Frankfurt, Oper Frankfurt, Tamerlano – Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 16.11.2019

November 16, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Bockenheimer Depot © Staedtische Buehnen Frankfurt / PMG

Bockenheimer Depot © Staedtische Buehnen Frankfurt / PMG

Tamerlano –  Georg Friedrich Händel

 – ein aus der Zeit gefallener Möchtegern-Westernheld im Kulturkampf –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Dieser Tamerlano ist nicht blutrünstig, nur bisweilen komisch und hat mit der historischen Figur des Timur Leng (1336-1405) nur wenig gemein. Während bei Christopher MarloweShakespeares gleichaltrigen und zunächst berühmteren Zeitgenossen – der gewalttätige Machtmensch ungeschönt gezeigt wird, hat sich Georg Friedrich Händel für eine andere Version entschieden und am Ende das Gewicht zugunsten Bajazets verlagert. Der Text von Nicola Francesco Haym geht auf die Libretti von Agostino Piovene (Tamerlano, 1711) und Ippolito Zanelli (Il Bajazet, 1719) zurück, diese wiederum bedienten sich bei der Tragödie Tamerlan ou La Mourt de Bajazet (1675) von Jacques Pradon.

Tamerlano von Georg Friedrich Händel feierte 1724 ihre Uraufführung am King’s Theatre Haymarket in London. Es war eine auf italienisch gesungene Tragödie um Macht, Hass, Liebe, Enttäuschung und Tod; wie so oft bei Händel wird das ganze menschliche Leben verhandelt, verpackt in einnehmender Musik, die einen nicht mehr loslässt. Dass muss der Regisseur R.B. Schlather – die Inszenierung für die Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot war sein Europadebüt – ebenso empfunden haben und befürchtete wohl, der Sogwirkung von Händels Werk ausgeliefert zu sein, so dass er kurzerhand das 28 Personen zählende Orchester in einen Käfig steckte. Natürlich gibt es auch einen inszenatorischen Sinn dahinter: Tamerlano ist ein  amerikanischer Cowboy, wohl auch Kulturbanause und so hält er die Musiker und Musikerinnen wie Gefangene, denn er besitzt den Schlüssel zu diesem Gefängnis, ohne ihn kommen sie weder rein noch raus. Demütigung ist bei ihm Programm – und als Verweis zu Guantánamo gedacht. Sein gefangengenommener Feind, der Osmane Bajazet dagegen, vom Regisseur als europäische Kontrastfigur beschrieben, trägt zunächst einen edlen grauen Anzug, während seine Tochter Asteria im Jogging-Kapuzen-Outfit bereits an einen Häftling erinnert. Mit Waffen wird diese Feindschaft nicht mehr ausgetragen, sie gleicht eher einem (bösen) Spiel, Kultur- oder Sport-Wettkampf, der zwischen der einen und der anderen Seite des Atlantiks ausgefochten wird und wofür die Startnummern auf den Kostümen der Protagonisten um Tamerlano herum zeugen.

Oper Frankfurt / Tamerlano - hier :  vl Brennan Hall als Andronico, Elizabeth Reiter als Asteria, Liviu Holender als Leone; im Käfig das Frankfurter Opern- und Museumsorchester © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Tamerlano – hier : vl Brennan Hall als Andronico, Elizabeth Reiter als Asteria, Liviu Holender als Leone; im Käfig das Frankfurter Opern- und Museumsorchester © Monika Rittershaus

Tamerlano kann eigentlich nur verlieren, denn „Macht“ ist bei ihm allenfalls noch in seinem Peitsche-schwingenden Auftritt zu spüren, ansonsten ist er eher ein aus der Zeit gefallener Möchtegern-Westernheld mit Schnauzer. Er kann die Machopose nur noch übertreiben – der später eingesetzte Baseballschläger vermag ebenso wenig die kulturelle oder sportliche Überlegenheit belegen –, aber auch ein lächerlicher Tyrann ist zu menschenverachtender Erniedrigung fähig, denn die  Regeln in diesem Schaukampf bestimmt immer noch Tamerlano. Seine grotesken Auswüchse – mal nimmt er im Publikum Platz oder verteilt Bierdosen – sorgen selbstverständlich für gehörige Lacher und wie sie der Countertenor Lawrence Zazzo verkörpert, zugleich schöne Koloraturen singend und dabei sich selbst ein bisschen karikierend, zeigt meisterliches Können. Ihm gegenüber – nicht nur gesanglich – steht Asteria, Bajazets Tochter, mit gehöriger Wut und unbeugsamen Willen, gewillt diesem Unmenschen entgegenzutreten. Das widerwillige Anziehen eines in ihren Augen unwürdigen Brautkleids, schwarze Cowboystiefel trägt sie bereits, die mit voller Wucht gesungene Rebellion und zugleich verzweifelt-betörende Suche nach Nähe zum Vater wird von Elizabeth Reiter überragend gesungen und gespielt; eine Darbietung auf unübertrefflichem Niveau.

Ihre Uneinigkeit mit dem Vater, wie dem Tyrannen zu begegnen sei, wird durch den Konflikt des ebenfalls in Haft gehaltenen Geliebten Andronico noch gesteigert. Ihre wechselseitigen Beschuldigungen am Verrat des jeweils anderen verstärken den Eindruck der Tragödie und der – auch räumlichen – Ausweglosigkeit. So wie Asteria einwilligt Tamerlano zu heiraten, weil sie sich von Andronico hintergangen fühlt, doch zum Anziehen des Brautkleids von Tamerlano gezwungen werden muss, so muss sich auch Andronico ein Football-Outfit überstreifen und anstelle Tamerlanos als Bräutigam vor Irene auftreten. Brennan Halls Altus und seine zurückgenommene Haltung schaffen einen eindringlichen Kontrast zu Tamerlanos Exaltiertheit.

Oper Frankfurt / Tamerlano - hier :  vorne Lawrence Zazzo als Tamerlano © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Tamerlano – hier : vorne Lawrence Zazzo als Tamerlano © Monika Rittershaus

Irene – von der Mezzosopranistin Cecelia Hall als furchtlose Frau trefflich gesungen – wiederum ist die eigentliche Braut Tamerlanos, an der er aber kein Interesse zeigt. In ihrem Glitzer-Jumpsuit passt sie tatsächlich besser zum Manipulator und mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet, ist sie nicht bereit, von Tamerlano zu lassen. Der Wärter Leone führt sie indes als Vertraute Irenes bei seinem Dienstherrn ein: Dann soll sie dafür sorgen, dass er kein Gefallen mehr an Asteria findet, und er wird Irene heiraten – so einfach geht das verachtende Spiel bei Machtmenschen. Leone, Liviu Holender stellt ihn als beobachtenden und verständigen, aber zurückhaltenden Mann dar und immer zur rechten Zeit zur Stelle, wird selbst zum Akteur in diesem bösen Spiel. Er trägt übrigens einen blauen Kittel mit der Aufschrift „Crew“, wie alle (wirklichen) Mitarbeiter des Bockenheimer Depots an diesem Abend, was ihn spätestens, wenn er seinen gut geführten Bariton erklingen lässt, aus diesem Kreis wieder heraushebt (Kostüme: Doey Lüthi). So wie ein Kleidungsstück über die wahren Absichten eines Protagonisten täuschen soll, so enthüllen sie zugleich den Zustand einer Figur: Bajazet trägt inzwischen orange Häftlingskleidung, in der er noch kurz vor seinem Tod von Tamerlano besudelt und erniedrigt wird. Es sind die äußeren, optischen Zeichen, die Regisseur R.B. Schlather bei seiner Deutung dieser Geschichte betont. Und auch Tamerlano wird dabei nicht verschont werden.

Die Ereignisse überstürzen sich. Bajazet sieht angesichts Asterias Entschluss Tamerlano zu heiraten nur noch im Selbstmord einen Ausweg und fordert seine Tochter auf, ebenfalls Gift zu nehmen, um sich vor Tamerlanos Übergriffen zu retten. Asteria, die diesen in der Hochzeitsnacht zu töten beabsichtigte, lässt davon ab, und endlich bekennt sich Andronico zu ihr, was Tamerlanos Wutanfall und ihre weitere Demütigung zur Folge hat. Sie nimmt das Gift nicht, sondern mischt es in Tamerlanos Getränk, wird dabei von Irene beobachtet – und diese ergreift die Gunst des Augenblicks: Sie warnt Tamerlano und gibt ihre wahre Identität zu erkennen. Noch kann Tamerlano seine Macht vollends ausspielen: Er verlangt von Andronico und Bajazet davon zu trinken. Asteria will ihnen zuvorzukommen, wird jedoch von ihrem Geliebten daran gehindert.

Den Selbstmord Bajazets kann Tamerlano aber nicht verhindern, und seine „Pose“ hat bereits gelitten: den aufgeklebten Schnurrbart, sein Symbol der Männlichkeit und Macht, hat er zuvor abgerissen. Nun muss er Bajazets letzten Kraftakt, vor dem wahrhaftigen und auch musikalischen Aushauchen, ertragen, und was dieser an Verwünschungen ausstößt, hat es in sich: „Um dich Ungeheuer zu quälen und zu zerreißen, will ich selbst die schlimmste Furie der Hölle sein.“ („Per tormentar, per lacerar quel mostro io sarò la maggior furia d’averno“, lautet es im italienischen Original). Bajazets Sterbeszene stellt der belgische Tenor Yves Saelens so intensiv, vokal und darstellerisch berührend dar, dass selbst ein herzloser, breitbeiniger Fake-Cowboy davon nicht unverschont bleibt und dem nichts mehr entgegenzusetzen hat. Vor dem Tod verblasst jede noch so machtvolle Gestalt, und dies lässt die Geschichte, die R.B. Schlather in eine heutige Zeit transferiert hat, am Ende doch noch aufgehen. Es ist aber vor allem ein Verdienst der Solisten, die durch ihre Darstellung das Konzept umsetzen und gesanglich bis zum Schluss grandios tragen.

Oper Frankfurt / Tamerlano - hier :  vorne Elizabeth Reiter als Asteria © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Tamerlano – hier : vorne Elizabeth Reiter als Asteria © Monika Rittershaus

Dass Tamerlano das Orchester in einem Käfig „hält“ ist ziemlich gewöhnungsbedürftig, wenn auch in der Lesart dieser Inszenierung konsequent. Der ganze Raum ist ein weiß umrandetes Gefangenenhaus, es gibt praktisch für niemanden ein Entkommen (Bühnenbild: Paul Steinberg) und das Licht ist meistens neon-grell, wie es sich für so einen Ort gehört (Licht: Marcel Heyde). Auf der rechten Seite befindet sich das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, allerdings nicht zum Publikum gewandt. Karsten Januschke, der musikalische Leiter der Produktion, besticht auch durch körperlichen Einsatz: Wie ein Vortänzer, an barocke Orchesterleiter erinnernd, peitscht er das Ensemble an, doch auch Innigkeit erzeugt er mit seinem z.T. auf alten Instrumenten wie Laute, Barockgitarre und Chalumeau oder auch Blockflöte spielendem Orchester – etwa bei dem von gegenseitigen Enttäuschungen geplagten Liebespaar Andronico und Asteria oder in der Sterbeszene von Bajazet. Wer den Wettkampf der Kulturen für sich entschieden hat, ist nicht eindeutig auszumachen, ganz sicher lässt sich jedoch festhalten, dass zwar das Orchester eingesperrt werden kann, aber allen Gitterstäben zum Trotz der herrliche Klang seine betörende Wirkung zu verströmen vermag.

Für sein Europadebüt erhielten R.B. Schlather und sein Team einhelligen Applaus, übertroffen wurde er allerdings von dem für die Mitwirkenden und dem „befreiten“ Orchester

Tamerlano – Bockenheimer Depot, Frankfurt: die weiteren Termine 16.11.; 20.11.; 22.11.; 24.11.2019

–| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Hamburg, Theater i.d. Marzipanfabrik, IDA Erdenheldin – eine Klimaoperette, IOCO Aktuell, 25.10.2019

Theater in der Marzipanfabrik © Annemone Taake

Theater in der Marzipanfabrik © Annemone Taake

Theater in der Marzipanfabrik

IDA,  ERDENHELDIN   _  eine KLIMAOPERETTE

 vom Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Untätigkeit

von Ingmar Beck

Die Uraufführung einer Kammeroper an der Hamburger Staatsoper im Mai 2019 war der Beginn des ungewöhnlichen und modernen Opernprojekts „IDA – Erdenheldin“. Das Künstlerkollektiv mit Maike Schuster – Text, Regie, Friedemann Hasse, Laura Lievers, Rami Olsen Steven Tanoto – Komposition, Ingmar Beck – Koordination, Musikalische Leitung, wird Klima und Umwelt als aktuelle Themen der heutigen Zeit musikalisch und künstlerisch auf der Bühne darstellen. Vom 13.-15.12.2019 wird das Werk des Kollektivs, die Operette IDA – Erdenheldin, in Hamburg, im Theater in der Marzipanfabrik uraufgeführt.

In moderner Darstellung sollen in diesem Theater neben dem ohnehin kulturaffinen Klassikpublikum  besonders junge Menschen einer Stadt angesprochen, für die Kunstform „Oper“ begeistert und auch Verständnis für etabliertes Musiktheater geschaffen werden. Durch solch friedlichen Meinungsaustausch wachsen Wissen und Ansichten von Jung und Alt, von allen Beteiligten. IDA, Erdenheldin soll beitragen, generationsübergreifend Grundanschauungen und allgemeine Werten, die zentralen Grundpfeiler für ein harmonisches Zusammenleben unserer Gesellschaft darzustellen, zu moderieren und letztlich zu stärken.

 Theater in der Marzipanfabrik / Ingmar Beck © Fay Fox

Theater in der Marzipanfabrik / Ingmar Beck © Fay Fox

DIE HANDLUNG: Ida, Erdenheldin, begibt sich auf eine Heldinnenreise; nah an der Lebensthematik der Fridays for Future – Generation, die die große Frage der Zeit in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. Die Titelfigur Ida begegnet dabei sechs Wesen, die ihr auf verschiedenste Arten und Weisen die Wirklichkeit und die Zukunftsperspektiven aufzeigen und sie verändern. Ida, Erdenheldin ist eine Operette zum Zuhören, zum Nachdenken und nicht zuletzt zum Handeln – für den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Untätigkeit.

Ingmar Beck –  Zur Zukunft unserer Opernhäuser
– ZURÜCK IN DIE GEGENWART –

Im Sommer 2019 besuchte ich bei einem weltbekannten Opernfestival eine Vorstellung der romantischen Oper Salome mit Starbesetzung, und ich war – wieder einmal – hellauf begeistert von der hervorragenden Qualität der Aufführung und der Künstler. Als ich nach der Vorstellung bei wunderschönem Wetter die Treppen des Opernhauses herunterging, sah ich etwa 200 Jugendliche und StudentInnen, die auf den Treppen Bier und Wein tranken und einen schönen Abend genossen; es tat mir sehr leid, dass sie nicht auch in den Genuss dieser wunderbaren Aufführung kommen konnten. Warum gingen diese jungen Leute nicht auch in das Opernhaus? An den Eintrittspreisen lag es bestimmt nicht alleine. Dies veranlasste mich zum Nachdenken. Was fehlt den jungen Menschen in der Oper – und wie können wir sie für diese einzigartige Kunstform gewinnen? Trotz aller Jugendförderung, einem guten Marketing und in Deutschland wieder steigenden Zahlen von Opernbesuchern ist die derzeitige Situation nicht das erstrebenswerte Ziel.
Oper und Lebenswirklichkeit

In der Oper Salome sieht sich ein König gezwungen, die Tötung eines Menschen anzuordnen, um gegenüber einer schönen Tänzerin nicht wortbrüchig zu werden. Die tragische Handlung der Oper wird durch die Strausssche Musik ins Grandiose gesteigert. Inhalt und Form ergänzen sich so zu höchster Kunst.

Aber wollen und können junge Menschen ohne umfassende Hör- und Seherfahrung diesen Zusammenhang sehen? Oder stört es sie, dass der in der Oper dargestellte Seelenkonflikt weit abseits ihrer Lebenswirklichkeit liegt?
Sicherlich, ein Teil des Opernpublikums geht gerade deshalb in die Oper, weil es den Abstand vom Alltag sucht und diesen beispielsweise im Genuss der musikalischen Ausgestaltung einer biblischen bzw. literarischen Legende findet. Sicher möchte ein weiterer Teil des Publikums – wie auch wir Künstler – unser großartiges und einzigartiges Kulturgut, das für uns da ist und das uns prägt, wertschätzen und pflegen. Und gerade deshalb wünsche ich mir auch eine Oper, welche die junge Generation nicht vergisst, welche die Fragen ihrer Zeit in den Mittelpunkt stellt, eine Oper, die eben für sie da ist, und damit auch für alle Anderen. Der jungen Generation nicht nur eine Stimme verleihen, sondern dieser auch zuhören, ohne ein zeitgenössisches Werk als “Jugendoper” zu degradieren.

 Theater in der Marzipanfabrik / Ida, Erdenheldin - eine Klimaoperette © Nadja Häupl

Theater in der Marzipanfabrik / Ida, Erdenheldin – eine Klimaoperette © Nadja Häupl

Pflege der Alten Musik
Ein kurzer Einblick in die Geschichte der Aufführungen von Alter Musik: Seit der Gründung der Academy of Ancient Music in London in der Mitte der 1780er-Jahre, bei der nur Musik aufgeführt wurden durfte, die älter als 20 Jahre war, wurde Alte Musik hoffähig. Ziel  damals war die Pflege der Musik von Georg Friedrich Händel; auch Haydn litt damals unter diesen Bestimmungen bei seiner ersten London-Reise zu Beginn der 1790er-Jahre. Die 20-Jahre-Regel wurde später in London zu 30 Jahren erweitert etc. – das übergeordnete Ziel war, Händels Musik zu Präsenz verhelfen. Felix Mendelssohn-Bartholdy brachte dieses Konzept dann nach Deutschland und programmierte in den 1820er-Jahren als Musikdirektor des Gewandhauses mehrere vier- bis sechswöchige Konzertreihen, bei der Alte Musik aufgeführt werden sollte (hier begann u.a. die berühmte Bachpflege). Diese Konzerte wurden damals vom Publikum nur halbherzig angenommen; halbleere Konzertsäle und kritische Stimmen von der Presse wurden laut. Wie könnte man wochenlang nur Alte Musik spielen und keine aktuellen Werke lebender Komponisten programmieren?

–  Wandel in den letzten 200 Jahren

Wie wir alle wissen, hat sich die Situation seitdem komplett verändert. Heute zählt Alte Musik (hier: Musik, die vor mehr als 20-30 Jahren komponiert wurde) zum gängigen Klassikrepertoire; Uraufführungen und besonders Wiederaufführungen von zeitgenössischen Werken sind die Seltenheit. Die Situation im Konzertbereich ist auf einem guten Weg: Zahlreiche KomponistInnen werden mit Kompositionswünschen beauftragt, dazu teils bereits uraufgeführte Werke wiederaufgeführt und spätestens nach den vielen Jahren voller intelligenter Konzertprogramme, die Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker aufsetzte, gehört nahezu zu jedem Konzertprogramm ein zeitgenössisches Werk, wenn eine Institution innovativ wirken möchte.

  Zeitgenössische Oper – zu teuer?

Im Opernbereich ist dies jedoch leider anders. Manche großen Häuser beauftragen alle zwei bis drei Jahre einen Komponisten, eine Uraufführung zu schreiben; die Handlung ist jedoch meist ein Libretto mit einem nicht aktuellen, nicht gesellschaftsrelevanten Inhalt. Warum ist das so? Opernhäuser begründen dies mit Kosten, die teils sehr hoch sind, wenn Uraufführungen im Großen Haus anstehen; oder man verschiebt die zeitgenössische Oper in die Kammeroper, um weniger Ausgaben zu haben und ein geringeres finanzielles Risiko einzugehen. Die Möglichkeiten einer großen Reichweite bzw. einer Starbesetzung sind dadurch meist äußerst begrenzt und die gesellschaftspolitischen Auswirkungen für die Menschen in Stadt und Umland gering.

–   Die erfolgreichen Zeiten der Gattung Oper

Warum werden heute keine Opern konzipiert, deren Handlungen unsere Gesellschaft repräsentieren und Probleme der heutigen Zeit aufzeigen? Was hinterlassen wir Opernschaffende unseren Nachkommen aus unserer heutigen Zeit? Gelöschte E-Mails, Autographen als Sibelius-Datei, zeitgenössische Opern über Karl V., und moderne Inszenierungen unserer Repertoire-Opern, die oft gewollt modernisiert werden (und äußerst selten wirklich passen), da man realisiert, dass moderne und aktuelle Elemente in einer Handlung gebraucht werden? In den erfolgreichen Zeiten der Kunst (u.a. auch der Oper) wurde immer die Gesellschaft und deren Probleme in Opern thematisiert: Als Mozart spitzbübisch und nicht offen, sondern mit Witz und Charme versteckt seine Herrscher kritisierte, Beethovens Fidelio die französische Revolution und den Freiheitsdrang dieser Zeit abbildete, Hänsel und Gretel die Zeit der aufkeimenden Nationalgedanken repräsentierte und Arnold Schönberg die Maschinen der Industrialisierung in seiner Musik zum Klingen brachte… und heute?

– Direkt in die Mitte der Gesellschaft

Es ist mein Ziel, die Oper wieder in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Das Opernhaus soll ein Ort sein, wo neben den Märchen und der wichtigen Pflege des Repertoires Menschen diskutieren, sich austauschen und neue Ideen sowie ein stärkeres Bewusstsein für eine offenere oder vielschichtigere Weltsicht bekommen. Ein Ort, an dem wir Künstler eine Möglichkeit haben, unsere Meinung über Gesellschaftspolitik, soziale Gerechtigkeit und aktuelle Ereignisse in unserer musikalischen und theatralischen Sprache zu thematisieren. Ein Ort, an dem Menschen nicht von Politikern in Talkshows, sondern von Künstlern des Opernhauses neue Impulse erhalten und unterschiedliche Auffassungen und Denkweisen erfahren, um ihre Überzeugungen zu überdenken und sie infolgedessen besser artikulieren zu können. Ein Ort, an dem in der zeitgenössischen Musik auch wieder gelacht werden darf, an dem satirischer, ironischer oder unter Umständen auch derber Humor ausgelebt werden darf – die Themen unserer Zeit sind meist ernst genug. Wie wäre es also beispielsweise mit einem Revival der Operette (mit dem Nebeneffekt, auch neue Opernbesucher anzuziehen)?

IDA, Erdenheldin – im Theater in der Marzipanfabrik; Friesenweg 4/ Haus 10, 22763 Hamburg; Termine 13. – 15. Dezember 2019

—| IOCO Aktuell Theater in der Marzipanfabrik |—

München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Der Messias – Georg Friedrich Händel, 10.10.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

 DER MESSIAS – Georg Friedrich Händel

In nur drei Wochen schuf Georg Friedrich Händel die wohl berühmteste geistliche Komposition der Welt. Vor allem der große Halleluja –Chor zählt zu den bekanntesten und populärsten Musikstücken aller Zeiten. Ausschließlich aus Bibelzitaten hat der Librettist Charles Jennens ein dreiteiliges Oratorium zusammengestellt, das von der Erfüllung der alten Verheißungen durch die Heilsgeschichte Jesu Christi berichtet. Und bis heute wirft es Fragen auf: Warum kommt Jesus selbst nicht zu Wort? Warum wird hauptsächlich das Alte Testament zitiert und damit Jesu Wirken fast ausschließlich aus Prophezeiungen vor seiner Zeit erzählt? Und wer endlich ist dieser »Messias«, dieser »Gesalbte«, der lange vorhergesagt und so nachhaltig unsere Welt und unsere Kultur beeinflusst hat?

Staatstheater am Gärtnerplatz / Der Messias © Staatstheater am Gärtnerplatz

Staatstheater am Gärtnerplatz / Der Messias © Staatstheater am Gärtnerplatz

Regisseur Torsten Fischer und Choreograf Karl Alfred Schreiner stellen sich der Herausforderung, dieses unergründliche, reflexive Werk in Szene zu setzen und den großen Fragen des Glaubens nachzugehen: Warum brauchen wir einen Gott, einen Heiland, dem wir nachfolgen? Was ist Religion und wie wirkt sie auf uns? – Ein sinnlicher und gleichsam nachdenklicher Abend in Musik und Tanz, der in den Tiefen des Menschseins forscht.

Musik Georg Friedrich Händel | Libretto von Charles Jennens nach der Bibel, Szenische Fassung von Torsten Fischer | Mit Texten aus Colm Tóibíns »Marias Testament«

Musikalische Leitung: Anthony Bramall | Regie: Torsten Fischer Choreografie: Karl Alfred Schreiner | Bühne: Herbert Schäfer | Kostüme: Vasilis Triantafillopoulos, Licht: Michael Heidinger | Video: Raphael Kurig, Thomas Mahnecke | Dramaturgie: Fedora Wesseler / David Treffinger | Choreinstudierung: Felix Meybier

Mit: Jennifer O’Loughlin, Mária Celeng, Sandra Cervik, Dmitry Egorov, Anna-Katharina
Tonauer, Alexandros Tsilogiannis, Timos Sirlantzis, Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Chor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Premiere: 10. Oktober 2019, Weitere Vorstellungen:, 13./16./18./20./22./25. Oktober
1./3. November, Altersempfehlung ab 14 Jahren

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, 2019/20: Liederabende an der Oper Frankfurt, 03.09.2019

August 29, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

NEUN LIEDERABENDE AN DER OPER FRANKFURT

COUNTERTENOR – AM ERSTEN LIEDERABEND DER SPIELZEIT 2019/20

Jakub Josef Orlinski, Countertenor, 03. Oktober 2019
Pretty Yende, Sopran 29. Oktober 2019
Stanislas de Barbeyrac, Tenor 26. November 2019
Maria Bengtsson, Sopran 14. Januar 2020
Jiddische Operettenlieder u.a. mit Barrie Kosky, Klavier 04. Februar 2020
Florian Boesch, Bassbariton 25. Februar 2020
Gaëlle Arquez, Mezzosopran 31. März 2020
Peter Mattei, Bariton 12. Mai 2020
John Osborn, Tenor 23. Juni 2020

 

Oper Frankfurt / JAKUB JÓZEF ORLI?SKI © Jiyang Chen

Oper Frankfurt / JAKUB JÓZEF ORLINSKI © Jiyang Chen

JAKUB JÓZEF ORLINSKI ist mit sicheren Schritten auf dem Weg, einer der großen Vertreter seines Faches unserer Zeit zu werden. Mit seiner betörenden Stimme hat der junge Künstler Frankfurt einen unvergesslichen Rinaldo geschenkt. Überaus virtuos und glaubhaft führte er durch die emotionalen Höhen und Tiefen dieses verzweifelt liebenden Kriegers und überraschte mit atemberaubendem Körpereinsatz. Breakdance und Barock sind bei Jakub Józef Orlinski alles andere als ein Widerspruch – sie sind die Freiheit des Hier und Jetzt. Kein Wunder, dass die Opernwelt auf dieses energiegeladene Talent blickt. Sein erstes Solo-Album Anima sacra stellte er gemeinsam mit dem Ensemble Il pomo d’oro auf einer ausgedehnten Europa-Tournee vor. Eine zweite Barock-CD unter dem Titel Facce d’amore erscheint Ende diesen Jahres. Seit dem Studium in New York tritt er regelmäßig mit dem polnischen Pianisten Michal Biel auf. Dass dabei nicht nur barockes Repertoire auf dem Programm steht, sondern auch der ein oder andere Sprung Richtung Gegenwart vollführt wird, lässt einen großartigen Frankfurter Liederabend erwarten.

Oper Frankfurt / JAKUB JÓZEF ORLI?SKI mit seinem Pianisten Micha? Biel:© Honorata Karapuda

Oper Frankfurt / JAKUB JÓZEF ORLINSKI mit seinem Pianisten Micha? Biel:© Honorata Karapuda

Anlässlich seines ersten Frankfurter Liederabends präsentiert Jakub Józef Orlinski, begleitet von Michal Biel am Klavier, Werke von Georg Friedrich Händel, Giuseppe Maria Orlandini, Giovanni Battista Bononcini, Luca Antonio Predieri und Francesco Bartolomeo Conti sowie Karol Szymanowski, Tadeusz Baird und Pawel Lukaszewski..

 

–| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

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