Wien, Wiener Staatsoper, JEWELS – Ballett – George Balanchine, 02.11.2019

Oktober 10, 2019 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

  JEWELS  –  WIENER STAATSBALLETT

„Preziosen à la Mr. B.“ – zur Premiere und zum Abend

Premiere 2. November 2019

Drei funkelnde Edelsteine fügen sich am Samstag, 2. November 2019 in der Wiener Staatsoper zu einem Schmuckstück zusammen: zu George Balanchines dreiteiligem Abend Jewels mit den Stücken Emeralds, Rubies und Diamonds, der ersten Premiere des Wiener Staatsballetts in dieser Spielzeit.

Am 13. April 1967 mit dem New York City Ballet in New York zur Uraufführung gelangt, stellt Jewels das erste „abstrakte Ballett“ George Balanchines mit abendfüllender Gesamtdauer dar. Die drei Teile werden dabei lose durch die Idee der Edelsteine bzw. Juwelen verbunden: die Begegnung mit dem Juwelier Claude Arpels regte Balanchine maßgeblich zu seiner Choreographie an. Durch die Wahl der Komponisten Fauré, Strawinski und Tschaikowski bildet das Ballett auch eine Art geographischer Lebensrückschau von George Balanchine mit den Stationen Frankreich (Emeralds), USA (Rubies) und Russland (Diamonds).

Jewels – George Balanchine
youtube Trailer hier des Royal Opera House London / Februar 2017
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Die drei Juwelen der Ballettliteratur sind auf diese Weise ein „Wegweiser durch Balanchines Leben und Werk wie dessen historische Inspirationsquellen“, wie auch im Programmheft des Abends zu lesen sein wird, das Werk gerät auf diese Weise „zu einem einzigen, ebenso opulent wie mit größter Liebe zum Detail ausgestatteten Fest des (neo)klassischen Tanzes, bei dem es in jedem einzelnen kostbaren Moment unendlich viel zu entdecken gibt.“  Dieses „Fest“ steht nun erstmals in seiner vollständigen Form auf dem Spielplan des Wiener Staatsballetts:

Das Auftaktstück des Abends, Emeralds (Musik: Gabriel Fauré, Ausschnitte aus den Suiten Pelléas et Mélisande und Shylock), kommt am 2. November 2019 zur Erstaufführung mit dem Wiener Staatsballett.

Rubies (Musik: Igor Strawinski, Capriccio für Klavier und Orchester) wurde am 18. Juli 2000 erstmals im Haus am Ring gezeigt (als Gastspiel des Ballet de l’Opéra National de Paris unter dem Titel Capriccio im Rahmen des Festivals tanz2000.at). Die Erstaufführung durch das Wiener Staatsballett erfolgte am 24. Oktober 2010 im vierteiligen Premierenabend Juwelen der Neuen Welt (Balanchine | Forsythe | Tharp).

Ein Pas de deux aus dem dritten Teil von Jewels – Diamonds (Musik: Peter I. Tschaikowski, Ausschnitt aus Sinfonie Nr. 3 D-Dur op., 29, „Polnische“) – wurde an der Wiener Staatsoper bei der Nurejew Gala 2018 mit den GastsolistInnen Olga Smirnova und Semyon Chudin gezeigt. Im Rahmen der Premierenproduktion wird das Stück, mit dem der Choreograph v.a. an die Traditionen seiner künstlerischen Herkunft, des imperialen Russischen Balletts, erinnert, nun erstmals vollständig im Haus am Ring aufgeführt.

Tanzjournalistin Ditta Rudle schließt ihren Artikel zur Premiere im Magazin „Stretta“ mit den Worten: „Auch wenn Balanchine in Jewels keine Geschichte erzählt, sind in der Choreografie doch welche enthalten. […] Die Geschichten werden sich in den Köpfen der Zuschauer*innen bilden, wenn sie am 2. November oder in einer Folgevorstellung […] das Wiener Staatsballett in den originaltreuen, prunkvoll schillernden Kostümen von Barbara Karinska und dem originalen Bühnenbild von Peter Harvey sehen werden.“

Und zwar an dem Abend, an dem, wie Ballettdramaturg Oliver Peter Graber feststellt, „die ‚Preziosen à la Mr. B.‘ nunmehr wieder vollständig vereint“ sind.

Zur Besetzung

In den insgesamt neun Vorstellungen (Premiere am 2. November; Reprisen am 4. und 5. November, 2., 5., 7. und 9. Dezember 2019 sowie am 27. und 29. Jänner 2020) tanzen alternierende Besetzungen. Am Premierenabend sind in Emeralds u. a. Natascha Mair und Robert Gabdullin, Maria Yakovleva und Roman Lazik sowie Ioanna Avraam, Dumitru Taran und Alice Firenze zu erleben; in Rubies u. a. Nikisha Fogo und Davide Dato sowie Ketevan Papava und in Diamonds u. a. Olga Esina und Jakob Feyferlik.

Am Pult steht Paul Connelly, der dem Haus am Ring seit seinem Debüt 1991 mit einer Ballett-Gala eng verbunden ist. Bisher leitete er an der Wiener Staatsoper weiters Il barbiere di Siviglia und Ballettvorstellungen von Schwanensee, Don Quixote, Giselle, Romeo und Julia, die Wiederaufnahmen von Dornröschen und La Fille mal gardée sowie die Premiere von Der Nussknacker.

Es spielt das Orchester der Wiener Staatsoper.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Wien, Wiener Staatsoper, Ballett FORSYTHE, VAN MANEN, KYLIÁN, 14.04.2019

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Artifact Suite, Trois Gnossiennes, Psalmensymphonie

FORSYTHE | VAN MANEN | KYLIÁN

Ein neuer Ballettabend kommt am Sonntag, 14. April 2019 zur Premiere im Haus am Ring: Forsythe | van Manen | Kylián, der nun drei der prägendsten Choreographen der Gegenwart, die bereits mit mehreren Werken im Repertoire des Wiener Staatsballett vertreten sind, vereint.

Auf dem Programm stehen William Forsythes Artifact Suite, Hans van Manens Trois Gnossiennes und Solo sowie Jirí Kyliáns Psalmensymphonie. Artifact Suite, Trois Gnossiennes und Psalmensymphonie feiern mit dieser Premiere ihre Erstaufführungen an der Wiener Staatsoper, Solo wurde zum ersten Mal bei der Nurejew Gala 2017 vom Wiener Staatsballett gezeigt.

Wiener Staatsballett – Artifact Suite, Trois Gnossiennes, Psalmensymphonie
youtube Trailer des Wiener Staatsballett
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George Balanchine (1903 – 1983) gab den Startschuss zu einer Entwicklung von bis dahin unbekannten Tempi der Bewegung am Horizont des Balletts, die zeitgleich mit dem Begriff der Neoklassik erschienen. Ungeachtet ihrer individuellen Bewegungssprache sind die drei Choreographen des Premierenabends dieser „Spielart“ der Neoklassik zuzuordnen, die im späteren 20. Jahrhundert in den Niederlanden zu besonderer Ausprägung und Pflege gelangte und schraubten in ihrem choreographischen Schaffen die Anforderungen zum Teil ins Extreme, wie Ballettdramaturg Oliver Peter Graber im Staatsopernmagazin Prolog erläutert.

Tanzjournalistin Angela Reinhardt schreibt in ihrem Text über den Abend im Programmheft: „Alle drei Choreographen dieses Abends veränderten die Geschichte des klassischen Balletts: indem sie die Bewegung direkt befragten oder indem ihr Tanz keine bekannten Geschichten mehr erzählte, sondern von anderen Dingen sprach, von der modernen Gesellschaft, von Irritationen, Gedanken, der Sinnsuche des Lebens. Hans van Manen, Jirí Kylian und William Forsythe sind Bahnbrecher. Durch sie sehen wir heute mehr im Ballett als nur die beglückende Schönheit seiner Formen: Wir denken mit den Augen.“

Zu den Werken

Als erstes der vier Stücke wird William Forsythes Artifact Suite (Musik: Johann Sebastian Bach, Eva Crossman-Hecht) gezeigt, das 2004 beim Scottish Ballet in Glasgow Premiere feierte und vom Choreographen aus seinem 1984 uraufgeführten handlungslosen Vierakter Artifact, einem Ballett über das Ballett, zusammengestellt wurde. „Forsythe beginnt hier auszuloten, wie weit man Bewegungen ins Extrem treiben kann, er verlängert mit weit hinausgestreckten Beinen, extremen Streckungen und Gewichtsverlagerungen die Linien des Körpers in den Raum hinein“, wie Angela Reinhardt bemerkt, „Forsythe nutzt das Vokabular des klassischen Tanzes, zerstört aber immer wieder mutwillig dessen klare Abläufe, er verfremdet Bewegungen und setzt sie in fulminanter Weise neu zusammen“.

Hans van Manens Trois Gnossiennes zur Musik von Erik Satie – Gnossiennes ist eine Wortschöpfung des Komponisten – wurde 1982 beim Holländischen Nationalballett in Amsterdam uraufgeführt. Auch in diesem Pas de deux gelingt es van Manen, wie Angela Reinhardt bemerkt, „unseren Blick auf die kleinsten Nuancen zu lenken“. Auch van Manens Bewegungsvokabular beruht auf der Neoklassik, zeigt aber auch eine Spannung zwischen Mann und Frau.

Solo, 1997 beim Nederlands Dans Theater uraufgeführt, ist ein rasantes Stück für drei männliche Solisten (Musik: Johann Sebastian Bach), die „den Tanz wie einen Stafettenstab immer wieder an den nächsten weiter reichen, in einem freundschaftlichen, ironisch lächelnden Wettbewerb“, wie Angela Reinhardt das Werk charakterisiert.

Jirí Kyliáns Psalmensymphonie (Musik: Igor Strawinski) ist das vierte Stück des neuen Abends – sie kam 1978 beim Nederlands Dans Theater, dessen künstlerischer Leiter Kylián war, zur Premiere und gab Anstoß für die gesamte weitere Entwicklung dieses Ensembles. Die Choreographie hat sich den Ruf eines frühen Meisterwerkes, das den Tanz in all seinen Facetten feiert und doch eigenwillige Wege geht, bis heute erhalten.

Zur Besetzung

In den fünf Vorstellungen (Premiere am 14. April, Reprisen am 17., 20., 27. und 30. April) sind alternierende Besetzungen zu erleben – die Premiere gestalten u. a. Nikisha Fogo, Jakob Feyferlik, Nina Poláková, Roman Lazik und Oxana Kiyanenko in Artifact Suite; Maria Yakovleva und Jakob Feyferlik in Trois Gnossiennes; Denys Cherevychko , Richard Szabó und Géraud Wielick in Solo sowie Ketevan Papava, Roman Lazik, Nikisha Fogo, Denys Cherevychko, Kiyoka Hashimoto, Davide Dato, Nina Poláková, James Stephens, Nina Tonoli, Navrin Turnbull, Rikako Shibamoto, Scott McKenzie, Anita Manolova, Marian Furnica, Gala Jovanovic und Tristan Ridel in Psalmensymphonie.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Herzog Blaubarts Burg – Die sieben Todsünden, IOCO Kritik, 08.03.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Herzog Blaubarts Burg    –   Die sieben Todsünden
Béla Bartók  –  Kurt Weill

von Ingrid Freiberg

Herzog Blaubarts Burg  –  Béla Bartók 

Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg, Text von Béla Baläzs, 1911 für zwei Sänger geschrieben, wurde als „unspielbar“ abgelehnt und erst 1918 nach den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs am Königlichen Opernhaus Budapest uraufgeführt. Der Einakter gehört, wenn auch selten aufgeführt, seither zum Weltrepertoire. Die ungarische Musikwissenschaft deutete den Blaubart als Lohengrin des 20. Jahrhunderts“, dem nicht die Möglichkeit verbleibt, nach der Enttäuschung zum heiligen Gral zurückzukehren.


Herzog Blaubarts Burg  –  Béla Bartók
youtube Trailer des Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Die Tränenburg des Lebens

Judit hat ihre Familie und ihren Bräutigam verlassen, um dem geheimnisumwitterten Mann zu folgen und mit ihm in Einsamkeit zu leben. Weder Finsternis noch Kälte und Feuchtigkeit halten sie davon ab. Durch die Kraft ihres Mitleids und ihrer Liebe will sie Licht in Blaubarts Burg bringen. Als sie leidenschaftlich, mit den Waffen einer Frau, die Öffnung der sieben Türen verlangt, ermöglicht er ihr zunächst – auf seinem Notebook – einen Blick in seine Folterkammer mit den blutdurchtränkten Wänden. Über das Gesehene ist sie bestürzt, es hält sie aber nicht davon ab, die Schlüssel für die weiteren Türen zu fordern. Blaubart, der sie liebt, gibt unwillig sein Inneres zu erkennen. Aus der dritten Tür holt er eine Schatulle mit Gold und Geschmeide, das er ihr umlegt. Eine weitere Tür zeigt den Garten. Nun ist es hell, Lilien und Rosen bedecken die Bühne. „Das alles soll nun dir gehören“, versucht er sie abzulenken, als er ihr sein Land zeigt. Aber seine stürmischen Liebesbezeugungen nützen nichts: Judit besteht auf den letzten beiden Schlüsseln. Hinter der sechsten Tür findet sie einen Tränensee. Tränen, die Blaubart um seine ermordeten Frauen geweint hat, und an die er nicht erinnert werden will. Das Licht trübt sich wieder ein.

Die letzte Tür will Blaubart verschlossen halten, doch Judit, bereits von eifersüchtigen Ahnungen erfasst, fragt ihn nach seinen früheren Frauen. Verzweifelt schließt er auch die letzten Türen auf: Die drei früheren Frauen Blaubarts treten heraus. Die erste, so erklärt Blaubart, traf er am Morgen, die zweite mittags, die dritte abends. Judit, die Schönste, die er in der Nacht erblickte, wird von nun an die Nacht verkörpern. Minutiös schildert die Musik das fortschreitende Eindringen ins Innerste des Mannes, der zwar bereit ist, Grausamkeit, Kampfgeist, Reichtum, Schönheit und Macht mit seiner Auserwählten zu teilen, ihr aber den Zugang zu seinen Tränen und seinen gescheiterten Zielen verwehrt. Auf seine Frage: „Warum?“, antwortet sie „Gib mir deine Schlüssel, Blaubart, gib sie mir, weil ich dich liebe!“.

Berauschender Sog

Die Inszenierung von Intendant Uwe Eric Laufenberg beginnt mit dem Prolog: „Nun hört das Lied – ihr schaut, ich schaue euch an. Aufgeschlagen sind die Wimpernvorhänge unserer Augen. Wo ist die Bühne? Außen oder Innen? Männer und Frauen?„, der die symbolhafte Bedeutung der kommenden Vorgänge unterstreicht. Laufenberg konzentriert sich auf die verschlossene männliche Seele und die weibliche Neugier. Neben drastischer Körperlichkeit gibt er auch der Romantik Raum. Die Burg sieht er als Gehäuse für die Seele Blaubarts. Sie seufzt und stöhnt, weint und blutet. Sieben Türen führen in die Vergangenheit, in Blaubarts verborgenes Seelenreich. Unerbittlich ergründet Judit die Geheimnisse seiner Innenwelt und leitet damit die Zerstörung ihrer Liebe ein.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Herzog Blaubarts Burg - hier : Vessilina Kasarova als Judit, Johannes Martin Kraenzle als Blaubart © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Herzog Blaubarts Burg – hier : Vessilina Kasarova als Judit, Johannes Martin Kraenzle als Blaubart © Karl Monika Forster

Blaubart und seine junge Frau Judit kommen aus einem Aufzug in das Innere der Burg. Die holzgetäfelte, halbdunkle anonyme Halle, mit Bett, Couchgarnitur, Grünpflanzen hinter Glas und einem Bild von Anna Magnani (aus „Rom, offene Stadt“, ein Film, der auf dem Idealismus im Menschen beharrt) gibt den beiden charismatischen Sängerpersönlichkeiten große Entfaltungsmöglichkeiten. Hochspannend, wenn Judit trotz wilder Liebesspiele nicht aufgibt, beharrlich nach den Schlüsseln zu fragen, und Blaubart mit dem Messer letztendlich zustechen wird. Es ist eine Sternstunde, wenn Inszenierung, Gesang und Darstellung so ineinander spielen und ein berauschender Sog entsteht…

Susanne Füller und Matthias Schaller (Bühne) lassen die Wände und Türen um das Paar abwechselnd schließen und öffnen und steigern auch mit Lichteffekten (Klaus Krauspenhaar) das Geschehen. Das dramatische Geschehen wird von der Bühnenarchitektur differenziert unterstützt. Die Kostüme von Susanne Füller betonen die Charaktere: Blaubart, ein glücklicher, aber auch ein von Ängsten geschüttelter Mann, trägt einen grauen unauffälligen Anzug. Während sich Judit mit hellblauem Satintellerrock als hübsche selbstbewusst liebende Frau zeigt.

Vesselina Kaserova – Johannes Martin Kränzle : Welch ein Geschenk!

Johannes Martin Kränzle ist einer der führenden und wandlungsfähigsten Sängerdarsteller seiner Generation. Es gelingt ihm überzeugend, Inhalte und die sinnliche Kraft der Musik zu beleuchten. Sein Blaubart ist mitreißend – Extraklasse! Seine enorme Bühnenpräsenz, gepaart mit fulminanter stimmlicher Autorität und sein prachtvoll strömender Bariton mischen sich mit ansteckendem Lachen, Sinnlichkeit und Brutalität; überaus glaubhaft ist seine innere Zerrissenheit und seine Leidenschaft. Kongenial an seiner Seite Vesselina Kasarova als Judit. Ihr geht es um die psychologisch emotionale Betonung der Rolle, die sie mit ihrem schimmernd warmen und sinnlichen Mezzosopran umsetzt. Sie verleiht der maßlos liebenden Judit lodernde Leidenschaft mit berückend leisen Tönen, Wärme, Frische und Innigkeit. Erotisch knisternde Spannung lässt die Gefühle eskalieren. Judit und Blaubart lieben sich leidenschaftlich, doch ihre Beziehung kann nicht funktionieren. „Nacht“, singt Blaubart, „bleibt es nun ewig.“ Beide Weltstars sind eine Aufsehen erregende Besetzung, ein Geschenk an alle Opernfreunde!

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der Musikalischen Leitung von Philipp Pointner öffnet hinter jeder der sieben Türen eine neue Klangwelt, die die vorherige mit ausdrucksstarker, glitzernder und schließlich lähmend-trauriger Musik überbietet. Grandios wird der Höhepunkt, das Öffnen der fünften Tür mit gleißendem C-Dur gespielt. Leitmotivische Intervalle, z. B. das Blutmotiv, durchweben mit effektvoll eingesetzten Soloinstrumenten die Handlung. Das Orchester präsentiert sich in geschliffener energiegeladener Bestform.

Rauschender Beifall, viele Bravorufe – Eine tief bewegende Aufführung

Von der imaginären Burg Herzog Blaubarts geht es nach der Pause in die „Neue Welt“. Die Zahl Sieben ist die Verbindung des Abends; Musiksprachen und Themen können aber unterschiedlicher nicht sein…

Die sieben Todsünden –  Kurt Weill
youtube Trailer des Hessischen Staatstheater Wiesbaden
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Die sieben Todsünden  –  Kurt Weill

Die Machtergreifung der Nazis 1933 zwang den jüdischen Komponisten Kurt Weill, Deutschland zu verlassen. Er ging nach Paris, wo er bereits durch seine Werke Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Der Jasager und Die Dreigroschenoper bekannt war. Hier erhielt er den Auftrag, für die neu gegründete Truppe Les Ballet 1933 ein Tanzstück zu schreiben. Sein Werk, in dem getanzt, gesungen und gespielt wird, wird auch als „epische Kurzoper mit songspielhaften Elementen auf der Basis eines Balletts“ bezeichnet. Kurt Weill und Bertold Brecht fanden bei dieser Arbeit wieder zusammen, obwohl Brecht den Komponisten während der Proben zu Mahagonny als „falschen Richard Strauss“ beschimpft und gedroht hatte, ihn „in voller Kriegsbemalung“ die Treppe herunterzuwerfen.

Für die Rolle der Anna wurde Lotte Lenya engagiert. Außerdem wirkten Caspar Neher als Bühnenbildner, George Balanchine als Choreograph und Tilly Losch als erste Tänzerin mit. Im Juni 1933 wurden Die sieben Todsünden im Theatre des Champs Elysees uraufgeführt. Doch das Werk hatte – in deutscher Sprache gesungen – nicht den gewünschten Erfolg. Nur die in Paris lebenden deutschen Emigranten reagierten enthusiastisch. Erst durch die Plattenaufnahme mit Lotte Lenya, die 1956 erschien, wurde es einem großen Publikum bekannt.

Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht oder Neid

Brecht und Weill zeigen in diesem Stück eine verkehrte Welt: Schon der Titel  Die sieben Todsünden (der Kleinbürger) wirkt ironisch. Früher galt der Begriff der Todsünde für alle sozialen Gruppen. Verhaltensweisen wie Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht oder Neid sollten vermieden werden, um die Unsterblichkeit der Seele und die Aufnahme in das himmlische Paradies zu erreichen. Mit materiellen Bestrebungen hatten diese Lebensregeln wenig zu tun. Für Amerika galt das nicht: Für ein Haus in Louisiana wird Anna von ihren Eltern und Brüdern in die Welt geschickt. Sie muss in billigen Etablissements tanzen, ihren Körper verkaufen und darf sich nicht der wahren Liebe hingeben. Diesem Druck hält Anna nicht stand, sie zerbricht in zwei Personen. Anna I symbolisiert den erfolgsstrebenden gefühlskalten Teil des Mädchens. Sie erzählt ihre Geschichte in Worten. Dem steht die hübsche, gefühlvolle Anna II gegenüber, die ihren Part vor allem durch Tanz ausdrückt. Die Geschichte des Mädchens, das sieben Jahre lang durch sieben Städte reist, wird in sieben Nummern dargestellt. Der Zuhörer wird immer wieder durch radikale Stilwechsel innerhalb einer Nummer überrascht. Sprach- und Musikrhythmus passen nicht immer zusammenpassen. Solisten und Orchester agieren teilweise unabhängig voneinander. So entstehen in der „Nummer Stolz“ drei verschiedene rhythmische Ebenen gleichzeitig: Orchester, Familie und Anna. Die Musik des Epilogs erinnert eher an einen Trauermarsch. Der Dank bleibt aus… Die Familie bringt sich um. Das Ziel, ein kleines Haus in Louisiana, ist erreicht. Doch macht das glücklich? Zurück bleibt Anna als menschliches Wrack.

Zerbrechlichkeit der Familie, persönliches Leben und wirtschaftliche Systeme

Regisseurin Magdalena Weingut lässt Anna, noch bevor sich der Vorhang öffnet, mit einem Karton mit der Aufschrift „fragile“ auf der Bühne flanieren. Was ist zerbrechlich? Die Zerbrechlichkeit der Familie, das persönliche Leben oder die wirtschaftlichen Systeme? Ein aufregendes inszenatorisches Konzept für die Kammeroper. Aus diesem Karton holt Anna für die sieben Nummern ihre Kostüme und Utensilien. Ohne Choreograf und Tänzer sind die Anforderungen an Regie und Darstellerin sehr hoch. Mit Nicola Beller Carbone fand Weingut eine Sängerin mit der erforderlichen Vielfachbegabung… Drehbare Dreikantsäulen mit schwarzen Spiegelflächen begrenzen die Bühne (Matthias Schaller), eine Badewanne bildet den spielerischen Mittelpunkt. Durch Projektionen der Kupferstiche Todsünden von Pieter Breugel und dem Jüngsten Gericht, das Hieronymus Bosch zugeschrieben wird, wird der Brecht-Text sinnreich verstärkt. Die Kostüme von Katarzyna Szukszta verwandeln Anna mit jedem Kleidungsstück und mit jeder Perücke immer mehr zu einer verführerischen Frau. Warum die Familie auch als Ärzte, ja sogar Pestärzte agieren, ist dem Libretto nicht zu entnehmen.“

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die sieben Todsuenden - hier :  Nicola Beller Carbone als Anna © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die sieben Todsuenden – hier : Nicola Beller Carbone als Anna © Karl Monika Forster

„…sie zeigt ihren kleinen weißen Hintern, mehr wert als eine kleine Fabrik…“

Changierend zwischen Chanson und Oper singt, spielt und tanzt die jugendliche Nicola Beller Carbone die schizophrenen Anna I + II mit bemerkenswertem Elan. Ihr Spagat in der Wanne ist fast zirkusreif wie auch alle anderen Tanzeinlagen gefallen. Sehr biegsam mit viel Piano-Kultur gewinnt sie mit ihrer Charakterisierung, überzeugt mit dunkel getöntem Sopran, Ausstrahlung und guter Laune.

Auf einem Podest sitzt Annas geldgierige Familie am reich gedeckten Tisch – ein Männerquartett: Ralf Rachbauer (Vater), Julian Habermann (Bruder I) und Daniel Carison (Bruder II). Die Rolle der Mutter singt der Bass Florian Küppers. Ermahnungen an Anna wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und Kommentare wie „Der Herr erleuchte unsere Kinder … “ unterstreichen die Verlogenheit der Sippe. In der Nummer „Unzucht“ wird Anna mit „Und sie zeigt ihren kleinen weißen Hintern, mehr wert als eine kleine Fabrik, zeigt ihn gratis den Gaffern und Straßenkindern…“, zur Prostitution aufgefordert. Köstlich gesungen und gespielt: „Sie hat einen Kontrakt als Solotänzerin, danach darf sie nicht mehr essen, was sie will und wann sie will. Das wird schwer sein für Anna, denn sie ist doch so verfressen…denn die wollen kein Nilpferd in Philadelphia.“ Hierzu tanzt Anna in einem aufregenden Glitzerkleid, drapiert mit einem überdimensionalen Maßband. Das stimmgewaltige Männerquartett ist bestens disponiert und gibt bei aller Boshaftigkeit auch immer wieder Anlass zum Schmunzeln.

Auch hier übernimmt Philipp Pointner die Musikalische Leitung. Während eines Abends von Bartók auf Weill „umzuspringen“, ist eine besondere Leistung, die ihm mit dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden zwischen radikalen Stilwechseln, zwischen Blues, Choral, Foxtrott, Furiant, Walzer, Dixieland, Tarantella und Shimmy glanzvoll gelingt..

Auch hier intensiver Applaus…

Herzog Blaubarts Burg – Die sieben Todsünden am Hessischen Staatstheater; die nächsten Vorstellungen 8.3.; 14.3.; 23.3.; 31.3.2019

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Ballett – Uraufführung ALICE IM WUNDERLAND, 22.09.2018

September 21, 2018 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Uraufführung  –  ALICE IM WUNDERLAND
Tanzstück von Torsten Händler
Musikcollage und Kompositionen: Steffan Claußner

Premiere am Samstag, 22. September 2018, 19.30 Uhr, Großes Haus

Das Tanzstück Alice im Wunderland von Torsten Händler nach Lewis Carroll wird am Samstag, 22. September 2018, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus uraufgeführt.
Händler entwickelte mit dem Cottbuser Ballett eine Choreografie, die sich in erster Linie an Erwachsene richtet. Die Rolle der Alice haben als Doppelbesetzung Venira Welijan und Gemma Pearce übernommen.

Staatstheater Cottbus / ALICE IM WUNDERLAND - Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Pedro Gómez (Märzhase), Venira Welijan (Alice), Niko Ilias König (Hutmacher) und Inmaculada Marín Lopéz (Haselmaus) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / ALICE IM WUNDERLAND – Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Pedro Gómez (Märzhase), Venira Welijan (Alice), Niko Ilias König (Hutmacher) und Inmaculada Marín Lopéz (Haselmaus) © Marlies Kross

Lewis Carrolls Buch Alice im Wunderland begeisterte seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 1865 Generationen von Kindern und Erwachsenen. Die Titelheldin fällt in ein Kaninchenloch und gerät dadurch in eine Welt voll grotesker Begegnungen, rätselhafter Ereignisse und unglaublicher Veränderungen. Die Erlebnisse des Mädchens inspirierten bereits zahlreiche Künstler zu Umsetzungen in Film, in der Oper, im Tanz, in der Rock- und Popmusik sowie im Jazz. Torsten Händler fasziniert an der Geschichte der kleinen Alice das scheinbar chaotische Spiel um Zeitbegriffe, Sprache, Vergänglichkeit und Verhaltensregeln, bei dem alles in Frage gestellt wird: Ein anarchisches Potential, das phantasieanregend und beunruhigend zugleich ist. Seine Sicht auf Alices Wunderland setzt er in beeindruckende Bilder und faszinierende Bewegungen um.

Der Soundtrack stammt von Steffan Claußner, der sich seit Jahrzehnten im Bereich der improvisierten Musik einen Namen gemacht hat und viele Theater- und Tanzprojekte durch seine Klänge mitgestaltete. Torsten Händler und ihn verbindet eine lange Zusammenarbeit. Claußner schuf für Alice eine maßgeschneiderte Collage aus bekannten Titeln und Eigenkompositionen. Bühne und Kostüme entwarf das gefragte Ausstatter-Team Leonie Mohr und Hannes Hartmann.

Staatstheater Cottbus / ALICE IM WUNDERLAND - ALICE IM WUNDERLAND Szenenfoto mit Venira Welijan (Alice) und Andrea Simeone (Grinsekatze) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / ALICE IM WUNDERLAND – ALICE IM WUNDERLAND
Szenenfoto mit Venira Welijan (Alice) und Andrea Simeone (Grinsekatze) © Marlies Kross

Torsten Händler interpretierte als Erster Solotänzer an der Staatsoper Unter den Linden alle großen Partien des Repertoires u.a. in Choreografien von Rudolf Nurejew, George Balanchine, John Cranko, William Forsythe, Maurice Béjart und Roland Petit. Auch als Ballettdirektor u.a. in Chemnitz und als Leiter der Deutschen Tanzkompanie war er erfolgreich. Mit dem Cottbuser Ballettensemble brachte er mit bereits Die kleine Meerjungfrau und Ein Tag bei Norma zur Uraufführung.

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

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