Wolfsburg, Scharoun-Theater, Intendant Lattemann – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 08.07.2020

Juli 8, 2020 by  
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Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 2020/21: Dido and Aeneas, Schwanensee und viel mehr  ..

 Intendant  Dirk Lattemann, ein Tourneetheater, über 100.000 Besucher

von Christian Biskup

Das modern wirkende Scharoun-Theater Wolfsburg, ein Tourneetheater ohne eigenes Ensemble, wurde 1973 neu eröffnet. Es ist benannt nach seinem Architekten Hans Scharoun. Mit der Spielzeit 2020/21 ändert sich einiges im Scharoun-Theater: Eine Ausstellungseröffnung, die Verabschiedung einer verdienten Mitarbeiterin, ein neuer Intendant und, natürlich, ein spannender Spielplan für 2020/21.

Rainer Steinkamp, Intendant des Wolfsburger Scharoun-Theater seit 2008, gibt zur Spielzeit 2020/21 die Intendanz an Dirk Lattemann (*1976) ab. Als Schauspieler und guter Kenner des Veranstaltungssektors, kennt Lattemann die Gegebenheiten des Theater Wolfsburg gut. Und so liegt mit dem Spielplan 2020/21 (link HIER) auch ein vielversprechendes Programm für die Stadt und den Kreis Wolfsburg vor. Lattemann möchte zukünftig auch außerhalb „seines“ Theaters mehr der Stadt Wolfsburg spürbar sein, plant Veranstaltungen in kleinen Spielstätten und mit dem Wolfsburger Kunstmuseum.zu gemeinsamen „neuen Ufern“ finden.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Steinkamp, der seit 2008 als Nachfolger von Hans Thoenies das Programm quantitativ verkleinerte jedoch qualitativ steigerte, kann auf 12 erfolgreiche Jahre in Wolfsburg zurückblicken. Sein guter Kontakte zu Schulen, sowie eine enge Bindung zu anderen Bildungsinstitutionen in Wolfsburg, machten ihn zu einem gern gesehenen Gast in jeglichen Belangen. Zeitgleich mit Rainer Steinkamp, verlässt auch Marita Stolz das Scharoun-Theater. Über vierundzwanzig Jahre prägte Marita Stolz das Theater hinter der Bühne; zuerst als Veranstaltungsplanerin, dann in der Pressearbeit. Obgleich die Verabschiedung beider durch die Corona-Situation kleiner als geplant ausfallen musste, muss man ihnen für ihre Verdienste danken. Vor dem Abschied verwirklichten sie noch eine Neugestaltung des Theaterfoyers. Fotografien des Wolfburger Fotografen Heinrich Heidersberger zieren nun die Wände; sind als Dauerausstellung für Besucher zugänglich.

Scharoun-Theater Wolfsburg – Der Spielplan 2020/21 und mehr –  HIER

Das Scharoun Theater ist seit jeher ein Tourneetheater und bot schon zahlreichen Künstlern, darunter auch Weltstars wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons oder Christian Thielemann eine Bühne. Auffällig: das Konzertprogramm wird weitgehend vom Orchester des nahe gelegenen Staatstheater Braunschweig und dem Staatstheater verbundenen Künstlern bestritten. Highlights des Spielpan 2020/21 dürften das Gastspiel von Albrecht Mayer und I musici di Roma am 9. Oktober 2020 und am 23. Januar 2021 ein Konzert mit der Radiophilharmonie Hannover unter Andrew Manze sein.

Im Musiktheater wird zu Beginn der Spielzeit 2020/21 auf größere Aufführungen verzichtet. Mit Dido and Aeneas von Henry Purcell (13. November 2020) und Der Apotheker von Joseph Haydn (27. Februar 2021) wurden Werke gewählt, die auch unter den Corona-Vorschriften funktionieren sollten. Ab März stehen mit La Traviata (17. März 2021), Jesus Christ Superstar (27. und 28. April 2021) und Puccinis Turandot (27.05.2021) wieder große Werke des Musicals und der Oper mit viel Chor auf der Bühne. Freunde des Tanzes können sich über zwei Gastspiele des Russischen Nationalballett freuen: Giselle von Adolphe Adam wird am 07. Dezember 2020, Schwanensee am  08. Dezember 2020 gespielt.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Illustre Gäste erwartet die Besucher des Scharoun Theater im Schauspiel: Der mehrfache Grimme-Preisträger und Tatort-Kommisar Jörg Schüttauf spielt am 26. September 2020 in der Revue Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin den von rauschendem Erfolg, Vertreibung und Wahnsinn getriebenen „Titelheld“. In der reizvollen Komödie Monsieur Pierre geht online (24. Oktober 2020) wird der aus Film und Fernsehen bekannte Bürger Lars Dietrich auftreten. Mit Boris Aljinovic steht am 24. November 2020 ein weiterer Tatort-Kommisar in der Komödie Nein zum Geld auf der Wolfsburger Bühne. Ein Angriff auf die Lachmuskeln dürfte auch das Stück Komplexe Väter von René Heinersdorff sein. Mit Hugo Egon Balder und Jochen Busse darf sich das Publikum auf zwei Urgesteine des Humors freuen.

Nicht weniger unterhaltsam werden die Abende mit Götz Alsmann (28. Februar 2021) und Dominique Horwitz (24. März 2021), in welchen Kunst und Komik gleichsam bedienen werden.

Auch die A-Capella-Gesangskunst steht erfreulicherweise unter der neuen Intendanz wieder auf dem Programm. In der Chorstadt Wolfsburg zeigte sich dieses Angebot in den vergangenen Jahren als perfekt zugeschnitten auf die Gäste des Scharoun Theater. Neben Delta Q (30. September 2020) und Voices of the North (05. November 2020), sind auch Stammgäste wie Maybebop (03. Dezember 2020) und Vocaldente (13. Januar 2021) zu erleben.

Die kleine Meerjungfrau – ein Kinderstück aus dem Jahr 2017
youtube Trailer Scharoun Theater Wolfsbrug
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Auch für das junge Publikum bietet das Scharoun-Theater 2020/21 pannendes: So schon am 20. und 21.9.2020:  Zinnober in der grauen Stadt heißt das Stück für Kinder ab 4 Jahren, nach dem Buch von Margret Rettich.  Die Handlung: Alles ist grau in der Stadt des Malers Zinnober: Häuser, Straßen, Spielplätze, Plüschtiere, Erdbeerkuchen, Weihnachtsbäume, Luftballons, Sommerkleider – einfach alles ist immer nur grau. Dabei liebt Zinnober Farben! Zusammen mit den Kindern Paula und Jonas entwirft er einen großen Plan: Die Stadt soll bunt werden, vielfältig, sie soll leuchten! Und siehe da: Es ist ansteckend!

Dirk Lattemann und sein Team haben für die Spielzeit 2020/21 ein vielseitiges und vielversprechendes Programm entworfen. Man muss nun hoffen, dass die Corona-Krise die Spielzeit nicht zu sehr durcheinanderbringt wenn es heißt: Bühne frei!

—| IOCO Aktuell Scharoun Theater Wolfsburg |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Giselle – Ballett – Mauro de Candia, IOCO Kritk, 04.03.2020

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Giselle – Dance Company – Mauro de Candia

– Tödlich zerstörtes Vertrauen –

von Hanns Butterhof

Giselle ist eine Ikone des romantischen Balletts. 1841 wurde es am Königlich Akademischen Musiktheater in Paris zu dem Libretto Vernoy de Saint-Georges und anderer zur Musik von Adolphe Adam uraufgeführt. Im Theater am Domhof hat es jetzt Mauro de Candia entromantisiert und aus der feudalen Gesellschaft mit ihren Standesunterschieden in eine zeitlose Gegenwart versetzt. Mit dem live vom Osnabrücker Symphonieorchester unter Daniel Inbal musikalisch unterstützten und begeisternd tanzenden Ensemble der Dance Company hat de Candia einen wunderbaren Tanzabend geschaffen.

Theater am Domhof Osnabrück / Giselle - hier : Giselle und Albrecht sind verliebt - Marine Sanchez Egasse, Hampus Larsson © Joerg Landsberg

Theater am Domhof Osnabrück / Giselle – hier : Giselle und Albrecht sind verliebt – Marine Sanchez Egasse, Hampus Larsson © Joerg Landsberg

Auf der schwarz ausgeschlagenen Bühne mit ihrer kargen Kulisse von einigen Birken konzentriert sich de Candia auf die vier Protagonisten des  Balletts, Albrecht (Hampus Larsson), seine Verlobte Bathilde (Ana Torre), Giselle (Marine Sanchez Egasse) und Hilarion (Neven Del Canto).

Zu Beginn sieht man Albrecht, einen schönen Mann, und die herbe Bathilde beim zärtlichen Liebesspiel. Doch bei einem Volkstanz verliebt sich Albrecht in Giselle, ein elfenhaftes Mädchen in schlicht graugrünem Kleid. Sie hatte gerade die aufdringlichen Annäherungsversuche von Hilarion zurückgewiesen und gibt sich nun vertrauensvoll Albrecht und seinen eindringlichen Liebesbeteuerungen hin.

Voller Eifersucht entschleiert daraufhin Hilarion die Gebundenheit Albrechts an Bathilde, und Giselle zerbricht an dem zerstörten Vertrauen. Alles ist jetzt gebrochen; die Musik setzt aus, Tanzschritte werden nicht zu Ende geführt, nichts fügt sich mehr. Giselles Freundinnen versuchen noch sie aufzurichten und gegen Albrecht abzuschirmen, der es dann vergeblich wieder mit Bathilde versucht. Aber Giselle kann sich fast nur noch auf dem Boden winden. Sie steht nur noch auf, um im unschuldig weißen Unterkleid berührend ins gleißende Licht, in den Tod zu gehen.

Theater am Domhof Osnabrück / Giselle - hier : Marine Sanchez Egasse ist Gislle. © Joerg Landsberg

Theater am Domhof Osnabrück / Giselle – hier : Marine Sanchez Egasse ist Gislle. © Joerg Landsberg

Intime Szenen mit werbendem Umtanzen, weite Sprünge des sich Produzierens und zärtlichste Nähe mit weicher Hingabe wechseln sich mit dynamischen, kraftvollen und bis zum Artistischen gehenden Volksszenen ab. De Candia erweist sich dabei als einfühlsamer Psychologe, der die inneren Zustände und die äußeren Beziehungen wortlos deutlich in Tanz, Raumaufteilung und Licht zum Ausdruck bringt.

Das Ensemble der Dance Company leistet in der ersten, schon mit großem Beifall bedachten Stunde sowie in den vierzig folgenden Minuten des zweiten Aktes Schwerstarbeit. Es verdient sich mit der ergreifend tanzenden Marine Sanchez Egasse, Hampus Larsson, Ana Torre und  Neven Del Canto den dankbaren, schließlich stehend dargebrachten Beifall des Premierenpublikums.

Der galt auch dem Osnabrücker Symphonieorchester, mit dem Daniel Inbal die ganze Breite des von Adolphe Adam aufgebotenen musikalischen Materials von knalligem Offenbach bis ätherischem Wagner passend zum Ballett entfaltete.

Mit Giselle hat de Candia eine eigenständige, im tänzerischen Ausdruck ihrer psychologischen Wahrheit absolut zeitgemäße Fassung des phantastischen Balletts choreographiert, das wunderbar neben dessen klassischen Formen bestehen kann.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Augsburg, Theater Augsburg, Giselle – Ballett-Premiere – martini-Park, 26.10.2019

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Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Giselle – Ballett von Adolphe Adam

Erste Ballettpremiere im martini-Park

Premiere: Sa 26.10.2019 19:30

Mit dem großen Klassiker Giselle startet das Ballettensemble des Staatstheater Augsburg am Samstag, den 26.10.19 in die neue Spielzeit. Die Kompanie zeigt Ballettdirektor Ricardo Fernandos neoklassische Inszenierung des romantischen Handlungsballetts erstmals in ihrer jetzigen Zusammensetzung, wobei sich auch die neuen Solist*innen dem Publikum vorstellen. Ivan Demidov bringt dabei gemeinsam mit den Augsburger Philharmonikern als neuer erster Kapellmeister die Musik von Adolphe Adam im martini-Park auf die Bühne.

Theater Augsburg / Giselle © Jan-Pieter Fuhr

Theater Augsburg / Giselle © Jan-Pieter Fuhr

Zum Libretto

Prinz Albrecht, ein verwöhnter und eigentlich verlobter junger Mann, wirbt ohne ernste Absichten um die Winzertochter Giselle und macht ihr als Bauer verkleidet Hoffnung auf die Ehe. Als der in Giselle verliebte Hilarion die Täuschung Albrechts aufdeckt, wird Giselle – wie von ihrer Mutter in bösen Vorahnungen befürchtet – zur elfenhaften Wili, die nachts junge Männer zum tödlichen Tanz verführt. Anders als in der ursprünglichen Fassung, ist Giselle in Ricardo Fernandos Deutung allerdings kein naives Bauernmädchen, das aus enttäuschter Liebe wahnsinnig wird. Vielmehr verhindert sie unter Opferung ihres eigenen Lebens, dass der trunkene Hilarion seinen Rivalen erschießt. Mit der Schuld an Giselles Tod behaftet, werden beide Männer in das Reich der Wilis gezogen, die hier keine flatterhaften Feen sind, sondern unheimliche, erdverbundene Geister.

Giselle ist eine tragische Geschichte über Liebe und Täuschung, die das Publikum seit seiner Entstehung begeistert. Das Ballett des Staatstheater Augsburg entführt die Zuschauer*innen in ein verträumtes und doch modernes Märchen, in dem die Grenzen von Realität und Vorstellung verschwimmen und in dem klassisches Handlungsballett eine kongeniale Verbindung mit Ricardo Fernandos zeitgenössischer Interpretation eingeht.

Besetzung
Musikalische Leitung Ivan Demidov, Choreografie & Inszenierung Ricardo Fernando
Bühne & Kostüme Dorin Gal, Video Rasmus Freese, Dramaturgie Sophie Walz
Choreografische Assistenz Carla Silva, Gefördert vom Freistaat Bayern und der Stadt Augsburg

Giselle –  Ana Isabel Casquilho / Ria Girard / Momoko Tanaka
Albrecht  – Gustavo Barros / Samuel Maxted / Alessio Pirrone
Hilarion  – Nikolaos Doede / Giovanni Napoli / Shori Yamamoto
Bathilde, –  Albrechts Verlobte Sewon Ahn / Gabriela Finardi / Moeka Yugawa
Berthe – Giselles Mutter Ana Isabel Casquilho / Ria Girard / Emily Wohl
Myrtha Sewon Ahn / Gabriela Finardi / Moeka Yugawa
Adlige / Volk / Wilis Sewon Ahn, Gustavo Barros, Ana Isabel Casquilho,
Franco Ciculi, Nikolaos Doede, Gabriela Finardi,
Ria Girard, Martina Di Giulio, Tamir Khuyag,
Hinako Kumagae, Samuel Maxted, Giovanni
Napoli, Alessio Pirrone, Cosmo Sancilio, Goncalo
Martins da Silva, Momoko Tanaka, Emily Wohl,
Shori Yamamoto, Moeka Yugawa.
Augsburger Philharmoniker

Premiere : Sa 26.10.2019 19:30 | martini-Park
Mit Einführung um 19:00 Uhr im Foyer
Zur anschließenden Premierenfeier sind die Zuschauer*innen herzlich eingeladen!

Weitere Termine
Sa 26.10.2019 19:30 | martini-Park
Do 07.11.2019 19:30 | martini-Park
So 10.11.2019 18:00 | martini-Park
Fr 15.11.2019 19:30 | martini-Park
Fr 29.11.2019 19:30 | martini-Park
So 01.12.2019 18:00 | martini-Park
Di 10.12.2019 19:30 | martini-Park
Sa 21.12.2019 19:30 | martini-Park
Sa 28.12.2019 19:30 | martini-Park
Mi 08.01.2020 19:30 | martini-Park
So 12.01.2020 15:00 | martini-Park
Fr 24.01.2020 19:30 | martini-Park
Fr 07.02.2020 19:30 | martini-Park
Fr 06.03.2020 19:30 | martini-Park
Einführung jeweils 30 Minuten vor Beginn.

—| Pressemeldung Theater Augsburg |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Guercoeur – Oper von Albéric Magnard, IOCO Kritik, 26.06.2019

Juni 26, 2019 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Guercœur – Oper von Albéric Magnard

– Utopie einer allumfassenden Wahrheit –

von Hanns Butterhof

Beifallumrauscht ging im Theater am Domhof die Premiere der Oper Guercœur des französischen Komponisten Albéric Magnard (1865 – 1914) zu Ende. Die deutsche Erstaufführung der spätromantischen Oper ist auch ihre erste szenische Aufführung seit ihrer Uraufführung im Jahr 1931. In der Aktualität ihrer Aussage und musikalischen Qualität ist Guercœur unbedingt eine Entdeckung.

 Theater am Domhof / Guercoeur - hier : Im Nirwana-Schattenreich sehnt sich Guercœur nach dem Leben. Rhys Jenkins als Guercoer © Joerg Landsberg

Theater am Domhof / Guercoeur – hier : Im Nirwana-Schattenreich sehnt sich Guercœur nach dem Leben. Rhys Jenkins als Guercoer © Joerg Landsberg

Guercœur (Rhys Jenkins), Held der Oper, ist zu ihrem Beginn bereits zwei Jahre tot. Auf der dunklen Bühne (Martina Segna) strahlt eindrucksvoll körperlos nur sein Kopf im Nirwana-Schattenreich. Er bittet dessen Herrscherin Vérité (Lina Liu), auf die Erde zurückkehren zu dürfen. Im Leben hatte er nur Schönheit und Glück erfahren, hatte die Liebe seiner Frau Giselle (Susann Vent-Wunderlich) genossen wie die seines Volkes, dem er die Freiheit gebracht hatte.

Zurück auf der Erde findet er alles anders vor als erwartet. Giselle, die ihm Treue über den Tod hinaus geschworen hatte, hat sich in seinen Nachfolger Heurtal (Costa Latsos) verliebt. Trotz ihrer Gewissensbisse hält sie an dieser Liebe fest und zwingt Guercœur ein äußerst leidvolles Verzeihen ab. Er muss auch erleben, dass Heurtal sich zum Diktator aufschwingt, getragen vom Hass des Volks auf die Freiheit, die ihm eine Hungersnot beschert hat. Als Guercœur für seine Ideale eintritt, wird er erschlagen.

Guercœur – oper von Albéric Magnard
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Die irdische Handlung wird durch eine an Arthur Schopenhauer angelehnte Weltanschauung gerahmt. Guercœur muss das Leben als Leiden und Illusion erkennen, bevor er willig ins Nirwana zurückkehren kann. Dort lösen sich in der finalen Utopie der Vérité Zeit und Raum mit allen menschlich gesetzten Unterschieden in eine gestaltlose, allumfassende Wahrheit auf, die nicht mehr von dieser Welt ist.

 .wo es Wagnert ist das Schopenhauern nicht weit.

Die schnörkellos klare Regie von Dirk Schmeding holt Guercœurs Leben und Sterben, vor allem auch seine Himmelfahrt als Aschewolke aus dem Krematorium, zwanglos in die Gegenwart. Gesanglich sind es die Frauenrollen, die besonders beeindrucken. Susann Vent-Wunderlich gibt der Giselle stimmlich und darstellerisch alle dramatische Wahrheit einer um ihre Liebe kämpfenden Frau. Lina Liu verkündet mit überirdisch reinem Sopran statuarisch die Entsagungs-Philosophie der Vérité, einnehmend begleitet von ihren Untergöttinnen Bonté (Katarina Morfa), Beauté (Erika Simons) und Souffrance (Nano Dzidziguri). Bassbariton Rhys Jenkins findet vor allem für Guercœurs Leid den angemessenen Ton, während Costa Latsos mit leichtem Tenor das Bild eines ehrgeizigen Populisten zeichnet. Überwältigend prägt auch der von Sierd Quarré einstudierte Chor sphärisch den Oratoriencharakter der Oper mit.

Theater am Domhof / Guercoeur _ kehrt ins Leben zurück, aber seine Frau liebt jetzt einen Anderen. Rhys Jenkins, Susann Vent-Wunderlich  © Joerg Landsberg

Das Osnabrücker Symphonieorchester folgt dem empfindsamen Dirigat von Andreas Hotz in die vielen Facetten der Partitur zwischen himmlischem Sphärenklang und einer breiten Palette irdischer Gemütsausdrücke.

Die szenisch wie musikalisch fesselnde Oper riss das Premierenpublikum nach drei französisch gesungenen, deutsch übertitelten Stunden zu langen, stehend dargebrachten Beifallsstürmen für alle Beteiligten hin.

 Guercoeur am Theater Osnabrück; Die nächsten Termine:26.6., 2.7., 5.7.2019 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

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