Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Hänsel und Gretel – Phantasievoll – Poetisch, IOCO Kritik, 29.12.2017

Dezember 30, 2017 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

Phantasie und Poesie in NTM – Weihnachtsklassiker

Von Uschi Reifenberg

In der Weihnachtszeit und der Zeit zwischen den Jahren, wenn Märchenhaftes, Magisches und Mystisches einen größeren Raum einnehmen, darf an den Opernhäusern landauf- und landab Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel nicht fehlen. So auch am Nationaltheater Mannheim, wo sich die Inszenierung nach Wolfgang Blum aus dem Jahr 1970 auch nach über 300 Aufführungen ungebrochener Beliebtheit bei kleinen und großen Zuhörern erfreut. Auch in Zeiten von Computerspielen und iPod dürfte den meisten Kindern die Geschichte von Hänsel und Gretel geläufig sein. Das Märchen, basierend auf den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, erzählt vom mutigen Geschwisterpaar aus armen Verhältnissen, das aus Hunger und Not in den Wald flieht, die böse Hexe besiegt und die verzauberten Lebkuchenkinder vom Fluch der Hexe erlöst.

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel - hier ausgelassen tanzend © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel – hier ausgelassen tanzend © Hans Jörg Michel

Humperdincksopus magnum“, nach der textlichen Vorlage seiner Schwester Adelheid Wette, zählt sicher zu den bedeutendsten Werken des Musiktheaters. Seine musikalischen Mittel folgen den Prinzipien des durchkomponierten Musikdramas Richard Wagners und verweisen mit Leitmotivik, Textbehandlung und großer Orchesterbesetzung auf das Vorbild des Bayreuther Meisters. Humperdinck, der als Wagners Assistent in Bayreuth mitwirkte, sprach über seine Oper in Anlehnung an den Parsifal auch scherzhaft vom „ Kinderstuben- Weihfestspiel“.

Kompositorisch fand er in seinem Hauptwerk zu seinem eigenen Stil, der unter anderem in der Hinzunahme von Volksliedhaftem und einfachen melodischen Themen zum Ausdruck kommt. Die überaus beliebte Mannheimer Inszenierung verzichtet ganz auf vordergründige Aktualisierung oder intellektuelle Überformung und führt die Zuschauer mit den phantasievoll- poetischen Bühnenbildern von Herbert Stahl in eine ärmliche Wohnstube, einen magischen Zauberwald und zeigt im 3. Bild in einen veritablen Riesen- Backofen mit verführerischem Lebkuchenhaus.

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel - hier der unendlich romantische Abendsegen © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel – hier der unendlich romantische Abendsegen © Hans Jörg Michel

In der ausgefeilten Personenführung von Claudia Plaßwich agieren die Sängerdarsteller punktgenau und mit überbordender Spielfreude. Zu einem besonderen Höhepunkt gerät der Hexenritt auf dem Besen der prächtig kostümierten Rosina Leckermaul, der vor allem von den jüngeren Zuschauern mit lautstarkem Szenenapplaus belohnt wird.

Musiziert wird am Mannheimer Nationaltheater auf hohem Niveau. Thomas Berau als Vater überzeugt in seiner Auftrittsarie mit seinem heldischen Bariton und charakterisiert liebevoll den trinkfreudigen, aber dennoch verantwortungsbewussten Familienvater. Heike Wessels wartet mit hochdramatischen Spitzentönen auf und verleiht der Mutter sowohl gramvoll- leidende Züge als auch ausgelassene Unbeschwertheit im Duett mit ihrem Ehemann. Dass die Textverständlichkeit ein wenig leidet, mag man verzeihen.

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel - hier die erlösten Kinder © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Hänsel und Gretel – hier die erlösten Kinder © Hans Jörg Michel

Maria Markina ist als Hänsel eine Idealbesetzung. Ihr Mezzo klingt warm und voll und ist zu beeindruckenden dramatischen Aufschwüngen fähig. Ebenso keine Wünsche offen lässt Astrid Kessler als Gretel, die ihren wunderschönen lyrischen Sopran in allen Lagen leuchten lässt und im Abendsegen mit hauchzartem piano verzaubert. Auch gestalterisch besticht sie durch Charme und Mädchenhaftigkeit. Iris Marie Sojer, aus dem internationalen Opernstudio, gastierte als Sandmännchen der Extraklasse. Ji Yoon als Taumännchen fügte sich ebenfalls glänzend ins Ensemble ein. Als Hexe zieht Uwe Eikötter wie gewohnt alle stimmlichen und darstellerischen Register und erntet zu Recht am Schluss begeisterten Beifall.

Am Pult führt Wolfgang Wengenroth das ausdrucksstark aufspielende Nationaltheater Orchester zu Bestform. Straffe Tempi im 1. Akt sorgen für volksliedhaft- unbeschwerte Leichtigkeit, was den fortlaufenden Fluss der Dialoge unterstützt. Im 2. Bild findet Wengenroth dann genügend Raum für die stillen, poetischen Momente und lässt die Holzbläser in den schönsten Klangfarben schimmern. Lediglich in der Traumpantomime hätte man sich vom Wagner- erfahrenen Orchester mehr Spannungsaufbau und Opulenz gewünscht.  Gewohnt zuverlässig sang und agierte der Kinderchor.

Das Publikum im restlos ausverkauften Opernhaus entließ alle Mitwirkenden erst nach langem Applaus

Hänsel und Gretel im Nationaltheater Mannheim:  Weitere Vorstellungen am 6.1.2108; 19.1.2018; 28.1.2018 (zum letzten Mal in dieser Spielzeit)

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, Hänsel und Gretel – Ein fröhlich, streitiger Familienalltag, IOCO Kritik, 26.12.2017

Dezember 27, 2017 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

 „Ein Familientag – In allen Facetten“

Von Viktor Jarosch

Deutschlands heimliche Nationaloper Hänsel und Gretel steht um die Weihnachtszeit auf den Spielplänen vieler Theater. Komponist Engelbert Humperdinck (1854 – 1921), ein großer seiner Zunft, hatte 1879 in Italien Richard Wagner kennengelernt und bis zu dessen Tod in 1883 künstlerisch begleitet. 1882 wirkte Humperdinck an der Uraufführung des Parsifal mit. Nach Richard Wagners Tod bat Cosima Wagner Humperdinck, ihren Sohn Siegfried in Kompositionslehre zu unterweisen und auf die Leitung der Bayreuther Festspiele vorzubereiten. So vermittelt die spätromantische Märchenoper Hänsel und Gretel nicht nur menschliche Grundwerte, Geborgenheit und Harmonie. Die Nähe der  Komposition zum Genius Richard Wagner ist zusätzlicher Ansporn für Regisseure.

Dabei entsprang Oper Hänsel und Gretel geradezu einer Laune des „Kompositionsgottes“. Adelheid Wette, Schwester Engelbert Humperdincks, wollte aus der Grimmschen Märchenvorlage zu Hänsel und Gretel menschlich liebenswertes Haustheater schaffen: Gemeinsam mit Schwager Hermann Wette verminderte sie Grausamkeiten der Grimmschen Märchen mit eigenen, herzenden Versen, welche beherztes Handeln auch belohnen, fügt Sand- und Taumännchen hinzu und überzeugte ihren Bruder, dies zu vertonen. Ein „Kinderstubenweihfestspiel“ nannte Humperdinck Hänsel und Gretel, seine Bayreuther Zeit karikierend. 1893 unter Richard Strauss in Weimar uraufgeführt zählt Hänsel und Gretel heute im deutschen Sprachraum wie weltweit zu den meist aufgeführten Opern. Hohe Ansprüche, Erwartungen wie Risiken begleiten so jede Neuinszenierung von Hänsel und Gretel. Die neue Produktion in Wuppertal löst ein dort seit 2006 gespieltes romantisches Märchen für Groß und Klein ab, in dem Frohsinn und Lebensfreude über alltägliche Nöte siegten

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier Gretel frölich zu Hause © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier Gretel frölich zu Hause © Bettina Stöß

Der französisch-italienische Regisseur Denis Krief sucht in seiner Hänsel und Gretel nicht märchenhafte Romantik-Seligkeit. Kriefs Interpretation ist denn dem Irdischen, dem Realen, der Familie als Ganzem, dem Unterbewussten nahe. Schon das erste Bühnenbild ist vielschichtig: Im Vordergrund der Bühne das riesig karge Zimmer der Besenbinders (Foto) durch dessen hintere Bretterwände Reales, Rohre und andere Gegenstände, der Alltag, das Leben erkennbar sind. Die im unbeschwerten Tollen von Hänsel und Gretel (Gretel: Ich liebe Tanz und Fröhlichkeit.., ich bin kein Freund von Traurigkeit..“) sichtbare Leichtigkeit verdrängen die Eltern zum Ende des ersten Bildes, wenn sie, die Knusperhexe „mit kreisender Flasche“ verspottend, auch andere Nöte als ihre Armut andeuten.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier Peter Besenbinder, die Flasche und Projektionen der Träume © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier Peter Besenbinder, die Flasche und Projektionen der Träume © Bettina Stöß

So besteht denn der Wald der Inszenierung „in den sich die Kinder verirrten, ohne Stern und Mond“, so die Sorge des Vaters, aus einer Vielzahl rechteckiger, mit Stoff bespannten Gerüste, in deren Hintergrund beständig schwarze-weiße Schattenrisse und Projektionen reitender Hexen jagen. Krief begleitet so die Handlung auf der Bühne mit dem Unbewussten, dem Unterbewusstsein. Auffällig so der „Abendsegen“ des Märchens: Nicht „Vierzehn Engel“, begleiten Hänsel und Gretel in den Schlaf. Kein zu Herzen gehendes Ballett tanzender Engel sondern, von der Hexe entführte?, Kinder in Alltagskleidung spielen zum Schlaf von Hänsel und Gretel auf der Bühne; geben reale Kinderträume wieder (Choreographie Amy Share-Kissiov). Das folgende Hexenhaus ist nur eine spartanische vom Bühnenhimmel herabgelassene Holzwand, ohne bunten Lebkuchen oder Leckereien. Alle Illusion oder Romantik wird in der Inszenierung reduziert; Unterbewußtes, Reales, nicht Märchenwelten drängen durch die Handlung.

Denis Krief interpretiert die Handlung Hänsel und Gretel in Wuppertal denn weniger als romantischen Kindertraum sondern als vielschichtige, aber gut endende Lebensepisode einer ganzen Familie. Gutes Ende andeutend schließt Peter Besenbinder denn die Oper auch erneut vieldeutig: Eine Schnapsflasche auf den Tisch wegstellend.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier schlafend nach dem Abendsegen im Wald © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier schlafend nach dem Abendsegen im Wald © Bettina Stöß

Die ungewöhnliche Inszenierung fordert das Ensemble gleichsam auf, die Wuppertaler Besucher auch darstellerisch einzufangen in einer Märchen- und Projektionswelt, welche sich von gewohnten Inszenierungen erheblich unterscheidet. Doch dies gelingt durch eine liebevolle, nicht provokative Choreopraphie wie auch stimmlich: Catriona Morison ist Hänsel mit frischem gut verständlichem Mezzo; Ralitsa Ralinova als Gretel mit warmen Sopran eine wunderbare spielfreudige Partnerin. Alexander Marco-Buhrmester als Peter Besenbinder mit kraftvollem Bariton und Belinda Williams als sein Weib Gertrud mit sicherem dramatischem Mezzo sind die zerrissen, glücklichen Eltern.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - das grossartige Ensemble © IOCO

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – das grossartige Ensemble © IOCO

Julia Jones gibt mit Hänsel und Gretel eine starke erste Visitenkarte als Operndirigentin in Wuppertal ab. Jones´ und das Sinfonieorchester Wuppertal lassen mit warmen impressionistischen Klängen beständig Humperdincks Nähe zum „romantischen“ Richard Wagners spüren. Das „Knusperhaus der Polyphonie“, seine Kontraste glühen zwischen einfachen Liedmotiven und kompliziertem Wagner-Stil, die Stimmen des Waldes irrlichtern „mit ungeheurem Reichtum am Modulation“ (so Cosima Wagner zu Humperdincks Werk) durch das Wuppertaler Opernhaus und ergreifen. Dirigat und Orchester dieser Produktion verzauberten und befruchten so die komplexe Inszenierung auf der Bühne.

Mit Julia Jones und dem Sinfonieorchester Wuppertal wird diese Hänsel und Gretel in Wuppertal zu einem empfehlenswerten Erlebnis. Das Publikum der ausverkauften Oper Wuppertal freute sich über eine denkwürdige Inszenierung, dessen ungewohnte Interpretationen zum anregenden Diskussionsstoff für viele Opernfreunde werded.