Paris, Opéra Comique, La Dame Blanche – Francois-Adrien Boieldieu, IOCO Kritik, 27.02.2020

Februar 26, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera Comique

l´Opéra Comique Paris © Sabine Hartl, Olaf-Daniel Meyer

l´Opéra Comique Paris © Sabine Hartl, Olaf-Daniel Meyer

l´Opéra Comique Paris

LA DAME BLANCHE  –  François-Adrien Boieldieu

– ein romantischer Schlossgeist in der Restaurationszeit –

von  Peter M. Peters

La Dame Blanche (1825) erblickte das Licht der Welt in einer Zeit politischer Umwälzungen, inmitten der sogenannten Restauration: nach der blutigen Revolution und dem Kaiserreich Napoleons (1769-1821) kehren die ehemaligen  Bourbonen auf den Thron von Frankreich zurück, in der Gestalt des Charles-Philippe de France, Comte d’Artois, genannt Charles X (1757-1836). Das berühmteste Werk von Boieldieu (1775-1834) wird deshalb immer als emblematisches Kulturbeispiel einer unsicheren und äußerst korrupten Zeit behandelt. Nicht zuletzt auch der geschichtliche Hintergrund der Oper selbst handelt von  alten verlassenen Schlössern und Palästen, von gotischen Ruinen und von der Rückkehr eines Vertriebenen. Es ist die Zeit in der tausende von Immigranten in ihr ehemaliges Land wiederkehren, indem sie jedoch vergebens nach ihren ehemaligen aristokratischen Privilegien suchen. Denn inzwischen hatte sich ein neureiches Großbürgertum etabliert, sodass für sie kein Platz mehr übrig war außer ihren verfallenen Prachtresidenzen.

La Dame Blanche – François-Adrien Boieldieu
youtube Trailer der Opéra Comic, Paris
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die Epoche der Romantik in Musik und Literatur hatte eine Vorliebe für übernatürliche Geschichten, indem es nur so wimmelte von Gespenstern und schwarzen Mächten, und das besonders in England und Deutschland. In Frankreich mochte man mehr das reelle phantastische Abendteuer mit Menschen aus Fleisch und Blut, dagegen lachte man über übernatürliche Kräfte. Dennoch war es große Mode die englische und deutsche Literatur zu verschlingen. In der Entstehungszeit der Oper las man mit Vorliebe die Romane des schottischen Dichters Sir Walter Scott (1771-1832). Und so schrieb der französische Librettist Eugène Scribe (1791-1861) ein Opernlibretto nach den Romanen von Scott Guy Mannering und The Monastery im Zeitgeschmack mit viel Nervenkitzel und Gänsehauteffekten, aber auch mit viel Humor und Leichtigkeit.

Die Oper wurde ein Riesenerfolg und wurde alleine an der Opéra Comique Paris seit der Premiere bis ins Jahr 1914 nicht weniger als 1675 mal gespielt, dann verschwand das Werk für lange Zeit und erst vor einigen Jahren wurden einige schüchterne Versuche zur Wiederbelebung gemacht. Carl Maria von Weber (1786-1826) auf einer Reise nach London weilte einige Tage in Paris (1826) und schrieb mit Begeisterung nach einer Opernaufführung der Weißen Dame einen Brief an seinen Freund Theodor Hell, Librettist und Übersetzer (1775-1824): „Was für ein Charme !Was für ein Geist !“ Jedoch Franz Liszt (1811-1886) schrieb einen Artikel über die “Dame“ in die Neue Zeitschrift für Musik (Nr 46 -1854), die mit dem Satz endet: „La Dame Blanche wurde schon alleine 777 mal in dem Theater gespielt, für das es geschrieben wurde. Wir können aber nicht garantieren das es im Jahre 1925 (!) noch im Spielplan ist. Womöglich ist es schon zu spät die vertretenen Pfade weiter zu benutzen.“ Was für eine intelligente und hellseherische Analyse über die Gattung „opéra-comique“!

Mit der Neuinszenierung an der Pariser Opéra Comique wird sich zeigen ob das Werk einen festen Platz im Repertoire verdient oder nur als ein seltenes und einmaliges Museumsstück behandelt wird und bald wieder in die verstaubten Schubladen des Vergessens endet?

Opéra Comic, Paris / La Dame Blanche © Christophe Raynaud de Lage

Opéra Comic, Paris / La Dame Blanche © Christophe Raynaud de Lage

La Dame Blanche – Premiere 20. Februar 2020  –  Opéra Comique,  Paris

Noch inmitten der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang und man sieht eine bläuliche Videolandschaft mit dunkelblauem Sternenhimmel und Mondsichelgesicht, im Hintergrund ein gotisches Schloss inmitten der schottischen Highlands. Über allem wacht die weiße Video-Dame, die uns im Rhythmus der Musik tänzerisch mit schottischer Folklore verzaubern will. Leider bleibt es bei einer lächerlichen billigen und kitschigen Postkartenromantik im Stil einer Werbung für Lidl-Billig-Reisen.

Der folgende erste Akt spielt praktisch im gleichen bläulichen Dekor, nur zusätzlich erblickt man  eine aus großen Felsbrocken geformte Hütte, die wohl das Highland-Wohnhaus des reichen Bauern Dickson und seiner Frau Jenny sein soll. Die phantasievolle Bühnendekoration hat sich wohl irrtümlicher Weise vom 18. Jahrhundert in die Eiszeit begeben und bietet uns eine pittoreske Neandertalbehausung an? Das Ehepaar sucht verzweifelt einen Taufpaten für ihr neugeborenes Kind. Auf dem Vorplatz treffen sich alle Freunde und Dorfbewohner um eine Lösung zu finden. Im ersten Augenblick hofft man auf eine entstaubte glaubwürdige Inszenierung, denn das sieht alles sehr lebendig und natürlich aus. Aber dann kommt die Enttäuschung: Warum steht plötzlich der Chor in einer Reihe standhaft statisch wie eine feste Mauer, singt ohne den kleinen Finger zu rühren und verlässt dann steif die Bühne? Das Spiel der Sängerschauspieler ist künstlich und man denkt an ein Wachsfigurenkabinett, indem die Puppen wie auf einem Schachbrett ausgetauscht werden. Mit dem Eintritt des jungen Offizier Georges Brown wird die Handlung für einige Minuten erfrischend, auch hat unser Ehepaar einen Taufzeugen gefunden. Brown hat es in die Highlands verschlagen ohne zu wissen warum und weshalb er hier gelandet ist.

Opéra Comic, Paris / La Dame Blanche © Christophe Raynaud de Lage

Opéra Comic, Paris / La Dame Blanche © Christophe Raynaud de Lage

Der 2. Akt: ein gotischer Raum in einem Nebengebäude des Schlosses. Die alte Amme der vertriebenen ehemaligen Schlossbesitzer träumt versonnen von vergangenen glorreichen Zeiten, dabei dreht sie langsam das Spinnrad. Irgendwie haben wir das Gefühl das sich hier die Gebrüder Grimm verirrt haben und das sie das alternde Schneewittchen dort vergessen haben! Der ehemalige Schlossverwalter Gavestone ist ein korrupter machtgieriger Bösewicht, der mit Ungeduld die Versteigerung des Schlosses zu seinen Gunsten erwartet. Mit der jungen quirligen Anna, Adoptivtochter der letzten Schlossbesitzer, kommt ein wenig Frische und Bewegung in das Haus. Sie hegt seit langem einen verwegenen Plan, denn die mutige junge Frau will auf jeden Preis den Besitz für den einzigen Erben Julian erhalten und auch gleichzeitig ihre Jugenderinnerungen zurück gewinnen. Spätestens hier begreifen wir das die furchterregende Dame Blanche kein anderer als die kokette sympathische Anna ist. Jetzt erscheint auch Georges, der wie versessen nach seinen verlorenen Erinnerungen sucht, er will die Weiße Dame um Mitternacht erwarten. Für die Versteigerung erscheinen auch alle Dorfbewohner, denn mit dem Verkauf ist auch ihr Schicksal besiegelt, da das Dorf zum Anwesen des Schlosses gehört. Wir sind sehr verwundert über die kostbaren eleganten Kleider und Kostüme dieser bäuerlichen Gesellschaft und wir sagen uns, da stimmt doch etwas nicht. Sind wir in die letzte Modenschau von Dior gelandet oder im noch nicht bestehenden Agrarmuseum? Der Besitz wird fast von Gavestone ersteigert, aber da erscheint Georges und bietet entschieden mehr und somit wird er Besitzer. Dieser zweite Akt ist dramatisch und musikalisch sehr gelungen von Seiten des Komponisten und Librettisten.

Auch der dritte Akt ist in diese düstere tintenblaue Farbe getunkt, wahrscheinlich wird Schottland so von dem Inszenierungsteam gesehen. Die Stunde naht, indem der Käufer des Anwesens das Geld an den königlichen Friedensrichter Mac-Irton abliefern muss. Jedoch der naive draufgängerische Georges sah das alles als ein Spiel an, denn er hat keinen einzigen Dukaten in der Tasche. Somit heißt das Gefängnisstrafe für unseren Möchtegern, jedoch im letzten Moment erscheint die Weiße Dame alias Anna und überreicht die Geldsumme an den Staatsvertreter, denn sie hat nach langem Suchen endlich den versteckten Schatz der geflohenen  Besitzer gefunden. Das große Opern-Happy End ist vollbracht: Anna erkennt in Georges den vermissten Julian und da sie schon in der Jugend heimlich miteinander flirteten, fallen sie sich natürlicherweise verliebt in die Arme.

Opéra Comic, Paris / La Dame Blanche © Christophe Raynaud de Lage

Opéra Comic, Paris / La Dame Blanche © Christophe Raynaud de Lage

Schon oft haben uns gute Theaterregisseure bei ihrem ersten Opernabendteuer sehr enttäuscht, denn sie nehmen das Objekt zu ernst und das Material wird mit zu großer Ehrfurcht behandelt, indem sie alles Wort bei Wort nehmen und vom Libretto ablesen. Und genau das hat sich hier ereignet: Die junge talentierte Regisseurin Pauline Bureau hat sich dermaßen an das Libretto geklammert, sodass keinerlei wirkliche Vision entstehen konnte. Uns erscheint alles schablonenhaft

steif und unecht und die Bühnenpersonen scheinen nicht zu atmen. Auch die Bühnenbildnerin Emmanuelle Roy, die Kostümbildnerin Alice Touvet und die Videokünstlerin Nathalie Cabrol, das gesamte Produktionteam war unserer Meinung ein wenig zu viel in Disneyland. Das Werk Boieldieus hat unserer Meinung doch entschieden mehr Qualitäten und mit einer resoluten wagnisreichen Regietheater-Inszenierung könnte die Oper aus der Schublade des Vergessens ins 21. Jahrhundert gerettet werden. Aber mit dieser kitschigen Postkartenromantik wird Franz Liszt wohl recht behalten, denn diese alten Pfade sind schon zu viel benutzt worden und sind bis zur Unkenntlichkeit zertrampelt.

Auf der musikalischen Seite sieht das Blatt ganz anders aus: Der junge Dirigent Julien Leroy lässt mit viel Feingefühl, ohne ins Sentimentale abzurutschen, das delikate berauschende Parfüm der Partitur voll erklingen. Das ausgezeichnete Orchestre National d’Île de France und der Chor Les Éléments waren in ihrem Element und gaben alles was zu geben war.

Die Rolle des Georges Brown alias Julian wurde hinreißend von dem Tenor Philippe Talbot gesungen und er sparte nicht mit dem hohem allerhöchsten C. Seine nicht sehr große Stimme hatte jedoch die nötige Kraft alle Hürden zu meistern und kam mit Leichtigkeit über die Bühnenrampe. Sein ausgeprägtes schauspielerisches Talent durchdrang die vielen Facetten seiner Rolle. Seine Arie „Ah! Quel plaisir d’étre soldat!“ im 1. Akt, sowie die Kavatine „Viens, gentille Dame“ im 2. Akt, sang er mit Bravour und Feingefühl.

Die wohl beste Leistung lieferte die Sopranistin Elsa Benoit, indem sie glaubwürdig die Rolle der jungen mutigen Anna interpretierte und das im musikalischen sowie auch im schauspielerischen Sinne. Das schlanke Timbre verbunden mit einer äußerst dramatischen Stimme zeigt die ganze Bandbreite dieser komplexen Person. Ihre große Arie im 2.Akt „Enfin, je vous revois, séjour de mon enfance“, sowie das Duett mit Georges „Ce domaine est celui des comtes d’Avenel“ wird mit Nostalgie und Leidenschaft vorgetragen. Leider hören die Pariser diese wunderbare Stimme nicht viel, denn die Sängerin arbeitet viel im Ausland und ist Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper München.

Der Bass-Bariton Jérôme Boutiller singt Gavestone mit einer finsteren autoritären Stimmlage, die sehr geeignet ist für diese Rolle, jedoch vom schauspielerischen macht er ein wenig zu viel. Es wird eine Karikatur eines Bösewicht vom Dienst, der ungezwungen mit seiner Lederpeitsche in sadistischer Manier fuchtelt. In dem Trio mit Anna und Marguerite (2. Akt) „C’est la cloche de la tourelle“ zeigt er ideal den ganzen dämonischen Charakter seiner Rolle.

Dickson wird von Yann Beuron ideal interpretiert, indem er die joviale selbstgefällige Person des reich gewordenen Bauern außerordentlich gut zeichnet. „Grand Dieu! Que viens-je donc d’entendre?“ (Trio im 1. Akt mit Georges und Jenny) ist eine feine musikalische Studie. Der ehemalige lyrische Tenor hat inzwischen seine Stimmlage geändert und er singt nun als sogenannter Charaktertenor mit einem baritonalen Timbre.

Jenny, seine Frau wird von der Sopranistin Sophie Marin-Degor gesungen. Leider in den Höhen ist ihr Sopran mitunter sehr schrill und es wird das Gegenteil von einem Ohrenschmaus. Ihre einzige Ballade im 1. Akt  „D’ici voyez ce beau domaine“ interpretiert die Sängerin jedoch mit viel Charme und Sensibilität.

Die Mezzosopranistin Aude Extrémo zeichnet die alte Amme Marguerite mit ihrem tiefen fast im Alt liegende Timbre im Stil russischer Opern-Ammen: Eleganz, Selbstbewusstsein, Vertrauenswürdigkeit, eben die ganze Palette einer guten Amme. Das Lied im 1. Akt „Pauvre dame Marguerite“ wird in feinen leisen Nuancen von ihr gesungen. In der näheren Vergangenheit war sie eine große Interpretin der fatalen Carmen, jedoch wir haben sie leider nie gehört.

Der korrupte Friedensrichter Mac-Irton wird adäquat von Yoann Dubruque mit einem edlen Bariton interpretiert. Im großen Final „Voici midi: la somme est-elle prête?“ ist eine der wenigen Momente, indem der Sänger sein schönes Timbre erklingen lässt.

Musikalisch ist diese Produktion äußerst gut gelungen und jeder Musikliebhaber konnte zufrieden und glücklich nach Hause gehen

La Dame Blanche an der Opéra Comic, Paris; die weiteren Termine:  28.2.; 1.3.2020

–| IOCO Kritik Opera Comique Paris |—

Dortmund, Oper Dortmund, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 22.12.2019

Dezember 22, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Personalie, Theater Dortmund

pic25423

Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

LOHENGRIN  –  Richard Wagner

– Ein Schwan ist kein Taxi! –

von Karin Hasenstein

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Foyer der Oper Dortmund wurde die Rezensentin Zeuge einer Unterhaltung zwischen zwei Damen, beide offenbar langjährige und erfahrene Opernbesucherinnen. Nachdem sie aufmerksam der Einführung durch die junge Dramaturgin gelauscht hatten, trieb einzig sie die Frage um, wie der Regisseur das denn wohl mit dem Schwan macht. Man hätte ja schon die dollsten Sachen erlebt, immer dieses Regietheater heutzutage und diese neumodischen Einfälle… still in sich hineinschmunzelnd entfernte sich die Rezensentin Richtung Zuschauerraum, um der Lösung des Rätsels zu harren.

Doch zunächst trat der Intendant der Oper Dortmund vor den Vorhang, um eine Besetzungsänderung bekanntzugeben. Für die leider sehr kurzfristig erkrankte Sängerin der Ortrud, Stéphanie Müther, konnte glücklicherweise die erfahrende Wagner-Sängerin Sabine Hogrefe einspringen. Wer sich im Opernbetrieb auch nur ein bisschen auskennt, vermag zu ermessen, was es bedeutet, am Vorstellungstag um 11 Uhr in eine unbekannte Inszenierung eingewiesen zu werden und um 15 Uhr die Vorstellung zu singen UND zu spielen! Alleine dafür gebührt Frau Hogrefe allergrößter Respekt! Dass es damit allein aber nicht getan war, dazu später mehr.

1. Akt:    Nach wenigen Takten des Vorspiels hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eines der breitesten Bühnenportale der Republik. Links im Hintergrund sehen wir einen angedeuteten Raum mit linker Wand und Hinterwand, die anderen Seiten sind offen. Der Blick in das Zimmer offenbart ein Bett, an der Wand darüber einige gerahmte Fotografien, neben dem Fenster ein Stuhl und Frisiertisch, auch darüber zwei Bilderrahmen und ein kleines Horn an einer Schnur.

In dieser sparsam ausgeleuchteten Szene sehen wir Elsa betend auf dem Bett. Sie steht auf und tritt ans Fenster und parallel dazu sehen wir in einer Projektion die Perspektive von oben, der Blick auf Elsa, die auf dem Bett liegt, aber nicht schläft. Zusätzlich wird dieses Bild nun noch herangezoomt.

Lohengrin von Richard Wagner
youtube Trailer Oper Dortmund
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Im Vordergrund bis in die Tiefe der Bühne ziehen sich Stoppeln wie von Stroh oder Schilf. Es sind keine Felder, eher Reihen, und sie erinnern ein wenig an das Bühnenbild des Lohengrin der Mailänder Scala mit Jonas Kaufmann (Regie Claus Guth)

Bei den Kostümen (Jessica Rockstroh) der Solisten dominiert die Farbe Schwarz. Die Männer tragen unterschiedliche Anzüge beziehungsweise Telramund einen Gehrock, der Heerrufer des Königs einen Frack und der König selbst einen Dreiteiler. Die Damen tragen lange Kleider, hochgeschlossen, elegant aber dennoch streng. Zeitlich ist der Stil um die Jahrhundertwende 19./ 20. Jahrhundert einzuordnen, eine Mode, wie sie das gehobene Bürgertum getragen hat bis hin zum einfachen Adel. Eine starke Assoziation zum Film „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ von Michael Haneke drängt sich auf.

Der Einzige, der aus dieser Kleiderordnung heraus fällt, ist Lohengrin. Er trägt eine lange schwarze Hose, dazu ein weißes Hemd, die langen Ärmel aufgekrempelt. Er hat im ersten Akt keine Jacke und ist barfuß. Damit hebt er sich deutlich von allen anderen Personen ab. Die Chordamen und -herren sind ähnlich den Solisten in schwarze lange Kleider und schwarze Anzüge gekleidet.

Das nur 75 Takte lange Vorspiel (erstmals als solches bezeichnet und nicht mehr als Ouvertüre), von GMD Gabriel Feltz ruhig und unaufgeregt angelegt, leitet über zur ersten Szene des ersten Aktes. Das Tempo ist sehr ruhig, getragen aber dennoch fließend, ja: organisch. Die achtfach geteilte Violinen sind gut durchhörbar, sehr deutlich hervorgehoben die Stimmen der Holzbläser, hier vor allem die Flöten.  Der Heerrufer tritt auf und parallel dazu sehen wir eine Videoeinblendung mit dem Text „Es war einmal…“ – so fangen viele Märchen an…

Der Chor ist im Zuschauerraum positioniert, auf den rechten und linken Rängen, und mit ihm die Trompeten. Die Bühnenmusik wurde unter anderem verstärkt durch die Trompeter der Bielefelder Philharmoniker. Was für die Trompeten kein Problem darstellt, sollte sich im Laufe des Abends für den Chor doch wiederholt als Falle herausstellen. Hier kam es leider mehrfach aufgrund mangelnder Sichtachse zum Dirigenten (oder schlicht aufgrund der Übertragungsverzögerung zum Monitor) zu Synchronizitätsproblemen zwischen Graben und Rang.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Der Heerrufer (ausdruckstark in Gesang und Spiel: Morgan Moody) richtet das Wort an die Brabanter, dabei wird der Gesang immer wieder von starren, manieriert wirkenden Gesten unterstrichen.  Nachdem die Brabanter ihrem König Heinrich die Gefolgschaft versichern (eindrücklich der Herrenchor: „Wohlauf, [mit Gott] für deutsches Reiches Ehr!“) klagt Friedrich Graf von Telramund die Tochter des Herzogs von Brabant, Elsa, des Mordes an ihrem Bruder Gottfried an („Nun führ‘ ich Klage wider Elsa von Brabant, des Brudermordes zeih‘ ich sie“).

Die nun folgende Chorstellen „Ha, schwere Schuld zeiht Telramund...“ zeigen, dass der Chor von Fabio Mancini sicher einstudiert wurde, denn vom feierlichen Piano bis zum scharfen Fortissimo bei „Nicht eh’r zur Scheide kehr‘ das Schwert, bis ihm durch Urteil Recht gewährt!“ wird die ganze Dynamik differenziert ausgenutzt.  Der Chor beginnt auch in der zweiten Szene im Piano mit „Seht hin! Sie naht, die hart Beklagte!“ und geht dann in der Dynamik noch weiter zurück ins Pianissimo bei „Träumt sie? Ist sie entrückt?“

Bei „In lichter Waffen Scheine“ sind die akustischen Effekte aus dem Rängen sehr eindrücklich und wirkungsvoll eingesetzt. Die Deklamation im Chor und das Piano des Orchesters machen diese Stelle zu einem der ersten musikalischen Glücksmomente des Abends. Dem schließt sich mit „Des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein!“ gleich der nächste an. Die junge schwedische Sopranistin Christina Nilsson gibt mit der Elsa in Dortmund ihr Rollendebüt. Das macht sie so überzeugend, dass man ihr das naive Mädchen, das von der Anklage des Telramund unvermittelt getroffen wird, ohne weiteres abkauft.

Der Regisseur Ingo Kerkhof erzählt die ganze Geschichte aus Elsas Sicht, im Grunde ist sie die zentrale Figur der Handlung. Die anderen Personen nehmen mit ihrem Handeln auf unterschiedliche Weise Einfluss auf sie, angefangen bei Telramund über den König mit dem Gottesgericht, dann Ortrud und schließlich und ganz zentral der fremde Schwanenritter, Lohengrin selbst.  Das ist nicht neu und mit dem Frageverbot als zentralem Punkt der Oper gewissermaßen werkimmanent.

Dazu passt, dass wir als einziges gestaltendes Element Elsas Zimmer auf der Bühne haben. Es gibt im zweiten Akt kein Münster oder irgendwelche anderen Orte, die Gestalt annehmen. Fast scheint es, als ob alles nur in Elsas Phantasie spielt. „In lichter Waffen Scheine ein Ritter nahte da“ oder auch „Des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein“ könnte Elsas Traumwelt entstammen. Schließlich sinkt sie im Gebet nieder „Du trugest zu ihm meine Klage, zu mir trat er auf dein Gebot: o Herr, nun meinem Ritter sage, dass er mir helf‘ in meiner Noth! Lass mich ihn seh’n, wie ich ihn sah, wie ich ihn sah sei er mir nah!“

Die nun folgende Szene hält für viele Zuschauer eine herbe Enttäuschung bereit, so wohl auch für die beiden eingangs erwähnten älteren Damen. „Welch ein seltsam Wunder! Wie? Ein Schwan? Ein Schwan zieht einen Nachen dort heran! Ein Ritter drin! Ein Ritter hoch aufgerichtet steht! Wie glänzt sein Waffenschmuck!“ Soweit das Libretto. Den Gefallen tut Kerkhof uns aber nicht. Kein Schwan, auch kein ganz kleiner, nichtmal ein Nachen, nichts dergleichen. Der Ritter ohne Rüstung, ohne Glanz und ohne Waffen kommt… zu Fuß?!

Ein Blick ins Programmheft, doch, Lohengrin. Hm. Aber ohne Schwan. Kann ja nichts draus werden. Oder doch? Ein Schwanenritter ohne Schwan? Lediglich die Gardine vor Elsas Fenster bauscht sich etwas auf, ein Lichtschein fällt hinein, das ist aber auch schon alles.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Der fremde Ritter bedankt sich bei dem fürs Publikum unsichtbaren Schwanentaxi „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!“, worauf der Chor hier eigentlich sehr schlüssig kommentiert „Wie fasst uns selig süßes Grauen, welch holde Macht hält uns gebannt?“ Dass der Gesang an dieser Stelle etwas künstlich wirkt, passt eigentlich sehr gut zu dieser mysteriösen Erscheinung.

Alle verlassen das Zimmer, nur Elsa bleibt zurück. Erstmals richtet der fremde Ritter, den sie sich herbeigeträumt hat, das Wort an sie: „So sprich denn, Elsa von Brabant! Wenn ich zum Streiter dir ernannt, willst du wohl ohne Bang‘ und Grau’n dich meinem Schutze anvertrau’n? (…) Wenn ich im Kampfe für dich siege, willst du, dass ich dein Gatte sei?“ Ohne zu überlegen, bestätigt Elsa das: „Wie ich zu deinen Füßen liege, geb‘ ich dir Leib und Seele frei.“

Bei Lohengrins Frage geht das Licht aus und als er seine Forderung stellt „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam‘ und Art!“ verschwindet Elsas Zimmer ganz langsam aus dem Blick der Zuschauer in die schwarzen Tiefen der Hinterbühne. Damit hat Elsa jede Verbindung zu ihrer alten Welt gekappt, jeden Bezugspunkt verloren. Alle anderen handelnden Personen sind schon lange und beinahe unbemerkt abgegangen, sie ist mit Lohengrin alleine auf der leeren Bühne, der Chor kommentiert einer griechischen Tragödie gleich das Schicksal, das hier gerade besiegelt wird.

Elsa hat also den Ritter aus ihrem Traum gefunden und dieser ist tatsächlich bereit, für sie zu streiten. Immerhin stellt sie ihm die Krone in ihres Vaters Reich in Aussicht inklusive ihrer selbst. Im nun folgenden Kampf des Gottesgerichts tritt Lohengrin gegen seinen Herausforderer Telramund an und siegt seinem Auftrag und seiner Bestimmung gemäß. „Durch Gottes Sieg ist jetzt dein Leben mein: ich schenk‘ es dir, mögst du der Reu‘ es wei’hn!“

Während der Kampfszene sehen wir auf einer Gaze, die vor die Szene gesenkt wird, zunächst die Projektion einer Textstelle aus dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ der Gebrüder Grimm.

Man muss nicht erst bei Eugen Drewermann nachlesen, um die Bedeutung hinter der Psychologie dieses Märchens und die Analogie zwischen Elsa und dem Schwesterchen aus dem Märchen herzustellen. Im Märchen geht es um ein Entwicklungsdrama, wie auch in Wagners Opernlibretto. Die Hauptperson ist das Schwesterchen, in der Oper ist es in dieser Deutung von Kerkhof die Elsa. Es geht um die gefahrvolle Reifung eines Mädchens zur erwachsenen liebenden Frau. Das Brüderchen wird zu einem Teil der Seele des Mädchens, welche die unstillbare Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit verkörpert. Elsa wird Lohengrin zur Frau versprochen, so werden die Beiden ein Teil.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Dass es im Brautgemach nicht zur tatsächlichen Vereinigung kommt, ist dabei nicht mehr wichtig. Elsa sieht Lohengrin als „mein Schirm, mein Engel, mein Erlöser!“ worauf Lohengrin bekennt „Elsa, ich liebe dich!“ Der vom Gral gesandte Ritter verliebt sich stehenden Fußes in eine ihm unbekannte junge Frau. Das gibt es doch eigentlich auch nur im Märchen – oder in der Oper.

In der Videosequenz sehen wir Brüderchen und Schwesterchen (die junge Elsa und den kleinen Gottfried) am Tisch sitzen und Suppe löffeln. Plötzlich fischt der Junge einen Gegenstand aus der Suppe, bei genauem Hinsehen entpuppt sich dieser als ein Federball. Die Kinder werfen sich den Federball zu, albern herum.  Währenddessen sitzt die reale Elsa auf der Bühne am Tisch – allein. Denn der Bruder ist ja verschwunden.

Das Mädchen Elsa wächst gespalten auf. Es fehlt die Vaterfigur, in Ortrud erfährt die Heranwachsende nur Abneigung. Elsa versucht ängstlich, das schwesternhafte Ich zu bewahren, gleichzeitig aber drängt das pubertierende Mädchen wie ein junges Tier ins Freie und will (im Märchen) in ihrer neuen Rehgestalt gejagt und gezähmt werden. Aber wie kann ihr nun Erlösung zuteil werden?  Die Antwort liegt nahe: in Gestalt des Schwanenritters aus ihrem Traum. Der hat nun ganz real den Ankläger geschlagen und damit den Gotteskampf für sich entschieden.

Diese Schlüsselszene hat Wagner, nebenbei bemerkt, in ein ausgesprochen kunstvolles Quintett verpackt und noch dazu mit einem Chor unterlegt. Man sollte sich wirklich einmal die Mühe machen und alle fünf Solostimmen einzeln im Libretto verfolgen. Wie dieses Ensemble gebaut ist, erinnert sehr an die Soloquintette aus Mozarts Opern.

Als der Chor singt „Des Reinen Arm gib Heldenkraft“ wird im Video überblendet und aus den Kindern am Tisch werden die Erwachsenen. Aus Brüderchen und Schwesterchen werden Lohengrin und Elsa.

Der Damenchor singt „Mein Herr und Gott! Du kündest nun dein wahr‘ Gericht, (…) mein Herr, mein Herr, drum zag‘ ich nicht!“  Lohengrin stellt fest „Durch Gottes Sieg ist nun dein Leben mein: ich schenk‘ es dir, mögst du der Reu‘ es weih’n!

Der König und der Herrenchor beschließen mit „Ertöne, ertöne, Siegesweise, dem Helden laut zum Preise! Heil deiner Fahrt, Heil deinem Kommen…!“   Elsa und Lohengrin küssen sich, der Vorhang fällt.

 Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

2.  AKT:   Nach dem kurzen Vorspiel befinden wir uns wieder in Elsas Zimmer. Das Licht ist stark gedämpft. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir die Gestalt auf Elsas Bett, es ist Ortrud, die eine postkoitale Zigarette raucht. Telramund kleidet sich wieder an, wobei er Ortrud auffordert „Erhebe dich, Genossin meiner Schmach! Der junge Tag darf hier uns nicht mehr seh’n!“ worauf Ortrud erwidert „Ich kann nicht fort: hieher bin ich gebannt. Aus diesem Glanz des Festes unsrer Feinde lass‘ saugen mich ein furchtbar tödtlich Gift, das unsre Schmach und ihre Freuden ende!“

Telramund fällt erneut über sie her „Du fürchterliches Weib! Was bannt mich noch in deine Nähe? Warum lass ich dich nicht allein und fliehe fort, dahin, dahin, wo mein Gewissen Ruhe wieder fänd!“  Darin liegt Telramunds Schicksal, zuerst unterliegt er dem fremden Ritter im Kampf, jetzt ist er nicht einmal in der Lage, seine Frau zu verlassen.

Joachim Goltz versteht es meisterlich, die tiefe Verzweiflung Telramunds zu verdeutlichen. Sein  „Durch dich musst‘ ich verlieren mein‘ Ehr‘, all meinen Ruhm, nie soll mich Lob mehr zieren, Schmach ist mein Heldenthum! Die Acht ist mir gesprochen, zertrümmert liegt mein Schwert, mein Wappen ward zerbrochen, verflucht mein Vaterheerd! … Mein Ehr‘, mein Ehr‘ hab ich verloren, mein Ehr‘, mein Ehr‘ ist hin!“ gelingt eindrucksvoll und ausgesprochen authentisch. Er kann Ortrud nicht verlassen, noch umbringen, ist er doch durch den Kampf auch seines Schwertes beraubt: „Dass mir die Waffe selbst geraubt, mit der ich dich erschlüg!“ So bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich Ortruds Zauberkräften anzuvertrauen. Die Lösung seiner Misere liegt in einem Zauber: „Du wilde Seherin, wie willst du doch geheimnisvoll den Geist mir neu berücken?“

Ortrud weiß Antwort: „Die Schwelger strecken sich zur üpp’gen Ruh‘; setz dich zur Seite mir! Die Stund‘ ist da, wo dir mein Seherauge leuchten soll!“  Damit ist eine weitere Analogie zur Märchenwelt gefunden, Wendung des Schicksals (Gottesgericht) durch finstere Mächte, durch Zauberei.

Selbst wenn „Trug und Zaubers List“ nicht fruchten, „Missglückt’s, so bleibt ein Mittel der Gewalt! Umsonst nicht bin ich in geheimsten Künsten tief erfahren (…)“ Sie erklärt ihm, dass Lohengrins Macht schwindet, wenn es Telramund gelänge, ihm nur einen Finger oder gar nur eines Fingers Glied abzuschlagen.

In dem nun folgenden kurzen Duett „Der Rache Werk sei nun beschworen aus meines Busens wilder Nacht!“ schwören beide Rache den unschuldig Schlafenden. In dieser kurzen Szene entlädt sich die gesamte aufgestaute Frustration und Missgunst gegenüber Elsa und Lohengrin, ihrem vermeintlichen Buhlen.

Sabine Hogrefe geht absolut souverän und professionell mit ihrer Situation als kurzfristige Einspringerin um. Hätte der Intendant diese Information nicht zu Beginn gegeben, niemand im Saal wäre auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, Sabine Hogrefe hätte nicht die gesamte Probenphase über an der perfekten Umsetzung ihrer Rolle gearbeitet!

Zugute kommt ihr dabei sicherlich ihre langjährige Erfahrung an Bühnen wie Stuttgart, Mannheim, Frankfurt, München, Nantes, Dijon und als Brünnhilde bei den Bayreuther Festspielen 2010 unter Christian Thielemann. Darüber hinaus kann sie sich auf das gesamte Solisten-Ensemble und hier ganz besonders auf ihren Partner Joachim Goltz verlassen. Beide harmonieren darstellerisch wie stimmlich ganz ausgezeichnet und sind in ihrem Rache-Duett geradezu furchteinflößend authentisch.

Sabine Hogrefe kann als Ortrud ihre warme Mittellage optimal zur Geltung bringen, die gut ausgebaute gesunde Höhe ist glasklar mit einem guten Metallanteil und der nötigen Schärfe an den richtigen Stellen. Ihr „Entweihte Götter! Helft jetzt meiner Rache!“ lässt einem das Blut auf faszinierende Weise in den Adern gefrieren. Selbst hier gelingt es ihr noch, dass der Zuschauer Sympathie für Ortrud empfindet. Diese Stelle, an der nicht wenige Sopranistinnen an ihre Grenzen kommen, kostet Sabine Hogrefe richtig aus. Ihre Anrufung der Götter, „Wodan! Dich Starken rufe ich! Freia! Erhab’ne, höre mich! Segnet mir Trug‘ und Heuchelei, dass glücklich meine Rache sei!“ ist eine wahre Klangorgie im Fortissimo. Ganz professionell, souverän, einfach beeindruckend.

Während dieser Anrufung fährt Elsas Zimmer zurück auf die Hinterbühne und entzieht Telramund so ihren Blicken. Ortrud hat Elsa mit ihren Schmeicheleien derart berückt, dass diese scheinbar bedenkenlos das Messer annimmt, das Ortrud ihr reicht. „Du Ärmste kannst wohl nie ermessen, wie zweifellos mein Herze liebt? Du hast wohl nie das Glück besessen, das sich uns nur durch Liebe giebt? Kehr‘ bei mir ein! Lass mich dich lehren, wie süß die Wonne reinster Treu! Lass zu dem Glauben dich bekehren: es giebt ein Glück, es giebt ein Glück, das ohne Reu‘!“  Ortrud fällt in ihren Gesang ein, jedoch mit einem gänzlich anderen Text.  „Ha! Dieser Stolz, er soll mich lehren wie ich bekämpfe ihre Treu‘, er soll’s mich lehren! Gen ihn will ich die Waffen kehren, durch ihren Hochmuth werd‘ ihr Reu‘ (…)“

Es ist faszinierend, wie Wagner hier zwei so unterschiedliche Aussagen und Stimmungen mit ein- und derselben Musik unterlegt. Je nachdem, auf welche Stimme man sich mehr konzentriert, erhält das Duett einen ganz anderen Charakter. Hervorzuheben seien hier noch insbesondere die tiefen Streicher, die klangschön und transparent im Orchesterklang hervortreten.

Ortrud geht nach hinten ab, Telramund kommt zu Elsa und stellt fest „So zieht das Unheil in dies Haus! Vollführe, Weib, was deine List ersonnen, dein Werk zu hemmen fühl‘ ich keine Macht.“  Im Hintergrund erscheint wieder Elsas Zimmer. Auf den Rängen erklingen wieder zwei Gruppen von Trompeten (von Wagner als „auf dem Thurme“ und „entfernt“ angegeben). Der gewünschte Effekt wird hier durch die Positionierung auf den Rängen und aus dem Foyer erreicht.

Erst spät nehmen die Augen im rechten hinteren Drittel der halbdunklen Bühne ein Rehkitz wahr, das Rehlein aus dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen„. Hier wird wieder die Deutung von Elsa als gejagte Beute nahegelegt, während in der Fassung der Gebrüder Grimm das Brüderchen die Gestalt des Rehleins annimmt. Elsa betritt ihr Zimmer, in dem sich eben noch Ortrud und Telramund vergnügt haben. Angewidert zieht sie ihr Bett ab und wirft die Bettwäsche zu Boden. Dabei findet sie ein Brautkleid und einen Schleier unter der Matratze. Parallel dazu wird wieder ein Text auf der heruntergelassenen Gaze eingeblendet: „Am Ufer harrt mein Schwesterlein, das muss von mir getröstet sein.“

Der vollständige Text lautet: „Leb‘ wohl, du wilde Wasserfluth, die mich so weit getragen hat! Leb‘ wohl, du Welle, blank und rein, durch die mein weiß Gefieder glitt. Am Ufer harrt mein Schwesterlein, das muss von mir getröstet sein!“ Den hier nicht genannten Titel „Der ausgelassene Gesang des Schwanes aus Lohengrin“ teilte Richard Wagner seiner Schwester Cäcilie in einem Brief vom 15. September 1853 mit. Daran schließt sich der stattliche Herrenchor an „In Früh‘ versammelt uns der Ruf, gar viel verheißet wohl der Tag!“

Der Heerufer tritt auf und verkündet, dass Friedrich Graf von Telramund in Acht und Bann geschlagen wurde und dass jedem dasselbe Schicksal droht, der sich ihm nähert. Währenddessen näht Elsa still an ihrem Hochzeitskleid. Des Weiteren erklärt der Heerrufer, dass der „fremde, gottgesandte Mann“ mit Land und Krone von Brabant belehnt wird. Sein Titel soll jedoch nicht König lauten, sondern „Schützer von Brabant“. Die dritte Neuigkeit ist, dass am nächsten Tage Hochzeit gehalten wird und anschließend die Getreuen sich dem Heer des Königs anschließen sollen. Begeistert fallen die Männer ein „Zum Streite säumet nicht, führt euch der Hehre an! Wer muthig mit ihm ficht, dem lacht des Ruhmes Bahn! (…) Gott hat ihn gesandt zur Größe von Brabant (…) von Gott ist er gesandt.“ Danach legen sich die Männer zwischen den Stoppelreihen zur Ruhe.

Der rote Vorhang hebt sich und zum Zwischenspiel zur vierten Szene tritt der Damenchor auf. Ein weißer Vorhang aus Bändern ersetzt den roten und wohl auch das Portal des Münsters. Die Frauen kommen einzeln aus dem Hintergrund und nehmen ihre Plätze auf der Ebene ein. Sie tragen alle lange schwarze Kleider.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Die vier Edelknaben (ideal klangschön und ausgewogen: Rebecca Sörensen, Eunjii Park, Ji-Young Hong, Edvina Vlajevcic) bereiten Elsa den Platz. Sehr zart im Pianissimo folgt der Herrenchor „Gesegnet soll sie schreiten, die lang in Demuth litt; Gott möge sie geleiten, Gott hüte ihren Schritt!“ Die Frauen fallen ein mit „Heil dir, Tugendreiche!“  Elsa nähert sich der Menge, die vor ihr zurückweicht. Sie trägt Brautkleid und Schleier, in der Hand eine Kerze. Alle setzen sich, Kerzen werden durch die Reihen gereicht und angezündet. Das ergibt ein sehr stimmungsvolles anrührendes Bild. Elsa gleicht in ihrem langen schlichten Kleid mit dem Schleier und der Kerze in der Hand stark einer Madonnenfigur oder einem Heiligenbild.

Ortrud erscheint und fordert Elsa auf, ihr den Vortritt ins Münster zu gewähren. „Weil eine Stund‘ ich meines Werts vergessen, glaubest du, ich müsste dir nur kriechend nah’n? Mein Leid zu rächen will ich mich vermessen, was mir gebührt, das will ich nun empfah’n!“ Als Elsa nicht gleich einwilligt, fährt Ortrud schwerere Geschütze auf: „Wenn falsch‘ Gericht mir den Gemahl verbannte, war doch sein Nam‘ im Lande hochgeehrt; als aller Tugend Preis man ihn nur nannte, gekannt, gefürchtet war sein tapf’res Schwert. Der Deine, sag! wer sollte hier ihn kennen, vermagst doch du selbst den Namen nicht zu nennen!“

Damit pflanzt sie den Zweifel in Elsa, die versprochen hat, den fremden Ritter nicht nach Name, Art und Herkunft zu fragen. Sogleich verteidigt sie ihn: „So rein und edel ist sein Wesen, so tugendreich der hehre Mann, dass nie des Unheils soll genesen, wer seiner Sendung zweifeln kann! Hat nicht durch Gott im Kampf geschlagen mein theurer Held den Gatten dein? Nun sollt nach Recht ihr Alle sagen, wer kann da nur der Reine sein?“

Der König und Lohengrin erscheinen auf der Szene. Lohengrin verteidigt Elsa gegen Ortrud: „Du fürchterliches Weib, steh‘ ab von ihr! Hier wird dir nimmer Sieg!“ Doch nun ergreift Telramund das Wort und dreht den Spieß um: „Den dort im Glanz ich vor mir sehe, den klage ich des Zaubers an! (…) Die Frage nun sollt ihr nicht wehren, dass sie ihm jetzt von mir gestellt: nach Namen, Stand und Ehren frag‘ ich ihn laut vor aller Welt! Wer ist er, der ans Land geschwommen, gezogen von einem wilden Schwan? Wem solche Zauberthiere frommen, dess‘ Reinheit achte ich für Wahn!“

Lohengrin erwidert, dass er Telramund keine Antwort geben wird, ja, nicht einmal dem König. „Nur Eine ist’s, der muss ich Antwort geben: Elsa… Elsa! Wie seh‘ ich sie erbeben!“ Ortrud spürt, dass ihr finsterer Plan aufgeht: „In wildem Brüten darf ich sie gewahren; der Zweifel keimt in ihres Herzens Grund.“ Auch Lohengrin scheint sich Elsas Standfestigkeit nicht mehr sicher zu sein: „O Himmel! Schirm‘, o schirme ihr Herz vor Gefahren, nie werde Zweifel dieser Reinen kund!Ortrud und Telramund haben nun denselben Text: „Er ist besiegt, wird ihm (von ihr) die Frage kund!“ Der König versichert Lohengrin seines Schutzes: „Wir schirmen ihn, den Edlen, vor Gefahren; durch seine That ward uns sein Adel kund!“

Auch dieses Solisten-Ensemble mit unterlegtem Chor ist es wert, sich jede Stimme in Melodie und Text einmal näher anzuschauen. Immer wieder erinnern die Quartette und Quintette bei Wagner von der Bauweise sehr an Ensembles in Mozarts Opern wie in der Zauberflöte. Auch hier sind sie stets an zentralen Stellen großer Gefahr oder schicksalhafter Wendungen zu finden.

Zum Zeichen, dass er ihr vertraut, fordert Lohengrin Elsa auf: „Elsa, erhebe dich! In deiner Hand, in deiner Treu‘ liegt alles Glückes Pfand! Lässt nicht des Zweifels Macht dich ruh’n? Willst du die Frage an mich thun?“ worauf Elsa erwidert: „Mein Retter, der mir Heil gebracht! Mein Held, in dem ich muss vergeh’n! Hoch über alles Zweifels Macht soll meine Liebe steh’n!“  Nach diesem Bekenntnis ist Lohengrin bereit, mit Elsa vor Gott zu treten. Daniel Behle legt in diese zentrale Phrase so viel Liebe und Gefühl, dass es ungeheuer anrührend wirkt und auch Christina Nilsson ist in diesem Moment ganz und gar Elsa und ihre Liebe ist über jeden Zweifel erhaben.

Der nun folgende Chor „Gesegnet sollst du schreiten“ (Männer) bzw. „Heil dir, Tugendreiche!“ (Frauen), von der Orgel unterlegt und dadurch betont sakral anmutend, lotet dynamisch vom zarten Piano bis zum Fortissimo auf „Heil!“ alle Stufen aus. Das letzte „Heil dir!“ wird zum „Heil euch!“ im fff im vollen Orchester und Orgelregister. In den Trompeten und Posaunen erklingt unheilvoll das Fragemotiv. Der zweite Akt endet in strahlendem C-Dur, der „Siegestonart“.

3.  AKT:  Das Vorspiel zum dritten Akt nimmt GMD Gabriel Feltz in genau abgestimmtem raschen Tempo, zackig artikuliert und mit sattem Streicherklang. Die verschiedenen Motive, die vorgestellt werden, arbeitet er präzise heraus.

Auf dem noch geschlossenen Vorhang erscheint wieder ein Text, diesmal nicht aus dem bereits bekannten Märchen, sondern aus einer von Wagners Schriften zur Revolution: „Ja, wir erkennen es, die alte Welt, sie geht in Trümmer, eine neue wird aus ihr erstehen, denn die erhabene Göttin Revolution, sie kommt daher gebraust auf den Flügeln der Stürme, das hehre Haupt von Blitzen umstrahlt, das Schwert in der Rechten, die Fackel in der Linken, das Auge so finster so strafend, so kalt, und doch, welche Glut der reinsten Liebe, welche Fülle des Glückes strahlt dem daraus entgegen, der es wagt, mit festem Blicke hineinzuschauen in dieß‘ dunkle Auge.“ (aus: Richard Wagner, Die Revolution, 1849)

Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf ein Bett auf der linken Bühnenseite. Dazu erklingt der Brautchor „Treulich geführt“.  Das Zimmer hat nun nur noch eine Wand, zwei Türen und ein Fenster.  Elsa erscheint im weißen Brautkleid. Die Frauen singen „Wie Gott euch selig weihte, zu Freuden weih’n euch wir. In Liebesglück’s Geleite denkt lang der Stunde hier!“  Elsa und Lohengrin bleiben allein zurück. „Das süße Lied verhallt; wir sind allein, zum ersten Mal allein, seit wir uns sah’n.“ Auch diese Stelle gestaltet Daniel Behle innig und mit tief empfundenem warmen Ausdruck.

Elsas Bekenntnis „Wie wär‘ ich kalt, mich glücklich nur zu nennen! (…) Fühl‘ ich zu dir so süß mein Herz entbrennen, athme ich Wonnen, die nur Gott verleiht!“ ist Christina Nilssons Entsprechung, nicht weniger glaubhaft.

Doch dieses bedingungslose Glück hält nur sehr kurz an, als Lohengrin Elsas Namen ausspricht, erwidert sie „Wie süß mein Name deinem Mund entgleitet! Gönnst du des deinen holden Klang mir nicht? Nur wenn zur Liebesstille wir geleitet, sollst du gestatten, dass mein Mund ihn spricht…“   Lohengrin geht nicht darauf ein, versucht noch, sie abzulenken: „Athmest du nicht mit mir die süßen Düfte? O wie so hold berauschen sie den Sinn! Geheimnisvoll sie nahen durch die Lüfte, fraglos geb‘ ihrem Zauber ich mich hin.“

Doch Elsa bleibt beharrlich: „O mach‘ mich stolz durch dein Vertrauen, dass ich in Unwerth nicht vergeh‘! Lass‘ dein Geheimnis mich erschauen, dass, wer du bist, ich offen seh! Meiner Treue enthülle deines Adels werth! Woher du kamst, sag‘ ohne Reue, durch mich sei Schweigens Kraft bewährt!“   Lohengrin versucht an ihre Liebe zu appellieren: „Dein Lieben muss mir hoch entgelten für das, was ich um dich verließ; kein Loos in Gottes weiten Welten wohl edler als das meine hieß! (…) Das Einz’ge, was mein Opfer lohne, muss ich in deiner Lieb erseh’n! Drum wolle stets den Zweifel meiden, dein Lieben sei mein stolz Gewähr, denn nicht komm‘ ich aus Nacht und Leiden, aus Glanz und Wonne komm‘ ich her!“

Elsa glaubt, einen Schwan zu erblicken, hinter dem Fenster erscheinen Elsa- und Lohengrin-Doubles wie Doppelbilder und im Spiegel ersticht Elsa mit dem Messer, das sie von Ortrud erhalten hat, Lohengrin zu den Worten „Nichts kann mir Ruhe geben, dem Wahn mich nichts entreißt, als gält es auch mein Leben zu wissen, wer du seist!“

Indem Elsa die verbotene Frage stellt, tötet sie Lohengrin und seine Liebe zu ihr. Mit den Worten „Weh, nun ist all‘ unser Glück dahin!“ geht Lohengrin mit ein paar steifen Schritten wie ferngesteuert in das Zimmer und sinkt in der Ecke zu Boden. Elsa erkennt, was sie getan hat und fleht um Erbarmen: „Allewiger, erbarm‘ dich mein!“

Lohengrin verkündet, dass er Elsa vor dem König Antwort geben will. Wiederum wird ein Text eingeblendet: „Der König fragte das Mädchen, ob es mit ihm auf sein Schloss kommen wollte und ihn heiraten würde.“  Dazu wird auf der Gaze die Videoprojektion fortgesetzt. Brüderchen und Schwesterchen sitzen am Tisch und darunter wird die (zentrale) Frage eingeblendet: „WER BIST DU?“

Die nun folgenden Bläserfanfaren, die den König ankündigen, sind in drei Gruppen aufgeteilt. Die Standardbesetzung im Graben, eine zweite Gruppe in den Rängen („auf dem Theater“) und eine dritte Gruppe auf der Bühne („Bühnenmusik“).  Feierlich verkündet König Heinrich „Für deutsches Land das deutsche Schwert, so sei des Reiches Kraft bewährt!“ Die vier Edlen bringen Telramunds Leiche herbei und Elsa nähert sich aus dem Hintergrund, nun wieder in Schwarz gekleidet.

Die Edlen verkünden auf die Frage Heinrichs, dass der Schützer von Brabant es so will und nunmehr offenbaren will, wer er ist.  Der König begrüßt Lohengrin („Heil deinem Kommen, theurer Held!“), doch Lohengrin muss den König enttäuschen: „Mein Herr und König, lass‘ dir melden: die ich berief, die kühnen Helden, zum Streit sie führen darf ich nicht!“ Zunächst will er jedoch die Bestätigung erfahren, dass er den Mann (also Telramund) zu Recht erschlug, der ihn zur Nacht überfallen hat. Der König stimmt ihm darin zu. Dann bezichtigt Lohengrin Elsa des Verrats an ihm.  Da sie nun das Frageverbot gebrochen hat, will er dem König und allen Anwesenden seine Herkunft offenbaren.

„Jetzt merket wohl, ob ich den Tag muss scheuen! Vor aller Welt, vor König und vor Reich enthülle mein Geheimnis ich in Treuen!

Es folgt das Herzstück der Oper, die Gralserzählung. Nicht nur an ihr, aber auch insbesondere an ihr, muss sich wohl jeder Tenor, jeder Lohengrin-Interpret messen lassen. Sie im Konzert „schön“ zu singen, perfekt auf Tonträger zu verewigen, ist nicht gering zu bewerten. Sie jedoch am Ende eines so langen und Kräfte raubenden Abends noch in vollem tenoralen Glanz dem gespannt ausharrenden Publikum zu präsentieren, erfordert ein gerüttelt Maß an Erfahrung, solider Technik und nicht zu unterschätzende Nerven.

Lohengrin sitzt rechts am Bühnenrand auf einem Stuhl, Elsa auf der linken Bühnenseite, beide durch beinahe die gesamte Bühnenbreite getrennt. Das Licht fährt fast ganz zurück, nur ein einzelner Verfolger ist auf Lohengrin gerichtet. Nach vier Takten A-Dur-Akkorden im Orchester im Pianissimo setzt Behle mit den wohlbekannten Worten ein „In fernem Land, unnahbar euren Schritten...“ Die Stelle „alljährlich naht vom Himmel eine Taube…“ (mit einer Fermate auf Tau-) nimmt Behle so zart und leise, dass es eine Freude ist, um wenige Takte später im Crescendo „es heißt der Gral (forte), und selig reinster Glaube (decrescendo – pianissimo) erteilt durch ihn sich seiner Ritterschaft“ einmal richtig aufzumachen. Auch auf dem nächsten „Gral“ („wer nun dem Gral zu dienen ist erkoren“) im Mezzoforte und „den rüstet er mit überirdischer Macht“ im Piano arbeitet er gekonnt und sensibel mit der Dynamik. Er weiß genau, was er da singt und wie er die Botschaft transportieren muss.

Im weiteren Verlauf der Gralserzählung kommt er nun an den Kernpunkt: „Nun hört, wie ich verbot’ne Frage lohne! Vom Gral (ff) ward ich zu euch daher gesandt: mein Vater Parzival trägt seine Krone, sein Ritter ich bin Lohengrin genannt.“  Die Nennung seines Namens raubt Elsa die Kraft („Mir schwankt der Boden! Welche Nacht! O Luft, Luft der Unglücksel’gen!„) und Lohengrin macht es noch schlimmer mit der Frage „O Elsa, was hast du mir angetan?“ und der Ankündigung seines Abschieds „Jetzt muss ich, ach! von dir geschieden sein!“  Nun ist Eile geboten („Schon zürnt der Gral!“).  Lohengrin begrüßt den Schwan, der erschienen ist, um ihn abzuholen.

Auch diese so gut bekannte Stück „Mein lieber Schwan! Ach, diese letzte traur’ge Fahrt…“ singt Behle scheinbar völlig unangestrengt. Er hat sich über alle drei Akte seine Kräfte exzellent und klug eingeteilt, um auch am Ende noch kraftvoll und geschmeidig auf Linie die Stimme strömen zu lassen. Er richtet sich noch einmal an ElsaAch, Elsa, nur ein Jahr an deiner Seite hätt‘ ich als Zeuge deines Glücks ersehnt! Dann kehrte, selig in des Grals Geleite, dein Bruder wieder, den du tot gewähnt.“  In diesem Moment taucht Elsas Zimmer im Hintergrund wieder auf.

Kniend am Bühnenrand singt er „Kommt er dann heim, wenn ich ihm fern im Leben, dies Horn, dies Schwert, den Ring sollst du ihm geben (…) doch bei dem Ringe soll er mein gedenken, der einst auch dich aus Schmach und Not befreit. Leb wohl… leb wohl, mein süßes Weib!“  Behle ist dermaßen in der Rolle, dass Lohengrins Zerrissenheit, sein Schmerz fast körperlich spürbar wird.  Das Zimmer ist inzwischen vorne angelangt.

Ortrud „verabschiedet“ Lohengrin mit den Worten „Fahr heim! Fahr heim, du stolzer Helde!“ Dass jubelnd ich der Thörin melde, wer dich gezogen in dem Kahn; am Kettlein, das ich um ihn wand, ersah‘ ich wohl, wer dieser Schwan: es ist der Erbe von Brabant!“ Damit setzt Ortrud sich das Messer an den Hals, das Elsa ihr reicht und schneidet sich die Kehle durch.  Lohengrin verkündet der entsetzten Menge „Seht da den Herzog von Brabant, zum Führer sei er euch ernannt!“

In Elsas Schlafzimmer sehen wir die Kinder aus den Videosequenzen, nun herangewachsen, und der junge Lohengrin lässt einen Federball in Elsas Hand fallen. Elsa ruft aus „Mein Gatte! Mein Gatte!“ und ein kollektives „Weh!“ in d-moll beschließt die Oper. Auf dem Vorhang erscheint der Text „Es war einmal…“  Es gibt keinen Führer, der Bruder kehrt nicht zurück, der Held entschwindet. Keine Erlösung, kein „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Die Klammer zum Anfang ist geschlossen.

Am Dortmunder Lohengrin beeindruckt die Gesamtleistung so außerordentlich. Das Ensemble agiert auf einem derartig homogenen hohen Niveau, wie man es an einem Haus dieser Größe selten findet.

Daniel Behle liefert mit seinem Lohengrin ein sehr starkes Rollendebüt. Man merkt in jeder Minute, die er auf der Bühne ist, wie sehr er in der Rolle ist. Seine Bühnenpräsenz ist großartig. Er verkörpert nicht den strahlenden Held, die Lichtgestalt, als die Lohengrin gerne gezeichnet wird, sondern den Ritter, der pflichtgemäß in die Fremde gesandt wird, um dort einen Auftrag zu erledigen, ob ihm das nun passt oder nicht. Den Gotteskampf entscheidet er für Elsa, dass er sich von Fleck weg in sie verliebt, war so nicht vorgesehen und kann natürlich nicht gut gehen.

Das ist vor allem Telramund und Ortrud gar nicht recht, denn diese haben eigentlich andere, finstere Pläne. Nachdem es mit dem Kampf nicht geklappt hat, muss halt Zauberei her. Auch diese Paar harmoniert ganz ausgezeichnet, was umso erstaunlicher ist, als Sabine Hogrefe, wie bereits erwähnt, erst wenige Stunden zuvor am Vorstellungstag eingesprungen ist. Weder ihrem eigenen Spiel noch dem Zusammenspiel mit Joachim Goltz war dieser Umstand anzumerken. Das Publikum dankte beiden die starke sängerische und darstellerische Leistung mit jubelndem Beifall.

Christina Nilsson gibt eine jugendlich-naive Elsa, die die ganze Bandbreite von kindlicher Schwärmerei bis zur liebenden Frau, die schließlich verlassen vor den Trümmern ihres kurzen Glücks steht, überzeugend darstellen kann. Ihr kraftvoller, warmer jugendlich-dramatischer Sopran ist stets sicher, klar und gut geführt. Auch Nilsson versteht es, sich ihre Kräfte von „Einsam in trüben Tagen“ bis zum letzten verzweifelten „Ach!“ gut einzuteilen, so dass sie stets präsent ist und auch in der Höhe niemals schrill klingt. Einer ihrer berührendsten Momente ist „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘!

Joachim Goltz gibt einen sehr guten und ungewohnt sympathischen Telramund. Er verkörpert den Rachsüchtigen gut, vermag aber auch Mitgefühl zu wecken. Zwar ist er schwach gegen sein Weib, kann aber auch zeigen, wer Herr im Haus ist. Goltz vereint sehr gute Bühnenpräsenz mit sängerischem Können und großer Bandbreite in der Gestaltung. Sein Bariton verfügt über ein warmes Timbre und große emotionale Ausdruckskraft.

Shavleg Armasi ist die Idealbesetzung als König Heinrich. Sein warmer, nicht zu dunkel timbrierter Bass verströmt einen angenehmem Klang. Er verschafft sich Respekt, wenn nötig und ist ein gütiger König, er ist wie ein Vater für Elsa, insbesondere als er sie an seiner Hand ihrem zukünftigen Gatten zuführt.

Morgan Moody gibt einen perfekten Heerrufer.  Auch wenn dies immer eine sehr dankbare Rolle ist, so verleiht Moody ihr doch einen ganz eigenen Stil. Vielfach verwendet er ganz spezielle manierierte Gesten, um seine Aussagen und Ankündigungen zu unterstreichen. So wundert es nicht, dass er für seine Darstellung mit besonders herzlichem Applaus bedacht wurde.

Der Chor der Oper Dortmund präsentierte sich an diesem Abend grundsätzlich gut und stimmgewaltig, wurde aber bisweilen Opfer der Positionierung auf den Rängen. Leider waren Graben und Bühne manchmal nicht zusammen, was gut hörbar war. Hier wäre es wünschenswert, eventuell durch eine veränderte Choraufstellung oder Zwischendirigat nachzujustieren. Es gäbe genug Platz auf der Bühne, so dass man das Problem der Distanz Dirigent – Chor im Rang beseitigt hätte.

Die Regie von Ingo Kerkhof ist insgesamt klar strukturiert und gut durchdacht. Er versucht nicht, die Geschichte neu zu erfinden oder sie in unsere Zeit zu übertragen. Stattdessen schafft er eine zweite Ebene mit dem Märchen und der Analogie Brüderchen und Schwesterchen zu Gottfried und Elsa beziehungsweise Lohengrin und Elsa.

Anders als im Märchen gibt es in dieser Inszenierung kein Happy End. Kein Führer,  kein Erlöser, kein Schwan:  Nur Verlierer.

Das Publikum dankte dem gesamtem Ensemble für die homogene Leistung auf sehr hohem Niveau. Besonderen Applaus und stehende Ovationen für Daniel Behle und die den Abend rettende Sabine Hogrefe. Ein beeindruckender Lohengrin, der den Weg nach Dortmund unbedingt lohnt.

Lohengrin an der Oper Dortmund; die nächsten Vorstellungen 12.1.; 22.3.; 10.4.; 22.5.2020

Besetzung  der besprochenen Vorstellung:

Musikalische Leitung Gabriel Feltz, Regie Ingo Kerkhof, Bühne Dirk Becher, Kostüme Jessica Rockstroh, Video Philipp Ludwig Stangl, Licht Florian Franzen, Chor Fabio Mancini, Dramaturgie Laura Knoll

MIT:  Heinrich, der Vogler, (deutscher König) Shavleg Armasi, Lohengrin Daniel Behle, Elsa von Brabant Christina Nilsson, Friedrich von Telramund, (brabantischer Graf) Joachim Goltz, Ortrud, seine Gemahlin Sabine Hogrefe (für Stéphanie Müther), Heerrufer des Königs Morgan Moody, vier brabantische Edle Christian Pienaar, Jeayoun Kim,, Daegyun Jeong*, Thomas Günzler, vier Edelknaben Rebecca Sörensen, Eunjii Park,, Ji-Young Hong, Edvina Vlajevic, Double Elsa Andrea Rieche, Double Lohengrin Georg Kirketerp, Schwesterchen (im Film) Matilda Süggel, Brüderchen (im Film) Timo Steinhaus, Opernchor Theater Dortmund, Statisterie Theater Dortmund, Dortmunder Philharmoniker * = Mitglied des Opernstudio NRW

—| IOCO Kritik Theater Dortmund |—

Düsseldorf, Robert Schumann Saal, Spielplan Oktober 2019

robert_schumann_saal.png

Robert Schumann Saal   

Robert Schumann Saal im MPK Düsseldorf © Christoph Schuknecht

Robert Schumann Saal im MPK Düsseldorf © Christoph Schuknecht


Programm Oktober 2019


So, 6.10.2019, 17 Uhr
Zweiklang! Wort und Musik
Corinna Harfouch Rezitation
Heiner Reinhardt Bassklarinette | Lothar Fiedler Gitarre | Helge Leiberg Live-Malerei
Kassandra – von Christa Wolf

Im Rahmen der Ausstellung „Utopie und Untergang. Kunst in der DDR“ Ein „Dreiklang“ von Wort, Musik und Bild: In der unvergleichlichen Sprache Christa Wolfs wird der zeitlose Mythos der trojanischen Königstochter und Seherin erzählt, die mit ihren Voraussagungen kein Gehör findet und daran verzweifelt. Rezitiert von der herausragenden Charakterdarstellerin Corinna Harfouch mit der ihr eigenen Intensität wird das gesprochene Wort musikalisch mit Anklängen an die altgriechische Harmonik lebhaft unterstützt. Zudem kommentiert der Berliner Künstler Helge Leiberg das Geschehen im Text mittels Zeichnungen am Overheadprojektor live auf der Leinwand. Ein wahres Fest der Sinne!

Veranstalter: Kunstpalast, Robert-Schumann-Saal
28/24/20/12 € (Schüler/Studenten 12 €) zzgl. Servicegebühren


Do, 10.10.2019
New Fall Festival
Mine Immer wieder stellt Mine eindrucksvoll unter Beweis, dass Popmusik viele Gesichter haben kann. Ihr neustes Album „Klebstoff“ kombiniert gute Pop-Songs, die ganz und gar nicht im belanglosen Grundrauschen des musikalischen Zeitgeists untergehen, mit Stücken, die dem Hörer einiges abverlangen, auf die man sich einlassen muss. Durchweg ist man ganz nah dran an Mines Gedankenweilt, dem Drehen und dem Wenden der Dinge, die man nach und nach mit sich trägt, so schön oder schlimm sie auch sein mögen. Mine selbst urteilt: „Ich finde den Mix aus diesen beiden Extremen perfekt“, und: „So traurig das Album oft ist, so tief es manchen Stellen auch geht – ich fühle mich wohl mit der Platte.“

Veranstalter: New Fall Festival Düsseldorf gGmbH
29/26/23 € zzgl. Servicegebühren


Fr, 11.10.2019, 20 Uhr
New Fall Festival
William Fitzsimmons
William Fitzsimmons verwebt in seinem musikalischen Schaffen auf einzigartige Weise seelische Kompromisslosigkeit und autobiographische Ehrlichkeit mit einfühlsamen Klängen zu einem scheinbar nahtlosen Ganzen. Seine Songs sind sorgfältig konzipiert, von Familiengeschichten, intimen Offenbarungen und mutigen Bekenntnissen geprägt und liefern einen facettenreichen Folk, der in seiner Vielfalt akustisch und schnörkellos oder auch gewaltig und elektronisch sein kann.

Veranstalter: New Fall Festival Düsseldorf gGmbH
37/32/27 € zzgl. Servicegebühren


Sa, 12.10.2019, 22 Uhr
New Fall Festival
Apparat
Seit beinahe zwei Jahrzenten ist Sascha Ring alias Apparat einer der Protagonisten der elektronischen Musikszene in Deutschland. Mit unermüdlicher Neugier erkundet er die Möglichkeiten, programmierte Sounds mit analogen Instrumenten zu kombinieren; bewegt sich dabei zwischen Avantgarde, Clubmusik und hymnischen Pop-Momenten. Dabei komponiert er Musik zum Hören ebenso sowie für Clubs, Filme und Theater. Von seinem Debütalbum „Multifunktionsebene“, das 2001 veröffentlicht wurde, bis hin zu seiner bevorstehenden „LP5“, erweiterte er seine musikalische Bandbreite kontinuierlich und vernetzte sich mit Künstlern aller Art.

Veranstalter: New Fall Festival Düsseldorf gGmbH
37/32/27 € zzgl. Servicegebühren


Sa, 19.10.2019, 15 Uhr
Musical für Kinder
Schneewittchen – das Musical
Fantastische Abenteuer, vergiftetes Obst und ein mysteriöser Trank: In seinem neuesten Musical-Highlight „Schneewittchen“ entführt das Theater Liberi Groß und Klein auf eine spannende Reise ins Märchenland. Temporeiche Eigenkompositionen, viel Energie und jede Menge Humor sorgen für ein unvergessliches Live-Erlebnis für die ganze Familie.
Das für seine modernen Familienshows bekannte Theater Liberi entstaubt die altbekannte Geschichte der Gebrüder Grimm und setzt sie ganz neu in Szene: Die mitreißenden Songs aus Soul, Pop, Swing und sogar Punk werden von bestens ausgebildeten Musicaldarstellern stimmgewaltig auf die Bühne gebracht. Rasante Choreografien unterstreichen die eingängigen Musicalhits. Fantasievolle Kostüme und ein aufwendiges Bühnenbild versetzen das Publikum dabei optisch direkt in die zauberhafte Welt dieses ebenso spannenden wie witzigen Märchens.
Geeignet für Kinder ab vier Jahren.

Veranstalter: Theater Liberi
26,54/23,81/20,18/15,63 € (Kinder bis 14 Jahre: 24,72/21,99/18,36/13,81 €) zzgl. Servicegebühren


So, 20.10.2019, 17 Uhr
Soiree
Soiree der Robert Schumann Hochschule
Studierende der Robert Schumann Hochschule präsentieren sich im Konzert.
Veranstalter: Gesellschaft der Freunde und Förderer der Robert Schumann Hochschule
Etwaige Restkarten sind ab dem 15.10.2019 kostenlos an der Museumskasse im Kunstpalast
erhältlich.


Robert Schumann Saal /  Rosani Reis © Miguel Aún

Robert Schumann Saal / Rosani Reis © Miguel Aún

So, 27.10.2019, 17 Uhr
erstKlassik!
Rosani Reis Gesang | Ensemble des Niederrhein Musikfestivals
Classica Brasiliana – Musik und Tanz aus Brasilien Kompositionen von Heitor Villa-Lobos, Darius Milhaud, Antônio Carlos Jobim, Bobby Shew, Luiz Bonfá u.a. Fernab von E- und U-Kategorien geht „Classica Brasiliana“ auf musikalische Entdeckungsreise durch das größte Land Südamerikas, spannt einen Bogen von Klassik über Folk bis hin zum Jazz und zeigt mit tänzerischer Leichtigkeit die schillernde musikalische Vielfalt Brasiliens.
Ensemble: Maurício Tizumba Tanz, Percussion, Schauspiel | Anette Maiburg Flöte,
künstlerische Leitung | Noah Reis Ramma Klavier | Florian Gerhards Trompete | Arturo Castro Nogueras Gitarre | Amoy Ribas Percussion | Pedro Trigo Santana Kontrabass

Veranstalter: Kunstpalast, Robert-Schumann-Saal in Kooperation mit dem Niederrhein
Musikfestival
32/28/24/12 € (Schüler/Studenten 12 €) zzgl. Servicegebühren


Robert Schumann Saal / Ryoma Takagi © privat

Robert Schumann Saal / Ryoma Takagi © privat

Mi, 30.10.2019, 20 Uhr
Talente entdecken
Ryoma Takagi Klavier, 1. Platz, International Edvard Grieg Piano Competition 2018 Erneut werden in dieser Konzertreihe im Robert-Schumann-Saal in Kooperation mit
Heinersdorff Konzerte und dem Steinway Prize Winner Concerts Network an vier Abenden Gewinner internationaler Klavierwettbewerbe präsentiert. Zu erleben sind junge hoch talentierte Pianisten in einem frühen Stadium ihrer Karriere, die möglicherweise zukünftig zu den großen Stars der Klassikwelt gehören werden.
Debussy „Images“, Band I
Schumann Sinfonische Etüden op. 13
Grieg Lyrische Stücke op. 71 Nr. 1 & 2 und op. 65 Nr. 6
Tschaikowsky Thema und Variationen op. 19 Nr. 6
Prokofjew Klaviersonate Nr. 7 B-Dur op. 83

Veranstalter: Kunstpalast, Robert-Schumann-Saal in Kooperation mit Heinersdorff Konzerte
22/18/15/10 € (Schüler/Studenten 8 €) zzgl. Servicegebühren

Weitere Informationen zum Programm finden Sie unter www.robert-schumann-saal.de
Programmänderungen bleiben vorbehalten.

—| Pressemeldung Robert Schumann Saal Düsseldorf |—

Mannheim, Nationaltheater, La Cenerentola – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 07.01.2019

Januar 8, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

La Cenerentola – Gioacchino Rossini

– Brautschau mit Hindernissen –

Von Uschi Reifenberg

Es war einmal ein berühmter italienischer Opernkomponist im 19. Jahrhundert mit dem Namen Gioacchino Rossini, der sich entschloss, einen der schönsten Märchenstoffe zu einer Oper zu verarbeiten, nämlich die Geschichte vom Aschenputtel, italienisch La Cenerentola.

La Cenerentola – Als phantastisch-bunte Familienoper 

Für Kinder ab acht Jahren, aber dennoch „Eine Märchenoper für viele Generationen“ wie im Programmheft zu lesen ist, brachte das NTM in einer rundum gelungenen Produktion vom Konzert Theater Bern in der Inszenierung von Cordula Däuper, Neueinstudierung: Claudia Plaßwich, auf die Bühne des Opernhauses ( Premiere: 1.11.17). Wenn man am Ende der Vorstellung glücklich und beschwingt das Theater verlässt, bedauert man in der Tat, dass dies die letzte Aufführung in dieser Spielzeit gewesen ist…

Der komplexe und viel verarbeitete Aschenputtel Stoff hat durch die Jahrhunderte nichts von seiner Faszination und Beliebtheit eingebüßt und bewegt bis heute die Gemüter von Jung und Alt. 1697 erscheint in Frankreich Charles Perraults bedeutende Märchensammlung, in welcher die Geschichte vom Aschenputtel unter dem Titel Cendrillon erstmalig erwähnt ist.

La Cenerentola   –  Gioacchino Rossini
Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

1812 veröffentlichen die Gebrüder Grimm in Deutschland ihre weltberühmte Sammlung, das Märchen vom Aschenputtel weicht bei den Brüdern von der französischen Urfassung lediglich in Details ab, auch Ludwig Bechstein übernahm den Stoff 1845 in sein Deutsches Märchenbuch. Der Walt- Disney Zeichentrickfilm Cinderella gelangte 1950 zu Weltruhm, der 1973 produzierte tschechische Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel erlangte ebenfalls Kultstatus.

2015 nahm sich Hollywood noch einmal der Aschenputtel Story an, die Walt- Disney-Studios produzierten unter der Regie von Kenneth Branagh eine vielgelobte Neuverfilmung, besetzt mit hochkarätigen Schauspielern.

Unter den zahlreichen Opern-Bearbeitungen des Aschenputtel Stoffes wie beispielsweise der frühen Vertonung von 1759 durch Jean-Louis Laruette Cendrillon, bis zu Cinderella von Peter Maxwell Davies im Jahre 1980, ist zweifellos Gioacchino Rossinis komische Oper in zwei Akten die bedeutendste und populärste Adaption.

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini ( 1792-1868), einer der produktivsten und flexibelsten Komponisten des italienischen Belcanto und unangefochtener Meister der Opera buffa, erlangte bereits im Alter von 24 Jahren Weltruhm mit einem seiner Meisterwerke, dem Barbier von Sevilla, der ein Jahr vor Cenerentola uraufgeführt wurde. Rossini schuf innerhalb von 19 Jahren 39 Opern, die in ganz Europa gefeiert wurden und führte die Gattung der Opera buffa im 19. Jahrhundert zugleich zum Höhe- und Endpunkt, bevor die Musikdramatiker Wagner und Verdi die führende Rolle in der Opernwelt übernahmen. Ab 1829 zog er sich vom Opernschaffen weitgehend zurück, widmete sich der Lehrtätigkeit sowie auch seiner vielgerühmten Kochleidenschaft und komponierte nur noch vereinzelt Kammermusik.

La Cenerentola ossia la bontà in trionfo, Aschenputtel oder der Triumph der Herzensgüte, wie der komplette Titel lautet, wurde in 24 Tagen komponiert und 1817 in Rom uraufgeführt, die Komposition basiert auf dem Libretto von Jacopo Ferretti nach der Märchenfassung von Charles Perrault. Die Oper verzichtet gegenüber dem Märchen auf Magisches und Mystisches und stellt das Element des Komischen in den Vordergrund. Die gute Fee wird beispielsweise durch den Pädagogen Alidoro ersetzt, es gibt auch keinen Kürbis, der sich in eine Kutsche verwandelt, und der alles entscheidende Ballschuh wird bei Rossini in einen Armreif getauscht, in der Mannheimer Produktion wird er dann allerdings doch wieder zum Schuh…

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : Clorinda, Aschenputttel und Tisbe © Hans Joerg Michel

Die Inszenierung von Cordula Däuper besticht durch eine perfekt ausgefeilte Personenführung, angereichert mit reichlich Comedy und Slapstic und setzt auf herrlich ironisch-groteske Überzeichnung der Figuren im Stil der Commedia dell’ arte. Däuper überrascht mit einer an Walt Disney orientierten Ästhetik, und zitiert beispielsweise das berühmte Schloss aus dem Cinderella Film, für welches Neuschwanstein Pate stand. Nicht Deutung, sondern lustvolle Unterhaltung steht im Vordergrund. Zauber- und Märchen-Requisiten kommen an passenden Stellen zum Einsatz, wo sie für jene magischen Momente sorgen, die vor allem bei den jüngeren Zuschauern für hörbares Vergnügen sorgen: eine fliegende prunkvolle blaue Kutsche mit Zauberpferd, ein Goldesel, ein großer roter Damenschuh oder ein hinreißendes weißes Ballkleid, das vom Himmel direkt in Aschenputtels Arme herabschwebt oder riesige gemalte Tauben, die in die Wolken flattern.

Die Sänger- Darsteller agieren virtuos, mit ausgelassener Spielfreude und atemberaubendem Tempo, scheinen selbst in den Sog der Rossini-Musik zu geraten, in welchen sie das amüsierte Publikum gekonnt mit hineinziehen. Während der Ouvertüre sieht man ein überdimensionales Buch, dessen Seiten von Cenerentola und dem „Spiritus rector“ Alidoro aufgeschlagen werden. Eine große, verzierte Texttafel als unverzichtbarer Bestandteil des Bühnenbildes liefert nicht nur den laufenden Text in Deutsch-, gesungen wird in italienischer Sprache-, sondern kommentiert auch in witziger Weise das Bühnengeschehen, die Geschichte kann also beginnen:

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier: Joshua Whitener, Valentin Anikin, Herrenchor des NTM © Hans Joerg Michel

Die Schwestern Clorinda und Tisbe, zwei zickige Gören, hausen zwischen herumliegenden Holzbrettern und einem herabgefallenen Kronleuchter im abbruchreifen Hause ihres überschuldeten Vaters Don Magnifico (Bühne: Ralph Ziegler) und streiten sich um die Vorzüge ihrer Schönheit und Begabung. Sie haben angesagte Frisuren, schrillen Kopfschmuck und tragen opulente quietschbunt- aufgeblähte Ballkleider (Kostüme: Sophie du Vinage), jederzeit abrufbereit für den potenziellen Prinzen, der sie vom Fleck weg heiratet. Ihre Stiefschwester Cenerentola alias Angelina hingegen, mit üppiger Blondmähne, in Fetzen gewandet, wird als Dienstmagd gehalten und übel gemobbt.

Don Magnifico, ein abgehängter trotteliger Adliger in Unterwäsche und Krawatte, träumt von einem Goldesel, der ihn vor der drohenden Insolvenz rettet und prompt steigt ein Esel aus der Versenkung hinauf in den Bühnenhimmel, aus dessen Hinterteil Goldstücke herabfallen und die Wohnstube überfluten. Schon kündigt sich die Erfüllung des Glückstraumes der sozial Entrechteten an, denn der Prinz des Landes, Don Ramiro, sucht eilig eine Frau und lädt alle Schönen auf einen Ball in sein Schloss. Die Schwestern sind absolut siegessicher, auserwählt zu werden, auch der Vater wähnt sich am Ziel seiner Wünsche. Zuvor aber will der junge Prinz mit Goldkrone auf dem blondgelockten Haupt noch testen, ob die künftige Gefährtin nicht nur Schönheit, sondern auch Herzensbildung besitzt und er nicht nur wegen seines Ranges, sondern um seiner selbst Willen geliebt wird. Also tauscht er mit seinem Diener Dandini die Kleider und den Status und begibt sich in das Haus von Don Magnifico. Dandini ist ein cooler Machotyp mit hippem hochfrisiertem Hairstyling und genießt die Freiheiten, die ihm der Rollentausch erlaubt. Im Hause von Don Magnifico trifft der Prinz in seiner Verkleidung auf die Dienstmagd Aschenputtel und die beiden verlieben sich auf der Stelle. Clorinda und Tisbe machen sich zum Ball bereit, verleugnen aber Aschenputtel und verbieten ihr vehement, sie zu begleiten. Der kluge Strippenzieher Alidoro, ein Intellektueller mit Strickmütze, verspricht ihr zu helfen.

Im Palast des Prinzen angekommen, wird Don Magnifico zugleich zum königlichen Weineinschenker ernannt, da er sich bereits durch den Weinkeller des Prinzen gezecht hat und sein Amt – schwer angeheitert- auf einem überdimensionalen Fass sitzend, fröhlich ausübt. Die beiden Schwestern umwerben heftig den Prinzen alias Dandini, da erscheint auf dem Fest eine unbekannte verschleierte Schönheit in einem traumhaften Ballkleid, deren Ähnlichkeit mit Aschenputtel alle verblüfft und für heillose Verwirrung sorgt.

Der vermeintliche Prinz umwirbt die unbekannte Schöne, diese bekennt jedoch, bereits einen anderen zu lieben. Als Ramiro, der die Situation belauscht hat, ihr einen Heiratsantrag macht, lehnt sie ab. Sie überreicht ihm ihren roten Schuh, und fordert ihn auf, sie zu suchen. Aschenputtel wagt hier den Schritt aus Unterdrückung und Abhängigkeit, der ihr den sozialen Aufstieg ermöglicht kann und sie zur selbstbestimmten, liebenden Frau reifen lässt. Dandini und Ramiro schlüpfen nun wieder in ihre wahren Identitäten, die anderen Familienmitglieder müssen zu ihrem Ärger feststellen, leider die Falschen umworben zu haben.

Der echte Prinz macht sich in einer prunkvollen blauen Pferdekutsche auf, seine Angebetete zu suchen, die Kutsche samt Pferd erhebt sich daraufhin wie von Zauberhand geführt in die Lüfte und entschwebt.

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola - hier :  die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / La Cenerentola – hier : die Hochzeit  Ensemble © Hans Joerg Michel

Ein Gewittersturm bricht herein, infolgedessen die Zauberkutsche aus der Flugbahn geraten ist, der Prinz und Alidoro flüchten sich ins Haus von Don Magnifico, um Schutz zu suchen. Dort erkennt Ramiro sofort Aschenputtel wieder und steckt ihr den zweiten roten Schuh an den Fuß. Nun wird Hochzeit gefeiert, das Brautpaar darf – siehe FOTO oben – lilafarben umstrahlt- (Licht: Christian Wurmbach), gefeiert vom Volk, in das rosafarbene Walt Disney Schloss einziehen. Die neidische Verwandtschaft- in schwarzer Trauerkleidung und Sonnenbrille- scheint zunächst dazu verdammt zu sein, den Glanz des Traumpaares nicht nur zu bewundern, sondern auch dafür zu sorgen, dass dieser nicht verblasst. Zähneknirschend polieren und putzen sie nun an der Fassade von Aschenputtels neuer prachtvoller Behausung.

Aber die frisch Vermählte in ihrem Glück, verzichtet auf Rache und verzeiht großmütig ihrem Vater und den Stiefschwestern. Nun gibt es für alle ein rauschendes Happy End und wenn sie nicht gestorben sind …, dann sehen wir sie in der nächsten Spielzeit wieder.

Das Nationaltheater Orchester im erhöhten Graben entfaltet unter seinem Dirigenten Matthew Toogood einen federnden, transparenten und biegsamen Rossini Sound, mit bestechender rhythmischer Präzision, mitreißenden, aber immer kontrollierten Tempi und rauschhaften Steigerungen. Toogood bringt den Farbenreichtum der Rossinischen Partitur zum Blühen, vertraut der üppigen Melodik und zelebriert beglückend schwebende Koloraturen. Er setzt auf wohl dosierte Effekte, und dimmt, wenn nötig, das Orchester zugunsten der Solisten auf das entsprechende Klangniveau. Kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben sind zu verzeihen.

Als hübsches zierliches Blondpüppchen berührt Sofia Koberidze in der Rolle des Aschenputtel mit innigem Schmelz und glasklaren, akkuraten Koloraturen. Sie vermittelt glaubhaft die Entwicklung vom unscheinbaren Mauerblümchen zur gütigen selbstbewussten Frau.

Ludovica Bello als schlaksige hochgewachsene Tisbe ist eine Intrigantin wie aus dem Bilderbuch, mit ausdrucksstarker Mimik und Körpersprache, ihr flexibler Mezzo funkelt mühelos in allen Lagen. Ihre Schwester Clorinda als quirlige, kichernde Zicke mit albernem ausuferndem Kopfschmuck wird von Ji Yoon mit hauchzarten Silbertönen ausgestattet. Die anspruchsvolle Partie des Prinzen ist bei Christopher Diffey bestens aufgehoben, sein angenehm timbrierter lyrischer Tenor schwingt sich in höchste Höhen, die Koloraturen perlen fast immer locker und klar.

Joachim Goltz zieht als Vater Don Magnifico alle Register seines komödiantischen Talents. Der vielseitige Bariton überzeugt einmal mehr sowohl mit kraftvollen heldischen Ausbrüchen als auch mit spielerischer Leichtigkeit. Die meisten Lacher erntet Ilya Lapich in der Rolle des Dieners Dandini, er beherrscht nicht nur alle Tanzstile von barock bis Luftgitarre, sondern amüsiert auch als buffoneske Figur par excellence mit edlem, weichen Bariton. Der Lehrmeister des Prinzen, Alidoro, wird von Dominic Barberi mit satten Basstiefen überzeugend ausgestattet. Der Herrenchor unter der Leitung von Dani Juris lässt auch diesmal keine Wünsche offen.

Nach dieser umjubelten Vorstellung im ausverkauften Opernhaus am Silvester-Vorabend, blickt man mit Spannung auf weitere Sternstunden am Nationaltheater Mannheim im neuen Jahr 2019!

La Cenerentola:  Zur Zeit keine weiteren Termine am Nationaltheater Mannheim

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung