Baden-Baden, Festspielhaus, Spanisches Flair im Silvesterkonzert, 31.12.2019

Dezember 16, 2019 by  
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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Feliz Año Nuevo! – Spanisches Flair im Silvesterkonzert

Feurige Leidenschaften und spanische Rhythmen erwarten die Besucher am letzten Tag des Jahres im Festspielhaus Baden-Baden. Am 31. Dezember, 16 Uhr, stehen Ausschnitte aus George Bizets Carmen und weitere Werke mit spanischem Temperament auf dem Programm. Dargeboten von der französischen Mezzosopranistin Gaëlle Arquez, dem spanischen Tenor Joel Pietro und dem Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Thomas Guggeis.

Festspielhaus Baden - Baden / Wiener Kammer Orchester © Lukas Beck

Festspielhaus Baden – Baden / Wiener Kammer Orchester © Lukas Beck

Was hatten Bismarck, Queen Victoria, Thomas Mann und Theodor W. Adorno gemeinsam? Sie alle waren Bizets Carmen verfallen und blieben mit ihrer Begeisterung nicht allein. Für Friedrich Nitzsche, einen ihrer ersten Fans, war die Carmen der entscheidende Anlass, um seine endgültige Loslösung von der Musik Richard Wagners zu vollziehen. Und dabei wurden hier all die Carmen-Zigarren, Carmen-Liköre und der Carmen-Strumpf noch nicht erwähnt! Bizets Oper, deren Welterfolg bei ihrer Uraufführung 1875 noch gar nicht absehbar war, ist eben beides: bedeutend und populär zugleich – ein Kunstwerk, das diesen Spagat spielend schafft. Und obgleich das Werk mit dem Mord an seiner Titelheldin endet, ist die Musik stets leicht, witzig und erotisch. Dieser Mord ist Teil der Faszination, wird Carmen doch exakt in dem Augenblick von ihrem Liebhaber getötet, in dem der Torero auf der Arena einen Stier ersticht. Carmen IST dieser Stier: Mensch und Mythos zugleich, heute würde man sagen: eine Marke, ein Star. Wenn Auszüge aus Carmen des Großteil des Silvesterkonzerts im Festspielhaus ausmachen, passt das wie der Säbel zum Torero: Vereint der Silvester in sich Weltliches mit Magischem, steht für das Vergehen wie für einen Neuanfang.

Allerdings begrüßen wir an diesem letzten Abend des Jahres ein neues Orchester, einen neuen Dirigenten und auch eine neue Solistin, da die Regierung der Insel Gran Canaria aufgrund einer angespannten Haushaltslage nach den Waldbränden des Sommers 2019 einige Projekte – auch die ihres Sinfonieorchesters – neu überdenken musste. Davon betroffen war auch die geplante Reise des Orchesters nach Baden-Baden und die dazu gehörenden Proben. Das brachte die gesamte Konzert-Produktion ins Schleudern. Entgegen bisheriger Veröffentlichungen wird am 31. Dezember 2019 an der Seite des spanischen Tenors Joel Prieto nicht Ana María Martínez, begleitet vom Orchestra Filharmónica de Gran Canaria unter Karel Mark Chicon im Festspielhaus auftreten, sondern die französische Mezzosopranistin Gaëlle Martinez die gerade ihr Debüt an der New Yorker Metropolitan Oper feierte. Als Dirigent übernimmt der junge deutsche Shooting-Star Thomas Guggeis, Kapellmeister der Staatsoper Stuttgart, der an der Staatsoper Unter den Linden für die Rettung einer Salome -Premiere groß gefeiert wurde. Nun feiert er mit dem Wiener KammerOrchester sein Baden-Baden-Debüt.

Festspielhaus Baden - Baden / Joel Prieto © Simon Pauly

Festspielhaus Baden – Baden / Joel Prieto ©
Simon Pauly

Die französische Mezzosopranistin Gaëlle Arquez gehört zu den aufstrebenden Stars der Opernwelt. Nach ihrem Abschluss am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris gab die Sängerin 2013 ihr Debüt an der Pariser Opéra Bastille als Zerlina in Michael Hanekes Don Giovanni unter der Leitung von Philippe Jordan. Seitdem wird sie an die renommiertesten Opernhäuser weltweit eingeladen. Ihr Rollendebüt als Carmen feierte sie 2016 in Barrie Koskys von der Kritik gefeierten Inszenierung in Frankfurt. Mit der gleichen Produktion gab Gaëlle Arquez ihr Hausdebüt am Londoner Royal Opera House Covent Garden und open-air sang sie Carmen beim Gstaad Festival und bei den Bregenzer Festspielen 2017 und 2018. Auch im Teatro Real Madrid und an der Bayerischen Staatsoper war sie in der Titelpartie von Bizets Oper zu erleben und 2020 debütiert sie als Carmen in China mit dem Shanghai Symphony Orchestra unter Long Yu. Sie sang Juditha in Vivaldis „Juditha-Triumphanen“ an der Niederländischen Nationaloper, Iphigénie in Glucks Iphigénie en Tauride am Théatre des Champs-Elysées und war in Cherubinis Médée am La Monnaie in Brüssel zu hören. In der aktuellen Saison tritt Gaëlle Arquez als Muse/Nicklausse in Offenbachs Hoffmanns Erzählungen an der Wiener Staatsoper und der Opéra Bastille auf . Ihr jüngster Erfolg ist eine Reihe umjubelter Aufführungen an der New Yorker Metropolitan Opera als Cherubino in Mozarts Le nozze di Figaro.

Festspielhaus Baden - Baden / Gaelle Arquez © Julien Benhamou / DG

Festspielhaus Baden – Baden / Gaelle Arquez © Julien Benhamou / DG

Seit der Tenor Joel Prieto 2008 den renommierten Operalia-Wettbewerb gewann, zählt er zu den gefragtesten Sängern seiner Generation. Er ist regelmäßig an den bedeutenden Opernhäusern und Konzertsälen zu Gast sowie bei den Festivals in Edinburgh, Spoleto, Aix-en-Provence, den BBC Proms und den Salzburger Festspielen, zuletzt in der Barrie-Kosky-Inszenierung Orpheus in der Unterwelt. Joel Prieto stammt aus Spanien, wuchs in San Juan in Puerto Rico auf und studierte an der Manhattan School of Music und am Atelier Lyrique der Opéra Paris. Von 2006 bis 2008 war er Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, wo er als Tamino in Mozarts Zauberflöte sein Debüt gab und in der aktuellen Spielzeit als Don Ottavio auf der Bühne steht. Sein Repertoire umfasst neben den wichtigsten Tenorrollen Mozarts auch Partien, die von Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ bis zu Federico Moreno Torrobas Luisa Fernanda reichen. Er sang an der Opéra de Lausanne, am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, dem Liceu in Barcelona und war am Teatro Real in Madrid als Fenton in Verdis „Falstaff“ sowie als Kaplan in Kurt Weills „Street Scene“ an der Opéra de Monte-Carlo zu erleben. Auf dem Konzertpodium sang er Oratorien und Messen von Mozart, Beethoven und Haydn.

Festspielhaus Baden - Baden / Thomas-Guggeis © Matthias Baus

Festspielhaus Baden – Baden / Thomas Guggeis © Matthias Baus

Mit seinem kurzfristigen Einspringen für Christoph von Dohnányi bei der umjubelten Neuproduktion von Hans Neuenfels‘ „Salome“ an der Staatsoper Berlin sorgte Thomas Guggeis im Januar 2018 international für Aufsehen. Er erhielt erneut positive Rückmeldungen für sein Einspringen für die im März 2019 abgesagten Konzerte von Paavo Järvi mit der Staatskapelle Berlin. Seit der Spielzeit 2018/19 ist der 26-Jährige Kapellmeister an der Staatsoper Stuttgart, wo er u.a. La Bohème, Il barbiere di Siviglia, Der Freischütz und „Die Zauberflöte“ dirigierte. Neben seiner Tätigkeit in Stuttgart ist Thomas Guggeis an der Berliner Staatsoper unter den Linden als Assistent von Daniel Barenboim tätig. Dort dirigierte er Carmen, La traviata und „Katja Kabanova“. In dieser Spielzeit debütiert er am Pult der Staatskapelle Dresden und dem Swedish Radio Symphony. 2016 und 17 war Thomas Guggeis als Assistent von Franz Welser-Möst bei den Salzburger Festspielen tätig. Guggeis studierte Dirigieren in München und Mailand bei Bruno Weil, Marcus Bosch und Vittorio Parisi und vervollständigte seine Ausbildung durch verschiedene Meisterkurse.

Das Wiener KammerOrchester wurde 1946 von Franz Litschauer gegründet und hat sich in den 73 Jahren seines Bestehens als eines der weltweit führenden Kammerorchester etabliert. Sehr wichtig für die musikalische Geschichte des Orchesters war die Zusammenarbeit mit dem Chefdirigenten Carlo Zecchi und den Gastdirigenten Yehudi Menuhin, Heinz Holliger, Sir Neville Marriner und Ádám Fischer, welchen das Orchester lang anhaltende Impulse verdankt. Im Jahr 1946 dirigerte Benjamin Britten Orchester bei der Aufführung seiner Serenade Op. 31. 1952, im Alter von 9 Jahren, hat Daniel Barenboim sein Debüt mit dem Orchester gegeben, 1964 ist Alfred Brendel mit dem Orchester aufgetreten. In Wien tritt das Orchester zusätzlich zu den selbst veranstalteten Zyklen in zahlreichen Konzerten, u. a. im Wiener Musikverein, auf. Seit der Spielzeit 2012/13 ist das Wiener KammerOrchester am Theater an der Wien und der Wiener Kammeroper als Opernorchester tätig. Sein hohes internationales Ansehen dokumentieren die regelmäßigen Tourneen, die unter anderem nach Japan, China, die USA und Südamerika sowie nach Russland und in alle Länder Europas führten. Das Wiener Kammerorchester arbeitete mehrere Male mit dem Hamburg Ballett John Neumeier und dem Arnold Schönberg Chor zusammen und ist weltweit ein gerne gesehener Gast bei wichtigen Veranstaltern und Konzerthäusern.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, 2019/20: Liederabende an der Oper Frankfurt, 03.09.2019

August 29, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

NEUN LIEDERABENDE AN DER OPER FRANKFURT

COUNTERTENOR – AM ERSTEN LIEDERABEND DER SPIELZEIT 2019/20

Jakub Josef Orlinski, Countertenor, 03. Oktober 2019
Pretty Yende, Sopran 29. Oktober 2019
Stanislas de Barbeyrac, Tenor 26. November 2019
Maria Bengtsson, Sopran 14. Januar 2020
Jiddische Operettenlieder u.a. mit Barrie Kosky, Klavier 04. Februar 2020
Florian Boesch, Bassbariton 25. Februar 2020
Gaëlle Arquez, Mezzosopran 31. März 2020
Peter Mattei, Bariton 12. Mai 2020
John Osborn, Tenor 23. Juni 2020

 

Oper Frankfurt / JAKUB JÓZEF ORLI?SKI © Jiyang Chen

Oper Frankfurt / JAKUB JÓZEF ORLINSKI © Jiyang Chen

JAKUB JÓZEF ORLINSKI ist mit sicheren Schritten auf dem Weg, einer der großen Vertreter seines Faches unserer Zeit zu werden. Mit seiner betörenden Stimme hat der junge Künstler Frankfurt einen unvergesslichen Rinaldo geschenkt. Überaus virtuos und glaubhaft führte er durch die emotionalen Höhen und Tiefen dieses verzweifelt liebenden Kriegers und überraschte mit atemberaubendem Körpereinsatz. Breakdance und Barock sind bei Jakub Józef Orlinski alles andere als ein Widerspruch – sie sind die Freiheit des Hier und Jetzt. Kein Wunder, dass die Opernwelt auf dieses energiegeladene Talent blickt. Sein erstes Solo-Album Anima sacra stellte er gemeinsam mit dem Ensemble Il pomo d’oro auf einer ausgedehnten Europa-Tournee vor. Eine zweite Barock-CD unter dem Titel Facce d’amore erscheint Ende diesen Jahres. Seit dem Studium in New York tritt er regelmäßig mit dem polnischen Pianisten Michal Biel auf. Dass dabei nicht nur barockes Repertoire auf dem Programm steht, sondern auch der ein oder andere Sprung Richtung Gegenwart vollführt wird, lässt einen großartigen Frankfurter Liederabend erwarten.

Oper Frankfurt / JAKUB JÓZEF ORLI?SKI mit seinem Pianisten Micha? Biel:© Honorata Karapuda

Oper Frankfurt / JAKUB JÓZEF ORLINSKI mit seinem Pianisten Micha? Biel:© Honorata Karapuda

Anlässlich seines ersten Frankfurter Liederabends präsentiert Jakub Józef Orlinski, begleitet von Michal Biel am Klavier, Werke von Georg Friedrich Händel, Giuseppe Maria Orlandini, Giovanni Battista Bononcini, Luca Antonio Predieri und Francesco Bartolomeo Conti sowie Karol Szymanowski, Tadeusz Baird und Pawel Lukaszewski..

 

–| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Norma – Vincenco Bellini, IOCO Kritik, 25.06.2018

Juni 26, 2018 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

NORMA – Vincenco Bellini

Text Felice Romani, nach Norma ou L’Infanticide von Alexandre Soumet

Von  Ljerka Oreskovic Herrmann

 Vincenzo Bellini in Pere Lachaise © IOCO

Vincenzo Bellini in Père Lachaise © IOCO

Mit Vincenco Bellinis Oper Norma beendete die Oper Frankfurt die Saison 2017/18 mit einer packenden Inszenierung von Christof Loy. Es gibt keine römischen Legionäre und Kostüme, kein tableauartiges Bühnenbild und die Titelfigur trägt kein divenhaftes Outfit – nichts davon vermisst man. Denn Elza van den Heever gibt mit ihrer Verkörperung der gallischen Priesterin keine von den archaischen Lebenswelten getriebene und letztendlich zum Opfer gewordene Frau. Ihre Norma, und von Loy glaubhaft inszeniert, ist eine durch und durch erwachsene Frau, sich ihrer Stellung in der Gesellschaft und vielmehr noch ihrer Verfehlung bewusst.

Worum geht in Bellinis Werk? Um Verrat, Vertrauensverlust, Brechen von Schwüren, Loyalität und Treue. Und genau das zeigt der Regisseur auf allen Ebenen. Zunächst im Persönlichen: Norma realisiert, dass der römische Feldherr Pollione sie nicht mehr liebt – obwohl sie für diese Liebe viel auf sich genommen hat und zwei Kinder aus der Verbindung hervorgegangen sind. Nun kommt die nächste Stufe ins Spiel: Die Frage nach Loyalität, die durch Adalgisa aufgeworfen wird und zuletzt die alles entscheidende Auflösung erfordert, die zwischen persönlichem Glücksstreben einerseits und als öffentliche Person nach der Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft andererseits. Für die Darstellung dieser Konflikte hat Raimund Orfeo Voigt einen guckkastenartigen kaum möblierten Raum geschaffen, der den Akteuren genügend Spielfläche bietet und mit der Lichtführung von Olaf Winter eindrückliche Stimmungswechsel erzeugt.

Oper Frankfurt / Norma -  hier :  Elza van den Heever als Norma, im Hintergrund Ensemble © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Norma – hier : Elza van den Heever als Norma, im Hintergrund Ensemble © Barbara Aumüller

Die Stühle, auf denen Platz genommen werden kann, weisen einem die Zugehörigkeit zu: Man nimmt Platz, weil man Teil dieser Gruppe ist. Norma tut das wie selbstverständlich im 1. Akt. Wie eine Herrscherin, breitbeinig und fast männlich setzt sie sich auf einen der Stühle, als es darum geht mit dem Volk, den nächsten Schritt gegenüber den Römern zu planen. Norma ist Raum einnehmend und Raum greifend – eine wahrhaftige, autonome Frau. Dennoch kann eine solche Person mehr als verletzlich sein, dann, wenn es um die eigene Existenz geht. Elza van den Heever gibt dieser Norma alles an Innerlichkeit mit, eine gestandene Frau, die gerade deshalb nicht frei von Ängsten und Zweifeln ist und diese mit sich selbst aushandeln muss. Und sowohl körperlich als auch stimmlich gestaltet das die südafrikanische Sängerin bis in jedes Detail intensiv aus. Ihre Stimme ist zart und berührend, wird fast brüchig, als sie die berühmte Arie „Casta Diva“ singt, weil „ihre“ Priesterin um die fundamentale Bedingtheit der menschlichen Existenz weiß.

Besonders deutlich wird das im Austausch mit Adalgisa – von Gaëlle Arquez mit großer Inbrunst gesungen. Hier die Novizin – sie trägt als einzige ein weißes Kleid –, die sich der  „Anführerin“ anvertraut, weil sie keinen anderen Ausweg sieht. Sie gesteht ihre Liebe zu einem Römer, der sie aufs zärtlichste zum letzten Schritt – dem Bruch des Gelübdes – bewegen will. Dies weckt bei Norma Erinnerungen an ihre eigene Liebe und Verführbarkeit, und sie gewährt der jungen Frau die Loslösung von dem Eid, den sie ohnehin noch nicht endgültig abgelegt hat. Wie innig und verständnisvoll beide Frauen einander gegenübertreten, wie sie da beieinander sitzen, vereint im gemeinsamen Dilemma, von dem Adalgisa allerdings keine Ahnung hat, lässt einem beinahe den Atem stocken. Loyalität, Verständnis und Aufrichtigkeit der Gefühle werden von den beiden Frauen in exzellenter Stimmführung, Loys präziser Personenführung und dem großartigen Dirigat von Antonino Fogliani zu einem der intensivsten Momente an diesem Abend. Nur blitzartig kurz könnte man an einen versöhnlich Ausgang glauben, dann aber schlägt es in Wut, ja Zorn um, als Adalgisa den Namen nennt: Pollione!

Oper Frankfurt / Norma - hier : Stefano La Colla als Pollione und Elza van den Heever als Norma © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Norma – hier : Stefano La Colla als Pollione und Elza van den Heever als Norma © Barbara Aumüller

Nicht Adalgisa ist das Ziel ihrer Wut, ihr wollte Norma ihr eigenes Schicksal ersparen, sondern der Römer, der sie und ihre gemeinsamen Kinder verraten hat. Doch um dieser Kinder willen ist sie bereit, ebendiese Adalgisa anzuvertrauen, sollte sie Polliones Frau werden, weil es für sie selbst keinen guten Ausgang geben wird. Der Ausbruch Pollione gegenüber, in dem sie ihn mit der Kraft ihrer Stimme und Körper attackiert, entlädt sich erneut in einem aufwieglerischen „Tanz“ vor den eigenen Gefolgsleuten – jetzt endlich könnt ihr die Römer angreifen. Doch ihr Lebensweg ist damit nicht geklärt – im Gegenteil. Normas anfängliches Zaudern, das Signal für den Kampf zu geben, und ihre jetziges „Fanal“ werden von persönlichen Motiven geleitet und mündet letztendlich in der Überlegung, wie sie sich an Pollione rächen könnte. Während ihre Söhne am Tisch sitzen und essen, schneidet Norma ein Stück Brot ab und reicht es den beiden – sie ist ganz bei ihnen und fürsorgliche Mutter. Nur kurz darauf, wenn sie sich von ihnen verabschiedet – der jüngere lässt sich von ihr umarmen, während der ältere ahnend abwehrt – und sie sie in ihr Versteck im Bühnenboden schickt, macht sie sich auf, das Messer gegen die Söhne zu richten. Norma ist aber keine Medea, die nicht anders kann, als ihre Kinder zu töten, um den Mann zu strafen. Norma ist eine Frau mit Skrupel und einer anderen Erkenntnis: tötet sie Polliones Kinder, tötet sie auch ihre eigenen! Es ist fast schmerzlich anzusehen, wie sich Norma windet, das Messer in der Hand hält und immer wieder ansetzt, diesen Kampf mit sich ausficht (Arie „Dormono entrambi“ Anfang 2. Akt).

Das eigentliche Problem ist Pollione und ihr Bruch des Gelübdes. Im Tod wird sich die Größe dieser Frau zeigen: Sie ist kein Opfer, sie opfert sich nicht, auch wenn es das Volk fordert, sondern übernimmt Verantwortung für ihr Tun! George Bernard Shaw schrieb, dass Freiheit bedeutet, Verantwortlichkeit zu übernehmen – das ist es, was Loys Norma zeigt. Sie alleine entscheidet über ihr Ende, weil sie weiß, dass sie Regeln, so überkommen und atavistisch sie in unseren Augen sind, übertreten hat, und dafür die Konsequenzen trägt. Auch diese Szene ist beeindruckend inszeniert: Norma nimmt ihren Stuhl und stellt ihn vor die Guckkastenbühne, wo sie mit Pollione eine Aussprache haben wird. Ein zweites intimes Gespräch, in dem wieder Existentielles verhandelt wird, zugleich aber signalisiert es, dass Norma nicht mehr Teil der gallischen Gemeinschaft ist. Der Chor bleibt oben, zunächst auch ihr Vater, der verkraften muss, worum Norma ihn bittet: für ihre Kinder zu sorgen – dabei schaut er zu Pollione hinüber. Einfach grandios.

Oper Frankfurt / Norma - hier: Gaelle Arquez als Adalgisa © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Norma – hier: Gaelle Arquez als Adalgisa © Barbara Aumüller

Es war ein Abend der Frauen – Alison King als Clotilde gehört ebenfalls dazu – die von dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester auf Händen getragen wurden. Auch Stefano La Colla als der untreue römische Verführer Pollione, Robert Pomakov als Normas Vater Oroveso und Ingyu Hwang als Flavio profitieren davon. Antonino Fogliani gelingt eine kongeniale musikalische Begleitung der Inszenierung, und er entfaltet Bellinis expressive melodische Linie, die aufgebaute Spannung und hochdramatischen Momenten wunderbar unaufgeregt, geradezu wie nebenbei, dafür mit enormer Wirkung. Die Chormitglieder leisten wie immer gute Arbeit unter Tilman Michael. Sie tragen graue Kostüme und Anzüge mit weißen Blusen und Hemden (Kostüme: Ursula Renzenbrink) und sind dennoch nie „nur“ Masse, stattdessen echte Individuen, so wie Menschen nun einmal sind: groß, klein, rundlich, schlank, alt und jung, kraftvoll und ängstlich. Weitere Mitwirkende sind: Damjan Batistic, David Földizin, Bagdasar Khachikyan, Maximilian Reisinger, Joseph Reichelt als Partisanen sowie die beiden Kinder Theodor Landes und Thomas Mehltretter.

Großer Applaus – ein paar Zuschauer wollten lieber eine Ausstattungsoper, wurden stattdessen mit einer ausgeklügelten psychologischen Aufführung belohnt.

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Premiere NORMA – Vincenzo Bellini, 10.06.2018

Juni 5, 2018 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

 NORMA – Vincenco Bellini

 Text von Felice Romani, nach der Tragödie Norma ou L’Infanticide (1831) von Alexandre Soumet, In  italienisch mit deutschen und englischen Übertiteln

Premiere:  Sonntag, 10. Juni 2018, um 18.00 Uhr

 Vincenzo Bellini in Pere Lachaise © IOCO

Vincenzo Bellini in Pere Lachaise © IOCO

Norma von Vincenzo Bellini (1801-1835) ist das Hauptwerk der sogenannten Belcanto-Ära und gilt als gelungenste Oper des sizilianischen Komponisten. Ganz sicherlich hat daran das geschickt gebaute Libretto von Felice Romani großen Anteil, welches Bellini ermöglichte, gerade bezüglich der Charakterzeichnung der beiden Frauenfiguren Norma und Adalgisa in die Tiefe zu gehen und dadurch den Vorwurf des bloßen Schöngesangs zu entkräften. Nach der eher kühl aufgenommenen Uraufführung am 26. Dezember 1831 an der Mailänder Scala konnte das von Verdi und Wagner gepriesene Werk sehr bald seinen erfolgreichen Weg über die Bühnen der Welt antreten. Nichtsdestotrotz ist der Erfolg der Oper von der Sängerin der Titelpartie abhängig, was Interpretinnen von Maria Malibran über Maria Callas bis hin zu Edita Gruberova eindrucksvoll unter Beweis stellten. An der Oper Frankfurt ist – von zwei konzertanten Produktionen 1976 und 2008 abgesehen – in der Nachkriegszeit keine szenische Präsentation von Bellinis Oper verzeichnet.

 Oper Frankfurt / Elza van den Heever Sopran / Titelpartie; ©Dario Acosta

Oper Frankfurt / Elza van den Heever Sopran / Titelpartie; ©Dario Acosta

Im von Rom besetzten Gallien unterhält die Druidenpriesterin Norma eine geheime Liebesbeziehung zum feindlichen Prokonsul Pollione, dem Vater ihrer beiden Kinder. Als sich der Soldat jedoch in die junge Priesterin Adalgisa verliebt, ist Norma am Boden zerstört. Der Versuch ihrer schuldlosen Rivalin, die beiden Kontrahenten zu versöhnen, misslingt. Norma schwört Rache und ruft ihr Volk zum Kampf gegen die Römer auf. Dem inzwischen gefangengenommenen Pollione droht der Tod. Norma erklärt, dass eine Priesterin ihren Eid gebrochen habe und zusammen mit dem Römer sterben soll. Nach einigem Zögern gibt sie sich selbst als die Frevlerin zu erkennen. Gemeinsam mit Pollione, dessen Liebe zu ihr neu erwacht ist, besteigt sie den Scheiterhaufen.

 Oper Frankfurt / Gaëlle Arquez - Mezzosopran / Adalgisa; © Agentur

Oper Frankfurt / Gaelle Arquez – Mezzosopran / Adalgisa; © Agentur

Antonino Fogliani ist musikalischer Leiter des Festivals Rossini in Wildbad und gab hier 2016/17 sein Hausdebüt mit Puccinis Tosca. Aktuell führt ihn Donizettis Lucia di Lammermoor an die Münchner Staatsoper. Regisseur Christof Loy ist regelmäßiger Gast in Frankfurt, wo er zuletzt Bergs Wozzeck (2015/16) und Scartazzinis Der Sandmann (2016/17) inszenierte. Zu seinen aktuellen Arbeiten gehört u.a. Donizettis Maria Stuarda am Theater an der Wien. Kurzfristig übernahm Loy die Frankfurter Neuproduktion von Bellinis Norma, nachdem die Pläne der Übernahme einer Inszenierung von Sigrid Strøm Reibo im Rahmen der angekündigten Koproduktion mit der Norske Opera Oslo aus künstlerischen Gründen aufgegeben wurden. Elza van den Heever (Norma), Frankfurter Ensemblemitglied von 2009 bis 2014, war kürzlich als Beethovens Leonore in Zürich und als Chrysothemis in Strauss’ Elektra an der New Yorker Met zu erleben. Stefano La Colla (Pollione) gastierte zuletzt u.a. als Calaf in Puccinis Turandot an der Deutschen Oper Berlin und als Cavaradossi in Puccinis Tosca in Rom. Bizets Carmen nimmt momentan einen zentralen Platz im Repertoire von Gaëlle Arquez (Adalgisa) ein. Nach Frankfurt (2016/17) verkörperte sie diese Partie in Bregenz, Madrid und London. Robert Pomakov (Oroveso) gab hier 2016/17 sein Hausdebüt als Gremin in Tschaikowskis Eugen Onegin. Regelmäßig gastiert er an der New Yorker Met und der Opéra National de Paris.

Hingewiesen sei an dieser Stelle noch auf vier Begleitveranstaltungen zum Werk, die rund um die Aufführungsserie auf dem Programm der Oper Frankfurt stehen: die Einführungsveranstaltung Oper extra am 27. Mai 2018 um 11.00 Uhr im Holzfoyer, der Vortrag von Produktionsdramaturg Konrad Kuhn Norma – ein enzyklopädischer Charakter vor der Premiere am 10. Juni 2018 um 16.00 Uhr im Holzfoyer, die Gesprächsrunde Oper im Dialog am 17. Juni 2018 im Anschluss an die Vorstellung im Salon im 3. Rang sowie der Vortrag von Jürgen Kesting Was ist eigentlich Belcanto? am 24. Juni 2018 um 14.00 Uhr im Holzfoyer. Näheres unter www.oper-frankfurt.de.

Premiere: Sonntag, 10. Juni 2018, um 18.00 Uhr, Weitere Vorstellungen: 14., 17., 20., 23., 27. Juni 2018, jeweils um 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—