München, Bayerische Staatsoper, Otello – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 17.12.2018

Dezember 18, 2018 by  
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Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Otello – Giuseppe Verdi

– Die Rationalität des Bösen –

Von Hans-Günter Melchior

Wie auf haushohen Wellen, auf davon eilt, bebt, donnert die Musik, entfesselt, pfeifend und lärmend und unter die Decke des großen Hauses prallend, sie fast sprengend, ein Orkan, entfacht von Verdi und dem Dirigenten Kirill Petrenko, infernalisch. chromatisch wühlt das großartige Orchester in den Klangwolken, pflügt die Tonwogen und die Gefühle der Zuhörer um, dass man sich an den Stuhllehnen hält.
Wieder einmal ein Anlass, den Dirigenten Petrenko gleich am Anfang zu bewundern, er schont niemanden, nicht das Orchester (die Holzbläser!), nicht die Hörer und nicht sich selbst, Naturgewalten sind nunmal groß und erhaben und die Musik fällt über sie her wie sie über die Musik herfallen; hier wird´s Ereignis.

Otello – Guiseppe Verdi
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper München
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Ob der Held davonkommt?, Hilfe, Hilfe –, Otello, der Feldherr nach siegreichem Kriegszug in Lepanto heimkehrend, nun aber in wilde See geraten, in einen Orkan, Teile des Schiffes fliegen davon, um Otello bangt man, so bedrängend wie das gemacht ist, wo ist Otello, ist die Oper schon am Ende, bevor sie begonnen hat, gibt es noch eine Steigerung?

In tiefem Dunkel der Chor (Leitung Jörn Hinnerk Andresen), gewaltig, furchterregend hart, das Geschehen beschwörend und zugleich beschreibend, es kommentierend, „alles ist Rauch, alles ist Feuer“ –, während eine Etage darüber Anja Harteros die Desdemona verkörpert (nein: sie ist Desdemona, was für eine große Sängerin und Schauspielerin, was für ein voller, warm strömender Sopran!), die Hände ringt und sich auf ein Bett wirft, und der Chor endlich: „Es ist gerettet! Gerettet!“.
Schon ist man mittendrin nach höchst gelungenem Anfang, mittendrin und aus den Tonfluten gerettet. Fast schon Mitleidender, hineingeraten in den Sog des gewaltigen Beginns, der flüchtig von einem Video überblendet und illustriert wird, gestreift wie von einem Irrlicht der Turbulenzen. Aufatmen. Entspannen.

Bayerische Staatsoper / Otello - Giuseppe Verdi - hier : Gerald Finley als Jago und Anja Harteros als Desdemona  und Chor © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Otello – Giuseppe Verdi – hier : Gerald Finley als Jago und Anja Harteros als Desdemona  und Chor © Wilfried Hoesl

Otello – kein strahlender Sieger, keine Gloriole – Ein Unterlegener

Und dann wird die Stimmung gleichsam heruntergedimmt, der Otello von Jonas Kaufmann erscheint, gerettet also, wie von den Fluten ans Land geworfen tritt er seiner Frau gegenüber, kein Sieger, kein von der Gloriole des Erfolges Bekränzter, eher ein Wicht, ein Kretin – schon jetzt, ganz am Anfang, vorsichtige, fragende Schritte ausführend. In so einer Art Freizeitkleidung mit Hosenträgern läuft er herum, unsicher, langsam, zögerlich und zögernd kommt er auf Desdemona zu, wo doch jeder eine stürmische Umarmung erwartet –, oh mein Geliebter, dem Himmel sei Dank, so oder ähnlich –, aber Otello schafft es nicht, er belässt es bei einem Klaps auf die Schulter der hochaufgerichteten und souveränen Frau, die die karge Begrüßung hinnimmt wie etwas, das man nicht ändern kann.

Er ist dieser Frau unterlegen, ach, Otello, denkt man sich zwischen dieses unglückliche Paar, unterlegen und um jedes Wort verlegen ist er, das wird schon jetzt deutlich, ohne dass überhaupt gesprochen werden muss. Sie liebt ihn und bekennt sich zu dieser Liebe, behauptet sie jedenfalls, da ist, man spürt es, noch eine Menge aufzuarbeiten mit diesem Mann, der gehemmt ist und sozial wohl unterprivilegiert, ein Feldherr, nichts weiter, ein Soldat mit normierten Gefühlen und Dienstvorschriften, der niemandem glaubt, es sei denn, er gehört zu den Siegern und hat das Gesetz des Sieges auf seiner Seite, denn nur die Sieger sind glaubwürdig.

So einer hat gegen den gewaltig auftrumpfenden Jago von Gerald Finley keine Chance. Da mag er über einen noch so metallisch makellosen (sehr hohen) Tenor verfügen wie Jonas Kaufmann –, der Bariton Finleys überrollt – nach dem Willen des Librettisten Boito –, seine Gefühle, seinen Intellekt, seine Hoffnungen und innigsten Wünsche mühelos.

Bayerische Staatsoper / Otello – Giuseppe Verdi
– hier : Jonas Kaufmann als Otello und Anja Harteros als Desdemona © Wilfried Hoesl

Jago, der Karrierist. Der Intellektuelle, der die Gedanken und Gefühle auffädelt und das Unheil daraus strickt. Er hasst Otello, weil dieser Cassio ihm vorzog und zum Hauptmann machte. Langatmig darf er seine Antipathie mit Gründen und Argumenten aufdröseln wie ein Sündenregister des Befehlshabers. Im zweiten Akt, zweite Szene, entwickelt er geradezu eine Ideologie des Bösen: „Ich glaube an einen grausamen Gott, der mich erschaffen hat zu seinem Ebenbild, und den ich im Ingrimm rufe. Aus der Gemeinheit eines Keimes oder eines Atomes bin ich gemein geboren, ich bin verworfen, weil ich Mensch bin…“

Und so weiter. Ach ja, die verkorkste Psyche, die anfällige Charakterstruktur der Menschen. Freilich klingt das bei Boito im Gegensatz zu Shakespeare doch ein wenig übertrieben. Verbrecher sind keine negativen Idealisten, die das Böse anbeten. Keine Intellektuellen, die am Abgründigen arbeiten wie Wissenschaftler. Ach was. Sie huldigen auch keiner Religion des Bösen und es gibt keine Verbrecherkirche mit einem grausamen Gott. Es gibt mitnichten Verbrecher, die zum höheren Ruhm des Verbrechens handeln. Verbrecher haben handfeste Ziele: Profit, Macht, Befriedigung von Hassgefühlen, Geld, Geld und Geld. Und Affekte. Sie wollen auch nicht das Böse und schaffen das Gute, wie Mephisto behauptet, sondern umgekehrt wollen sie – eher – das Gute und schaffen das Böse, weil sie über das Böse nicht hinauskommen, sondern in ihm steckenbleiben. Glauben Sie mir, ich weiß es. Die meisten Verbrecher sind unglückliche Menschen, am Rand der Straße im Dreck Liegengebliebene. Keine Triumphierenden wie Jago, die für das Böse Kerzen anzünden und vor den Altären der Gewalttaten knien.

Bayerische Staatsoper / Otello - Giuseppe Verdi - hier : Jonas Kaufmann als Otello und Gerald Finley als Jago © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Otello – Giuseppe Verdi
– hier : Jonas Kaufmann als Otello und Gerald Finley als Jago © Wilfried Hoesl

Eine Schwäche des Librettos, der die Regie Amélie Niermeyers nicht erliegt (wie ja auch Shakespeare nicht: Othello, 1. Aufzug, 1. Szene, Jago: „Wär´ ich der Mohr, nicht möchte´ ich Jago sein./ Wenn ich ihm diene, dien´ ich nur mir selbst;/ Der Himmel weiß es! Nicht aus Lieb´ und Pflicht,/ nein, nur zum Schein für meinen eigenen Zweck.“ Und: „Ich bin nicht, was ich bin.“). Bei Niermeyer ist Jago ein höchst mittelmäßiger Schurke, ein gewöhnlicher Verbrecher, Verleumder, Anstifter zum Mord oder Mörder in mittelbarer Täterschaft; bedient er sich doch Otellos, um Desdemona zu töten –, was zugleich den unvermeidbaren Untergang des Mörders bedeutete. Jagos Weg wäre frei gewesen, hätte nicht Emilia, seine Frau, sich voller Abscheu von ihm abgewandt.

Schritt für Schritt bringt er sein kriminelles Werk zur Vollendung, ein Denker, das schon, ein Mann der ratio. Bei diesem Otello hat er freilich leichtes Spiel. Du meine Güte, Otello, merkst du denn nichts.

Niermeyers Otello ist ein Tölpel, ein Kleinbürger und Parvenü. Er ist von Grund auf unsicher, bei Desdemona in der falschen Gesellschaft, diese Frau ist ihm haushoch überlegen und er weiß es, er kann ihr nicht einmal glauben, dass sie einem wie ihm treu sein kann. So fällt er auf jede Anspielung Jagos herein, bohrt nicht nach, begnügt sich mit fadenscheinigen Beweisen wie den angeblichen Traumerzählungen Cassios, in denen dieser von seiner Liebe zu Desdemona gefaselt haben soll oder dem ominösen Taschentuch, das Jago in den Besitz Cassios (sehr gut: Evan LeRoy Johnson) schmuggelt. Einer, der voreilige und falsche Schlüsse zieht, weil er von Grund auf seiner Sache bei Desdemona nicht sicher ist. Und der aus allen Wolken fällt, als Emilia (Christina Damian) Aufklärung schafft –, nachdem es jedoch zu spät ist. Am Ende fällt diesem Otello nichts weiter ein, als sich einen Dolch zwischen die Rippen zu stoßen, weg ist er, auf der Flucht ins Nichts sinkt er zu Boden, ein Häufchen Elend, wo er doch in Venedig gebraucht wird zu irgendetwas.

In der Tat: die alles beherrschende Figur ist in dieser Inszenierung die Desdemona der Anja Harteros. Sie ist fast in jeder Szene im Hintergrund anwesend: als leibhaftige Mahnung und zugleich Relativierung des wuseligen Männergeschehens, das sich nur am Macht und Ansehen, Gewalt und Gegengewalt dreht. Als wolle sie sagen: könnt ihr das alles eigentlich angesichts meiner Präsenz verantworten, was ihr da ausheckt? Habt ihr nichts anderes im Kopf, verdammt? Eine Frau, die einen ungerechten Tod erleidet, weil sie letztlich kein Mittel gegen die brutale Gewalt der Männerwelt hat, sich einfach nicht auf deren Ebene des Handelns begeben kann und will.

Bayerische Staatsoper / Otello - Giuseppe Verdi - hier : Jonas Kaufmann als Otello und Anja Harteros als Desdemona, Gerald Finley als Jago © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Otello – Giuseppe Verdi – hier : Jonas Kaufmann als Otello und Anja Harteros als Desdemona, Gerald Finley als Jago © Wilfried Hoesl

Kleine Menschen in großen Räumen – siehe Foto. Nimmt man die hoheitsvolle Frauengestalt aus. Überdimensioniert hohe, weiße und helle Herrschaftsräume, in denen nur wenige Gegenstände, ein paar Sessel, ein oder zwei Betten stehen; das ist die Bühne. Und in diesem Palast verkrümeln sich solche armseligen Figuren, winzig im Vergleich zu den steilen Wänden, kleingemacht von dem, was sie groß machen sollte.

Die Inszenierung verweigert sich dem Anspruch des Librettos, das Geschehen ins gleichsam Mythische und Allgemein-Menschliche zu überhöhen. Die Agierenden sind gewöhnliche Menschen, karriere- und profitsüchtige, eifersüchtige, kleinbürgerliche Spießer, die sich durch ihr armseliges Leben fretten. An manchen Stellen stört das ein wenig. Allzu erbärmlich wird Otello gemacht. So mies, dass man Mitleid mit ihm zu haben beginnt. Man muss das in Kauf nehmen. Kunst ist immer ein Versuch. Kommt sie an irgendein Ziel und ist rundum zufrieden, ist es zugleich zu Ende mit ihr. Als Versuch unter vielen möglichen ist diese Inszenierung geglückt. Keine Minute, in der man versucht war wegzuschauen.

Dem Publikum hat es ungemein gefallen. Anhaltende und laute Beifallsbekundungen für die Protagonisten, den Dirigenten und sein Orchester. Etwaige Buhs sind jedenfalls untergegangen.

Otello an der Bayerischen Staatsoper;  im Rahmen der Müncher Opernfestspiele    12.7.2019; 15.7.2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Baden – Baden, Festspielhaus – Osterfestspiele 2018, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 03.04.2018

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Parsifal von Richard Wagner

Glanzvoller Abschied in Grau

Von Uschi Reifenberg

Mit Richard Wagners Weltabschiedswerk, dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, nahm auch Sir Simon Rattle, scheidender Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Abschied von den Osterfestspielen Baden-Baden. Sechs Jahre lang verwandelten der Stardirigent und das Weltklasse Orchester alljährlich zur Osterzeit die Stadt an der Oos in ein glanzvolles Mekka für Festivalbesucher aus aller Welt. Einmalig an den Osterfestspielen in Baden-Baden ist, dass die Berliner Philharmoniker über eine Woche lang quasi omnipräsent in vielfältigsten Besetzungen an unterschiedlichen Spielorten die ganze Stadt bespielen und in Kammermusikbesetzungen, Kinderoper, Sinfoniekonzerten oder großer Oper zu hören sind.

Wagners letztes Werk, sein „Opus summum“ und wohl auch sein vielfältigstes und rätselhaftestes, ist ein einzigartiges Konglomerat aus philosophischen, weltanschaulichen und religiösen Thesen und in seiner Vieldeutigkeit durchlässig für die unterschiedlichsten Deutungen.Die Welt in ihrer existenziellen Ausweglosigkeit wird geschildert mit Fragen zu Leid, Vergänglichkeit, Tod, aber auch zu Erneuerung und Erlösung, Wagners Lebensthema.

Nach Wagners Auffassung hatte die Religion ihre Funktion in der säkularisierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eingebüßt und nun sollte an ihre Stelle die Kunst treten, um die metaphysischen Bedürfnisse als Sinn- und Deutungslieferant zu bedienen. Wagner schreibt 1880: „Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten ist, den Kern der Religion zu retten…“ Wagner als Religionsstifter und Parsifal als Kunstwerk, das die erlösungsbedürftige Menschheit zu erneuern im Stande wäre. 1882 wurde der Parsifal im Bayreuther Festspielhaus uraufgeführt. Wagner verfügte, dass sein Werk nur dort zur Aufführung kommen sollte. 30 Jahre lang sollte es auch so sein.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Der verdeckte Orchestergraben, der sogenannte “mystische Abgrund“, erzeugt jenen einzigartigen Mischklang, der nur in Bayreuth zu erleben ist und für welchen Wagner den Parsifal geschaffen hat. Im Festspielhaus Baden-Baden, dem größten Opern- und Konzerthaus Deutschlands, gelingt Sir Simon Rattle auch ohne verdeckten Orchestergraben ein Klangwunder der besonderen Art. Sir Simon näherte sich – wie er in einem Interview erwähnte – der Parsifal Partitur sozusagen retrospektiv aus der Sicht des Komponisten Claude Debussy, der sich, gemäß dem traditionellen Tonsatz, ein Orchester ohne Bass- Fundament wünschte.

Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere

Gleichsam gelingt dem Dirigenten und seinem Orchester ein impressionistisches Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere, weich strömend und mit sensibelster Ausbalancierung. Samtige Streicherklänge, ätherische Holzbläsersoli scheinen aus dem Nichts zu entstehen und sich wieder zu verflüchtigen, Linien bis in feinste Verästelungen durchgehört. Transparenz und kammermusikalische Ausformung sind Rattles besonderes Anliegen. Manchmal scheint die Musik aber auf der Stelle zu treten und man hätte sich mehr Stringenz und Zielorientiertheit, mehr dramatischen Zugriff und Auskostung der wagnerischen Höhepunkte gewünscht.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Für die Inszenierung konnte die 82-jährige Regie-Legende Dieter Dorn gewonnen werden. Der mit Preisen hochdekorierte, ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele, inszenierte bereits 1990 in Bayreuth (Der fliegende Holländer), 1993 an der MET ( Tristan und Isolde) und 2014 in Genf ( Der Ring des Nibelungen). Dieter Dorn bleibt mit seiner Parsifal Inszenierung nah am Text und erzählt die Geschichte linear als eine zeitlose Parabel, ohne ihr gewaltsam eine Deutung aufzuzwingen, aber auch, ohne Antworten zu geben. Im Zentrum der Handlung steht für ihn Kundry, Wagners ambivalenteste Frauenfigur, die schon während des Vorspiels einsam am Boden kauert. Als ihr von seltsamen Gestalten verschiedene weibliche Requisiten angeboten werden, Symbole für unterschiedlichste Identitäten, lehnt sie ab. Am Ende bleibt sie als Einzige vor dem geschlossenen Vorhang zurück und blickt fragend ins Publikum. Gefangen im ewigen Kreislauf, ausgesperrt und auf Erlösung hoffend?

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Für das Gralsgebiet im 1. und 3. Akt finden Dieter Dorn und seine Bühnenbildnerin Magdalena Gut einen offenen, werkstattartigen Raum, der an eine Probebühne erinnert, in welcher riesige Holzplatten und Rampen aufgebaut sind. Auf den Holzplatten sind skizzierte Landschaften zu erkennen, sie werden von gesichtslosen Gestalten in grauen, zerlumpten Gewändern (Kostüme: Monika Staykova), hin- und hergeschoben.
Die vorherrschende Farbe für alle 3 Akte ist grau in verschiedenen Abstufungen (Lichtregie: Tobias Löffler). Die Gralsgemeinschaft scheint eine Gesellschaft der Kraftlosen, Ziellosen zu sein, in Auflösung begriffen, unfähig zur Erneuerung, in Beckettscher Manier in der ewigen Wiederkehr des Gleichen verharrend. Ein schöner Regieeinfall ist der Tod des textgetreu auftretenden Schwanenpaares, der, vom sich ins Gralsgebiet verirrenden, unwissenden, reinen Toren Parsifal absichtsvoll verursacht wird.

Für die Gralsenthüllung im 1. Akt werden die Holzgerüste zu einer Art Theater- Zuschauergalerie zusammengeschoben, auf welcher die Gralsritter wie Theaterbesucher Platz nehmen und der qualvollen Zeremonie des leidenden Amfortas unbeteiligt beiwohnen. Der Gral ist ein strahlend weiß leuchtender Kelch, der in einem Holzschränkchen hereingetragen wird. Anschließend werden Brot und Wein verteilt wie bei einer Armenspeisung. Das Zauberschloss im 2. Akt wird dargestellt durch riesige Zinnen, auf welchen Klingsor in eine weiße Kristallkugel starrt. Dieses Tableau ist in blaues Licht getaucht und lässt kurzzeitig Raum für Magie und Mystik. Die Blumenmädchen mit ihren grell bunten Blumen Accessoires – der einzige Farb Lichtblick dieser Inszenierung – werden nun wieder von der Einheitsfarbe grau kontrastiert. Kundry versucht als blonde Diva in weiß Parsifal zu verführen, der Speerwurf Klingsors wird durch einen gelungenen Lichteffekt in Szene gesetzt.

Im 3. Akt befinden wir uns wieder im Werkstatt Provisorium, in welchem nun die Holzgerüste genauso beschädigt wirken wie die Bewohner und von diesen noch ziel- und planloser hin und her geschoben werden. Gurnemanz, nun lemurenhaft- gespenstisch wirkend, holt Kundry ins Leben zurück, indem er sich ihr erotisch nähert. Parsifal findet als schwarzer Ritter in voller Rüstung zurück ins Gralsgebiet und der Karfreitagszauber erblüht lediglich im Orchestergraben, vom Schnürboden weiße Papierschnipsel herunterwehen und von Erneuerung und Erlösung künden. Die Zusammenführung von Speer und Kelch, Amfortas‘ Heilung und Parsifals Enthüllung des Grals als neuer Heilsbringer, kann die Gralsgemeinschaft aber scheinbar nicht in jene Zukunft führen, die der in ihren Grundfesten erstarrten Gesellschaft die erlösende Erneuerung bringen könnte.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Gesungen wird in dieser Produktion wie erwartet auf hohem Niveau. Franz – Josef Selig ist ein Bilderbuch Gurnemanz mit hell timbriertem, in allen Lagen ausgeglichenem Bass, idealer Textverständichkeit und ohne Ermüdungserscheinungen. Zeigt er sich im 1. Akt noch als viril-jugendlicher Lehrmeister, so findet er im 3.Akt zu jenem schmerzvoll- resignativen Weltwissen, das den reifen Wagner Helden Ihre jeweils ureigene Prägung verleiht. Steven Gould, einer der besten Wagner Tenöre unserer Zeit, präsentiert sich in der Rolle des Parsifal in Bestform. Als jugendlich- naiver reiner Tor bis zum mitleidvoll- Wissenden schlägt er einen glaubhaften Entwicklungsbogen und lässt die große Erweckungsszene im 2. Akt mit heldischer Strahlkraft und erschütternder Intensität zu einem Höhepunkt werden. Die Figur der Kundry – Wagners komplexe Frauengestalt- wird von Ruxandra Donose in der Herzeleide-Erzählung mit schönem lyrischen Timbre und feinen Legatobögen versehen. Die dämonisch-zwielichtige Seite, die Zerrissenheit dieser erlösungssüchtigen Verführerin bleibt Donose in ihrer Interpretation allerdings schuldig.
Evgeny Nikitin im Rocker Outfit ist als bezopfter Klingsor eine Idealerscheinung. Mit schneidender Diktion und stählernem Bariton versprüht er jede Menge Dämonie und lässt an stimmlicher Ausstrahlung nichts zu wünschen übrig. Gerald Finley als Amfortas ist in der Darstellung seines Leidens ein idealer Schmerzensmann mit exemplarischer Textausdeutung und perfekter Phrasierung. In seiner großen Klage im 1. Akt kann er allerdings mit seinen Erbarmen- Rufen wenig Mitleid hervorrufen.

Robert Lloyd als siecher Gralskönig Titurel ist mit immer noch mächtigem Bass eine Idealbesetzung und die perfekt ausbalancierten und herrlich singenden Blumenmädchen sind eine pure Freude. Der Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh) wartet mit mächtiger Klangkultur auf.

Das Publikum spendete begeistert Beifall und stehende Ovationen nach dieser letzten Parsifal Vorstellung, vor allem für Orchester und Dirigent und freut sich auf ein Wiedersehen mit den Berliner Philarmonikern im nächsten Jahr.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |—

Wien, Wiener Staatsoper, Premiere: DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN, 18.06.2014

Juni 6, 2014 by  
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Wiener Staatsoper

Wiener Staatsoper © Starke

Wiener Staatsoper © Starke

PREMIERE DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN  von LEO JANÁCEK

Dirigent: Franz Welser-Möst | Regie: Otto Schenk
Ausstattung: Amra Buchbinder | Licht: Emmerich Steigberger
Kostümassistenz: Theresa Wilson | Chorleitung: Martin Schebesta

BESETZUNG:
Der Förster: Gerald Finley, Frau des Försters / Eule: Donna Ellen
Schulmeister / Mücke: James Kryshak, Pfarrer / Dachs: Andreas Hörl
Hárasta: Wolfgang Bankl, Der Gastwirt Pásek: Wolfram Igor Derntl
Füchslein Schlaukopf: Chen Reiss, Fuchs: Hyuna Ko
Hund /Specht: Ilseyar Khayrullova, Hahn: Heinz Zednik
Schopfhenne: Lydia Rathkolb
Hennen: Hila Fahima, Bryony Dwyer, Juliette Mars, Barbara Reiter, Isabel Leibnitz, Cornelia Sonnleithner

Orchester der Wiener Staatsoper
Chor der Wiener Staatsoper
Kinder der Opernschule der Wiener Staatsoper
Studierende der Ballettakademie der Wiener Staatsoper
Alle Solistinnen und Solisten geben in dieser Vorstellung ihr Rollendebüt an der Wiener Staatsoper.

Basierend auf einem Bildroman schuf Leos Janácek in den 1920er-Jahren sein oft als mährischer Sommernachtstraum apostrophiertes Schlaues Füchslein. Diese „grüne“ Oper ist nichts weniger als ein Werk für Kinder, sondern eine, mit Handlungsmomenten realer Menschen durchsetzte, als Tiergeschichte getarnte musikalische Betrachtung über die Sehnsucht nach der Ganzheitlichkeit der Natur, über den durch feststehende Konventionen unerfüllten Eros, über das nostalgische Hoffen Älterer auf das zyklische Werden, Vergehen und Wiederentstehen, über die Utopie einer Lebensform ohne Herrschenden und Beherrschten. Trotz des tragischen Endes der Titelheldin strahlt der eher heitere, optimistische Grundton der Musik eine insgesamt tröstliche Atmosphäre aus. Mit der Inszenierung dieser Staatsopern-Erstaufführung kehrt Otto Schenk als Regisseur zurück an das Haus am Ring.

Premiere: Mittwoch, 18. Juni 2014
Reprisen: 21., 24., 26., 30. Juni 2014
Die Vorstellung am 21. Juni 2014 wird live ab 19.00 Uhr in Radio Ö1 übertragen.
Die Vorstellung am 30. Juni 2014 wird im Rahmen von WIENER STAATSOPER live at home weltweit übertragen: staatsoperlive.com

Pressemeldung Wiener Staatsoper

Köln, Philharmonie Köln, C. Stotijn, P. Groves, G. Finley, Philharmonischer Chor der Stadt Bonn, T. Neuhoff, Philharmonia Orchestra, E. Salonen: Berlioz, 07.09.2013

August 15, 2013 by  
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Kölner Philharmonie

Philharmonie Köln © IOCO

Philharmonie Köln © IOCO

C. Stotijn, P. Groves, G. Finley, Philharmonischer Chor der Stadt Bonn, T. Neuhoff, Philharmonia Orchestra, E. Salonen: Berlioz

07.09.2013 Samstag 20:00 Uhr
 
Internationale Orchester 1
 
Christianne Stotijn Mezzosopran 
Paul Groves Tenor 
Gerald Finley Bass 
 
Philharmonischer Chor der Stadt Bonn 
Thomas Neuhoff Einstudierung 
 
Philharmonia Orchestra 
Esa-Pekka Salonen Dirigent 
 
Hector Berlioz 
Roméo et Juliette op. 17 (1839)
Symphonie dramatique für Kontra-Alt, Tenor, Bass, drei Chöre und Orchester. Text von Emile Deschamps nach William Shakespeare
 
keine Pause | Ende gegen 21:40
 
Gefördert durch das Kuratorium KölnMusik e.V.
 
—| Pressemeldung Kölner Philharmonie |—

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