Münster, Theater Münster, Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew, IOCO Kritik, 12.05.2019

Mai 13, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Münster

theater_muenster_logo_50

Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

  Die Liebe zu den drei Orangen  – Sergej Prokofjew

– Wenn das Lachen die Melancholie vertreibt –

von Hanns Butterhof

An Münsters Großem Haus hat Regisseur Sebastian Ritschel Sergej Prokofjews Märchenoper Die Liebe zu den drei Orangen in einer knallbunten Inszenierung auf Commedia dell arte getrimmt. Die  phantasievolle Bühne, die schrillen Kostüme und die vorwärtstreibende Musik des Sinfonieorchesters Münster unter Golo Berg waren die Garanten für einen großen Premierenerfolg.

Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew
youtube Trailer Theater Münster
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Prokofjews vieraktige Oper Die Liebe zu den Drei Orangen hat Regisseur Sebastian Ritschel aus einem Märchen-Königreich in die Jetztzeit verlegt. Der alte König Treff (Stephan Klemm) betreibt jetzt ein Spielcasino (Bühne nach Entwürfen von Pascal Seibicke), statt eines Prinzen ist nun sein Junior (Garrie Davislim) ein weltabgewandter Melancholiker, der nur an Spielautomaten daddelt. Ein Intrigantenpaar, die auf das Casino-Erbe erpichte Clarice (Chrysanthi Spitadi) und ihr blasser Helfer Leander (Gregor Dalal), wünscht den Tod des Prinzen; Leander möchte ihn durch herbeiführen, dass er den Prinz langsam mit unverdaulicher Prosa und moderner Lyrik vergiftet.

Theater Münster / Die Liebe zu den drei Orangen - hier  : Truffaldino will den daddelnden Junior zum Lachen bringen. (Garrie Davislim, Pascal Herington) © Oliver Berg

Theater Münster / Die Liebe zu den drei Orangen – hier : Truffaldino will den daddelnden Junior zum Lachen bringen. (Garrie Davislim, Pascal Herington) © Oliver Berg

Wo der Spielteufel herrscht, sind die Hexer nicht weit. Die böse Zauberin Fata Morgana (Kristi Anna Isene) unterstützt die Intriganten, auf Seiten des Spielers steht Celio (Christoph Stegemann), ein guter Zauberer. Mit Hilfe des Spaßmachers Truffaldino (Pascal Herington) will er den Melancholiker erst zum heilsamen Lachen bringen und dann zu den drei Orangen führen. Denn Fata Morgana hat ihn verhext, diese zu lieben und ihn so um jede Chance zu bringen, jemals zu lachen. Am Ende findet der Prinz in der dritten Orange seine schon von jeher geliebte Prinzessin Ninetta (Marielle Murphy), mit der er trotz aller Widerstände und Tücken Fata Morganas, von Melancholie geheilt, lachend das Spiele-Imperium übernimmt.

Regisseur Sebastian Ritschel hat die Oper eindimensional über den Commedia dell arte-Leisten mit Slapstick-Anmutung  geschlagen. Alle Figuren sind eng an der Musik geführt und dabei gleichermaßen komisch geraten, allen voran der Spaßmacher Truffaldino; Pascal Herington in hellblauem Glitzer-Anzug (Kostüme: Sebastian Ritschel) treibt mit grotesk rhythmischem Rennen über die Bühne die Handlung voran. Die Bösen sind harmlos wie die Guten, und die gut mitspielenden, eigentlich gegensätzlichen Chöre (Einstudierung: Inna Batyuk, Joseph Feigl), von denen ein Teil mehr Komödie, der andere mehr Drama fordert, sind uniform in orangefarbene Pagen-Anzüge gesteckt.

Theater Münster / Die Liebe zu den drei Orangen - hier :  Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Die Liebe zu den drei Orangen – hier : Ensemble © Oliver Berg

Ritschel macht aus dem Spiel ums Glück eines ums Glücksspiel. Doch ohne das Märchenumfeld kann der weltabgewandte Daddler für sich und seine entmystifizierte Geschichte kaum Teilnahme hervorrufen. Deutlich  fehlt das Gefälle zwischen Ernst und Komik, Realität und Phantasie.

Anders ist das in der Musik, die Prokofjew von illustrativ bis plakativ zu den einzelnen Szenen mit einem breiten emotionalen Spektrum komponiert hat. Das Ensemble überzeugt gesanglich durchwegs, und Golo Berg lässt mit dem Sinfonieorchester Münster mitreißend jede Nuance der Bekräftigung oder Ironisierung der Bühnenhandlung aus dem Orchestergraben erklingen.

Der lange Beifall des Premierenpublikums galt allen Beteiligten, einzelne Standing Ovations galten Golo Berg mit dem Sinfonieorchester Münster und Pascal Herington.

Die Liebe zu den drei Orangen am Theater Münster; die nächsten Termine: 8.6;  27. 6.; 2.7.2019 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Spielplan 2018/19: Oper, Schauspiel, Tanz, Konzert, IOCO Aktuell, 11.03.2018

theater_muenster_logo_50

Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

 Theater Münster präsentiert den Spielplan für 2018/19

Mozart muss man singen können

Von Hanns Butterhof

Nach einem kurzen, zufriedenen Rückblick auf die noch laufende Spielzeit haben Generalintendant Dr. Ulrich Peters und das Leitungsteam des Theater Münster das vielseitige Programm der neuen Spielzeit 2018/19 vorgestellt.

Am Beginn einer Jahrespressekonferenz lobt man sich gerne selber für das Geleistete, und da macht auch Peters keine Ausnahme. Er verweist auf über 700 Vorstellungen der Spielzeit mit einer Gesamt-Auslastung von 77 %. Die Renner waren im Tanztheater Hans Henning Paars Romeo und Julia mit 99 %, im Schauspiel Bert Brechts Johanna der Schlachthöfe und im Musiktheater Carl Maria von Webers Freischütz mit 72 %. Offenbar stimmt die Mischung des Programmangebots, denn so soll es auch in der kommenden Spielzeit weitergehen.

Theater Münster / Das Leitungsteam - stehend v. l. Frank Behnke, Rita Feldmann, Intendant Dr. Ulrich Peters, Golo Berg, sitzend v. l. Hans Henning Paar, Susanne Ablaß, Frank Röpke © Hanns Butterhof

Theater Münster / Das Leitungsteam – stehend v. l. Frank Behnke, Rita Feldmann, Intendant Dr. Ulrich Peters, Golo Berg, sitzend v. l. Hans Henning Paar, Susanne Ablaß, Frank Röpke © Hanns Butterhof

Ohne übergreifendes Motto kommt das Musiktheater aus. Das Programm wird hauptsächlich dadurch bestimmt, welche Sängerinnen und Sänger mit welchen Fähigkeiten am Haus zur Verfügung stehen. Unverzichtbar sei allerdings Mozart, nicht nur als Favorit des Publikums, sondern weil man Mozart singen können muss, diese Schule des Gesangs, unverzichtbar für Stimmhygiene, wie Peters schwärmt. Also diesmal „Die Entführung aus den Serail“, dazu Puccinis „Madama Butterfly“, Händels Oratorium „Saul“ und Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“, zusammen mit dem Musical „Sugar“ von Jule Styne nach „Manche mögen’s heiß“, das Peters inszenieren wird, eine sichere Bank. Für die Überraschungen stehen die wenig bekannte Oper „Street Scene“ von Kurt Weill und die Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ von Grigori Frid.

Schauspieldirektor Frank Behnke lenkt in seinem Programm den Blick auf Ego-Monster, Machtmenschen und Tyrannen. Alle drei Merkmale treffen bei „Caligula“ von Albert Camus zu, bei Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ – nach dem Krieg nie in Münster gespielt – kann die Zuordnung spannend werden. Zum Ego-Monster-Motto versprechen Patrick Marbers Komödie „Don Juan“ nach Molière und Lot Vekemans „Judas“ zu passen. Leo Tolstois „Anna Karenina“ ist ein Monsterroman; ihn zum Schauspiel umzustricken folgt einem unguten, das Drama von den Bühnen zurückdrängenden Trend, zu dem auch die Übernahme von Filmstoffen gehört wie von Ernst Lubitschs „Sein oder nicht Sein“..

Behnke versteht das Schauspiel betont politisch, eingreifend. Es dürfte interessant werden, zu sehen, inwieweit „politisch“ mehr bedeutet, als Gesinnung mit dem Kunstsiegel zu versehen, und mehr, als nur zu inszenieren, was das Publikum sowieso schon weiß.

Der künstlerische Leiter des Tanztheaters, Hans Henning Paar, wagt sich mit seinem Stück „Unknown Territories“ an weit die Sparten Übergreifendes: Tanz, Schauspiel und Musiktheater wirken in nicht ganz unbekanntem Land zusammen. Desgleichen bei dem Stück „Eine Winterreise“, bei dem zu einer von Hans Zander für Tenor und Kammerorchester komponierten Fassung von Franz Schuberts „Winterreise“ getanzt wird. Als Gastchoreographin wird Lenka Vagnerová den Tanzabend „And Then There Were None“ zum Programm beisteuern.

Für sein Konzertprogramm erwartet GMD Golo Berg ein „open minded“ Publikum. Wieder will er neben dem klassisch-romantischen Programm Komponisten aus Münster zu Gehör bringen. Vor allem möchte er an Fritz Volbach erinnern, der vor genau hundert Jahren das Münsteraner Symphonie-Orchester gegründet hat. Auch Julius Otto Grimm und Franz Bohner, zwei Komponisten-Freunde Brahms‘, stehen im Programm der Sinfoniekonzerte, wie Andreas Romberg ausdrücklich nicht aus lokalpatriotischen Gründen, sondern wegen ihrer ausgesprochen guten Musik, wie Berg betont.

Im Kinder- und Jugendtheater, für das sich mit Frank Röpke ein neuer Leiter vorstellt, wird Hausherr Peters als seine zweite Regie Astrid Lindgrens Kinderklassiker „Kalle Blomquist“ inszenieren.  Das Münsteraner Publikum darf sich auf eine interessante, vielseitige Spielzeit 2018/19 freuen.

—| Pressemeldung Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Angels in America – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 09.03.2018

März 9, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Münster

theater_muenster_logo_50

Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

   Angels in America – Oper von  Peter Eötvös

– Engel gibt es nur auf Droge –

Von Hanns Butterhof

Ein verrutschter knallroter Kussmund über einer mit Pissoirs bestückten Passage, die mit defekten Leuchtbuchstaben den Weg zum Himmel verspricht, ist kein gutes Vorzeichen für das Erscheinen von Engeln. Die Angels in America, die der Titel von Peter Eötvös‘ Oper verheißt, gibt es im Großen Haus des Theater Münster nur auf Droge in einer reichlich kaputten Welt.

Peter Eötvös hat die Angels in America auf zwei Paare konzentriert. Zum einen verlässt der junge Louis Ironson (David Zimmer) seinen Geliebten Prior Walter (Christian Miedl), als der ihm seine HIV-Infektion offenbart. Parallel trennt sich die valiumsüchtige Harper Pitt (Kristi Anna Isene) von ihrem Mann Joseph (Filippo Bettoschi), als sie von dessen Homosexualität erfährt. Als Joseph sich outet, findet er Louis als Partner.

Theater Münster / Angels in America - hier Christian Miedl als Prior Walter informiert Louis von seiner HIV-Infektion © Oliver Berg

Theater Münster / Angels in America – hier Christian Miedl als Prior Walter informiert Louis von seiner HIV-Infektion © Oliver Berg

Nur lose in die Geschichte eingebunden ist der rücksichtslose Staatsanwalt Roy Cohn (Christoph Stegemann), der noch im Tod seine Aids-Diagnose zu Leberkrebs umlügt. Er steht für den verdrängenden Umgang mit Homosexualität und für alles, was die Welt so als von Gott verlassen erscheinen lässt.

Regisseur Carlos Wagner gelingt es, die nicht mehr ganz so dringliche Kritik des sperrigen Stücks an der Diskriminierung Homosexueller mit erfreulich bissigem Humor zur Kritik an einer Welt auszuweiten, die ohne Verantwortlichkeit für das Ganze und Mitgefühl für einander zerfällt. Die Bühne Christophe Ouvrards drückt das treffend mit ihrer Teilung in drei kalte zwar zusammenhängende, doch gegeneinander abgeschottete Bereiche aus.

Angels in America – Peter Etvös
youtube Trailer des Theater Münster
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Unter Drogeneinfluss erscheinen Harper Pitt, Roy Cohn und Prior Walter ihre Engel: ein himmlischer Eisbär verschafft Harper die entbehrte Befriedigung, und Cohn erscheint eine Frau, die er einst auf den Elektrischen Stuhl gebracht hatte; noch auf dem Sterbebett verhöhnt er sie. Den dahinsiechenden Prior will sein blonder Engel (Kathrin Filip) für die Absage an eine Welt gewinnen, die sich ihren Untergang weidlich verdient hat. Doch Prior verweigert sich und nimmt, absurd, im Sterben Partei für das Leben. Seinen hoffnungsfrohen Appell, sich auf ein wie auch immer unvollkommenes Leben einzulassen, relativiert der dringende Drogenverdacht.

Die Sängerinnen und Sänger zeichnen ihre Rollen differenziert, vor allem Christian Miedl verkörpert überzeugend Homosexualität so unaufdringlich, wie es Filippo Bettoschi verdruckst gelingt.

 Theater Münster / Angels in America hier_ Der Engel will Prior als Prophet gewinnen, mit Kathrin Filip und Christian Miedl © Oliver Berg

Theater Münster / Angels in America hier_ Der Engel will Prior als Prophet gewinnen, mit Kathrin Filip und Christian Miedl © Oliver Berg

Das kleine Orchester unter dem behutsamen Dirigat von Golo Berg setzt dezent meist dissonante Klangflächen nebeneinander. Der elektronisch bearbeitet dahinperlende, nur selten in den Vordergrund drängende Klangfluss wird von den per Microport verstärkten Stimmen fast hörspielartig überlagert. Nur den Engeln, vor allem der koloraturensicher trällernden Kathrin Filip, ist Gesang gegönnt, während bei den anderen Rollen der Sprechgesang überwiegt.

Nach zweieinhalb Stunden der spannenden, englisch gesungenen und englisch übertitelten Aufführung – ab dem 10. 3. ist die Übertitelung auf Deutsch – gab es lang anhaltenden Beifall für das Ensemble, Golo Berg und das Sinfonieorchester Münster sowie den zur Premiere anwesenden Komponisten.

Angels of America im Theater Münster;  die nächsten Termine: 10., 16., 21., 23., 29.3.; 18.4.2018 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Premiere Angels in America von Peter Eötvös, 24.02.2018

Februar 23, 2018 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Theater Münster

theater_muenster_logo_50

Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

ANGELS IN AMERICA  von Peter Eötvös

Am Samstag, 24. Februar hebt sich im Großen Haus des Theaters Münster um 19.30 Uhr der Vorhang für die Oper Angels in America von Peter Eötvös. Regie führt Carlos Wagner, die musikalische Leitung liegt bei Generalmusikdirektor Golo Berg.

Theater Münster / Angels - vorne: Kristi Anna Isene (Harper Pitt) und Statisterie © Oliver Berg

Theater Münster / Angels – vorne: Kristi Anna Isene (Harper Pitt) und Statisterie © Oliver Berg

New York, Mitte der 1980er Jahre: Louis trennt sich aus panischer Angst von seinem erkrankten Freund Prior. Der korrupte Rechtsanwalt Roy M. Cohn lässt sich  gesellschaftskonform Leberkrebs diagnostizieren und behauptet noch am Sterbebett, weder schwul noch an Aids erkrankt zu sein. Die Ehe zwischen dem mormonischen Anwalt Joe und seiner Frau Harper zerbricht, weil er seine homosexuelle Neigung nicht länger verbergen kann. Er beginnt eine Beziehung mit Louis.

Theater Münster / Angels - Christian Miedl (Prior Walter) © Oliver Berg

Theater Münster / Angels – Christian Miedl (Prior Walter) © Oliver Berg

Das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Theaterstück Angels in America von Tony Kushner ist eine bittere Abrechnung mit dem Amerika unter Ronald Reagan und die Aufarbeitung der apokalyptischen Gewalt der Aids-Epidemie: Stigmatisierung von Menschen mit HIV war und ist die unausweichliche Folge individueller und gesamtgesellschaftlicher Ängste und  Fantasien.

Auf der Suche nach der geeigneten musikalischen Umsetzung besuchte Peter Eötvös (*1944) Musicalvorstellungen am Broadway. Die musikalischen Verweise auf die Showbühne ergänzt Eötvös durch Jazz- und Rockelemente sowie Anleihen aus der jüdischen Musik. Den Gemütszuständen der Protagonisten wird mehr Raum gegeben. Schließlich waren es die in Kushners Stück allgegenwärtigen Visionen und Halluzinationen, die Eötvös an dem Stoff besonders reizten.

—| Pressemeldung Theater Münster |—

Nächste Seite »