Chemnitz, Theater Chemnitz, Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.04.2019

April 26, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner

Osterfestspiele des Theater Chemnitz – Wagner aus feministischer Sicht

von Thomas Thielemann

Als aus Chemnitz die Information kam, man werde eine Neuinszenierung von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen von vier unterschiedlichen Regisseurinnen im Zeitraum vom 3. Februar 2018 bis zum 1. Dezember 2018 auf die Bühne bringen, waren wir für die Premierenbesuche verhindert. Deshalb nutzten wir die Ostertage 2019, in denen das Theater Chemnitz den gesamten Ring des Nibelungen (Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung) auf die Bühne brachte. Gegenüber den Premieren gab es in diesen Produktionen jedoch mehrere Umbesetzungen.

Das Rheingold   –  Richard Wagner
youtube Trailer des Theater Chemnitz
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Im Vorfeld, auch ob der reichen Premieren – Berichterstattung –   gab es die Frage, wie geht es, diese „Männeroper“ in weibliche Hände, Regisseurinnen, zu geben und, wird es darob ein weiblicher oder feministischer „Ring“ sein? Die Meininger Arbeit der Christine Mielitz von 2001 gilt als großer Wurf. Das war aber noch vor den extremen Auswüchsen des Regietheaters. Ihre Probleme waren vorwiegend organisatorischer Natur. Leider ist das Meininger Ereignis nicht dokumentiert worden.

Die von August Everding ausgebildete und von der Zusammenarbeit mit Calixto Bieto geprägte Verena Stoiber versuchte ihre Inszenierung von Das Rheingold als eine feministisch geprägte Gesellschaftskritik ohne besondere Verfremdungen zu gestalten.

Ihre Idee, Nibelheim als Hort der Ausbeutung von Frauen als Sexualobjekte und für untergeordnete Arbeiten sowie für Kinderarbeit kann man so darstellen. Auch die Thematisierung des Konsumtionswahns erscheint schlüssig. Trotz der ansonsten vielen Klischees wurde auf den Klimawandel (Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will, dass sie nicht bleibt) und auf die sozialen Fragen (Mitleid macht wissend ohne Schuld) nur sparsam als Graffiti an der Walhalla-Wand hingewiesen. Auf der Bühne war ständig etwas los und es gab eine Reihe guter Regieeinfälle. Statt des Tarnhelms fungierte ein Spiegel, der Goldraub wurde dargestellt, indem den Rheintöchtern die blonden Perücken abgerissen wurden.

Theater Chemnitz / Die Walküre - hier : Monika Bohinec als Fricka, Aris Argiris als Wotan © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre – hier : Monika Bohinec als Fricka, Aris Argiris als Wotan © Kirsten Nijhof

Mit einer Travestie von Donner und Froh, die Riesen vom Kaufpreis „Freia“ abzubringen, fand ich fast genial. Die optisch reizvolle Anfangsszene mit den schwingenden Rheintöchtern leidet, weil die Rheintöchter ob der Konzentration auf die Seilbewegung nicht ordentlich singen. Wie gut sie singen konnten, erweist sich im Schlussbild. Leider wissen wir sehr wenig vom Privatleben der Regiedamen, weil sie nicht zu den Gelbseiten-Promis mit Home-Story gehören. Ob Regisseurin Verena Stoiber einen so dümmlichen Wotan zu Hause auf dem Sofa sitzen hat, wie sie uns auf der Bühne präsentiert? Ansonsten sind die Männer neben ihrer Unbedarftheit vor allem vertrottelt, Loge schurkisch sowie vom Testosteron gesteuert. Wenn ein männlicher Regisseur so eine Phallusszene mit Jukka Rasilainenen geboten hätte, so wäre das Geschrei riesig gewesen. Frauen kamen aber bei Verena Stoiber auch nicht besser weg. Die Freia als Shopping-Girl und ansonsten panisch-ängstlich und die Fricka stand letztlich nur rum. Beeindruckend der präsentable Erda-Auftritt von Bernadett Fodor.

Die Niederländerin Moniquie Wagemakers war mit ihrer Walküre zurückhalternder. Ihr Anliegen war, den Missbrauch familiärer Beziehungen zum Zweck des Machterhalts beziehungsweise zur Machterweiterung als Werkzeug einsetzen. Was natürlich bei der „Familiengeschichte Walküre“, der Vernichtung der Kinder durch den eigenen Vater gründlich schief gehen musste. Inszeniert war die Walküre letztlich „halb-szenisch“ fast ohne Requisiten. Da gab es kein Schwert, da fehlte die Weltesche.  Generell wurde von der Rampe direkt in das Auditorium gesungen, was zum besten musikalischen Eindruck der vier Abende führte. Aris Argiris war der beste Wotan- Wanderer des Zyklus  in seiner Rolle als gescheiterter Held. Dazu Anne Schuldt mit einer massiv durchgreifenden Fricka. Viktor Antipenko bot einen stimmlich sehr guten Siegmund, der seine begrenzten Möglichkeiten  beim Wälseruf hätte früher erkennen sollen. Astrid Kesslers statische Sieglinde agierte mit sicherer gut geführter Stimme. Stéphanie Müther war eine exzellente Brünnhilde, auch wenn die gewaltige Partie sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führte. Auch haben wir selbst an großen Bühnen eine so geschlossene Walküren-Frauenschaft  noch nicht erleben können.

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Daniel Kirch als Siegfried, Christiane Kohl als Brünnhilde © Nasser Hashem

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Daniel Kirch als Siegfried, Christiane Kohl als Brünnhilde © Nasser Hashem

Das überwiegend von der Rampe Singen erlaubte dem Generalmusikdirektor Guillermo Garcia Calvo ein besseres Eingehen auf die Belange der Solisten und ein deutlich differenziertes Musizieren im Orchester. So hervorragend hatten wir die Robert-Schumann-Philharmonie bisher nur in ihren Sinfoniekonzerten gehört; eine deutliche Steigerung des Orchesters gegenüber der Rheingold-Bespielung und der folgenden Abende. Buh-Rufe aus mehreren Publikumsbereichen waren soweit unverständlich.

Die Struktur des Siegfrieds machte es der Regisseurin Sabine Hartmannshenn am schwersten, ihren Feminismus auszuleben, kommt doch, wenn man vom Waldvogel absieht, bei Wagner erst in der Mitte des dritten Aufzugs ein weibliches Wesen auf die Szene. Deshalb ging sie noch vor dem eigentlichen Handlungsbeginn aufs Ganze und ließ den Mime mit unglaublich widerlicher Brutalität den Siegfried-Säugling aus Sieglindes Unterleib herausschneiden und diese mit einem Tritt sich ihrem Sterben überlassen. Kaum zarter ließ Hartmannshenn den Alberich eine zufällige Waldbewohnerin vergewaltigen, um dem kindlichen Hagen die Machtverhältnisse in der Männerwelt zu demonstrieren. Hagen nimmt die Belehrung an und tritt nach der Geschändeten. Dass die Regie dem Waldvogel, entzückend von Guibee Yang dargestellt, einen breiten visuellen Rahmen gab, war richtig in Ordnung. Aber warum der sympathische Vogel dann jedoch vom Wanderer ohne Anlass brutal ermordet wurde? Müssen wir bei der Regie niedere Instinkte vermuten? Die Personenführung der drei Hauptpartien war ob deren Möglichkeiten wegen der Tiefenstaffelung regelrecht mangelhaft. Mime Arnold Bezuyen rettete sich mit Extemporieren, Siegfried, Martin Iliev,  bot zwar eine gute Stimme, ist aber(noch) kein Wagnertenor. So musste der Dirigent ihn an die Rampe holen, statt auf der Bühne die kraftvolle Brünnhilde, Stéphanie Müther anzuhimmeln. Am Ende des dritten Aufzugs stand der wispernde Martin Iliev am linken und die auch körperlich präsente Stéphanie Müther am rechten Bühnenrand und der Held wurde ohne Gnade niedergesungen.

Götterdämmerung  –  Richard Wagner
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Die vergleichbar ähnliche Verteilung der sängerischen Qualitäten zwischen den weiblichen und männlichen Partien in der von Elisabeth Stöppler betreuten Götterdämmerung ließ  natürlich böse Vermutungen aufkommen. Die Gutrune der Cornelia Ptassek, die Brünnhilde der Stéphanie Müther und vor allem die die Waltraude der Anne Schuldt waren mit guter Stimmkraft angetreten, während Siegfried – Martin Iliev, der Gunther von Pierre-Yves Pruvot und vor allem Hagen, Marius Bolos, eher kläglich agierten. Auch visuell waren die Herren eher ausgeschmiert: Waltraute reiste mit Fluggerät und fallschirmrepräsentativ an, während sich der Held mit einem Kinderschlitten begnügen musste.

Mit dem zweiten Aufzug offenbart Elisabeth Stöppler ihr gesamtes Regietalent und ihr Personen-Führungskönnen und schafft eine imposante Chorszene mit all ihrer Dramatik um dann mit dem Schlussaufzug eine regelrechte Massenhinrichtung sämtlicher Testosteron-Träger zu veranstalten. Als alle Männer tot waren, kann der Selbstverbrennungs-Kanister zur Seite geschafft werden und, nachdem das Kinderschlitten-Symbol verbrannt werden konnte, zieht allgemeine Freude und Zufriedenheit ein. Der Fötus in Brünnhildes Gebärmutter ist gerettet und wehe dem Bürschlein, falls es ein Knabe werden sollte!

Nun wissen wir nicht, wie und ob die vier Regisseurinnen ihre Konzepte miteinander abgestimmt haben. Letztlich bleibt aber Richard Wagners Musik das verbindende Element. Das Theater Chemnitz hat bereits mit früheren Projekten seine Kreativität und Fähigkeit bei der Bewältigung anspruchsvoller Projekte bewiesen und dem Ansehen der Stadt Chemnitz gute Dienste geleistet. Das wäre unbedingt zu würdigen.

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—

Bonn, Theater Bonn, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 12.11.2018

November 13, 2018 by  
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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 – Gescheiterte Hoffnungen oder des Mädchens Traum –

Von Uschi Reifenberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die mit großer Spannung erwartete Premiere von Richard Wagners Lohengrin am Theater Bonn übertraf in der Tat sämtliche Erwartungen sowohl in musikalischer Hinsicht als auch in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli und vereinte das Publikum an diesem besonderen Abend in kollektiver Begeisterung.

Der renommierte Schweizer Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli kehrte nach langjähriger Abstinenz an das Theater Bonn zurück, wo er bereits ab 1989 mit einer Reihe spektakulärer Inszenierungen seine internationale Karriere begonnen hatte.

Wagners Lohengrin, seine romantischste und vielleicht seine populärste Oper ist in mehrfacher Hinsicht ein Grenzfall. Kompositorisch beendet der Lohengrin die Reihe von Wagners romantischen Opern. Er weist keine für sich stehenden Formteile auf, Arien, Emsembles und Chorszenen werden bereits in den dramatischen Zusammenhang integriert und verweisen auf das durchkomponierte Musikdrama der späteren Jahre.

Lohengrin – Richard Wagner
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1848 beendete Wagner die Komposition des Lohengrin kurz vor Ausbruch der Märzrevolution und erlebte das Scheitern der bürgerlichen Hoffnungen zugleich als Ausweglosigkeit seiner eigenen Lebenssituation. Denn wie so oft sind bei Wagner Leben und Werk untrennbar miteinander verbunden. Als politischer Emigrant musste er – steckbrieflich  gesucht- in die Schweiz fliehen. Dort schrieb er seine entscheidenden theoretischen Hauptwerke, „Die Kunst und die Revolution“, „Das Kunstwerk der Zukunft“ und „Oper und Drama“, in denen sich Wagners persönliche revolutionäre Erfahrungen spiegeln und er seine Hoffnungen auf eine durch Kunst veränderten besseren Welt formulierte.

Auch das Leitmotiv von Wagners Lebensthema, die Erlösung durch Liebe, nimmt hier eine zentrale Stellung ein. Im Lohengrin als „allertragischstem Gedicht“ (Wagner) gelingt diese Erlösung nicht und ist zum Scheitern verurteilt.

Marelli beleuchtet in seiner Deutung des Werkes die Widersprüche der Lohengrin Tragödie, die – wie er im Programmheft erläutert- immer wieder Fragen aufwerfen und den vielschichtigen Stoff so reizvoll machen. In der Dialektik von Utopie und Realität, Liebe und Macht, Kunst und Politik liegt der unauflösbare Widerspruch und das Scheitern der Utopie einer Erlösung durch Liebe.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Im Zentrum von Marellis Sicht steht die weibliche Hauptfigur Elsa von Brabant. Während des Vorspiels blickt man auf einen geöffneten Bühnenraum mit ansteigenden Holzelementen, die neben- und  übereinander gestapelt sind (Bühnenbild und Lichtregie: Marco Arturo Marelli). In der Mitte befindet sich auf einer quadratischen Ebene Elsas  Mädchenzimmer mit Stuhl und Bett, in welches sich Elsa je nach Bedarf zurückzieht. Man sieht Elsa und ihren jüngeren Bruder Gottfried zunächst ins Gebet versunken. Elsa, fast noch ein Teenager, im weißem Nachthemd und langen Löckchen, rührend in ihrer Unschuld, ist nicht nur stark im religiösen Glauben, sie imaginiert zugleich einen Heilsbringer mittels ihrer visionären Kraft, der dann auch tatsächlich erscheint. Eine erhöhte runde Plattform im Hintergrund wird sichtbar, auf welcher eine Ritterrüstung mit Mantel und Schwanenmotiv sowie ein Flügel stehen, an welchem Wagner / Lohengrin sitzt und komponiert. Der Künstler höchstselbst als Erlöser. Beide Ebenen – die reale des Mädchenzimmers wie die überirdische Sphäre des Kunstraums – bleiben als Einheitsbühnenbild die ganzen drei Akte über präsent. Auch geometrisch werden die beiden Welten streng voneinander abgesetzt.

Der kleine Gottfried liest in einem Bilderbuch, währenddessen erscheint Ortrud aus dem Bühnenboden und entführt ihn aus dem Zimmer, Schwanenfedern verweisen auf seine Verwandlung. Später bei Lohengrins Ankunft nimmt dieser den Jungen in seine Obhut und lässt  ihn im Flügel verschwinden. Dort kann er schon mal fleißig üben …

Der Heerrufer in Uniform und Brieftasche ist ein treuer Untertan und versieht seine Aufgabe mit Disziplin und Hingabe. Er verrichtet seine Tätigkeit nicht nur auf der Bühne, sondern wird auch an wechselnden Standorten im Zuschauerraum positioniert, die die Wirkung seiner Proklamationen unterstreichen. Ein empathischer Herrscher ist König Heinrich, mit viel Verständnis für seine Untergebenen,  der sich auch mal mitfühlend auf Elsas Bett setzt und, wenn er sich seiner royalen Verantwortung bewusst wird, den bunt bedruckten Königsmantel umlegt.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Für deutsches Land das deutsche Schwert

Der Chor trägt bedrohliche überdimensionale Speere, die sich im 3. Akt wie Blitze von der Bühnendecke in den Boden spiessen, wenn sich die Einheiten der Wehrmacht kriegslüstern zur Mobilmachung zusammenfinden. Beim Bekenntnis „Für deutsches Land das deutsche Schwert“ recken sie reflexartig den rechten Arm in die Höhe, was in diesem Kontext nachvollziehbar ist. Telramund in militärischem Outfit entpuppt sich in seiner Anklage gegen Elsa selbstgefällig und großspurig, und legt dem König zum Beweis ein Papier vor.

Elsas ausweglose Situation stärkt ihren Glauben an einen Retter, das Wunder erscheint tatsächlich, eine sympathische Persönlichkeit im weißen Pyjama, glücklich über seine Mission, ein  Einsamer auf der Suche nach Liebe, zu dem Elsa sofort Vertrauen fasst. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn Lohengrin sein Frageverbot ausspricht und Elsa, fassungslos vor Glück, seine Worte immer wieder nachspricht, um sie ja nicht zu vergessen. Scheu berührt sie ihren Erlöser, die fleischgewordene Inkarnation ihres Traums. Marelli blickt hier mit viel Sensibilität in die Jungmädchenseele.

Das subversive Duo Ortrud und Telramund kauern in ihrem Dialog im 2.Akt am Bühnenrand. Nach Telramunds Schuldzuweisungen zunächst in herzlicher Abneigung vereint, finden sie dann aber als Paar wieder zusammen. Zwei Ausgestoßene, die von der Hochzeitsgesellschaft verspottet werden. Telramund outet sich als ausgemachter Angeber, der nach seiner blamablen Niederlage im Zweikampf mit Lohengrin jetzt in Selbstmitleid badet und sich als Weichei entpuppt, ein Vorläufer Gunthers. –

Seine Gattin, eine fanatische Reaktionärin mit viel erotischer Ausstrahlung, in rotem Gewand (Kostüme: Ingeborg Bernerth), erinnert in ihrem Stolz und ihrer Unbeugsamkeit an eine antike Statue, wenn sie sich in ihren langen Mantel  hüllt und längst vergangene Zeiten beschwört. Ihre Intrigen spinnt sie in Elsas Zimmer beim Kaffeekränzchen in vordergründiger Zweisamkeit. Die beiden hätten eigentlich Freundinnen werden können, wäre da nicht Ortruds erpresserische Androhung ihres Selbstmordes und ihr manipulatives Vorgehen als „wilde Seherin“, wenn sie Elsa das kommende Unheil aus der Hand liest. Hochzeitsvorbereitungen scheuchen die Männer in Schlafanzügen in aller Frühe aus den Betten vor das Münster, wo sie sich – unterstützt von ihren Frauen- in Ihre Festgarderobe werfen. Eine  amüsante Szene.

Elsa ist hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Zweifel, Ortruds Gift beginnt bereits zu wirken und Lohengrin muss sie fast gewaltsam zum Altar ziehen, denn „der Rache Werk hat nun begonnen“. Zum Brautgemach werden Elsa und Lohengrin mit verbundenen Augen geführt, es warten jede Menge Überraschungen auf das Paar. Sie werden mit Geschenken überhäuft, unter anderem auch mit einer kleinen Wiege, die bürgerliche Idylle könnte perfekt sein.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Lohengrin verhält sich in der intimen Zweisamkeit mit seiner Ehefrau zunächst noch etwas unbeholfen, aber je mehr sich Elsa wahnhaft in ihre Angst hineinsteigert, desto klarer verweist er  auf seine Sendung. Als Elsa wie unter Zwang die verhängnisvolle Frage nach der Identität Lohengrins stellt, erschlägt dieser den  hereinbrechende Telramund. Damit wird er unfreiwillig zum Mörder, immer wieder schaut er ungläubig auf seine blutige Hand. Im Bewusstsein des Scheiterns aller Utopien nimmt er Abschied von seiner Liebeshoffnung, aber auch von seiner Unversehrtheit. Bevor er seine letzte traurige Fahrt antritt, muss er auch die in ihn gesetzten Hoffnungen enttäuschen und seine Identität enthüllen. Die Gralserzählung singt er wieder am Flügel, die Gesellschaft verharrt wie erstarrt zwischen Truppenaufmarsch und Kriegsbeflaggung.

Ortruds letztes ekstatisches Aufbäumen für die Wiederherstellung der alten Ordnung zitiert den kleinen Gottfried aus dem Untergrund, dem Lohengrin die Symbole der Herrschaft übergibt. Dass er damit etwas anfangen kann, bleibt zu bezweifeln. Elsa bricht unter den Trümmern ihrer vernichteten Welt zusammen; Lohengrin entschwindet auf seiner Wolke zurück in den Elfenbeinturm seiner Einsamkeit. Ob die Kunst ihn rettet ?

Über die musikalische Seite der Aufführung lässt sich fast ausnahmslos in höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizierten auf beeindruckendem Niveau und verbanden sich zu einer zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf.

Das Lohengrin Debüt von Mirko Roschkowski kann man wohl als rundum gelungen bezeichnen. Der sympathische Tenor besticht mit seiner warmen innigen, leicht dunkel mattierten Stimme und viel Belcanto-Schmelz. Die a capella Stellen des liedhaft zarten Schwanenliedes formt er mit  traumwandlerischer Intonationssicherheit wunderbar sensibel aus. Seine Höhe ist mühelos und glänzt eher bronzefarben als heldisch- strahlend, was seiner Gestaltung jenen leicht gebrochenen Grundton verleiht, der die tragische Aura dieser Figur umgibt. Sehr berührend und klug aufgebaut singt er die Gralserzählung, in der er auch mit metallischer Strenge aufzutrumpfen versteht.  Auf die weitere Entwicklung dieses vielversprechenden Tenors darf man sehr gespannt sein.

Die Elsa von Anna Princeva darf man ebenfalls als Glücksfall bezeichnen. Die zierliche Sängerin  mit der berührend kindlichen Ausstrahlung verfügt über einen substanzreichen lyrischen Sopran, der sich in allen Lagen mühelos behauptet und über genug Potenzial für die großen dramatischen Steigerungen verfügt, was sie in der Brautgemachszene eindrucksvoll unter Beweis stellt. Ihre Hinwendung zur Innerlichkeit unterstreicht sie mit tragfähigen Piani und weicher Legatokultur.

Dshamilja Kaiser ist als Ortrud eine Offenbarung. Selten hört man eine so kultiviert singende, perfekt phrasierende Ortrud, die mit ihrem Mezzo alle dynamischen Facetten dieser Partie auslotet. Ihre dramatischen Ausbrüche sorgen für Gänsehauteffekt, wirken dabei nie forciert, die Spitzentöne werden unangestrengt in den musikalischen Kontext integriert. Ein beeindruckendes Rollenportrait!

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Tómas Tómasson zeigt den innerlich zerrissenen Telramund mit großer gestalterischer Intensität, deklamatorischer Klarheit und psychologischer Tiefenschärfe. Sein kerniger Bariton verfügt über ein weites Spektrum an Charakterisierungsmöglichkeiten, die er differenziert einzusetzen versteht.

Paul Kudinov verfügt als König über einen angenehm hell timbrierten Bass, dessen exponierte Höhenlagen sich wie selbstverständlich über das Orchester hinwegsetzen und nicht nur ihm, sondern auch dem Publikum viel Freude bereiten. Den Heerrufer gibt Ivan Krutinov souverän und mit königlich auftrumpfender Noblesse. Mit seiner vollen und tragfähigen Baritonstimme komplettiert er die fulminante Sängerriege.

Der Dirigent Dirk Kaftan und das Bonner Beethovenorchester sind ohne Zweifel mit höchstem Einsatz und glühendem Eifer bei der Sache. Dirk Kaftan führt das Orchester mit liebevoller Achtsamkeit durch die Partitur, besticht nicht nur mit poetischer Klangzauberei und weit atmenden Bögen, sondern auch mit perfekter Klangbalance und umsichtiger Sängerführung. Als Wagner-Dirigent versteht er, dramatische Spannungsabläufe und orchestrale Wucht unter Kontrolle zu halten und mit imposanten Steigerungen die Energien zu entfesseln. Beeindruckend gerät der Höhepunkt des gesamten Ensemble im 1. Akt.

Es wird beglückend präzise musiziert, herausragend hört man die Trompeten im 3.Akt, die seitlich der Bühne und auch im Zuschauerraum positioniert sind, was eine faszinierende Raumwirkung entfaltet.

Wunderbar anzuhören Chor und Extrachor ( Leitung: Marco Medved), sowie der Kinder- und Jugendchor ( Einstudierung: Ekaterina Klewitz).

Stehende  Ovationen beendeten einen außergewöhnlichen Abend

Lohengrin am Theater Bonn, weitere Vorstellungen 24.11.; 21.12.; 26.12.2018; 6.1.; 17.1.; 1.2.2018 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Bonn |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Götterdämmerung – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.11.2018

November 10, 2018 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Götterdämmerung – Richard Wagner

– Dietrich W. Hilsdorfs stoischer Rückzug aus der Ring-Regie –

Von Hanns Butterhof

Mit der Götterdämmerung ist der Düsseldorfer Ring des Nibelungen von Richard Wagner in der Regie von Dietrich W. Hilsdorf abgeschlossen, ohne als ganzer und auch jetzt mit dessen drittem Abend voll zu befriedigen. Einer guten musikalischen Leistung des Sängerensembles und der Düsseldorfer Symphoniker unter Axel Korber steht entgegen, dass die Regie keine schlüssig übergreifende Konzeption gefunden und sich in der Götterdämmerung bis in die Nähe zum Konzertanten zurückgezogen hat.


Götterdämmerung – Richard Wagner
Youtube Trailer der Deutschen Oper am Rhein
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Das Vorspiel der Götterdämmerung nutzt Hilsdorf zu einem Statement über sein Regieverständnis. Da kommen drei ältere Damen in wilhelminisch-jugendstilähnlicher Gewandung (Kostüme: Renate Schmitzer) zum Kaffeeklatsch vor der romantischen Kulisse des Rheins am Drachenfels zusammen. Mit unüberhörbaren Anklängen an das Schauspiel Kalldewey, Farce von Botho Strauß sind es die drei schicksalspinnenden Nornen (Susan Maclean, Sarah Ferede und Morenike Fadaymi), die das Elend der Welt betratschen. Es ist immer das gleiche, sie ist aus den Fugen, spätestens seit Siegfried den Speer Wotans zerschlagen hat. Jetzt ist ihr Schicksal-Seil zerschlissen, das sie sich wie einen unsichtbaren Ball zuwerfen. Da zitiert Hilsdorf direkt Botho Strauß mit einem Schriftzug über der Bühne:

Der Rest ist Theater, der letzte unserer magischen Versuche, die Ängste uns auszutreiben.

Dazu flackern aufgeregt die Varieté-Lämpchen, die schon seit dem Rheingold die Bühne umrahmen. Und am Schluss formuliert er, wieder Strauß zitierend, seinen Konzeptionsverzicht, verbunden mit der Aufforderung an das Publikum: Nehmt euch, was ihr gebrauchen und erhalten könnt. Der Rest, das ist die Götterdämmerung, und jeder sehe zu, was sie ihm sagt.

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung - hier : Die Rheintöchter © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung – hier : Die Rheintöchter © Hans Joerg Michel

– Kammerspiel auf dem Hinterdeck –

Dann fällt die Rheinkulisse und gibt den Blick frei auf das marode Schiffchen MS Wodan, das Kernstück der von Dieter Richter entworfenen Einheitsbühne. Das Schiff liegt an einem Landungssteg, den man sich durchaus am Rhein denken darf, und ist, nun ja,  Brünnhilde-Felsen, Gibichungen-Halle und schließlich der Scheiterhaufen für Siegfried. Optisch ist das Bühnenbild von beeindruckender Düsternis. Das Schiff vermittelt auch den Anschein, als triebe es während der Handlung bedeutungsvoll aus mythischen Urgründen der Gegenwart entgegen und auf Düsseldorf und Duisburg zu. Dass es dabei seinen Landungssteg mitführt, trübt allerdings die Plausibilität des in lichtschwacher Videoprojektion burgenbestanden vorüberziehenden Rheinufers. Die Entscheidung, die wesentlichen Teile der Handlung auf dem Schiff spielen zu lassen, engt den Spielraum der Akteure erheblich ein und lässt das Weltgeschehen des Rings zu einem Kammerspiel auf dem Hinterdeck schrumpfen.

Weniger aus der räumlichen Enge treibt es dann Siegfried (Michael Weinius) davon zu neuen Taten. Er hält eher die Spießigkeit auf dem Hinterdeck nicht aus, auf dem Brünnhilde (Linda Watson) neben einem Weihnachtsbäumchen an der Reling sitzt und Höschen für den Nachwuchs strickt. Bei aller Beteuerung von strahlender Liebe, bei allen jubilierend vielfachen Heil-Rufen ist kaum Beziehung zwischen beiden zu spüren. Siegfried hat seine frühere Knabenhaftigkeit verloren und sich zu einem Bruder Leichtfuß entwickelt, der das Wissen, das ihm Brünnhilde vermacht hat, so wenig zu bewahren weiß wie seine Liebe zu ihr. So kann am Hof der Gibichungen Gutrune (Sylvia Hamvasi)  getrost den Siegfried von Hagen (Hans-Peter König) zugedachten Vergessenstrank verschütten. Siegfried verfällt ihr auch ohne diesen auf der Stelle, vielleicht weil sie so sehr das Gegenstück zu Brünnhilde ist. Sie ist fast klassisch weiblich passiv und auch an der späteren Intrige bestenfalls billigend inkaufnehmend beteiligt. Dass sie offenbar an der Nadel hängt ist für den Fortgang der Handlung ebenso bedeutungslos wie der angedeutete Alkoholismus ihres Bruders, König Gunther (Bogdan Baciu).

Hagen, der Sohn Alberichs (Michael Kraus) und Stiefbruder der königlichen Gibichungen, hat nichts als den Gewinn des Rings und damit die Herrschaft über die Welt im Sinn. Er zieht in der Götterdämmerung nur zu diesem Zweck die Fäden. Hans-Peter König gibt ihm stimmlich und enorm bühnenpräsent die entsprechende Statur, ohne eine wirkliche Kontrastfigur zu Siegfried zu sein. Seine Ähnlichkeit mit diesem weist vielmehr darauf hin, dass beide je auf ihre Weise das Programm ihrer Vorfahren verfolgen – und verraten.

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung - hier : Siegfried (Michael Weinius), Brünnhilde (Linda Watson) © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung – hier : Siegfried (Michael Weinius), Brünnhilde (Linda Watson) © Hans Joerg Michel

Um Gutrune heiraten zu dürfen, lässt sich Siegfried auf den Plan Hagens  ein, für den schwachen König Gunther und in dessen Gestalt – der Tarnhelm aus dem Nibelungenhort macht es möglich – Brünnhilde als Braut zu gewinnen. Die grauenvolle, Brünnhilde vergewaltigende Handlung vollzieht sich erstaunlich gesittet; so wenig vorher Liebe zwischen Siegfried und Brünnhilde, so wenig ist jetzt die Gewalt zwischen ihnen spürbar; nur als ihr Siegfried den Ring entreißt, kommt Bewegung auf.

Der nicht nur der Enge auf dem Schiffsdeck geschuldete Mangel an Bewegung zieht sich durch die ganze Götterdämmerung. Das ist selbst in der einzigen Chorszene der Fall, als Hagen die Mannen zusammenruft. Bei der Rückkehr Siegfrieds und dann Gunthers mit Brünnhilde sollen sie Zeugen der Schwäche ihres Königs und des Betrugs an Brünnhilde werden. Dazu drängt sich dann ein Stadtsoldaten-Karnevalsverein auf dem Schiffsdeck zusammen. Bewegung findet nur auf dem Landungssteg statt, wo als Hinweis auf das  Leid Brünnhildes bedeutsam ein Tanzmariechen mit Spagat-Übungen gequält wird.

Recht statuarisch geht es dann weiter dem Ende zu, bis Siegfried vor der Projektion rauchender Industrieschlote bei Duisburg von Hagen hinterrücks kühl erstochen wird. Dem sterbend im Schiffsbauch der MS Wodan verschwindenden Siegfried werfen wie bei einer Seebestattung Stadtsoldaten die Flaggen der deutschen Geschichte hinterher. Dem Doppeladler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der Hakenkreuzflagge des III. Reichs und dem Schwarz-Rot-Gold Nachkriegsdeutschlands mit und ohne die DDR-Applikation Hammer und Sichel folgt eine gänzlich weiße Flagge. Sie kann das Leichentuch der deutschen Geschichte so gut meinen wie die Kapitulation vor einer Deutung der ganzen Ring-Geschichte. Oder sie mag die  Freifläche sein, die vom geneigten Publikum mit eigenen Assoziationen  gefüllt werden kann, während es Brünnhilde zusieht. Die steht heroisch auf der MS Wodan, auf der ein kleines Feuerchen als Hinweis auf Siegfrieds Scheiterhaufen flackert, und wirft den Ring zu den Rheintöchtern hinab, um ihn zu entsühnen. Die munteren Mädchen (Anne Krabbe, Kimberley Boettger-Soller und Ramona Zaharia) setzen sogleich das am Ring haftende Morden fort, indem sie Hagen, der ihnen beim Erhaschen des Rings zuvorkommen wollte, ein nasses Grab bereiten.

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung - hier : Hagen (Hans-Peter König), Alberich (Michael Kraus) © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung – hier : Hagen (Hans-Peter König), Alberich (Michael Kraus) © Hans Joerg Michel

Wenn man schon meint, nun seien alle tot, hat Hilsdorf zur hoffnungsfrohen Schlussmusik bei erleuchtetem Zuschauerraum doch noch eine Botschaft parat. Wotan, der auf dem Besetzungsplan der Götterdämmerung gar nicht mehr vorgesehen ist, erscheint wie im Siegfried, als er Mime die Wissenswette aufzwang, mit Bart und Fahrrad. Dann legt er das Götterkostüm des Wanderers ab, enthüllt darunter einen bürgerlichen Straßenanzug von heute, und schiebt fröhlich sein Fahrrad in die Kulisse. So könnte der Bürger der neue Wotan sein, nachindustriell und ökologisch.

Es sind die von sich aus ruhigen Szenen wie die dramatische  Unterredung Brünnhildes mit ihrer Walkürenschwester Waltraute (Katarzyna Kunico) oder der eindringliche Wachtraum-Dialog Hagens mit Alberich, die voll überzeugen. In ihnen wirken alle Elemente des Musikdramas glücklich zusammen, Gesang, Darstellung und Orchestermusik. In ihnen ist auch die Personenführung zu spüren, auf die Hilsdorf wenig achtet und sich gern damit begnügt, ein charakterisierendes Schlaglicht auf eine Figur zu werfen und sie ansonsten singen zu lassen.

Es ist die Musik, die über die gut fünfstündige Götterdämmerung trägt. Star des guten Ensembles ist Hans-Peter König als Hagen, der mit wuchtigem, dominantem Bass szenisch und stimmlich beeindruckt. Ihm kann man zutrauen, dass er Gunter von jeher klein gemacht hat, denn  Bogdan Baciu hat stimmlich raumgreifend alle Anlagen zum König, gesangsdarstellerisch ist der Bariton einsame Spitze. Linda Watson  bringt ihre ganze Bühnenerfahrung mit und gibt der Brünnhilde immer wohlklingend stimmliche Substanz, in der Trauer überzeugender denn als Liebende. Michael Weinius ist ein Siegfried von bewundernswerter stimmlicher Kondition und heldentenoralen Spitzen, der in den lyrischen Partien am Ende auch menschliche Wärme ausstrahlt. Sie  zwischenmenschlich darzustellen gelingt ihm nicht so recht, auch nicht bei der Gutrune Sylvia Hamvasi, deren schöner Stimme das Orchester mehr Raum hätte zugestehen können. Katarzyna Kunico als Waltraute und Michael Kraus als Alberich,  die Rheintöchter Anne Krabbe, Kimberley Boettger-Soller und Ramona Zaharia sowie die Nornen   Susan Maclean, Sarah Ferede und Morenike Fadayomi und schließlich der von bedrohlich karnevalistischer Heiterkeit überschäumende Chor (Einstudierung: Gerhard Michalski)  komplettieren die gute sängerische Gesamteistung.

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung - hier : Woglinde (Anke Krabbe), Siegfried (Michael Weinius), Floßhilde (Ramona Zaharia), Wellgunde (Kimberley Boettger-Soller) © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Götterdämmerung – hier : Woglinde (Anke Krabbe), Siegfried (Michael Weinius), Floßhilde (Ramona Zaharia), Wellgunde (Kimberley Boettger-Soller) © Hans Joerg Michel

Wesentlichen Anteil daran, dass der Abend sich nicht in die Länge zieht, hat Axel Kober am Pult der engagiert spielenden Düsseldorfer Symphoniker. Er setzt nicht auf den großen überwältigenden Wagnersog, sondern begleitet die Handlung so sorgfältig, dass im unaufdringlichen Herausarbeiten der Leitmotive viel mehr hörbar wird, als die Szene zeigt. Er zieht in die Götterdämmerung hinein, raunt mit den Nornen, albert mit den Rheintöchtern, kann es so ausdrucksstark krachen wie die wilde Geschichte auch hoffnungsfroh sanft enden lassen.

Götterdämmerung an der Deutschen Oper am Rhein; die weiteren Vorstellungen am 18. und 25.11.2018 17.00 Uhr, 2.12.2018 15.00 Uhr

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Minden, Stadttheater, Götterdämmerung – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.10.2018

Oktober 2, 2018 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Götterdämmerung – Fulminant  – In Minden an der Weser

– Bedenken will ichs, wer weiss was ich tu… –

Von Sebastian Siercke

Minden. Eine Stadt im Osten Nordrhein-Westfalens, die hauptsächlich für ihr Wasserstraßenkreuz bekannt ist. Das schreibt wenigstens Wikipedia. Die  Kunst- und Kulturinteressierten unter uns dachten da dann eher an den romanisch-gotischen Dom und dessen Kunstschätze. Das Mindener Kreuz, es gilt als einer der bedeutendsten Kunstschätze der Romanik in Deutschland, und die Goldene Tafel, die allerdings seit 1909 in Berlins Bode-Museum hängt und nicht einmal mehr golden ist.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : Vorspiel 1. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : Vorspiel 1. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Und dann gibt es dort auch noch ein Stadttheater. Und einen Richard-Wagner-Verband. Stadttheater dieser Art gibt es in Deutschland sehr viele, auch viele, die ohne ein eigenes Ensemble auskommen und für Auftritte von Tournee-Bühnen genutzt werden. Und Wagner-Verbände gibt es wie Sand am Meer. Wenn sich nun aber ein Stadttheater und ein Richard-Wagner-Verband zusammen tun, dann kann großes entstehen, selbst in einer kleinen Stadt mit einem Theater von gerade einmal 535 Plätzen.

Das dort Großes stattfindet schrieb landauf-landab jedes Feuilleton. Das „Bayreuth des Nordens“ titelten manche. Geht es vielleicht doch eine Nummer kleiner?

Natürlich geht es kleiner, aber warum? Was dort in der letzten Götterdämmerung der Saison, es waren sechs Aufführungen dieses Jahr, geboten wurde war umwerfend!

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Man betritt den Zuschauerraum und steht vor der Bühne. Kein Orchestergraben trennt das Publikum vom Geschehen. Die Bühne wird umrahmt von einem großen Quadrat, in das ein Kreis eingestellt ist, was unmittelbar an die Gestaltung der LP-Boxen des alten Solti – Ringes erinnert. Die eigentliche Bühne, die Fläche, die dort hauptsächlich bespielt wird, hat die Grundfläche eines wohlbemessenen Wohnzimmers. Das Orchester sitzt dahinter auf der Bühne, abgeteilt durch einen Gazevorhang, der auch als Projektionsfläche für die handlungsunterstreichenden Videos dient.

Das Stadttheater Minden hat nicht nur kein eigenes Ensemble, es hat auch kein eigenes Orchester. Dazu kommt die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford, ein Landesorchester Nordrhein-Westfalens.

Die Götterdämmerung einmal nicht von einem routinierten Opernorchester zu hören, das gestern Schönberg, heute Gluck und morgen Rossini spielt, sondern von einem renommierten Sinfonieorchester, war sensationell! Glasklarer Klang, perfekt musiziert, kein Schleppen, Wackeln, Scheppern, einfach wunderbar von Dirigent Frank Beermann geleitet. Schwelgerische Klänge waren es nicht, eher sachlich kühle, aber aufbrausende Dramatik.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : 3. Aufzug Die Rheintöchter © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : 3. Aufzug Die Rheintöchter © Friedrich Luchterhandt

Die Inszenierung des Abends gestaltete Gerd Heinz, der hauptsächlich vom Sprechtheater kommt und offensichtlich eine ganz andere Herangehensweise ans Musiktheater hat, als der übliche Opernregisseur. Hier wurde das Werk auf die Bühne gebracht. Kein Umdeuten in abstruse Richtungen, kein „Wir verlegen die Handlung in eine andere Zeit“, die dann gerne mit wohlbekannten Uniformen bebildert wird, keine längst abgegriffene Kapitalismuskritik. Diese Götterdämmerung spielte jetzt. Ein zeitloses Irgendwann-Jetzt, sind doch Handlung und Aussage des Werkes ebenso zeitlos und allgemeingültig. Jede kleinste Bewegung, jede Geste, jedes Minenspiel war feinst durchdacht, die Sänger auf der Bühne dadurch fast noch mehr Schauspieler als Sänger. Ein solches Zusammenspiel von Musik und Geschehen auf der Bühne habe ich selten erlebt!

Da der kleine Orchestergraben nicht als solcher benutzt wurde, ragte die Bühnen-konstruktion in ihn hinein; mit rege bespielten Treppen nach unten ergab sich eine ungewohnte Dreidimensionalität der Bühne. Das Publikum saß quasi mitten im Geschehen, unmittelbar vor den Protagonisten des Dramas auf der Bühne.

 Götterdämmerung mit exquisiter Sängerriege- Große Stimmen – In allen Partien

Siegfried und Brünnhilde, zwei mörderische Partien, die so manchen Weltstar gelegentlich in die Knie zwingen, wurde hier dargebracht, als gäb es kaum Leichteres zu singen auf der Welt. Thomas Mohr gab den Siegfried mit durchschlagskräftigem Tenor, der genauso die zarten Partien fein nuanciert bieten konnte, wie die wütenden Ausbrüche ohne dabei forciert oder auch nur angestrengt zu klingen. Eine große Leistung!

Dara Hobbs´ Brünnhilde überflutete  das Werk mit ihrem wundervoll geführten Sopran, der bruchlos von der Tiefe bis in die Spitzen kommt und dabei noch beachtliche Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Dazu kommt bei ihr eine bewundernswerte Textverständlichkeit. Selbst wenn man den Text nicht mittlerweile auswendig kennt, konnte man jedem Wort folgen.

Renatus Mészár und Magdalena Anna Hofmann als Gunther und Gutrune, bildeten einen stimmlich wie darstellerisch sehr schönen Gegenpart zu dem Heldenpaar und standen ihnen in der Bühnenwirkung in nichts nach.

Einen geradezu etwas diabolisch auftretenden Hagen gestaltete Andreas Hörl mit rabenschwarzem und für dieses Haus fast überdimensioniertem Bass. Eine gewaltige Stimme, deren Durchschlagskraft und Eindringlichkeit man sich beim besten Willen nicht entziehen konnte. Alberich Frank Blees gemahnte seinen Sohn Hagen mit verschlagener Bösartigkeit aber schöner Stimme zur Treue an der Familienbande.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Die Sensation an diesem denkwürdigen Abend war allerdings die Waltraute von Kathrin Göring. Panisch und angstzerfressen fegte sie auf und über die Bühne und bot eine Dramatik in der Stimme, wie ich sie noch nie live erlebt habe! Schauer konnten einem bei ihrer Erzählung über den Rücken laufen, eine ganz, ganz große Leistung!

 Richard Wagner - Blickt hinab auf "Die Geweihten" © IOCO

Richard Wagner – Blickt hinab auf „Die Geweihten“ © IOCO

Tiina Pentinen, Christine Buffle und Julia Bauer als Nornen und Rheintöchter rundeten das Ensemble sehr wohlklingend und ansehnlich ab.

Im nächsten Jahr gibt es im westfälischen Bayreuth nun den Ring komplett. Zwei Zyklen werden nacheinander gegeben. Bei einem werde ich ganz bestimmt dabei sein. Ob ich auch ins fränkische Bayreuth fahre ist noch offen.

Bedenken will ichs, wer weiss was ich tu…

 

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