Belgien, Opera Vlaanderen – Antwerpen, Les Bienveillantes – Hector Parra, IOCO Kritik, 27.04.2019

April 26, 2019 by  
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Opera Vlaanderen in Antwerpen © Ilse Liekens

Opera Vlaanderen in Antwerpen © Ilse Liekens

Opera Vlaanderen

LES BIENVEILLANTES (Die Wohlgesinnten) – Hector Parra

Uraufführung der Opera Vlaanderen,  Antwerpen

von Ingo Hamacher

Mit langanhaltendem Applaus feierte das Publikum der Welturaufführung von Hector Parras LES BIENVEILLANTES einvernehmlich einen großartigen Premierenabend, der insgesamt als Grenzerfahrung in Erinnerung bleiben wird. Jonathan Littell, anwesender Autor der der Produktion zu Grunde liegenden Romanvorlage, nach eigenen Angaben hat er zum ersten Mal eine der inzwischen wohl 16 Bühnenadaptionen seines Werkes besucht – die Idee der musikdramatischen Bearbeitung des Textes habe ihn besonders gereizt – zeigte sich ebenfalls begeistert.

Les Bienveillantes   –  Hector Parra
youtube Trailer des Opera Ballet Vlaanderen
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Nicht nur das Theater ist mit dieser Produktion deutlich überfordert. Der Bühnenvorhang will sich weder zum Beginn der Pause noch zum Ende der Aufführung schließen lassen. Auch das Publikum ließ deutliche Stress-Symptome erkennen. Trotzdem war der Publikumsschwund in der Pause minimal. Die Besucher wussten worauf sie sich einlassen würden; ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das Produktionsteam hat sich mit dem äußerst komplexen Roman Les bienveillantes über den charmanten, kultivierten, aber moralisch verdorbenen SS-Offizier Max Aue befasst, der nicht nur Zeuge, sondern auch Mittäter des Schreckens des 2. Weltkriegs wird, ohne jedoch zur Verantwortung gezogen zu werden.

Opera Vlaanderen in Antwerpen / hier der spektakuläre Besuchersaal © Melanie Kirchner

Opera Vlaanderen in Antwerpen / hier der spektakuläre Besuchersaal © Melanie Kirchner

Max behauptet, dass wir alle so handeln würden wie er, wenn wir uns in der gleichen Lage befänden. Und in seiner intellektuellen, bildungsorientierten und musikliebenden Haltung trägt er sich uns als Identifikationsobjekt geradezu an: Max Aue ist wie wir! Wir sind wie Max Aue! – Ich bin wie Max Aue… Die nahegelegte und naheliegende Identifikation mit dem durchaus sympathischen Protagonisten wird im weiteren Verlauf der Handlung noch zu einer Reihe von äußerst verstörenden emotionalen Erlebnissen des Betrachters führen.

 Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg und dem Teatro Real Madrid

Der Titel bezieht sich auf den letzten Teil der Orestie von Aischylos, Titel Die Eumeniden (deutsch: Die Wohlgesinnten). Aischylos redet damit jene auch als ‚Erinnyen‘ bezeichneten Rachegöttinnen aus der griechischen Mythologie auf wohlmeinende Weise an, um ihren Zorn zu beschwichtigen. Eine andere Verbindung mit der griechischen Tragödie ist in der Oper die Anwesenheit des Chors. In seiner stimmstarken großen Präsenz verunmöglicht er dem Betrachter den oft gehegten Wunsch nach emotionaler Distanz, da er die Zuhörer mit der Macht des Gesangs und der entsprechenden Lautstärke direkt mit in das Handlungsgeschehen zieht.

Die französische Presse und Öffentlichkeit reagierten im Herbst 2006 größtenteils enthusiastisch auf Littells Werk Les bienveillantes. So sprach ein Kritiker in Le Monde von einem der „eindrucksvollsten Bücher, das je über den Nazismus geschrieben wurde“. Auch in Deutschland entwickelte sich schnell eine lebhafte, jedoch kontroverse Debatte.
Peter Schöttler, Historiker, äußerte: „Hier wird dauernd geballert, geschossen und gemordet, es spritzt das Blut und das Sperma und die Gehirnmasse – über Seiten hinweg. Offensichtlich hat der Autor da ein gewisses Vergnügen.“

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Thomas Steinfeld kritisierte den 1.400 Seiten starken Roman als „pornographisches Werk“ und „monströses Buch“. Michel Friedman warnte davor, das Judentum des Autors in den Vordergrund zu stellen, und hielt Littells Roman für „überschätzt und gefährlich“ zugleich. Die Historikerin Nili Keren lobte, dass Littell mit seinem Buch das Tabu einer Auseinandersetzung mit der Psyche der Täter gebrochen habe.

Ziel der Opern-Produktion sei es gewesen, die Inszenierung nicht als Bebilderung der Romanvorlage zu gestalten. Uniformen und Transportzüge ins Konzentrationslager als plakative Symbole seien nicht gewollt gewesen. Es sei darum gegangen, eine dramatische Ebene innerhalb des literarischen Materials zu entwickeln. Der Zuschauer soll sich in den halluzinierenden Geist der Hauptfigur Max versetzen. Die inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester und der Mord an Max’ Eltern sind in dieser Inszenierung wichtige psychologische Schlüsselereignisse zum Verständnis der Entwicklung vor dem historischen Hintergrund des 2. Weltkriegs.

Die Struktur des Romans beruht auf einer Barocksuite, die aus aufeinander folgenden Tänzen besteht und von einer Toccata eingeleitet wird. Parra behält diese Struktur bei und verwendete auch die Johannespassion von Bach als Grundlage für seine Partitur. Es gibt aber nach Aussage Parras noch andere Zitate, die ihren Weg in die Oper gefunden haben wie u. a. Schostakowitsch, der eine Symphonie mit dem Titel Babi Jar [Schauplatz des größten einzelnen Massakers an jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg, das unter der Verantwortung des Heeres der Wehrmacht durchgeführt wurde.] geschrieben hat und Bergs Wozzeck – ein Werk, das als „Kriegsoper”, aber auch als Werk über die menschliche Existenz viele Berührungspunkte mit Les Bienveillantes hat, während Bergs Lulu eine große Nähe zu Berlin und Max’ sinnlichen Abenteuern aufweist.

Dann waren da noch Die Soldaten von Zimmermann und die Siebte Symphonie von Anton Bruckner, die – wie im Roman erzählt wird – nach der Niederlage bei Stalingrad im deutschen Radio erklang. In der Oper wird die Musik selbst zum Drama und verweist auf die reiche Musikkultur von Max Aue. Hector Parra beschreibt seine Partitur als einen „Käfig voller Resonanzen” des westlichen musikalischen Erbes. Insgesamt liegt der Musik etwas stark soghaftes, leicht zu hörendes zu Grunde. Wie ein kaum zu fassender Sirenengesang, fast hypnotisch, dringt diese Musik in uns ein, und erweckt die emotionale Bereitschaft zu folgen und uns führen zu lassen.       Wir werden es bereuen.

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Die Handlung

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf eine leere Bühne frei. Weiße Wände. Neonlicht. Ein Tisch. — Der ehemalige Nazi-Offizier Max Aue blickt auf seine Vergangenheit zurück. Drei Damen betreten die Bühne, eine von ihnen beschmiert eine Stelle der Bühnenwand mit Scheiße. Max hat eine besondere Vorliebe für die französische Barockmusik und J.S. Bach. Mit Unterstützung des SS-Offiziers Thomas Hauser, den er in Berlin kennenlernt, macht er Karriere. Thomas wird zu einem engen Freund und Vertrauten. Er rettet Max mehrmals aus gefährlichen Situationen. Wir folgen Max durch die Geschichte des Dritten Reichs und hören seine innere Stimme.

Max scheißt auf die Bühne und kotzt. Es wird im Verlauf des Abends noch viel geschissen und gekotzt werden. Wir vernehmen, dass er und seine Schwester Una in jungen Jahren voneinander getrennt wurden, als sich herausstellte, dass sie eine inzestuöse Beziehung hatten. Ein alter, nackter Mann betritt die Bühne, geht zum vorderen Bühnenrand und stirbt. Er wird die nächsten 1 1/2 Stunden dort liegen bleiben.

Da Max seine einzige weibliche Liebe verloren hat, wendet er sich zukünftig in sexueller Hinsicht Männern zu. Max Vater verschwand auf mysteriöse Weise. Die Mutter heiratete den Franzosen Aristide Moreau, den Max abgrundtief hasst. Der immer wieder auftretende Chor besudelt die Bühenwände mit Fäkalschlamm und flutet damit den Bühnenboden. Max geht als Offizier der Einsatzgruppen in die Ukraine, wo er zum ersten Mal mit der Massenvernichtung der Juden konfrontiert wird. Eine junge nackte Frau wird auf die Bühne geführt. Auf dem Tisch stehend, mit einer Hand nach oben gebunden, wird sie unzählige Male sexuell mißbraucht und gefoltert. Es fließt Blut.

Etwa 45 Minuten nach Beginn der Aufführung stellt sich bei mir eine schwer niederzukämpfende Übelkeit ein. Ich beherzige den Trick, der Max Aue zu Beginn der Oper von seinem Freund verraten wurde: Immer flach durch den Mund atmen. Nach einer Viertelstunde ist der Brechreiz vorüber. Max wird nach Stalingrad geschickt, wo er wie durch ein Wunder dem Tod entkommt. Oft war Kannibalismus die einzige Möglichkeit, dem zwangsläufigen Hungertod zu entgehen. Auch Max ernährt sich von den beiden, inzwischen auf dem Tisch gestapelten Leichen.

Nach gut einer Stunde macht mir eine starke nervöse Anspannung zu schaffen. Mein Köper fühlt sich an wie wund; ich möchte, dass das alles so schnell wie möglich aufhört. Es wird aber noch 30 Minuten dauern, bis wir in die Pause entlassen werden. Die Leichen werden von der Bühne geschafft, wodurch es erträglicher wird. Nach vielen Jahren völliger Funkstille sucht Max seine Mutter in Antibes auf. Ein Flügel fliegt aus dem Schnürboden auf die Bühne ein. Eine Pianistin beginnt ein unendlich lyrisches Spiel und fliegt in Zeitlupentempo mit dem Flügel davon. Max erschlägt seinen Stiefvater mit der Axt und erdrosselt seine Mutter. Vom balsamischen Klavierspiel eingenommen, kann ich diesen Teil der Handlung regelrecht genießen. Max Aues Perversionen haben sich auf mich übertragen.

Pause: Ein belgisches Bier erfrischt

Der zweite, deutlich kürzere Teil der Handlung ist emotional kein größeres Problem. Wieder zurück in Deutschland stößt Max auf die Kriminalbeamten Clemens und Weser, die ihn des Mordes an seiner Mutter und seinem Stiefvater verdächtigen. Max spielt eine wichtige Rolle bei der Organisation der Zwangsarbeit der Juden in der deutschen Kriegsindustrie. Die Solisten und der Chor wälzen sich auf der Bühne in Fäkalschlamm. Max flieht vor den vorrückenden russischen Streitkräften in das Landhaus seiner Schwester in Pommern, wo er sich seinen sexuellen Fantasien hingibt. Er sehnt sich nach der Wiedervereinigung mit seiner abwesenden und inzwischen verheirateten Schwester Una.

Wieder auf der Flucht landet er im Inferno der Bombenangriffe auf Berlin. Eine in ihrer Lächerlichkeit und Sinnlosigkeit nur schwer zu ertragene Szene schildert eine Ordensverleihung an Max Aue durch Adolf Hitler, bei der Aue Hitler in die Nase beißt. Max beginnt ein neues Leben, duscht sich nackt auf der Bühne den Fäkalschlamm vom Leibe, bleibt jedoch allein „mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten [d.i. die Rachegöttinnen] hatten meine Spur wieder aufgenommen.

So die letzten Worte des Romans und auf der Bühne….

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen


Neben dem großen Umfang des Romans gab es bei der Übertragung ins Musiktheater auch andere Probleme wie beispielweise die riesige Anzahl von Figuren und die vielen Spielorte der Geschichte. Da Max Aue zwischen zwei Kulturen – der deutschen und der französischen – lebt, ist auch das Libretto zweisprachig. Französisch ist die Sprache seiner Jugend, aber auch seines neuen Lebens nach der Nazizeit. Die Übertitelung erfolgt auf Englisch und Flämisch, jedoch ist die Textverständlichkeit auf erstaunliche Art so gut, dass sich einem deutschsprachigen Zuhörer die Handlung ohne Unterstützung erschließt.

Ein weiterer Aspekt aus dem Roman, der bei der Übertragung in das Libretto übernommen wurde, ist das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realität und Traum. Les Bienveillantes ist Musiktheater, das irgendwo zwischen Oper und Oratorium anzusiedeln ist. Insgesamt geht es um die Stimmen der Täter, um eine Polyphonie, die die Austauschbarkeit der Henker zum Ausdruck bringt. Hinzu kommt eine kontinuierliche Mischung innerer und äußerer Stimmen.

Die Oper handelt von menschlicher Grausamkeit, von der Fähigkeit des Menschen, unfassbare Verbrechen gegen die eigene Spezies zu begehen, aber auch von der Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit des Menschen selbst.

Besondere Ovationen für die Leistung des Tenor Peter Tantsits als Max Aue, der  während der gesamten Dauer der Oper (drei Stunden) ohne Unterbrechung auf der Bühne steht und zwei Stunden singen muss. Es sei nicht leicht gewesen, die Partie zu besetzen, hatte uns das Produktionsteam im Vorfeld verraten.

Mitwirkende:

Musikalische Leitung: Peter Rundel, (* 1958 in Friedrichshafen) ist ein deutscher Geiger und Dirigent. Er studierte Violine und Komposition; bei Michael Gielen und Pèter Eötvös Dirigieren. Seit 1987 ist Peter Rundel international als Dirigent tätig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist zeitgenössische Musik.

Regie: Calixto Bieito, (* 1963 in Spanien) ist ein Opern- und Schauspielregisseur. Er hat sich als „Skandalregisseur“ mit modernen, expressiv-gewalttätig zugespitzten oder bewusst sexualisierten Operninszenierungen einen Ruf geschaffen.

Komposition: Hèctor Parra (* 1976 in Barcelona),  Les Bienveillantes ist die sechste große Musiktheaterproduktion für den katalanischen Komponisten Hèctor Parra. Seine Kompositionen werden von den bekanntesten und renommiertesten Ensembles der Welt aufgeführt. Seine Musik – inspiriert von Bach, Entdeckungen der modernen Wissenschaft und Dichter wie Celan und Tsvetajeva – verbindet kraftvolle Musikstrukturen mit einer unglaublich intuitiven und direkten dramatischen Kompositionsweise.

Libretto: Händl Klaus,  (* 1969), ist österreichischer Schriftsteller, Schauspieler, Filmregisseur und Dramatiker. „Die Wohlmeinenden“ ist sein 8. Opernlibretto. Bereits 2015 hat er „Wilde“ zur gleichnamigen Oper von Hèctor Parra geschrieben.

Bühne: Rebecca Ringst, (* 1975) lebt in ihrer Heimatstadt Berlin. Sie studierte in Dresden, wo sie 2002 als Bühnen- und Kostümbildnerin graduiert wurde. Ergänzende Studien mit dem Schwerpunkt Video führten sie an die Escola Superior de Disseny nach Barcelona. Ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Calixto Bieito began 2006. Diese künstlerische Partnerschaft führte sie in an zahlreiche Opern- und Schauspielhäuser der internationalen Szene.

Licht: Michael Bauer – zählt in der Lichtgestalter-Szene zu den hochgeschätzten Koryphäen. Seine kreativen Lichtbilder gelten als innovativ und wegweisend. Seit 1998 ist er als Leiter der Beleuchtungsabteilung an der Bayerischen Staatsoper verantwortlich für die Lichtinszenierungen von ungezählten Opern.

Kostüme: Ingo Krügler – studierte Kostüm- und Modedesign in Berlin und London und arbeitete bei Gaultier und John Galliano in Paris. Mit Calixto Bieito verbindet ihn seit Jen?fa an der Oper Stuttgart eine enge Zusammenarbeit.

Dramaturgie: Luc Joosten – war als Schauspieldramaturg in Antwerpen und Gent tätig. Seit der Saison 2010/11 ist er Chefdramaturg von De Vlaamse Opera Antwerpen.

Chorleitung: Jan Schweiger  –  Sein Studium im Chor- und Orchesterdirigieren absolvierte der gebürtige Österreicher an der Universität Mozarteum in Salzburg. Seit der Spielzeit 2013|14 ist Jan Schweiger Chorleiter an der Vlaamse Opera in Antwerpen, Belgien. Er führt den großartigen und klangstarken Opernchor souverän.

Besetzung

Maximilian Aue: Peter Tantsits
Peter Tantsits stammt aus Amerika und widmet sich mit seinem beweglichen und klangschönen hohen Tenor intensiv dem modernen und zeitgenössischen Musiktheater

Una Moreau, Schwester: Rachel Harnisch
Rachel Harnisch (* 1973) ist eine Schweizer Sopranistin. Sie ist gleichermaßen auf der Opernbühne wie im Konzertsaal zu Hause.

Héloïse Aue, Mutter: Natascha Petrinsky
Die in Wien geborene Mezzosopranistin Natascha Petrinsky begann ihre Karriere in Tel Aviv und war seit dem an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt zu Gast.

Aristide Moreau: David Alegret
Der 1974 in Barcelona geborene Tenor, studierte Gesang in Barcelona und Basel. Er gastiert an zahlreichen Opernhäusern, wie er auch als Konzertsänger auftritt.

Dr. Mandelbrod /Grafhorst /Kaltenbrunner: Gianluca Zampieri, italienischer Tenor war bisher in über 65 Opernrollen zu erleben.

Thomas Hauser: Günter Papendell (* 1975 in Krefeld) ist deutscher Opern-, Oratorien-, Lied- und Konzertsänger (Bariton).

Kommissar Clemens/Hafner/Hauptmann 1: Michael J. Scott (* 1981), Tenor, ist ein amerikanischer Sänger und Schauspieler.

Kommissar Weser/Hartl/Ober/Bierkamp/Hauptmann 2: Donald Thomson, ein junger schottische Bassbariton.

Blobel/ Hohenegg/Organist: Claudio Otelli. Der Bassbariton geboren in Österreich, absolvierte sein Gesangsstudium an der Wiener Musikhochschule und war anschließend Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper.

Quartett 1./Hilde/Frau 1.: Hanne Roos – 2004 startete die belgische Sopranistin Hanne Roos ihre professionelle Gesangsausbildung am Royal Music Conservatory in Gent.

Quartett 2./Helga/Frau 2.: Maria Fiselier – Die niederländische Mezzosopranistin Maria Fiselier gilt als eine der aufstrebenden europäischen Künstlerinnen und wird für ihre „außergewöhnlich warme, opulente Stimme, die mit Sensibilität verwendet wird“ gelobt.

Quartett 3.: Denzil Delaere  –  Der belgische Tenor Denzil Delaere schloss sein Studium 2008 mit der höchsten Auszeichnung an der School of Art in Gent ab. In der laufenden Saison 2018/2019 singt Denzil Delaere in mehreren Produktionen in der Vlaamse Opera.

Quartett 4./Hans/Mann/Russe: Kris Belligh, belgischer Bariton.

Hedwig: Sandra Paelinck, Altistin. Seit 2006 ist Sandra Mitglied des Chores of Opera Flanders. Inzwischen tritt sie zunehmend als Solistin auf.

Schupo: Erik Dello, belgischer Tenor,  Schupo: Dejan Toshev, mazedonischer Tenor,  Schupo: Mark Gough

Sinfonieorchester der Oper Flandern,  Chor der Oper Flandern

—| IOCO Kritik Opera Vlaanderen |—

Berlin, Komische Oper, La Bohème – Giacomo Puccini , IOCO Kritik, 01.02.2019

Februar 1, 2019 by  
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Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin © IOCO

Komische Oper Berlin © IOCO

La Bohème – Giacomo Puccini

– Selfie mit Mimi – Erinnerungen an eine vergangene Zukunft –

von Kerstin Schweiger

 „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist der Titel eines Aufsatzes des Philosophen Walter Benjamin, den er 50 Jahre nach der Uraufführung von La Bohème 1935 veröffentlichte. Darin stellt er u.a. die Theorie auf, dass ein Kunstwerk, ein Gemälde, eine Zeichnung, im Augenblick lebendig ist und in diesem Augenblick eine für den Rezipienten erkennbare einzigartige Aura hat. Mit der Reproduzierung von Kunstwerken durch technische Mittel, wie z.B. in der Fotografie verliert das Kunstwerk die Aura.

La Bohème  –  Giacomo Puccini
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Der Boheme-Begriff, den Puccini für seine Oper aufgriff, besitzt selbst eine einzigartige Aura, die in dem Sein und Denken der handelnden Figuren und in der musikalischen und textlichen Struktur dieser Oper selbst begründet liegt. Sie sind Bohémiens, ein Typus junger Leute, die unkonventionell und anti-bürgerlich das Leben, die Liebe, die Kunst und sogar die Armut feiern. Hedonisten der Kunst, Sprachakrobaten, Narzisten, großherzige Egoisten. Eine „Generation Selfie“, wie sie der französische Schriftsteller Henri Murger zu seiner Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts als Porträt seiner Freunde und Rückgriff auf sein eigenes Leben im legendären Pariser Künstlerviertel verewigte.

Murger hatte mit seinen „Scènes de la Vie de Bohème“ eine Art Blog geschrieben. Der Roman und die 1896 uraufgeführte Oper schildern das Leiden, Feiern und Lieben einer frühen Subkultur, die in der Folge der Julirevolution 1830 in Frankreich die liberale bürgerliche Bewegung in Europa stärkte.

La Bohème  – Einführung von Regisseur Barrie Kosky
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Murger verbrachte Jugend unter den Buveurs d’eau („Wassertrinkern“), einer Gruppe von Bohémiens im Pariser Quartier Latin. In seinem Roman tauchten seine realen Freunde auf. Im Vorwort seines Romans heisst es: „Die Bohème hat ihre eigentümliche Sprache, einen Jargon. Ihr Wörterbuch ist die Hölle der Rhetorik und das Himmelreich des Neologismus … Ein fröhliches, ein schreckliches Dasein!!“

Henri Murger Paris © IOCO

Henri Murger Paris © IOCO

Puccini selbst hatte, während er die Oper schrieb, den „Club La Bohème“ gegründet. Als eine Erinnerung einer Gruppe von Künstlern, Malern, Schriftstellern an gemeinsame Jugendjahre. Er ruft den Geist des Romanciers Henry Murger auf und transportiert ihn ins Heute. Und so wird Puccinis Oper La Bohéme zu einem Kunstwerk der Selfisten.

Benjamins Theorie und Murgers Hintergrund zu kennen, erleichtert es, den Kunstgriff zu verstehen und zu genießen, den Barrie Kosky bei seiner Interpretation von Puccinis „La Bohème“ 2019 an der Komischen Oper wählt. Denn Kosky greift folgerichtig die Anfänge der Fotografie um 1860 als einschneidenden Wendepunkt in seiner Inszenierung auf. Sechs junge Menschen zeigen einen Ausschnitt ihrer Lebenswirklichkeit und halten diese auf Fotoplatten fest, vergleichbar dem heutigen Selfie-Modus.

In Jordan de Souza hat Kosky einen musikalischen Mitstreiter, der real und temporeich auf lieblich-süßliche Orchesterromantik verzichtet und stattdessen mit klaren Klängen den Sängerdarstellern die Möglichkeit gibt mit den Orchestermotiven und – Kommentaren in einer Art Alltagssprache zu kommunizieren.

La Bohème  –  Giacomo Puccini
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Jenseits von inflationär eingesetzten Rubati und langgezogenen Tempi, die sich bei der musikalischen Interpretation vielfach eingebürgert haben, liegt der Schwerpunkt auf dem erzählerischen Charakter der Partitur, auf dem musikalisch Konkreten der dramatischen Handlung und der geschilderten Gefühle.

Das Leben ist groß! Und es ist kalt … am Weihnachtsabend um 1830, im Pariser Quartier Latin. Nicht für die Miete, nicht fürs Feuerholz und nicht fürs Festmahl reicht das Geld der Bohémiens Rodolfo, Marcello, Colline und Schaunard. Zwar sind sie mittellos, doch reich an Lebenslust und im Herzen ganz entflammt: Der Poet Rodolfo liebt Mimì, sein Freund Marcello verfällt, einmal mehr, der schönen Musetta. Die Künstler feiern, streiten, leiden und lieben durch den Winter – bis Rodolfo, aus finanzieller Not und Überforderung, die todkranke Mimì verlässt. Erst im letzten Augenblick realisieren er und die Freunde, welche Geschenke die Liebe und ihr Leben sind … doch es ist zu spät.

Dreh- und Angelpunkt von Koskys Inszenierung ist die Fotografie. Auf der großenteils leeren Bühne ist die altertümliche Kamera von Beginn an präsent.

Marcello ist ein Fotograf, der seine Modelle vor künstlichen Hintergrundpanoramen ablichtet, der die Wirklichkeit abbildet so wie es der Schriftsteller Rodolfo als Murgers Alter Ego tut. Er schießt Erinnerungsfotos, die die Liebe, die Unbekümmertheit, den Alltag und schließlich das Sterben von Mimi dokumentieren.

Die Kamera hält, ähnlich wie im Vorwort von Christopher Isherwoods Roman Goodbye to Berlin zitiert, dieses Szenen aus dem Leben der Bohème unkommentiert fest. „Ich bin eine Kamera mit weit geöffneter Blende, passiv aufzeichnend, nicht denkend“. Die Kamera übersieht nichts, sie dokumentiert das Lebensgefühl der Bohèmiens. Der Bezug zu Isherwoods Roman Goodbye to Berlin und der daraus adaptierten Bühnenmusical und der Verfilmung Cabaret liegt nahe.

Komische Oper Berlin /   La Bohème - Auf dem Bild: Günter Papendell (Marcello), Dániel Foki (Schaunard), Jonathan Tetelman (Rodolfo); Philipp Meierhöfer (Colline) © Foto Iko Freese / drama-berlin.de

Komische Oper Berlin /   La Bohème – Auf dem Bild: Günter Papendell (Marcello), Dániel Foki (Schaunard), Jonathan Tetelman (Rodolfo); Philipp Meierhöfer (Colline) © Foto Iko Freese / drama-berlin.de

Rodolfo und Isherwood alias Cliff Bradshaw sind seelenverwandt, Mimi und Musetta Schwestern von Sally Bowles, alle eint jeweils ein riesiges musikalisches Selfie.

Ein Faszinosum wie uns heute die Sehnsucht nach der Weimarer Republik und dem rauschhaftem kolportierten Lebensstils einiger weniger Begünstigter zu packen scheint. Nicht umsonst sind Bohème Sauvage Parties, wo man im Stil der 20er Jahre feiert, oder Volker Kutschers sensationell verfilmte Romane schwer im Trend.

Zum zentralen Gestaltungselement der Ausstattung von Rufus Didwiszus (Bühne) wird die kurz zuvor entwickelte Technik der Daguerreotypie, einer frühen Form der Fotografie. Ihr visueller Charakter zeichnet sich durch metallische Oberflächen und eine grau-schwarze Farbigkeit aus. Eine besondere und ganz charakteristische Einschränkung gibt es beim Betrachten der Bilder: Die Schattenpartien der Aufnahmen werden durch blankes Silber repräsentiert. Die Rückwand der Bühne besteht in Bild 1 und 4 aus riesigen Daguerre-Fotoplatten. Die einst so überraschend lebensnahen, heute aber stark verblassten Abbilder werden zum Sinnbild für Vergänglichkeit: ein vergängliches Leben, eine vergängliche Jugend, eine vergängliche Liebe …

Benjamin definierte den Begriff der „Aura“, als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“. Die Aura besteht gerade aus der Einmaligkeit und der in sich getragenen Geschichte eines Kunstwerks. Folgerichtig ist das zweite Bild im Café Momus eine nachkolorierte Bild-Postkarte, die das Lebensgefühl, die Aura, einer antibürgerlichen hedonistischen Bohème in einem stilisierten Toulouse-Lautrec-Paris abbildet. Varieté-Tänzerinnen, Transvestiten, Nonnen, Kellner, Dandys und Damen, kreisen vor einem fotografischen Paris-Panorama auf der Drehbühne wie auf einem Cabaret angerichtet, vor dem Publikum.

Das Cafe Momus könnte aber genauso gut der Kit Kat Club im Film-Musical Cabaret sein oder das Moka Efti, wenn am Ende dieses Bilds das gesamte Ensemble an der Rampe tanzt. Der legendäre Nachtclub im Berlin der 20er Jahre ist uns durch die Serie Babylon Berlin wieder ins Bewusstsein gerückt.

Komische Oper Berlin / La Bohème - Auf dem Bild: Nadja Mchantaf (Mimì), Günter Papendell (Marcello), Vera-Lotte Böcker (Musetta) © Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / La Bohème – Auf dem Bild: Nadja Mchantaf (Mimì), Günter Papendell (Marcello), Vera-Lotte Böcker (Musetta) © Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Chor und Kinderchor meistern die schnellen Tempi aus dem Graben mit Bravour. Gestalterisch groß zeichnen die Chorsolisten ein lebendes Sittenbild von Toulouse-Lautrecs Postkarten-Paris. Beeindruckend die offenen laufenden Umbauten im Momus-Bild. Die Stage-Hands verschmelzen mit der Szene, bei drehender Bühne zieht ein Panorama-Paris am Zuschauer vorbei.

Ein junges Ensemble aus einem Guss verkörpert mit vibrierender Lebendigkeit Liebe und Leiden der Figuren zwischen Lebenslust und Überlebenskampf: Nadja Mchantaf gibt nach ihren großen Erfolgen als Rusalka, Cendrillon und Tatjana ihr Rollendebüt als Mimì, an der Seite von Jonathan Tetelman als Rodolfo. Mchantaf singt die Partie der Mimi hinreißend mit leichten großartigen Pianissimi, zerbrechlich und genau pointiert mit klarem höhensicheren Sopran. Als Musetta und Marcello sind die Ensemblemitglieder Vera-Lotte Böcker und Günter Papendell zu erleben. Beide voller Spielfreude, mit schönen, klaren durchsetzungsstarken Stimmen. Das vor Spielfreude sprühende Quartett der Freunde ist komplettiert durch Philipp Meierhöfer und Dániel Foki.

Kosky befreit die handelnden Figuren von ihren im Laufe von Abertausenden Aufführungen weltweit seit der Uraufführung 1896 eindimensional gewordenen Rollen-Klischees. Stattdessen erlegt er ihnen auch widersprüchliche Charakterzüge auf. Marcello taumelt sehr betrunken durch die Welt, die er mit der Kamera festhält. Rodolfo findet auch angesichts von Mimis Sterben nicht zu Gesten der Empathie oder konkreter Hilfe, hilflos nur in seinem eigenen Leid. Mimi ist eine toughe selbstbewusste junge Frau, eine Asphaltblume am Montmartre, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, im Karokleid und in Springerstiefeln stolpert sie in Rodolfos Leben.

Das Verhältnis von Jugend zum Tod ist neben der Fotografie Koskys zweites großes Thema. Wechselnden Emotionen, 100%er Liebe, Eifersucht und Hass geben sich die sechs Protagonisten mit dramatischer Grandezza, Humor und Verve hin. Wendepunkt und Schlüsselmoment im dritten Bild ist die Zerstörung der Kamera durch Musetta in ihrer Wut auf den untreuen Marcello. Danach ist Schluss mit Selfies. Das letzte Foto entsteht in der Katastrophe. Die Bohèmiens stehen hilflos und sehen Mimi beim Sterben zu. Mimi stirbt einen schweren Tod, kämpft, und erstarrt im Sitzen. Das Bild friert eint, im Tode fotografiert, bleibt diese Katastrophe für immer konserviert. Erinnerungen an eine bereits vergangene Zukunft.

Als Intendant hat Barrie Kosky die Komische Oper zu einem offenen innovativen Opernhaus gemacht. Im Vorfeld der Premiere ließ Kosky im rbb verlauten, dass seine Intendanz 2022 definitiv zuende ist, er der Komischen Oper aber möglicherweise verbunden und in Berlin bleibe. Für die Berliner Opernszene wäre das ein Hoffnungsschimmer, denn Kosky zählt zu den Regisseuren, die Oper für das Heute verstehbar machen, ein Storyteller modernen Formats für Geschichten mit zeitloser Botschaft.

La Bohème an der Komischen Oper, Berlin; die weiteren Vorstellungen 2.2.; 8.2.; 14.2.; 17.3.; 22.3.; 30.3.; 4.4.2019 und mehr

—| IOCO Kritik Komische Oper Berlin |—

Berlin, Komische Oper Berlin, Die Nase – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik, 24.06.2018

Juni 24, 2018 by  
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Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

DIE NASE  –  Dmitri Schostakowith

– Totale Denaskierung  in  grotesker Revue –

Von Kerstin Schweiger

Barrie Koskys umjubelte Debüt-Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs eigenwilliger Opern-Groteske Die Nase  nach der absurden Erzählung von Nikolai Gogol am Royal Opera House Covent Garden feierte nach einer Zwischenstation in Sydney nun auch an der Komischen Oper in Berlin Premiere. Dmitri Schostakowitschs selten gespielte Oper  Die Nase  basiert auf Nikolai Gogols 1836 erschienener gleichnamigen Erzählung, die vom absurd-grotesken Nasenverlust des eitlen Kollegienassessors Platon Kusmitsch Kowaljow erzählt. Der erst 21-jährige Schostakowitsch vertonte 1927/28 die absurde Geschichte als bizarr-verrücktes Musiktheater.

Handlung:   Eines Morgens nach durchzechter Nacht muss der eitle, geltungssüchtige  Kollegienassessor Kowaljow erschrocken feststellen, dass ihm seine Nase abhanden gekommen ist. Verzweifelt macht er sich auf die Suche. Eine andauernde Nasenlosigkeit würde das gesellschaftliche Aus für ihn bedeuten! Rotzfrech rast inzwischen der respektlose Riecher zu Mannsgröße mutiert durch die Stadt.

Komische Oper Berlin / Die Nase - hier : Ensemble © ikofreese _drama_berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Nase – hier : Ensemble © ikofreese _drama_berlin.de

In der Kathedrale glaubt er, seiner Nase zu begegnen, doch kann er sie nicht überzeugen, bei ihm zu bleiben. Von allen verspottet und verlacht, jagt Kowaljow wie in einem Albtraum dem unabhängig gewordenen Körperteil hinterher, bekommt es jedoch nie zu fassen. Endlich wird ihm die Nase vom Polizeioberhauptmeister höchstpersönlich zurückgebracht, doch will sie nicht im Gesicht haften bleiben! Nach weiteren demütigenden Erfahrungen befindet sich der widerspenstige Gesichtserker schließlich so plötzlich, wie er verschwunden war, wieder an seinem Platz – wo er hoffentlich auch bleibt.

Mit der Wahl des Stückes hatte Kosky einmal mehr den richtigen Riecher. In einer Mischung aus Albtraum und verrückt überzogener Satire inszeniert Barrie Kosky fahrende Rikscha-Tische, karikaturesk überzeichnete Protagonisten und steppende Nasen (Choreographie: Otto Pichler). Knallbunte Kostüme zwischen Folklore und Historismus von Buki Shiff bevölkern einen kühlen, trotz seiner Größe klaustrophobisch wirkenden Raum von Klaus Grünberg und Anne Kuhn. Die surrealistische Geschichte um die Verlustängste und die Paranoia des kleingeistigen Emporkömmlings Kowaljow wird zu einem absurden revueartigen Kaleidoskop der Eitelkeiten.

Kosky arbeitet dabei mit einem so naheliegenden wie geschickten Kunstgriff: die gesamte Personnage trägt übergroße Nasen (laut Kosky stand hier auch Barbra Streisand Patin), nur bei Kowaljow klafft ein knallrotes Loch im Gesicht. Er wird zum Outlaw und ist als Beamter nicht mehr am Drücker sondern gerät als Nasenloser selbst unter Druck.

Komische Oper Berlin / Die Nase  - hier :  Günter Papendell als Kowaljow mit ohne NASE  © ikofreese _drama_berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Nase – hier : Günter Papendell als Kowaljow mit ohne NASE  © ikofreese _drama_berlin.de

Bariton Günter Papendell, dem Haus als Ensemblemitglied 10 Jahre verbunden, zeigt hier in der Hautpartie als eitler, nasenloser Kollegienassessor Kowaljow eine weitere Facette seines Könnens. Papendell wurde zuletzt als Don Giovanni, Jewgeni Onegin und Golaud (Pelléas et Mélisande) im Haus an der Behrenstraße gefeiert. Herausragend wie sein fehlender und vielvermisster Gesichsterker ist Papendell von permanenter Präsenz, gesanglich mit schlankem geschmeidigem durchdringendem Bariton und gleichzeitig ein großartiger Darsteller. Skurril, eindringlich begegnet er den Verwerfungen der Gesellschaft, der Ausgrenzung und gesell. Demontage und dem Verlust der Identität als Nasenträger mit wahnsinniger Intensität.

Die verbleibenden 77 Partien teilt sich ein Ensemble bestehend aus Mitgliedern und regelmäßigen Gästen der Komischen Oper Berlin sowie aus Gästen, die in die Rollen zurückkehren, die sie bereits in London übernommen haben. Auf der einen Seite unter anderen Jens Larsen, Mirka Wagner, Ivan und Ursula Hesse von den Steinen, auf der anderen Seite Rosie Aldridge, Alexander Kravets sowie Alexander Lewis. Mit Kabinettstücken ragen Jens Larsen als Barbier oder Arzt und Rosie Aldridge als Barbierfrau und Moderatorin, Alexander Kravets als Polizeihauptmeister oder Ivan Tursic als Diener Iwan hier stellvertretend aus dem spielfreudigen und musikalisch hochkarätigen Ensemble hinaus.

Und Barrie Kosky lässt einmal mehr die Puppen tanzen. In einer grotesken Revue, in rasendem Tempo mt einer überdrehten Nummernfolge wähnt man sich mehr im Variété als in der Oper. Es wird gesungen, getanzt und musiziert wie unter einer Überdosis Nasentropfen. Und doch ist alles clever durchdacht. Ganz im Sinne Schostakowitschs, der keine Parodie schreiben wollte, seine Musik trotz der überbordenden Anklänge an populäre Musik einen sinfonischen Strom nannte. Und Kosky macht trotz der surrealen Settings klar, dass die kleine Geschichte von großem aktuellem Interesse in Sachen Ausgrenzung und Toleranz ist. Hier ist es die Nase als gesellschaftliches Statussymbol, die über Teilhabe oder Ausgrenzung entscheidet. Ohne Nase kein Schnupfen, ist da ein schwacher Trost, den der destabilisierte Kowaljow hört. Anders als die anderen ist so simpel erzählt wie einleuchtend und aktuell. Schubladendenken, Statussymbole statt Toleranz und Teilhabe.

Da ist jeder gefordert, sich in Sachen Toleranz auch an die eigene Nase zu fassen. Die totale Denaskierung. Auch mit Geschlechterstereotypen wird kräftig gespielt. Ohne Nase ist ein Mann kein Mann, hat keinen gesellschaftlichen Stellenwert.

Komische Oper Berlin / Die Nase  - hier : Ensemble © ikofreese _drama_berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Nase – hier : Ensemble © ikofreese _drama_berlin.de

Mit dieser Botschaft im Hinterkopf tanzen Kosky und sein Team dem Publikum im besten Sinne  auf der Nase herum. Höhepunkt ist die absurd-geniale Steptanznummer der großen Nasen, auf die Kowaljeffs Nase unterwegs trifft. Unterwegs zeigt Schostakowitsch desolate Polizeitruppen, heuchelnde Bürger, die aufgeblasenen Beamtentum, für das der eitle Kollegienassessor Kowaljew steht. Glanzstück die hysterische Rückgabearie des Staatsorgans Wachtmeister, mit hysterischen Juchzern und Countertönen großartig zelebriert von Alexander Kravets.

„Ich bin eine Kamera mit weit geöffneter Blende, passiv aufzeichnend, nicht denkend“, heißt es in Christopher Isherwoods Roman Goodbye to Berlin, der Vorlage des Musicals und der Verfilmung von Cabaret. In diesem Sinne setzen Kosky und seine Bühnenbildner Klaus Grünberg und Anne Kuhn das Szenenbild in einen düsteren viereckigen Rahmen mit Zwischenvorhang und Fisheye-Linse. Ein rundes Podest dient als Zirkuselement, auf dem sich ganze Szenen fokussiert abspielen. Öffnet sich der Raum für große Revueszenen, bevölkern fahrbare Rikschatische die Bühne und bilden den Rahmen für das Bild in der Zeitungsredaktion oder die überdrehten Ensembleszenen, in den es gilt Nase oder Neese.

Schließt sich der plissierte Zwischenvorhang wird auf der Vorbühne in Reihe getanzt. Polizisten oder Schießbudenjahrmarktfiguren stellen abwechselnd Kowaljow oder der renitenten Riechmonstranz nach. Tableaus wie auf einer Cabaret-Anrichteplatte oder eben im gleichnamigen Bühnenetablissement wechseln und überbieten sich in rasend sich steigernder Abwechslung. In gerade einmal knapp zwei Stunden zerstört sich Kowaljows Welt und fügt sich vorläufig wieder zusammen. Die Absurdität der Gogol‘schen Vorlage weitet Kosky noch aus und zieht sie ebenfalls ins Jetzt. In der Zeitungsredaktion werden aus Altpapier Scherenschnitte ausgeschnitten und Fake News produziert.

Das Surrealistische Kasperltheater ist eine Mischung aus Stummfilm, Variété, Dreigroschenoper (gerade einmal zwei Jahre zuvor uraufgeführt), Obrigkeitspersiflage. Im Orchester und auch in den filmschnittartigen Szenenfolgen, hat Schostakowitsch eine dem jungen Sowjetsystem 1930 nicht genehme und konforme nummernrevueartige Musiktheaterform geschaffen, die nach der Uraufführung zeitnah mit Aufführungsverbot belegt war und den erst 22jährigen Komponisten fortan in steter Erwartung einer Verhaftung leben ließ. Auch hier griffen Schubladen. Kosky preist seine Musik als Klang des 20. Jahrhunderts, der alles zuvor Gehörte über Bord warf.

Mit der letzten Neuproduktion der Saison stellt sich auch der designierte Generalmusikdirektor des Hauses Ainars Rubikis vor. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen des lettischen Dirigenten, der mit Beginn der Saison 2018/19 sein Amt antritt.

Der designierte GMD hat mit einem furiosen Dirigat doch bereits hier seinen für die kommende Spielzeit mit Korngolds toter Stadt angekündigten Einstand gegeben. Er treibt Ensemble und das schlagwerkstarke Orchester der Komischen Oper zu immer irrwitzigeren Klangmalereien. Jazz, Polkas, Märsche, Volksweisen treffen auf Filmmusik, kabarettreife Songnummern und die eine oder andere Arie als Ruhepunkt.

Komische Oper Berlin / Die Nase  - hier :  Ensemble mit Günter Papendell als Kowaljow © ikofreese _drama_berlin.de

Komische Oper Berlin / Die Nase – hier : Ensemble mit Günter Papendell als Kowaljow © ikofreese _drama_berlin.de

Aus dem Graben klingelt, schlägt, bläst es, gipfelnd im Zwischenspiel zum 2. Bild, das rein perkussiv ins Extrem dringt und klingt. Zwei Harfen, eine Balalaika, Rummelplatzorgel und eine singende Säge ergänzen die Bläser-Schlagwerklastige Streicherbasis. Schostakowitsch arbeitet auch mit Musik in der Musik (Polizeimarsch, Balaleika, Trauergesang). Auch der Chor der Komischen Oper läuft in den kurzen Szenen darstellerisch wie musikalisch zu Hochform auf.

In Koskys Regie ersetzt insbesondere der akustische Ausdruck das fehlende Riechorgan. Da wird auf der Bühne und im Orchestergraben gerülpst, gepustet, geröhrt und geröchelt, was das Zeug hält. Toneffekte wie bei der Arztuntersuchung zur Wiedereinsetzung der Nase untermalen die filmischen dramaturgischen Kniffe, die Schostakowitsch aus eigenem Erleben als Stummfilmpianist kannte.

Am Ende sitzt die Nase wieder im Gesicht und Kowaljow ist wieder obenauf. Flirtend flaniert er über Boulevards und durch die Caféhäuser. Doch beim ersten Nieser fällt die Nase ab. Beginnt die ganze Chose nun von vorn? Denn er hat nicht gelernt, keine Entwicklung genommen. Sobald die Nase zurück ist, ist er genauso eitel, obrigkeitshörig und arrogant gegen Untergebene wie vorher.

Mit der reumütigen Rückkehr des Riechkolbens endet der tolle Tag einstweilen. Am Ende ist die Nase wieder da – mit einer Überraschung. Von Schostakowitsch in der Uraufführung als inszenierte Publikumskritik ins Stück integriert, stellt bei Kosky eine skurrile BBC-Moderatorin am Ende die Frage, ob man Oper überhaupt so machen kann? Kann man!

Die Nase von Dmitri Schostakowitsch an der Komischen Oper Berlin; Weitere Termine: 16., 24., 28., 30. Jun; 6., 14. Juli 2018

—| IOCO Kritik Komische Oper Berlin |—

 

Berlin, Komische Oper, Premiere Pelléas et Mélisande von Claude Debussy, IOCO Kritik, 15.10.2017

Oktober 31, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Komische Oper Berlin, Kritiken, Oper, Premieren

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

  Pelléas et Mélisande – Claude Debussy

Von GG

Eine in jeder Hinsicht, gelungene Produktion mit der die Komische Oper ihre Saison am 15. Oktober eröffnete. Das „Drame lyrique“ von Claude Debussy, uraufgeführt 1902 an der Pariser Opéra – Comique, ist ein stark symbolträchtiges und psychologisch dichtes Drama, welches Akt-weise durchkomponiert ist  und ohne Arien auskommt, da der Komponist das Gewicht auf den musikalischen Ausdruck des Textes setzt.

In einem in grauen Farbtönen konzipierten Guckkasten-Bühnenbild (Bühnenbild und Licht Klaus Grünberg) findet das Geschehen statt. Geschickt wird die in mehrere Ringe unterteilte Drehbühne eingesetzt, um die Protagonisten auf- und abtreten zu lassen, zueinander oder voneinander weg zu bewegen und das fließende Fortlaufen der einzelnen Bilder zu ermöglichen. Bewusst wird auf Überflüssiges verzichtet und das Drama auf seine Essenz in präziser Personenregie reduziert.

 Komische Oper Berlin / Pelleas et Mélisande © Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin / Pelléas et Mélisande © Monika Rittershaus

Barrie Kosky schafft ein intimes Kammerspiel, indem die Verzweiflung, Sehnsucht, Angst, Bedrohung, Hilflosigkeit und  Zerbrechlichkeit der Figuren in ihrer vollen Dimension und aus nächster Nähe dargestellt wird und den Zuschauer über das ganze Stück in Spannung hält.

Am Dirigentenpult der junge, aus Kanada stammende neue Kapellmeister, Jordan de Souza, der es verstand, nicht nur für den musikalischen Genuss der impressionistischen Klangwelt von Debussy zu sorgen, sondern mit transparenter Präzision die Regiearbeit zusätzlich noch zu unterstützen.

Hervorragend auch die Sänger, angefangen mit der Sopranistin Nadja Mchantaf, die seit 2016 Mitglied des Hauses und bereits durch mehrerer Rollen dem Publikum der Komischen Oper bekannt ist. Anfangs stimmlich noch etwas verhalten, steigerte sie sich dann schnell zu einer bemerkenswerten Leistung. Sowohl gesanglich, wie auch darstellerisch, bot sie eine feingliedrige und intensive Verkörperung der zerbrechlichen und sehnsüchtigen Mélisande und steigerte sich in den Schlussszenen zu wahrer Höchstleistung.

Komische Oper Berlin / Pelléas et Mélisande © Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin / Pelléas et Mélisande © Monika Rittershaus

Der Bariton Dominik Köninger berührte mit seinem schönen Gesang und seiner sensiblen Gestaltung eines zutiefst unsicheren aber höchst emotionalen Pelléas. Ebenfalls begeisternd, Günter Papendell, der mit seinem warmen Bariton einen männlichen, inbrünstigen Golaud facettenreich präsentierte.

Mit schönem, rundem und ausgeglichenem Mezzo sang Nadine Weissmann die Rolle der Genèviève, während der König Arkel vom Bass Jens Larsen bravurös mit gewohntem subtilen schauspielerischen Können charakterisiert wurde. Der junge finnische Bass Samuli Taskinen, Mitglied des Opernstudios, sang die Rolle des Arztes und die Stimme des Hirten.

Die größte Überraschung des Abends bot jedoch der 10 jährige Sänger des Tölzer Knabenchors, Gregor-Michael Hoffmann als Yniold, Golauds Sohn aus erster Ehe. Mit schönem, klaren Knabensopran und seiner großen Bühnenpräsenz absolvierte er sein Bühnendebut mit bewundernswerter Professionalität und begeisterte das Publikum.

Insgesamt ist somit zu sagen, dass es sich hierbei um eine rundum ausgezeichnete Produktion zum Auftakt dieser Jubiläumsspielzeit zum 70 jährigen Bestehen der Komischen Oper unter dem Motto „70 Jahre Zukunft Musiktheater“ handelt – Mit einer vorzüglichen musikalischen Leitung, einem, sowohl vokal wie darstellerisch, tollen Sängerensemble und einer intensiven, auf das Wesentliche meisterlich reduzierten und klugen Inszenierung.

Musiktheater vom Besten!

—| IOCO Kritik Komische Oper Berlin |—

 

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