Mörbisch, Seefestspiele Mörbisch, Gala 60 Jahre Seefestspiele Mörbisch, IOCO Aktuell

Seefestspiele Mörbisch

Seefestspiele Mörbisch / Gala - 60 Jahre Seefestspiele Mörbisch © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

Seefestspiele Mörbisch / Gala – 60 Jahre Seefestspiele Mörbisch © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

 „60 Jahre Seefestspiele Mörbisch“

Gala im Kultur Kongress Zentrum Eisenstadt

Die Feierlichkeiten des Jubiläumsjahres der Seefestspiele Mörbisch gipfelten am 3. November 2017 in einer großen Gala im Kultur Kongress Zentrum Eisenstadt. Zahlreiche Festgäste waren der Einladung der Seefestspiele Mörbisch gefolgt..

Die Seefestspiele Mörbisch feiern heuer ihr 60-jähriges Bestandsjubiläum. Aus diesem Anlass wurde im Rahmen der Gala mit all jenen gefeiert, die diese sechs Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltet haben. Gefeiert wurde mit einem abwechslungsreichen Programm, das ganz im Zeichen der 60-jährigen Geschichte der Seefestspiele Mörbisch stand. Das musikalische Programm bestritt das Orchester der Seefestspiele Mörbisch unter der Leitung von Guido Mancusi und die Solisten Vida Mikneviciuté, Alexander Geller und Andreas Sauerzapf.

Seefestspiele Mörbisch / Gala - 60 Jahre Seefestspiele Mörbisch © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

Seefestspiele Mörbisch / Gala – 60 Jahre Seefestspiele Mörbisch © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

LR Helmut Bieler, Präsident der Seefestspiele Mörbisch, und Vize-Präsidentin LRin Astrid Eisenkopf betonten im Gespräch mit Gerhard Krammer, dem Moderator der Gala, die kulturelle, touristische und wirtschaftliche Wichtigkeit der Seefestspiele für die Region und weit darüber hinaus. Die Seefestspiele Mörbisch sind in den ersten 60 Jahren ihres Bestehens aus einem kleinen nordburgenländischen Festspielort zu einem internationalen „Festival“ mit rund 400 Beschäftigten und mehr als 100.000 BesucherInnen pro Saison gewachsen.

Klassische Inszenierungen, klassische Bühnenbilder und klassische Kostüme sind bis heute Garant für den Erfolg der Seefestspiele Mörbisch. Die Seefestspiele gelten nach wie vor als die Pflegestätte der Wiener Operette, als jener Ort, wo man Operette so spielt, wie es das Publikum liebt und erwartet. Zu den Festgästen der Gala zählten große Künstler und Publikumslieblinge der letzten 60 Jahre, u.a. Dagmar Koller, Silvana Dussmann, Gaby Bischof, Sona Ghazarian, Zoryana Kushpler, Sigrid Martikke, Ursula Pfitzner, Alexandra Reinprecht, Katrin Fuchs, Cornelia Zink, Mehrzad Montazeri, Horst Lamnek, Gerhard Ernst, Peter Horak.

Peter Edelmann, seit September Künstlerischer Direktor der Seefestspiele Mörbisch, hatte im Rahmen der Gala seinen ersten großen offiziellen Auftritt in seiner neuen Funktion und gab einen Ausblick auf die kommenden Entwicklungen des weltweit größten Operetten-Festivals. „Als neuer Künstlerischer Direktor bin ich bestrebt, die kommenden Produktionen zu etwas Besonderem zu machen. Es liegt mir sehr viel daran, diese urösterreichische Musiktheaterform, der ich mich seit Beginn meiner Karriere sehr verpflichtet fühle, auch international zu fördern.“

In der Saison 2018 bringt Edelmann mit Emmerich Kálmáns Gräfin Mariza eine der meistgespielten und beliebtesten Operetten aus der goldenen Operettenära auf die Seebühne. „Der Bühnenbildentwurf von Manfred Waba verspricht schon jetzt etwas ganz Spezielles zu werden. Die Besetzung setzt sich einerseits aus Publikumslieblingen wie Andreas Sauerzapf und SängerInnen, die auf der Seebühne debütieren werden, darunter Vida Mikneviciuté und Alexander Geller, zusammen„, freut sich Peter Edelmann auf seine erste Mörbisch-Saison. PMSFMö

Gräfin Mariza:  Festspiele 12. Juli bis 25. August 2018

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Wien, Volksoper, Die Fledermaus ist Wien ist Fledermaus, IOCO Kritik, 25.10.2017

Oktober 26, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Operette, Volksoper Wien

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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

Die Fledermaus von Johann Strauss

Ein Rheinländer zieht aus, die Fledermaus in Wien zu erleben

Von Viktor Jarosch

Die Fledermaus von Johann Strauss in Wien zu besuchen! Einem Rheinländer erzeugt der Besuch der Fledermaus in ihrer kulturellen Heimat Wien besondere, fast touristische Gefühle. Denn Wiens einzigartige kulturelle Stellung in der Welt ist nicht allein anspruchsvoll-komplexer Kunst eines Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Franz Grillparzer oder Gustav Klimt zuzuschreiben. Deren leicht-gewichtige – gerne nicht ganz ernst genommene – Schwester, die Operette, ganz besonders die Fledermaus, Königin der Operetten, sind bis heute und weltweit erfolgreiche Botschafter von Menschlichkeit und Wiener Lebensfreude. Johann Strauss und Franz Léhar etablierten die Operette als eigene Gattung, stellten in ihren Werken sympathische Durchschnittsmenschen mit gutbürgerlicher Doppelmoral dar. Überschaubare Alltagsprobleme werden etwas realitätsfern mit lieben Ungereimtheiten, Lügen und oft tänzerischen Schmankerln  dem natürlich glücklichen Ende zugeführt.

 Grabstätte von Henri Meilhac in Paris © IOCO

Die eindrucksvolle Grabstätte von Henri Meilhac in Paris © IOCO

Urwienerisch, so irrt man schnell, sei die Fledermaus; denn sie ist französischen Ursprungs; das erfolgreiche Vaudeville Réveillon (1872) von Henri Meilhac (Foto) und Ludovic Halèvy ist ihr Ursprung. Der „Vorabend“ (Heiligabend) zu einem in Frankreich üblichen, ausgelassenen Weihnachtssouper mit Freunden, eine anstehende Gefängnisstrafe, ein Alfred, ein Prinz, ein Gefängnisdirektor sind die Ingredienzien von Réveillon. Johann Strauss zauberte, komponierte aus dieser Vorlage 1874 seine einmalige Wiener Fledermaus.

Strauss´ Fledermaus verwandelt die Vorlage, auch dem Börsenkrach von 1873 geschuldet, in wienerische „Lebenserkenntnisse“: Wenn im richtigen Leben schon vieles falsch läuft: ¾ Takt, ein wenig Lüge, Maske, Kostüme, Polka, falsche Identitäten könnten dem Wiener weiter helfen.

Grabmal von Johann Strauss Sohn in Wien © IOCO

Grabmal von Johann Strauss Sohn in Wien © IOCO

Also lügt Adele mit Beginn der Operette, dann belügt Rosalinde ihren Mann Eisenstein, der sie ebenso belügt, Dr. Falke belügt beide, Halb- und Unwahrheiten wechseln sich ab; allein Alfred, der Liebhaber, lügt nicht, aber nur aus Eigennutz. Hugo von Hoffmannsthal meinte gar: In der Fledermaus dominiere gar „jenes gewisse Halb-Naive, Lumpige, französisch angehauchte Wienertum“. Seit ihrer Uraufführung am 5. April 1874 im Theater an der Wien ist die Fledermaus von Johann Strauss, Richard Genée und Karl Haffner auf allen Bühnen der Welt unendlich erfolgreich. Im Ausland wurde die Fledermaus, mit ihr das Genre Operette, so zum augenzwinkernden Erkennungsschmaus und Sympathieträger der Stadt Wien wie Österreichs. Auf Augenhöhe mit „seriöser“ Wiener Kunst. Glücklich ist, wer vergisst, was…“ zutiefst Österreichisch?

In den Theatern Wiens ist die Fledermaus immer präsent; auch 2017/18: Die ehrwürdige aber weniger humorige Wiener Staatsoper (30% ihrer Besucher stammen nicht aus Wien) reduziert prallen Fledermaus-Humor traditionell offiziell auf Silvester und einige Folgeabende: 2017 feiert die Staatsoper den Jahreswechsel mit der 150sten Fledermaus Aufführung einer Otto Schenk – Inszenierung aus dem Jahr 1979; mit virtuoser Choreographie und blendenden Ensemble. Das Theater an der Wien hat 2017 Fledermaus frei.

Dafür spielt bürgernahe Wiener Volksoper an der Währinger Straße (1.330 Plätze, 83% Auslastung, 315.000 Besucher/Jahr) 2017/18 die Fledermaus ganzjährig. Doch auch die Fledermaus-Produktion der Volksoper, wie die der Staatsoper, hat lange Tradition: Aus 1987 stammt die Inszenierung mit klassischen Kulissen; 2007 wurde diese Inszenierung von Heinz Zednik szenisch und sprachlich etwas aktualisiert. Alt-barocken, betulichen Wiener Flair verbreitet der große Wohnraum der Volksoper Fledermaus mit dem ersten Bild. Die Kostüme (Doris Engl) sind ebenfalls klassisch wienerisch. Doch ein viriles Ensemble meist Wiener Provenienz verwandelt dies Ambiente zu  einem lebensfrohen, munteren Bühnenereignis.

Volksoper Wien / Die Fledermau - hier vlnr Dr Blind, Rosalinde, Eisenstein © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Die Fledermau – hier vlnr Dr Blind, Rosalinde, Eisenstein © barbara pálffy / volksoper

Alfred, Szabolcs Brickner, betet so in seiner ersten Belcantoarie mit hellklar lyrischer Tenorstimme „Täubchen, das enflattert ist, stille mein Verlangen..“ Rosalinde an. Stubenmädchen Adele (Elisabeth Schwarz) wuselt daher, um sich in ihren späteren Arien „Spiel ich die Unschuld vom Lande“, „Mein Herr Marquis“ lustvoll und mitreißend auszuspielen. Dr. Falke erscheint im Gehrock. Die an vulgärphilosophischen Sprüchen so reiche Fledermaus leitet Gabriel von Eisenstein (Carsten Süss) mit seinen „Grinzinger Volksweisheiten“ ein: „Wenn die Ratten dich benagen, hüte dich vor vollem Magen“, um über Dr. Falke (Ben Connor), „Stirbt der Bauer im Oktober, braucht er im Winter koan Pullover“ bis zum Ende durch das Wiener wie Volksopern – Urgestein Gerhard Ernst als Frosch alle möglichen Operetten- Vögel abzuschießen. Die Fledermaus feierte so an der Volksoper fröhliche Urständ. Auch als lebensfroher Rheinländer fühle ich mich an diesem Abend  in der Volksoper pudelwohl.

Volksoper Wien / Die Fledermaus - hier Ensemble © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Die Fledermaus – hier Ensemble © barbara pálffy / volksoper

Doch, das gesamte Ensemble des Abends trug zur guten Laune bei: Ulrike Steinsky, Wienerin und langjähriges Volksoper Ensemblemitglied, ist eine szenisch präsente Rosalinde; mit wortdeutlichem Wienerisch beherrscht sie ihre große Partie von tiefen Mezzo-Tönen bis wunderbarem Sopran; federleicht und mit Temperament besonders im Csárdás des Mittelaktes, „Klänge der Heimat“. Die Rachegedanken des Dr. Falke lässt Ben Connor in wohl timbrierten Schmelz erklingen. Annely Peebo lebte in Sprache und wohltönendem Mezzo den russischen Prinz; ebenden Prinz Orlofsky. In elegant klassischen Kostümen tanzt das das Wiener Staatsballett die packende Polka Donner und Blitz. Auch der stotternde Dr. Blind (Jeffrey Treganza) wie der mimisch und stimmlich sichere Daniel Ohlschläger als Gefängnisdirektor Frank begeistern.

Guido Mancusi, das Volksopernorchester und Ensemble entfalten in den vielen Facetten ihrer Fledermaus urtümliches wie feines wienerisches Kolorit, Wiener Charme. Die Besucher der auch an diesem Dienstag vollbesetzte Volksoper feierten Ensemble, Orchester wie ihre Kultur, ihre Fledermaus.

Die Fledermaus an der Volksoper Wien:  Weitere Vorstellungen 13.11.; 30.11.; 4.12.; 31.12.2017; 1.1.2018;  6.2.2018; 15.2.2018,; 5.3.2018

Wien, Volksoper Wien, Premiere Die Zirkusprinzessin von Emmerich Kalman, 09.12.2016

November 17, 2016 by  
Filed under Operette, Premieren, Pressemeldung, Volksoper Wien

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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien / Zirkusprinzessin - Kurt Schreibmayer (Prinz Sergius Wladimir), Wiener Staatsballett, Chor, Komparserie © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Zirkusprinzessin – Kurt Schreibmayer (Prinz Sergius Wladimir), Wiener Staatsballett, Chor, Komparserie © barbara pálffy / volksoper

Die Zirkusprinzessin von Emmerich Kálmán

Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald

Premiere am 9. Dezember 2016, weitere Vorstellungen am 13., 19., 29. Dezember 2016,  2., 4., 9., 12., 19. Jänner, 9., 13., 18. Februar 2017

Thomas Enzinger inszeniert an der Volksoper Emmerich Kálmáns Die Zirkusprinzessin. Schmachtende Melodien, ungarisches Feuer, eine Prise Wiener Lied und ein schmissiges Libretto: Emmerich Kálmán wusste genau, mit welchen Ingredienzen sich ein Publikumsrenner fabrizieren lässt – nicht umsonst hatte er mit der „Csardasfürstin“ und Gräfin Mariza bereits Welterfolge gelandet. Mit Julius Brammer und Alfred Grünwald hatte der Komponist zudem die idealen Librettisten gefunden. Kálmáns Schwester Ilona erinnerte sich später an die gemeinsamen Arbeitstreffen: „Sie kommen täglich zusammen, trinken einige Liter schwarzen Kaffee, rauchen eine Unmenge Zigaretten, erzählen sich Witze, politisieren, beschimpfen sich gegenseitig, zanken, lachen, brüllen. Und auf einmal ist die Operette fertig“. So entstand vermutlich auch Die Zirkusprinzessin, jene turbulente Geschichte rund um Liebeswirren des geheimnisvollen Mister X, der mit nicht weniger als drei verschiedenen Identitäten für Verwirrung sorgt und am Schluss endlich die Erfüllung seiner großen Liebe findet.

Volksoper Wien / Die Zirkusprinzessin Astrid Kessler als Fürstin Fedora © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Die Zirkusprinzessin Astrid Kessler als Fürstin Fedora © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Die Uraufführung fand am 28. Februar 1926 im Theater an der Wien statt und bescherte dem Komponisten einen sensationellen Erfolg: bereits im Dezember desselben Jahres brachte es Die Zirkusprinzessin auf über 300 Folgevorstellungen. Ein Zirkus in St. Petersburg, ein Prinzen-Palais und ein Wiener Hotel sind die Schauplätze von Kálmáns Operette, wo nichts ist, wie es zu sein scheint. So ist Mister X eigentlich gar kein Zirkusartist, Toni kein Adliger, Miss Mable keine Engländerin, Prinz Sergius kein fürsorglicher Berater und Carla keine böse Schwiegermutter.

Volksoper Wien / Zirkusprinzessin - Astrid Kessler (Fürstin Fedora), Carsten Süss (Mister X) © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Zirkusprinzessin – Astrid Kessler (Fürstin Fedora), Carsten Süss (Mister X) © barbara pálffy / volksoper

Die Uraufführung muss ein rauschendes Fest gewesen sein, samt Revue-Mäderln im (spärlichen) Trikot, prachtvollen Kostümen und einer opulenten Ausstattung. Dazu kamen Kálmáns unwiderstehliche Melodien: vom Shimmy-Blues „Wenn du mich sitzen lässt“ über das romantische Walzerduett „Süßeste von allen Frauen“, den russischen Brauttanz im Finale des zweiten Akts bis zum Wienerlied „Nimmt man Abschied von dieser Stadt“ bis zur Auftrittsarie des Mister X, „Wieder hinaus ins strahlende Licht“. Die musikalische Umsetzung der Neuinszenierung an der Volksoper liegt in den bewährten Händen von Alfred Eschwé. Thomas Enzinger, frischgebackener Intendant des Lehár-Festivals Bad Ischl, der hier mit Wiener Blut und Gräfin Mariza bereits zwei opulente Operetteninszenierungen vorgelegt hat, inszeniert das virtuose Werk. In den Hauptrollen spielen Carsten Süss den Zirkusartisten Mister X und Astrid Kessler dessen angebetete Fürstin Fedora. Den intriganten Prinzen Sergius gibt Kurt Schreibmayer, in der Rolle von Toni Schlumberger liebt Hausdebütant Otto Jaus Hundedresseurin Mabel Gibson (Juliette Khalil) und als Pelikan ist Robert Meyer zu erleben.

Dirigent: Alfred Eschwé/Lorenz C. Aichner, Regie: Thomas Enzinger, Bühnenbild: Peter Notz, nach einer Idee von Sam Madwar, Licht: Sabine Wiesenbauer, Kostüme: Sven Bindseil
Choreographie: Bohdana Szivacz, Choreinstudierung: Holger Kristen, Dramaturgie: Helene Sommer

Fürstin Fedora Palinska: Astrid Kessler/Ursula Pfitzner, Prinz Sergius Wladimir: Kurt Schreibmayer, Graf Saskusin: Nicolaus Hagg, Baron Peter Brusowsky, Adjutant des Prinzen: Georg Wacks, Direktor Stanislawski: Gerhard Ernst, Mister X: Carsten Süss/Szabolcs Brickner, Miss Mabel Gibson: Juliette Khalil/Johanna Arrouas, Carla Schlumberger: Elisabeth Flechl/Ulrike Steinsky, Toni Schlumberger: Otto Jaus/Michael Havlicek, Pelikan, Oberkellner: Robert Meyer/Herbert Steinböck, Bolschewik: Maximilian Klakow. PMVOW

Premiere am 9. Dezember 2016, weitere Vorstellungen am 13., 19., 29. Dezember 2016,  2., 4., 9., 12., 19. Jänner, 9., 13., 18. Februar 2017

Bonn, Theater Bonn, Anatevka: Humor und Mitgefühl trotzen Not und Vertreibung, IOCO Kritik, 22.03.2016

März 22, 2016 by  
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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

Musical Anatevka von Jerry Bock
Aufforderung zu Menschlichkeit, Humor und Aufbruch

Anatevka, als Fiddler on the Roof uraufgeführt, ist das ergreifend melancholische Musical um Leben, Ermordung und Vertreibung ukrainischer Juden aus ihrem Heimatdorf  Anatevka. Eine Story von zeitloser Aktualität; die derzeitige Flüchtlingskrise ist nur eine weitere traurige Kopie damaligen Elends. Anatevka lehrt vom hohen Gut von Menschlichkeit, auch wenn Elend oder moralische Verrohung Nahe sind.

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA_Milchmann Tevje © Thilo Beu

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA_Milchmann Tevje und Dorfgemeinschaft © Thilo Beu

Das Musical entstammt dem Buch Tevje, der Milchmann, in welchem der nahe Kiew geborene Yakow Rabinowitz Leben und Vertreibung der Juden aus dem ukrainischen Örtchen Anatevka beschreibt. Rabinowitz nahm später den Namen Scholem Alejchem an, hebräisch für „Friede sein mit Euch“. Als sein Buch um 1916 erstmals erschien hatte Scholem Alejchem wegen judenfeindlicher Pogrome seine Heimat längst verlassen. In New York fand der Bewahrer jiddischer Kultur neue Heimat und literarischen Erfolg. Sein Buch Tevje war die Basis für Jerry Bock und sein erfolgreiches Musicals. Bock schrieb die für Ostjuden typische Musik; mit Jerome Robbins (Choreographie), Joseph Stein (Buch) und Sheldon Harnick (Liedtexte) hatte Fiddler on the Roof 1964 in New York seine spektakuläre Uraufführung. Die deutsche Uraufführung 1968 in Hamburg als Anatevka entkrampfte zudem den deutschen Zugang zu jüdischer Kunst und Künstlern.

Bonn / Theater Bonn - ANATEVKA und der mitreissende Flaschentanz © Thilo Beu

Bonn / Theater Bonn – ANATEVKA und der mitreissende Flaschentanz © Thilo Beu

Regisseur Karl Absenger inszenierte Anatevka erfolgreich auf vielen großen Bühnen. Menschlichkeit, Humor und Wehmut prägen seine Inszenierungen, so auch im Theater Bonn. Bühnenbild und Kostüme sind unverstellt naturalistisch. Holztische, Holzdielen, Milchkarren. Doch bietet die Inszenierung auch viele optische Höhepunkte. Mit der Ouvertüre spielt im Rang des Theaters ein Fiedler Klezmer während auf der Bühne Tevje, der Milchmann (Gerhard Ernst) mit Milchkarren den Wert der Tradition beschwört. Tradition helfe Gleichgewicht, Friede und Eintracht der Dorfgemeinschaft zu erhalten, das schweren Leben fertig zu meistern. Die Inszenierung im Theater Bonn wird von darstellerisch hervorragend besetzte Partien, große Chören, sanftem jiddischem Humor (Tevje: „..Heute bin ich das Pferd..“, „..wenn man reich ist, gilt man auch als klug“..“..Geld ist ein Fluch…Oh möge uns der Herr damit beladen“..) geprägt.

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA - Nachtträume von Tevje und Golde © Thilo Beu

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA – Nachtträume von Tevje und Golde © Thilo Beu

Tevjes Frau Golde (Anjara Bartz) träumt derweil kauzig über gute Partien für ihre drei heiratsfähigen Töchter; und beschwört die Heiratsvermittlerin Jente (Maria Mallé):Jente, o Jente, bring uns einen Mann..“ Tevje verspricht dagegen Tzeitel dem Metzger Lazar Wolf (Martin Tzonev). Dagegen träumen die drei Töchter (Tzeitel – Sarah Laminger; Chava – Lisenka Kirkcaldy; Hodel – Maria Ladurner) von eigenen Heiratswünschen, welche denen der Eltern gar nicht entsprechen. Pogrom-Meldungen, nach denen im Nachbardorf Juden vertrieben wurden, gehen im dörflichen Treiben unter. Zu einer spektakulären Tanz-, Traum- und Lichtchoreographien (Vladimir Snizek) schwebt Goldes verstorbene Großmutter (Barbara Teuber) durch den Bühnenhimmel, feiert Tzeitel ihre Hochzeit mit dem Schneider Mottel (Christian Georg) bis marodierende Soldaten die reale Bedrohung in Anatevka sichtbar machen.

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA - Die Erscheinung der toten Großmutter © Thilo Beu

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA – Die Erscheinung der toten Großmutter © Thilo Beu

Im zweiten Akt setzen auch die beiden anderen Töchter Tevjes, Chava und Hodel eigene Liebeswünsche durch. Tevje erkennt rückblickend weise: „Auch wir wussten voneinander nicht Bescheid, doch nach 25 Jahren wird es endlich Zeit“. Dann müssen die jüdischen Bewohner müssen ihr Anatevka binnen drei Tagen verlassen. Tevje und die Dorfbewohner reagieren pragmatisch leise. Sie entscheiden nicht zu kämpfen sondern Anatevka auf immer zu verlassen. „Anatevka ist auch nicht der Garten Eden!“, „Vielleicht haben wir Juden deshalb immer einen Hut auf dem Kopf!“ Einer: „Wir ziehen nach Amerika zu Onkel Abraham!“, der andere geht nach Krakau. Jente die Heiratsvermittlerin: „Ich ziehe nach Jerusalem ins gelobte Land!“

Bonn / Theater Bonn_Anatevka Ensemble © IOCO

Bonn / Theater Bonn_Anatevka Ensemble © IOCO

Anatevka im Theater Bonn reißt mit und macht gleichzeitig betroffen. Wehmütig endet der Abend zu Klezmer-Klängen des Fiedlers und einer Dorfgemeinschaft, welche erneut Gewalt weicht, um ihre körperliche wie kulturelle Existenz zu bewahren. Große wie kleine Geschichten jiddischen Alltags und das traurige Ende werden in der Produktion des Theater Bonn mit bestechender Choreographie und einem riesigen Ensemble nicht grob und rau sondern filigran, listig wie lebensfroh ausgebreitet. Der neue 1. Kapellmeister am Theater Bonn, Stephan Zilias, leitete das kleine Beethoven Orchester, führte Solisten, Ensemble und die großen Chöre sanft und feinfühlig. Das Publikum im ausverkauften Theater Bonn dagegen, wenig filigran oder feinfühlig, ließ kein Zurückhaltung walten: Laut und lang wurden die Anatevka Inszenierung, Darsteller und Orchester gefeiert. Nach über 10 Jahren besitzt das Theater wieder eine neue großartige Anatevka.

IOCO / Viktor Jarosch / 22.03.2016

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