München, Gärtnerplatztheater, Der Wildschütz von Albert Lortzing, IOCO Kritik, 11.02.2018

Februar 11, 2018 by  
Filed under Kritiken, Oper, Staatstheater am Gärtnerplatz

Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

Der Wildschütz von Albert Lortzing (1801 – 1851)

Von Daniela Zimmermann

Jagen in Bayern ist immer aktuell. Ist es auch Der Wildschütz von Albert Lortzing ?

Lortzing komponierte seinen Wildschütz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Biedermeierzeit, nach dem Lustspiel Der Rehbock des 1819 ermordeten August von Kotzebue. Im wahrsten Sinne des Wortes, ist auch die Handlung des Wildschütz biedermeierlich. Natürlich dreht sich alles um die Jagd nach Liebe und Ansehen, aber dabei eben auch um die bürgerliche Moral und um den adligen Sittenverfall. Damals höchst gesellschaftskritische Themen.

Lortzing war ein Theatertalent, er hatte ein Gespür für das, was gefällt und was das Publikum begeistert. Und so entstand ein komödiantisches Opernlibretto mit einer besonders beschwingten und mitreißenden Musik. Am Sylversterabend 1842 wurde der Wildschütz in Leipzig uraufgeführt und zugleich ein großer Erfolg. Das süffisante Verwechslungsspiel und unterschiedlichste Milieus erfreuten damals wie heute die Besucher.

Gärtnerplatztheater München / Der Wildschütz - hier Jasmina Sakr als Gretchen und Chor des Staatstheaters © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater München / Der Wildschütz – hier Jasmina Sakr als Gretchen und Chor des Staatstheaters © Christian POGO Zach

Der Österreicher Georg Schmiedleitner inzenierte am Gärtnerplatztheater den Wildschütz  am Gärtnerplatztheater mit österreichischem Esprit und Charme.

Die Geschichte ist ein Verwechslungsspiel, das sich zum Schluss zur Lust und Freude aller wundervoll klärt und auflöst. Der Dorfschullehrer Baculus, ein etwas verschrobener, und obendrein dummdreister Typ, von Christoph Seidl, mit kräftigem Bass wunderbar dargestellt, feiert Verlobung mit dem viel jüngeren Gretchen. Da trifft ein Brief des Grafen ein, der dem Schulmeister wegen Wilderei in seinem Revier das Amt und die Würde kostet: Hinnehmen? Nein, es muss mit dem Grafen gesprochen werden, aber wer?  wenn nicht sein Gretchen (Jasmina Sakr). Der Graf von Eberbach, gesungen von Liviu Holender ist natürlich der g…lste Bock im Revier. Großspurig, mit seinem unsentimentalen, robusten Bariton. Da erscheint Baronin Freimann, die Schwester des Grafen (Sophie Mitterhuber) verkleidet als Student. Sie ist die Rettung in der Not. Als Gretchen verkleidet begibt sie sich als Fürbitterin zum Grafen aufs Schloss. Sophie Mitterhuber sang und spielte das Gretchen allerliebst, mit hellem Sopran und reizendem Aussehen.

Im Schloss deklariert die Gräfin Eberbach (Anna Agathonos) Sophokles Antigone Ihr Diener Pankratius, Martin Hausberg, schiebt in dröhnendem Slapstick die Kulissen. Ihre Liebe gehört dem Altertum und als vernachlässigte Ehefrau schwärmt sie für ihren jungen Stallmeister, mit jugendlichem Tenor von Alexandros Tilogiannis, ihrem Bruder,  Baron Kronthal, aber der ist inkognito und sie ahnt nichts von dieser Verwandtschaft. Um das verkleidete Gretchen, die zauberhafte Unschuld vom Lande buhlen jetzt alle, der Baron und der Graf, Der Graf ist sogar bereit für das schöne Gretchen 5000 Taler zu bieten. Aber er will nicht das echte Gretchen, sondern das verkleidete Gretchen. Der Schulmeister wähnte sich schon reich, aber letztlich bleibt ihm sein Gretchen erhalten. Die inkognito Geschwister geben sich zu erkennen und wie soll es anders sein, sie verlieben sich, standesgemäß ineinander. Und der Schulmeister hat nur seinen eigenen Esel erschossen und kein Wild des Grafen. Also zurück in die Schule.

Gärtnerplatztheater München / Der Wildschütz - hier Mathias Hausmann als Graf von Eberbach, Alexandros Tsilogiannis als Baron Kronthal und Chor des Staatstheaters © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater München / Der Wildschütz – hier Mathias Hausmann als Graf von Eberbach, Alexandros Tsilogiannis als Baron Kronthal und Chor des Staatstheaters © Christian POGO Zach

Die große Zielscheibe, das Bühnenbild, entworfen von Harald B. Thor, ist der zentrale Mittelpunkt der Aufführung. Das divergierende Spiel des Lichtes lässt die Scheibe immer wieder anders wirken, mal rot, mal grün, mal violett. Mal geht sie in die Höhe, mal senkt sie sich und sie schwenkt sich auch, zum sichtbaren Abrutschen der Sitten. Röhrende Hirsche und Vierzehnender Esel werden auch auf sie projiziert. Dazu kommt die Drehbühne zum Einsatz auf der in großem Tempo gewalkt wird, nicht nur die Solisten, auch der Chor walkt mit.  Die Zielscheibe wird dann im Schloss zum Billardtisch. Am Billardtisch wird mit den übergroßen Stöcken um Gretchen gekämpft, die als Phallussymbole den Sex, der  diese Oper mit trägt, symbolisieren. Symbolträchtig als Phalli werden auch die Gewehre eingesetzt. In der Billard-Szene singt Baculus die Arie 5000 Taler. Glückselig über den unverhofften Reichtum fährt er auf der Scheibe nach oben gen Himmel, während 3 Teufelchen unter der Scheibe das Geld zählen. Geld wichtiger als Gretchen?  Am Billardtisch fallen sich auch die neu Verliebten in die Arme. Eine zentrale Szenen, die Billardkugeln gleichen den Menschen, die wie diese hin und her geschoben werden.

Gärtnerplatztheater München / Der Wildschütz - hier Chor des Staatstheaters © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater München / Der Wildschütz – hier Chor des Staatstheaters © Christian POGO Zach

Im Orchestergraben dirigiert Brandstätter mit rasantem Tempo und unterstützt damit den modernen Boulevardcharakter dieser Oper. Der Chor ist sehr wandlungsfähig; singt gut und spielt tatkräftig mit. Auch die hell-jungen Stimmen des Kinderchores

Es war perfekt; trotzdem kam das Komödiantische nicht so recht rüber. Wahrscheinlich ist die Biedermeierzeit zu weit entfernt von uns. Auch das Verwechslungsspiel wirkte auch eher etwas ermüdend. Das Komödiantische dieser Oper ist schlichtweg veraltet. Schade, denn in dieser Wildschütz- Produktion steckt viel Aufwand. Leider, zündet es nicht.

—| IOCO Kritik Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, PREMIERE Faust von Charles Gounod, 30.10.2016

Juli 25, 2016 by  
Filed under Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

 Faust von Charles Gounod

Sonntag, 30. Oktober 2016, 18 Uhr, Weitere Vorstellungen: 3.| 6.NM | 11. | 17. November 2016, 16. | 21. | 30. Januar 2017

Musikalische Leitung                                  Marc Soustrot
Regie                                                          Frank Castorf
Bühne                                                        Aleksandar Deni
Kostüme                                                   Adriana Braga Peretzki
Licht                                                          Lothar Baumgarte
Chor                                                           Johannes Knecht
Dramaturgie                                              Ann-Christine Mecke

Besetzung
Faust                                                          Atalla Ayan
Mephistopheles                                         Adam Palka
Valentin                                                     Gezim Myshketa
Wagner                                                      Michael Nagl
Margarethe                                              Mandy Fredrich
Siebel                                                       Sophie Marilley / Josy Santos (11. | 17. Nov)
Marthe Schwerdtlein                               Iris Vermillion / Fredrika Brillembourg (21. | 30. Jan)

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

In Stuttgart war Charles Gounods Oper Faust zuletzt im Jahr 1952 in einer Neuinszenierung zu sehen. Nun präsentiert Frank Castorf, einer der wirkungsmächtigsten Regisseure des Gegenwartstheaters, über 60 Jahre später am Sonntag, 30. Oktober 2016 um 18 Uhr mit seiner Inszenierung dem Stuttgarter Publikum eine neue Sicht auf das Werk. Frank Castorf wird damit erstmals eine Oper in Stuttgart inszenieren. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Marc Soustrot. Die Ausstattung entwerfen Aleksandar Deni und Adriana Braga Peretzki. Beide verbindet eine langjährige und überaus erfolgreiche künstlerische Partnerschaft mit Castorf; u. a. arbeitete das Trio bei Castorfs Neuinszenierung von Wagners Ring des Nibelungen bei den Bayreuther Festspielen 2014 zusammen.

Die Neuproduktion von Gounods Faust ist hochkarätig besetzt: Neben Iris Vermillion als Gast in der Rolle der Marthe Schwerdtlein debütieren die Stuttgarter Ensemblemitglieder Mandy Fredrich als Margarethe, Atalla Ayan als Faust, Adam Palka als Mephistopheles und Gezim Myshketa als Valentin.

Mitte des 19. Jahrhunderts war man in Frankreich fasziniert von der Faust-Legende. Es entstanden Rührstücke, Komödien und Zauberstücke auf Basis von Goethes Drama. Charles Gounod folgte diesem Trend und komponierte 1859 eine Oper, die sich auf die Liebesgeschichte zwischen Faust und Gretchen konzentriert. Faust ist hier kein Wissenschaftler, der über die menschliche Erkenntnismöglichkeit überhaupt meditiert, sondern ein einsamer Mann auf der Suche nach Liebe. Nebenfiguren wie Gretchens Bruder Valentin und Fausts Schüler Siebel bekommen in Gounods Version mehr Gewicht und erlauben es, die jedem deutschen Abiturienten vertraute Geschichte aus neuer Perspektive zu erleben: Französische Kriegsbegeisterung vermischt sich mit einem unerfüllbaren Ideal von „Unschuld“; simple Freude an Theaterzauberei trifft auf eines der tiefsinnigsten Dramen der Literaturgeschichte; eine intime Liebesgeschichte wird zur großen Choroper.

Einführungsmatinee :  Sonntag, 23. Oktober 2016, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang Das Produktionsteam gibt interessierten Opernbesuchern einen Einblick in die Konzeption der Neu-inszenierung.  Nach(t)gespräche:  Sonntag, 6. November 2016 (nm) – Samstag, 21. Januar 2017,  Das Produktionsteam beantwortet im Anschluss an die Vorstellung Fragen der Zuschauer.  Einführung vor jeder Vorstellung,  Eine Einführung findet vor jeder Vorstellung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

Sonntag, 30. Oktober 2016, 18 Uhr, Weitere Vorstellungen: 3.| 6.NM | 11. | 17. November 2016, 16. | 21. | 30. Januar 2017

Karten über www.oper-stuttgart.de, Kartentelefon: 0711. 20 20 90, und an der Abendkasse. Weitere Informationen zur Neuproduktion unter http://www.oper-stuttgart.de/faust-gounod/.  PMStOSt

 

Leipzig, Oper Leipzig, Wiederaufnahme: DER WILDSCHÜTZ, 16.01.2016

Januar 11, 2016 by  
Filed under Oper Leipzig, Pressemeldung

Oper Leipzig

Oper Leipzig © Adreas Bikigt

Oper Leipzig © Adreas Bikigt

 DER WILDSCHÜTZ  von  ALBERT LORTZING

Nach einem Lustspiel von August von Kotzebue

Wiederaufnahme am 16. Januar 2016, 19:00, Musikalische Komödie  Aufführungen 17. Jan. 2016, 27. Feb. 2016,  28. Feb. 2016

Ein Rehbock ist das Corpus delicti, das den verschrobenen Dorfschulmeister Baculus in die Welt der Blaublütigen führt. Baculus, der seine Hochzeit mit einem schönen Festtagsbraten krönen will, wird auf frischer Tat der Wilderei in den gräflichen Gefilden überführt. Nun steht ihm die Kündigung bevor. Doch Baculus weiß, wie sich der Graf vielleicht erweichen lassen könnte. Denn dieser ist in puncto Frauen kein Kostverächter, sehr zum Leidwesen seiner exzentrischen Frau Gemahlin. Aus Angst, seine junge Braut könnte in die gefährlichen Fänge des brünftigen Platzhirschen geraten, heuert Baculus einen jungen Studenten an, sich als seine Braut zu verkleiden und gemeinsam mit ihm beim Grafen um Gnade zu ersuchen. Damit ist der Anfang gemacht für ein schlüpfriges Verwirrspiel der Identitäten und Geschlechterrollen. Hier scheint jeder hinter jedem her zu sein. Dabei folgt doch alles nur der Stimme der Natur.

MUSIKALISCHE LEITUNG TOBIAS ENGELI, INSZENIERUNG VOLKER VOGEL
AUSSTATTUNG ALEXANDER J. MUDLAGK
CHOREINSTUDIERUNG MATHIAS DRECHSLER

BESETZUNG:
GRÄFIN VON EBERBACH: Carolin Masur, BARONIN FREIMANN: Mirjam Neururer
GRETCHEN: Nora Lentner, GRAF VON EBERBACH: Kostadin Arguirov
BARON KRONTHAL: Radoslaw Rydlewski, BACULUS: Milko Milev
PANKRATIUS: Michael Raschle, Chor Musikalische Komödie
Orchester Musikalische Komödie

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Düsseldorf, Garrett als PAGANINI: Die Goldene IOCO Zitrone 2013, IOCO Aktuell, 25.11.2013

November 29, 2013 by  
Filed under Duesseldorf, IOCO Aktuell, Kritiken

PAGANINI „Der Teufelsgeiger“:  Verdumm-fiedelt!
David Garrett ist Paganini in Bernard Roses Film

 Niccoló Paganini, Maler Eugène Delacroix, Philips Collection Washington

Niccoló Paganini, Maler Eugène Delacroix, Philips Collection Washington

Horrorfilme hat er zuvor produziert, der britische „Teufelsgeiger“-Regisseur Bernard Rose, und ungewollt ist er dem Genre treu geblieben: Horror ergreift den musikliebenden Zuschauer, der so magischen Namen wie Niccolò Paganini und David Garrett vor die Großleinwand folgte.

Wir werden verdumm-fiedelt!

Das Entsetzen ist vielfältig und schlägt bald in Belustigung um. Wie schwach die schauspielerische Leistung aller Figuren, wie platt die Dialoge in unzeitgemäßer Diktion, wie simpel die Bildsprache (London gleich Nebel, Sex gleich zerwühlte Laken), wie dürftig die Schilderung der Lebensstory! Ein Manischer ohne Untiefen. Mit perfektem Dreitage-Bart.

Schubert zum Zittern

Nehmen wir die Musik dieses Musikfilms. Dem Titel getreu und auf faustische Manier hat sich unser Held dem Teufel verschrieben. Auch ein Gretchen ist ihm  bestimmt, im nebeligen Engeland. Doch noch ehe der Künstler die Insel erreicht hören wir, was kommen wird: Verführung, Verrat, Verstoß. Oder nicht? Warum sonst sollte sich das gute Kind mit Schuberts Gretchen-Vertonung „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer“ um Glück und Unschuld singen? Self-fulfilling prophecy? Gefehlt! Der musikalische Fingerzeig führt schlicht in die Irre. Die Schöne verpasst die Liebesnacht und wird, im Gegensatz zu Goethes Gretchen, gerettet. Nicht so der virtuose Musikus. Nur wenige Paganini-Werke kommen zu Gehör, und schon folgt das nächste Schubert-Zitat (Erlkönig). Diesmal stimmt die Spur. Sie führt uns zum Untergang, zum Tod  beider Epigonen, die eine gemeinsame Krankheit verbindet: die Syphilis. Und wieder darf nur Schubert, nicht Paganini, die Begleitmusik zum furiosen Ende des Films liefern. Nach 123 langen Minuten beschließt der Geiger sein Leben und auch unser Leiden.

  IOCO verleiht David Garrett und dem Paganini – Film 

zitrone_lorbeer_klein2

DIE GOLDENE  IOCO  ZITRONE 2013

IOCO / Monique Wiethoff / 26.11.2013

Nächste Seite »