Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Rückblick 2018/19 – Ausblick 2019/20, IOCO Aktuell, 06.07.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Rückblick, Ausblick

91% Auslastung – 45.000 Besucher auf Bebelplatz – BAROCKTAGE Nov 2019

Mit TRISTAN UND ISOLDE, RIGOLETTO und SACRE endete am 30. Juni 2019 die Spielzeit 2018/19 an der Staatsoper Unter den Linden, die mit dem Begriff Furchtlos überschrieben war.

Insgesamt hat die Staatsoper Unter den Linden in der Spielzeit 2018/19 zu rund 290 Veranstaltungen eingeladen, darunter sieben Premieren (davon zwei Uraufführungen) und fünf Premieren im Rahmen von LINDEN 21 (mit drei weiteren Uraufführungen), zu 20 Opernwerken aus dem Repertoire und 90 Konzerten. Insgesamt wurde eine Auslastung von 91% erreicht. Über 235.000 Besucher kamen zu den Veranstaltungen der Staatsoper und Staatskapelle in Berlin. Die ersten BAROCKTAGE zogen in zehn Tagen mehr als 15.000 Gäste aus 46 verschiedenen Ländern an. Zusätzlich erleben bei  STAATSOPER FÜR ALLE, das in diesem Jahr bereits zum 13. Mal stattfand, 45.000 Besucherinnen und Besucher auf dem Bebelplatz die Live-Übertragung von Wagners TRISTAN UND ISOLDE sowie das Open-Air-Konzert der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim mit Jiyoon Lee als Solistin.

Staatsoper Für Alle – hier 2016 – Auf dem Bebelplatz
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Gastspiele führten Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin 2018/19 nach Hamburg, Dresden, Paris, Peking und Sydney. Einen Höhepunkt der Spielzeit 2018/19 bildete die Uraufführung von Beat Furrers VIOLETTER SCHNEE mit einem Libretto von  Händl Klaus, ein Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden in der Regie von Claus Guth und unter der musikalischen Leitung von Matthias Pintscher mit Anna Prohaska, Elsa Dreisig, Gyula Orendt, Georg Nigl, Otto Katzameier und Martina Gedeck. Das Herzstück der ersten BAROCKTAGE war die Premiere von Jean-Philippe Rameaus HIPPOLYTE ET ARICIE mit Olafur  Eliasson als Bühnen- und Kostümbildner sowie Lichtgestalter und in der Regie von Aletta Collins. Im Rahmen des Sergej Prokofjew-Schwerpunkts in der Spielzeit 2018/19 war seine Komödie DIE VERLOBUNG IM KLOSTER erstmals seit 1958 wieder an der Berliner Staatsoper zu erleben.

Die Verlobung im Koster – Sergej Prokofjew
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Die FESTTAGE-Premiere wurde inszeniert von Dmitri Tcherniakov und dirigiert von Daniel Barenboim. Jörg Widmanns Oper BABYLON wurde erstmals nach ihrer Münchener Uraufführung 2012 in einer überarbeiteten Fassung aufgeführt (Regie: Andreas Kriegenburg / Musikalische Leitung: Christopher Ward). Zu den weiteren ausverkauften Neuproduktionen zählten Mozarts DIE ZAUBERFLÖTE in der Regie von Yuval Sharon und Bartlett Shers Interpretation von Verdis RIGOLETTO.

MEDEA – Luigi Cherubini
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Die Eröffnungspremiere der Spielzeit 2018/19 war Luigi Cherubinis MEDEA (Trailer oben) in der Regie von Andrea Breth, unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim und mit Sonya Yoncheva, die ihr Rollendebüt in der Titelpartie gab. Die Premiere fand am 7. Oktober statt, da die Staatsoper Unter den Linden am 3. Oktober 2018 Gastgeber für den Festakt zum Tag der Deutschen Einheit war. Neben acht Abonnementkonzerten der Staatskapelle Berlin, eröffneten Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin in dieser Spielzeit erneut das Musikfest Berlin, diesmal mit Werken von Pierre Boulez und Igor Strawinsky, und spielten das zweite KONZERT FÜR BERLIN bei freiem Eintritt im Opernhaus. Im November 2018 gastierten die Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim mit dem Brahms-Zyklus in Peking im National Centre for the Performing Arts (NCPA) und im Konzertsaal des Sydney Opera House. In Berlin waren die vier Brahms-Sinfonien bei den Abonnementkonzerten III und IV zu erleben.

Die Staatsoper Unter den Linden erreichte in der Saison 2018/19 eine gute aber nicht außergewöhnliche Auslastung von 91%. Zum Vergleich die Auslastungen anderer Theater: Bayerische Staatsoper München 95%,  Komische Oper Berlin 90,5%, Staatsoper Wien 99%, Rheinoper Düsseldorf 73%, Staatsoper Hamburg 75%.

Bei den BAROCKTAGE-Konzerten lag der Schwerpunkt auf Werken von Claudio Monteverdi und Jean-Philippe Rameau. Es traten zahlreiche namhafte Gastensembles und –solisten  auf, darunter die Akademie für Alte Musik, Marc Minkowski mit Les Musiciens du Louvre, Les Talens Lyriques mit Christophe Rousset,  Voces Suaves, Le Concert des Nations und Jordi Savall, Alexandre Tharaud, Christophe Rousset, Dorothee Oberlinger und Dmitry Sinkovsky.

Die Zauberflöte – Wolfgang Amadeus Mozart
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Bei den FESTTAGE-Konzerten waren erneut die Wiener Philharmoniker zu Gast, beim Konzert der Staatskapelle Berlin mit Verdis Quattro pezzi sacri sowie Arien aus Opern für Sopran und Orchester trat Aida Garifullina als Solistin auf. Darüber hinaus gab das Opernkinderorchester unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim und Max Renne im Rahmen der FESTTAGE sein umjubeltes Debütkonzert mit Rolando Villazón und Serena Sáenz als Solisten. Im Rahmen von LINDEN 21 zählten in der Saison 2018/19 die Uraufführungen der Kammeroper USHER mit Musik von Claude Debussy und Annelies Van Parys sowie von HIMMELERDE von Familie Flöz und der Musicbanda Franui zu den stark beachteten Produktionen. Große Erfolge feierten darüber hinaus Claude Viviers KOPERNIKUS und die diesjährige Aufführung des Kinderopernhauses Unter den Linden DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN.

Das Kinderopernhaus hat mittlerweile Partner in sechs Berliner Bezirken (Mitte, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Reinickendorf, Treptow-Köpenick, Friedrichshain-Kreuzberg), mit Kinderopernhäusern in Lichtenberg, Marzahn und in der Staatsoper Unter den Linden. Am 27. August 2019 um 19 Uhr findet im Beisein des Intendanten Matthias Schulz und der Stadträtin Katrin Schultze-Berndt die offizielle Eröffnung des vierten Kinderopernhauses, in Reinickendorf, statt. Daneben gibt es seit Beginn der Spielzeit 2018/19 insgesamt zehn Kinderoper-AGs an kooperierenden Grundschulen. Insgesamt werden Hunderte von Kindern aus allen Berliner Bezirken erreicht, die zum Teil erstmals mit der Kunstform Oper in Berührung kommen.

Ausblick Auftakt Saison 2019/20:  Den Auftakt der Spielzeit 2019/20, die mit dem Begriff Schamlos überschrieben ist, bildet das Eröffnungsfest am 31. August mit einem bunten Programm im Haus Unter den Linden, im Intendanzgebäude, im Probenzentrum und auf dem Grünen Bebelplatz direkt neben der Oper. Die erste Vorstellung der neuen Saison ist bereits am 18. August Sasha Waltz’ Inszenierung von Purcells DIDO & AENEAS.

Rheingold – Richard Wagner – Premiere 2010 im Schiller Theater
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Ein Highlight des Repertoires ist im September 2019 die Wiederaufnahme von Wagners  Ring-Zyklus in der Inszenierung von Guy Cassiers und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim. (IOCO – Anmerkung: Die Vorstellungen 7.9. und 21.9.2019 sind bereits ausverkauft). Die Eröffnungspremiere der Spielzeit ist am 3. Oktober Otto Nicolais DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR in der Regie von David Bösch und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim. Die erste Neuproduktion im Rahmen von LINDEN 21 ist am 25. Oktober die Uraufführung von LOVE, YOU SON OF A BITCH, eine Musiktheaterperformance von Letizia Renzini mit Musik von Alessandro und Domenico Scarlatti. Vom 1. bis 10. November 2019 findet die zweite Ausgabe der BAROCKTAGE statt, die sich Werken von Alessandro Scarlatti und Henry Purcell widmen. Neben einer Neuproduktion (Scarlattis Oratorium IL PRIMO OMICIDIO, eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris und dem Teatro Massimo in Palermo) und zwei Wiederaufnahmen von Opern Purcells auf der großen Bühne umfasst das Programm wieder zahlreiche Konzerte mit namhaften Gästen.

2020 blickt die Staatskapelle Berlin auf ihr bereits 450-jähriges Bestehen zurück. Dieses Jubiläum wird im Kalenderjahr 2020 – über die Spielzeiten 2019/20 sowie 2020/21 hinweg – gefeiert.

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Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Auslastung 2018 – 92%, IOCO Aktuell, 20.01.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – 2018  Auslastung 92%

Januar 2019  – VIOLETTER SCHNEE, HIMMELERDE, KOPERNIKUS

Die Staatsoper Unter den Linden in Berlin blickt auf ein erfolgreiches Jahr 2018 zurück und erreicht für das  Kalenderjahr auf knapp 1.400 Plätzen eine Auslastung von 92% (2017: 94% und 2016: 88%, bis zur Wiederöffnung im Oktober 2017 im Schiller Theater). Mit einer Auslastung von 92% belegt die Staatsoper Unter den Linden hinter der Bayerischen Staatsoper in München Platz Zwei der deutschen Auslastungshierarchie großer kommunaler Musiktheater. Kultureller Fixstern und unangefochtener Auslastungs – Spitzenreiter der Welt ist die Staatsoper Wien mit regelmäßig mindestens 98,5% Auslastung auf 2.284 Plätzen und über 600.000 Besuchern. Die meisten Musiktheater Deutschlands, wie die Deutsche Oper am Rhein oder die Oper Frankfurt, erreichen nur Auslastungen zwischen 70% und 80%.

 Giacomo (Jakob) Meyerbeer - 1842 GMD der Kurfürstlichen Hofkapelle © IOCO

Giacomo (Jakob) Meyerbeer – 1842 GMD der Kurfürstlichen Hofkapelle © IOCO

Insgesamt kamen 2018 über 235.000 BesucherInnen zu rund 300 Vorstellungen und Konzerten in die Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Außerdem erlebte ein Publikum von über 60.000 Menschen im Juni 2018 das 12. STAATSOPER FÜR ALLE- Wochenende unter freiem Himmel auf dem Bebelplatz mit dem Sinfoniekonzert der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim und der Opern-Live-Übertragung von Verdis MACBETH.

Das Opern- und Konzertgastspiel der Staatsoper Unter den Linden und der Staatskapelle Berlin unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim in Buenos Aires zog über 20.000 Musikbegeisterte an.  Weitere ausverkaufte internationale Konzertreisen der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim führten 2018 nach Salzburg, Wien, Paris, Peking und Sydney.

Als erste Premiere im neuen Jahr 2019 kommt VIOLETTER SCHNEE von Beat Furrer als Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden am 13. Januar 2019 zur Uraufführung. In den Musiktheaterwerken des Ernst von Siemens Musikpreisträgers 2018 spielt das Verhältnis von Sprache und Klang eine besondere Rolle. VIOLETTER SCHNEE reflektiert die existenziellen Erfahrungen des Fremdwerdens und des Verlusts der Sprache angesichts einer drohenden Katastrophe.

Violetter Schnee   –  Beat Furrer
Youtube Trailer der Staatsoper Unter den Linden
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Die Arbeit ist in enger Kollaboration zwischen Komponist, Regisseur Claus Guth und Librettist Händl Klaus entstanden und basiert auf einer Vorlage von Wladimir Sorokin. Die musikalische Leitung übernimmt Matthias Pintscher. Die Besetzung besteht aus Anna Prohaska, Elsa Dreisig, Gyula Orendt, Georg Nigl und Otto Katzameier sowie Schauspielerin Martina Gedeck. Eine zweite Produktion des 21. Jahrhunderts folgt im Frühjahr: Am 9. März 2019 bringt Daniel Barenboim Jörg Widmanns BABYLON in einer überarbeiteten Berliner Neufassung zur Aufführung – in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg, mit Harald Thor als Bühnenbildner und u. a. mit Mojca Erdmann.

Staatsoper Unter den Linden / Daniel Barenboim in der Staatsoper Unter den Linden © Christian Mang

Staatsoper Unter den Linden / Daniel Barenboim in der Staatsoper Unter den Linden © Christian Mang

Am 17. und 18. Januar 2019 folgen zwei Premieren im Rahmen von LINDEN 21: Für HIMMELERDE verschmelzen die Musicbanda Franui und das Berliner Theaterkollektiv Familie Flöz Maskenspiel mit dem Instrumentarium der Alpen und Musik der Romantik (Uraufführung: 17. Januar 2019). Die »Opéra-rituel de mort« KOPERNIKUS von Claude Vivier wird als Produktion des Internationalen Opernstudios in der Regie von Wouter Van Looy im Alten Orchesterprobensaal Premiere feiern (18. Januar 2019).

Beim Abonnementkonzert IV am 21. und 22. Januar 2019 komplettieren Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin den Brahms-Zyklus in Berlin mit den Sinfonien Nr. 3 und 4.

Die vierte Ausgabe des Symposions »450 Jahre Staatskapelle Berlin« widmet sich vom 18. bis 20. Januar 2019 dem Thema: »Freiheiten und Zwänge: Die Staatskapelle Berlin zwischen 1919 und 1955«.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Hippolyte et Aricie – Freiburger Barockorchester, IOCO Kritik, 29.11.2018

November 30, 2018 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

  Hippolyte et Aricie  – Jean-Philippe Rameau
 Freiburger Barockorchester – Sir Simon Rattle

Von Patrik Klein

Konzertante Oper in der Elbphilharmonie Hamburg erfreut sich großer Beliebtheit beim hiesigen Publikum. Hat man einen Sitzplatz vor dem Podium, vor den Sängerinnen und Sängern, lässt es sich unbeschwert auf die Musik und den unvergleichlichen Klang im wunderbaren Konzertsaal der Elbphilharmonie konzentrieren.

Sir Simon Rattle dirigiert erstmals das Freiburger Barockorchester, eines der profiliertesten Klangkörper für Alte Musik. Gemeinsam erarbeiteten sie die französische Barockoper „Hippolyte et Aricie“ von Jean-Philippe Rameau (25.9.1683 Dijon – 12.9.1764 Paris) für eine Produktion an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, sowie eine konzertante Aufführung in der Elbphilharmonie Hamburg. Als Chefdirigent eines der besten Orchester der Welt setzte Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern Maßstäbe. Er führte das Orchester ins 21. Jahrhundert, durch seine weltumarmende und offene Art, seine lebendigen Interpretationen und eine Freude an der Musik, die ihresgleichen sucht.

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie  - hier : Freiburger Barockorchester, Chor der Staatsoper Unter den Linden und Simon Rattle © Claudia Hoehne

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie  – hier : Freiburger Barockorchester, Chor der Staatsoper Unter den Linden und Simon Rattle © Claudia Hoehne

Götter und Menschen – die Begegnung der Ewigen mit den Sterblichen ist oft spannungsreich und wenig vorsehbar. Der Komponist Jean-Philippe Rameau legte mit der fünfaktigen Tragödie seinen Opernerstling vor – im reifen Alter von immerhin 50 Jahren. Und reif ist dann auch die Musik zu dem antiken Stoff, an der von zeitgenössischen Rezensionen vor allem „das Wissende im Ausdruck“ gelobt wurde.

Die beiden Paare in Rameaus Tragédie lyrique – Hippolyte et Aricie, Thésée und Phèdre – erfahren die Macht der Götter am eigenen Leib, durch das Eingreifen von Diana, Jupiter, Pluto und Neptun. Zugleich brechen permanent seelische Regungen aus ihnen hervor, kaum beherrschbare Emotionen, gegen die alle Vernunft nichts auszurichten vermag. Verbotene Leidenschaften lodern auf und die Liebe sucht sich ihren Weg nach ganz eigenen Gesetzen.

Idylle, Geheimnis und Schrecken walten in gleichem Maße: im Wald, am Meer oder in der Unterwelt. Farbenreich und voller Kontraste ist Rameaus Musik mit einer Vielzahl an Klängen, Formen und Ausdrucksmomenten. Tiefer Ernst paart sich mit leichtfüßiger Unterhaltung, lyrische Innerlichkeit mit dramatischen Zuspitzungen – ein Kosmos tut sich auf, der den Schatz der griechischen Mythen ebenso offenbart wie den Zauber des französischen Barock.

Das Publikum der Uraufführung von Hippolyte et Aricie (Lyrische Tragödie in einem Prolog und fünf Akten; Libretto von Abbé Simon Joseph de Pellegrin) am 1. Oktober 1733 in Paris (Choudens, Opéra) war zweigeteilt in die konservativen „Lullysten“, welche die Musik von Rameau für zu modern hielten, weil sie nicht der Tradition von Jean-Baptiste Lully entsprach, und die sogenannten „Ramisten“, die Rameaus Vertonung als fantastisch empfanden. Die Oper galt jedoch als zu lang und die philosophische Bedeutung der Musik und der einander folgenden Harmonien war für weite Teile der damaligen Gesellschaft schwer verständlich. Rameau verpflichtete sich daher in seinen späteren Werken zu mehr „Selbstkontrolle“.

Die Handlung: (Erster Akt) Aricie, die Tochter des von Theseus getöteten früheren Herrschers von Athen, soll sich auf Wunsch von Phädra dem Dienst der Göttin Diana weihen. Als Hippolytos dem jungen Mädchen gesteht, dass er sie liebt, versucht Aricie in Gegenwart der Priester und Phädras, die während Theseus‘ Abwesenheit in Athen regiert, von ihrem Gelübde zurückzutreten. Phädra, die aber insgeheim selbst Hippolytos liebt, droht Aricie. Unter Donner und Blitz erscheint Diana und führt die Liebenden zusammen. Ein Soldat Theseus‘ berichtet, dass der König, nachdem er mit seinem Freund Peirithoos in die Unterwelt gestiegen ist, um Proserpina, Plutos Gattin zu entführen, dort wahrscheinlich umgekommen sei. Oenone, Phädras alte Amme, hält jetzt den Zeitpunkt für gekommen, dass die Königin ihre Liebe zu Hippolytos öffentlich bekennt.

(Zweiter Akt) Theseus ist mit seinem Freund von Pluto auf zwei Stühlen, aus denen sie sich nicht mehr erheben können, festgehalten worden und wird von Tisiphone und anderen Furlen gepeinigt. Vergebens bittet der König den Fürsten der Unterwelt, ihn von seinen Leiden zu erlösen; erst Neptun, Theseus‘ Vater, gelingt es, die Freigabe seines Sohnes zu erreichen, Peirithoos muss zurückbleiben. Bevor Theseus die Unterwelt verlässt, will Pluto das Schicksal des Königs wissen und erschrickt, als es ihm die Parzen enthüllen.

(Dritter Akt) Phädra gesteht ihrem Stiefsohn, dass sie ihn liebt; dieser weist den Antrag entsetzt zurück und wehrt sich mit dem Schwert. In diesem Augenblick kommt Theseus und nimmt an, dass sein Sohn seine Stiefmutter ermorden will. Weder Phädra noch Hippolytos erklären ihr Verhalten und verlassen den Raum. Oenone redet dem König ein, dass Hippolytos seine Mutter mit Gewalt zu nehmen versuchte. Der König bittet Neptun, den Sohn zu strafen.

(Vierter Akt) Hippolytos, der sich nicht verteidigt hat, wird verbannt und trifft sich mit Aricia, die er bittet, seine Frau zu werden. Bevor sie ihren Ehebund im nahen Dianatempel schließen können, entsteigt ein von Neptun geschicktes Ungeheuer dem Meer; Hippolytos fällt ihm zum Opfer. Aricie wird ohnmächtig weggebracht.

(Fünfter Akt) Theseus erfährt durch Phädra, die sich wie Oenone zu Tode verwundet hat, dass Hippolytos unschuldig ist. Bevor sich auch der König tötet, verkündet Neptun, dass Hippolytos durch Dianas Fürsprache von seinen Verletzungen genesen sei; er werde ihn aber nie mehr sehen. Theseus beugt sich dem Spruch, segnet seinen Sohn und stirbt. Aricie erwacht; nichts kann sie über den Verlust ihres Geliebten hinwegtrösten. Diana erscheint und fordert sie auf, für den neuen König, der ihr Gatte sein werde, ein festliches Willkommen vorzubereiten. Als Zephire den König in festlichem Zug herbeiführen, erkennt Aricie Hippolytos, der unter Lobpreisungen Dianas gekrönt wird.

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie - konzertant hier : Freiburger Barockorchester © Claudia Hoehne

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie – konzertant hier : Freiburger Barockorchester © Claudia Hoehne

 Dirigent Sir Simon Rattle hat zwar noch nie mit dem Orchester aus dem Schwarzwald zusammengearbeitet, ist aber seit vielen Jahren geradezu ein Fan von ihnen. Er bezeichnet es als das großartigste Barockorchester derzeit in der Welt. Das Freiburger Barockorchester ist es gewohnt, normalerweise ohne Dirigent zu arbeiten und vom ersten Konzertmeister geführt zu werden. Es entstand aber sofort eine gelungene Harmonie zwischen dem Orchester und seinem Dirigenten.

Auf dem riesigen Orchesterpodium der Elbphilharmonie Hamburg sind die 15 bestens disponierten Solistinnen und Solisten direkt vor dem 40 Mitglieder zählenden Chor der Staatsoper Unter den Linden Berlin platziert, damit möglichst viele Zuhörer in den frontalen Sängerklanggenuss kommen. Ein großer Vorteil gegenüber der Position unmittelbar an der Rampe. Dort hat sich das für barocke Verhältnisse recht große Orchester mit den rund 50 Musikerinnen und Musikern raumfüllend ausgebreitet. Der Zwischenraum zwischen Orchester und Chor kann von den Solisten genutzt werden, um die musikalischen Farben durch Gesten und szenisches Spiel zu untermalen. Das barocke Orchester ist neben den klassischen Instrumenten mit allerlei zusätzlichen Klangeffekten wie Ketten, Pfeifen, Windmaschine und sogar zwei französischen Sackpfeifen(Musetten) ausgestattet.

Es gelingt Rattle ein lockerer, ganz besonderer leicht dunkel gefärbter Klang. Hoch konzentriert gelingt die Musik lebhaft und energiegeladen. Er hat viel Blickkontakt zu den Musikern, die seine Gesten und seine Mimik auf Anhieb verstehen und in ein barockes Klanggemälde umsetzen. Seine taktstocklosen Handbewegungen sind fließend und meist zurückhaltend, den Musikern damit auch bestmögliche Freiheiten gebend und einen tiefsinnigen Klang formend. Bei den besonders dramatischen Stellen jedoch spürt man seine energiegeladenen Interpretationsabsichten. Seine Musiker, meist hochkonzentriert auf der Stuhlkante sitzend, folgen ihm dann bereitwillig und bedingungslos. Jeder Charakter des Stückes wird in jeder Phrase herausgearbeitet und formvollendet gestaltet. Man spürt die musikalische und menschliche Harmonie zwischen Orchester und Maestro. Klanglich hat man sich wieder der Möglichkeit bedient, Teile des Ensembles aus den Rängen agieren zu lassen. So konnte Diana aus dem dem Orchester gegenüberliegenden Hochrang und Parzen von den Seitenrängen dem musikalischen Gebilde weite Räume geben.

Für das barocke Klanggemälde stehen mit Magdalena Kozená und Anna Prohaska zwei international bekannte Sängerinnen zur Verfügung, die mit den Anforderungen dieser Oper bestens vertraut sind. Magdalena Kozená kann ihre Partie der Phädra mit routinierter Finesse und vitaler Perfektion mühelos interpretieren. Sie beherrscht ein unglaubliches Spektrum von hypnotischer Ruhe bis hin zu aufbrausenden „Rachewogen“. Sie formt mit ihrem warm timbrierten Mezzosopran die Sprachlosigkeit, die Verwundbarkeit, Ängstlichkeit bis hin zu den Gewitterstürmen der Leidenschaft, der Hysterie, Wut und Verzweiflung.

Anna Prohaska überzeugte als Aricie durch eine äußerst deutliche Textverständlichkeit und eine transparente Darstellung ihrer Gefühle und Stimmungen. Man konnte meinen, dass sie ihre Rolle gerade neu durchlebte. Stets sang und agierte sie in feinster Abstimmung mit dem Orchester, wodurch die Geschichte bis in kleinste Verästelungen lebendig wurde. Besonders die leisen tiefen Töne malte sie mit einer leicht rauen Stimmung, bevor sie dann mit ihrem glockenklaren Sopran makellose Läufe und Spitzentöne generierte. Rattle unterstützte sie ganz häufig durch eine kluge Zurücknahme des Orchesters.
Reinoud van Mechelen gab als Hippolyte eine beeindruckende Visitenkarte seines tenoralen Könnens ab. Der junge Belgier sang seine Partie mit feinster Phrasierung und aufregendem Legato. Besonders für Alte Musik erscheint sein feines, dunkles Timbre geradezu ideal. In den hohen Bereichen seiner Tessitura strahlt die Stimme klar und leicht metallisch. Besonders in der zweiten Szene des ersten Aktes gelang ihm zusammen mit Aricie das Duett mit Anna Prohaska in perfekter Harmonie und innerer Umarmung. Man darf gespannt sein auf die weitere Entwicklung seiner Gesangskarriere.
Mit dem Bariton Gyula Orendt stand als Thésée ein junger Rumäne auf der Bühne der Elbphilharmonie. Mit großem Einsatz, ausgestattet mit einer gut sitzenden, satten und farbenreichen Stimme, meisterte er die schwere Partie glanzvoll.

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie - konzertant hier: Schlussapplaus © Claudia Hoehne

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie – konzertant hier: Schlussapplaus © Claudia Hoehne

Mit Adriane Queiroz (Oenone), Elsa Dreisig (Diane), Sarah Aristidou (Hohepriesterin), Slavka Zamecnikova (eine Jägerin), Serrena Saenz Molinero (eine Hirtin), David Ostrek (Tisiphone), Peter Rose (Pluton), Michael Smallwood (Mercure), Linard Vrielink (Parze 1), Arttu Kataja (Parze 2) und Jan Martinik (Parze 3) stand ein insgesamt hochkarätiges Ensemble auf dem Podium und hauchte der französischen Barockmusik Rameaus sprühende Lebendigkeit ein.
Der kraftvoll und hochkonzentriert agierende Chor der Staatsoper Unter den Linden Berlin (Einstudierung Martin Wright)gab mit präzisen Einsätzen, perfekter Artikulation und musikalischer Finesse das vokale Tüpfelchen auf dem „I“ eines barocken Fest der Alten Klänge.
Mit großem Applaus, der sich zu Ovationen und Jubelstürmen steigerte, wurde das gesamte Ensemble viele Minuten lang gefeiert.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—