Leipzig, Oper Leipzig, Die verkaufte Braut, Juni – November 2019

Juni 17, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

liebe hat ihren preis
Premiere von Bedrich Smetanas »Die verkaufte Braut«

Es ist ein tschechischer Sommernachtstraum, der in böhmische Dörfer führt, hinter deren Fassaden alte Traditionen und Bräuche Alltag und Leben der Menschen bestimmen. Nachdem Bedrich Smetana bei seinen Landsleuten als »Wagnerianer« verschrien war, wurde seine komische Oper „Die verkaufte Braut“ nach ihrer Uraufführung als tschechische Nationaloper gefeiert, die mit ihrer Musik der »böhmischen Volksseele« Ausdruck verschaffe. Sie wirkt als nostalgische Zeitreise, die viel mehr den menschlichen Mikrokosmos der dörflichen Welt als die große Nation in den Fokus nimmt. Gleichzeitig schuf der Komponist der »Moldau« mit diesem Werk eine klassische Spieloper, in der die Protagonisten nach vielen Verwicklungen und Intrigen schließlich zu einem glücklichen Ende finden.  Diese dramaturgisch entscheidenden Wendungen sind auch ein Grund, warum die Oper seit der deutschsprachigen Erstaufführung in Wien im Jahre 1893 im deutschsprachigen Raum traditionell in der deutschen Übersetzung auf die Bühne gebracht wird.

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Marie (Magdalena Hinterdobler) soll mit Hilfe des Heiratsvermittlers Kezal (Sebastian Pilgrim) mit Wenzel (Sven Hjörleifsson), dem Sohn des Großgrundbesitzers Micha (Jean-Baptiste Mouret), verheiratet werden. Sie liebt jedoch Hans (Patrick Vogel), der sich vor Jahren aus der dörflichen Enge zurückgezogen hat, nun aber inkognito wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist. Um Maries Verheiratung mit Wenzel zu verhindern, schlägt Hans dem Heiratsvermittler einen Deal vor. Er verzichtet für Geld auf seine Marie, unter der Bedingung, dass dieses nur einen Sohn Michas ehelichen dürfe. Denn auch Hans entpuppt sich als ein Sohn des Großgrundbesitzers.

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Mit Magdalena Hinterdobler (Marie), die vor Kurzem am Haus ihr umjubeltes Debüt als Rusalka gab, Patrik Vogel (Hans), Sven Hjörleifsson (Wenzel) und Sebastian Pilgrim (Kezal) geben gleich vier junge Ensemblemitglieder der Oper Leipzig ihr Rollendebüt in der Neuproduktion von »Die verkaufte Braut«. Christian von Götz, der an der Oper Leipzig bereits in Carl Maria von Webers »Der Freischütz« Regie führte, inszeniert die Geschichte der verkauften Braut als eine Zeitreise an den Anfang des 20. Jahrhunderts und verortet sie in der Enge dörflicher Beschaulichkeit, die streng nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, in der aber immer auch das Menschliche siegt. Für die die detailgetreuen, folkloristischen Kostüme, die Trachten modern interpretieren zeichnet Sarah Mittenbühler verantwortlich. Das Bühnenbild auf der Drehbühne stammt von Dieter Richter, der dem Leipziger Publikum durch seine Arbeiten für Dietrich W. Hilsdorf, u.a. »Die Entführung aus dem Serail« und «Nabucco«. Am Pult des Gewandhausorchesters steht der erste Kapellmeister Christoph Gedschold.

»Die verkaufte Braut« ist die letzte Opernpremiere der Spielzeit 2018/19 an der Oper Leipzig.

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig / Die verkaufte Braut © Kirsten Nijhof


Premiere: Samstag, 15. Juni 2019, 19 Uhr
Weitere Aufführungen: 23. & 30. Juni / 25. August / 01. & 28. September / 06. Oktober / 16. November 2019 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)
Bedrich Smetana
Die verkaufte Braut
Komisches Singspiel in drei Akten | Text von Karel Sabina | Deutsch von Max Kalbeck (1893) | In deutscher Sprache mit Übertiteln
Leitung:
Musikalische Leitung Christoph Gedschold
Inszenierung Christian von Götz
Bühne Dieter Richter
Kostüme Sarah Mittenbühler
Licht Raoul Brosch
Choreinstudierung Alexander Stessin
Dramaturgie Christian Geltinger

Besetzung:

Marie Magdalena Hinterdobler | Hans Patrick Vogel | Wenzel Sven Hjörleifsson | Kezal Sebastian Pilgrim | Micha Jean-Baptiste Mouret | Kathinka Sandra Maxheimer | Agnes Sandra Janke | Esmeralda Bianca Tognocchi | Kruschina Franz Xaver Schlecht | Zirkusdirektor Springer Martin Petzold | Muff Jakob Kunath

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Dresden, Dresdner Staatskapelle, Ein Sommernachtstraum – Henze – Mendelssohn, IOCO Kritik, 13.5.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Ein Sommernachtstraum – William Shakespeare

Interpretationen von Henze und Mendelssohn – Mit Fragezeichen

von Thomas Thielemann

Seit der damals dreißigjährige Vladimir Jurowski mit Pendereckis Oper Der Teufel von London  in Dresden debütierte, ist er regelmäßig Gastdirigent der Staatskapelle Dresden. Dabei ist er ein Garant für außergewöhnliche Programme und Werkfolgen. 1990 von Moskau nach Deutschland gekommen, war er zunächst Student der Dresdner Musikhochschule und konnte auch bei Colin Davis hospitieren. Dabei war bereits vorher der Name Jurowski für das hiesige Konzertleben ein fester Begriff, denn der Vater Michael Jurowski (geboren am Weihnachtsabend 1945) war seit 1988 häufiger Gastdirigent der Staatskapelle, der Philharmonie und der Gohrischer Schostakowitsch-Tage.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

10. Symphoniekonzert der Staatskapelle Dresden

Bereits mit der Eröffnung des Konzerts mit Carl Maria von Webers  Ouvertüre zu Oberon werden die Tugenden des Orchesters seiner Fähigkeit zu feinsten dynamischen Abstufungen sofort deutlich. Mit  sattem Streicherklang, neben dem mit großer Wärme intonierten bekannten Hornmotiv, entwickelt Jurowski die Komposition vom ruhigen Einleitungsteil bis zur intensiven Steigerung des klangmalerischen Teils und stimmt so sein Publikum auf die etwas härtere Folgekost ein.

Heinz Werner Henze (1927 in Gütersloh geboren und 2012 in Dresden verstorben) gehört zu den bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts und ist dem heimischen Publikum, 2012 Capell-Compositeur der Staatskapelle,  mit der Agitprop-Oper-Inszenierung „Wir erreichen den Fluss“ noch in Erinnerung. Als explizit politischer Künstler hatte Henze die anscheinend abstrakten Aspekte seiner Kompositionen nie als Selbstzweck betrachtet. In der Kontrastbildung sah er die Möglichkeit Stellung zu beziehen, sich gegen das Elitäre im klassischen Kulturbetrieb zu wenden.

Seine Symphonien hatte er gelegentlich als Studien für seine Opernkompositionen  bezeichnet. Die Sinfonia N. 8, in den Jahren 1992/1993 auf Ischia entstanden, war ein Auftragswerk des Boston Symphony Orchestra. Die Symphonie  ist heiterer und beschwingter als viele Werke Henzes, fügt sich zur südländischen Wahlheimat des Komponisten, war sie doch von drei Episoden aus Shakespeares Sommernachtstraum  inspiriert.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski © Matthias Creutziger

Isabel Karajan rezitierte jeweils vor der Wiedergabe der Henzeschen Auslegung der Episoden die Verse von Schlegels wortgewaltiger Shakespeare-Übersetzung aus der linken Proszeniumsloge.  In Jurowskis folgenden  Interpretation war zu spüren, dass er sich intensiv mit der dreisätzigen Partitur auseinander gesetzt hatte. Dabei schien es ihm wichtig, die Spannung und Motivation über die knappe halbe Stunde der Aufführungszeit zu halten. Jurowski dirigierte mit präzisen sparsam dosierten Gesten. Nur kleine Bewegungen der Arme sowie Hände, die sich über die Fingerspitzen den Musikern mitzuteilen schienen und so ihre Wirkung zu erreichten. Mit dieser Intensität und der nach meinem Empfinden makellosen Darbietung hätten wir vor Jahren „Henze“ gern gehört.

Die Rezitation hatte die Sätze „Allegro“, „Alle anzeigen mit comodo tenerezza e ballabilità“ und „Adagio“ deutlich voneinander abgegrenzt  und dem aufgeschlossenen Hörer ein prachtvolles Erlebnis gesichert.

Nach der Konzertpause folgte dann als Kontrast die vollständige Bühnenmusik zu Ein Sommernachtstraum  von Felix Mendelssohn Bartholdy mit einer teilszenischen Aufführung. Der uns von der Zusammenarbeit mit Isabel Karajan bereits bekannte Eventspezialist  Klaus Ortner hatte eine launische Szene eingerichtet und aus Wien den Lichtdesigner Sandro G. Frei  mitgebracht, um den Solistinnen, dem Chor sowie  dem Orchester Voraussetzungen für eine feierliche Würdigung der kompositorischen Glanzleistung Mendelssohns zu verschaffen.

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Dieser komponierte, nachdem er, als der 17-jährige Felix sich mit der Schlegel-Tieckschen-Übersetzung des  Shakespeare’schen  Ein  Sommernachtstraum   beschäftigt hatte, 1826 seine einsätzige Ouvertüre op. 21 zur Schauspielmusik. Mit dieser Arbeit hatte er bereits alle vier der mit einander verwobenen Handlungsstränge der romantischen Komödie eingeschlossen. 1842, Mendelssohn war bereits Musikdirektor des Leipziger Gewandhausorchesters, entstanden  auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Kompositionen, die als eine Zwischenakt-Musik gedacht waren. Offenbar dauerten die aufwendigen Bühnenumbauten der Tieckschen Inszenierung dem Monarchen zulange. Dank der Eingängigkeit insbesondere der Chor- und Solostellen gelang Mendelssohn eine Einbeziehung seiner Komposition in das eigentliche Bühnengeschehen, so dass  eine  vollständige Bühnenmusik mit Frauenchor; Soli und Orchester op. 61 entstanden war. Glaubt man Ines Pasz, ist diese Symbiose auch nicht ohne Reibung zwischen Felix Mendelssohn und dem Theaterauguren Ludwick Tieck von statten gegangen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski und Isabel Karajan © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski und Isabel Karajan © Matthias Creutziger

Das Orchester mit Vladimir Jurowski konnte auch  die Ouvertüre und das Scherzo mit der uns gewohnten Qualität anklingen lassen, als aus der Streichergruppe eine aufmüpfige Musikerin, „bewaffnet“ mit einer Geige auftauchte und das Heft in die Hand nahm. Sprachlich und körperlich unentwegt aktiv, aber mit wenig Einfühlungsvermögen in das Musikalische versuchte sie in die Traumwelt Shakespeares hineinzuspringen und sich die Figuren zu eigen zu machen. Unentwegt brachte  Karajan neue Requisiten ins Spiel. Selbst ein Palettenwagen, der als Bühne, Künstlergarderobe, Brautbett und Werkzeuglager für die Handwerker herhalten konnte, wurde auf die Bühne gezogen. Diese etwas flippige Darstellung lenkte die Aufmerksamkeit des Auditoriums auf Isabel Karajan, sodass die Präsenz der übrigen Beteiligten zurück trat. Auch musste man gut vorbereitet sein, wollte man Ansagen der Sprecherin (eigentlich Schauspielerin) folgen.

Gelegentlich nahm sich Isabel Karajan zurück und erlaubte Jurowski mit dem Orchester, dem Chor und den beiden Solistinnen Tuuli Takala (Sopran) und Stepanka Pucalkova (Mezzosopran) Passagen dieser genialen Komposition unbeeinflusst darzubringen. Aber irgendwie verschaffte dies dem Dargebotenen  einen zerfaserten Eindruck. Selbst das Genießen der Soli- und der Chorstellen sowie der wundervollen Orchestrierung Mendelssohns erforderte zumindest meine Konzentrationsfähigkeit  bis ihre die Grenzen. Auch Vladimir Jurowski hatte offenbar erhebliche Mühe, seinen Orchesterleitungsstil ähnlich präzise umzusetzen, wie es ihm im ersten Konzertteil gelungen war.

Das überwiegend Dresdner Abonnemente-Publikum spendete freundlichen Beifall, wobei aber auch für die hiesigen Verhältnisse ungewöhnlich intensive Buhrufe und Pfiffe zu hören waren. Gefeiert wurden allerdings neben Valdimir Jurowski die beiden Ensemblemitglieder des Hauses Tuuli Takala und Stepanka Pucalkova.

Wie ist das Fazit des zweiten Teils des Konzertes?

Hat Event-Theater nach der Opernbühne auch das Konzertpodium erreicht?  Wollten die Macher der zweifelsfrei imponierenden Isabel Karajan die Bühne zu einer außergewöhnlichen Leistung verschaffen? Was auch immer die Motivationen waren, ich hätte mir gewünscht, Felix Mendelssohn-Bartholdys 13 Teile der „vollständigen Bühnenmusik mit Soli und Frauenchor“ als Zugabe nachgereicht  zu erhalten.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, WIR 7 – 7. Sinfoniekonzert im Kurhaus, 10.04.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

»WIR 7« – 7. Sinfoniekonzert am 10. April im Kurhaus

Programm:
Claude Debussy »Prélude à l’après-midi d’un faune«
Richard Strauss Konzert für Oboe und Orchester
Ralph Vaughan Williams Fantasia on a Theme by Thomas Tallis
Maurice Ravel »Daphnis et Chloé« Suite Nr. 2

Am Mittwoch, den 10. März 2019, um 20 Uhr, findet das 7. Sinfoniekonzert »WIR 7« mit dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden unter der Musikalischen Leitung von Gastdirigentin Sian Edwards mit Philippe Tondre an der Oboe im Kurhaus statt.

Der mythische Faun treibt Flöte spielend seine lüsternen Späße – und regte Claude Debussy zu einem seiner schönsten impressionistischen Stücke für Orchester an, dem »Prélude à l’après-midi d’un faune«. Vom »Prélude« zieht sich ein roter Faden durch das teils französisch, teils von Holzblasinstrumenten geprägte Konzertprogramm. Ebenfalls in die Welt der Nymphen und Hirten führt uns Maurice Ravel mit »Daphnis et Chloé«. Von Ravels Schüler Ralph Vaughan Williams steht die sphärische Bearbeitung eines musikalischen Renaissance-Themas auf dem Programm. Ein Holzblasinstrument ist der Solist in Richard Strauss’ Konzert für Oboe und Orchester. Philippe Tondre, der seit März 2019 Erster Oboist im Chamber Orchestra of Europe ist, übernimmt den Solo-Part. Zuvor spielte er als Solo-Oboist im SWR Symphonieorchester und im Gewandhausorchester.

Sian Edwards, ehemalige Musikdirektorin der English National Opera, hat mit den bedeutendsten Orchestern gearbeitet und ist Head of Conducting am Royal College of Music. Die Engländerin leitet erstmals das Hessische Staatsorchester Wiesbaden.

Vor allen Sinfoniekonzerten findet eine Stunde vor Beginn eine Konzerteinführung im Friedrich-von-Thiersch-Saal statt.

Dirigentin Sian Edwards
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Leipzig, Oper Leipzig, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 02.04.2019

April 1, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

Auf den Spuren von Heines „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“

von Thomas Thielemann

Einer Vielzahl der Leipziger Opernfreunde dürfte noch das Debakel der Holländer- Inszenierung im Jahre 2008 des damals 29-jährigen Michael von zur Mühlen im Gedächtnis sein. Nach den Tumulten in und den verheerenden Reaktionen nach der Premiere vom 11. Oktober 2008 konnte sich die Leitung des Hauses nur in eine „Rücksetzung der Inszenierung auf den Stand der Generalprobe“ retten, um den Aufwand der Vorbereitungsarbeiten zu rechtfertigen.

Die Diskussionen um eine Verletzung der Urheberrechte erübrigten sich, weil von zur Mühlen seiner vorgestellten Arbeit ohne Absprache zur Premiere verstörende subtile Video-Einblendungen zugefügt hatte. Blieben die „Verletzungen seiner künstlerischen Freiheit“, die aber gegen die Schadensersatzansprüche des Hauses wegen der geplatzten zweiten Aufführung und der Umbesetzung der Titelpartie aufgewogen werden konnten.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer 2019 © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer 2019 © Tom Schulze

Angenehmere Erinnerungen an Leipziger Holländer-Produktionen reichen vor allem auf das Jahr 1964 zurück, als Joachim Herz mit dem Leipziger Ensemble eine gelungene Opern-Verfilmung vorlegte. Damals nahezu revolutionär, hatte sich der Felsenstein-Jünger von Wagners Grundgedanken des Zusammenstoßes von Menschenwelt und Geisterwelt gelöst und seiner Interpretation eine realistische Idee hinterlegt. Senta durfte dem im Nebel verschwindenden Geisterschiff hinterher blicken. Um Richard Wagners für Leipzig unverzichtbare romantische Oper Der fliegende Holländer wieder würdig im Spielplan implantieren zu können, hatte man den holländischen Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema für diese Neuinszenierung gewonnen. Er hat an der Oper Leipzig schon mehrfach gearbeitet; 2013 lieferte er im Hessischen Staatstheater Wiesbaden eine hochgelobte Holländer – Inszenierung ab. Für die Oper Leipzig gestaltetete er nun seinen Holländer an der Oper Leipzig; die elfte Inszenierung in Leipzig seit ihrer Uraufführung in Dresden 1843.

Vor jedem Besuch von Konzert- und Opernaufführungen beschäftige ich mich mit den Hintergründen der Werke. So war vor der Leipziger Neuinszenierung des Holländers der Griff in den zweiten Band der Heinrich-Heine-Gesamtausgabe das Naheliegende: denn im Kapitel VII des Romanfragments Memoiren des Herrn von Schnabelewopski  findet sich, wenn man von einer erotischen Abweichung absieht, das komplette Vorbild für Wagners Libretto.

Der fliegende Holländer – Richard Wagner
youtube Trailer der Oper Leipzig
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Deshalb war ich auch nicht überrascht, als während Ulf Schirmer mit der Gewandhauskapelle die Ouvertüre der Oper intonierte auf der Bühne eine Zitatenreihe aus dem Heine-Fragment auf eine Bildwand projiziert wurde, die sich ausgerechnet auf das erotische Abenteuer des Herrn von Schabelewopski bezogen. Die Annäherung an Heines Beschreibung einer Theateraufführung im Amsterdam des Jahres 1831 behielt dann die Regie über den Abend konsequent bei, wenn man von einigen Anleihen an die Erzählungen der Großmuhme des Protagonisten absieht.

Somit war logischerweise für den zum Teil aufwendigen Bühnenaufbau von Michiel Dijkema und die opulenten Kostüme von Jula Reindell der historische Zeitbezug vorgegeben. So spielte der erste Akt auf dem Ufer, an dem nicht nur die Schiffe gestrandet, sondern auch verendete Wale angespült waren. Ein Kunstgriff der Regie hatte eines der Wal-Kadaver zum Schatz-Lager des Holländers gemacht, aufgelockert durch Kupferstiche vom Zuschauerraum eines zeitgenössischen Theaters.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Die konsequente Orientierung an Zeit und Ort ermöglichte auch eine schlüssige Gestaltung des Zweiten Aktes, denn das holländische Leiden war zu dieser Zeit ein Zentrum der europäischen Textilindustrie, so dass Dijkema die Spinnstuben –Szene in eine Werkhalle einer Spinnerei verorten konnte. Oben rotierten die Spinnrocken und der mit Wolle be- und verarbeitender singender Mädchenchor verhinderte die in anderen Holländer-Inszenierungen oft peinlichen Notlösungen der Montage von Tischlüftern, der Umgestaltung zum Kreißsaal oder der Formierung einer Fußboden-Wischerinnengruppe.
Die bei den meisten Holländer-Inszenierungen gestrichenen Akt-Schlüsse hatte der Regisseur be-wusst beibehalten, so dass es nach dem zweiten Akt zu einer Pause kam. Eine eigentlich problematische Entscheidung, die vor allem der Hausgastronomie zu Gute gekommen war.

Auch akzeptierte Michiel Dijkema für seine Arbeit die für uns heute schwer vorstellbare Gepflogenheit, dass die Väter im Norwegen der früheren Zeiten die Töchter nach dem Umfang der gebotenen Mitgift dem Höchstbietenden verheirateten und die Mädchen das auch akzeptierten. Nachdem Senta und der Holländer aus einem gemeinsamen Lager aufgestanden und Erik seinen letzten Versuch, Senta zurück zu gewinnen abgebrochen hatte, schien die Bühnenhandlung mit der vergeblichen Einbeziehung der Holländermannschaft in das Dorfleben abzuflachen. Aus der Verspottung der „untoten Matrosen“ entwickelte sich ob deren Wut eine spontane Bewegung ihres Schiffes. Auf der Bühne erschien das massiv aus Holz und Stahl erbaute Holländerschiff mit seinen blutroten Segeln. Ein Monstrum von 20 Metern Länge, sechs Meter Breite und 12 Metern Höhe schob sich über den Bühnenrand mit seiner Galion-Spitze bis über den Zuschauerbereich der siebten Reihe und schwenkte über die Köpfe der begeisterten Besucher.

Blieben nur noch die Zweifel des Holländers an Sentas Treue und ihr Treuebeweis: Senta fuhr in den Himmel und ihre Leiche fand sich auf dem Bühnenboden. Allerdings ließ die musikalische Ausführung einige Wünsche offen. Senta wurde von Christiane Libor mit farbenreicher, forcierter Stimme und einfühlsamen Tongebung gesungen. Besonders mit der Ballade erreicht sie eine phantastische Wirkung, wenn sie von Strophe zu Strophe an Intensität zulegte. Frau Libor war die den Abend bestimmende Sängerin. Auch mit ihrer Darstellung zeigte sie ihre hervorragende Bühnenpräsenz.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer - hier : Senta und die Spinnerinnen © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer – hier : Senta und die Spinnerinnen © Tom Schulze

Iain Paterson singt mit wohltemperierter etwas nasaler Stimme einen teilweise wohlklingenden Holländer mit guter Ausdrucksweise und Textverständlichkeit. Plastisch gestaltet er den großen Monolog „Die Frist ist um“ und den Beginn des Duetts „Wie aus der Ferne längst vergangener Zeit“. Einen kernigen überzeugenden Daland mit überzeugenden musikalischen Momenten bringt mit körperbetontem Bass Randall Jakobsh auf die Bühne. Für den satten Mezzosopran der Karin Lovelius als die Vorarbeiterin Mary sind in der Partitur leider nur wenige Möglichkeiten vorgesehen. Von ihr hätten wir gern noch mehr gehört. Selbstbewusster als in vielen anderen Inszenierungen beeindruckte der Erik, von Ladislav Elgr, der mit furchtlosem Gesang gefiel.

Für das Lied des Steuermannes bietet Dan Karlström eine helle lyrische Stimme, aber ohne rechte Wirkung. Damit blieb eigentlich einer der Ohrwürmer der Oper auf der Strecke.

Mit Ulf Schirmer stand ein profilierter Wagner-Dirigent vor den kraftvoll aufspielenden Musikern des Gewandhausorchesters, der weitestgehend auf eine transparente Sängerbegleitung achtete, aber auch die Partitur mit wechselvollen Farben füllte. Eins greift ins andere und beweist, dass es Schirmer gelungen ist, das Orchester der Heimatstadt des Komponisten wieder zu einem sehr guten Wagner-Klangkörper zu erziehen. Der fabelhafte Chor, die Sängerdarsteller sowie das Gewandhausorchester und vor allem die Ausstattung könnten dafür sorgen, dass die Oper Leipzig mit der seit 1862 elften Inszenierung des Fliegenden Holländers ein weiteres Zugpferd im Spielplan erhält.

Der fliegende Holländer an der Oper Leipzig; die Folgevorstellungen: 22. April; 12., 17., 30. Mai; 10. Juni; 17. Oktober; 2. Und 24. November 2019

—| IOCO Kritik Oper Leipzig |—

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