Cottbus, Staatstheater Cottbus, EFFI BRIEST – Uraufführung, 19.10.2019

Oktober 8, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatstheater Cottbus

cottbus.jpg
Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Uraufführung – EFFI BRIEST – Siegfried Matthus

Libretto Frank Matthus, nach Theodor Fontane, Auftragswerk des Staatstheater Cottbus

Premiere am Samstag, 19. Oktober 2019, 19.30 Uhr

Die Oper Effi Briest von Siegfried Matthus nach dem Roman von Theodor Fontane erlebt am Samstag, 19. Oktober 2019, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus ihre Uraufführung. Das Staatstheater hat sie anlässlich des 200. Geburtstages Fontanes in Auftrag gegeben.

Unter der musikalischen Leitung des kommissarischen Chefdirigenten Alexander Merzyn singen Liudmila Lokaichuk (Effi), Andreas Jäpel (Baron Innstetten), Martin Shalita (Major Crampas), Gesine Forberger (Luise), Ulrich Schneider (Briest) sowie viele weitere Solisten und der Opernchor (Einstudierung: Christian Möbius). Es spielt das Philharmonische Orchester des Staatstheaters. Regie führt Jakob Peters-Messer, Guido Petzold gestaltet Bühne, Video und Licht, die Kostüme entwirft Sven Bindseil.

Die siebzehnjährige Effi Briest wird mit dem doppelt so alten Baron von Innstetten verheiratet, der bereits um ihre Mutter geworben hatte. Innstetten ist ein pflichtbewusster und aufstiegsorientierter preußischer Ministerialbeamter, Effi hingegen eine lebenslustige, bisweilen übermütige junge Frau. Der charmante, theaterbegeisterte Major Crampas bemerkt, dass Effi sich vernachlässigt fühlt. Die beiden beginnen eine kurze Affäre. Als Innstetten Jahre später von diesem Verhältnis erfährt, tötet er Crampas im Duell und verstößt Effi. Auch ihre Eltern lassen sie im Stich.

Siegfried Matthus entfaltet nach dem Libretto von Frank Matthus in über vierzig Szenen und Zwischenspielen das dramaturgisch und musikalisch packende Kaleidoskop jener Welt, die Fontane so gut kannte und beschrieb wie kein anderer.

EFFI BRIEST: Premiere Samstag, 19. Oktober 2019, 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen: Do 24. Oktober, 19.30 Uhr; Do 31. Oktober, 19 Uhr; Fr 22. November, 19.30 Uhr; Sa 21. Dezember, 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

Magdeburg, Theater Magdeburg, Anna Skryleva – Magdeburger Philharmonie, IOCO Kritik, 23.09.2019

September 23, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Theater Magdeburg

theater_magdeburg.jpg

Theater Magdeburg

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

Anna Skryleva – Neue Generalmusikdirektorin am Theater Magdeburg

Einführungskonzert – Leokadiya Kashperova, Alexander Skrjabin

von Thomas Thielemann

Der Umstand, dass die Generalintendantin Karen Stone bevorzugt weibliche Führungskräfte an das Haus bindet, scheint dem Niveau und der Kreativität der Musiksparten des Theater Magdeburg zunehmend gut zu tun. Seit Beginn der Spielzeit 2019/20 ist die 1975 in Moskau geborene Pianistin und Dirigentin Anna Skryleva die Generalmusikdirektorin am Theater Magdeburg. Zunächst ausgebildet am Tschaikowski-Konservatorium lebt sie seit 1999 in Deutschland und komplettierte ihre Ausbildung unter anderem auch bei Simone Young in Hamburg. Ihre Erfolge in  Schleswig-Holstein und Darmstadt haben sie für die Position der Generalintendatin des Theater Magdeburg sehr empfohlen.

Mir ihrer Friedensinitiative „Classic for Peace“ wendet sie sich an Künstler aller Sparten, mit gemeinsamen über vermeintliche Grenzen hinwegsetzenden Projekten gegen Hass und Aggressionen vorzugehen.

 Magdeburger Philharmonie / Anna Skryleva neue Generalmusikdirektorin © Niels Böhme

Magdeburger Philharmonie / Anna Skryleva neue Generalmusikdirektorin © Niels Böhme

Anna Skrylevas Programm ihres 1. Sinfoniekonzertes war so interessant und verheißungsvoll, dass wir es nicht versäumen durften.

Mit der deutschen Erstaufführung  der Sinfonie h-Moll op. 4 ihrer nahezu vergessenen Landsfrau Leokadiya Kashperova (1872-1940) eröffnete sie das Konzert mit einem Engagement für Komponistinnen.

Geboren in einem musikalischen Familienumfeld begann sie vierjährig mit dem Klavierspiel. In den folgenden Jahren erhielt Sie eine gründliche und breite musikalische Ausbildung unter anderem auch in Harmonielehre und Kontrapunkt. Auch beschäftigte sie sich mit musiktheoretischen Phänomenen. Zu ihren wichtigsten Klavier-Lehrern gehörte Anton Rubinstein. Nach Abschluss ihres Kompositionsstudiums 1895 war sie als Klavierlehrerin in St. Petersburg tätig, gab Klavierkonzerte und versuchte sich als Dirigentin. Nach der Jahrhundertwende bemühte sie sich, als Pianistin ihre eigenen Kompositionen auch außerhalb Russlands bekannt zu machen. Beim von Arthur Nikisch geprägten Leipziger Publikum hatte sie am 8. Oktober 1907, eventuell ob ihres etwas burschikosen Auftretens, keine rechte Zustimmung. Dagegen hatte Leokadiya Kashparova in London als Solistin und Kammermusikerin Erfolge.

Ihre Karriere wurde unterbrochen, als sie 1916 den Klavierstudenten und bolschewistischen Revolutionär Sergej Andropow heiratete, so dass sie vielen Musikfreunden nur noch als Strawinskys Klavierlehrerin bekannt ist.

Viele Kompositionen von Leokadiya Kashperova sind verschwunden oder warten im Moskauer Glinka-Museum auf eine Wiederentdeckung. Auch die Sinfonie in h-Moll wurde erst nach über 100 Jahren von Graham Griffith und 2018 vom BBC Concert Orchestra aufgeführt.

Die Deutsche Erstaufführung der h-Moll-Sinfonie öffnete uns ein Fenster und gab einen Blick auf das kompositorische Schaffen Kashperowas. Handwerklich in Ordnung erwies sich die Musik als melodisch und romantisch und ohne größere Höhepunkte. Jedes Mal, wenn sich Blech und Schlagwerke anschickten, eine Eruption zu entfalten, schränkte sich das Geschehen umgehend wieder ein. Es fehlte eigentlich eine eigene Tonsprache. Zu viele Anklänge anderer Komponisten. Am besten gefiel das Allegretto scherzando, in dem russische Volksmusik sehr frisch eingearbeitet war. Die noch entwicklungsfähige Generalmusikdirektorin machte ihrem Orchester akzentuierte Ansagen, die diszipliniert umgesetzt wurden.

Magdeburger Philharmonie / Das philharmonische Orchester © Stefan Horak

Magdeburger Philharmonie / Das Philharmonische Orchester © Stefan Horak

Vor vier Jahren wurde bei Renovierungsarbeiten in einem Nebenraum des Konservatoriums St. Petersburg ein nichtkatalogisierter Stimmensatz aus der Feder Igor Strawinskys gefunden. Nachdem am 21. Juni 1908 sein Lehrer Nikolai Rimsky-Korsakov verstorben war, komponierte Strawinsky für ein Gedenkkonzert im Großen Saal des Konservatoriums ein „Chant funèbre“, ein Begräbnislied. Das bis zur Wiederentdeckung nur einmal aufgeführte Werk ist nach 107 Jahren unter dem Dirigat von Valery Gergiev im Mariinsky Theater erstmals wieder gespielt worden. Für die Musikwissenschaft schließt dieses Opus Nr. 5 eine Lücke in Strawinskys „russischer Phase“.

Mit tiefen, düster-elegischen Klängen lässt Anna Skryleva die zehnminütige Komposition als zweites Stück des Konzertes wie ein Defilee der Orchesterinstrumente am Sarg des Verstorbenen spielen. Jedes Instrument legt seine eigene Melodie als Kranz nieder, während im Hintergrund das Orchester grummelt. Die Komposition des jungen Strawinsky trieb die Generalmusikdirigentin nicht an ihre Grenzen. Dem Gast des Hauses erschloss sich aber dank der Struktur des Stückes, über welch gute Solisten und Stimmgruppen die Magdeburger Philharmonie verfügt.

In der klassisch orientierten Musikwelt gilt der russische Komponist Alexander Skrjabin (1871-1915) für viele als ein Verrückter, als ein Egomane mit allerlei mystischen Vorstellungen. Wer sich aber näher mit ihm beschäftigt, erkennt ihn als genialen stilprägenden Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts. Leider bereits im Alter von 43 Jahren verstorben, hat er sein Schaffen nicht in Ansätzen vollenden können. Dazu kommt, dass Skrjabin ob seiner Freundschaft mit Georgi Plechanow (1856-1918) in Ost und West immer mit einem gewissen Misstrauen gesehen wurde, obwohl er sich in die Auseinandersetzungen  der zwischen-revolutionären Bewegung des zaristischen Russlands nicht eingebracht hatte.

 Theater Magdeburg / Magdeburger Philharmonie hier Lichtinstallationen der Medienkünstler Guido Petzold und Egbert Mittelstädt © Egbert Mittelstädt

Theater Magdeburg / Magdeburger Philharmonie hier Lichtinstallationen der Medienkünstler Guido Petzold und Egbert Mittelstädt © Egbert Mittelstädt

Die Philosophie von Alexander Skrjabin bleibt ungreifbar. Okkultismus, Theosophie, indische Philosophie, Nietzsche, Fichte, Schopenhauer, Symbolismus und Marxismus  baut er zu einem eigenen Denkgebäude, ohne sich einer Tradition verpflichtet zu fühlen. Kunst war für Skrjabin ein Mystisch-religiöser Ritualvorgang, der nur durch Verbindung von Musik, Wort, Licht, Düften, Malerei und Bewegung zur Vollendung gebracht werden könnte. Mit seinen Kompositionen wollte er seine ästhetischen und weltanschaulichen Vorstellungen möglichst vollständig gestalten. Dabei genügten ihm die herkömmlichen Möglichkeiten nicht. Neben Orchester, Chor und Soloinstrumenten bezog er Farben und Bewegungen in seine Kompositionen ein. Zunehmend schafft er sich eine eigene Tonsprache, deren Vollendung sein früher Tod verhinderte.

Die neue Generalmusikdirektorin der Magdeburger Philharmonie gehört zu jenen Kreativen, bei denen sich das Hören von Musik mit Farbempfindungen verbindet. Um ihr Publikum an diesen „synästhetischen Erfahrungen“ zumindest in der Andeutung teilhaben zu lassen, hatte Frau Skryleva die Medienkünstler Egbert Mittelstädt und Guido Petzold eingeladen, um mit Alexander Skrjabins sinfonischer Dichtung op. 60 „Prométhée- Le Poème du Feu“ ( deutsch etwa: Prometheus- Die Dichtung vom Feuer) einen Eindruck zu schaffen. An der Aufführung waren neben dem Magdeburger Opernchor auch die Pianistin und Skrjabin-Expertin Maria Lettberg beteiligt.

Skrjabin komponierte dieses Werk für „großbesetztes Orchester, Soloklavier, Orgel, Chor und Farbenklavier in den Jahren 1909 bis 1910 mit Bezug auf den Gott des Feuers. Auch dachte er an die Einbeziehung von Gerüchen, scheiterte aber an den Möglichkeiten einer Umsetzung seiner Idee. Die Partitur des Komponisten enthält zwei als „Tasteria per Luce“ bezeichnete Stimmen, die den exakten Lichtablauf vorgeben. Die obere Luce-Stimme folgt dem Grundton des Klangzentrums der jeweils sechstönigen Quantenakkorde, während die untere Stimme parallel zum Aufbau der Sinfonie verläuft. Leonid Sabaneev, einem Vertrauten Skrjabins, verdanken wir dazu eine Ton-Farb-Zuordnung. Valery Gergiev stellte das Werk im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele 2019 vor und hatte uns mit der ersten vollständigen Begegnung ob der Komplexität der Darbietung ziemlich überfordert. Vor allem die Lichteffekte lenkten vom Klavierspiel und der Harmonik der sechstönigen Klangzentren, eigentlich eine Vorstufe der erst später entwickelten Zwölfton-Musik, ab. Die Wirkung des sogenannten „Mystischen Akkords“ war dem übergroßen Teil der Hörer ohnehin verloren gegangen.

Mit ihrer Magdeburger Interpretation des Prométhée dürfte Anna Skryleva recht nahe den Vorstellungen des Komponisten gekommen sein. Der massive Druck des mit 84 Musikern besetzten Orchester im Zusammenspiel mit der hervorragend. an Skrjabin geschulten Pianistin Maria Lettberg, unterstützt  vom Opernchor und einer Celesta, meisterten die Tücken der Partitur. Beim mehrfachen Hören gelang es auch die Raffinessen der Komposition zu erfassen, wenn man sich nicht zu sehr von den Arbeiten der beiden Medienkünstlern Guido Petzold und Egbert Mittelstädt ablenken lässt. Ihre Lichteffekte (Foto oben) auf einer Bildwand hinter dem Orchester und an den Deckenabhängungen über dem Parkett entfalten eine nahezu berauschende Wirkung, wenn sie nahezu synchron zur Musik ihre Farbenspiele entwickeln. Ob sich die Medienexperten den empfohlenen Ton-Farbzuordnungen Sabaneev gefolgt sind, kann ich nicht beurteilen, wäre aber auch ohne Belang. Schade nur, dass die komplett schwarze Bühne und die schwarzen Zuschauer-Raumwände einen totalen Übergriff des Farbenrauschs auf den gesamten Raum einschränkten. Ansonsten wäre das Publikum komplett im Lichtrausch eingebunden gewesen.

Ana Skryleva leitete das Spektakel mit bewunderungswerter Übersicht und Präzision und führte so ihr Einstandskonzert zu einem bemerkenswerten Erfolg. Auch wenn sich die Magdeburger nur mit sehr höflichen Applaus und einigen überschaubaren Bravo-Rufen bedankten. Bei den stehenden Ovationen stand ich leider nahezu allein.

—| IOCO Kritik Theater Magdeburg |—

Leipzig, Oper Leipzig, Don Carlo von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 09.11.2017

November 10, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Oper Leipzig

Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Don Carlo von Giuseppe Verdi 

Sternstunde: Fest der Stimmen in Escorial-Schwarz beherrschtem Hell-Dunkel

Von Guido Müller

Die Oper Leipzig hat sich unter den vielen von Verdi autorisierten Fassungen seiner Oper nach Friedrich Schillers riesigem Versdrama für die vieraktige, bis heute am meisten gespielte Mailänder Fassung von 1884 entschieden, in der weniger das Liebesdrama zwischen dem  spanischen Infanten Don Carlos und seiner französischen Stiefmutter Elisabeth von Valois wie in der fünfaktigen französischen Erstfassung als das düstere menschliche und politische Drama um den Marquis Rodrigo de Posa zwischen der Männer-Freundschaft zu Don Carlo, der Loyalität zum König Philipp und dem Freiheitswillen gegen politische und religiöse Unterdrückung im Zentrum steht. So wird der politische Ideendiskurs im Gewand einer Familientragödie auch im Sinne Friedrich Schillers deutlicher.

Oper Leipzig / Don Carlo - Kartal Karagedik in der Oper Marquis de Posa hier als Fotograf © Kartal Karagedik

Oper Leipzig / Don Carlo – Kartal Karagedik in der Oper Marquis de Posa hier als Fotograf © Kartal Karagedik

Und was für ein Ausnahmesänger und ungeheuer präsenter Bühnendarsteller singt in dieser dritten Vorstellung seit der Premiere als Gast aus Hamburg erstmalig in Leipzig diesen Marquis Posa. Der am Beginn einer großen internationalen Karriere stehende deutsch-türkische Bariton Kartal Karagedik sprüht seit dem ersten Auftritt vor schauspielerischem  Charisma und höchster stimmlicher Überzeugungskraft in seiner Paraderolle. Die Figur des Freiheitskämpfers Posa passt ihm wie auf den Leib geschneidert und unwillkürlich muss man an die politischen Verhältnisse seines Heimatlandes Türkei denken.

So werden Kartal Karagediks Duette mit dem eher weichen Freund im Harlekinkostüm, dem mit warmem Schmelz in allen Lagen stimmschön singenden, erfreulich vibratoarmen und darstellerisch überzeugenden südamerikanischen Tenor Gaston Rivero (Don Carlo), der seine sichere Stimme nicht in der Verdi-Tenor-Vitrine ausstellen muss, und vor allem die im Zentrum der Inszenierung stehende große Auseinandersetzung mit dem an allen bedeutenden Opernhäusern singenden düsteren Bass Riccardo Zanellato (König Filippo II.) zu Höhepunkten des Abends. Soweit überhaupt eine musikdramatische Steigerung möglich ist gelingt  sie ihm und dem Infanten in der Konfrontation mit der phänomenalen Kathrin Göring als zugleich eiskalt kontrollierte wie emotional hochexplosive Prinzessin Eboli.  Diese Sängerin ist ein besonderes Juwel der zunächst unterkühlt  und stark kontrolliert wirkenden stimmlichen und darstellerischen Expressivität in dem an kostbaren Stimmen wahrlich nicht armen und so internationalen Leipziger Ensemble, die immer große Steigerungen zeigt.

Oper Leipzig / Don Carlo - hier Gaston Rivero als Don Carlo und Gal James als Elisabetta © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Don Carlo – hier Gaston Rivero als Don Carlo und Gal James als Elisabetta © Kirsten Nijhof

Zu diesen sängerischen Edelsteinen des Leipziger Ensembles zählt  auch die israelische Sopranistin Gal James als Elisabetta, die obwohl reiner Spielball der Intrige zunehmend starkes eigenständiges stimmliches und dramatisches Profil über die Opferrolle hinaus gewinnt.

Dies wiederum fordert die Rolle des Großinquisitors vom ersten Ton an  dem ukrainischen Bass und Gast Ievgen Orlov ab, der sehr ausdrucksstark und mit voller bedrohlicher und zugleich eleganter stimmlicher Präsenz in seiner Rolle überzeugt.

Die junge bayerische Sopranistin Magdalena Hinterdobler, seit 2014 Leipziger Ensemblemitglied, verleiht dem Pagen Tebaldo gesanglich und spielerisch ein gelungenes Profil. Dies gelingt auch in den kleineren Partien gesanglich ausdrucksvoll Randall Jakobsch als Mönch, stimmschön Karin Ullrich als Gräfin d’Aremberg, der griechischen Sopranistin  Danae Kontora als kristallklarer Stimme von oben und dem  ungarischen Chortenor Maté Gálin der Doppelrolle als Graf von Lerma und Herold. Der Chor der Oper Leipzig unter Alessandro  Zuppardo begeistert mit seinem präzisen, homogenen und kraftvollen Gesang.

Der absolute Glücksfall für Sänger, Orchester und Publikum aber dieser  von einem durchgehend großen musikdramatischen Feuer durchglühten und zugleich zutiefst beseelten Aufführung ist die musikalische Leitung  durch Felix Bender. Der junge Dirigent aus Halle (Saale) und zuletzt  kommissarische Generalmusikdirektor in Chemnitz ist ein besonders herausragender Vertreter der Dichte musikalischer Talente und der enorm hohen musikalischen Ausbildungsqualität in Mitteldeutschland.

Oper Leipzig / Don Carlo hier - Danae Kontora als Stimme vom Himmel und der Opernchor der Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Don Carlo hier – Danae Kontora als Stimme vom Himmel und der Opernchor der Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Der vormalige Leipziger Thomaner Felix Bender studierte von 2006 bis 2011 Orchester dirigieren an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Er war u.a. Assistent von Herbert Blomstedt am Leipziger Gewandhaus und bei Heribert Beissel. Als Gast dirigierte Bender bereits das Konzerthausorchester Berlin, das Philharmonische Orchester Ulm, die Staatskapelle Dresden, die Dresdener Philharmoniker und er nahm zahlreiche Rundfunkaufnahmen mit dem MDR Sinfonieorchester auf. Felix Bender dirigiert am Opernhaus Chemnitz mit außergewöhnlicher Anerkennung sowohl beim Publikum wie der Kritik das große Opernrepertoire von Händel und Mozart bis Wagner und Richard Strauß. Außerdem  debütierte er sehr erfolgreich mit Gounods Faust an der Oper Leipzig sowie mit Mozarts Zauberflöte am Aalto-Theater Essen. 2008 erhielt Bender den 1. Preis und den Publikumspreis beim Ring Award in Graz und 2011 wurde er in die Förderung des Dirigentenforums aufgenommen.

Das unter den Weltspitzenorchestern rangierende Gewandhausorchester und der in der  großen Leipziger Tradition des Thomanerchors wie des eleganten und gebildeten Felix  Mendelssohn Bartholdy stehende junge Dirgent Felix Bender harmonieren perfekt zusammen. Sie zeichnen Verdis packendes nervöses Musikdrama Don Carlo, für mich zusammen mit Falstaff sein Hauptwerk, eher mit dem Silberstift auch in aller instrumentalen  Finesse als mit dem breiten goldenen Pinselstrich, der die prächtige Sächsische Staatskapelle oft auszeichnet. Bender ist zudem kein auf billigen und vordergründigen Effekt setzender Blender sondern ein wahrer Kapellmeister der gedanklich tiefen konzeptionellen Durchdringung einer Partitur, die eine ganze Vorstellung auf phänomenale Weise vom ersten Takt bis zum verklingenden Schluss trägt. Da wird Musiktheater zum intellektuellen und sinnlichen Ereignis, das man sich in jeder Vorstellung wünscht.

Felix Bender vermag es mit dem Gewandhausorchester zugleich feinste polyphone instrumentale, melodische, farbklangliche und rhythmische Details der Partitur zum Klingen zu bringen wie den großen musikalischen Bogen über jeden der vier Akte zu schlagen und außerdem noch mit langem Atem zu steigern. Zugleich begleitet er mit diesem Weltklasseorchester in einer sehr feinen und sowohl fordernden wie nie durch Lautstärke überdeckenden Weise die  Sänger in einem intensiven Dialog durch elegante und präzise Zeichengebung und Blickkontakt. Selten habe ich ein so beglückendes und intensives Dirigat erlebt. Bender empfiehlt sich damit besonders nachdrücklich für eine GMD-Stelle, für die Chemnitz leider der Mut zur Berufung nach seinem viel beachteten Intermezzo als Vertreter fehlte. Bender zeigt an diesem Abend, dass er nicht nur ein begnadeter Händel-, Wagner- und Gounod-Dirigent ist sondern auch ein großer Verdi-Interpret.

Zu Sternstunde(n) wird der Abend last-but-not-least aber auch optisch durch das von Escorial-Schwarz beherrschte Hell-Dunkel und atemberaubend schöne Lichtwirkungen der flexiblen Bühnenräume auf der Drehbühne, die simultan sichtbare Handlungen erlaubt in der Bühnenkunst von Markus Meyer und dem immer neu faszinierenden Lichtdesign von Guido  Petzold.

Oper Leipzig / Don Carlo - hier Don Carlo und Ensemble © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Don Carlo – hier Don Carlo und Ensemble © Kirsten Nijhof

Und in diesen magischen Räumen zeigt uns der Regiemeister Jakob Peters-Messers eine sehr feine psychologisch und überaus spannungsvoll choreographierte Personenregie sowohl   der Hauptdarsteller wie der Gruppen des großen Chors und der heraus tretenden Solisten. Durchgehend mit herausragenden Stimmschauspielern stringent und atemberaubend erzählt verzichtet die Inszenierung mit prächtigen und die Personen perfekt charakterisierenden Kostümen (Sven Bindsell) auf ablenkende oderüberinterpretierte aktualisierende Mätzchen.

Das lässt sich kaum mit trockenen Worten nacherzählen, wie perfekt die dramatische Spannung zwischen den Sängerdarstellern von Szene zu Szene im Zusammenspiel mit der genialen Musik Verdis wächst. Auch die immer heiklen Momente mit den Gesandten aus Flandern und dem Autodafé werden optisch und spielerisch ganz besonders glaubwürdig umgesetzt.

Diese Inszenierung und musikalische Umsetzung von Verdis Don Carlo an der Oper Leipzig  sind ein nachdrückliches und ganz besonders überzeugendes Plädoyer für die gewählte Mailänder Fassung und ihre kompositorische und politisch-ideelle Schlagkraft. Daher am Ende großer Jubel des Publikums und besonders nachdrücklicher Beifall und Bravorufe für den herausragenden Dirigenten Felix Bender, den wir hoffentlich nicht nur in Leipzig oder Chemnitz sondern bald auch in einer leitenden Position als Chefdirigent oft wieder erleben  möchten.

—| IOCO Kritik Oper Leipzig |—