Zürich, Tonhalle Maag, Mozart, Bruckner – Tonhalle Orchester, IOCO Kritik, 06.01.2020

Januar 7, 2020 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Wolfgang A. Mozart, Anton Bruckner – Tonhalle Orchester

von  Julian Führer

Das Tonhalle-Orchester befindet sich in einer Umbruchsphase – nach einer Zeit ohne Chefdirigenten nun ein Neustart mit Paavo Järvi, allerdings bis zum Sommer noch in einem Ausweichquartier. Zum Jahresende gab es Debüts (Joshua Weilerstein und Gianandrea Noseda) ebenso wie ein Wiedersehen mit bekannten Gesichtern – Paavo Järvi ebenso wie Herbert Blomstedt, der jetzt ein Programm mit Werken von Mozart und Bruckner dirigierte.

Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg, vor dem Festspielhaus © IOCO / Zimmermann

Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg, vor dem Festspielhaus © IOCO / Zimmermann

Die Symphonie Nr. 34 KV 338 von Wolfgang Amadeus Mozart wird bei weitem nicht so häufig gespielt wie die Spätwerke aus Mozarts symphonischem Schaffen. Das Tonhalle-Orchester bot dieses Werk in recht üppiger Besetzung. Nach einer langsamen Introduktion wurde beim Allegro vivace des ersten Satzes schnell deutlich, dass die Musiker hochmotiviert den Zeichen des Dirigenten folgten. Im Vergleich zu anderen Einspielungen der jüngeren Zeit waren eher breite Tempi zu hören, das Blech war mit Ventilhörnern besetzt. Beeindruckend war das geschlossene Klangbild: alert im Allegro (zum Beispiel im Zusammenspiel der Violinen), aufmerksam aufeinander hörend im Andante des Mittelsatzes und regelrecht spritzig im Allegro des Schlusssatzes. Im ersten Satz wurden die Akkorde nach den Bläserfanfaren weich aufgefangen, woraus sich ein federnder Eindruck ergab. Mozart komponierte diese Symphonie noch ohne Klarinetten; die Violinen hatten bei der Abstimmung im zweiten, die beiden Oboen hatten im dritten Satz minime Probleme bei der Abstimmung ihrer Terzenketten, die aber insgesamt nicht ins Gewicht fielen, zumal im Finale wirklich ‚alles‘ stimmte. Die ganze Meisterschaft Herbert Blomstedts erwies sich an vielen Details, beispielsweise darin, wie das Horn im Finalsatz in einen Akkord mit einem Crescendo erst ‚hineinkam‘, obwohl es von Anfang an schon hörbar war. Eine sehr überzeugende und statt den Schroffheiten (die es in dieser Symphonie durchaus gibt) eher das Geschmeidige der Partitur betonende Interpretation. Das Publikum applaudierte dankbar.

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Teilen des Publikums war der zweite Teil des Konzerts wohl schon zu modern oder zu lang, es waren auf einmal einige Plätze frei. Die vierte Symphonie Anton Bruckners, auch als die „Romantische“ bezeichnet, dürfte das meistgespielte Werk dieses Komponisten sein. Herbert Blomstedt dirigierte die zweite Fassung von 1878 mit einem gegenüber der vier Jahre zuvor geschriebenen ersten Fassung gänzlich neuen Scherzo. Wie derzeit vielleicht kein anderer Dirigent kann Blomstedt als intimer Kenner dieser Werke gelten; diese Symphonie in Es-Dur liegen in drei Einspielungen vor (1980 mit der Staatskapelle Dresden, 1995 mit dem San Francisco Symphony, 2012 mit dem Gewandhausorchester Leipzig). Im Vergleich zu anderen Interpretationen schien dieser Bruckner gewissermaßen abgeschliffene Kanten zu haben, jedoch im positiven Sinne: Die dynamischen Abstufungen waren deutlich, aber nicht zu schroff. Die bei großen Lautstärken nicht einfache Akustik der Tonhalle Maag schien keinerlei Probleme zu bereiten. Im ersten Satz (Bewegt, nicht zu schnell) und auch in der Introduktion zum Scherzo hatten die Hörner große Momente. Das erste Horn präsentierte sich selbstbewusst und durchaus laut; der Einsatz der Streicher dazu (nicht nur, aber auch de schwelgerisch einstimmenden Celli) war meisterhaft geführt. Die Bläser klangen beeindruckend weich, es war viel misterioso im Pianissimo zu hören. Diese Weichheit zeigte sich auch im Klang der Klarinette, Details wie einem Decrescendo der Trompete und der behutsamen Flöte (Sabine Poyé Morel).

Im Andante quasi Allegretto des zweiten Satzes hatten die Flöten ihren großen Moment. Im Zusammenspiel mit den breit aufspielenden Celli und den ganz entfernt ein Echo intonierenden Hörnern war hier der romantische Bruckner zu hören. Beim Bläsersatz und den Pizzicati der Streicher am Ende des zweiten Satzes dachte man ein ums andere Mal, es müsse genau so und nichts anders sein. Eine mustergültige Interpretation! In der Einleitung zum Scherzo wurden die Hörner abermals wie aus der Ferne aufgebaut und dann in einem beeindruckenden Accelerando mit dem gesamten Orchester zusammengeführt. Der Satz endete in einer langen Fermate. Das Finale (Bewegt, doch nicht zu schnell) präsentiert ein etwas sperriges Bläserthema und gipfelt nach vielen Wandlungen in einem fast apotheoseartigen Schluss. Die Exaktheit der Pizzicati in den Kontrabässen, ein ungemein beeindruckendes Pianissimo der ersten und zweiten Violinen – die Liste der schier beglückenden Details ließe sich noch verlängern. Nach dem Schluss erzwang Herbert Blomstedt über den langen Nachhall hinaus eine große Generalpause auch des Publikums, die in einen intensiven Applaus mündete, bei dem man dem Orchester (beispielsweise dem Solohornisten) noch etwas mehr Zustimmung gewünscht hätte.

Herbert Blomstedt dirigierte beide Werke auswendig und ohne Taktstock, dafür aber mit sichtlicher Freude am musikalischen Gestalten. Das Orchester folgte bei allem konzentriert und demonstrierte eindrucksvoll, dass es mit dem richtigen Dirigenten zu Höchstleistungen in der Lage ist. Am beeindruckendsten war an diesem Abend vielleicht, dass praktisch keine Einzelheiten hervorstachen, sondern bei beiden Werken eine Interpretation wie aus einem Guss vorlag. Man wünscht dem Tonhalle-Orchester und sich selbst viele solcher Abende und ein baldiges Wiedersehen mit diesem Ausnahmedirigenten.

Besprochenes Konzert 11. Dezember 2019

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich |—

 

 

Leipzig, Oper Leipzig, Premiere Dornröschen – Ballett, 29.11.2019

November 28, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Premiere von »Dornröschen – Once Upon a Dream« des Leipziger Balletts

es war einmal im Traum

Mit der Premiere von »Dornröschen – Once Upon a Dream« in einer Choreografie des Belgiers Jeroen Verbruggen komplettiert das Leipziger Ballett nach »Der Nussknacker« (Jean-Philippe Dury) und »Schwanensee« (Mario Schröder) seine märchenhafte Trilogie zur Musik von Peter Tschaikowski und hat nun alle drei großen Handlungsballette des russischen Komponisten in drei unterschiedlichen choreografischen Handschriften im Repertoire.

Oper Leipzig / Dornröschen - Once Upon a Dream ©  Ida Zenna

Oper Leipzig / Dornröschen – Once Upon a Dream © Ida Zenna

Es war einmal eine Prinzessin (Madoka Ishikawa), die in einen hundertjährigen Schlaf verfiel, bis sie von einem Prinzen (Lou Thabart) wachgeküsst wurde. Das Märchen von »Dornröschen« ist wohlbekannt und zählt zu den berühmtesten überhaupt.  Peter Tschaikowski fand darin 1890 den geeigneten Stoff für eine Ballettmusik, die er selbst für seine beste hielt. Obwohl in Deutschland die Version der Brüder Grimm berühmt wurde, hat das Märchen seinen Ursprung in Frankreich. Für seine choreografische Uraufführung lässt sich Jeroen Verbruggen von Charles Perraults Fassung aus dem späten 17. Jahrhundert »La Belle au bois dormant (Die schlafende Schöne im Wald)« inspirieren. Gemeinsam mit seiner Bühnenbildnerin Chiara Stephenson und Charlie Le Mindu, der die Kostüme entwarf, gelingt es ihm, den fantastischen Zauber des Märchens in eine moderne und surreal anmutende Bildsprache zu übersetzen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der hundertjährige Schlaf: »Once Upon a Dream«. Die Choreografie taucht ein in Dornröschens Traumwelt, in der die Grenzen zwischen Fantasie und Realität mehr und mehr verschwimmen.  Immer tiefer geht es hinab in die Psyche eines jungen Mädchens, das an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Dabei entdeckt es die bedrohlichen, aber auch die schönen Seiten von Liebe und Sexualität und ficht den Konflikt mit der von Eifersucht und Missgunst getriebenen Mutter aus.

Oper Leipzig / Dornröschen - Once Upon a Dream ©  Ida Zenna

Oper Leipzig / Dornröschen – Once Upon a Dream © Ida Zenna

Verbruggen bricht in seiner Interpretation mit den Geschlechtsstereotypen des Märchens und erzählt ein zeitgemäßes Coming-of-Age-Drama. Zugunsten einer inhaltlichen Schärfung und zeitlichen Straffung wurden bei der Musik einige Striche vorgenommen. Am Pult des Gewandhausorchesters steht Felix Bender.

Karten (23 – 85 Euro) gibt es an der Kasse im Opernhaus, unter Tel: 0341 – 12 61 261 (Mo – Sa 10.00 – 19.00 Uhr), per E-Mail: service@oper-leipzig.de oder im Internet unter www.oper-leipzig.de. Für weitere Informationen und Anfragen stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung.

Oper Leipzig / Dornröschen - Once Upon a Dream ©  Ida Zenna

Oper Leipzig / Dornröschen – Once Upon a Dream © Ida Zenna


Premiere: Freitag, 29. November, 19:30 Uhr

Weitere Aufführungen: 01., 04., 05., 15. & 19. Dezember 2019 / 24. Januar / 27. & 28. März / 11. April / 01. & 03. Mai 2020 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn; Publikumsgespräche nach Abendvorstellungen, außer zur Premiere)

Dornröschen – Once Upon a Dream
Ballett von Jeroen Verbruggen | Musik von Peter Tschaikowski
Leitung
Dirigent Felix Bender
Choreografie Jeroen Verbruggen
Bühne Chiara Stephenson
Kostüme Charlie Le Mindu
Video Tina Alloncle
Licht Fabiana Piccioli

Besetzung : Prinzessin Madoka Ishikawa | Prinz Lou Thabart | Fee Laura Costa Chaud | Fee Vivian Wang | Fee Yun Kyeong Lee | Königin Fang Yi Liu | König Oliver Preiß | Wolf Alpha Carl van Godtsenhoven

Leipziger Ballett
Gewandhausorchester

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Leipzig, Oper Leipzig, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 07.10.2019

Oktober 7, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

 Tristan und Isolde  – Richard Wagner

Enrico Lübbe, Chef des Schauspiel Leipzig, inszeniert Oper

von Thomas Thielemann

Warum fahren Wagner-Verrückte und Christian Tielemann-Verehrer aus Dresden zu Ulf Schirmers Tristan-Premiere zur Oper Leipzig?

Da wäre zunächst der Regisseur Enrico Lübbe, ansonsten Intendant des Theaters  Schauspiel Leipzig und damit Nachfolger des „Skandal -Regisseurs“ Sebastian Hartmann, meines Großneffen. Und es  war natürlich interessant,  wie uns die Tristan-Dirigate Ulf Schirmers nach zwei Bayreuth-Erlebnissen angreifen werden. Und außerdem waren wir gespannt, wie Daniel Kirch, dessen Siegfried uns in Chemnitz extrem begeistert hatte, den Tristan an der Oper Leipzig bewältigt.

Wäre ich unvorbereitet in die Premiere gekommen, so wäre ich sicher gewesen, dass als Regisseur ein Filmschaffender die Inszenierung zu verantworten habe. Aber, dank der Partnerschaft mit dem hochkreativen österreich-schweizerischen „Bühnenbildner“ Etienne Pluss und dem Co-Regisseur Torsten Buß, war ein faszinierendes Bühnenereignis entstanden. Ein simpler Lichtrahmen übernimmt als wesentlichstes Element die Aufgabe in der eigentlich klassischen Inszenierung, eine Abgrenzung der Protagonisten von der realen Welt vorzunehmen.

Tristan und Isolde – The making of ….
youtube Trailer de Oper Leipzig
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Die Bühne fesselte vom ersten Augenblick. Mit faszinierend wechselnden  Bildern einer Videoinstallation, der Drehbühne und den handelnden Personen wurde der Betrachter über einen grauen Schiffsfriedhof geführt, bis der Bilderlauf in der Kabine eines Seglers zur Ruhe kam. Für die erste  Szene der Isolde mit Brangäne, fast etwas ablenkend, um vom Vorspiel und dem Lied des jungen Seemanns nahtlos in die Handlung zu kommen. Die Video-Drehbühnenkombination erlaubt der Regie, die Besucher auf beliebige Plätze des Schiffes zu führen.

Mit dem zweiten Akt gelang Enrico Lübbe im schier  endlosen Liebesduett  jenen Rausch Richard Wagners am freien Flug seinem exzessiven Ausnahmezustand gerecht zu werden. Seine wechselnden Befindlichkeiten, das psychologisch eigentlich Unerklärbare, den Tag zur Ursache allen Übels zu erklären und die Nacht, den Tod als ultimatives Lebensziel zu beschwören, wurde mit raffinierter Bühnentechnik, dem Einsatz eines Double-Paares und einer partiell schwarzen Umgebung bewältigt, so dass die Wandlungen der Gefühlswelten mit dem Wechsel von Körpernähe und  -ferne auch bildhaft wurden.

Oper Leipzig / Tristan und Isolde - hier : Daniel Kirch als Tristan und Meagan Miller als Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde – hier : Daniel Kirch als Tristan und Meagan Miller als Isolde © Tom Schulze

Für den dritten Akt hatte Lübbe das Wrack eines verlassenen Schiffes gewählt und überließ einer Vielzahl Isolde- Statistinnen Tristans Fieberphantasien bildlich werden zulassen. Gefangen in der unerfüllten Todessehnsucht leben Isolde und Tristan weiter mit ihrem Wunsch im Tode vereint zu sein. Die Lichtgestaltung und die Videoinstallationen waren beeindruckend im Konzept umgesetzt. Die Kostüme der Linda Redlin waren als einzige Komponente der Arbeit Lübbes zeitübergreifend gestaltet.

 Isolde war die stimmstarke amerikanische Sopranistin Meagan Miller mit ihrem Sinn für dramatische Situationen. Ihre volle kräftige Stimme mit ihrer hervorragenden Höhe findet aber auch mezzopiano Stimmfarbeben, durchaus auch zynisch und selbstironisch. Sie weiß sich auf der Bühne zu bewegen und vermag die Ideen des Schauspiel-Spezialisten umsetzen.die

Oper Leipzig / Tristan und Isolde - hier : Barbara Kozelj als Brangäne und Meagan Miller als Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde – hier : Barbara Kozelj als Brangäne und Meagan Miller als Isolde © Tom Schulze

Der Tristan von Daniel Kirch enttäuschte die Erwartungen nicht; aber ein „großer“ Tristan ist er noch nicht. Da benötigt seine leicht brüchige Tenorstimme noch etwas Entwicklung, wenn ihn der durchsetzungsfähige Sopran der Amerikanerin  gelegentlich überstrahlt. Die Mezzosopranistin Barbara Kozelj aus Slowenien war als die Stimme der Vernunft als Brangäne eine  ideale Partnerin der Isolde auf Augenhöhe. Stimmlich mit Meagan Miller gut abgestimmt, bietet sie dank ihrer starken Präsenz ein echtes Erlebnis.

Der König Marke, mit dem Ensemble-Mitglied Sebastian Pilgrim bestens  besetzt, war von der Regie von vornherein als schwacher Herrscher und wenig sympathisch angelegt. Mit profundem sicher geführtem Bass bewältigte er seine Aufgabe, in die Psyche von Isolde und Tristan einzugreifen. Das Ensemblemitglied Matthias Stier, trifft als Melot  geifernd mit seiner schneidenden Charakterstudie genau den richtigen Ton des Verräters.

Jukka Rasilainen als Kurwenal, erst im letzten Moment in die Inszenierung einbezogen, verfügt aber über ausreichend Erfahrung, um den Vertrauten Tristans wacker gesanglich und spielerisch prägnant darzustellen. Auch die „kleineren Rollen“ waren leistungsfähigen Sängern anvertraut. Der Steuermann von Franz Xaver Schlecht mit seinem elegant-dunklem Bariton und der Hirte des erfahrenen Oratorien-Tenors Martin Vogel waren schon beeindruckend. Der  junge Seemann   von dem  lyrisch geprägten Tenor Alvaro Zambrano gesungen, war fast eine Luxusbesetzung.

 Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Die Oboistin des Gewandhausorchesters  Gundel Jannemann-Fischer bot mit ihren in der Szene integrierten Bassklarinetten-Soli eine berückende Besonderheit der Inszenierung. Der Chor präsentierte sich kräftig und transparent, aber nicht unbedingt klangschön.

Zum Orchester möchte ich mich nicht unbedingt äußern, weil ich doch dem Dresdner Klang zu stark verhaftet bin. Das bedeutet aber keinesfalls eine Einschränkung der Orchesterqualität, denn es wurde hervorragend musiziert. Die Klangentfaltung in der Oper Leipzig ermöglicht allerdings keinen extrem emotionsgeladenen Tönerausch.

Ulf Schirmer leitete die Aufführung straff, facettenreich aber nicht immer freundlich unterstützend den Sängern gegenüber. Ich empfand, dass er mit seinem Dirigat  einen  etwas kühleren  Eindruck vermittelte. Das mag an der Premieren-Nervosität  gelegen haben, denn an der Darbietung der Musik Richard Wagners gab das keine Einschränkung. Schwieriger war da schon der Eventcharakter der bilderbetonten Regie, der gelegentlich ablenkte. Aber das mag meine persönliche Auffassung zur Arbeit Lübbes sein und sich aus dem Eindruck halbszenischer Wagner-Aufführungen bei den Budapester Wagnertagen speisen.

Von den Freunden der Musik des in Leipzig geborenen Meisters wurde die Leistung der Künstler um Enrico Lübbe und Ulf Schirmer stürmisch bejubelt und mit stehenden Ovationen bedacht, an denen ich mich mit viel Überzeugung beteiligte.

Tristan und Isolde an der Oper Leipzig, weitere Aufführungen: 12. Oktober / 10.11. 2019 / 14. März / 01. Juni 2020 ( mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

—| IOCO Kritik Oper Leipzig |—

Leipzig, Oper Leipzig, Premiere Tristan und Isolde – Richard Wagner, 05.10.2019

Oktober 2, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Tristan und Isolde – Richard Wagner

In Des Welt-Atems wehendem All

Die Premiere von Richard Wagners Tristan und Isolde in der Inszenierung von Enrico Lübbe, Intendant des Schauspiel Leipzig, markiert einen weiteren wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu den Opernfesttagen »WAGNER 22« im Sommer 2022.

Bis dahin wird die Oper Leipzig unter der Leitung von Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer alle dreizehn Opernwerke Wagners im Repertoire führen und innerhalb von drei Wochen in der Reihenfolge ihrer Entstehung zur Aufführung bringen. Enrico Lübbe gibt mit dieser Arbeit sein Hausdebüt an der Oper Leipzig. Am Pult des Gewandhausorchesters steht Prof. Ulf Schirmer.

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Um der ungewollten Hochzeit mit König Marke (Sebastian Pilgrim mit einem Rollendebüt) von Cornwall zu entgehen, will die irische Königstochter Isolde (Meagan Miller, mit einem Rollendebüt, zuletzt in Leipzig als Minnie in La fanciulla del West) ihrem Leben ein Ende setzen. Gemeinsam mit Tristan (Daniel Kirch, an der Oper Leipzig u.a. als Siegmund in Die Walküre und in den Titelpartien in Tannhäuser und Parsifal), dem Neffen des Königs, trinkt sie jedoch versehentlich kein Gift, sondern einen Liebestrank. Gequält von unerfüllter Sehnsucht leben die beiden fortan für den Wunsch, im Tod vereint zu sein.

Mit Tristan und Isolde schuf Richard Wagner seine vielleicht radikalste, aber auch sinnlichste Oper. Zwei Liebende werden in einen Strudel der Leidenschaften hineingesogen, der so intensiv ist, dass eine Erlösung nur im Tod möglich ist. Für seinen »Tristan« adaptierte Wagner das mittelalterliche Epos von Gottfried von Straßburg und ließ sich von der Philosophie Arthur Schopenhauers inspirieren. Der Komponist vereint dessen pessimistische Ideen vom Streben nach dem Ende der Existenz jedoch mit der eigenen Neigung zu sinnlicher Hingabe. Es entstehen rauschhafte Klänge der Unendlichkeit, die die überwältigenden Gefühle der kaum noch aktiv handelnden Figuren deutlich machen. Wie das immer größer werdende Verlangen der Liebenden drängt die Musik unaufhörlich nach Erlösung. Die beinahe sinfonisch anmutende musikalische Sprache, die Wagner verwendet, ist durch den Zusammenbruch der Tonalität und extreme Chromatik gekennzeichnet.

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Bühnenbildner Étienne Pluss, für seine Arbeit an »Violetter Schnee« an der Staatsoper Unter den Linden gerade für den FAUST 2019 nominiert, schafft für die Geschichte von »Tristan und Isolde« zeitlose und symbolische Orte wie einen Schiffsfriedhof, an denen Regisseur Enrico Lübbe mit dem Einsatz der Drehbühne, Videoprojektionen (fettFilm) und Doubles der Protagonisten verschiedene Realitäts- und Zeitebenen entstehen lässt: reale sowie überdimensionierte und philosophische. Ein Lichtrahmen dient als Grenze zwischen den Welten und als Abgrenzung für Tristan und Isolde zur »realen« Welt.

Premiere: Samstag, 5. Oktober 2019, 17 Uhr,  weitere Aufführungen: 12. Oktober / 10. November 2019 / 14. März / 01. Juni 2020 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

Richard Wagner  –  Tristan und Isolde
Handlung in drei Aufzügen | Text vom Komponisten | In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Leitung:
Musikalische Leitung  Ulf Schirmer, Inszenierung Enrico Lübbe, Co-Regie Torsten Buß
Bühne Étienne Pluss, Kostüm Linda Redlin, Video fettFilm, Licht Olaf Freese, Choreinstudierung Thomas Eitler-de Lint, Dramaturgie Nele Winter

Besetzung:  Isolde Meagan Miller | Tristan Daniel Kirch | König Marke Sebastian Pilgrim | Kurwenal Mathias Hausmann | Melot Matthias Stier | Brangäne Barbara Kozelj | Ein Hirt Martin Petzold | Ein Steuermann Franz Xaver Schlecht | Ein junger Seemann Alvaro Zambrano,  Herren des Chores der Oper Leipzig, Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

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