Bremen, Die Glocke, 6. Philharmonisches Konzert – Mozart, Berg, Adès, Beethoven, IOCO Kritik, 12.02.2020

Februar 11, 2020 by  
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Die Glocke Bremen

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

 6. Philharmonisches Konzert – Mozart, Berg, Adès, Beethoven

Bremer Philharmoniker – Clemens Schuldt

von Thomas Birkhahn

Wenn ein unbekanntes Werk Mozarts in einem Konzert, in dem ebenfalls eine Beethoven-Symphonie und das bedeutendste Violinkonzert des 20. Jahrhunderts gespielt werden, den stärksten Eindruck hinterlässt, dann kann man mit einigem Recht von einem sehr besonderen Konzert sprechen.

Das 6. Philharmonische Konzert in der Bremer Glocke beginnt mit Mozarts Schauspielmusik zu Thamos in Ägypten, einem – wie nach dieser Aufführung deutlich wird – zu Unrecht selten aufgeführten Werk. Dirigent Clemens Schuldt verzichtet auf die beiden Chorsätze und führt das Werk als quasi viersätzige Sinfonie auf.

Schon die Tatsache, dass drei der vier Sätze in Molltonarten stehen, ist für Mozart bemerkenswert, besonders wenn man bedenkt, dass es im Jahr 1773 – also noch in seiner Salzburger Zeit – entstand.

Bremer Philharmoniker © Markus Meyer

Bremer Philharmoniker © Markus Meyer

Clemens Schuldt betont von Beginn an die Ruhelosigkeit dieser Musik. Er dirigiert sehr zupackend, treibt die Musik voran und verleiht ihr oftmals einen grimmigen Charakter. Die Streicher der Bremer Philharmoniker spielen fast vibratolos, was dem Orchesterklang eine Klarheit, aber auch Härte verleiht, die gut zu dieser hochdramatischen Musik passen. Dadurch kommt auch in den lyrischen Passagen kein gefälliger Wohlklang auf. Die dramatischen Ausbrüche dieser Musik werden von Clemens Schuldt mit großer Eindringlichkeit inszeniert. Hier ist ein Dirigent am Werk, der eine klare Klangvorstellung hat und diese seinen Musikern und dadurch auch dem Publikum gut zu vermitteln vermag.

Dirigent Clemens Schuldt © Hart Sammy

Dirigent Clemens Schuldt © Hart Sammy

Ich muss zugeben, dass ich Thamos in Ägypten vorher nicht kannte, und mit solch expressiver Musik bei Mozart nicht gerechnet hatte, schon gar nicht bei einem Werk aus seiner mittleren Schaffensperiode. Sowohl der häufige Gebrauch der Chromatik als auch die großen Intervallsprünge lassen schon das Klavierkonzert in c-moll vorausahnen. Man kann nur hoffen, dass Thamos in Ägypten irgendwann zum Standard-Repertoire eines jeden Symphonieorchesters gehören wird. Ich kann es jedem Interessierten nur wärmstens empfehlen!

Alban Bergs Violinkonzert ist wohl das bedeutendste Solokonzert des 20. Jahrhunderts, und eine der wenigen Zwölftonkompositionen, die sich bei einem breiten Publikum großer Beliebtheit erfreuen. Das liegt zum Einen an der Zwölftonreihe selbst, aus der sich vier reine Dreiklänge ergeben, die sogar in Quintverwandtschaft zueinander stehen, wodurch das Werk also schon von der Anlage her nicht komplett atonal konzipiert ist.

Zum Anderen spielen außermusikalische Aspekte eine Rolle, die dem Hörer den Zugang zu dieser Musik erleichtern. Berg hat dem Konzert den Untertitel „Dem Andenken eines Engels“ gegeben. Dieser „Engel“ ist Manon Gropius, die Tochter Alma Mahlers, die im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung starb. Berg war so erschüttert von ihrem Tod, dass er das Violinkonzert als eine Art Requiem konzipierte, in dem er Manons Leben und Charakter musikalisch beschreibt.

Für Solist Frank-Peter Zimmermann ist das Berg-Konzert neben dem Beethoven-Konzert dasjenige, das „am meisten in meinem Blut ist“. Er bezeichnet es als „Teil meiner Selbst“.

Der Beginn des Konzerts könnte nicht „unspektakulärer“ sein: Der Solist spielt die vier leeren Geigensaiten rauf und wieder runter. Das kann jeder Geigenschüler nach der ersten Unterrichtsstunde. Zimmermann betont die Schlichtheit dieses Beginns, das vorsichtige Herantasten an Manons Persönlichkeit. Er scheut auch nicht vor Sentimentalität zurück, wenn er im Verlauf des ersten Satzes durch glissandierende Lagenwechsel die Sinnlichkeit dieser Musik hervorhebt. Jede musikalische Geste ist bei ihm genau durchdacht, man spürt seine innere Verbundenheit mit diesem Werk. Zimmermann hört genau ins Orchester hinein und nimmt auf, was es ihm zuspielt. Sein durchdringender, intensiver Ton geht unter die Haut und lässt den Hörer eine Ahnung von Manons Charakter bekommen.

Frank Peter Zimmermann © Harald Hoffmann

Frank Peter Zimmermann © Harald Hoffmann

Hat der erste Satz noch eher lyrischen, gelegentlich sogar heiteren Charakter, so handelt der zweite Satz von Manons Todeskampf. Zimmermann scheut sich nicht, die Schmerzen dieser Musik ungeschönt dem Hörer nahe zu bringen. Jetzt ist alle Sentimentalität verflogen, jetzt geht es um Qualen, die nicht vorbei sind, bis die Geige den Bach-Choral „Es ist genug“ anstimmt. Erst hier lässt Zimmermann wieder los, und der Tod kommt als Erlösung.

Es ist eine großartige Geste, wie Zimmermann sich kurz vor Ende des Werkes von seiner Position als Solist auf der Bühne entfernt und in die Geigen einreiht. Damit macht er auch optisch deutlich, dass die Solovioline dasselbe wie die Orchestergeigen spielt. Er geht quasi im Orchester auf, und als er wieder als Solist hervortritt, ist die Musik schon nicht mehr von dieser Welt und Manon nur noch eine schöne Erinnerung.

Dass es für Zimmermann ein Leben nach dem Tod gibt, beweist er mit einer Zugabe, dem ersten Satz, „Tempo di ciaconna“, aus Bela Bartoks Solosonate, dessen halsbrecherischen technischen Schwierigkeiten er mühelos meistert.

Der englische Komponist Thomas Ades intrumentierte 2006 drei Klavierstücke Francois Couperins für Orchester. Seine Arbeit erinnert entfernt an StrawinskysPulcinella-Suite“. Obwohl Ades weitaus weniger in die musikalische Substanz eingriff als Strawinsky bei der Musik Pergolesis, können seine Instrumenierungen die Anmut und Eleganz dieser Musik nicht adäquat wiedergeben. Man fragt sich, warum er für die Streicher durchgehend einen Dämpfer vorschreibt. Die Artikulation wirkt jedenfalls etwas einförmig, wie ein Sprechen hinter vorgehaltener Hand. Das Spiel der Bremer Philharmoniker mutet hier zum Teil gehemmt an, der Funke – so es ihn denn in diesen Bearbeitungen gibt – springt nicht recht über.

Es ist das Schicksal von Beethovens erster Sinfonie, dass dieses Werk im Allgemeinen aus der Rückschau betrachtet wird: nämlich als eine Sinfonie, die sich noch stark an Joseph Haydn orientiert und nicht den „wahren“ Beethoven verkörpert, der erst mit der Eroica auf den Plan tritt. Dass man damit dieser großartigen Musik Unrecht tut, beweist Clemens Schuldt in einer spannungsgeladenen Wiedergabe, in der seine Hingabe zu dieser Musik überzeugend zum Ausdruck kommt.

Ludwig van Beethoven - ganz anders © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven – ganz anders © Peter M. Peters

Beethoven widmete seinen sinfonischen Erstling zwar dem Haydn-Freund Gottfried van Swieten, doch ist durchaus vorstellbar, dass diesem schon zu Beginn des Werkes vor Schreck die Perücke vom Kopf gerutscht sein mag. Beethoven führt den Hörer an der Nase herum, indem er die Einleitung mit einem Septakkord beginnt, der nach F-Dur aufgelöst wird. Das Stück steht aber in der Tonart C-Dur, die erst im achten Takt bestätigt wird – eine halbe Ewigkeit für damalige Verhältnisse! Auch die Pizzicati der Streicher suggerieren Beethovens Willen, auf Schönklang zu verzichten und neue Wege zu gehen.

Wie schon im Mozart hat Schuldt auch hier ein klares Bild dieser Sinfonie, dass er mit großartiger Überzeugung vermitteln kann. Wieder lässt er das Orchester fast vibratolos spielen und erreicht dadurch eine große Klarheit und Durchhörbarkeit. Die dissonanten Akzente, das Unruhige, Drängende dieser Musik stehen für ihn im Vordergrund. Das „Andante“ hat für ihn mehr tänzerischen als lyrischen Charakter, und den mit „Menuett“ überschriebenen dritten Satz behandelt er richtigerweise als „Scherzo“, denn mit der Gemütlichkeit eines Haydnschen Menuetts hat dieser Satz nichts mehr gemein. Hier herrschen eine Unruhe und Getriebenheit, die schon ganz eigener Beethoven sind.

Doch bei aller Dramatik, die dieser Musik innewohnt, versucht Schuldt nicht, sie zu einer Art „Eroica“ hochzupushen. Es ist Beethoven, aber es ist früher Beethoven, und wüsste man nicht, in welche Richtung er sich weiter entwickelte, man könnte wohl kaum erahnen, welche ungeheuerlichen Klänge dieser Komponist nur vier Jahre später seinen Zuhörern in der Eroica um die Ohren schleudern wird!

Der begeisterte Applaus galt zu allererst Clemens Schuldt, der mit seinem sympathischen Auftreten und seiner großen Musikalität sowohl Orchester als auch Publikum in seinen Bann zog. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass dieser junge Dirigent – er ist erst 37 Jahre alt – eine große Karriere vor sich hat.

—| IOCO Kritik Die Glocke |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Saisoneröffnung mit Haydns Jahreszeiten, IOCO Kritik, 14.10.2017

Oktober 14, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Berauschender Saisonstart des Philharmonischen Staatsorchesters

 Die Jahreszeiten  von Joseph Haydn

Von Patrik Klein

Wenn in der Elbphilharmonie Hamburg ein ausverkauftes Konzert mit konzentrierten und bis zum Schluss ausharrenden, begeisterten Zuhörern gefüllt ist, so ist der Funke wieder einmal übergesprungen. Luftig, duftend mit feinster Struktur und farbenreichster Malerei schweben die Töne und Klänge in dem wunderbaren Großen Saal der „Elphi“ und eröffnen die neue Konzertsaison des Philharmonischen Staatsorchesters unter seinem Generalmusikdirektor Kent Nagano, dessen Vertrag gerade bis 2025 verlängert wurde.

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester, Solisten und Chorgemeinschaft Neubeuern © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philharmonisches Staatsorchester, Solisten und Chorgemeinschaft Neubeuern © Patrik Klein

Die Saison 2017/18 fokussiert mutig auf 10 Konzerte im Großen Saal der Elbphilharmonie, die sich jeweils mit einem Portrait eines großen Komponisten beschäftigen werden. Es sind Konzerte mit Werken u.a. von Mozart, Strauss, Schubert, Bruckner, Schumann und Brahms geplant. Den Reigen eröffnet Die Jahreszeiten von Joseph Haydn.

Das Musikwerk Die Jahreszeiten (Hob. XXI:3) ist ein Oratorium, das am 24.4.1801 in Wien uraufgeführt wurde.  Haydn wurde zur Komposition der Jahreszeiten durch den großen Erfolg seines vorhergehenden Oratoriums Die Schöpfung (1798) angeregt, das zu dieser Zeit in ganz Europa aufgeführt wurde. Die Jahreszeiten wurden zwar ein Erfolg, der aber nicht mit dem der Schöpfung vergleichbar war. Auch in der Folgezeit wurden Die Jahreszeiten deutlich seltener aufgeführt als das bekanntere, frühere Oratorium.

Das Libretto zu Die Jahreszeiten wurde von Baron Gottfried van Swieten verfasst, einem österreichischen Adligen, der auch einen großen Einfluss auf Mozarts Karriere gehabt hatte. Van Swietens Libretto war dessen eigene deutsche Wiedergabe eines Auszugs aus dem englischen Versepos von James Thomsons The Seasons.

Haydn brauchte zwei Jahre, um Die Jahreszeiten fertigzustellen, zum einen wegen seiner schlechten Gesundheit, zum anderen, weil ihn van Swietens Text nicht zu überzeugen vermochte. Das Oratorium entspricht inhaltlich weder einem religiös geprägten Werk, noch dem Ideal eines Kunstwerks im Geiste der Aufklärung, ihre heiteren wie eindringlichen Naturschilderungen und Verklärungen des Landlebens zeigen vielmehr Einfluss der Philosophie Rousseaus.

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten - Solisten vlnr. Marie-Sophie Pollak, Julian Prégardian, Georg Zeppenfeld, Kent Nagano © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten – Solisten vlnr. Marie-Sophie Pollak, Julian Prégardian, Georg Zeppenfeld, Kent Nagano © Patrik Klein

Die Jahreszeiten bestehen, korrespondierend zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter, aus vier Teilen, mit den üblichen Rezitativen, Arien und Chören. Sie fassen die unterschiedlichen Charaktere des Wandels in Musik mit instrumentalen saisonalen Klangeigenschaften zu Beginn der jeweiligen Jahreszeit. Die enthaltenen Naturbeschreibungen beziehen sich auch auf das göttliche Element. Es gibt im wesentlichen keine Handlung, sondern ein Tableau des bäuerlichen Lebens und der Naturverbundenheit. Ähnlich wie bei Der Schöpfung haben wir es mit drei singenden Protagonisten zu tun. Das Liebespaar Hanne (Sopran) mit dem Bauern Lukas (Tenor) sowie dessen Vater Simon (Bass) erzählen musikalisch von den Schönheiten und Herausforderungen des ländlichen Lebens und den Launen der Naturgewalten. Der äußerst umfangreiche Text und die herrliche Musik drücken das gleiche in vollkommener Harmonie aus. Im nebeldurchzogenen, eiskalten Winter schließlich kommt das Ende alles Vergänglichen und die Hoffnung und der Glaube an das Göttliche zu Tage.

Im Frühling kommen wir musikalisch an. Die Musik kämpft sich aus dem Winter hervor. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg ist nach großer Besetzung der Wiener Klassik aufgestellt mit einigen Besonderheiten, wie einem Hammerflügel statt dem üblichen Cembalo, um die Besonderheiten der Klangfülle noch eindrucksvoller zu gestalten und vier  Hörnern, die mit unterschiedlichen Resonanzkörpern ausgestattet sind, um beispielsweise Waldhornklänge bei der Jagd in bunten Farben klangvollendet auszudrücken. Kraftvoll und in sauberen, wunderschön klaren musikalischen Bögen ertönt es vom Podium. Die Musiker scheinen selbst von der Klangfülle angetan und spielen sich im Laufe des langen, fast drei Stunden dauernden Konzerts in eine wahre musikalische Farborgie. Der Chor des Landvolkes setzt ein und die beinahe 100 Mitwirkenden der Chorgemeinschaft Neubeuern (Einstudierung Robert Schlee) lassen zum ersten Mal ihre gesanglichen Qualitäten aufblühen. Der als einer der besten Laienchöre in Europa geltende Chor, der mit etlichen Auszeichnungen und CD Einspielungen auch über die Grenzen des Münchner Großraums bekannt wurde, glänzt an diesem Sonntagmorgen angesichts des aufkeimenden Frühlings in schönstem Licht. Hochmotiviert malen sie die schillernden Farben des Frühlings beeindruckend klar und formschön auf die Staffelei der Zuhörer.

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten und die Chorgemeinschaft Neubeuern © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten und die Chorgemeinschaft Neubeuern © Patrik Klein

Der Sommer beginnt unerwartet mit einem Adagio recht melancholisch, um die Morgendämmerung vor der Mittagshitze und der Schwüle des Tages bis hin zur Idylle des Sommers darzustellen. Der Bauer Lukas (Julian Prégardien) tupft in zartesten Nuancen die Stimmung der aufgehenden Sonne, die die träge Nacht verdrängt. Mit feinster lyrischer Tenorstimme, immer bedacht auf Ausdruck und legato, absolut sicher und sauber bis in die Höhenlagen seiner Partie, tritt er in Erscheinung. Der Vater Simon (Georg Zeppenfeld) erzählt Hirtenweisen zu den ersten Sonnenstrahlen. Der in Westfalen geborene Bass, der mittlerweile zu den besten seines Faches zählt, die großen Rollen im dramatischen Fach wie  Gurnemanz, Hunding oder Marke auf den größten Bühnen dieser Opernwelt darstellt, kann bei Haydns Oratorium ganz leicht umgestalten auf baritonale, lyrische Töne in Form- und Klangvollendung. Wunderbar seine federleichte und absolut textverständliche Stimmführung. Die Partie der Hanne wird gesungen von Marie-Sophie Pollak, die für die erkrankte Christina Gansch kurzfristig eingesprungen ist. Die junge Sopranistin singt sich mit ihrem federleichten lyrischen Sopran sofort in die Herzen der Zuhörer. Sie kommt musikalisch daher wie ein flirrender Vogel in der Natur, sehr schön modulierend, sehr schön an- und abschwellend; sie erinnert vom Timbre und dem glockenklaren Klang an eine ideale Verkörperung von Mozarts Papagena. Die Sonne des Sommers erstrahlt schließlich durch das Terzett der Solisten, dem Chor und Orchester zu einem großartigen Dank an den Schöpfer der Natur.

Der Herbst beginnt musikalisch idyllisch mit einem Tanz im Dreivierteltakt, der die Freude der Landsleute über eine erfolgreiche Ernte zum Ausdruck bringt. Höhepunkte dieses Satzes sind das großartige Zusammenspiel von Marie-Sophie Pollak und Julian Prégerdian im Duett über die Lebensfreude und der Chor der Landleute und Jäger. Hanne und Lukas finden hier gemeinsam zu einer musikalischen Harmonie, die angesichts der kurzfristigen Einfindung der Sopranistin in die Produktion, schier unglaublich erscheint. Besonders musikalisch ungewöhnlich ist nun das Jagdlied mit Waldhornklängen und das Weinfest mit den tanzenden Bauern. Die vier Hörner mit den unterschiedlichen Klangfarben tauchen die Zuhörer eindrucksvoll in eine Jagdszenerie, die an Webers Freischütz erinnert. Bei den Jubelklängen und der Hommage an den Wein läuft der Chor der Chorgemeinschaft Neubeuern zu Höchstform auf. Die Klangschönheit und Fröhlichkeit der Darstellung wirkt ansteckend im Publikum. Man bekommt bereits am frühen Tage Lust auf einen guten Tropfen Wein im Glas.

Der Winter entsteht schließlich musikalisch gemalt aus einem dicken Nebel und frostigen Temperaturen in Adagioform. Querflöten- und Oboenklänge dominieren und führen das hervorragende Orchester in die eiskalten Naturlaunen. Auch hier wieder glänzt die Stimme von Julian Prégardian ganz besonders im Lied des müden Wanderers, wo die Tristess der Freude weicht angesichts des wärmenden Hüttenfeuers, wo er Labung erhofft. In der Arie des Simon von Georg Zeppenfeld, der jetzt auch die dunkleren Farben seines Prachtbasses erscheinen lassen kann, wird noch einmal auf die besonderen Eigenschaften des Winters verwiesen und die Endlichkeit allen Seins mit allen Sorgen und Nöten dargestellt. Im fulminanten Terzett und Doppelchor zum Ende des Konzerts werden musikalisch noch einmal alle Register gezogen und die Hoffnung auf den Frühling und den Glauben an Gott und die Seligkeit ausgedrückt.

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten - Kent Nagano © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Die Jahreszeiten – Kent Nagano © Patrik Klein

Nach fast drei Stunden musikalischem Hochgenuss gehen die Lichter im Großen Saal der Elbphilharmonie wieder ganz langsam an. Das Publikum, zunächst noch ganz verhalten und betroffen, steigert den Applaus in einen lang anhaltenden, frenetischen Jubel für Orchester, Chor, Solisten und den Generalmusikdirektor Kent Nagano. Man ist gespannt auf die noch kommenden neun Philharmonischen Konzerte der Saison 2017/18 im atemberaubenden Konzertsaal der Elbphilharmonie.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

 

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