Lüttich, Royal Opera de Wallonie, I Puritani – Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 21.06.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

I Puritani  –  Vincenzo Bellini

– Morgen graut noch über dem Grab von Vincenzo Bellini, als ……. –

von Ingo Hamacher

– Brava, bravo, bravissimo! – Das Lütticher Publikum ließ seiner Begeisterung nach jeder Musiknummer von Vincenzo Bellinis Belcanto – Oper I Puritani freien Lauf. Ovationen, Jubel und leidenschaftlicher Applaus waren kaum noch zu bremsen.  So schön war alles, was Auge und Ohr geboten wurde, dass sich niemand daran gestört hat, dass der Kopf im Grunde nicht verstand, was da gezeigt wurde.  Egal! Es war wunderbar.

I Puritani –  Vincenzo Bellini
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Vincenzo Bellini Grabmal in Paris © IOCO

Vincenzo Bellini Grabmal in Paris © IOCO

Während Vincenzo Bellinis Musik den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens bildet, weist das Libretto des an Theatererfahrung mangelnden Carlo Pepoli einige Ungereimtheiten und dramatische Schwächen auf.  Regisseur Vincent Boussard versucht daher eine biographischen Neudeutung, mit der er aber auch nicht für Klarheit sorgt: Er lässt Bellini zweimal leibhaftig auftreten. Noch vor der Ouvertüre wird er von einem Todesengel (die Tänzerin Sofia Pintzou) zu Klängen von Klaviermusik Franz Liszts erwürgt und begraben. Am Ende, wenn Bellini noch einmal auf der Bühne erscheint, wird er erschossen. Zwei verschiedene Todesarten?

Bellinis früher Tod im Alter von 33 Jahren hat zu zahlreichen Spekulationen und Gerüchten geführt. Paris 1835: In einem bis auf die Grundmauern ausgebrannten Theater wird eine Trauerfeier für den kürzlich verstorbenen Komponisten abgehalten.  Das bombastische Bühnenbild von Johannes Leiacker zeigt in bühnenfüllenden Ausmaßen die Ruinen eines Theaters mit zahlreichen Logen. Das Wüten des Feuers ist noch in verbrannten Überresten zu erkennen. Totes, schwarzes Laub weht über den Bühnenboden; ein schwarzer Flügel als Zeugnis der vergangenen Pracht steht in der Bühnenmitte.  Die Oper wird als Theater im Theater gespielt, zwei Akte lang hinter einem durchsichtigen Schleiervorhang.  Er deutet ein riesiges Guckloch an, dient als Fläche für Projektionen.

Bellinis Liebesleben war mit drei Frauen verbunden: die Tre Giuditte: der vornehmen Mailänderin Giuditta Cantù, die mit dem Seidenfabrikanten und Komponisten Fernando Turina verheiratet war; der Sängerin Giuditta Pasta, der ersten Amina, Norma, Beatrice; und Giuditta Grisi, für die er die Partien des Romeo und der Adalgisa schrieb. Da das Stück nur zwei Frauenrollen vorsieht, fügt Boussard eine zusätzliche, stumme Rolle ein, ein schwarzer Schatten Elviras, der als einer Art Engel des Todes die Handlung begleitet. Nach beeindruckenden Videoprojektionen von Isabel Robson treten zur Ouvertüre nach und nach der Chor und weitere Protagonisten des Stücks in die Theaterruine.  Die Kostüme von Christian Lacroix sind dabei vor allem bei den Frauen sehr aufwendig und opulent gestaltet.

Der Morgen graut über dem noch offenen Grab von Vincenzo Bellini.  Eine kleine Menschenmenge hat sich versammelt.  Die Trauer weicht einer Ballszene.  Es laufen die Vorbereitungen für die Hochzeit von Elvira,der Tochter des Puritanerführers Walton. Der Bariton liebt den Sopran, der aber lieber den Tenor hätte. Dieser jedoch entscheidet sich im Konflikt zwischen persönlichem Glück und Königstreue für die Ehre, was er am Ende mit dem Leben bezahlt.

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani - hier :  Alexise YERNA als Enrichetta © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : Alexise YERNA als Enrichetta © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Verliebte aus verfeindeten Lagern – das sind Elvira und Arturo, mitten im englischen Bürgerkrieg zwischen protestantischen Puritanern und königstreuen Katholiken um 1650.England zur Zeit der Machtkämpfe zwischen den Puritanern und den Anhängern des Königs Karls I., die die Puritaner für sich entscheiden konnten. König Karl I. wurde bereits hingerichtet.  Das Stück erzählt das Schicksal des königstreuen Lord Arturo, der am Tage seiner Liebesheirat mit Elvira – keine Selbstverständlichkeit, sie war bereits einem anderen versprochen – von einer geheimnisvollen Gefangenen in der Festung erfährt, in der er die Königswitwe erkennt, die zur Hinrichtung geführt werden soll.  Es gelingt Lord Arturo mit der durch den Hochzeitsschleier seiner Braut getarnten ehemaligen Königin zu fliehen.  Elvira fällt in der Annahme, ihr geliebter Arturo sei mit einer anderen Frau durchgebrannt, in den Wahnsinn.

Der flüchtige Lord Arturo kehrt zurück, um Elvira um Verzeihung zu bitten und ihr die wahren Gründe zu erklären.  Elvira scheint wieder zu Verstand zu kommen, jedoch als sich Arturos Verfolger nähern, verwirren sich ihre Sinne erneut. Durch den Schock der Todesgefahr, in die Arturo gerät, wird Elvira geistig wieder klar.  Sie wird sich des Verrats an ihr bewusst und handelt: Lieber tötet sie Arturo, als ihn nochmals zu verlieren.

Die Inszenierung findet zu einem interessanten Ende: Zum Schluss stehen wieder alle Darsteller auf der Bühne, gehen zum Bühnenrand und verbeugen sich. Während der Applaus verhallt erfahren sie vom Ende des Kriegs und Boussard gewährt den Darstellern – wenn auch verspätet – das von Bellini und Pepoli vorgesehene glückliche Ende. Schließlich fällt ein Schuss, und die Frau, die anfangs den Komponisten zu Fall gebracht hat, bricht tot hinter einem Vorhang zusammen. Bellini sagte einmal, dass ein gutes Libretto eines sei, das keinen rechten Sinn habe. Das enthusiasmierte Publikum flieht am Ende aus einem überhitzen Opernhaus.

Musikalisch lässt die Aufführung keine Wünsche offen.  Die hervorragende Sängerriege beschert mit wunderbaren Melodien den Zuschauern einen Glücksmoment nach dem nächsten und belegt, dass die Oper musikalisch wirklich ein Meisterwerk ist.  Zwei großartige Solisten geben in den Hauptrollen ihr Hausdebut:

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani  - hier :  das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Lawrence Brownlee überragend als Lord Arturo Talbot; * 1972, Ohio, ist ein US-amerikanischer Tenor. Sein Debüt an der MET hatte er 2007. Dort wurde er auch in Rossinis Arminda und in der berühmten und herausfordernden Rolle des Tonio in La fille du régiment und als Arturo in Bellinis I Puritani gefeiert. Brownlee ist insbesondere für sein Belcanto-Repertoire bekannt.

ELVIRA: Zuzana Markova (* 1988), eine tschechische Koloratursopranistin, die international in Hauptrollen mit Schwerpunkt auf italienischen Belcanto-Rollen wie Donizettis Lucia di Lammermoor und Bellinis Elvira auftritt.  2014 sprang sie im letzten Moment in der Inszenierung von Frédéric Bélier-Garcia an der Opéra de Marseille als Lucia ein, als Eglise Guttierez krank wurde. Markovás Auftritt wurde als buchstäblich blendend beschrieben und auch in Lüttich bot sie Weltklasse.

Mario Cassi punktet als Riccardo mit markantem Bariton, der auch in den Höhen enorme Durchschlagskraft besitzt. Resolut sind die beiden Bässe (Lord Walton: Alexei Gorbatchev; Sir Giorgio: Luca Dall’Amico), alte Herren, die glauben, die Fäden in der Hand zu halten.

ENRICHETTA: Alexise Yerna, belgische Mezzosopranistin.

SIR BRUNO ROBERTON: Zeno Popescu, rumänischer Tenor. Großes leistet der von Pierre Iodice einstudierte Chor der Opéra Royal de Wallonie-Liège, der einiges auf und hinter der Bühne zu singen hat.

Diese letzte Oper der Saison 2018/19 wurde von der Lütticher Chefdirigentin Speranza Scappucci erstmalig dirigiert. Sie lieferte mit dem Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liègeein versiertes und emotionales Dirigat ab, das tief berührte.

REGIE: Vincent Boussard (erstmalig an der Royal Opera), * 1969, ist französischer Opern- und Theaterregisseur. Als Spezialist für frühe Opern wurde er bekannt für seine Versionen romantischer Opern, teilweise in internationaler Zusammenarbeit. Seine Produktionen sind weltweit verbreitet. Er hat mit einer großen Zahl namhafter Dirigenten gearbeitet, wie er auch regelmäßig zu Festivals wie den Salzburger Osterfestspielen, den Festspielen von Aix-en-Provence, den Innsbrucker Festspielen für Alte Musik, dem Festival dei due mondi in Spoleto und dem Festival Amazonas de Ópera eingeladen wird.

 Opera Royal de Wallonie / I Purtitani - hier :  das Zuzana MARKOVÁ - Lawrence BROWNLEE als Lord Arturo Talbot © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : das Zuzana MARKOVÁ – Lawrence BROWNLEE als Lord Arturo Talbot © Opéra Royal de Wallonie-Liège

BÜHNE: Johannes Leiacker, * 1950 in Landshut,  ist deutscher Bühnen- und Kostümbildner. Er ist weltweit als Ausstatter im Opern- und Schauspielbereich tätig. Bis 2010 hatte Leiacker eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste Dresden inne.

KOSTÜME: Christian Lacroix, 1951, Frankreich, ist französischer Modeschöpfer. Zwischen 1987 und 2009 war Lacroix Chef-Designer seiner eigenen Modemarke. Seit den späten 1980er Jahren ist er auch immer wieder als Kostümdesigner für Theater, Oper oder Ballet tätig. Eine langjährige Zusammenarbeit im Bereich der Oper verbindet den Designer mit dem Regisseur Vincent Boussard.

LICHT: Joachim Klein (Hausdebut), * 1963 in Frankfurt am Main, ist Lichtdesigner, der überwiegend für Opernproduktionen arbeitet. Seit 1994 ist er als Beleuchtungsmeister und Lichtdesigner an der Oper Frankfurt engagiert, gastiert aber auch regelmäßig an bedeutenden Opernhäusern in Europa und Nordamerika.

VIDEO: Isabel Robson (zum ersten mal in Lüttich); sie  studierte Bühnenbild in London und Video Postproduktion in Paris. Seit 2001 ist sie als Szenografin tätig; Videogestaltung für die Bühne ist seit über zehn Jahren ein Schwerpunkt ihrer Arbeit.

I puritani / Die Puritaner,  Musik: Vincenzo Bellini, Libretto: Carlo Pepoli, Literarische Vorlage: Têtes rondes et cavaliers von Jacques-François Ancelot und Xavier-Boniface Saintine, Uraufführung: 24. Januar 1835, Ort der Uraufführung: Théâtre-Italien, Paris;  I Puritani  spielt zur Zeit Oliver Cromwells in der Nähe von Plymouth, England.

I Puritani – Vincenzo Bellini; die weiteren Vorstellungen dieser Spielzeit am Royal Opera de Wallonie:  16.6.; 20.6.; 22.6.; 25.6.; 28.6.2019

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Halle, Oper Halle, Anna Bolena von Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 06.11.2017

November 7, 2017 by  
Filed under Händel Halle, Hervorheben, Konzert, Oper

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Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Falk Wenzel

Oper Halle © Falk Wenzel

Anna Bolena von Gaetano Donizetti  

Opulentes konzertantes Sängerfest

Von Guido Müller

Die 1830 in Mailand uraufgeführte Tragedia  lirica um die historisch bekannte Geschichte der unglücklichen Anna Bolena, Ehefrau König Heinrichs VIII., ihre Rivalin Giovanna Seymour (hier wird die italienische Schreibweise benutzt) und den ehemaligen Geliebten Lord Riccardo Percy von Gaetano Donizetti machte den italienischen Komponisten nach 34 Opern mit einem Schlag weit über sein Heimatland berühmt.

Oper Halle / Anna Bolena in der Ulrichskirche in Halle © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena in der Ulrichskirche in Halle © Falk Wenzel

Die Titelrolle war der damaligen italienischen Primadonna assoluta Giuditta Pasta in die Stimme geschrieben, die für ihren Soprano sfogato, einen Sopran mit  Mezzotimbre und profilierten tiefen Registern berühmt war. Nachdem die Oper zu den beliebtesten des 19. Jahrhunderts gehörte, geriet sie Jahrzehnte bis 1957 in Vergessenheit, als Maria Callas in der Titelrolle in einer Inszenierung von Luchino Visconti an der Mailänder Scala das Werk wieder zum Leben erweckte. Durch diese beiden Interpretinnen war die Messlatte hoch gelegt und zum Beispiel  die große Koloratursopranistin Edita Gruberova hat die  Rolle später verkörpert. Ein Opernhaus kann nur wagen, diese hochdramatische Belcanto-Oper auf den Spielplan zu setzen, wenn ihr  Ensemble über eine solche Sängerin verfügt, der nicht nur die Belcanto-Stimmtechnik sondern auch der hoch-dramatische expressive Ausdruck  perfekt zu eigen ist.

Das Opernhaus Halle verfügt mit der vielfach ausgezeichneten Kammersängerin Romelia Lichtenstein über eine solche Ausnahmesopranistin, die an vielen Händel- und Mozart-Rollen gereift ebenso das hochdramatische Fach Puccinis und des Verismo beherrscht. Romelia  Lichtenstein steht wie der Sängerin der Uraufführung nicht nur die stupende Koloraturfähigkeit sondern ebenso bruchlos das warme Mezzoregister und sonore tiefe Stimmregister zur Verfügung. Damit glänzt sie in dieser konzertanten Aufführung der Oper in der Konzerthalle der Ulrichskirche mit ihrer heiklen Akustik und lässt das Publikum  gebannt den Atem anhalten in ihren großen Szenen wie Ensembles.

Oper Halle / Anna Bolena - hier Romelia Lichtenstein ist Anna Bolena © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena – hier Romelia Lichtenstein ist Anna Bolena © Falk Wenzel

Opulenz ist das Leitthema dieser zweiten Spielzeit der Intendanz  von Florian Lutz und seinem Team am Opernhaus Halle. Und stimmliche wie orchestrale Opulenz der großen italienischen Belcanto-Oper unter der meisterhaften musikalischen Leitung des ersten Kapellmeisters Michael  Wendeberg, der in der letzten Spielzeit in Halle bereits bravourös mit seinem Dirigat der Uraufführungsoper Sacrifice nachdrücklich hat aufhorchen lassen, bietet diese konzertante Aufführung wahrlich in verschwenderischer Fülle. Wendeberg entfesselte mit der glänzend disponierten Staatskapelle Halle, dem Chor der Oper Halle und den ausnahmslos auch in denkleinen Rollen herausragenden Solisten ein italienisches Opernfest der Spitzenklasse, wie ich es in Halle lange nicht erlebt habe.

Bereits im orchestralen Vorspiel lässt die Staatskapelle aufhorchen durch die präzisen dynamischen Steigerungen und Kantilenen der betörend klingenden Holzbläser wie später die Staunen erweckenden, überaus exquisit und tonsicher spielenden Hörner, die von Birgit Kölbl angeführt werden. Zugleich versteht Wendeberg es die Generalpausen  auskostend effektvolle Spannungsbögen und Kontraste aufzubauen, indem ihm willig der vollendet singende Herrenchor und Damenchor folgen.

Fast alle Rollen sind mit Mitgliedern des Hauses besetzt. Lediglich den Pagen Smeton singt die junge Mezzosopranistin Yulia Sokolik als Gast, die sofort zu Beginn der Oper mit der harfenbegleiteten Romanze „Deh! non voler costringere“ gefangen nimmt, die sie in einem äußerst edlen bernsteinfarbig timbriertem Legato gestaltet. Nach der von den duftig  leicht spielenden Holzbläsern und vornehmen Hornsolo auf einem samtigen Streicherteppich eingeleiteten späteren Szene „Tutto è deserto“ erhält Yulia Sokolik für ihre warme, perfekt ausdrucksstark und offen gesungene Kantilene spontanen Szenenapplaus des Publikums. Von dieser Mezzosopranistin werden wir sicher noch öfter hören.

Der zweite Gast im Ensemble ist Konstantinos Latsos als Lord  Riccardo Percy, der nicht nur durch sein sympathisches Auftreten sondern vor allem gleich mit seinem geschmackvoll schlank und zugleich kraftvoll gesungenen Tenor für sich einnimmt, mit dem er auch die Spitzentöne seiner Partie und strahlende Strettas beherrscht. Zu einem Höhepunkt der Aufführung gestaltet er im zweiten Akt das zauberhafte Terzett „Fin dall’età più tenera“ mit Romelia  Lichtenstein und dem Bass Ki-Hyun Park als Enrico VIII.

Ki-Hyun Park überragt für mich an diesem Abend sowohl durch ausgefeilte Stimmkultur, packendste Italianità, Spielfreude in Mimik und Gestik wie seine große psychologisch ausgefeilte Charakterstudie des zerrissenen, zweifelnden und brutalen Königs Heinrich VIII. alle anderen Darsteller. Park lässt keinen Moment die fehlende szenische Umsetzung vermissen. Daher erhält er am Ende verdiente Ovationen des Publikums.

Oper Halle / Anna Bolena - hier links Ki Hyun Park als zweifelnder Heinrich VIII. und Du Wang als Signor Harvey © Falk Wenzel

Oper Halle / Anna Bolena – hier links Ki Hyun Park als zweifelnder Heinrich VIII. und Du Wang als Signor Harvey © Falk Wenzel

Die zweite Krone der darstellerischen und gesanglichen Verkörperung aus dem Ensemble der Oper Halle verdient an diesem Abend des Belcanto-Festes SvitlanaSlyvia für ihre vom König als Nachfolgerin Anna Bolenas erwählte Hofdame Giovanna Seymour. Ihr großes dramatisches Duett mit der Konkurrentin um die königliche Liebe Romelia LichtensteinDal mio cor punita io sono“ zu Beginn des zweiten Aktes war für mich die packendste und expressivste Szene des Abends mit der höchsten musikdramatischen Wahrheit. Perfekt harmonieren die  kostbaren Stimmen mit Mezzofärbung. Ähnlich ideal abgestimmt harmoniert  sie mit dem Enrico des Ki-Hyun Park im Duett.

Hier bewährt sich das warme tief empfundene Legato und die leicht ohne jede Schärfe und störendes Vibrato geführte Stimme der Ausnahme-sängerin und perfekten Belcanto-Darstellerin Romelia Lichtenstein, die zudem über eine beseelte Koloraturtechnik verfügt. Ihre Spitzentöne dienen ausschließlich der musikdramatischen Expression und nie hohler Stimmartistik. Ihre berühmte Wahnsinnsszenemit konzertierender Flöte und Oboe kurz vor dem Ende der Oper singt sie mit schwebender Höhe auf anrührendste Weise.

Vladislav Solodyagin gestaltet die wenig dankbare Rolle des Lord Rochefort stimmschön und ausdrucksstark. Das gilt auch für die kleine Rolle des Signor Harvey, der Du Wang als Gast ein stimmschönes Profil verleiht.

Alle Freunde großer italienischer Belcanto-Oper sollten auf keinen Fall die dritte Gelegenheit in Halle verpassen, diese hochdramatische Oper in dieser exquisiten Besetzung zu erleben. Die Leistung des Ensembles und der Staatskapelle verheißt bereits viel für die italienische Opernwoche am Opernhaus Halle im Frühjahr 2018 mit dem Höhepunkteiner neuen Inszenierung von Giuseppe Verdis Aida.

Das beglückte Publikum in Halle dankt am Ende den Musikern dieser zweiten Vorstellung mit zigfachen Bravorufen, Ovationen, Getrampel undStanding ovations.

Achtung:    Nächste und letzte Vorstellung am 8.11.2017 in der Konzerthalle Ulrichskirche Halle (Saale)

—| IOCO Kritik Händel Halle |—

Wien, Peterskirche, Oper in der Krypta – NORMA, IOCO Kritik, 04.04.2017

April 4, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Norma von Vincenzo Bellini

Libretto von Felice Romani nach Alexandre Soumet 

Von Marcus Haimerl

Vincenzo Bellinis Oper Norma wurde 1831 an der Mailänder Scala uraufgeführt, 1833 fand die österreichische Erstaufführung in Wien am Kärntnertortheater statt. Die Partie der Norma schuf Bellini, wie auch die  Amina in La Sonnambula, für Giuditta Pasta  (1797 – 1865), umschwärmte Opernsängerin ihrer Zeit. Im 19. Jahrhundert gab es viele namhafte Nachfolgerinnen wie Maria-Felicia Malibran (Neapel 1833) und Jenny Lind (Stockholm 1841). Letzte Vertreterin dieser Belcantoschule war Lilli Lehmann. Rosa Ponselle (New York 1927) zählte noch als bedeutendste Interpretin der Norma ehe Maria Callas ab 1948 (Florenz) diese Partie quasi als  Alleinherrscherin bis 1965 (Paris) sang. Ihr ist es zu verdanken, dass diese Oper eine neue Wertschätzung erfuhr, die bis heute anhielt.

 Peterskirche Wien / Krypta - Norma Oroveso und Pollione © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Krypta – Norma Oroveso und Pollione © Marcus Haimerl

Am 30. März 2017 hatte nun Bellinis Oper Norma Premiere in der Krypta unter der Peterskirche im 1. Bezirk in Wien. Die Geschichte der Peterskirche reicht zurück bis in die römische Antike. Der Bau der heutigen Wiener Peterskirche begann 1701 unter Kaiser Leopold I., Fertigstellung und Weihung war 1733. Die Peterskirche war der erste Kuppelbau im barocken Wien. Seit 2014 finden in der Krypta der Peterskirche Opernproduktionen statt.

Maximal 80 Besucher sitzen in unmittelbarer Nähe  der Sänger in der Krypta. Bedingt durch die räumlichen Gegebenheiten der Krypta muss auf Orchester und Chor verzichtet werden. Das führt zu geringfügigen Kürzungen, welche aber in dieser Atmosphäre das jeweilige Werk konzentrierter und gestraffter wirken lässt. Und das Publikum hat das intensive Gefühl Teil der Aufführung zu sein. Und die immer exzellente Klavierbegleitung gibt dem Abend einen kammermusikalischen Charakter.

Peterskirche Wien / Krypta - Norma und Oroveso © Marcus Haimerl

Peterskirche Wien / Krypta – Norma und Oroveso © Marcus Haimerl

Das Drama um die gallische Priesterin Norma, welche ihr Gelübde aus Liebe zu einem Römer gebrochen hat und am Ende mit ihrem Geliebten den Scheiterhaufen besteigt, kommt hier mit wenig Kulisse und großartigen Projektionen aus. Das führt auch dazu, dass die Konzentration des Publikums nicht abgelenkt, sondern viel mehr auf Musik und Sänger gerichtet ist, was wiederum für die Sänger eine  enorme Herausforderung sowohl für die Darstellung als auch Gesang bedeutet.

In der Partie der Norma glänzte die junge, in Wien geborene, Sopranistin Cathrin Chytil, deren Mentorin Fiorenza Cossotto sie auf dem Weg zum dramatischen Sopranfach begleitete. An ihrer Seite als Adalgisa, die puertoricanische Mezzosopranistin Celia Sotomayor. Beide Damen verfügen über eine kräftige Tiefe und sicheren Spitzentöne.

Durch die unglaubliche Harmonie beider Stimmen wurden die Duette zwischen Norma und Adagisa zu den eigentlichen Höhepunkten des Abends. Als Tenor zwischen den beiden Damen, in der Partie des Pollione, war der Spanier Sergio Tallo-Torres zu erleben. Trotz vereinzelter Schwächen in den Höhen konnte er aufgrund seiner kräftigen Mittellage insgesamt überzeugen. Die Partie des Oroveso war mit dem Bass Il Hong aus dem Ensemble der Wiener Staatsoper luxuriös besetzt.  Der junge kroatische Pianist und Bariton Igor Horvat ließ am Klavier aufhorchen und spielte Bellinis Musik wunderbar nuanciert. Am Ende wohlverdienter Jubel für das gesamte Team.

Baden-Baden, Festspielhaus, Norma mit Cecilia Bartoli, 10. und 12.11.2016

August 4, 2016 by  
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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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Norma von Vincenzo Bellini

Normal ist etwas anderes: Cecilia Bartoli singt „Norma“.

Vorstellungen:  10. und 12. November 2016

Diese Norma-Produktion stellt alle Hörgewohnheiten auf den Kopf, aber anderes wäre bei einer Künstlerin vom Format Cecilia Bartolis kaum zu erwarten gewesen. Nun denn: Norma ist ein Sopran, Adalgisa ein Mezzo – das galt bisher. Dabei waren die Stimmverhältnisse einst umgekehrt: Giuditta Pasta, die Norma der Uraufführung, war ein dunkler, vom Leben gezeichneter Mezzosopran – wie es sich für eine Oberpriesterin gehört –, während die junge, naive Novizin Adalgisa von einem lyrischen Sopran gesungen wurde. Das kommt der Wahrhaftigkeit des Stückes viel näher. So kommt diese Produktion einer Neuentdeckung des Stücks gleich. Mit der Einladung der Salzburger Pfingstfestspiel-Produktion ehren wir eine der bedeutendsten Künstlerinnen unserer Zeit.

Diego Fasolis Musikalische Leitung,  Patrice Caurier & Moshe Leiser Regie
Christian Fenouillat Bühnenbild,  Agostino Cavalca Kostüme
Christophe Forey Lichtdesign,  Cecilia Bartoli Norma
Rebeca Olvera Adalgisa,  Norman Reinhardt Pollione
Péter Kálmán Oroveso,  Liliana Nikiteanu Clotilde
Reinaldo Macias Flavio
I Barocchisti,  Coro della Radiotelevisione svizzera

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
Eine Produktion der Salzburger Festspiele in Zusammenarbeit mit
U-Live/Universal Music Arts & Entertainment, London.

Vorstellungen:  10. und 12. November 2016

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

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