Baden-Baden, Festspielhaus, ECHO Rising Star – Diana Tishchenko, 25.10.2020

Oktober 8, 2020 by  
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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

 ECHO Rising Star – Diana Tishchenko

spielt im Festspielhaus Baden-Baden

„Es macht mir Freude, eine Geschichte durch die Musik mit dem Publikum zu teilen. Ich glaube, dass das Herausfinden der Essenz der Ideen des Komponisten, meine persönliche Vision mir die beste Möglichkeit gibt, um das Herz der Menschen zu erreichen. Es gibt kein besseres Gefühl, als einen Zuhörer bewegen zu können, mit einer Geschichte, die ich erzählen kann“ beschreibt Diana Tishchenko ihre Konzertmotivation. Zu tragen kommt diese im Festspielhaus Baden-Baden in der Sonntags-Matinee am 25. Oktober 2020, 11 Uhr.

Festspielhaus Baden-Baden / Diana Tishchenko © Andrej-Grilc

Festspielhaus Baden-Baden / Diana Tishchenko © Andrej-Grilc

In dem Kammerkonzert, das die Violinistin gemeinsam mit dem ungarischen Pianisten Zoltán Fejérvári bestreitet, stellt sie Klassikern des Repertoires zwei Entdeckungen gegenüber: Die Klassiker sind Schuberts C-Dur-Violinphantasie und Ravels „Tzigane“. Zu entdecken gibt es den „Seiltänzer“ der Komponistin Sofia Gubaidulina sowie die Erstaufführung einer Komposition für Solovioline des portugiesischen Komponisten Vasco Mendonça.

Schuberts virtuose „Phantasie für Violine und Klavier“ wurde 1827 vollendet. Sie zählt wie seine achte Sinfonie, und das Streichquintett zu Schuberts Spätwerk. Gemein ist diesen Werken, dass sie alle in C-Dur komponiert wurden. Die klassische Tonart ist überraschend – insbesondere bei der Violin-Phantasie, die überaus eindrucksvoll mit mystischen Nebelklängen anhebt. Denn ganz so werden viele Jahrzehnte später Bruckners Sinfonien beginnen.

Ravels Rhapsodie „Tzigane“ von 1924 zählt zu den virtuosesten Werken der Violinliteratur: Eine wilde, effektvolle Phantasie, die das Publikum regelrecht in Rausch zu versetzen vermag. Der französische Komponist hat diese Musik, die ursprünglich für Violine und Luthéal entstand (eine zusätzliche mechanische Ausrüstung für Konzertflügel) auch für Violine und Orchester gesetzt. Das Luthéal kommt nur äußerst selten zur Anwendung, meistens – so auch im aktuellen Fall – wird das Stück in der Kammerfassung von einem unpräparierten, also ‚normalen‘ Konzertflügel gespielt.

Festspielhaus Baden-Baden / Diana Tishchenko © Evgeney-Evtyukhov

Festspielhaus Baden-Baden / Diana Tishchenko © Evgeney-Evtyukhov

Ein präpariertes Klavier hingegen verlangt die russische Komponistin Sofia Gubaidulina für ihren „Seiltänzer“ von 1993. Der Pianist muss die Saiten des Flügels mit Wasserglas und Fingerhüten verfremden und auch der Violine werden ungewöhnliche Klänge entlockt. Dennoch oder gerade deswegen: Sofia Gubaidulina zählt zu den erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart. Die Effekte in ihrer Musik stehen im Dienste eines Ausdrucks, der sich ganz unmittelbar dem Publikum mitzuteilen vermag.

Das Programm wird ergänzt um eine Erstaufführung für Solovioline des Komponisten Vasco Mendonça. Er schrieb es für Diana Tishchenko im Rahmen ihres ECHO-Rising-Star-Stipendiums, beauftragt von der Casa da Música Porto, der Cité de la Musique-Philharmonie de Paris und der European Concert Hall Organisation. Mit der Reihe Rising Stars haben jedes Jahr ausgezeichnete Nachwuchstalente die Möglichkeit, durch die großen europäischen Konzerthäuser zu touren, um ihre außergewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Festspielhaus Baden-Baden / Diana Tishchenko © Evgeney-Evtyukhov

Festspielhaus Baden-Baden / Diana Tishchenko © Evgeney-Evtyukhov

Die ukrainische Geigerin Diana Tishchenko erweist sich als eine der aufregendsten Nachwuchskünstlerinnen der letzten Jahre. Sie wurde 1990 auf der Krim in der Ukraine geboren und begann als Sechsjährige mit dem Geigenspiel. Ihre musikalische Ausbildung erhielt sie an der Lysenko Spezialmusikschule in Kiew und an der Hochschule für Musik ›Hanns Eisler‹ Berlin. Mit 18 wurde sie Mitglied des Gustav Mahler Jugendorchesters und später die jüngste Konzertmeisterin in dessen Geschichte. Sie ist Preisträgerin zahlreicher bedeutender Wettbewerbe ausgezeichnet; darunter als Finalistin beim Musikwettbewerb der ARD, beim Oistrach-Violinwettbewerb in Moskau sowie dem Isaac Stern-Wettbewerb in Shanghai. 2017 gewann sie beim Felix Mendelssohn-Bartholdy Hochschulwettbewerb in Berlin und 2018 beim renommierten Internationalen Violinwettbewerb Long Thibaud Crespin den ersten Preis sowie dem Spezialpreis des Labels Warner Classics. Zu ihren Verpflichtungen zählen Auftritte mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, den Hamburger Symphonikern, dem Münchener Kammerorchester, Orchestre national d’Île-de-France, Orchestre Philharmonique de Strasbourg, dem Shenzhen Symphony Orchestra und Festivals wie dem Verbier Festival. Sie arbeitetet mit Dirigenten wie Lahav Shani, Joshua Weilersteinund Christian Ehwald.

In der Sonntags-Matinee am 25. Oktober begleitet sie am Klavier Zoltan Fejérvári. Der ungarische Pianist, geboren 1986 in Budapest, studierte bei an der Franz-Liszt-Akademie in seiner Heimatstadt und bei Dmitri Bashkirov in Madrid. 2017 ging er als Sieger aus dem „Concours musical international de Montréal“ hervor undwä Sir András Schiff hlte ihn für sein Projekt „Building Bridges“ aus, das hochbegabte junge Pianisten vorstellt. Konzerte führten ihn in den Münchner Gasteig, den Palau de Música Valencia, nach Turin und Buenos Aires- Auch in den Vereinigten Staaten ist er schon zu hören gewesen und spielte in der New Yorker Carnegie Hall, im Kimmel Center in Philadelphia oder in der Library of Congress in Washington D.C. Als Solist arbeitete Zoltán Fejérvári mit dem Budapest Festival Orchestra, dem Ungarischen Nationalorchester, dem Verbier Festival Orchestra und dem Concerto Budapest zusammen.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Leipzig, Gewandhaus, Herbert Blomstedt ehrt Vaclav Neumann, IOCO Kritik, 22.09.2020

September 22, 2020 by  
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Das Gewandhaus Leipzig @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhaus Leipzig @ Jens Gerber / Gewandhaus

Das Gewandhausorchester

Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester

ehren den 17. Gewandhauskapellmeister Václav Neumann

von Thomas Thielemann

Im frühen 18. Jahrhundert besiedelten eine Reihe wackerer böhmischer Musiker die Musikmetropolen Europas. Einer der profiliertesten Vertreter dieser Emigres war Jan Václav Vorišek. 1791 in der ostböhmischen Kleinstadt Vamberg als Sohn eines Lehrers und Organisten geboren, erhielt er seit seinem dritten Lebensjahr strengen Klavierunterricht. Als Zehnjähriger begann er zu komponieren und vertrat bereits mit sieben Jahren einige Monate einen erkrankten, ihm verwandten Kirchen-Organisten. Mit dem Vater unternahm Jan Vaclav meist zu Fuß kleinere Musikreisen durch Böhmen bis nach Prag. Die verwitwete Gräfin Kolowrat-Liebsteinský erkannte, dass die von Spitzen-Manufakturen geprägte Kleinstadt kein Nährboden für die Entwicklung eines musikalischen Wunderkindes sei. Sie nahm das junge Talent mit nach Prag, verschaffte ihm ein Stipendium für das Prager Jesuiten Gymnasium und ein anschließendes Jura-Studium. Daneben erhielt er 1804 bis 1805 Unterricht bei Václav Tomášek (1774-1850), dem „musikalischem Papst Prags“ seiner Zeit.

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester © Marianne Thielemann

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester © Marianne Thielemann

Bereits 1809 komponierte er als erste größere Arbeit, ein leider verschollenes Requiem. Wahrscheinlich über Tomášeks Vermittlung als Musiklehrer der Familie Lobkowitz, kam Vorišek als 22-Jähriger nach Wien, nannte sich Jan Hugo Worzischek, und entwickelte sich unter Anleitung von Johann Nepomuk Hummel (1778-1837) bald zu einem brillanten Phänomen der Wiener Musikszene. Bei der Gesellschaft der Musikfreunde war er unmittelbar nach deren Gründung ab1814 als Korrepetitor, Organist sowie Dirigent tätig, mischte die Salons auf und lernte auch Beethoven kennen. Vorišek vergötterte Beethoven und versuchte ihn nachzuahmen. In Wien komponierte er als erfolgreicher Virtuose vor allem Klaviermusik sowie Werke für Klavier und Orchester. Für die Wiener Gesellschaft der Musikfreunde schuf er 1822 bis 1823 seine einzige Sinfonie als Opus 23 und eine „Missa solemnis“ in B-Dur. Nach Abschluss des Jurastudiums und einem Jahr Dienst als Beamter im Hofkriegsrat wurde er 1822 zunächst zum zweiten Hoforganisten berufen. Zwei Jahre später erhielt er noch die Ernennung zum ersten Hoforganisten. Aber bereits im November 1825 verstarb Jan Václav Vorišek an den Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung.

Die recht selten gespielte D-Dur-Sinfonie Vorišeks war Bestandteil des Konzertexamens des späteren 17. Gewandhauskapellmeisters Václav Neumann (1920-1995) im Jahre 1945 in Prag.

Neumann war 1964, zwei Jahre nach dem Tode Franz Konwitschnys sowie einem Interregnum, zum Gewandhauskapellmeister und, was in der Historie des Leipziger Musiklebens selten ist, in Personalunion auch zum Generalmusikdirektor der Oper Leipzig berufen worden.

 Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester © Jens Gerber

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester © Jens Gerber

Nach meinen Erinnerungen hatte mich die Gewandhauskapellmeister-Tätigkeit von Václav Neumann nicht außergewöhnlich beeindruckt. Ich stand in seiner kurzen Amtszeit noch immer unter den Eindrücken der Konzerte von Franz Konwitschny, dem ich letztlich meine Bindung an die klassische Musik verdanke. Seine ETERNA-Einspielung der Beethoven-Sinfonien aus den Jahren 1959 bis 1961 hat noch immer einen Ehrenplatz in unserer Sammlung. Etwas irritierend war nach meinen Erinnerungen, dass der Chef des Orchesters in der Stadt eine Wohnung zur Verfügung hatte, aber häufig nach Prag pendelte. Dem Vernehmen nach, soll er weniger mit dem Orchester gearbeitet haben. Mit den Interpretationen der Musik seiner Landsleute und seinen Mahler-Versuchen fand er allerdings beim Leipziger Publikum hohe Anerkennung.

Am 1. September 1968 dirigierte er noch in der Oper Leipzig die Premiere einer Jenufa-Neuinszenierung, kündigte aber dann dem Leipziger Oberbürgermeister seine Verträge mit der Begründung, er wäre aus politischen Gründen nicht mehr in der Lage, ein Leipziger Podium zu betreten und verließ die Stadt. Bei der Auflösung seiner Verträge bezog er sich auf den Einmarsch von militärischen Einheiten einiger Staaten des Warschauer Paktes der UdSSR am 21. August 1968, wobei aus guten Gründen, Truppen der Nationalen Volksarmee der DDR gar nicht einbezogen waren. Bereits am 1. Oktober 1968 ließ sich Václav Neumann zum Chefdirigenten der Tschechischen Philharmonie wählen.

Deutlich prägender für das Konzertleben der Stadt waren die 26 Jahre Kapellmeistertätigkeit von Kurt Masur; vor allem das Wirken Herbert Blomstedts als Künstler und Mensch.

Anlässlich des hundertsten Geburtstags von Václav Neumann dirigierte der wohl profilierteste Nachfolger Neumanns, der 19. Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt, in einem Gedenkkonzert die D-Dur-Sinfonie von Jan Václav Vorišek.

Ich habe das Werk über viele Jahrzehnte nicht mehr im Konzertsaal hören können und war nicht sonderlich begeistert von der Komposition, aber doch sehr angetan von Blomstedts Bemühungen um das Werk. Die Beethoven-Verehrung Vorišeks ist mit der thematischen und rhythmischen Gestaltung der Sinfonie unverkennbar. Auch wenn sie lediglich mit der mittleren Schaffensperiode des Vorbilds vergleichbar ist, denn Beethoven arbeitete 1823 bereits an seiner 9. Sinfonie.

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt, von 1998 bis 2005 Kapellmeister des Gewandhausorchester © Jens Gerber

Gewandhausorchester Leipzig / Herbert Blomstedt, von 1998 bis 2005 Kapellmeister des Gewandhausorchester © Jens Gerber

Die beiden kraftvoll-feierlichen Ecksätze der Vorišek-Komposition umschließen ein romantisch-bewegendes Andante sowie ein sprudelnd-federndes Scherzo und weisen auf einen Versuch des Komponisten, etwas Originelles zu schaffen.

Für mich ist faszinierend, wie nach den vielen mit dem Maestro erlebten Konzerten die Persönlichkeit von Herbert Blomstedt auf dem Podium immer wieder beeindruckt. Das ist nicht nur die Wirkung seiner Dirigate mit ihren sparsamen Bewegungen und der tiefen Durchdringung der gespielten Werke. Auch sein unterschiedlicher Umgang mit den Orchestern, sei es das Gustav-Mahler-Jugendorchester, ein Profi-Orchester der Mittelklasse beim Kissinger Sommer oder eines unserer sächsischen Spitzenorchester sowie bei erlebter Probenarbeit zeugen immer wieder von seiner beeindruckenden Menschlichkeit. Auch ist seine disziplinierte Lebensweise bekannt, seine Anspruchslosigkeit an materiellen Dingen und seine Bescheidenheit.

Für den zweiten Teil des Konzertes hatte Herbert Blomstedt Mozarts 38. Sinfonie in D-Dur, die Prager, ausgewählt und damit das Konzert auf das Wirkungsvollste abgerundet. Besonders imponierte, wie der Dirigent und das ausgedünnte Orchester mit den Corona-bedingten Abständen zurechtkamen. Das Klangbild der Mozart-Sinfonie unterschied sich zwar von früher gehörten Aufführungen der Prager, erwies sich aber als durchaus stimmig.

 Herbert Blomstedt  wurde mit stehenden Ovationen vom Publikum und dem Orchester langanhaltend gefeiert

—| IOCO Kritik Gewandhausorchester Leipzig |—

Dresden, Semperoper, Saisoneröffnung mit Mahler Jugendorchester, IOCO Kritik, 31.08.2020

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Gustav Mahler Jugendorchester  –  Othmar Schoeck, Franz Schubert

von Thomas Thielemann

Ungeachtet der erheblichen Einschränkungen des Kulturlebens, wurde die Dresdner Gepflogenheit, die Saison in der Dresdner Semperoper mit dem Gustav Mahler Jugendorchester zu eröffnen, auch für die Spielzeit 2020/21 beibehalten. Begreiflicherweise waren erhebliche Programm- und Besetzungsänderungen erforderlich, um trotzdem ein niveauvolles Konzert zu bieten. In erster Linie waren die Kooperationsbeziehungen zur Sächsischen Staatskapelle mit dem Einsatz von 26 Kapellmitgliedern und Akademisten zu konkretisierten. Auch gelang es, für die Begleitung der Darbietung von Othmar Schoecks Liederfolge Elegie, den durch frühere Zusammenarbeit dem Jugendorchester den verbundenen Bariton Christian Gerhaher zu gewinnen.

Der Schweizer Komponist und Dirigent Othmar Schoeck (1886-1957) ist unter anderem bei Max Reger in Leipzig ausgebildet worden. In Dresden brachte er seine wichtigsten Bühnenwerke Penthesilea 1927 und Massimilla Doni 1937 zur Uraufführung.

 Semperoper Dresden / hier Dirigent Duncan Ward und Christian Gerhaher © Oliver Killig

Semperoper Dresden / hier Dirigent Duncan Ward und Christian Gerhaher © Oliver Killig

Schoeck wird vor allem als einer der bedeutendsten Liedkomponisten des 20. Jahrhunderts geschätzt. Sein 1923 geschaffenes Opus 36 Elegie entstand in einer Zeit seines tiefen Liebeskummers zunächst mit Texten von Nikolaus Lenau (1802-1850). Den düsteren Lenau-Liedern fügte er später Kompositionen nach Gedichten von Joseph von Eichendorff (1788-1857) zu, um den Zyklus etwas „aufzuhellen“. Mit der Naturverbundenheit und Melancholie fühlte sich der Komponist auf das innigste verbunden. Mit der durchdachten Instrumentierung und dem Einsatz der Stimme erzeugt Schoeck beim Publikum bewegende Stimmungen, vorausgesetzt die Zuhörer lassen sich auf das Fehlen spektakulärer Momente ein. Schoeck zwingt den Sänger geradezu zur Bescheidenheit und fordert vom Auditorium einen gewissen intellektuellen Einsatz, so dass sich die Elegie den meisten Konzertbesuchern bei der ersten Begegnung wohl kaum erschlossen hat. Deshalb empfand ich die Wahl des fast einstündigen Werkes für ein Jugendorchester-Konzertes etwas gewagt.

 Semperoper Dresden / hier : Christian Gerhaher © Oliver Killig

Semperoper Dresden / hier : Christian Gerhaher © Oliver Killig

So einfühlsam, fantasieintensiv und zugleich energievoll wie von Christian Gerhaher, hört man die Lieder selten. Mit betont heller Stimmführung vermied er das Deklamierende und sang nuancenreich und fantasievoll. Die begrenzte Orchesterbegleitung, Flöte, Englischhorn, zwei Klarinetten, Horn, Schlagzeug, Klavier und Streicher, erlaubte ihm, die Melancholie der Komposition voll zur Geltung zu bringen. Das Verträumte, die Innenschau und ruhige Trauer liegt Gerhaher, wobei er durchaus auch dramatisch mit strahlender Stimme auffahren kann. Obwohl die Gedichte von Lenau und Eichendorff nicht unmittelbar zusammenhängen, gelang es dem Dirigenten Duncan Ward mit dem Kammerensemble, eine wirklich konkrete Abfolge der psychischen Zustände des Erzählenden zu schaffen.

Sanft, mit Eichendorffs „Wehmut“ eröffnet, folgt Nikolaus Lenaus deprimierender „Liebesfrühling“. Mit „Stille Sicherheit“ und „Frage nicht“ taucht mehrfach auf, warum die Liebe zerbrochen sei. Dazu treten mit „Warnung und Wunsch“ Gedanken auf ein mögliches Handeln zum Retten der Beziehung auf, flackern mit LenausWaldgang“ und „An den Wind“ Hoffnungen. Ein ständiger Wechsel zwischen Rückbesinnungen, Niedergeschlagenheiten, angedachten Aktivitäten und Hoffnungen bis sich der Protagonist sich im „Der Einsame“ (nach Eichendorffs Der Einsiedler) in sein Schicksal fügt.

Der britische Dirigent Duncan Ward (geboren 1989) wollte ursprünglich sein Debüt bei der Staatskapelle im März diesen Jahres geben. Nun konnte er den Dresdnern zeigen, wie exponiert und brillant er mit einem reduzierten Orchester prachtvolle Wirkungen erreichen kann.

Semperoper Drseden / hier : Gustav Mahler Jugendorchester und Dirigent Duncan Ward © Oliver Killig

Semperoper Drseden / hier : Gustav Mahler Jugendorchester und Dirigent Duncan Ward © Oliver Killig

Auch mit Schuberts 5. Symphonie bot Ward im zweiten Konzert-Teil feine Nuancen und Transparenz. Franz Schubert (1797-1828) komponierte die D-Dur-Symphonie im Herbst des Jahres 1816, nach dem etwas missglückten Versuch, sich mit einer c-Moll-Symphonie Beethoven zu nähern. Der 19-jährige Schubert begriff offenbar selbst, dass er mit seiner Vierten statt einer tragischen, eine pathetische Komposition geschaffen hatte. Mit seiner Fünften schuf er mit einem ganz eigenen Tonfall und ihrer unbeschwerten Melodik sein bekanntestes kleines Orchesterwerk. Jugendliche Unbekümmertheit kombiniert mit künstlerischer Reife lassen das Werk gleichberechtigt zwischen Mozart, Haydn und Mendelssohn stehen. Duncan Ward gewinnt mit der sparsamen Orchesterbesetzung einen beeindruckenden Klangreichtum, bewegliche Transparenz sowie feine Nuancen und gibt damit dieser Musik ihre Jugendlichkeit zurück. Besonders gefiel, wie Ward mit seinem körperbetonten Dirigat das Menuetto zur Geltung bringen konnte.

Ich hätte für den Programmgestalter keinen Vorschlag, welche Musik er der hochemotionalen Elegie-Interpretation Christian Gerherhars ohne Pause hätte folgen lassen können, ohne deren Wirkung zu beeinträchtigen. Für mich war der Wechsel von der Nachwirkung der Elegie ohne Pause zu Schuberts fröhlicher Musik äußerst problematisch und ich habe in meinen Empfindungen den Hauptanteil des Schubertschen Allegro noch bei Schoeck zugebracht.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Gustav-Mahler-Jugendorchester mit Herbert Blomstedt, IOCO Kritik, 03.09.2019

September 3, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Das Gustav-Mahler-Jugendorchester – unter Herbert Blomstedt

– Junge Talente treffen auf Jahrzehnte Pulterfahrung –

von Thomas Thielemann

Nachdem 1976 das Jugendorchester der Europäischen Union seine Tätigkeit aufgenommen hatte, bemühte sich eine Gruppe um Claudio Abbado (1933-2014), das gemeinsame Musizieren auch jungen österreichischen Musikern mit Kollegen aus der Tschechoslowakei und Ungarn zu ermöglichen. Im Jahre 1978 wurde deshalb  das European Community Youth Orchestra gegründet, um freie Probespiele in Ländern des Ostblocks zu ermöglichen. 1986 formte Abbado aus der zunächst lockeren Vereinigung das Gustav Mahler Jugendorchester, das seit 1992 für junge Musiker bis zum 26. Lebensjahr aus ganz Europa zugänglich wurde. Damit war das einzige internationale Jugendorchester, das künstlerisch und organisatorisch unabhängig von öffentlichen, institutionellen sowie privatwirtschaftlichen Trägern tätig ist, entstanden. Seine Tätigkeit ist nicht gewinnorientiert und gilt heute als besondere Talentschmiede für europäische Orchestermusiker.

Alljährlich bewerben sich über 2000 Musiker, von denen die talentiertesten in die Orchesterprojekte, den Auftritten in renommierten Konzertsälen und führenden Festivals, einbezogen werden. Dann arbeiten sie mit den bedeutendsten Dirigenten und Solisten unserer Zeit zusammen und sammeln so Erfahrungen, die für ihre künftige Laufbahn als Profi-Musiker entscheidend werden können. Musiker der sächsischen Staatskapelle, so der 1. Konzertmeister Matthias Wollong, die Solooboistin Céline Moinet, der Solokontrabassist Petr Popelka und zwölf weitere jetzige Mitglieder sind über das Jugendorchester nach Dresden gekommen. Auch in der Dresdner Philharmonie sind acht „Ehemalige“ tätig.

Im sächsischen Konzertleben hat das Gustav-Mahler-Jugendorchester inzwischen

Semperoper / Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Semperoper / Gustav Mahler Jugendorchester mit Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

einen festen Platz. Mit der Sächsischen Staatskapelle verbindet das Orchester  ein Kooperationsvertrag.

Das Konzert am 1. Semper 2019 im Semperbau war eine Hommage an ein Konzert vom 8. September 2010 mit dem gleichen Dirigenten Herbert Blomstedt, dem identischen Solisten Christian Gerhaher und einem vergleichbaren Programm: Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler und der 9. Symphonie von Anton Bruckner.

Nun traf wieder die jahrzehntelange Pulterfahrung auf den jungen Künstlernachwuchs. Auch einer der profiliertesten Lied- und Konzertsänger Christian Gerherhar gestaltete wieder einen Teil des Konzerts, diesmal am Beginn des Abends mit den „Rückert-Liedern“ von Gustav Mahler.

Friedrich Rückert (1788-1866) war als Sprachgelehrter, der sich mit über 40 Sprachen beschäftigt hatte, einer der Begründer der deutschen Orientalistik und ein unwahrscheinlich kreativer Dichter. Mit seinen Gedichten kompensierte er seine Gefühlswelt. Nach dem Scharlach-Tode zweier seiner Kinder zum Jahreswechsel 1833 zu 1834 hat er allein zur Bewältigung seines Schmerzes 426 Gedichte geschrieben, von den einige Gustav Mahler für seine Kindertotenlieder auswählte. Für seine Rückert-Lieder wählte Mahler fünf selbstständige Einzelwerke Rückerts, die Mahler offenbar besonders berührten. Neben „Blicke mir nicht in die Lieder“, „Ich atme einen Linden Duft“, „Um Mitternacht“ und „Liebst du um Schönheit“ beeindruckte ihn besonders „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.

Christian Gerhaher sang mit klarem schlanken Bariton und vorbildlicher Textverständlichkeit in ruhigem Erzählton. Er konnte den jeweiligen Charakter der Lieder eindringlich verdeutlichen, auch mit zärtlicher Süße, wo es angebracht war. Dabei begeisterte vor allem seine natürliche Tongebung. Kein Forcieren, stattdessen Strahlkraft und subtile Schattierungen sowie Intellekt. Grandios seine Interpretation der Rückert´schen „Mitternacht“. Das erzeugte schon Schauer beim Hörenden.

Semperoper / Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Semperoper / Herbert Blomstedt © Matthias Creutziger

Herbert Blomstedt begleitete mit dem Orchester zurückhaltend ohne Kontraste in idealer über die Jahre herausgebildeter Partnerschaft.

Anton Bruckner komponierte seine sechste Symphonie A-Dur (WAB 106) nach einer schöpferischen Pause von fünf Jahren 1879 bis 1881 unbeschwerter und weltlicher als die vorherigen. Der Komponist bezeichnete sie launig als seine „keckeste“ und war vom Ergebnis so befriedigt, dass er das Gefühl hatte, das Werk sei vollkommen. Er beließ seine Arbeit in der ursprünglichen Form, so dass erstmals von einer Bruckner-Symphonie keine Zweit- oder gar Drittfassung existiert. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass die Sechste sich erst spät im Konzertbetrieb etablieren konnte. Im Februar 1883 brachten die Wiener Philharmoniker nur die beiden Mittelsätze zur Aufführung. Auch Gustav Mahler hatte für die Gesamt-Erstaufführung 1899 die Instrumentierung stark verändert und das Werk gekürzt. Erst 1935 erklang unter Paul van Kempen die Komposition nach der von Robert Haas wieder rekonstruierten Original-Partitur. Aber erst durch die Aufnahme in Gesamteinspielungen und Bruckner-Zyklen hat sich die Sechste im Konzertbetrieb gleichberechtigt eingeführt.

Im zweiten Teil des Konzertes traf eine .jahrzehntelange Pulterfahrung auf den jungen Künstlernachwuchs. Bruckner-Dirigate mit Herbert Blomstedt haben wir mehrfach in den vergangenen Jahrzenten sowohl mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, als auch mit dem Gewandhausorchester Leipzig erleben dürfen. Da war der Vergleich seiner Dirigate der Spitzenorchester mit der Führung des Jugendorchesters durchaus aufschlussreich. Während Blomstedt die Profi-Klangkörper mit Gelassenheit führt und der Musik einen breiten Klang-Raum eröffnet, gab er dem Jugendorchester stärkere Impulse. Mit präziser, effektiver Zeichengebung hielt er die Fäden der musikalischen Entwicklung fest in der Hand und ließ seine Führung in den reichliche sechzig Minuten nicht für einen Augenblick schleifen.

Dies war auch bei den noch jungen Musikern notwendig. Denn während die Streicher auf hohem Niveau, mit Begeisterung und innerer Beteiligung musizierten, fehlte es bei den Bläsern an solistischen Initiativen. Insbesondere beim Adagio kamen die stark geforderten Hörner und Tuben an ihre technischen Grenzen. Dabei fing Blomstedt einiges dank seines gestalterischen Überblicks und seiner Präsenz als Interpret ab. Über Strecken wirkte dabei der greise Dirigent jugendlicher als eine Reihe der Orchestermusiker.

Bereits mit dem ersten Satz spürte man, wohin Blomstedt seine Musiker führen wollte. Ruhig lässt er Themen und Motivgruppen vorüberziehen. Auch mit der Durchführung spürt man, da dirigiert einer, der in der Tiefe seiner Seele Ruhe und Überblick schätzt. Sachlich bleibt auch der Satzschluss. Mit sachlicher Innigkeit wurden auch im Adagio die Bruckner-Themen miteinander verflochten. Nichts erhält den Eindruck von Sentimentalität oder gar Kitsch. Auch das Scherzo machte dem Dirigenten und den Musikern richtig Spaß, so dass Blomstedt das Orchester mit Freude in das Finale mit seinen Verzögerungen, Anspannungen sowie Entfesselungen regelrecht hineindrängen konnte.

Erwartungsgemäß wurde vor allem der in Dresden hochbeliebte und geschätzte Dirigent mit stehendem Applaus gefeiert. Aber auch das mit über einhundert Musikern stark besetzte Gustav-Mahler-Jugendorchester konnte sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen.

—| Pressemeldung Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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