allerdings ‚heiligen‘ Gemütskrankheit eingeschätzt wurde

Nicht ausgespart bleiben sollen Szenarien, in denen der Wahnsinn, um den veralteten Begriff definitiv letztmalig zu benutzen, keineswegs in einem das Beziehungsgeflecht einer Oper befördernden oder lähmenden, zumindest seriösen Sinne, sondern er ganz im Gegenteil in einer eher ziemlich profanen, erheiternden Absicht gebraucht ­ missbraucht? ­ wird.

Als Modelle dafür herhalten können zum Beispiel Donizettis Farsa I Pazzi per Progetto, die von Vornherein im ‚Irrenhaus‘ angesiedelt ist, und desgleichen hat Strawinsky die letzte Szene des dritten Aktes seines The Rake’s Progress dorthin verlegt. Letztlich aber zählen Schwindsucht und Geisteskrankheit zu jenen Gestaltungsmitteln, derer sich Künstlern aller Provenienzen ohne jede Sorge vor Abmahnungen aus Advokatenzirkeln bedienen dürfen.

Nach dieser unvollständigen wie oberflächlichen Recherche, wie tiefgreifend und tonangebend zwei typische Leiden das Schicksal von Opernfiguren zu beeinflussen vermögen, muss am Ende der Blick noch auf ein Musikdrama gerichtet sein, in dem die Krankheit zwar keine Hauptrolle innehat, sie gleichwohl für das vom Komponisten so getaufte ‚Bühnenweihfestspiel‘ absolut konstitutiv ist. Unschwer zu erraten: Richard Wagners Parsifal ist gemeint.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Des Amfortas Krankheit ist weder eine Affektion der Atemorgane noch eine Geistesumnachtung, sie ist wesentlich delikaterer Natur. Bei seinem Antipoden, dem Zauberkönig Klingsor, lässt sich zumindest von einem Anfall von Sinnestrübung sprechen, will man sie für die von eigener Hand besorgte Dezimierung seiner Fortpflanzungsorgane haftbar machen. Der Fall des Gralskönig ist von anderem Aufbau. Im Kontext seiner intensiven Liebesbeziehung zu und seiner Liebesausübung mit der Dame Kundry geht des Grals Heiliger Speer verloren, und mit selbigem wird ihm eine unheilbare Verletzung zugefügt. Es soll sich um eine Seitenwunde handeln. Jedoch gehen die Spekulation dahin, dass der Meister von Bayreuth sie aus Gründen der Schicklichkeit nicht an die wahre Stelle platziert hat, nämlich den Intimbereich. Ganz kühne und abseitige Mutmaßungen laufen darauf hinaus, die schwärende Blessur sei nur Symbol für, anstandskonform umschrieben, eine Lustseuche. Indem jetzt neuerlich eine Seuche ins Spiel kommt, und zwar eine allenthalben verruchte, würde ein ganz heikles Motiv auf der Opernbühne Einzug halten. Dem ist aber zu unser aller Glück nicht so; die unsittliche Unterstellung entbehrt gewiss jeder Grundlage und findet nirgendwo Resonanz. Ohne Mühe hat man sie als ein von den fanatischsten Wagnergegnern in die Musikwelt gesetztes Gerücht, als Fakenews entlarvt.

Jedenfalls erfüllt des Gralkönigs Amfortas chronisches körperliches wie seelisches Leiden dramaturgische und musikalische Funktionen in Wagners ‚Weltabschiedswerk‘. Die Krankheit schlechthin als ein essentielles Element dürfte anderswo in Oper und Musikdrama so leicht nicht zu entdecken sein.

Die von der derzeitigen Krise provozierte Inspektion der Krankenakten von Bühnenhelden/Innen soll mit einem bedenkenswerten Satz ausklingen. Man mag ihn an dieser Stelle vielleicht für unpassend empfinden, allein das Zitat lässt sich nicht verhindern. Es schließt zwei Kategorien ein, ohne die, und das gilt insbesondere für die erstere, die Liebe, jedes Spiel auf dem Theater überhaupt nicht vorstellbar ist. Und die zweite, die Krankheit, hat immerhin eine Zeitlang hier das Thema bestimmt.

Das an irgendeine Wand gekritzelte Graffito lautet:
„Liebe ist eine Krankheit, die ins Bett gehört!“

—| IOCO Aktuell |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 11.12.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Carmen – Georges Bizet

 Regisseur Laufenberg: Carmen, eine Frau, die nicht kämpfen, sondern nur leben will, aber in den Kampf gezwungen wird. Vom Mann. Vom Stier….

von Ingrid Freiberg

Georges Bizet, Paris © IOCO

Georges Bizet, Paris © IOCO

Die Uraufführung der Oper Carmen 1875 in der Pariser Opéra-Comique war ein Fiasko! Georges Bizets Librettist Ludovic Halevy schreibt über die Uraufführung: „Gute Wirkung des ersten Aktes. Das Auftrittslied der Galli-Marie wird beklatscht … ebenso das Duett zwischen Micaëla und José. Der Akt endet gut mit Beifall und Hervorrufen… Auf der Bühne viele Leute… Bizet wird umringt und warm beglückwünscht. Der zweite Akt verläuft weniger glücklich. Der Anfang wirkt glänzend. Das Auftrittslied des Toreadors macht großen Eindruck. Dann Kühle… Bizet entfernt sich jetzt mehr und mehr von der traditionellen Form der Opera-comique, und das Publikum ist verwundert und weiß sich nicht mehr zurechtzufinden… Im Zwischenakt finden sich schon weniger Leute um Bizet ein. Die Glückwünsche sind weniger aufrichtig, tragen mehr den Charakter der Förmlichkeit. Die Kühle nimmt im dritten Akt zu… Beifall erntet nur das Lied der Micaëla, das noch ganz nach altem Zuschnitt ist… Auf die Bühne kommen noch weniger Leute… Und nach dem vierten Akt, der von der ersten bis zur letzten Szene mit eisiger Kälte aufgenommen wird, ist die Bühne leer… nur drei oder vier wahre Freunde (vermutlich Halevy, Meilhac, Guiraud) bleiben um Bizet. Alle versuchen sie, ihn zu beruhigen, zu trösten, aber die Trauer spricht aus ihrem Blick...“ Die Pariser Presse urteilt: „Die Figur der Heldin ist schrecklich unangenehm. Die Musik voll von Konzessionen und Banalitäten. Welche Realistik, was für ein Skandal! Herr Bizet gehört bekanntlich jener neuen Sekte an, deren Lehre darin besteht, die musikalischen Gedanken verdunsten zu lassen, statt sie in bestimmte Konturen zu bannen. Für diese Schule ist Herr Wagner das Orakel: Das Motiv ist außer Mode, die Melodie antiquiert; der Gesang, vom Orchester beherrscht, darf nichts als ihr schwaches Ego sein.“

Carmen – Georges Bizet
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Straßenräuber, Deserteure, Toreros, Soldaten und junge Hexen mit großen schwarzen Augen…

Die Novelle Carmen von 1845 ist nicht aus der Weltliteratur wegzudenken. Carmen steht für zügellose Leidenschaft, Skrupellosigkeit, Unabhängigkeit, Auflehnung gegen das soziale System und Nichteinhaltung gesellschaftlicher Normen. In seiner Novelle hat Prosper Mérimée ein folkloristisches Spanienbild kreiert, das heutzutage noch als aktuell angesehen und für kommerzielle Zwecke genutzt wird, das jedoch nicht unumstritten ist.

Zwischen Eros, Lust und Tod…

Henry Meilhac Paris © IOCO

Henry Meilhac Paris © IOCO

Der Franzose Georges Bizet erwirbt vor allem durch seine Oper Carmen Weltruhm. Er bringt Tabakrauch, Sehnsucht nach erotischer Liebe, die männliche Wut eines Tieres und die animalischen Verlockungen der Frau in einen einzigartigen Klangrausch. Das Libretto zu seiner Oper schrieben Henri Meilhac und Ludovic Halévy. Formal eine Opéra-comique ist Carmen „ein revolutionärer Bruch“ in dieser Operngattung. Bizet hat mit Carmen so etwas wie einen Soundtrack zur freien Liebe komponiert, ein Stück zwischen Eros, Lust und Tod. Für ihn sind die Minderprivilegierten, die verhängnisvoll verführerische Zigeunerin Carmen und der desertierte Soldat Don José, mit seinem Niedergang zum Schmuggler und Mörder, der Inbegriff der sexuellen Revolutionsoper. Der brave Don José  geht an den selbstbewussten Spielen der femme fatale und ihrer nur kurz entflammten Liebe zugrunde. Es ist eine flirrende Welt aus militärischer Ordnung, Schmugglerchaos, Kartenlegerinnen, der gottesfürchtigen Micaëla  – ein Tableau für unterschiedlichste Charaktere, die unter der heißen spanischen Sonne aufeinandertreffen. Carmen ist eine Oper, die transpiriert, die Blut und Leidenschaft hören lässt. Bizet scheut nicht vor existenzieller Härte zurück. Den Mega-Erfolg seiner Oper erlebte der drei Monate nach der Uraufführung verstorbene Komponist nicht mehr. Zeitgenossen vermuteten, er sei aus Kummer über seinen Misserfolg gestorben. Aber Bizet war starker Raucher, was ihn sogar zur Werbeikone einer Zigarettenmarke machte; er litt unter einer schweren Rachenerkrankung.

Der Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg schreibt: Carmen ist sehr schwer zu inszenieren. Weil sie eigen, unbändig und nicht verführbar ist! Jedes Klischee von Carmen hat in der 144-jährigen Aufführungstradition schon stattgefunden. Aber die wirkliche Carmen tritt selten auf. Die Frau, die das Leben versteht und trotzdem lebt und liebt. Die Frau, die nicht kämpfen, sondern nur leben will, aber trotzdem in den Kampf gezwungen wird. Vom Mann. Vom Stier. Aber: Sie hat sich das Leben ausgesucht und sich entschieden. Sie lebt auf der Grenze von Tod und Leben. Und wenn der Tod kommt, ist sie bereit, aber auch kampffähig. Wir alle müssen sterben. Wollen wir das in der Arena, blutrünstig und leidenschaftlich? Oder sterben wir lieber still, schon weil wir wissen, dass wir in der Arena nicht bestehen können? Arena ist Theater. Wer sich da hinein traut, kann darin umkommen…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Das Publikum erschaudert…

Laufenbergs Inszenierung basiert auf der Originalfassung von Georges Bizet mit Sprechtexten. Die Geschichte wird so erzählt wie Prosper Merimée sie in seiner Novelle verfasst hat. Das ist eine besondere Schwierigkeit für die SängerInnen, die lange französische Dialoge sprechen müssen. Zu den berühmten Klängen der Ouvertüre ist ein Video (Gérard Naziris) zu sehen, das eine weibliche Matadorin zeigt, die in einem grausam blutigen Kampf  erotisch und mit Eleganz banderillas in einen Stier stößt, ihm die Ohren und den Schwanz abschneidet und der Menge als Trophäe präsentiert. Mit diesem Auftakt lässt Laufenberg das Publikum erschaudern, das angeekelt mit einigen Buhs reagiert… Was zunächst nur Schrecken verbreitet, erweist sich im Finale als überzeugender Regieansatz. Carmen ist da, wo Lust und Leben ist, Lebensgefahr einkalkulierend. Der 3. Akt steigert sich zu einem packenden Drama mit brutalem Schluss. Der Stierkampf wird zur Metapher für den Geschlechterkampf. Als Don Josés Besitzansprüche überhandnehmen, schlachtet er das verführerische Weib wie einen wilden Stier. Damit schließt sich der Kreis, findet das Video, das schwer wieder aus dem Kopf geht, seine Berechtigung.

Gisbert Jäkel (Bühnenbild) baut eine raumhohe Stierkampfarena, in der er auf einer Drehbühne einen mittigen rechteckigen Raumteiler stellt. Bühnen- und Zuschauerraum werden zu einem beängstigenden geschlossenen Ganzen. Der Schriftzug Toros si, corridas no auf der Wand unterstreicht Laufenbergs Regiekonzept: Carmen ist die Stierkämpferin, Don José das gereizte, verletzte, rasende Tier. Die Bühne zeigt übergangslos die verschiedenen Schauplätze wie Zigarrenfabrik, Kaserne, Taverne – auch Carmen und José, die sich halbnackt, sehr temperamentvoll in ihrem rotsamtenen Lotterbett lieben… Furiose Auf- und Abgänge des Chores werden durch diese Konzeption ermöglicht. Die Kostümentwürfe von Antje Sternberg wurden von Louise Buffetrille weiterentwickelt, da diese während der Produktion erkrankte. Die Soldaten tragen Uniformen, die sich am Vorbild der Entstehungszeit orientieren. Alle anderen Kostüme sind der heutigen Zeit angepasst. Dem Coleur der andalusischen Stierkämpfe wird mit farbenfrohen Kostümen gekonnt entsprochen.

DIE ANIMALISCHEN VERLOCKUNGEN EINER FRAU

Silvia Hauer ist eine Carmen, die sich zu einer verachtungsstolzen, starken Frau wandelt, in der das Unabhängigkeitsfeuer lodert. Sie ist die Verheißung einer Weiblichkeit, die sich mit ungemeiner Körperlichkeit einfach mehr vom Leben nimmt und emanzipatorische Selbstbehauptung mit Lust in Einklang bringt. Es gelingt ihr, die Luft vor Freiheitshitze vibrieren zu lassen. „Wenn du mich nicht liebst, liebe ich dich, wenn du mich liebst, nimm dich in Acht…“ ist ihr Schicksalscredo. Hauers Stimme hat Drive, Direktheit und die Leichtigkeit, die man für eine Carmen braucht. In den Todesahnungen klingt ihr Sopran packend und flackernd, dunkel, voll und elegant. „L’amour est un oiseau rebelle“ ist eine der berühmtesten Arien der gesamten Opernliteratur. Schon, wenn die ersten Töne der Streicherbegleitung erklingen, wissen die meisten, was kommt. Silvia Hauer lässt das flackernde Feuer der Leidenschaft, das aus der Tiefe kommt, aufflammen, dass es eine Freude ist. Wie sie José die rote Akazienblüte vor die Füße wirft, zeigt glaubhaft ihre unabdingbare Entschlossenheit zur Trennung. Von Anfang an ist zu spüren, dass Don José nicht den Hauch einer Chance bei ihr hat. Je mehr er in Selbstmitleid verfällt, umso unnahbarer wird Carmen. Sogar bei ihrem Kastagnettentanz im 2. Akt, dem einzigen Moment, in dem die beiden für ein paar Takte zueinander zu finden scheinen, steht sie über ihm, ist unerreichbar. Silvia Hauers Rollendebüt ist ein überzeugender Erfolg!

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sébastien Guèze als Don José © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sébastien Guèze als Don José © Karl Monika Forster

Der französische Tenor Sébastien Guèze (Don José) ist für die von Laufenberg gewählte Originalfassung Georges Bizets – mit Sprechtexten – durch seine Vertrautheit mit der französischen Musik und Sprache eine gute Wahl.  „La fleur que tu m’avais jetée“ beginnt als inniges Ständchen an die Blume, die ihm Carmen neckisch zugeworfen hat. José besingt ihren betörenden Duft, der ihn, wie Carmen selbst, in Bann hält. Sein lyrischer Tenor verfügt über dynamische Feinschattierungen. Mit Schmelz und Strahlkraft brilliert er in der Arie „C’est moi qui l’ai tuée, ma Carmen adorée…“  Christopher Bolduc (Escamillo) überzeugt in seiner Auftrittsarie „Votre toast, je peux vous le rendre, Señors, señors..“. nicht vollumfänglich. Erst im 3. Akt entwickelt sich sein jugendlich klangschöner Gigolo-Bariton, der das Charakterspektrum des Frauenhelden und charmanten Luftikus ausleuchtet. Shira Patchornik verleiht dem braven Bauernmädchen Micaëla die Naivität, Innigkeit und Lebendigkeit, die die Rolle erfordert. Für die Arie „Je dis, que rien ne m’épouvante“ erhält sie Szenenapplaus. Ihre anrührende Stimme hat Seele, verfügt über feine Nuancen – bis hin zu fast privaten Empfindungen.

Philipp Mayer (Zuniga), großgewachsen und optisch überzeugend, gewinnt in der Rolle des gewissenlosen Leutnants durch seine gut gespielte Unverfrorenheit. Seine Stimme vermittelt Autorität, ist von hemdsärmeliger Intensität, kräftig und zupackend. Maskulin, machohaft und auffallend präsent treten Julian Habermann (Dancaïro), Ralf Rachbauer (Remendado) und Daniel Carison (Moralès) auf und sind ein gut eingespieltes „Solisten“-Ensemble. Die Schmuggler und ihre Freundinnen verspotten Carmen glanzvoll in dem weltbekannten Quintett. Stella An (Frasquita) und Fleuranne Brockway (Mercédès) profilieren sich u.a. mit feurigem Flamenco – ausgezeichnet choreografiert und getanzt – auf hohem stimmlichen Niveau und augenfälliger Bühnenpräsenz. Besonders zu erwähnen ist das vorzügliche Französisch von Thomas Braun (Lillas Pastia).

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen - hier : Sylvia Hauer, Carmen, zum Schlussapplaus © Ingrid Freiberg

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Carmen – hier : Sylvia Hauer, Carmen, zum Schlussapplaus © Ingrid Freiberg

Sonderlob gebührt Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter der Leitung von Albert Horne, von dessen Mitgliedern jede und jeder eine eigene Persönlichkeit zu sein scheint. Von der Rampe aus singen sie in den Zuschauerraum, winken mit Wimpeln und Händen dem (Stierkampf-)Publikum zu. Es gelingen rasche quirlige Auftritte. Die Chorszenen sind bunt und lebendig, bleiben aber erwünscht präzise. Vervollständigt wird das Opernspektakel voller optischer Reize durch die Jugendkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter der Leitung von Jörg Endebrock. Die Kinder sind mit voller Konzentration dabei, da stimmen Blicke und enthusiastischer Gesang. Ihre unbekümmerte Frische überträgt sich auf das Publikum…

Raffinierte Rhythmen und feuriger Esprit

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der Leitung von Christina Domnick, das sich sichtbar verjüngt hat, hält vom ersten Ton an die Zuhörer mit tragischer Magie gefangen. Beim Vorspiel ist man versucht, mitzuspielen: Alle vier Sekunden kickt ein fetziges Zisch-Bumm die rassige Arenamusik in eine andere Tonart! Beim Toreador-Lied möchte man sogar mitsingen! Carmens Lebensmelodie ist ein lang gezogener Valse in Zigeunermoll, leidenschaftlich in Violoncelli und Fagotten, düster in Trompeten und Klarinetten, mit sarkastischen Nachschlägen in Hörnern, Harfe, Pauke, Bässen und Kastagnetten, angerissen von einem wilden Streichertremolo – kalt und rau. Unüberhörbar steuert die Melodie auf einen Eklat zu. Domnick lässt die Rhythmen knallen und scheint dabei schwerelos von Szene zu Szene zu schweben. Die Komposition erfährt eine gedankenhelle Leichtigkeit.

DAS PUBLIKUM APPLAUDIERT LANGANHALTEND. – GROSSE BEGEISTERUNG FÜR SILVIA HAUER!

Carmen am Hessischen Staatstheater Wiesbaden; der nächste Termin 22.05.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Kiel, Theater Kiel, Die Stumme von Portici – Daniel Auber, IOCO Kritik, 09.06.2019

Juni 8, 2019 by  
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Theater Kiel

Opernhaus Kiel / Blick über den Rathausplatz © VollwertBIT

Opernhaus Kiel / Blick über den Rathausplatz © VollwertBIT

 LA MUETTE DE PORTICI – Daniel Esprit Auber

– Revolution mit Unterhaltungswert –

von Hartmut Kühnel

Eine Stumme als Titelrolle einer Oper ist eigentlich ein Widerspruch in sich, aber in der Grand Opéra war vieles möglich, Hauptsache, es war neu und ungewöhnlich und befriedigte damit das steigende Unterhaltungsbedürfnis des in Frankreich entstehenden Bürgertums. Neu war allerdings auch der – wenn auch im historischen Gewand verpackte – immanent politische inhaltliche Ansatz vieler Werke, mit dem diese sehr französische (und eigentlich speziell auf die Möglichkeiten der Pariser Oper zugeschnittene) Form eben doch trotz allen zunehmenden Bombastes sehr nah am realen Puls ihrer Zeit war.


Die Stumme von Portici – Daniel-Francois-Esprit Auber 
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Die Stumme von Portici, LA MUETTE DE PORTICI, 1828 uraufgeführte Oper von Daniel-Francois-Esprit Auber (1782-1871) gilt heute zumeist als die erste ihrer Gattung. Das ist zwar nicht ganz korrekt, doch es war auf alle Fälle der erste ganz große Kassenschlager, allein in Paris wurde 1880 die 500. Aufführung gefeiert. Auch in Deutschland verbreitete sich das Stück nach der schon im Oktober 1928 erfolgten Erstaufführung am Theater Rudolstadt schnell; und mit der Brüsseler Erstaufführung am 25. August 1830, nach der ein emotional aufgebrachtes (vermutlich im Vorfeld mit den „richtigen“ Leuten durchsetztes) Publikum den Justizpalast stürmte und den Abfall Belgiens von den Niederlanden einleitete, hatte sich das Werk auch in die außermusikalischen Geschichtsbücher eingetragen.

Jacques Halévy © IOCO

Jacques Halévy © IOCO

Von den deutschen Spielplänen hatte sich die gesamte Grand Opéra mit dem 1. Weltkrieg gründlich verabschiedet. Inzwischen ist das Interesse wieder erwacht, doch haben Meyerbeer und Halevys La Juive der Oper Aubers den Rang abgelaufen. Das mag durchaus musikalische Gründe haben, denn vieles ist zweifellos gekonnte, aber eben doch Konfektionsware aus der Tradition der Opéra comique heraus, leicht, gefällig und unterhaltsam, aber über größere Strecken für die Dramatik der Handlung für heutige Ohren zu leichtgewichtig. Vor allem das Brautpaar Alphonse und Elvire verbleibt weitgehend unverbindlicher Virtuosität verhaftet, während das revolutionäre Volk die zwar „einfacheren“ aber eingängigeren und damit letztlich wirkungsvolleren Momente hat. Inwieweit Auber auf diese Weise ganz bewusst eine musikalische „Klassengesellschaft“ darstellen wollte, wäre eine nicht uninteressante Frage.

Im Ohr haften bleiben auf jeden Fall Masaniellos Barcarole und Berceuse, Pietros Trinklied zu Beginn des 5. Aktes und einige Chorpassagen. Musikalischer Höhepunkt für mich war aber das beide politischen Seiten vereinende Quartett mit Chor und konzertierendem Solohorn, in dem gerade auch im Orchester die Tür aufgestoßen wird zu einer Welt, in der schon zwei Jahre später Hector Berlioz mit seiner Symphonie fantastique die überkommenen Klang- und Instrumentationsregeln gehörig durcheinanderwirbeln sollte.

Theater Kiel / Die Stumme von Portici - hier :  Fenella © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici – hier : Fenella © Olaf Struck

Die Handlung basiert auf einem von Masaniello (eigentlich Tommaso Aniello d’Amalfi) im Jahre 1647 angeführten Volksaufstand gegen die spanische Herrschaft in Neapel, der zunächst Erfolg hatte und Masaniello für ganze 10 Tage an die Macht brachte. Die anscheinend einsetzenden Zeichen geistiger Verwirrung, die als Strafe Gottes angesehen wurden, machten es dem spanischen Vizekonig jedoch leicht, ihn festnehmen und ermorden zu lassen. Der historische Masaniello wird nicht als unmenschlicher Brutalo-Revoluzzer dargestellt, da er aber auch Todesurteile verhängte und diese sofort vollstrecken ließ, dürfte er nicht ganz so opernmäßig triefend edelmütig gewesen sein wie Aubers Held, der deswegen von den eigenen Leuten als Verräter angesehen und vergiftet wird. Die sich bei Auber während – und vor – der Revolution abspielenden privaten Wirrungen sind ebenso Erfindung des Komponisten und seines von Beginn an fast die gesamte Epoche der Pariser Grand Opéra dominierenden Librettisten Eugène Scribe (1791-1861) wie der finale Ausbruch des Vesuv.

Leider konnte mich die szenische Seite nicht überzeugen. Die aus der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus hervorgegangene VALENTINA CARRASCO schenkte sich – und dem Etat des Theaters – zwar klugerweise den Ausstattungsschinken, blieb mit ihrer auf zwei Ebenen angesiedelten Erzählform aber irgendwo im Niemandsland hängen. Als Einheitsbühnenbild (JUSTIN ARLENTI) dienen wenige Kulissen im Hintergrund, die den Marktplatz in Neapel andeuten, für den Fischerort reicht ein malerisch über der Bühne drapiertes Netz, alles andere funktioniert über Lichtwechsel und Videos auf der Rückwand; soweit, so gut. Die Kostüme von ELENA CICORELLA könnten vom Ende des vorletzten Jahrhunderts sein, weiß für die Spanier, blau-rötlich fürs Volk (was zusammen ungefähr die Farben der französischen Trikolore ergibt). Herrschende und Volk benehmen sich zu Beginn, wie das Choristen in einer konventionellen Inszenierung halt so tun; allerdings wird das Volk teilweise auch behandelt, als seien es irgendwelche Exoten und nicht die täglichen Fischer und Markthändler. Die vor den Häschern des Vizekönigs flüchtende Fenella, die stumme Schwester Masaniellos, wird von einer Farbigen dargestellt; ein Zufall, weil sie im Rahmen eines internationalen Ensembles einfach eine gute Schauspielerin ist? DAYAN KODUA bringt die Ängste der von Alphonse verführten und später verlassenen jedenfalls mit größtmöglicher Intensität über die Rampe. Oder ist es Absicht, um das Außenseitertum der Stummen gegenüber ALLEN singenden Personen innerhalb einer Oper hervorzuheben? Oder steckt doch mehr dahinter? Im späteren Verlauf der Oper wird sie von schwarz gekleideten Figuren mit Masken statt Gesichtern begleitet bzw. bedrängt werden, sobald sie allein ist. Und vor dem vierten Akt gibt es zwei Minuten ohne Musik bei denen zu Videos von gewaltsamen Aufständen in Afrika Menschen sich gegenseitig über die Bühne hetzen und töten und Fenella in panischer Angst vor Autoreifen flieht, Hinweis auf die in Südafrika angewendete Lynchjustiz des „Necklacing“, bei der dem Opfer ein mit Benzin gefüllter Reifen um den Hals gelegt und angezündet wurde..

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Die Aufklärung hatte ich vor der Vorstellung in der Einführung bekommen! Selbst das Programmheft lässt den Fragenden da nämlich im Regen stehen! Die Besetzung sei ganz bewusst geschehen, weil man die Parallelität der Ablösung von Gewaltherrschaft durch eine Revolution, die genauso zur Gewaltherrschaft führt am Beispiel der afrikanischen Freiheitsbewegungen gegen die Kolonialmächte habe aufzeigen wollen.

Leider war der Abend ansonsten von einer derart altbackenen Gestik geprägt, dass man aus dem Staunen nicht heraus kam. Da wurden die Hände gerungen, der Chor stand häufig genug im Halbkreis herum oder musste – als feierndes Volk – natürlich sturzbetrunken sein. Fast nichts entwickelte sich logisch; Soldaten, die eben noch drei Kerle locker beiseite gedrängt hatten, wurden nach dem Umschlagen der Stimmung von einer einzelnen Frau am Schlafittchen gepackt und auf die Knie gezwungen. Das Herunterlassen des Fischernetzes von der Decke diente einzig um darin heraufklettern, lauter Einfälle des Augenblicks ohne erkennbare Linie, was sich auch in mangelnder Charakterisierung der Protagonisten niederschlug, wobei Fenella allerdings eine Ausnahme bildete – aber die gehörte ja auch sozusagen in die Parallelgeschichte… Bei einer konsequenten, gut gearbeiteten Verbindung beider Ebenen hätte das ziemlich spannend werden können, so aber blieb der schale Nachgeschmack der Verbrämung von schlechtem Handwerk durch eine „Botschaft“.

Wirklich schade, denn die musikalische Seite hatte es – in positivem Sinne – in sich. STEFAN BONE, ursprünglich musikalischer Assistent und Studienleiter der Produktion, dirigierte das Stück zum ersten Mal selbst. Da stand einer, der wusste wann Sänger atmen müssen (als ehemaliger Korrepetitor hat er das Handwerk von der Pike auf erlernt) und der gleichzeitig das Orchester zu höchst animiertem Spiel antrieb, flott in den Tempi aber auch mit der nötigen Ruhe wo es angebracht war; wunderbar.

Die in der Grand Opéra stilistisch unverzichbaren Ballettmusiken werden auf deutschen Bühnen gerne gestrichen, was hier erfreulicherweise nicht geschehen war. MASSIMILIANO VOLPINI hatte seine Choreographie soweit als irgendwie möglich in das Handlungsgeschehen integriert. Wie gut das Kieler Ballett diese umgesetzt hat kann ich als aktiver Nichttänzer nicht beurteilen. Gut auch der von LAM TRAN DINH einstudierte Opern- und Extrachor, präzise und homogen. Einzig das Französisch wäre zweifellos verbesserungsfähig gewesen.

Die Partie des Masaniello ist für den damals erst 26-jährigen Adolphe Nourrit (1802-1839) geschrieben, den wichtigsten Tenor der Pariser Oper, der sowohl die vier Pariser Opern Rossini (Le Siège de Corinthe, Moise et Pharaon, Le Comte Ory, Guilleaume Tell) als auch Halevy’s La Juive und von Meyerbeer Robert le Diable und Les Huguenots uraufführte. Wenn man sich die stimmlichen Anforderungen dieser Rollen anschaut, die nach heutigem Verständnis vielfach eine Art lyrisch-dramatischen Helden-Koloraturtenor verlangen, dann kann man über die offenbar vorhandenen Fähigkeiten des Sängers nur staunen.

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Jedes Haus kann sich also glücklich schätzen, wenn es einen Tenor hat, der den Schwierigkeiten gewachsen ist, und Kiel hatte mit ANTON ROSITSKIY einen solchen. Die Barcarole zu Beginn des 2. Aktes kam noch ein bisschen schmalspurig über die Rampe, danach gewann das Organ schnell an dramatischer Kraft ohne an Beweglichkeit zu verlieren. Die Höhe kam mühelos, ein sicherer C-Sänger, aber kein „Knaller“ sondern auch ein guter Musiker und offenbar begnadeter Techniker, denn mit der durchgehend pianissimo gesungenen Berceuse im 4. Akt wurde Kiel für 5 Minuten plötzlich zur großen Weltbühne alten Zuschnitts, eine derartig traumhafte Voix mixte habe ich meiner Erinnerung nach in fast 50 Jahren „Opernkarriere“ nicht gehört.

Daneben zu bestehen ist schwierig, doch man tat es aller Ehren wert. CÉSAR CORTÉS besaß für den Alphonse den nötigen leichten, hoch liegenden Tenor, dem nicht nur die vielen schnellen Läufe sondern auch die Spitzentöne leicht von der Hand gingen und HYE JUNG LEE konnte als seine Braut Elvire dazu noch mit einiger Attacke aufwarten, bei der diverse Höhen dann allerdings doch etwas scharf gerieten. Das mir das Timbre als solches nicht liegt, ist mein persönliches Pech.

TOMOHIRO TAKADA, der als Berufsrevolutionär Pietro den Brunnenvergifter geben musste, hatte mit dem Freiheits-Duett im 2. Akt (das 1830 in Brüssel bereits zu ersten Publikumsreaktionen geführt hatte) und dem Trinklied im 5. Akt nur zweimal Gelegenheit auf sich aufmerksam zu machen, tat dies jedoch mit Nachdruck, wobei das Trinklied mehr nach Donizetti oder frühem Verdi als nach französischer Eleganz klang, aber es hatte Schwung und das lang gehaltene hohe G am Schluß füllte den Raum.

Am Ende verließ ich das Haus szenisch veritabel gelangweilt, vom Werk nicht so ganz aber von der musikalischen Seite sehr überzeugt.

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