Berlin, Festival Schloss Rheinsberg, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 08.08.2018

August 9, 2018 by  
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Festval Schloss Rheinsberg / Schloss am Abend © Kammeroper / Henry Mundt

Festval Schloss Rheinsberg / Schloss am Abend © Kammeroper / Henry Mundt

Kammeroper Schloss Rheinsberg

Der Freischütz – Carl Maria von Weber

 Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg – Freischütz in historischem Heckentheater

Von Kerstin Schweiger

„Ein Walzer kam. – Die Geigen – es musste eine starkbesetzte Kapelle sein – zogen süß dahin, sie sangen das Thema, ein einfaches, liebliches, in langen Bogenstrichen. Verstummten. Aber nun nahmen es alle Instrumente auf, forte, und es war, wie wenn zarte Heimlichkeiten ans Licht gezogen würden“, Kurt Tucholsky: Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte, 1912

Der rettungslos in das märkische Städtchen Rheinsberg verliebte Schriftsteller Kurt Tucholsky stand literarisch Pate für den Begriff von einem Sehnsuchtsort Rheinsberg, wie er heute auf moderne Weise die künstlerische Vision des ersten Schlossherren und Kunstförderers Friedrich II. fortleben lässt. Das Sommerfestival Kammeroper Schloss Rheinsberg besticht durch die Idee einer Verbindung eines internationalen Gesangswettbewerbs zur Förderung junger Opernsänger aus der ganzen Welt mit einem Festival. Für die Wettbewerbssieger vergibt die Kammeroper kein Preisgeld, sondern die ausgeschriebenen Partien in den Rheinsberger Opernaufführungen. Insgesamt 33 Aufführungen und Konzerte stehen 2018 auf dem Spielplan der 28. Festivalsaison, 20 junge Sängerinnen und Sänger aus 12 Nationen – alle Partien sind doppelt besetzt – bilden das Ensemble.

Als literarisch-musikalisches Traumschiff am Grienericksee haben die Preußenprinzen Heinrich und Friedrich Schloss Rheinsberg gut anderthalb Jahrhunderte vor Tucholsky als Ort der Künste etabliert. Friedrich der Große (1712-1786) habe hier die „glücklichste Zeit“ seines Lebens verbracht, betonte der Preußenkönig in späteren Jahren. Friedrich holte Maler, Dichter und Philosophen nach Rheinsberg und legte so den Grundstein für den ideellen Musenhof, der dort bis heute fortlebt.

DER FREISCHÜTZ: Uraufführung 18.6.1821 Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Berlin, Premiere Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg 3.8.2018

Wie Friedrich es begann, ist Rheinsberg nun in 28 Sommerspielzeiten zu einem Arbeits- und Begegnungsort internationaler Künstler und Mentoren mit  einem verliebten Publikum aus ganz Deutschland geworden. Möglich wurde dies durch einen einzigartigen Kulturverbund, durch eine künstlerische Aneignung des ostdeutschen Komponisten Siegfried Matthus. Matthus gründete 1990 das Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg, das von Beginn an auf zwei künstlerischen Gleisen fuhr. Die Förderung junger Opernsänger und Musiker mit Aufführungen und Konzerten am historischen Ort der Künste. Schloss und See standen als natürliche Kulissen zur Verfügung. Auch die Landesmusikakademie im Schloss Rheinsberg ist Teil des heutigen Kulturquartiers. Es folgte 2004 das Schlosstheater als dritte Sparte der Musikkultur. Dort finden im Sommer  Inszenierungen der Kammeroper statt, übers Jahr folgen Konzerte der Kurse, die in der Musikakademie stattfinden, und Gastspiele. Das Theater ist nur von außen historisch. Der Innenraum ist modern und sehr variabel zu bestuhlen und zu nutzen.

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz @ Kammeroper / Uwe Hauth

Der Wettbewerb für das Opernfestival  findet jährlich im Februar statt. Über 10.000 junge Sänger nahmen bisher an den Wettbewerben teil. 82 Inszenierungen begeisterten rund 400.000 Zuschauer. In Rheinsberg beginnen Sängerkarrieren. In den Opernhäusern von Athen bis Zürich trifft man „Rheinsberger Sänger“. Darunter sind Annette Dasch, Olga Peretyatko, Nadine Weissmann und Aris Argiris. Das Festival wurde zur künstlerischen Familientradition, seit 2014 ist Frank Matthus, Sohn des Komponisten, künstlerischer Direktor. Das Amt gibt er ab Herbst 2018 an Georg Quander weiter, Nachwende-Intendant an der Staatsoper und der Linden in Berlin, an Friedrichs ehemaligem Berliner Musenhof. Als neuer künstlerischer Direktor soll er die Musikakademie und die Kammeroper Schloss Rheinsberg leiten.

Die Handlung:  Ort und Zeit der Handlung Böhmen, kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges. Die Dorfbewohner feiern ein Schützenfest. Bei dieser Gelegenheit verspotten sie den Jägerburschen Max, der lange nicht getroffen hat. Max möchte Agathe heiraten, die Tochter des Erbförsters Kuno. Deshalb muss er am folgenden Tag während der fürstlichen Jagd den entscheidenden Probeschuss ablegen, wie es Tradition ist. Trifft er nicht, kann er auch nicht Agathe heiraten und die Försterei erben. Max ist in Sorge, wie er am nächsten Tag den Probeschuss bestehen kann.

Der Jägerbursche Kaspar will sich an Max rächen, da er eigentlich Agathe heiraten wollte, sie ihn jedoch zugunsten von Max abwies. Kaspar leiht Max sein Gewehr und ermuntert ihn, sein Ziel mittels schwarzer Magie zu erreichen und sogenannte „Freikugeln“ zu gießen, die immer träfen.

Beide verabreden sich dazu um Mitternacht in der Wolfsschlucht. Für Kaspar ist dies überlebenswichtig. Er hat seine Seele Samiel (dem Teufel) verschrieben, im Tausch für die alles treffenden Freikugeln. Wenn er Samiel bis Mitternacht ein anderes Menschenopfer bringt, so ist er selbst gerettet.

Im Haus des Erbförsters Kuno ist Agathes Kusine Ännchen damit beschäftigt, Agathe, die dunkle Vorahnungen und Angst um Max hat, aufzumuntern. Als Max endlich kommt, bringt er wieder keine adäquate Jagdbeute mit. Max erfindet vor Agathe Ausreden, um die Verabredung mit Kasper in der Wolfsschlucht einhalten zu können.

 Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz - hier : Mima Millo als Agathe @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz – hier : Mima Millo als Agathe @ Kammeroper / Uwe Hauth

Vor Mitternacht bereitet Kaspar in der verrufenen Wolfsschlucht alles für das Gießen der Freikugeln vor. Noch bevor Max erscheint, beschwört er Samiel, den schwarzen Jäger, und bietet Max, Agathe und Kuno als Opfer an. Samiel soll die siebte Kugel verwünschen, so dass sie Agathe trifft.

Samiel kann aber nur über Max Macht erlangen, wenn dieser mit Kaspar die Freikugeln gießt, die Samiels Zauber unterliegen. Max erscheint und das Kugelgießen wird vom Erscheinen wilder Tiere, Geistern der Nacht, Gewitter und Sturm begleitet. Als Kaspar die letzte Kugel gießt, erscheint Samiel und greift nach Max.

Kaspar und Max haben die sieben Freikugeln aufgeteilt. Max bereitet sich mit Übungsschüssen auf den Probeschuss vor und verbraucht fast alle Kugeln. Kaspar achtet darauf, dass die siebte, die von Samiel manipulierte, in Max’ Gewehr steckt

Agathe und Ännchen warten auf Max‘ Rückkehr. Zum Probeschuss erscheinen der Landesfürst und sein Gefolge. Fürst Ottokar fordert Max auf, den Probeschuss abzulegen und eine Taube vom Baum zu schießen. Max schießt, in diesem Augenblick betreten Agathe und die Brautjungfern das Gelände. Agathe fällt, scheinbar getroffen, zu Boden doch der Eremit kann mit seinem Erscheinen die siebte verfluchte Freikugel umlenken: Kaspar wird tödlich getroffen. Max gesteht das Gießen der Freikugeln in der Wolfsschlucht. Der Eremit tritt für Max ein, Max solle nach einem Jahr der Bewährung Agathe heiraten dürfen, wird jedoch vorübergehend (?) in die Irrenanstalt gebracht und Agathe verbleibt zunächst in der Obhut des Fürsten.

Musikalisch ist die Aufführung ein (Sommernachts)Traum

Die junge Kammerphilharmonie Berlin musiziert unter Leitung von Simon Krecic. Der slowenische Dirigent ist seit Dezember 2013 künstlerischer Leiter des Slowenischen Nationaltheaters Maribor. Krecic reisst die jungen Musiker zu Höchstleistungen hin. Mit flotten Tempi arbeitet er bereits in der Ouvertüre die von Weber angelegten zwei musikalischen Welten der Düsternis und der realen Welt feinsinnig heraus. Er hält die Spannung über den gesamten Abend mit präzisen Einsätzen, einer fordernden wie zarten Dynamik. Den Sängern bietet er eine sichere zügige Hand, lässt ihnen Raum für Nuancierungen und hält die Ensembles straff zusammen. Er lenkt das gesamte junge Ensemble auf wunderbar leichte Weise durch den Abend.

Dabei ist die notwendige Tontechnik zwiespältig, weil in dem offenen Raum unverzichtbar, insbesondere jedoch in der Verstärkung hoher Stimmen gelangt sie teilweise an Grenzen. Tenor Johannes Grau singt in der Premiere die Partie des Max. Sein Tenor hat ein angenehmes Timbre und Strahlkraft mit klaren Höhen, die ausgezeichnete Diktion wird seiner Rolleninterpretation als Intellektuellem im Jägerkorsett gerecht.

Johannes Schwarz gestaltet mit kernigem Bass und markigen Phrasen seinen gesangs- und Dialogpart in der relativ kleinen Rolle des Höllenpartners Kaspar. Jerica Steklasa ist ein patentes Ännchen mit leichtem, flexiblem, sehr höhensicheren Sopran. Strahinja Djokic gestaltet als Doppelrolle den Eremiten und Samiel mit profundem Bass. Mit angenehmen Stimmen klingen Chorsolisten, Brautjungfern, Kuno, Ottokar und Kilian mühelos über das Orchester.

Der größte gesangliche Gewinn des Abends ist jedoch Mima Millo als Agathe. Die junge israelische Sopranistin wird mit ihrem dunkel timbrierten hochlyrischen Sopran allen Klangfarben von Webers musikalischer Vorstellungskraft gerecht. Mit traumsicherer Höhe gelingt ihr der Wechsel zwischen atemberaubendem elegischen Pianissimo und frischer Dynamik mühelos.

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz - hier : nachts in der Wolfsschlucht @ Kammeroper / Uwe Hauth

Kammeroper Rheinsberg / Der Freischütz – hier : nachts in der Wolfsschlucht @ Kammeroper / Uwe Hauth

Inszenierung und Setting

Regisseur Bruno Berger-Gorski orientiert sich in seiner Interpretation an der Vorlage zum Libretto, dem ersten Band des Gespensterbuches von August Apel und Friedrich Laun, einer Sammlung von Geister- und Spukgeschichten von 1810. Darin findet sich auch die Sage von der „Jägersbraut“, die – anders als in Webers Oper – nicht zum Happy End führt. Dort strandet der Jägerbursche Max, der eigentlich ein Schreiber ist und mit der Teufelskugel seine Braut erschießt, schließlich im Irrenhaus. Die Szenen der Oper spiegeln seine Erinnerungen und Alpträume wider.

In der szenischen Umsetzung erklärt der Regisseur die Szenenfolge zu einem permanenten Albtraum und das Protagonistenpaar Max und Agathe von Beginn an für verrückt oder zumindest psychisch labil. Max ist ein introvertierter Denker, Agathe scheint  schwermütig-depressiv. Früh erscheint medizinisches Personal auf der Szene (Krankenschwestern mit Rotkreuzkoffern folgen den Akteuren auf jedem szenischen Pfand). Dazu erfindet die Regie für Jäger und Jungfern eine Vielzahl von Gelegenheiten und Requisiten, mit denen sie den immerwährenden Albtraum mit modernen Requisiten ins Heute versetzt. Da erscheint ein makabres Orchester aus Skeletten und Totenköpfen, das auf Knocheninstrumenten spielt, Sado-Maso-Gestalten in Leder scheinen dem Kit Kat Club entstiegen und bieten den Chorsolisten Gelegenheiten für eine groteske Lasziv-Choreografie, die stets das Anrüchige sucht (und platt nicht findet). Ännchen, die Spielmacherin, gönnt sich bei so viel Düsternis schon mal eine flotte Shisha-Pfeife. Das medizinische Personal trägt mit dem Gauland-Zitat „Wir werden sie jagen“ das Grauen auch auf dem Rücken der Kostüme. Nach Bildzitaten von Bismarck bis Helmut Kohl tritt in der Wolfschluchtszene Agathe sogar als Angela Merkel mit Perücke und Hand-Raute auf. Max endet hier konsequenterweise in der Zwangsjacke, die passive Agathe wird vorerst der Obhut oder Willkür eines militärischen Herrschers mit eindeutigen Absichten überlassen.

Regisseur Bruno Berger-Gorski bezieht sich so jedoch auf den nach der Uraufführung 1821 geprägten Begriff einer deutschen Nationaloper in einem schwer nachvollziehbaren szenischen Sinne. Selbst wenn die Regie mit dem Bezug zu heutiger Stimmung und Politik hier möglicherweise vergleichbare Befindlichkeiten erkennen wollte, ist das so nicht zu Ende oder zu kurz gedacht.

Auch das von Christoph Rasche konzipierte Bühnenbild fällt angesichts der natürlich gegebenen Möglichkeiten mit großen alten Bäumen im akkurat gestutzten Heckentheater doch recht karg aus. Ein mit Jagdtrophäen behängter Rahmen auf einer Schräge, ein Glaskubus am rechten Rand. Das Lichtdesign kommt erst mit fortschreitender Dunkelheit im zweiten Teil zum Tragen, auch hier herrscht außer in der quietschbunten Wolfschlucht eher Zurückhaltung.

Das Kostümbild nach Knut Hetzer setzt Sigrid Herfurth um. Im Stilmix dominieren moderne Accessoires auf historischen Kostümen. Chorsolisten und Statisten treten als Rotkreuzschwester oder Pflegepersonal, Ledergestalten auf, Militaria (ein eisernes Kreuz auf Kaspers Brust, der Fürst in Uniform) sind ebenfalls Teil des Kostümkonzepts. Agathe trägt Strickjacke und Morgenmantel zum Brautkleid.

Der Ansatz einer musikalisierten Depression liegt gespiegelt in der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte nicht ganz fern. Als Ort und Zeit ist im Libretto zum Freischütz Böhmen um 1640 angeführt. Direkt nach dem 30jährigen Krieg verfielen ganze Völker in verwüsteten, leergefegten Landstrichen in eine den verheerenden Folgen des Kriegstobens geschuldete Depression. Auch zur Entstehungszeit der Oper war die mit napoleonischen Eroberungswillen in weiten Teilen Europas einhergegangene Depression noch nicht lange überwunden. Erst der Sieg über Napoleon 1812 gab einem identistätstifenden Streben der deutschen Einzelstaaten nach Verbundenheit nach langer Depression in Fremdherrschaft Aufschwung. Weber landete mit seinem romantischen Sagenstoff und einer musikalischen Zeichnung, die den vorherrschenden Mustern der italienischen Oper einen neuen Opernbegriff entgegensetzte. Mit Volksliedhaften Chören und gesprochenen Dialogen zwischen den Arien und Ensemblenummern präsentierte eine einen neuen Ansatz. Der Skeptiker Heinrich Heine erkannte diese neue Qualität an: „Haben Sie noch nicht Maria von Weber’s ‚Freischütz‘ gehört? Nein? Unglücklicher Mann! Aber haben Sie nicht wenigstens aus dieser Oper ‚das Lied der Brautjungfern‘ oder ‚den Jungfernkranz‘ gehört? Nein? Glücklicher Mann!“

Und schnell wurde der Begriff von einer deutschen Nationaloper laut, zielführend in Richtung eines verbundenen deutschen Staates – Oper als politisches Instrument. In einer Besprechung aus der Uraufführungszeit heißt es: „… wer kein Vaterland hat, erfinde sich eins! Die Deutschen haben es versucht auf allerlei Weise, … und seit dem Freischützen tun sie es auch mit der Musik. Sie wollen einen Hut haben, unter den man alle deutschen Köpfe bringe. Man mag es den Armen hingehen lassen, dass sie sich mit solchen Vaterlandssurrogaten gütlich tun.“ (Ludwig Börne, 1822)

Nicht umsonst fand die Berliner Uraufführung am Jahrestag der Schlacht von Waterloo (1815), der Niederlage Frankreichs durch englisch-preußische Allianz, dem 18. Juni 1821 statt.

In Rheinsberg kann aber das ambitionierteste Regiekonzept die Theatermagie des Ortes nicht übertreffen. Regie führt hier allein die Natur. Die grünen Hecken des Theaters, die die natürliche Bühneneingrenzung bilden und akkurat gestutzt Auftritte und Abgänge steuern, sind ein historisches Naturwunder, gestaltet 1758 von Baron von Reisewitz. Punktgenau setzen vom See aus vorüberziehende Nachtvögel ihre Rufe während der Ouvertüre ab. Die hohen Bäume um das Heckentheater bewegen im leichten Abendwind ihre Kronen während der Wolfschluchtszene vor schwarzem Himmel. Selbst das Nachtfalterballett im Licht der Scheinwerfertürme scheint einer geheimen Choreografie zu folgen.

„Und sie gingen durch den dämmerigen Park, in dem die Baumgruppen erdunkelten, sich schwärzlich auseinanderschoben… Der Himmel war am Nachmittag schimmernd klar gewesen – noch spannte er sich wie ein ungeheurer Bogen von Osten nach Westen, aber nun hatte er eine dunkle Färbung angenommen, er war fast schwarz, und weiße Wolkenflecken zogen rasch unter ihm dahin“, Kurt Tucholsky, Rheinsberg, ein Bilderbuch für Verliebte, 1912


Premiere: 3. August 2018, 19.30 Uhr Heckentheater Rheinsberg Weitere Vorstellungen: 10., 11., 12. August 2018

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Köln, Oper Köln, Intendant Laufenberg, Köln und Palermo, IOCO Aktuell, 21.08.2013

August 21, 2013 by  
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Oper Köln

Opernhaus Köln / Oper am Dom © IOCO

Opernhaus Köln / Oper am Dom © IOCO

Schwarzer Humor, giftige Abrechnung: Theater REAL

Uwe Eric Laufenberg war Intendant der Oper Köln, von 2009 bis 2012.  Eine kurze aber auffällige Zeit, prall gefüllt mit  künstlerischen Highlights und lautstarken  Etat-Streitereien. Die wahre Bühne der Oper Köln waren die Strasse, Zeitungskolumnen, Facebook-Beiträge. Die Intendanz endete, erinnerlich, mit dem zunächst fristlosen, später fristgemäßen Rauswurf vonLaufenberg. Keine neun Monate später verließ sein städtischer Gegenspieler, Kulturdezernent Georg Quander, die Bühne: Sein Vertrag als Kulturdezernent wurde durch die Stadt Köln nicht verlängert.  Eine peinliche wie teure Kölner Posse endete. Kulturpolitik vom Schlechtesten.

Uwe E. Laufenberg bei Premierenfeier © IOCO

Uwe E. Laufenberg bei Premierenfeier © IOCO

Nun beschreibt Uwe Eric Laufenberg die Kölner Ereignisse in dem höchst launigen Buch Palermo nieder (ab 22.8.2013, STRAUSS Medien & Edition Verlag, ISBN: 978-3-943713-16-9, Epub). Übereinstimmungen mit im Kölner Raum lebenden Personen sind natürlich zufällig. Trotzdem erkennen sich Partner, Bekannte wie Gegenspieler seiner Kölschen Zeit schnell in einer humoresken, maliziösen Burleske wieder. Laufenberg-gerecht wird ein Regie-Hilfsmittel, „das mafiöse Sizilien“ eingesetzt: Köln wird zu Palermo, die Kölner Protagonisten tragen allesamt italienische Namen: Aus Laufenberg wird Tommaso Moncorrente, aus Georg Quander wird Giorgio Grigio (grauer Georg), aus Karin Baier wird Bibiana Cacciatori (Jägerin), aus dem kaufmännischen Geschaftsführer Patrick Wasserbauer wird Franco Scheletrino (Klappergerüst), Birgit Meyer  erkennt man in Silvia Rossi. Aber auch Nicht-Kölner, wie  Bernd Fülle, Verantwortlicher an Frankfurts Bühnen, wird als Piero Bossi karikiert. Meist witzig, oft überzeichnend,  teils verschroben, selten böse aggressiv.
Oper Köln / vlnr E. Tzavara, P. Wasserbauer, Intendantin Dr. Meyer, G. Kehren © IOCO

Oper Köln / vlnr E. Tzavara, P. Wasserbauer, Intendantin Dr. Meyer, G. Kehren © IOCO

Laufenbergs Zeit in Köln besaß hohen Unterhaltungwert, oft mit dem Hauch des Irren wie Surrealen, auf und neben der Bühne der Oper Köln. Laufenbergs Buch setzt pointiert  auf detaillierte, oft absurd wirkende kölsche Erfahrungen: Erotische Eskapaden, Nutzung städtischer Einrichtungen für private Anschaffungen, Wiederkehr und Verdammnis der ehemaligen Jugendliebe Silvia Rossi. Selbst Kölns OB Jürgen Roters findet sich in Palermo wieder: Als Renato Tacin „zu leicht befundener“  Bürgermeister der Stadt Palermo.

Viele Episoden sind interessant: Die Debatte um Oper und Schauspiel – sollte man das alte Haus in Köln sanieren oder besser neu bauen? Die Reise der Oper nach China und der Triumph mit Richard Wagners „Ring“.“Palermo“ am Rhein – Künftiger Staatstheater-Intendant schreibt Roman | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/kultur/palermo-am-rhein-kuenftiger-staatstheater-intendant-schreibt-roman-id8339419.html#1305958155
Viele Episoden sind interessant: Die Debatte um Oper und Schauspiel – sollte man das alte Haus in Köln sanieren oder besser neu bauen? Die Reise der Oper nach China und der Triumph mit Richard Wagners „Ring“.“Palermo“ am Rhein – Künftiger Staatstheater-Intendant schreibt Roman | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/kultur/palermo-am-rhein-kuenftiger-staatstheater-intendant-schreibt-roman-id8339419.html#1305958155
Laufenberghat wiederholt herausragendes Regietalent bewiesen. In Palermo ist Laufenberg weder wägender noch sprachgewandter Schriftsteller sondern ganz  polarisierender Regisseur. Seine Sprache klingt daher oft krass, seine Sicht der Kölner Zeit emotional, deftig, zwiespältig.

Viele Episoden sind interessant: Die Debatte um Oper und Schauspiel – sollte man das alte Haus in Köln sanieren oder besser neu bauen? Die Reise der Oper nach China und der Triumph mit Richard Wagners „Ring“.“Palermo“ am Rhein – Künftiger Staatstheater-Intendant schreibt Roman | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/kultur/palermo-am-rhein-kuenftiger-staatstheater-intendant-schreibt-roman-id8339419.html#1305958155die Wiedergabe von Dialogen überzogen langatmig. Wertungen  selbstgerecht. Doch vermeidet Laufenberg, sich mit einer fehlerlosen Aura zu umgeben: Sein Moncorrente sieht sich durchaus zwiespältig,  eigene Persönlichkeitsdefizite werden eingeräumt.
Palermo vermittelt so in satirischer Grundstruktur auf 250 Seiten, kurzweilig, angstfrei und anekdotisch, Details der Alltagswelt eines Theaters wie seines Intendanten in Schieflage.   Lesenswert, wenn auch nicht über alle seiner 250 Seiten.
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2014 übernimmt Uwe Eric Laufenberg die Intendanz des Hessischen Staatstheaters in Wiesbaden. Die zukünftigen Partner Laufenbergs in Wiesbaden werden dessen Buch und die nachkartende Kölner Aufarbeitung wenig „amused“, eher irritiert sehen.
IOCO / Viktor Jarosch / 21. August 2013
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Köln, Oper Köln, Gute Zahlen trotz Aufruhr der Chefetage, IOCO Aktuell, 11.01.2013

Januar 11, 2013 by  
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Oper Köln

Oper Köln am Dom © Matthias Baus

Oper Köln am Dom © Matthias Baus

Oper Köln: Gute Zahlen bei Getöse in der Chefetage

Oper am Dom, Blick auf den Rhein © IOCO

Oper am Dom, Blick auf den Rhein © IOCO

Die erste Hälfte der Saison 2012/13 der Oper Köln ist trotz unendlicher Aufruhr zwischen Opernintendant Uwe Eric Laufenberg und Stadtdezernent Georg Quander über bis heute ungelöste Etatprobleme zumindest hinsichtlich der Besucherzahlen erfolgreich verlaufen. Erinnerlich: Der künstlerisch erfolgreiche Laufenberg wurde im Juni 2012 nach lautstarkem Streit zunächst fristlos, sodann mit schöner Abfindung zum 31.8.2012 vorzeitig entlassen. Zu seiner Nachfolgerin wurde ab September 2012 zunächst nur für zwei Spielzeiten Frau Dr. Birgit Meyer installiert.

Oper Köln, , Intendatin Dr. Meyer © IOCO

Oper Köln, , Intendatin Dr. Meyer © IOCO

Die Oper Köln meldet nun gute Besucherzahlen für das erste Halbjahr der Saison 2012/13. Die von Uwe Eric Laufenberg gesetzte Saat geht auf, Frau Dr. Birgit Meyer freut sich zu recht:

„Zwischen dem 1. September und dem 31. Dezember 2012 spielte die Oper Köln 85 Vorstellungen (eigene Produktionen und Gastspiele), davon 44 in der neuen Spielstätte Oper am Dom, 20 im Palladium, 4 im Oberlandesgericht und 17 in der Kinderoper im Alten Pfandhaus. Die Vorstellungen wurden insgesamt von 67.624 Besuchern wahrgenommen.
Im gleichen Zeitraum der Vorsaison konnten bei annähernd gleicher Vorstellungsanzahl insgesamt 55.285 Besucher gezählt werden. Der Zuwachs um 12.339, d.h. eine Steigerung um 22,3 % zeigt, dass die Ausrichtung unter der neuen Intendantin Birgit Meyer deutlichen Zuspruch beim Publikum findet.
Als besonders erfolgreich erwiesen sich die ersten drei Teile des Mozartzyklus: »Die Hochzeit des Figaro« erreichte eine Auslastung von 93%, »Così fan tutte« von 96% und »La clemenza di Tito« von 100%. Für »Die Hochzeit des Figaro« und »Così fan tutte« hatte die Intendantin im vergangenen Sommer kurzfristig neue Regieteams engagieren müssen. Besonders positiv hat sich auch die Präsenz von Schülern und Studenten in der Oper Köln entwickelt. So wurden in dieser Zielgruppe 4.576 Karten gegenüber 2.784 im Vorjahr verkauft. Auf diese Steigerung um 64,4% richtet Meyer ihr besonderes Augenmerk: »Es handelt sich hierbei um die Opernbesucher der Zukunft und damit auch um potentielle künftige Abonnenten«, so die Intendantin. Auch im neuen Jahr 2013 setzt sich der positive Trend fort: Zwei letzte restlos ausverkaufte Vorstellungen »Così fan tutte« im Palladium und zwei ebenso ausverkaufte letzte Vorstellungen von »La clemenza di Tito« im Oberlandesgericht gaben einen vielversprechenden Jahresauftakt. Für die sieben Vorstellungen von Gaetano Donizettis Belcanto-Oper »Anna Bolena« (Premiere am 17. Februar 2013) sind zum jetzigen Zeitpunkt insgesamt nur noch 540 Karten verfügbar. Hier ist daher Eile geboten, für diejenigen, die sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen möchten.
Die Intendantin Meyer freut sich über den Zuschauerzuspruch, da aufgrund der Renovierung des Opernhauses am Offenbachplatz seit September 2012 alle Vorstellungen an Ersatzspielstätten aufgeführt werden: »Die Oper am Dom erweist sich – genauso wie das Palladium – als lebendige, attraktive Spielstätte, die unterstützt durch ihre zentrale Lage, von den Kölner Bürgern sehr gut angenommen wird. Und letztlich ist jede zusätzlich verkaufte Karte ein guter Beitrag für die wirtschaftliche Entwicklung der Oper und damit für die künftige Programmgestaltung.« 

IOCO /   / 11.1.2013

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Köln, Oper Köln, Laufenberg entlassen! Oder doch nicht? IOCO Aktuell, 26.06.2012

Juni 25, 2012 by  
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Aktuell

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Oper Köln

Oper Köln © IOCO

Oper Köln © IOCO

Uwe Eric Laufenberg und die Oper Köln:  Ende einer unappetitlichen Dienstfahrt

Uwe Eric Laufenberg, künstlerisch erfolgreicher Intendant der Oper Köln, wurde fristlos entlassen, vielleicht. Kulturdezernent Georg Quander, am 23. Juni, auf der Alcina-Premierenfeier, von Elke Heidenreich (Bild unten) unter dem Jubel der Besucher noch als unfähig karikiert, verkündete am 21. Juni 2012 im Weißen Saal des Kölner Rathauses die fristlose Kündigung Laufenbergs. Die Presseerklärung der Stadt Köln dagegen verwirrt:

„Uwe Eric Laufenberg fristlos entlassen

Die Stadt Köln kündigt Anstellungsvertrag mit Opernintendant „aus wichtigem Grund“.

Nachdem die von der Stadt Köln gesetzte Frist zur Annahme des Angebotes für eine vorzeitige, einvernehmliche Auslösung des bis 2016 laufenden Anstellungsvertrages von Uwe Eric Laufenberg ohne entsprechende rechtlich verbindliche Erklärungen des Opernintendanten verstrichen ist, hat der Hauptausschuss der „außerordentlichen Kündigung aus wichtigem Grund“ des Intendantenvertrages mit sofortiger Wirkung zugestimmt.

Die Stadt Köln wird darauf den Anstellungsvertrag unverzüglich kündigen.“

„Die Stadt Köln wird den Anstellungsvertrag unverzüglich kündigen“, stellt eine Formulierung dar, welche Deutungen zulässt. Auch enthält die Pressemitteilung einen markanten Schreibfehler (Auslösung).  Auf Nachfrage erhielt IOCO die Bestätigung, dass Uwe Eric Laufenberg tatsächlich fristlos gekündigt wurde, er nicht mehr im Hause oder Intendant der Oper Köln sei.

Dabei hatte die Stadt Köln noch vor wenigen Tagen Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, zur schiedsgerichtlichen Regelung des langwährenden Disputs mit Uwe Eric Laufenberg eingeschaltet. So kann man vermuten, dass die Stadt Köln glaubt, nunmehr einen triftigen Grund zur fristlosen Entlassung Laufenbergs zu haben, welcher ein Schiedsverfahren durch Klaus Zehelein überflüssig macht. Persönliche Angriffe Laufenbergs auf Georg Quander wurden von Seiten der Stadt genannt.

Oper Köln Jahrespressekonferenz 2012, Dr Meyer, Werner, Intendant Laufenberg. Keine Spur von Patrick Wasserbauer oder Georg Quander © IOCO

Oper Köln Jahrespressekonferenz 2012, Dr Meyer, Werner, Intendant Laufenberg. Keine Spur von Patrick Wasserbauer oder Georg Quander © IOCO

Oper Köln / Intendant Laufenberg - JPK 2012 © IOCO

Oper Köln / Intendant Laufenberg – JPK 2012 © IOCO

Oper Köln / JPK 2012 - Presseandrang © IOCO

Oper Köln / JPK 2012 – Presseandrang © IOCO

Das Elend im Kölner Intendantenstreit dauert inzwischen fast ein Jahr. Keine Woche ohne  Tartarenmeldung über die Oper Köln. Dabei ist die Oper Köln mit 90% Auslastung künstlerisch sehr erfolgreich und das Streitthema denkbar überschaubar: Seit fast zwei Jahren arbeiten die Bühnen der Stadt Köln (Theater und Oper) ohne verabschiedete Etats. Auch hat die Oper formal einen „Geschäftsführenden Direktor“, Patrick Wasserbauer, welcher im Rahmen seiner Obliegenheitspflichten Etat- Angelegenheiten der Oper Köln regeln müsste. Tut er aber nicht. So überließ man es  Intendant Laufenberg, die Oper Köln nicht nur künstlerisch zu steuern sondern auch dessen Etatdifferenzen zu erklären. IOCO berichtete bereits im November 2011 über die Organisationsmängel an der Oper Köln. Welche im April 2012, auf der Jahrespressekonferenz der Oper Köln zum Spielpan 2011/12, in aller Öffentlichkeit sichtbar eskalierten: Zu dieser Pressekonferenz waren über 100 Vertreter der Medien eingeladen und gekommen. Von Seiten des Opern-Managements jedoch fehlten zwei zentrale Funktionsträger: Der Geschäftsführende Direktor Patrick Wasserbauer und der Kulturdezernent Quander. Sie überließen es  Intendant Laufenberg, den Spielplan 2012/13 und seine Probleme vorzustellen, so gut er konnte und durfte.

Oper Köln / Elke Heidenreich, Uwe Laufenberg, Ensemble der Alcina Premiere © IOCO

Oper Köln / Elke Heidenreich, Uwe Laufenberg, Ensemble der Alcina Premiere © IOCO

Doch der 21. Juni 2012 stellt ein Zäsur dar: Uwe Eric Laufenberg wurde von der Stadt Köln fristlos entlassen. Ob diese fristlose Kündigung vor Gericht Bestand haben wird, bleibt abzuwarten.  Uwe Eric Laufenberg jedenfalls will seine Entlassung anfechten und hat gleichzeitig angeboten, den Spielplan 2012/13 seinerseits zu erfüllen, drei Opern zu inszenieren und in „My Fair Lady“ den Professor Higgins zu singen. Gregor Timmer, Sprecher der Stadt Köln, machte deutlich, für die Rolle eine andere Besetzung zu suchen.

Der dritte Akt der unappetitlichen Kölner Opern-Posse scheint erreicht. Generalmusikdirektor Markus Stenz, Chefdirigent des Gürzenich-Orchesters und der Oper, erklärte ebenfalls am 21. Juni 2012, seinen bis 2014 laufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Operndirektorin Dr. Birgit Meyer wird zunächst die Oper Köln leiten. Der 21.6.2012: Ein schwarzer Tag für die Kölner Kultur. All diese Aufregung, weil im Etat der Oper Köln € 2 Mio  fehlten. Als Referenz: Die kommende Sanierung von Kölner Oper und Theater werden € 150 Millionen verschlingen, bisher völlig ohne jede Aufregung.

IOCO / Viktor Jarosch / 25.06.2012

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