Münster, LWL-Museum Kunst und Kultur, Turner – Horror and Delight, IOCO Aktuell, 08.11.2019

November 7, 2019 by  
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 Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene. © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster mit Lichtplastik von Otto Piene © Hanns Butterhof

Landesmuseum Münster

William Turner-Ausstellung – Landesmuseum Münster

Turner – Horror and Delight  – Farbenpracht und Atmosphäre

von Hanns Butterhof

 William Turner (1775 – 1851) gilt als der bedeutendste britische Landschaftsmaler. Ihm widmet das LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster die eindrucksvolle Ausstellung „Turner – Horror and Delight“. In 6 Sälen sind 75 seiner Werke aus dem riesigen Fundus der Londoner Tate zu sehen, in der Hauptsache Aquarelle und Ölgemälde. Kuratorin Judith Claus präsentiert sie aufschlussreich unter thematischen und biographischen Gesichtspunkten, so dass Turners Entwicklung auch im Vergleich mit 30 Leihgaben zu themengleichen Werken von Vorläufern und Zeitgenossen von seinen Anfängen bis zum Spätwerk verfolgt werden kann.

Turner, mit vollem Namen Joseph Mallord William Turner, hat in den 60 Jahren seines künstlerischen Schaffens ein ungeheures Werk hervorgebracht. Die Tate hütet etwa 1.600 Gemälde und 20.000 Aquarelle. In 280 Skizzenbüchern hielt Turner die flüchtigen Eindrücke in der Natur fest, die er dann in seinem Atelier auch aquarellistisch detailliert ausführte; Freilichtmalerei war noch nicht Mode. Schon als 14-Jähriger wurde Turner als frühreifes Wunderkind Stipendiat der Royal Academy in London, mit 32 erhielt er dort eine Professur für Perspektive. Das ist insofern bemerkenswert, als in dem Werk, dem er heute seine Berühmtheit verdankt, die Form zugunsten der Farbe, den Gegenstand zugunsten der Atmosphäre zurücktritt.

William Turner Ausstellung Münster / hier Fischer auf See von Wiolliam Turner © Tate 2019

William Turner Ausstellung LWL – Münster / hier Fischer auf See von Wiolliam Turner © Tate 2019

Die Auflösung der Form lag in Turners Anfängen so wenig im Trend wie seine entschiedene Hinwendung zur Landschaftsmalerei, die als untergeordnete Kunstgattung und eher tauglich als Hintergrund für die hochgeschätzte Historienmalerei galt. An Claude Lorrain (1600 – 1682) und dessen lichtdurchfluteten Landschaften fand Turner einen Leitstern, an dem er sich zeitlebens orientierte und maß; testamentarisch verfügte er, dass 2 seiner Gemälde in die Sammlung der National Gallery übergehen und dort neben 2 Werken Lorrains ausgestellt werden sollten – ein schönes Zeugnis von tiefer Verehrung und hohem Selbstbewusstsein gleichermaßen.

Bis das Publikum der Ausstellung auf das titelgebende Horror and Delight eingestimmt wird,  findet es im ersten Saal der Ausstellung die recht akademisch gemalten Anfänge Turners und seiner Zeitgenossen, etwa seinem Lehrer Philippe Jacques Loutherbourg (1740 – 1812), der mit dem „Schiffswrack“ von 1793 vertreten ist. Als Blickfang prangt hier Turners erstes Ölgemälde „Fischer auf See“ von 1796, ein düsteres Nachtbild, auf dem Fischerboote bei fahlem Mondlicht mit der unruhigen See kämpfen.

Was Horror and Delight meint – der englische Titel der Ausstellung ist wohl dem Umstand geschuldet, dass sie, von Luzern kommend, nach Münster über Nashville nach Quebec weiterwandern wird – könnten im zweiten Saal zwei Bilder durch ihre Hängung an einer Stellwand verdeutlichen. Den Blick fesselt zunächst Turners gegen 1810 entstandenes Gemälde „Abgang einer Lawine in Graubünden“, als wäre es programmatisch für den Schrecken zuständig. In seinem Vordergrund wird eine winzige Holzhütte von riesigem Lawinenmaterial zerschmettert, während im Mittelgrund die Schneemassen eines Bergmassivs sich mit dem unwetterlich düsteren Himmel verbinden. Auf der Rückseite der Stellwand dagegen findet sich als absoluter Kontrast Turners um 1840 gemalter „Sonnenuntergang über einem See“, ein nahezu gegenstandslos lichtes Farbenspiel in Gelb- und Rottönen, als wäre es beispielhaft für das ersprießliche Ergötzen, für das Turners Werk gängigerweise steht.

LWL Münster / William Turmer Ausstellung © Tate 2019

LWL Münster / William Turmer Ausstellung © Tate 2019

Die tiefere Bedeutung des  Begriffpaars Schrecken und ersprießliches Ergötzen weist auf den Begriff des „Erhabenen“ in der Ästhetik des englischen Philosophen Edmund Burke (1729 – 1797) hin. Er beschreibt einen Naturgegenstand, der so gewaltig ist, dass der Mensch seiner Macht nichts entgegensetzen kann. Im Kunstwerk ist sein Schrecken umso anziehender und ergötzlicher, je furchteinflößender er ist und je mehr sich der Betrachter in Sicherheit weiß. Diese Idee der Erhabenheit liegt vielen Bildern Turners zugrunde und mag ihn an den Alpen mit ihren engen Schluchten und zerklüfteten Bergen immer wieder gereizt haben wie die anderen gezeigten Attraktionen der Schweiz; mehrfach aquarelliert Turner die Rigi, den Luzerner Hausberg über dem Vierwaldstättersee, zu verschiedenen Tageszeiten und Stimmungen und studiert dabei hauptsächlich die veränderliche Atmosphäre.

In einem weiteren Saal bricht dann das Licht Italiens aus Turners Bildern. Bis auf das 1840 sehr  gegenständlich gemalte Bild „Venedig, Die Seufzerbrücke“, das an den großartigen Postkartenstil des italienischen Malers Canaletto (1697 – 1768) erinnert, zeigen die Venedig-Aquarelle viel morgend- und abendliche Atmosphäre. Die Kirche Maria della Salute am Canale Grande löst sich auf dem Gemälde von 1844 nahezu in Licht und Dunst auf. In Rom lässt der reisefreudige Turner nicht nur den Konstantinbogen oder Tivoli in Farbigkeit aufgehen, sondern entwirft auch ideale Landschaften im Stil seines Vorbilds Lorrain wie die um 1828 entstandene „Südliche Landschaft mit Aquädukt und Wasserfall“.

Wie beliebt Seestücke zu Turners Zeit waren, zeigt ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung. Von den akademisch gemalten Schiffbrüchen seiner Vorläufer wie Willem van de Velde d.J. (1633 – 1707) oder Zeitgenossen wie Francis Danby (1793 – 1861) heben sich Turners nahezu abstrakte Aquarelle deutlich ab. Der zwischen 1827 und 1843 entstandene „Strand von Brighton“ oder die um 1838 entstandene Studie „Dampfer und Feuerschiff“ sind fast pures Licht, während der 1842 gemalte „Schneesturm“ ein Dampfboot nur ahnen lässt, das in einem Wirbel von Schnee und  aufgepeitschten Wellen um die Einfahrt in einen Hafen ringt. Das Gemälde zieht den Betrachter gewaltig wie durch einem Strudel in sich hinein und vermittelt rein atmosphärisch mit dem Erhabenen des Geschehens sowohl dessen Schrecknis wie auch das erleichterte Ergötzen dabei, sich selber nicht an Bord zu befinden und alles aus sicherer Position betrachten zu können.

Wie deutlich Turner ein Vorläufer unserer Moderne ist, zeigt ein dem Spätwerk gewidmeter Raum. Er enthält im wesentlichen lichte, abstrakte Seestücke in suggestiver Farbgebung aus dem Nachlass, bei denen nicht eindeutig geklärt ist, ob sie nicht bloß unvollendet sind. Die einzige Ausnahme macht das düstere, 1842 entstandene Bild „Friede – Seebestattung“, mit dem Turner seinem verstorbenen Freund David Wilkie mit einem tiefschwarzen Segelschiff vor kaltem, graublauem Himmel ein Denkmal setzte.

 William Turner Ausstellung - LWL Münster / hier William Turner: Dampfer und Feuerschiff © Hanns Butterhof

William Turner Ausstellung – LWL Münster / hier William Turner: Dampfer und Feuerschiff © Hanns Butterhof

Der letzte Raum der Ausstellung gilt Visionen von Untergang und Auferstehung. Hier misst sich Turners Sintflut von 1805 mit dem selben 1834 von John Martin (1789 – 1854) eindrucksvoll gemalten Motiv. An Turners Bild zeigt sich, dass die Darstellung von Menschen nicht seine starke Seite ist. Im Vordergrund wirken sie wie steife Staffage zum bewegten Naturgeschehen, das sich hinter ihnen dramatisch abspielt. Jahre später, 1843, findet Turner dann mit den beiden Gemälden „Schatten und Dunkelheit – Der Abend der Sintflut“ sowie „Licht und Farbe (Goethes Farbenlehre) – Der Morgen nach der Sintflut“ dazu einen eigenständigeren Ausdruck. Hier geht es nicht mehr um den Schrecken für die Menschen, sondern der abstrakte Farbenwirbel  enthält das optimistisch aufgeklärte und wohl noch heute gültige Versprechen, dass selbst nach Katastrophen, an denen auch Turners Zeit nicht arm war, das Leben weitergeht.

Die von Judith Claus in Kooperation mit der Tate London klug kuratierte Ausstellung im Münsteraner Landesmuseum ist atmosphärisch dicht und farbenprächtig. Sie zeigt aspektreich William Turner in seiner Entwicklung und kann kaum anders, als mit ihrer relativ kurzen Laufzeit von nicht ganz drei Monaten ein Publikumsmagnet zu werden.

Mit einem Digitorial ® bietet das Landesmuseum die Möglichkeit, sich auf den Ausstellungsbesuch vorzubereiten und multimedial die Welt Turners zu erkunden: www.turner2019.de   Die Ausstellung Turner – Horror and Delight dauert vom 8.11.2019 bis 26.1.2020.

Öffnungszeiten:  Wegen der erwarteten großen Nachfrage öffnet das Museum Dienstag bis Donnerstag von 9.00 bis 18.00 Uhr, Freitag bis Sonntag von 10.00 bis 20.00 Uhr, am 2. Freitag im Monat bis 24.00 Uhr.

Besucherservice:  0251 5907 201 oder besucherbuero@lwl.org,  Eintritt: 13,00 €, ermäßigt 6,50 €. Am 2. Freitag im Monat ab 18.00 Uhr frei.

Der im Sandstein Verlag erschienene, 264 Seiten starke, ausführlich bebilderte Katalog zur Ausstellung kostet im Museumsladen 27,00 €, im Buchhandel 39.80 €.

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Perpignan, Musée d`Art, Raoul Dufy – Maler des Fauvismus, IOCO Aktuell, 24.10.2018

Oktober 26, 2018 by  
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 Perpignan mit Blick auf die Cathedrale Saint-Jean Baptiste (links) und Le Castillet (Mitte) © Ville de Perpignan

Perpignan mit Blick auf die Cathedrale Saint-Jean Baptiste (links) und Le Castillet (Mitte) © Ville de Perpignan

Musée d´Art Hyacinthe Rigaud

Musée d’Art Hyacinthe Rigaud  Perpignan

Sonderausstellung Raoul Dufy – Les ateliers de Perpignan 1940-1950

Von Hanns Butterhof

Perpignan, Kapitale des Roussillon im Südosten Frankreichs, ist nicht nur die sympathische Stadt südlicher Lebendigkeit mit den meisten Sonnentagen im Land. Die Stadt, die einmal die Festlands-Hauptstadt des Königreichs Mallorca (1276 bis 1344) war, bewahrt ein reiches kulturelles Erbe an bildender Kunst, das vor allem im Städtischen Kunstmuseum, dem Musée d’Art Hyacinthe Rigaud, bewahrt wird.

  Musée d'Art Hyacinthe Rigaud  ©    Musée d'Art Hyacinthe Rigaud

Musée d’Art Hyacinthe Rigaud ©  Musée d’Art Hyacinthe Rigaud

Namensgeber ist mit Hyacinthe Rigaud (1659 – 1743) der bedeutendste in Perpignan geborene Maler; sein Portrait des Sonnenkönigs Ludwig XIV. im Krönungsornat prägt dessen Bild bis heute. Das 2017 nach drei Jahren der Renovierung wiedereröffnete Haus verbindet harmonisch die ehrwürdigen Stadtpaläste Hôtel Mailly und Hôtel Lazerme im historischen Zentrum. Neben der sehenswerten Dauerausstellung zur gotischen, barocken und Gegenwarts-Kunst Perpignans veranstaltet das Museum Sonderausstellungen, die einen deutlichen lokalen Bezug haben; spektakulär war die Ausstellung Picasso – Perpignan. Le cercle de l’intime 1953 – 1955, die 2017 prominent mit Pablo Picasso und seinem künstlerischen Werk im Freundeskreis von Perpignan die Wiedereröffnung feierte.

Die gegenwärtige Sonderausstellung Raoul Dufy. Les ateliers de Perpignan 1940 – 1950 gibt einen thematisch konzentrierten Überblick über die Arbeiten, die in den drei Ateliers Dufys in Perpignan entstanden sind. Raoul Dufy (1877 – 1953) war zu dieser Zeit einer der bekanntesten französischen Male aus dem Umkreis der Fauvisten, der auch einen Ruf als Zeichner, Illustrator von Büchern, Schöpfer von Keramiken und vor allem von Stoff- und Tapetenmustern hatte. Er hielt sich ab 1940 zur Behandlung seiner schmerzhaften Polyarthritis in Perpignan auf, wo er sich in die Hände des Doktors Pierre Nicolau begab.

 Musée d`art Perpignan / Hyacinthe Rigaud - Selbstbildnis © Musée d`art Perpignan

Musée d’Art Hyacinthe Rigaud  / Hyacinthe Rigaud – Selbstbildnis © Musée d`Art  Perpignan

Die Ausstellung, die eine bisher wenig beachtete Periode im Schaffen Dufys beleuchtet, beginnt entsprechend mit den persönlichen Beziehungen, die Dufy mit Dr. Nicolau, dessen Familie und dem sich bildenden Freundeskreis in Perpignan verband. Die Portraits des Kreises um die Familie Nicolau zeigen seinen charakteristischen Stil, die Formen in meist leuchtende Farbflächen mit großzügiger Strichführung einzuschreiben. Auffällig klar, fast im Stil von Kinderbuch-Illustrationen, finden sich hübsche kleine Aquarelle, die Dufy für die Kinder Dr. Nicolaus gemalt hat.

Die folgenden Säle sind den Ateliers gewidmet, die der Ausstellung den Titel geben. Auch hier dominiert die Farbe, meist ein leuchtendes Rot, die Formen, die wie unbeholfen eingefügt sind, eine leere Leinwand auf einer Staffelei etwa, vor der steif ein Modell liegt, oder eine nahezu surrealistisch schwebende Geige. Der Blick wird eher auf die hohen, geöffneten Fenster gelenkt, durch die Außenwelt in den Atelierraum dringt.

Tapisserie von Raoul Dufy © Hanns Butterhof

Tapisserie von Raoul Dufy © Hanns Butterhof

Vom Atelier in der rue de l’Ange sieht Dufy auch auf das Treiben auf dem davor liegenden Aragò-Platz, wo er etwa den Karneval beobachtet. Auch hier interessieren ihn nur die farbigen Tupfer der Personen in der Fläche, wo die Farben ihr eigenes Leben gegenüber den Objekten behaupten. Räumlichkeit und vor allem Atmosphäre fehlen ganz wie auch auf den dekorativen Aquarellen von bunten Blumen-Arrangements mit Anemonen, Tulpen oder Rosen.

Die Landschaften, die einen weiteren Saal füllen, zeigen teils Gegenden des Roussillon von hohem Wiedererkennungswert wie die Bucht von Collioure, die von fast keinem Maler von Rang nicht gemalt wurde, teils typische, nicht zwingend lokalisierbare Plätze. So licht die Palette Dufys ist, so auffällig ist das Fehlen des intensiven mediterranen Lichts, das so viele andere Maler inspiriert hat.

Die überzeugendsten Exponate der Ausstellung sind zwei Wandteppiche in ihrer dichten farblichen und figürlichen Fülle sowie zwei Tusche-Zeichnungen, die in ihrer einfachen souveränen Klarheit ohne jede Spaltung zwischen der Farbe und Form den Meister verraten.

Die interessante Ausstellung Raoul Dufy. Les ateliers de Perpignan 1940 – 1950 ist noch bis 4.11.2018 im Musée d’Art Hyacinthe Rigaud, 21 rue Mailly, F 66000 Perpignan, zu sehen. Weitere Informationen unter www.musee-rigaud.fr

—| ioco-art Musée d´Art Hyacinthe Rigaud |—