Lüttich, Opéra Royal de Wallonie, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 15.09.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

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Opéra Royal de Wallonie-Liège

 Madama Butterfly – Giacome Puccini

 – Der japanischen Kosmos – Tradition changiert mit Moderne des Westens –

von Ingo Hamacher

Mit langanhaltendem Applaus feierte das Premierenpublikum eine rundum gelungene Leistung des Ensembles, welches nicht nur sängerisch durch Solisten und einen wunderbaren Chor überzeugen konnte, sondern ebenso durch das ausgezeichnet spielende, von Speranza Scappucci lebendig und sensibel geführten Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Madama Butterfly – Neuproduktion der Opéra Royal de Wallonie-Liège in Zusammenarbeit mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago

Wenn auch sowohl Svetlana Aksenova, in der Rolle der Cio-Cio-San, als auch Alexey Dolgov als F.B. Pinkerton bei ihrem Hausdebut in Lüttich überraschenderweise – beide haben ihre Rollen seit vielen Jahren in ihrem Repertoir – in den ersten beiden Akten deutliche Zeichen von Anspannung und Lampenfieber zeigten, konnten sie die Partien erfolgreich beenden. Nach ihrer mit Szenenapplaus bedachten und bekanntermaßen herausfordernden Arie:„Un bel dì, vedremo“ fand die Sopranistin Aksenova spürbar zur Ruhe, was ihrer Stimme zugute kam. Tenor Dolgov überzeugte vor allem in den hohen Lagen, wogegen die Tiefen etwas dünn erschienen.

Madama Butterfly – Eine Einführung in die Produktion
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Saverio Fiore in der Rolle des Goro, auch er gab sein Hausdebut, und Sabina Willeit als Suzuki überzeugten stimmlich vollauf. Wieder einmal überragend jedoch Mario Cassi als Sharpless, dem es nach klassischer Belcanto-Manier gelang, mit durchgängig auf dem Atem liegender Stimme das Publikum zu begeistern.

Madama Butterfly gehört zum Standardrepertoire, so dass die Handlung als bekannt voraus gesetzt werden kann: Um 1900 heiratete der amerikanische Offizier Pinkerton in Japan die junge Geisha Cio-Cio-San, die sich ihm mit Leidenschaft hingab. Aus ihrer Vereinigung wurde ein Kind geboren, von dessen Existenz der Leutnant bei seiner Rückkehr nach Hause nichts wusste. Drei Jahre später kommt er mit seiner amerikanischen Frau zurück nach Japan, um seinen Sohn abzuholen, von dem er inzwischen erfahren hat. Verraten und verlassen, gibt es für Cio-Cio-San nur einen Ausweg……

Nach seinem großen Erfolg, den Giacomo Puccini im Jahr 1900 mit seiner Oper TOSCA hatte, suchte er nach einem neuen Thema, das ihm eine tiefe tragische Quelle bieten konnte. Er setzte auf ein Stück des Dramatikers David Belasco, Madame Butterfly, inspiriert von realen Ereignissen: die katastrophale Liebesaffäre eines sehr jungen Mädchens, Cio-Cio-San, dessen Name auf Japanisch „Schmetterling“ bedeutet.

Madama Butterfly war für Puccini die perfekte Gelegenheit, den „Japonismus“ zu nutzen, der im Westen seit Ende des 19. Jahrhunderts in Mode war. Auf der Suche nach neuen Farben und einzigartigen Atmosphären studierte der Musiker die Sprache, Kultur und Musik Japans und zögert nicht, authentische Melodien zu verwenden. Das Ergebnis war für die Hörer schockierend. Der Autor berichtete, es sei seine „aufrichtigste und ausdrucksstärkste“ Oper.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Japonismus ist die Bezeichnung für den Einfluss der japanischen Kunst auf die Künstler der westlichen Welt, insbesondere französische. Die Kunst, die aus dieser Inspirationsquelle hervorging, wird als Japonesque bezeichnet.

Die Bilder- und Formensprache der „Bilder der heiteren, vergänglichen Welt“, der Ukiyo-e, und anderer Erzeugnisse des japanischen Kunsthandwerks wie Töpfer-, Metall-, Lack- und Bambusarbeiten wurden eine Quelle der Inspiration für den Impressionismus, den Art Nouveau, den Jugendstil, die Wiener Secession und auch viele Künstler des Expressionismus.

Seit um die Mitte des 19. Jahrhunderts die amerikanische Flotte die Öffnung der japanischen Häfen erzwungen hatte, verbreiteten sich im Westen rasch genaue Kenntnisse über japanische Kunst und Kultur; Auf dem Gebiet der Musik, Literatur und der bildenden Künste begann man sich mit dem fernen Inselreich auseinanderzusetzen. Der Begriff Japonismus wurde 1872 von dem französischen Kunstkritiker Philippe Burty geprägt. Die Pariser Weltausstellung 1878 zeigte eine Reihe von Werken der japanischen Kunst.

Stefano Mazzonis Di Pralafera, Intendant der Opéra Royal de Wallonie und Regisseur dieser Neuproduktion, welche die Oper Lüttich in Kooperation mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago erarbeitet hat, will uns den Kosmos der japanischen Welt sowohl unter dem Aspekt der Tradition, als auch dem Wandel in die Moderne vor Augen führen. Fernand Ruiz, verantwortlich für die Kostüme, ließ dazu beispielsweise die verwendeten 36 Kimonos in den Werkstädten per Hand bemalen, um eine größtmögliche Authentizität zu erzielen.

Die Bühne, im ersten Akt ein historisches Japan, wie wir es mit dem Uraufführungsjahr der Oper 1902 gedanklich in Verbindung bringen. Nachfolgend erleben wir eine typischen 50er-Jahre Stil, der zeitlich mit der 2. amerikanischen Eroberung Japans durch die Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg zu verorten ist. Die Veränderungen dieses halben Jahrhunderts ist nicht nur in der Architektur des Hauses, der Einrichtung und der Kleidung zu erleben. Wir erkennen auch völlig veränderte Bewegungs- und Verhaltensabläufe der Protagonisten.

Für die historisch korrekte Reproduktion all dieser Aspekte zeichnet Misaya IODICE-FUJIE, Beraterin für japanische Traditionen, verantwortlich. Misaya Iodice-Fujie wurde in Tokio geboren und studierte Zeichnen, Malen und Kalligraphie.  Parallel zu ihrem Universitätsstudium studiert sie traditionelle japanische Kunst: Ikebana (Blumenkunst) und die Kunst des Kimonos.

Wesentlich für das Werk ist der Gegensatz zwischen dem westlichen und dem fernöstlichen Lebensstil, den Puccini von Anfang an auch musikalisch ausdrückt. Die Oper beginnt mit einem exotischen musikalischen Thema, das auf typisch westliche Weise verarbeitet wird. Pinkertons erstes Gesangsstück enthält bereits die beiden westlichen Hauptthemen der Oper. Umrahmt wird dieses Stück durch ein Zitat der damaligen Marinehymne (ab 1931 die amerikanische Nationalhymne) in den Bläsern. Nach Pinkertons Duett mit dem Konsul Sharpless wird das westliche Kolorit durch ein japanisches abgelöst, als der Heiratsvermittler Goro mit den Frauen eintrifft.

Puccini bemühte sich intensiv, eine glaubhafte „japanische Färbung“ zu erreichen. Zur Inspiration dafür nutzte er unterschiedliche Quellen: Er besuchte eine Aufführung der als Geisha ausgebildeten Schauspielerin und Tänzerin Kawakami Sadayakko während ihrer Welttournee im März und April 1902. Die Gattin des japanischen Botschafters in Rom, Hisako Oyama, sang ihm traditionelle Volkslieder vor und half ihm bei den japanischen Namen. Außerdem erhielt er Hinweise des belgischen Musikwissenschaftlers und Asien-Experten Gaston Knosp. Auch konnte er auf europäische Notensammlungen transkribierter japanischer Melodien zurückgreifen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Beim Auftritt des kaiserlichen Kommissars erklingt ein Ausschnitt der japanischen Nationalhymne Kimi Ga Yo. Zwei Motive der Cio-Cio-San sind auf chinesische Volksmusik zurückzuführen. Puccini entnahm diese einer in der Schweiz hergestellten Musik-Box mit westlich assimilierten chinesischen Melodien.

Der mechanische Klang dieser Musik-Box, die naturgemäß einige Eigenheiten fernöstlicher Musik wie die typischen kontinuierlich gleitenden Veränderungen der Tonhöhe oder die originale Klangfarbe der Instrumente nicht wiedergeben konnte, beeinflusste Puccinis Instrumentation der japanisch gefärbten Passagen.

Das Ergebnis von Puccinis Studien sind äußerst ungewöhnliche Klangfarben, die er mit Instrumenten wie Tamtam, japanischen Schellentrommeln, japanischem Klaviaturglockenspiel oder Röhrenglocken erzielt. Der Satz der Begleitstimmen wirkt vielfach exotisch; die Charakterisierung der Nebenfiguren dient der Darstellung des Kolorits. Die Partie des Pinkerton entspricht dagegen ganz der Puccinis lyrischer Tradition.

Die Musik der Cio-Cio-San verbindet fernöstliche und europäische Charakteristiken. Am Schluss ihrer Auftrittsszene fordert sie die anderen Frauen auf, sie nachzuahmen und vor Pinkerton auf die Knie zu fallen. Zu dieser Pantomime erklingt das chinesische „Shiba mo“. Das Niederknien des Ostens vor dem Westen erfolgt somit nicht nur szenisch, sondern auch in der Musik.

Puccini hat die Butterfly selbst seine „innigste und erfüllteste Oper“ genannt. Nie zuvor und nie danach hat er ein so bedingungslos liebendes, zartes, verratenes und bedauernswertes Traumgeschöpf auf die Bühne gebracht wie die kleine Japanerin Cho-Cho-San. „Wie ich sie liebte und auch weiterhin lieben werde! Solange ich die Musik schrieb, sah ich sie vor mir, das kleine süße, von Wehmut erfülle Mädchen“, schwärmte er.

Madama Butterfly – Intendant und Regisseur Stefano Mazzonis Di Pralafera führt ein
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Zeigt uns der erste Akt dieser Inszenierung ein historisch verträumtes Japan mit Holzhaus und Lampignons, die im Zusammenspiel mit den Kostümen und Papierschirmen immer wieder atemberaubend schöne lebendige Bilder auf die Bühne zaubern, so kühl und seelenlos begrüßt uns geflieste Hausfassade im 2. Akt. Sachlichkeit und Strenge, sowohl als Ausdruck Cio-Cio-Sans Seelenleben, aber auch als Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Im 3. Akt lässt Pralafera einen Helikopter auf die Bühne einfliegen und auf dem Flachdach des Hauses landen, dessen Macht und akustische Gewalt in uns hätte Assoziationen vor US-amerikanischen Invasionen wecken können, wie wir sie aus Filmen wie „Apokalypse Now“ vor Augen haben.

Dies gelingt leider nicht. Vermutlich ist es den Begrenzungen des Bühnenraums geschuldeter, dass uns der Bühnenbildner Jean-Guy Lecat einen stark deformierten Hubschrauber präsentiert, der völlig geräuschlos, mit stillstehendem Rotor, hoppelnd und rappelnd aus dem Schnürboden einfliegt, das belustigte Publikum eher an Robbie, Tobbi und das Fliewatüt erinnernd, als an imperiale Gewalt.

Coup de théâtre:  Als Pinkerton seinen im Kinderwagen schlafend geglaubten Sohn auf den Arm nehmen will, um ihn nach Amerika, einer vermeintlich besseren Welt, zu bringen, findet er dort nur ein Haarteil und zusammegerollte Decken. Madama Butterfly hatte ihren hochdramatischen Satz: „Wer nicht in Ehren leben kann, der soll in Ehren Sterben!“ wohl nicht nur für sich selbst gesprochen. Wenn sie blutüberströmt, mit durchgeschnittener Kehle auf die Bühne stürzt, scheint uns die dramatische Schlussmusik zu bestätigen, dass ihr Sohn ebenfalls tot im Hause liegt.

Abschließend ein großes Lob für Franco Marri, dem es mit seiner Lichtkunst großartig gelungen ist, zum Erfolg des Abends beizutragen.

Musikalische Leitung: Speranza Scappucci, Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, Bühne: Jean-Guy Lecat, Kostüme: Fernand Ruiz, Licht: Franco Marri, Chorleitung: Pierre Iodice

Besetzung:

CIO-CIO-SAN: Svetlana Aksenova, Hausdebut  –  Die in St. Petersburg geborene Aksenova absolvierte ihr Gesangsstudium am renommierten Rimsky Korsakov Conservatory, wo sie bereits während ihrer Studienzeit als Titelrolle in Tschaikowskys Iolanta auf sich aufmerksam machte. Svetlana Aksenova wurde international für ihre Auftritte als Lisa in einer Neuproduktion von The Queen of Pades an der Niederländischen Nationaloper unter der Regie von Stefan Herheim und unter der Leitung von Mariss Jansons, der Titelrolle in Rusalka an der Pariser Oper, Cio-Cio-San in Madama Butterfly an der Zürcher Oper gefeiert. Nach ihrem Debüt an der Opéra Royal de Wallonie kehrt sie als Tatyana in Eugene Onegin an die Norwegische Nationaloper in Oslo zurück.

F.B. PINKERTON: Alexey Dolgov, Hausdebut  –  Die Washington Times schreibt über den Tenor: „Ein großes Lob für den gutaussehenden russischen Tenor Alexey Dolgov, der ironischerweise die Rolle des Pinkerton singt, des ursprünglich hässlichen Amerikaners. Mit einem selbstbewussten Schwung und einer klaren, selbstbewussten, autoritativen Stimme bewohnt Herr Dolgov sofort diesen selbstbewussten Yank und versteht gleichzeitig seine essentielle Flachheit. Als Schauspieler glänzt Herr Dolgov auch in den letzten Szenen der Oper. Seine Performance, die die emotionale Feigheit seines Charakters mit viel Geschick projiziert, verleiht der Tragödie in Butterflys letzter Szene weiteres Gewicht.“

SHARPLESS: Mario Cassi  –  Mario Cassi arbeitet regelmäßig an den bedeutenden Opernhäusern weltweit. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Händel, Porpora und Mozart bis zu zeitgenössischen Komponisten, wobei sein Schwerpunkt auf dem italienischen Belcanto liegt.

SUZUKI: Sabina Willeit  –  Die Mezzosopranistin wurde in Bozen aus einer ladinischen Familie geboren und studierte Gesang am Konservatorium ihrer Heimatstadt. Sie als Hauptdarstellerin in über 25 klassischen und modernen Opern mit international anerkannten Dirigenten in namhaften Opernhäusern und bei Festivals in Italien und Europa auf.

GORO: Saverio Fiore, Hausdebut  –  Der gebürtige Barier absolvierte sein Gesangsstudium mit Auszeichnung am Istituto Musicale „Giovanni Paisiello“ in Taranto.  Sein Debüt gab er 1998 mit Il fortunato decanno von Donizetti beim Festival della Valle D’Itria und übernahm zahlreiche  Hauptrollen in Opern.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

KATE PINKERTON: Alexise Yerna, LO ZIO BONZO: Luca Dall’Amico, IL COMMISSARIO/YAMADORI: Patrick Delcour, YAKUSIDÉ: Alexei Gorbatchev, L’OFFICIER D’ÉTAT-CIVIL: Benoît Delvaux, LA MÈRE DE CIO-CIO-SAN: Réjane Soldano, LA TANTE DE CIO-CIO-SAN: Dominique Detournay, LA COUSINE DE CIO-CIO-SAN: Barbara Pryk,  Orchester und Chor: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Madama Butterfly; weitere Vorstellungen an der Opéra Royal de Wallonie,  15.; 17.; 19.; 21.; 22.; 24.; 26.; 28.9.2019 und mehr

Madama Butterfly:  Oper von Giacomo Puccini, „Tragedia giapponese“ in drei Akten, Sprache: Italienisch, Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, Literarische Vorlage / Autoren: John Luther Long und David Belasco: Madame Butterfly, Uraufführung der dreiaktigen Fassung: 28. Mai 1904, Ort der Uraufführung der dreiaktigen Fassung: Teatro Grande, Brescia, Spieldauer: ca. 2 ½ Stunden, Ort und Zeit der Handlung: Ein Hügel oberhalb von Nagasaki, um 1900

Opéra Royal de Wallonie-Liège:  Als Neuerung der aktuellen Spielzeit 2019/20 wurde eine neue Übertitelungsanlage eingerichtet, die den Text nun in den drei Landessprachen: Französisch, Flämisch und Deutsch einblendet, sondern auch in Englisch.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Paris, Opéra Bastille, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 04.06.2019

Juni 4, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera National de Paris

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Opera National de Paris 

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

TOSCA   –  Giacomo Puccini

Suggestive, atmosphärisch-dichte Bildwelten – historisch verortet

von Uschi Reifenberg

In diesem Jahr  gibt es für die Opéra National de Paris gleich zwei bedeutende Ereignisse zu feiern. Zum einen begeht Frankreich heuer das Jubiläum „350 Jahre Pariser Oper“ unter dem Leitsatz „Modern seit 1669“, zum anderen feiert die Opéra Bastille 2019 ihren 30. Geburtstag.

Opéra Bastille – gelegen auf dem symbolträchtigen  Place de la Bastille

Die Bastille Oper wurde 1983 vom damaligen Staatspräsidenten François Mitterand als moderner Gegenentwurf zum Palais Garnier konzipiert, jenem neobarocken Prachtbau, der seit 1875 den Parisern für Opern- und Ballettaufführungen diente und zu einem der repräsentativsten und prunkvollsten Theaterbauten Europas zählt. Heute finden in der Opéra Garnier in erster Linie  Ballettaufführungen des hauseigenen Ensembles statt.

Die Opéra Bastille, als demokratisches, anti-elitäres Theater geplant, steht auf einem der symbolträchtigsten Plätze von Paris, dem „Place de la Bastille“, in dessen Mitte die Siegessäule von 1830 prangt, von welchem 1789 mit dem „Sturm auf die Bastille“, dem damaligen Pariser Staatsgefängnis, die Französische Revolution ihren Anfang nahm. Eröffnet wurde der futuristisch anmutende Riesenbau 1989, am Vorabend des 200. Jahrestages der Französischen Revolution.

Die Opéra Bastille – Ihre Entstehung 
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Das Opernhaus fasst vier verschiedene Säle, der große Saal bietet 2703 Zuschauern Platz. Mit neun beweglichen Bühnen, beweglichem Orchestergraben, einem Amphitheater, integrierten Werkstätten, Büros und Proberäumen ist die Bastille Oper eines der überragendsten französischen Großprojekte der letzten Jahrzehnte. Die Technik wird nach neuesten Standards weiterentwickelt, zählt heute zu den aufwendigsten weltweit.

Umso beziehungsreicher und spannender gestaltet sich eine Aufführung von Giacomo Puccinis Oper Tosca im historischen und entstehungsgeschichtlichen Kontext an der französischen Opéra National de Bastille.

Das populäre Werk des italienischen Opernkomponisten Puccinis basiert auf dem Schauspiel La Tosca des französischen Dramatikers Victorien Sardou, der 1831 in Paris geboren wurde, dort mit seinen Bühnenwerken Berühmtheit erlangte und im Jahr 1908 hochgeachtet starb. Die Hauptrolle in Sardous Drama übernahm eine der damals gefeiertsten Schauspielerinnen des 19. Jahrhunderts, Sarah Bernhardt, die in der Rolle der eifersüchtig, aber aufrichtig liebenden Primadonna alle Facetten Ihrer Schauspielkunst ausschöpfen konnte.

Puccini erlebte anfangs der 1890er Jahre eine Aufführung von Sardous Drama in Mailand, und obwohl er die französische Sprache nicht verstand, war er von den schauspielerischen Möglichkeiten sowie vom theatralischen Potenzial des Stoffes so beeindruckt, dass er sich entschloss, das Drama als Vorlage für eine Oper zu verwenden. Er kaufte Sardou die Bearbeitungsrechte ab und seine Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica verfassten  zusammen mit Sardou das Libretto.

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Die Premiere fand 1900 in Rom statt, in welcher das Stück im Jahre 1800 auch angesiedelt ist. Der Stoff des Werkes weist eine große Nähe zum sogenannten „Verismo“ auf, jener italienischen Stilrichtung in der Literatur, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, vom französischen Naturalismus beeinflusst war und aktuelle sowie soziale Probleme der Gegenwart ungeschönt und ohne Idealisierung darstellte wollte. Es sollte ein Abbild des „wahren“ Lebens gezeigt werden, mit Milieuschilderungen, politisch-revolutionären Sujets, die eine Abwendung vom Historismus der Oper des 19. Jahrhunderts bedeuteten, ebenso vom Symbolismus und vor allem von den mythisch- germanischen Stoffen Richard Wagners.

Sardou verortet Tosca ganz konkret am 17. und 18. Juni 1800 in Rom, in einer Zeit großer  politischer Unruhen; die Schauplätze sind eindeutig festgelegt. Die Einheit von von Zeit, Raum und Handlung ist gegeben.

Die Folgen der Französischen Revolution sind überall deutlich zu spüren, in Europa brechen Kämpfe aus, es ist der Beginn einer neuen Zeit, der Napoleonischen Ära. Das Postulat von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gerät  wenig später zum Leitmotiv für die neue Geisteshaltung. Eugène Delacroix‘ berühmtes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830 ist  im benachbarten Pariser Louvre zu bewundern.

Besuchte Vorstellung – 25. Mai 2019  –  Opéra Bastille, Paris

Auch in Paris gut 230 Jahre später erlebt Frankreich wieder politische Aufstände in Gestalt der Gelbwesten, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit und niedrigere Steuern auf die Straßen begeben.Jeden Samstag formieren sich Aufständische und liefern sich Zusammenstöße mit der Polizei, so auch am 25.05.19 vor der Opéra Bastille. Als deutsche Opernbesucherin, die das „Schauspiel“ aus der sicheren Entfernung durch die Fenster der Oper verfolgt, am Abend vor der Europawahl, verstärkt diese Erfahrung die symbolische Bedeutung des Schauplatzes und weitet zusätzlich den Blickwinkel für unsere gemeinsame europäische Verbundenheit und Verantwortung.

Im Rom um 1800 stehen Royalisten den freiheitlich gesinnten Republikanern gegenüber, die in der  Folge gejagt und hingerichtet wurden. Am 14. Juni trafen im norditalienischen Marengo die französischen Truppen Napoleons auf die Österreichischen Machthaber, welche zunächst den Sieg der Royalisten über die Franzosen verkünden und ihren Triumph feiern. Das ist die Ausgangslage, in welcher nun die Handlung der Tosca einsetzt.

Diese Oper ist ein Kraftwerk der Gefühle. Ein Stück über eine Dreieckstragödie, die Geschichte einer starken Frau, eine Liebesbeziehung, die in die Fänge von Macht, Politik und Kirche gerät, ein Künstlerdrama im Überwachungsstaat, zwischen Liebe, Eifersucht, Verrat, Machtgier und Loyalität.

Und ein packender Opernthriller, der fast alles an gesetzeswidrigen Tatbeständen aufweist, was das heutige krimigeschulte Publikum erwartet: Erpressung, sexuelle Nötigung, Folter, Widerstand gegen die Staatsgewalt, versuchte Gefangenenbefreiung, falsche uneidliche Aussage, falsche Verdächtigung, Bestechlichkeit, Körperverletzung im Amt, Bestechung, Verfolgung Unschuldiger, Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat, Mord, Selbstmord…

Tosca –  Giacomo Puccini
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Piere Audi, der Regisseur, bleibt in seiner Lesart nah am Text, besticht mit einer ausgefeilten Personenführung und überwältigt mit suggestiven, atmosphärisch-dichten Bildwelten, die den Zuschauer sogartig in die Szene hineinziehen. Der Bühnenbildner Christof Hetzer hat drei beeindruckende opulente Bilder geschaffen, die auf die historischen Verortungen präzise, aber variabel Bezug nehmen.

Der 1. Akt in der Kirche Sant’ Andrea della Valle in der römischen Innenstadt wird von einem riesigen Holzkreuz beherrscht, das als Kirchenraum und gleichzeitig als erhöhter Zugangsweg mit Treppe zur Kirche dient und in den ersten beiden Akten als Dreh- und Angelpunkt präsent ist. Noch vor Einsetzen des wuchtigen Scarpia Motivs, ist für Gruseleffekt gesorgt. Die Bühne ist völlig dunkel, (Lichtregie: Jean Kalman), aus Nacht und Nebel schälen sich die Umrisse einer schwarzen Gestalt, die Häscher sind omnipräsent, der Überwachungsstaat im Einsatz.

Der Künstler Cavaradossi, ein junger, Charmeur, malt im von Kerzen erhellten Altarraum an der Unterseite des Holzkreuzes an einem Panoramabild mit tanzenden blonden Nymphen und schwärmt von seiner Geliebten Floria Tosca. Mit der Fluchthilfe des aus dem Gefängnis entflohenen Häftlings Angelotti hat sich der Republikaner Cavaradossi den Fängen des Polizeichefs Scarpia ausgeliefert. Im folgenden Duett mit seiner Geliebten, der berühmten Sängerin Tosca, die ihre Eifersucht nur schwer kontrollieren kann, blitzt dennoch die Möglichkeit der Erfüllung ihrer beider Liebesglücks auf, spürt man für einen Moment die unendliche Leichtigkeit des Seins. Aber es ist zu spät.

Opéra Bastille © Uschi Reifenberg

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Scarpia, der römische Polizeichef, die Inkarnation des Bösen, ein Nachfolger Jagos, ist eine janusköpfige Gestalt mit graumelierter Mähne und Gehstock, mit dem er bedrohlich hantiert. Er verfügt über alle Abgründe menschlicher Niedertracht und schreckt vor nichts zurück. Als Zyniker und Tyrann kann er seine Lüsternheit hinter einer aalglatten Fassade verbergen und sublimiert sie in falscher Bigotterie. Zum „Tedeum“ finden sich Gläubige, Kleriker, und der Kardinal in der Kirche ein, das Holzkreuz dient nun zur Trennung der verschiedenen Ebenen. Unten steht das Volk, erhöht der Klerus und im grellen Neonlicht in der Mitte erscheint der Kardinal. Ehrfürchtig verneigt sich Scarpia vor der kirchlichen Macht. Ein starkes Bild!

Der 2. Akt zeigt Scarpias „Büro“, ein prunkvolles Zimmer im Palazzo Farnese, mit halbrunden roten Wänden, das in der Höhe nur die Hälfte der Bühne einnimmt, darüber thront das Holzkreuz aus dem 1.Akt, das nun senkrecht zur Bühne angebracht ist. Im Zimmer der gedeckte Tisch, mehrere Chaiselongues, brennende Kerzen, religiöse Requisiten. Tosca, die bejubelte Sängerin, erscheint in strahlender Schönheit. im golddurchwirkten langen Kleid (Kostüme: Robby Duiveman), mit Diadem und schwarzem Haarkranz. Sie erinnert in ihrem Auftritt an eine weltberühmte Rollen- Vorläuferin. Hier spielt sich nun die Tragödie von Tosca, Cavaradossi und Scarpia ab, wird durch die politischen und individuellen Implikationen das Schicksal der drei Protagonisten unabänderlich besiegelt. Scarpia lässt Cavaradossi foltern, um den Aufenthaltsort von Angelotti zu erpressen, dieser bleibt jedoch standhaft. Tosca, die Musikerin, die nur für die Kunst und die Schönheit lebte, und dies in einem ergreifenden Bekenntnis offenbart, wird zum Opfer des eiskalt und zynisch handelnden Tyrannen. Die Verkündigung von Napoleons Sieg verleiht Cavaradossi neue Kräfte und er triumphiert über die Royalisten. Um an sein Ziel zu gelangen, bietet Scarpia Tosca einen Deal an: Sex gegen Cavaradossis Leben, sie willigt ein. Als Scarpia Tosca umarmen will, ersticht sie ihn mit einem Messer.

Im 3. Akt weicht Pierre Audi vom vorgegebenen Schauplatz der Engelsburg ab und verlegt das dortige Gefängnis auf ein ehemaliges Schlachtfeld. Dieses symbolstarke Bild wird beherrscht von vereinzelten toten Baumstümpfen und Sumpfgrasbüscheln, welche die Trostlosigkeit der Szene spiegeln. Schwach dämmert der graue Tag herauf, ein kleines beleuchtetes Zelt dient dem todgeweihten Cavaradossi als letzte Zuflucht und ist Blickfang. Das Holzkreuz beschließt nun in Deckenhöhe die einsame Szene. Soldaten lagern auf dem Feld, formieren sich zum Exekutionskommando, unterbrochen von Cavaradossis letztem verzweifeltem Aufbäumen gegen das grausame Schicksal, das seiner Liebeshoffnung und seinem Leben nun ein Ende setzt. Da stürmt wie ein deus ex machina Tosca auf die Szene und gemeinsam geben sich die Liebenden noch einmal der trügerischen Hoffnung einer gemeinsamen Zukunft hin, bis die grausame Realität mit Cavaradossis realer Hinrichtung der Liebesutopie ein jähes Ende setzt. Es fällt ein schwarzer Schleier, man sieht Tosca auf ein Tor aus gleißendem Licht zuschreiten.

Wenn man es nicht geahnt hatte, dann weiß man es spätestens nach dieser Aufführung. Anja Harteros ist vielleicht DIE Tosca unserer Zeit. Ihre Stimme ist prädestiniert für Puccinis große Heroine und vereint alle Eigenschaften, die für eine kongeniale Rollenausdeutung ideal sind. Ihr voller, warmer Sopran leuchtet in allen Lagen, sie variiert ihre Stimme von äußerster Zartheit bis in dramatische Spitzenbereiche und schattiert jeden Affekt mit verblüffendem Nuancenreichtum. Ihr untrüglicher Sinn für Puccinis‘ Melos lässt ihr „Vissi d‘arte“ zu einem Höhepunkt der Aufführung werden und reißt das Pariser Opernpublikum zu Beifallsstürmen hin. In ihrem Spiel akzentuiert sie die aufrichtig Liebende mit Sensibilität und Verletzlichkeit, anrührend gerät ihre Traumatisierung nach dem Mord an Scarpia.

Tosca –  Giacomo Puccini
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Marcelo Puente als Cavaradossi avanciert ebenfalls zum Publikumsliebling an diesem Abend. Ein feuriger, jugendlicher Liebhaber, der mühelos jede tenorale Klippe umschifft und mit einem beeindruckenden Rollenportrait überzeugt. Sein warmer lyrischer Tenor besitzt Strahlkraft, Innigkeit und viel Schmelz, er weiß perfekt zu phrasieren, ohne stilistisch abzugleiten und bewegte tief mit seiner letzten Arie „E lucevan le stelle“.

Zeljko Lucic punktet als Fiesling Scarpia mit vielen baritonalen Glanzmomenten, seine höhensichere Stimme klingt einschmeichelnd, voll triefender Ironie und weiß vor allem an den leisen Stellen zu überzeugen. Im „Tedeum“ überstrahlte sein tragfähiger Bariton mühelos das Ensemble und im 2. Akt findet er nicht nur in der Darstellung zu Härte und Boshaftigkeit. Auf höchstem Niveau sangen und agierten  Krysztof Baczyk als Angelotti, Nicolas Cavallier als Mesner, Rodolphe Briand als Spoletta, Igor Gnidii als Sciarrone und Christian R. Moungoungou.

Dan Ettinger am Pult des Orchestre de l‘Opéra National de Paris entlockte dem hochmotivierten Klangkörper ein Feuerwerk an Klangfarben wie man es sich von Puccinis Partitur erträumt. Der ehemalige Mannheimer GMD und Chefdirigent der Stuttgarter Philharmoniker findet die perfekte Balance zwischen italienischem Pathos, Transparenz, stilsicherem Rubato und mitreißender Schwärmerei. Ettinger zaubert hinreißende Klangbilder, und gestaltet dramatische Aufschwünge mit südländischem Temperament, ohne die Details zu vernachlässigen. Wann hat man jemals so eine spannende und differenziert gestaltete Dynamik bei der Militärmusik gehört sowie derart sensibel und fein ziselierte Holzbläser. Ebenfalls herausragend waren Chor ( Leitung: José Luis Basso) und Kinderchor.

Das enthusiasmiere Pariser Publikum bedachte die Hauptakteure mit Blumen und spendete lange Beifall nach diesem außergewöhnlichen Abend

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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, 21.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Madama Butterfly – Giacomo Puccini

Im Reich selbstzerstörerischer Sehnsuchtsträume

von Ingrid Freiberg

Zunächst hatte der Roman Madame Butterfly des Amerikaners John Luther Long großen Erfolg, das Theaterstück von David Belasco war in der Folge am Broadway und im angelsächsischen Ausland erfolgreich. Giacomo Puccini sah das Stück in London und fühlte die „Opern-Eignung“ des sentimentalen Stoffs. Durch Puccinis melodiengetränkte Partitur und das alle Nebenhandlungen eliminerende Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa entstand ein tief berührendes Musikdrama: Stimmungsvoll, tief empfunden, ins Reich selbstzerstörerischer Sehnsuchtsträume entführend. Die Oper Madama Butterfly entstand in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, der letzten Hochphase des weltumspannenden Kolonialismus. Puccini bettete Anleihen bei japanischer Volks­musik in seine ganz eigene italienische Tonsprache ein. In der Welt der kleinen Leute, aus der Cio-Cio-San stammt, hinterließ der „Austausch“ mit den fremden Mächten tiefe Wunden. Selbst der Skandal, der Misserfolg der Uraufführung seiner Madama Butterfly 1904 am Teatro alla Scala in Mailand, konnte Giacomo Puccini nicht von der Überzeugung abbringen, mit ihr seine „am tiefsten empfundene und stimmungsvollste Oper“ geschrieben zu haben. Er war sich sicher „eine Revanche zu bekommen“. Tatsächlich feierte er im gleichen Jahr in der Provinzstadt Brescia, was die Metropole noch verhöhnte.

Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly - Ermonela Jaho als Cio Cio San © Fadil Berisha

Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly – Ermonela Jaho als Cio Cio San © Fadil Berisha

Auch heute noch ist Madama Butterfly eine der beliebtesten und bekanntesten Opern überhaupt. Die Geschichte der fünfzehnjährigen Geisha Cio-Cio-San, die, um die verarmte Familie zu retten, 15jährig an den amerikanischen Marineoffizier B. F. Pinkerton verkauft wird, dies aber für eine legitime Ehe hält, berührt. Pinkerton sucht Amüsement und mietet eine Braut samt Wohnung für „999 Jahre“. Sie konvertiert zu seinem Glauben und wird deshalb von der Familie verstoßen. Auch nach drei Jahren der Einsamkeit sieht sie, inzwischen Mutter eines blonden, blauäugigen Jungen, sich als Madama Pinkerton und nicht mehr als Madama Butterfly. Heiratsanträge und Angebote einer erneuten Arbeit als Geisha lehnt sie ab. Denn sie ist sich sicher „un bel di vedremo“: Er kehrt zurück… nun mit amerikanischer Gattin und nur um das gemeinsame Kind in die Staaten zu holen. Dies bricht Butterfly, dem zarten Schmetterling, Flügel und Herz; sie nimmt sich das Leben. „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger leben kann in Ehren“, so lautet auch die Inschrift auf dem Dolch ihres Vaters.

John Dews Inszenierung erlebt ein Recycling

John Dews Inszenierung, die 2012 im Staatstheater Darmstadt höchstens Freunde des Regietheaters irritierte, erlebt im Hessischen Staatstheater Wiesbaden ein Recycling, das nicht nur die Kostüme von José-Manuel Vázquez, sondern auch die Gemälde auf der Bühne von Heinz Balthes sichtlich unbeschadet überstanden hat: die Totale einer abendlichen Bucht, Schiffe, Kraniche, das Meer, später ein Schmetterling sogar. Hübsch anzuschauen ist das einmal mehr beim Wiesbadener Gala-Abend. In der Bearbeitung von Magdalena Weingut entfaltet sich der Zauber dieses Werkes besonders eindrucksvoll.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly  © Sven-Helge Czichy

Ermonela Jaho – weltweit gesucht – Cio-Cio-San

Mit der albanischen Sopranistin Ermonela Jaho kommt eine Sängerin nach Wiesbaden, der man nachsagt „sie ist zuerst und vor allem Madama Butterfly“. Die Sängerin ist zur Zeit eine der weltweit gesuchtesten Cio-Cio-Sans. So sind die Erwartungen entsprechend hoch… und werden noch übertroffen! Diesen rundum hochklassigen Gala-Abend hebt sie vokal und emotional auf ein außergewöhnlich hohes Niveau. Ihre Darstellung und ihr Aussehen sind untrennbar miteinander verbunden. Ihre Stimme klingt im ersten Akt jugendlich und lieblich. Tief ergreifend ist sie dann im verzweifelten Hoffen des zweiten Akts. Sie spinnt berückende Piani, in denen stets ihre ganze Seele mitschwingt. Nachdem sie feststellt, dass Pinkerton nicht mehr zu ihr zurückkehren wird, weichen die warmen verliebten Klangfarben der puren Verzweiflung. Zutiefst erschütternd gestaltet sie mit dramatischen, vokalen Ausbrüchen den Abschied von ihrem Sohn und die finale Selbsttötung. Diese Frau ist ein emotionales Großereignis… Ihrer Interpretation sollte eigentlich ein Warnhinweis vorangestellt werden, rechtzeitig die Taschentücher bereitzuhalten.

Schmerzlich bis zum bitteren Ende

In Verzweiflung gestürzt wird sie von Vincenzo Costanzo (Pinkerton), der rollenbedingt nicht den leichtesten Stand beim Publikum hat. Er zieht das Publikum dennoch schnell in seinen Bann. Überzeugend gibt er den machohaften Amerikaner, der in dieser Produktion von Anfang an dem Whisky zuspricht. Dass seine Stimme nur zu Beginn leicht angestrengt klingt, verdankt er seiner guten Technik. Sie erlaubt ihm sehr bald strahlende Höhen, betörend schöne Decrescendi- und Pianopassagen und ein schmerzlich zu Herzen gehendes „Butterfly, Butterfly …“.

An Cio-Cio-Sans Seite leidet Silvia Hauer als treue Dienerin Suzuki mit glühend starker Präsenz. Ihren in allen Lagen herrlich ansprechenden Mezzo und ihre starke Bühnenpräsenz setzt sie herzergreifend ein. Sie kommen besonders im Duett mit ihrer Herrin brillant zur Geltung. Sehr spannend ist das Duell zwischen Pinkerton und Sharpless. Der ausdrucksstarke Benjamin Russell (Sharpless) kann dramatische Ausbrüche mit Furor glaubhaft gestalten, aber auch weich und nachdenklich im flüsterzarten Piano singen. Das ebenso elegante wie warme Timbre seiner Stimme ergänzt die Interpretation ideal. Er positioniert sich vom ersten Ton an als herzensguter Mann, der Pinkertons Absichten durchschaut und ablehnt. Ganz distinguiert versucht er, auf Butterfly einzugehen.

Erik Biegel (Goro) ist ein hyperaktiver, schmieriger Heiratsvermittler. Daniel Carison (Fürst Yamadori) wirbt mit strömenden Bariton erfolglos um Cio-Cio-San. Als elegante, weich und voll klingende Kate Pinkerton tritt Lena Naumann hervor. Mit bösen Einwürfen, die Verstoßung Cio-Cio-Sans aus der Familie verkündend, lässt Doheon Kim (Onkel Bonzo) seinen Bass kräftig und klangschön strömen. Mit John Holyoke (Der kaiserliche Kommisar), Ayako Daniel (Mutter von Cio-Cio-San), Eunshil Jung (Die Base) und Yeonjin Choi (Die Tante) sieht man sich einem mitreißenden Sängerensemble gegenüber. Einen herzlichen Extraapplaus erhält Vanessa Ünver (Kind).

Der Chor des Hessischen Staatstheaters unter der Leitung von Albert Horne überzeugt in seiner Geschlossenheit: Punktgenau werden die Personen geführt und mit dem Intermezzo vor der Finalszene „Voci misteriose a bocca chiusa – Summchor“ brilliert er ganz besonders.

Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Mit Zeit und Ruhe für herrliche Puccini-Bögen kostet Christina Domnick (Musikalische Leitung) die großen Emotionen des Werks wunderbar aus. Die Musiker beweisen dabei Sinn für das breite Farbspektrum in vielfältigen Facetten: etwa in den seufzenden Streichern, die im Intermezzo mit den Figuren regelrecht weinen. Selbst in den dramatischeren Momenten geht weder der Dirigentin noch dem Orchester die Dynamik durch; eine bestechende Balance zwischen Stimmen und Instrumenten zeichnet den Abend aus. Die Kontraste zwischen hartem tragischem Sound und duftig fließendem Melos werden bis zur Schmerzgrenze, bis zum bitteren Ende stark herausgearbeitet.

Lange Stille nach dem letzten, schneidend dissonanten Akkord im ausverkauften Haus gefolgt von tosendem Applaus…

  Butterfly  – Opern Air – Auf Großbild Leinwand – Wieder am 16.6.2019

Für Opernenthusiasten, die nicht das Glück hatten, eine Karte zu ergattern und  nicht die Live-Übertragung aus dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden auf Großbild-Leinwand verfolgen konnten: Am 16.6.2019 wird Butterfly erneut Open Air – auf der Großbildleinwand übertragen. Die Zuschauer / Zuhörer können dann auf Picknick-Decken  die Oper in Stereo und höchster Qualität genießen; zudem ist das “Wiesbaden Opernpicknick” kostenfrei.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Braunschweig, Staatstheater Braunschweig, La Boheme – Giacomo Puccini, 05.12.2018

Dezember 3, 2018 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Staatstheater Braunschweig

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Staatstheater Braunschweig

Staatstheater Braunschweig © Stefan Koch

Staatstheater Braunschweig © Stefan Koch

 La Bohème – Giacomo Puccini

Libretto Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, nach »Scènes de la vie de bohème« von Henri Murger, in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere  2.12.2018, weitere Vorstellungen 5.12.; 22.12.; 28.12.2018 | 17.01. | 22.01. | 08.02. | 16.02. | 01.03. | 17.03. | 24.03.2019 

Die Pariser Bohème spiegelt den Traum von Freiheit und Unabhängigkeit – das Leben der Künstlerfreunde rund um Rodolfo aber sieht anders aus: Es ist kalt in ihrer Mansarde, noch nicht einmal die Miete können sie bezahlen. Als die hübsche Nachbarin Mimì mit der Bitte um Feuer die Wohnung betritt, scheint vor allem in Rodolfos Leben ein wenig Wärme einzuziehen. Doch schnell stellt sich heraus: Auch diese Flamme muss ihren Tribut an die Armut bezahlen … Durch die intime Szenerie und das alltägliche Sujet stellte La bohème ein Novum in der italienischen Oper dar. Heutzutage gilt La bohéme als eine der meistgespielten Opern des Repertoires.

Musikalische Leitung: Iván López Reynos, Regie und Bühne: Ben Baur, Kostüme: Julia K. Berndt, Choreografie: Liliana Barros

Mit: Mimì: Ivi Karnezi, Ekaterina Kudryavtseva, Musetta: Jelena Bankovi?, Anat Edri
Rodolfo: Angelos Samartzis, Kwonsoo Jeon, Schaunard: Maximilian Krummen, Vincenzo Neri, Marcello: Maximilian Krummen, Vincenzo Neri, Colline: Jisang Ryu, Benoît / Alcindoro: Michael Eder ..

—| Pressemeldung Staatstheater Braunschweig |—

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