Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, ALCINA – Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 25.02.2020

Februar 25, 2020 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

ALCINA –  Georg Friedrich Händel

….. am Anfang war der Zauber …

von Albrecht Schneider

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Aus dem Schatten, den die barocke Figur des Instrumental- und Oratorienkomponist Georg Friedrich Händel mit Alcina auf die musikalische Landschaft legt, tritt der gleichnamige Opernkomponist nicht gerade häufig hervor. Die zu seiner Zeit das musikalische Theater vorzugsweise darstellende Opera seria schätzte den Bühnenzauber durchaus, nutzte also die damaligen technischen Möglichkeiten der Illusionsmaschinerie. Ihre Stoffe rekrutierte sie vorwiegend aus der Mythologie, da in deren hehrem Personal die Souveräne Abziehbilder eigener Großartigkeit zu sehen und zu hören wünschten. Es war der Opera seria als Hofoper aufgegeben, als ästhetischer Verklärungsapparat von Herrschertugenden herhalten zu müssen; in dieser Tradition stand noch Mozart, der mit seiner Oper La Clemenza di Tito, indessen ordentlich honoriert, dem just inthronisierten Kaiser Leopold II zu huldigen hatte. Für die allerletzte ihrer Art mag Benjamin Brittens anlässlich von Elisabeth II Thronbesteigung 1953 geschriebene Krönungsoper Gloriana gelten. Mit ihr wird der jungen Königin Vorgängerin und Namenscousine Elisabeth I freilich weniger strahlend und abgehoben als irdisch schwankend szenisch und musikalisch abgemalt.

Deutsche Oper am Rhein / ALCINA - hier : Maria Kataeva als Ruggiero, Jacquelyn Wagner als Alcina © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / ALCINA – hier : Maria Kataeva als Ruggiero, Jacquelyn Wagner als Alcina © Jochen Quast

Die Inselkönigin und Zauberin Alcina verwandelt die Männer, die es auf ihr verruchtes Eiland verschlagen hat, post festum in wilde Tiere wie auch in allerlei Pflanzen und Gesteinsarten. Woher die drastische Verfahrensweise der Dame rührt, enthüllt die Oper nicht, weswegen es sich trefflich spekulieren lässt, ob ihre Galane sich im Bett womöglich als Taugenichtse erwiesen haben oder sie schlichtweg wie eine prämoderne Radikalfeministin verfährt, die den Männern jene Rollen zuweist, die ihrer Ansicht nach deren Grundausstattung repräsentieren.

Alcina – Georg Friedrich Händel
youtube Trailer Deutsche Oper am Rhein
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Allein die Gegebenheiten ändern sich entscheidend, als der Ritter Ruggiero dort und bei ihr landet, folglich Herrscherin und Besucher sich heftig ineinander verlieben oder eher: sie sich gegenseitig geradezu verfallen. Im Liebesrausch vergisst sie die ganze Zauberei und er, dass daheim die Braut Bradamante seiner harrt. Mit deren Auftauchen im Reich Alcinas, um den abgängigen Verlobten in die Realität zurückzuholen, setzt die Oper ein. An ihrem Ende hat sie ihn mit viel Plackerei aus der Magierin Liebesbanden befreit und mit den eigenen zu seinem mutmaßlichen Heil gefesselt, zudem sich die Königinschwester Morgana mit dem eingeborenen Inselbewohner Oronte verbunden. Deren Glück kommt nicht so einfach zustande, weil Bramante vorerst als Mann auftritt und sogleich zum Ziel von Orontes Begierde wird. Zu guter Letzt entrinnen alle zusammen dem Herrschaftsgebiet der königlichen Hexe, die nunmehr als ein aller Liebe beraubtes, um alle Macht und alle Magie gebrachtes trostloses Weib samt nichtswürdigem Imperium dem Blick entschwindet.

Dieses äußere Spiel das Irrungen und Wirrungen ist handlungsarm; das Entscheidende vollzieht sich in der Innenwelt aller Beteiligten, die sich freilich öffnet mit rund vierzig Rezitativen und Arien als permanenten Affektentladungen.

Schauplatz ist nicht mehr die sinnenbetörende aber unselige „Insel des Barock“, sondern Strandbar und Hotelterrasse als Tummelplätze des heutigen Hedonismus’. In einem derartigen mondänen Milieu vermutet die Regisseurin Lotte de Beer die Sozialisation ihrer negativen Heldin und verortet sie auf Dauer auch deswegen dort, weil dieser Raum es ihr ermöglicht, allen destruktiven Gelüsten ungestört zu frönen, bis, ja, bis sie eben in glühender Liebe zu diesem Mann entbrennt und schließlich metaphorisch selbst darin verbrennt.

Deutsche Oper am Rhein / ALCINA - hier : Beniamin Pop als Melisso, Elena Sancho Pereg als Morgana, Andrés Sulbarán als Oronte. © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / ALCINA – hier : Beniamin Pop als Melisso, Elena Sancho Pereg als Morgana, Andrés Sulbarán als Oronte. © Jochen Quast

Kunstgerecht und überzeugend hat die Regie vereint mit Christof Hetzer (Bühne), Jorine van Beek (Kostüm) und Alex Brok (Licht) die alte Geschichte einer Femme fatale, ein Habitus, der auf dem Theater und in der Literatur unausweichlich ins Verderben führt, in eine gleichsam bebilderte, also auch sichtbare Herzenssprache übertragen. Solcher das Schöpfungswunder Mann bedrohender und bisweilen geradezu auffressender Frauen werden die Herren im wahren Sinn des Wortes nur Herr mittels Gewalt: Schwert, Scheiterhaufen, Beil, Messer sind die gängigen Techniken, sofern sich nicht sogar der Meeresboden öffnet und sie verschlingt. Was jedoch kaum Wunder nimmt, da derartige Frauengestalten Jahrtausende hindurch in Männerhirnen geboren wurden.

Mitarbeit am Schicksal der negativen Heldin Alcina leisten in in diesem Magnetfeld der Leidenschaften, sich gegenseitig anziehend und wieder abstoßend, der wenig ritterliche, zunächst liebesblinde wie liebestaube Ruggiero, seine unbeirrbare und resolute Braut Bradamante, die von Hose zu Hose schwirrende Alcinaschwester Morgana und als deren letzte Zuflucht der gelegentlich intrigante Oronte.

Alcina Regisseurin Lotte de Beer © IOCO

Alcina Regisseurin Lotte de Beer © IOCO

Die vier von der Stimme her grandiosen Künstlerinnen und von der Erscheinung her bezaubernden (kein fauler Zauber!) Frauen singen sich allesamt wahrlich die Seele aus dem Leib. Davon unberührt dürfte kein Gemüt aus dem Opernhaus in die Nacht hinausgewandert sein. Der Sopranisten Jacquelyn Wagner Töne reflektieren alle Gemütszustände der Alcina: vom Hochgefühl der Liebe bis zur Verzweiflung der Zwölfachteltaktklage: „Mi restano le lagrime – Mir bleiben nur die Tränen“. Man ist hier geneigt mitzuweinen. Mit ihrem „Verdi prati, selve amene – Grüne Wiesen, liebliche Wälder“ singt die Mezzosopranistin Maria Kataeva ein bisschen Frühlingsahnung ins Halbrund des Opernhauses, eindrücklich und makellos gestaltet sie die Hosenrolle des Ruggiero (Die Partie hatte einst der Tenor Fritz Wunderlich in einer CD Aufnahme übernommen). Die Koloraturketten eines „Vorrei vendicarmi – Ich möchte mich rächen“ der tatkräftigen Bradamante (Wallis Giunta) klingen unheilschwanger nicht allein in den Ohren des wankelmütigen und verhexten Heiratskandidaten, sondern ebenso in denen des Auditoriums. Ihn mahnt mit dunkler Männerstimme „Pensa a chi – Denke an sie“ der bradamantische Leibwächter Melisso (Beniamin Pop), indessen der unberechenbaren Oronte (André Sulbarán) ihn mit „Semplicetto! a donna credi – Einfaltspinsel! du vertraust einer Frau“ angiftet. In des maulenden Patrons Herz glaubt die flatterhafte Morgana der Shira Patchornik (aus Wiesbaden für die erkrankte Elena Sancho Pergel bravurös eingesprungen), sich mit melancholischen Tönen „Credete al mio dolore – Glaubt mir meinen Schmerz“ neuerlich einschleichen zu können.

Deutsche Oper am Rhein / ALCINA - hier : Wallis Giunta als Bradamante, Maria Kataeva als Ruggiero, Jacquelyn Wagner als Alcina © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / ALCINA – hier : Wallis Giunta als Bradamante, Maria Kataeva als Ruggiero, Jacquelyn Wagner als Alcina © Jochen Quast

Zum Ende des dreiaktigen Dramma per Musica, nachdem der Knabe Oberto (Maria Carla Pino Cury) die Zauberin mit „Barbara – Unmenschliche“ niedergesungen hat und dessen in einen Löwen verwunschener Vater in seine Originalgestalt zurückkehren durfte, finden die drei Hauptaktricen Alcina, Ruggiero und Bradamante sich – eine Rarität in der Opera seria – zu einem Terzett zusammen, um ordentlich miteinander zu hadern. Schließlich ist es ein Chor – auf der barocken Opernbühne ebenfalls nicht oft anzutreffen –, der mit >Ogni mal si cangia in bene – Alles Böse wandelt sich in Gutes< das Publikum wieder mit der realen und bedauerlicherweise nur gelegentlich zauberhaften Welt versöhnt.

Für die Dacapoarien braucht es einen langen Atem. Die in Larghettobögen wie attackierenden Perioden auskomponierten Affekte, lyrisch oder dramatisch formuliert, verlangen neben einer überzeugenden Darbietung Händelscher Musiksprache zudem Empathie der Künstlerinnen für ihre Figuren, damit sie lebendig, damit aus Noten Menschen werden. Regie und Gesang gelangen zu einer grandiosen Darstellung gemeinsam mit der rund dreißig Instrumentalisten zählenden, auf den angehobenen Orchestergraben platzierten Neuen Düsseldorfer Hofmusik. Das Ensemble, historischer Aufführungspraxis verpflichtet und darum mit Darmsaiten, nachgebauten Blasinstrumenten und Theorbe (Basslaute) aufspielend, schafft einen satten und stets transparenten Klangraum, in dem vernehmbar alle Vokalisten sich bestens aufgehoben wissen, und der einen Schwarm Besucher derart verzückt, um – leider – in die Arien hineinzuklatschen. Ein Extrabravo verdient sich die Continuogruppe.

GMD Axel Kober, aus Hamburg nach einem Dirigat von Verdis Falstaff zurück und problemlos aus der Sphäre einer Commedia lirica des späten Neunzehnten Jahrhunderts in die einer Opera seria des frühen Achtzehnten wechselnd, führt mit formenden Händen die Musiker durch die mal gewichtige mal beschwingte, mal düstere und mal lichtere Partitur, jeder ihrer Stimmen wird Gehör geschenkt; gemessen und wieder sprudelnd wie ein Fluss strömt und tanzt die Musik vorüber. Abermals begeistert eine Aufführung, die bloßlegt, wie genial Händel das antiquierte Opernmodell aus Schema und Konvention herauskomponiert hat, und es ist einzigartig, was für ein Stück quicklebendigen Theaters das Orchester, der Dirigent und besonders die brillante Künstlerschar aller Arten aus dem Werk miteinander zu machen verstehen.  Angemessen großer Applaus.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Cosi fan tutte – W A Mozart, IOCO Kritik, 11.09.2018

September 11, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

COSI FAN TUTTE  –  Wolfgang Amadeus Mozart

Wenn die Monster kommen! – Ein Appell an die Naivität 

Von Patrik Klein

Im Libretto der Oper Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart steckt scheinbar viel Seelenlosigkeit und Unlogik: Warum erkennen die Frauen ihre neuen Liebhaber nicht als ihre eigenen Ehemänner? Doch Mozart nahm den Text von Lorenzo Da Ponte positiv an und vertonte ihn in seiner genialen Art zu einem musikalischen Meisterwerk.
Mit Mut zur Phantasie versuchte das Regieteam um Herbert Fritsch (Regisseur, Schauspieler und Medienkünstler) das Stück mit Humor, Farbenfreude und ohne klare Interpretationsdeutungen zu erzählen. Musikalisch gelang eine recht geschlossene Produktion auf durchweg hohem Niveau.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : Ensemble und Chor © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : Ensemble und Chor © Hans Jörg Michel

 Così fan tutte  („ossia La scuola degli amanti“, „So machen es alle oder Die Schule der Liebenden“) ist eine Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart nach einem Libretto von Lorenzo Da Ponte. Wie der Auftrag zur Oper Così fan tutte an Mozart gelangte, ist unklar. Das Werk ist nach Le nozze di Figaro und Don Giovanni die letzte der drei Buffa-Opern, die Mozart auf einen Text von Lorenzo Da Ponte schrieb. Mozart begann mit der Komposition im Herbst des Jahres 1789. Zu Silvester des Jahres 1789 veranstaltete Mozart in seiner Wohnung eine Probe, bei der er Teile der Komposition mehreren Freunden und Bekannten, unter ihnen Joseph Haydn, vorspielte. Uraufgeführt wurde die Oper am 26. Januar 1790 im „alten“ Wiener Burgtheater am Michaelerplatz.
Die Wiener Zeitung vom 30. Januar 1790 vermeldete die Uraufführung ohne Wertung, während der Wiener Korrespondent des Weimarer Journal des Luxus und der Moden im März 1790 positiv bemerkte: „Ich kündige ihnen wieder ein vortreffliches Werk von Mozart an, das unser Theater erhalten hat. Von der Musik ist, glaube ich, alles gesagt, dass sie von Mozart ist.

Wolfgang A Mozart © IOCO

Wolfgang A Mozart © IOCO

Così fan tutte war lange Zeit umstritten. Schon kurz nach Mozarts Tod wurde Kritik am angeblich albernen und unmoralischen Textbuch geübt. Abfällige Äußerungen sind unter anderem von Ludwig van Beethoven und Richard Wagner überliefert. Im 19. Jahrhundert wurde Così fan tutte häufig in stark veränderten Bearbeitungen aufgeführt, teilweise wurde Mozarts Musik sogar ein völlig neuer Text unterlegt. Erst im 20. Jahrhundert wurde Così fan tutte als gleichberechtigtes Meisterwerk neben Le nozze di Figaro und Don Giovanni akzeptiert.

Die Handlung  – Erster Akt
Die Oper spielt im Neapel des 18. Jahrhunderts. Die jungen Offiziere Ferrando (Dovlet Nurgeldiyev, Tenor) und Guglielmo (Kartal Karagedik, Bariton) rühmen sich, dass die beiden aus Ferrara stammenden Schwestern Dorabella (Ida Aldrian für die erkrankte Stephanie Laurioella, Mezzosopran) und Fiordiligi (Maria Bengtsson, Sopran), die sie über alles lieben, ihnen niemals untreu werden könnten. Don Alfonso (Pietro Spagnoli, Bass), ein zynischer Mann von Welt, hat aber seine eigenen einschlägigen Erfahrungen und bietet darum Ferrando und Guglielmo ob ihrer Überzeugung eine Wette an. Beide gehen siegessicher darauf ein.

Währenddessen schwärmen sich die Frauen im Garten des Hauses gegenseitig von der unzerbrechlichen Liebe ihrer Partner vor, bis Don Alfonso scheinbar völlig aufgelöst hinzukommt und ihnen mitteilt, dass Ferrando und Guglielmo auf Geheiß des Königs in den Krieg ziehen müssen. In der folgenden Abschiedsszene besteigen die Männer, nun in Kriegsmontur, schließlich ein Schiff, besetzt von als Soldaten verkleideten Dorfbewohnern. Despina (Sylvia Schwartz, Sopran), das Hausmädchen und rechte Hand von Alfonso, versucht, Dorabella und Fiordiligi mit weisen Ratschlägen und Ansichten über Männertreue – insbesondere bei Soldaten – auf andere Gedanken zu bringen. Schon wenig später kehren Ferrando und Guglielmo, verkleidet als fremdländische Adlige, ins Haus zurück, wo sie auch sogleich beginnen, die Braut des jeweils anderen zu umschwärmen. Heftig zurückgewiesen, täuschen die beiden exotischen Gestalten ihren Selbstmord durch Gift vor und werden vom eilig herbeigerufenen Doktor (in Wirklichkeit die verkleidete Despina) in einer Parodie auf die Methoden des Wiener Arztes Franz Anton Mesmer „geheilt“. Die weitere, mitleidige Fürsorge wird in die Hände von Fiordiligi und Dorabella gelegt. Als die vermeintlichen Selbstmörder erwachen, fordern sie erneut einen Kuss und werden wieder abgewiesen.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : Sylvia Schwartz als Despina, Pietro Spagnoli als Don Alfonso © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : Sylvia Schwartz als Despina, Pietro Spagnoli als Don Alfonso © Hans Jörg Michel

Zweiter Akt
Despina erklärt den Schwestern, dass man Liebe und Treue nicht so wichtig nehmen darf. Doch die Herzen der beiden Mädchen sind schon längst erweicht für die Fremden. In romantischer Atmosphäre „fällt“ zunächst Dorabella. Fiordiligi aber folgt noch ihren Gefühlen und beschließt, ihrem Guglielmo in den Krieg nachzuziehen. Sie wird aufgehalten von Ferrando. Er droht, sich zu töten, falls sie ihn nicht erhöre. Da gesteht sie ihm ihre Liebe. Eine Doppelhochzeit wird vorbereitet. Nachdem die Frauen den Ehevertrag unterschrieben haben, erklingt hinter der Bühne der Militärmarsch, der die „Heimkehr“ der Soldaten verkündet. Die verkleideten Ehegatten verlassen heimlich das Zimmer und kommen wieder, nun als Guglielmo und Ferrando. Voller zwiespältiger Freude werden die Männer in die Arme genommen. Don Alfonso spielt den angeblich Heimgekehrten den soeben besiegelten Ehevertrag zu, es kommt zu einer großen Eifersuchtsszene. Die beiden Frauen gestehen zerknirscht ihre Untreue, Ferrando und Guglielmo jedoch, die die Wette mit Alfonso verloren haben, decken ihrerseits den unfairen Schwindel auf. Alfonso befiehlt den vier jungen Menschen, einander zu umarmen und zu schweigen. Despina ist verwirrt und beschämt, dass Don Alfonso sie benutzt hat, tröstet sich aber damit, dass sie es mit vielen anderen genauso macht. Am Ende steht ein Loblied in C-Dur: „Glücklich sei der Mensch, der alles nur von der besten Seite nimmt und trotz der Wechselfälle des Lebens, über die er lacht, die Ruhe bewahrt.

Die Ouvertüre der Oper erklingt in mäßigem Tempo vor noch verschlossenem Vorhang. Ein farbiger geometrischer Körper schütz den Souffleurkasten und lässt bereits jetzt auf die zu erwartende Farbenvielfalt schließen. Sébastian Rouland, amtierender Generalmusikdirektor am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken lässt Mozarts Musik luftig, transparent und gefühlvoll erklingen. Als sich der Vorhang öffnet, erblickt man bühnenmittig ein einsames aufgeklapptes Cembalo auf dem sich wie ferngesteuert die Tasten bewegen, die auch auf dem Instrument im Graben tatsächlich gespielt werden. Etliche verschiedene geometrische Körper liegen auf der Bühne. Die Spielfläche ist zu einem optimalen akustischen Raum aufgebaut mit ihn aufteilenden Kulissen aus lackartig glänzenden Flächen, die in den Grundfarben Rot, Grün und Blau und im Laufe des Abends in immer wieder wechselnden komplementären Farben angeleuchtet werden. An der Decke hängt ein übergroßer halbrunder Kronleuchter, der mal als schickes farbiges Beleuchtungsutensil, aber später auch mal als rotierender Diskothekenkristall genutzt wird.

Die drei erstauftretenden Herren stecken in schillernden, fast absurd anmutenden Kostümen von Victoria Behr, die 2013 von der „Opernwelt“ als Kostümbildnerin des Jahres gewählt wurde. Im Laufe des Abends wird schnell klar, dass sie ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnte. Guglielmo steckt in knallblauer, Ferrando in clownesquer, gelber Uniform und Don Alfonso sieht beinahe aus wie ein Schaffner der Deutschen Bahn in grellem Rot. Beim Terzett der drei Protagonisten wird gehüpft, gesprungen, gezappelt und wild gestikuliert. Alles wirkt ein wenig überzogen und übertrieben. Unweigerlich stellt man sich die Frage: Ist das komisch, burleske Komödie oder gar Klamauk? Die beiden Damen Fiordiligi und Dorabella werden im Hintergrund auf querlaufenden Bändern in die Bühnenmitte gezogen und treten zu den drei Herren dazu. Auch sie stecken in knallbunten blau bzw. ockerfarbenen, fast grotesk anmutenden Kostümen mit Perücken aus barocker Zeit und krassen, übergroßen Hüten. Bei der Verwandlung des Gartens am Meeresstrand erlebt man immer wieder wechselnde Farbspiele der Kulissen, die die Geschehnisse in der Bühnenmitte in das Auge des Betrachters mit ziemlich anstrengend wirkenden Spiegeleffekte tauchen. Die Beleuchter der Staatsoper haben an diesem Abend Hochbetrieb.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Bei der ersten Arie des Abends entsteigt Don Alfonso aus dem Souffleurkasten und verkündet den Damen in raffinierter Weise seine Absichten. Pietro Spagnoli, international gefeierter Sänger, der bereits 2002 an der Hamburgischen Staatsoper die Partie inne hatte, sang mit fein artikulierter Stimme und sehr guter Diktion, wenig Schwärze und vor Allem mit einer geradezu tenoraler Farbe, dass man ihm den „Strippenzieher“ des Abends gerne abnahm. Beim anschließenden Quintett der bisher erschienenen Figuren wird musikalisch das hohe Niveau deutlich, einerseits durch den technisch und damit akustisch idealen Bühnenkasten und andererseits durch das herrlich harmonierende Solistenensemble. Beim dauernden Farbwechsel und Spiegelbildbombardement tritt nun erstmalig der 40köpfige, also etwa zu halber Normalstärke eingedampfte Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich) auf und untermalt optisch als auch musikalisch die Treueschwüre der beiden zu prüfenden Schwestern. Giftgrüne, gesichtslose und behelmte Chormitglieder singen sehr transparent, äußerst präzise artikulierend und wohlklingend vom schönen Soldatenleben im „Swing-Rhythmus“.

Beim Terzett „Weht leise ihr Winde“ verabschieden sich die beiden Herren mit wippenden Walzerrhythmen vor giftgrünem Chor, der sich nun auch in der Bühnendecke lackspiegelt. Dazu ein braves „Winke Winke“ der betroffenen Damen, die wieder auf den Rollbändern ins Off gefahren werden.
Endlich erscheint nun auch des Don Alfonsos Zofe Despina, die ausschaut wie eine aufgeplatzte Tomate mit herausragendem Deoroller als Kopf, in milieuverdächtigen lackschwarzen Stiefeln steckend. „Aus gleichem Holze sind die Männer…“ singt Sylvia Schwartz, international erfahrene spanische Sopranistin, in schöner „mozärtlicher“ Manier mit feiner Stimme, guter Phrasierung, glasklaren Höhen und samtigem, leicht abgedunkelten Timbre.

Ida Aldrian als Dorabella rettete die Premiere indem sie für die erkrankte Stephanie Laurioella einsprang. Kurz vor der Generalprobe musste sie sich in die seit acht Wochen geprobte Produktion einfinden. In dieser konnte sie bereits bis zur Mitte des ersten Aktes spielen und singen. Ab diesem Zeitpunkt sang sie weiter von der Seite zum Spiel des nun in ihren Kleidern steckenden Spielleiters. Wer diese Generalprobe miterleben konnte genoss hier ein zusätzliches Humorpotential. Es blieben nur noch zwei weitere Tage, um den „Rest“ der Rolle zu lernen. Die Arie „Furchtbare Qualen ihr…“ sang die österreichische Mezzosopranistin, die von 2012/13 bis 2014/15 Mitglied im Internationalen Opernstudio der Staatsoper Hamburg war und ab der Spielzeit 2019/20 festes Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg wird, ganz im Sinne Mozarts mit feiner noch etwas kleiner, zärtlicher Stimme, die mit dem schön dunkel gefärbten Timbre verführerisch klang.

„Wie der Felsen, der ohne Schranken…“ singt Maria Bengtsson als Fiordiligi in zu Herzen gehender Art und Weise. Die international bekannte Schwedin, die bereits erfolgreich an den großen Bühnen Europas sang, ist dem Hamburger Publikum bestens bekannt, als sie in der vergangenen Saison die Sopranpartie im Verdi  Requiem gab. Sie konnte auch an diesem Premierenabend mit ihrer Stimme mehr als überzeugen, ja sogar begeistern. Ihre Interpretation und Darstellung der Partie ist herausragend, wenn sie ihren feinen und samtigen Sopran mit ganz leicht dunkler Färbung für ihre berührenden Koloraturen erklingen lässt. Sie überzeugt in allen Facetten ihrer Gesangs- und Schauspielkunst.
Endlich erscheinen die beiden „verkleideten“ Offiziere Ferrando und Guglielmo. Zwei zottelige Wesen huschen auf die Bühne, die wie Monster aus einem Horrorfilm anmuten. Mozarts Text hingegen fragt nach „Sind es Walachen oder Türken?“. Nein, es sind hier bei Herbert Fritsch absurde „Zottelmonster“ mit allerdings freigelegten Gesichtszügen. Können oder sollten die beiden Damen sie denn nun doch nicht erkennen? Oder wollen sie sie vielleicht gar nicht erkennen?

Kartal Karagedik singt die Arie des Guglielmo „O seid nicht so spröde…“ äußerst fein akzentuiert, mit überzeugender Technik und schön phrasierend. Seit 2015 ist er nun Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg und hat seine Baritonstimme klug und erfolgreich weiterentwickelt. Man darf sehr gespannt auf seine weitere Entwicklung sein.
Es folgt die Arie des Ferrando „Der Odem der Liebe…“, die der aus Turkmenistan stammende und seit vielen Jahren im Ensemble der Staatsoper Hamburg singende, international erfahrene Künstler Dovlet Nurgeldiyev berührend gestaltet. Seine für Mozart Opern nahezu perfekte Stimmführung erinnert immer wieder an den jungen Fritz Wunderlich. Ganz selbstverständlich klingt alles ganz leicht von Innen herausströmend legato, sowohl die präzisen Töne als auch die unter die Haut gehenden Phrasierungen und Färbungen. Spielend leicht kommen die Spitzentöne wie zusätzliche Farbtupfer in der eh schon knallbunten Inszenierung. Entsprechend heftig ist am Ende des langen Abends auch sein Schlussbeifall.

Das Finale des ersten Aktes erinnert immer deutlicher an Slapstick. Die Zottelmonster mit roten Pfoten wirbeln so lange herum, bis die ins Auge gefassten Damen langsam erweichen und der mittlerweile im schwarzen Flatterkostüm steckende Arzt alias Despina erscheint, der die scheinbar vergifteten langhaarigen Buhler retten muss. Das finale Sextett dann mehr oder weniger an der Rampe im wippenden Takt mit überdeutlichen Bewegungen und Gesten: „Das Komischste ist dieser Zorn und diese Welt?“

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Der zweite Akt beginnt mit MozartsKleiner Nachtmusik“ auf dem Cembalo gespielt mit rotierendem Diskothekenkronleuchter. Es geht in der Manier des ersten Aktes einfach so weiter. Sind die Damen nun wirklich so leicht zu überwinden oder tun sie nur so? Wir wissen es nicht und werden es in dieser Inszenierung auch nicht erfahren. Mit gefühlt tausendfachen Farb- und Bildwechseln, wild überzogenen und übertriebenen Gesten, zum Teil irren Spiegelungseffekten und Kulissenwandlungen geht die Handlung denn doch meist nur als „Rampentheater“ in die Schlussphase, in der alles auffliegt und die Frauen

irgendwie „alt aussehen“. Man kandiert über die untreue Damenwelt Così fan tutte…So machen es ALLE. „Alles schilt auf die Weiber, doch ich verzeihe“  klingt es aus dem Halse Don Alfonsos, der als „Betrüger“ an den Pranger gestellt wird. Ein scheinbares „Happy End“ mit Vorbelastung. Zum Ende gibt es noch einmal grelle Farbenpracht mit sechs Darstellen, die an der Rampe fleißig hampeln.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte : hier : v.l. Maria Bengtsson, Ida Aldrian © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte : hier : v.l. Maria Bengtsson, Ida Aldrian © Hans Jörg Michel

 Das Publikum in der Staatsoper Hamburg spendet insgesamt freundlichen Applaus. Zustimmung erhalten alle Solisten, der Chor und das Orchester der Staatsoper Hamburg. Für die Regie teilten sich die Reaktionen in zwei Lager: Für die einen war es die witzigste und schönste Komödie des Jahres und für die anderen ein „Albtraum in Technicolor“.

Cosi fan tutte an der Staatsoper Hamburg: Weitere Termine: 8.9., 12.9., 16.9., 18.9., 23.9., 26.9., 29.9.2018

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

 

Frankfurt, Oper Frankfurt, Liederabend: DANIEL BEHLE, 04.03.2014

März 4, 2014 by  
Filed under Oper Frankfurt, Pressemeldung

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Liederabend:  Franz Schuberts Die schöne Müllerin op. 25 D. 795

DANIEL BEHLE, Tenor und  SVEINUNG BJELLAND, Klavier

Dienstag, 4. März 2014, um 20.00 Uhr im Opernhaus
Oper Frankfurt / Daniel Behle © Marco Borggreve

Oper Frankfurt / Daniel Behle © Marco Borggreve

 
Daniel Behle, ehemaliges Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, wurde spätestens mit dem Erscheinen der mehrfach prämierten Aufnahme der Zauberflöte unter der Leitung von René Jacobs 2010 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die Fachpresse vergleicht ihn mit dem jungen Fritz Wunderlich. Auch als Liedsänger hat sich der Tenor bereits einen Namen gemacht. Seine Debüt-CD mit Werken von Schubert, Beethoven, Grieg, Britten und Trojahn wurde von der Metropolitan Opera Guild 2009 unter die besten fünfzehn Neuerscheinungen gewählt. Seither folgten „Die schöne Müllerin / Auf dem Strom“ und „Dichterliebe / Hirt auf dem Felsen“, die neueste CD „Generation“ erschien im Herbst 2012. Daniel Behle singt an den führenden Opernhäusern Europas, u.a. an der Mailänder Scala, der Staatsoper Wien, der Bayerischen Staatsoper München, der Opéra National de Lyon, der Opéra National de Paris, dem Grand Théâtre de Genève, der Oper Köln, der Staatsoper Berlin und der Königlichen Oper Stockholm.
 
—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—
 

Frankfurt, Oper Frankfurt, Liederabend: DANIEL BEHLE, 04.03.2014

Januar 30, 2014 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Liederabend: DANIEL BEHLE, Tenor und SVEINUNG BJELLAND, Klavier

 
Franz Schuberts Die schöne Müllerin op. 25 D. 795
 
Dienstag, 4. März 2014, um 20.00 Uhr im Opernhaus
Oper Frankfurt / Daniel Behl © Marco Borggreve

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Daniel Behle, ehemaliges Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, wurde spätestens mit dem Erscheinen der mehrfach prämierten Aufnahme der Zauberflöte unter der Leitung von René Jacobs 2010 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die Fachpresse vergleicht ihn

Oper Frankfurt / Daniel Behle © Marco Borggreve

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mit dem jungen Fritz Wunderlich. Auch als Liedsänger hat sich der Tenor bereits einen Namen gemacht. Seine Debüt-CD mit Werken von Schubert, Beethoven, Grieg, Britten und Trojahn wurde von der Metropolitan Opera Guild 2009 unter die besten fünfzehn Neuerscheinungen gewählt. Seither folgten „Die schöne Müllerin / Auf dem Strom“ und „Dichterliebe / Hirt auf dem Felsen“, die neueste CD „Generation“ erschien im Herbst 2012. Daniel Behle singt an den führenden Opernhäusern Europas, u.a. an der Mailänder Scala, der Staatsoper Wien, der Bayerischen Staatsoper München, der Opéra National de Lyon, der Opéra National de Paris, dem Grand Théâtre de Genève, der Oper Köln, der Staatsoper Berlin und der Königlichen Oper Stockholm.

 
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