Bremen, Theater Bremen, Lulu – Alban Berg, IOCO Kritik, 22.02.2019

Februar 22, 2019 by  
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Lulu – Alban Berg

– LULU – Lebenskurve extremer Steilheit in beiden Richtungen –

von Michael Stange

 Alban Berg © IOCO

Alban Berg © IOCO

Alban Bergs Oper Lulu fußt auf den Tragödien von Frank Wedekind, Erdgeist und Die Büchse der Pandora, welche dieser 1892 begann und trotz vernichtender Gesellschaftskritik 1898 / 1902  uraufführte, veröffentlichte.

Schonungslos stellt es die seelenlose Realität der Jahrhundertwende dar. Dramatik, Gewalt und sexuelle Phantasien sind die wirkungsvollen Zutaten dieses Vorläufers der literarischen „Neuen Sachlichkeit“. Kern des Stückes sind Lulu und ein Reigen an Männern, die unter anderem durch ausschweifendes sexuelles Verhalten ihre charakterliche Zügellosigkeit offenbaren. Wichtige Anregungen verdankt das Stück auch Sigmund Freud und seinen Feststellungen zum Unbewussten und dem Verhalten des Individuums.

1937, knapp vierzig Jahre nach der Uraufführung von Wedekinds Tragödie Erdgeist folgte die Premiere von Alban Bergs unvollendeter Oper Lulu. Seine Komposition komplexer Zwölftonreihen zeichnet in Verbindung mit Wedekinds dramatischem Werk  die  erschütternde Wucht der Oper.

Lulu  –  Alban Berg
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Revolutionär und zugleich immer noch hochaktuell ist die Entlarvung der bürgerlichen Scheinmoral. Lulu ist eine von ihrer radikalen und triebhaften Umwelt zerstörte Frau. Ihr Schicksal endet aber für Alle fatal. Auf dieser nach Wedekind „Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen“ drängen alle Personen des Stücks in eine Katastrophe. Bergs Lulu spannt auch den Bogen zwischen den Machtfantasien der Wilhelminischen Jahre und ihren faschistischen Spiegelbildern in den dreißiger Jahren, als Militarismus, Säbelrasseln, gesellschaftliche Unterdrückung und koloniale Ausbeutung die Welt prägten.

Regisseur Štorman beleuchtet die Figuren der Oper einschließlich der lesbischen Gräfin Geschwitz als Einheit beim Missbrauch von Lulu. Lulu ist Opfer und Sinnbild der Verrohung, des Abgrundes und des Todes. Lulu begeht einen Mord, flüchtet, prostituiert sich und entgeht dem Mordversuch Jack the Rippers und steuert einem ungewissen Ende zu. Das Bühnenbild des 1 Aktes ist ein dreidimensionales begehbares kaleidoskopartiges Spiegelkabinett vor schwarzem Hintergrund. Hier ist nicht Lulu die Hauptperson sondern alle Akteure werden im Spiegel reflektiert, strahlen zurück oder verirren sich im Raum. Dieses Kaleidoskop zerfällt schon im 2. Akt und ist zum Schluss des 3 Aktes verschwunden. Alle Personen sind als Spiegelbilder Schöns kostümiert. Nach dem Tod Schöns erscheint Lulu in einem Cat-Woman gleichen Latexkostüm und nimmt nach der Flucht die Fäden in die Hand. Bilderreigen, Kostüme und oft pantomimische Bewegungen erinnern an Fritz Lang Filme wie M oder Dr. Mabuse.

Dadurch ist Marco Štorman ein Gesellschaftsdrama von Unterdrückung und Ausbeutung gelungen. Gerade der Verzicht der Darstellung von Gewalt und Mord macht die Inszenierung umso beklemmender. Lulus Drama wird dadurch das Drama der Gewalt in der Gesellschaft und in jedem Einzelnen. Äußerlich unversehrt steht sie am Ende an der Seite der Bühne. Dadurch sind die Wiederholung und Fortsetzung von Gewalt und Qual nicht ausgeschlossen.

Theater Bremen / LULU - hier: Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Theater Bremen / LULU – hier: Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Das Theater Bremen hat für den von Berg nicht vollendeten 3. Akt nicht die bekannte ergänzte Fassung gewählt, sondern dafür Detlef Heusinger einen Kompositionsauftrag erteilt. Er holte für den dritten Akt das SWR Experimentalstudio auf die Bühne und erweiterte das Orchester um eine Bühenmusik. Diese bestand u. a. aus einem Theremin. Das Instrument, wird berührungslos berührungslos über Handbewegungen gespielt und erzeugt eine Vielzahl von Tonhöhen und Dynamiken, die mit mechanische Instrumente nicht erreichen. Hinzu kamen E-Gitarre, Synthesizer und Hammondorgel. Das Klangbild der Oper wird dadurch tonal geändert und wirkt sirrender, packender moderner und noch rauschender und intensiver.

Hartmut Keil versteht es, die Musik Bergs mit fein abgestuften Dynamiken und wo nötig mit dramatischem Applomb zur Geltung zu bringen. Den Sängerinnen und Sängern ist er ein musikalisch zugewandter, wissender Partner. Seine Lesart und sein interpretatorisches Feingefühl machten die Oper zu einem orchestral differenziert leuchtenden packenden musikalischen Drama mit peitschender emotionaler Wucht.

Marysol Schalit gehört seit 2011 zum Ensemble des Theater Bremen und hat zuletzt als Marcelline in Fidelio Glänzendes geleistet. Marysol Schalit vereint atemberaubende Gesangstechnik, eine von weitem Atem getragene leuchtende Stimme, dramatische Wucht und phänomenale Spielfreude. Ihre darstellerische Eindringlichkeit als Lulu paarte sie mit einer anrührend kindlichen Zerbrechlichkeit. Stimmlich ist sie eine ideale Titelheldin. Ihr an sich warmes Timbre hellte sie gleichsam mädchenhaft auf, gelangte aber auch zu raubtierhafter Gefährlichkeit. Gesanglich gelang ihr ein herausragendes Rollendebut mit berückend, leuchtendem Ton und staunenswerten Koloraturen. Die mörderische Partie der Lulu brachte sie so stupend auf die Bühne des Theater Bremen.

Claudio Otelli war ein packender Dr. Schön und Jack the Ripper. Sein klangschöner dramatischer Bariton füllte die Partie mit stimmlicher Glut, dramatischem Feuer und verzehrender Kraft. Erschütternd stellt er die Selbstvernichtung und den Abstieg Schöns dar und lotete die Partie prächtig mit seinem farbenreich Bariton aus.

Theater Bremen / LULU - hier : Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

Theater Bremen / LULU – hier : Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

Chris Lysack sang trotz Indisposition einen höhensicheren, lustvollen Alwa mit unglaublicher Strahlkraft und faszinierender Bühnenpräsenz. Birger Radde war ein mächtig auftrumpfender lustvoller Tierbändiger und Athlet mit italienischem Heldenbariton. Nathalie Mittelbach als Gräfin Geschwitz verkörperte einen gutvoller und gefährlichen Vamp mit bestrickendem Mezzosopran. Christian-Andreas Engelhardt war Prinz, Kammerdiener und Marquis mit großem heldentenoralen Applomb. Stephen Clark gab Theaterdirektor und Bankier mit profundem und rundem Bass. Hyojong Kim war tenoral herausragender geschmeidig klangvoller Maler und Prinz von Uahubee.

Lulu im Theater Bremen ist packend mitreißendes Musiktheater. Das Ensemble verfügt über erfahrene und wohl disponierte Sänger/Innen, welche ihre anspruchsvollen Partien mit Sicherheit und dramatischer Intensität durchschreiten. Nie geraten sie an stimmliche oder darstellerische Grenzen. Das hervorragende Ensemble bewältigte Lulu – eine schwer zu inszenierende  moderne Oper – so mit scheinbarer Leichtigkeit. Die Bremer Philharmoniker machten mit Spielfreude und Durchleuchtung der packenden Partitur unter der Leitung von Hartmut Keils die Komposition Alban Bergs in selten gehörtem Maß durchhör- und erlebbar.

Lulu am Theater Bremen; weitere Termine am 28.02., 02.03., 24.03. und 07.04.2019.

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Linz, Landestheater Linz, CIRKOPOLIS – CIRQUE ÉLOIZE, 13.07.2017

Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

SOMMERGASTSPIEL 2017 – CIRKOPOLIS – CIRQUE ÉLOIZE

 Atemberaubend:  THEATER, AKROBATIK, SPIEL, MUSIK, TANZ und POESIE

Premiere 13. Juli 2017 um 19.30 Uhr  Weitere Termine 14. – 30. Juli 2017, Spielzeiten:  Dienstag – Freitag 19.30 Uhr, Samstag + Sonntag 15.00 + 19:30 Uhr

 Eindrucksvolles Bühnenerlebnis für die ganze Familie (Kinder ab 10 Jahren).

 

Cirque Éloize präsentiert vom 13. bis 30. Juli 2017 ihre aktuelle Show CIRKOPOLIS im Linzer Musiktheater.  Ein bezauberndes und eindrucksvolles Bühnenerlebnis für die ganze Familie. Ganz großes Kino!

Die in Montreal beheimatete Artistikgruppe Cirque Éloize gilt als Paradebeispiel des modernen kanadischen Zirkus‘.  Mit umwerfender Akrobatik, atemberaubenden Stunts, versiertem Seiltanz und verblüffender Reifenakrobatik ziehen die Akrobaten und Künstler mit ihrer aktuellen Show CIRKOPOLIS das Publikum in ihren Bann und in eine neue Welt. Durch Videoproduktionen, drehbare Wände, eine Komposition, die träumerische Chansons, typische Zirkusklänge und Stadtlärm verbindet, entsteht eine stilisierte Großstadtatmosphäre, inspiriert von Fritz Langs Stummfilmklassiker Metropolis.

Der Choreograf Dave St-Pierre und der künstlerische Leiter von Cirque Éloize, Jeannot Painchaud, beweisen mit ihrer träumerischen Inszenierung, dass sich Zirkus zu hochrangigem Entertainment und zu einer eigenen Kunstform entwickelt.

CIRKOPOLIS wurde als eine Kreuzung konzipiert – eine Kreuzung zwischen Einbildung und Realität, zwischen Individualität und Gemeinschaft, zwischen Grenzen und Möglichkeiten. Die Show wird vom poetischen Lebenstrieb angefacht, von den physischen Fähigkeiten des Zirkus‘ und seinem gleichzeitig ernsten und heiteren Humor. Bei CIRKOPOLIS geht es darum, dass die Menschen loslassen können, dass sie sich darauf einlassen, von der Hoffnung emporgehoben zu werden.“, erklärt Jeannot Painchaud, künstlerischer Leiter von Cirque Éloize und Co-Regisseur von CIRKOPOLIS.

Seit die Show im September 2012 auf Tour ging, wurde sie vom Publikum und der Kritik hoch gelobt. Die New York Times schrieb: „Es gibt keine schöneren [Shows als Cirkopolis]“, die New York Post lobte die Show: „Außergewöhnlich! Es gibt den Zirkus und dann gibt es Cirque Éloize. Die sind auf einem ganz anderen Niveau.“ Perez Hilton erklärte: „Wenn Christopher Nolan im Zirkus Regie führen würde, wäre das Ergebnis CIRKOPOLIS. Düster. Sexy. Ein Muss!“. Die Montreal Gazette beschrieb die Show mit den Worten: „CIRKOPOLIS ist ein Wunder. Nichts weniger war zu erwarten, ist es doch eine Schöpfung von Cirque Éloize“. Auch nach Gastspielen in Europa waren die Reaktionen enthusiastisch. So schrieb etwa The Stage: „Eine beeindruckend stimmige Produktion. Viel mehr als einfache Unterhaltung!“, The Stage in Großbritannien bezeichnete die Show als „spannend, dramatisch, erstaunlich, hypnotisierend, einfach ein Traum.“


CIRQUE ÉLOIZE

Cirque Éloize steht im Zentrum der Erneuerung der Zirkuskunst. Durch seine ständige Suche nach künstlerischer Perfektion konnte sich Cirque Éloize einen Namen als eine der führenden Artistik-Gruppen in der zeitgenössischen Zirkuskunst machen. Durch die Disziplinen überschreitenden Talente der Künstler ist Cirque Éloize in der Lage, innovative Ansätze der Theatralität und Menschlichkeit auszudrücken und Zirkuskunst mit Musik, Tanz und Theater in einer bahnbrechenden, originellen Weise zu kombinieren.

Cirque Éloize hat mit zehn Eigenproduktionen bereits über 4.000 Mal in mehr als 500 Städten und 50 Ländern gastiert. Dabei hat Cirque Éloize auch in zahlreichen prestigeträchtigen internationalen Festivals mitgewirkt u. a. beim Edinburgh Festival, Israel Festival, Hong Kong Festival, Festival Iberoamericano de Teatro de Bogota, Beiteddine Festival, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Bergen Festival, Sydney Opernhaus, New York Lincoln Center, Hollywood Bowl, Toronto Sony Centre for the Performing Arts, Wales Millenium Center, Chekhov International Theater Festival in Moskau

Pressemeldung Landestheater Linz

Berlin, Komische Oper Berlin, Moses und Aaron, IOCO Kritik, 20.05.2015

Mai 18, 2015 by  
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Komische Oper Berlin

TRIUMPH DES CHORES
MOSES UND AARON von Arnold Schönberg
zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Komische Oper Berlin / Moses und Aron © Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin / Moses und Aron © Monika Rittershaus

Es ist bereits fast ein Monat vergangen seit der umjubelten Moses und Aaron Produktion von Barrie Kosky und dem russischen Star-Dirigenten Vladimir Jurowski.

Als einmaliges Projekt der Komischen Oper findet die Produktion nur mit sechs Aufführungen statt. Bereits bei der Premiere, am 19. April anwesend, zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, hatte ich kürzlich erneut die Gelegenheit dieser Produktion in ihrer vorletzten Aufführung am 10. Mai beizuwohnen. So war es mir möglich, einige Aspekte der Inszenierung, die sich mir in der Premierenaufführung nicht vollständig erschlossen hatten besser zu verstehen.

Arnold Schönberg, einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, stammte aus einer jüdischen Wiener Familie und hatte sich bereits seit Anfang der zwanziger Jahre mit dem biblischen Mose-Stoff beschäftigt. 1928 begann er dann an „Moses und Aaron“, welches anfänglich als Oratorium von ihm gedacht war und aus praktischen Gründen zu einer Oper ausgearbeitet wurde, zu komponieren. Er hörte jedoch 1937 endgültig auf daran zu arbeiten und lies sie, ohne den vorgesehenen dritten Akt, unvollendet. Das Opernfragment, bei dem er auch das Libretto schrieb, wurde in Teilen 1951, kurz vor seinem Tod, der Öffentlichkeit präsentiert. Die konzertante Uraufführung, 1954 in Hamburg, erlebte er selber jedoch nicht mehr.

Die Handlung, angelehnt an das zweite Buch Mose, erzählt von Moses, dem von Gott auserwählten Propheten, der mit Hilfe seines älteren Bruders Aaron dem auserwählten israelischen Volk den neuen allmächtigen und vor allem unvorstellbaren Gott verständlich machen soll.

Barrie Kosky versetzt das Geschehen in die Gegenwart um sich ohne jeglichen biblischen Kitsch auf den Kernaspekt des Stückes zu fokussieren – die Unmöglichkeit das Unvorstellbare vorstellbar zu machen.

Schauplatz ist ein mit orientalischen Teppichen ausgelegter Ort, der mit seinen Metall-Barriere-Schranken symbolisch eine Durchgangsstation oder einen Warteraum darstellt (Bühnenbild und Licht: Klaus Grünberg).

Moses, selber unfähig seine Gedanken auszudrücken, lässt seinen Bruder Aaron – hier beide als Vaudeville-Clowns oder Zauberkünstler dargestellt – die abstrakte Idee von Gott für das Volk in greifbare, konkrete Bilder umwandeln. Dabei greift Aaron tief in die Trickkiste um das Volk zu überzeugen. Schnell wird jedoch dabei die Manipulation und der damit verbundene Missbrauch sichtbar.

Meisterhaft bewegt und choreografiert Kosky den durch Vocalconsort Berlin, den Kinderchor und zahlreiche Komparsen ergänzten Chor der Komischen Oper, der eigentliche Star des Abends. Mit vollem Einsatz, stimmlich wie körperlich, gestalteten sie alle Facetten des zerrissenen jüdischen Volkes.

In über hundert musikalischen Proben hat der Chorleiter David Cavelius durch eine perfekte Einstudierung, die Chorsänger bestens vorbereitet und diese Glanzleistung ermöglicht.

Immer wieder werden beeindruckende, ergreifende oder spektakuläre Bilder geschaffen. Darunter besonders packend der Tanz um das goldene Kalb. Eine erotisch-expressionistische Tanz-Performance einer goldbemalten und mit Straußenfedern geschmückten Revue-Tänzerin aus den zwanziger Jahren, inszeniert als eine aus einem Filmapparat kommende Projektion.

Am Projektor die Kurbel drehend stehen drei kleinwüchsige Figuren mit großen Masken. Es sind der Psychoanalytiker und Religionskritiker Sigmund Freud, Theodor Herzl – der Begründer des modernen Zionismus und der Filmregisseur Fritz Lang, dessen Filme den Menschen und seine Beweggründe in den Mittelpunkt stellen.

Bewegend auch das letzte Bild: Ein Berg von (Puppen)-Leichen, aus denen Moses, mit den auf dem Körper eingeritzten und blutenden zehn Gebote hervorsteigt, um dort kurz darauf wieder in Resignation zu verschwinden, umhüllt wie zu Beginn der Oper von einem Teppich. Barrie Kosky versteht mit dem letzten Satz von Moses „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“, nicht nur das Ende des zweiten Aktes, sondern sieht darin auch den Schluss der Oper. Und das erscheint auch völlig schlüssig, denn das Begreifen des Ungreifbaren kann nicht gelingen, so wie auch das „Gelobte Land“ unerreichbar bleibt. Somit liegt des Werkes Vollendung in dem Unvollendeten – mit all seinen offenen Fragen.

Hervorragend auch das Orchester unter der herausragenden und präzisen musikalischen Leitung von Vladimir Jurowski, der diesem großen Werk der Zwölftontechnik kraftvolle und ausdrucksstarke Schönheit verleiht.

Glänzend die Leistung der beiden englischen Sänger in den Titelrollen; ausdrucksstark und ergreifend die intensive Interpretation des stotternden Moses von Robert Hayward. Mit großer Inbrunst, gestalterisch wie stimmlich, die Darbietung des Tenors John Daszak. Er meisterte die vokal schwierige Partie mit Bravour, nur hin und wieder hatte man den Eindruck, ihn an stimmlichen Grenzen zu hören.

Wieder ist Barrie Kosky, seinem Team und dem ganzen künstlerischen Ensemble gelungen eine denkwürdige Produktion auf die Beine zu stellen, die noch lange nach dem Theaterbesuch in Gedanken nachwirkt. Ein ganz großes Lob an alle Mitwirkenden!

IOCO / G.G. / 20.05.2015

—| IOCO Kritik Komische Oper Berlin |—

Leipzig, Oper Leipzig, Opernballett DAS NIBELUNGENLIED, 14.06.2013

Mai 31, 2013 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Adreas Bikigt

Oper Leipzig © Adreas Bikigt

 

NIBELUNGENLIED – BALLETT VON MARIO SCHRÖDER

 
Die Wucht der Nibelungensaga erscheint von heute aus gesehen wie ein Relikt aus einer mittelalterlichen Vorzeit. Immerhin: Die mittelhochdeutschen Verse des Nibelungenliedes gelten als eine der ältesten Epen des deutschsprachigen Mitteleuropas und wurden seit der Wiederentdeckung in der Romantik für allerlei patriotische Identitätstümelei herangezogen und verfremdet.
 
Wenn man sich – wie das Leipziger Ballett – dem Stoff genauer nähert, stellt man rasch fest, dass das Epos ein erstaunlich staubfreies Dokument einer vergangenen Kultur ist, ein gesamteuropäisches Volksmärchen, ein Mythos und große Dichtkunst. Im
Nibelungenlied wird die Selbstzerstörung einer Hochkultur beschrieben, der Zerfall einer Ordnung, deren Systematik und Werte niemand mehr für zukunftsfähig hält.
 
Welche Ordnung sich als Nächste etablieren wird, ist am Ende der Sage ebenso ungewiss, wie wir heute „Wege aus der Krise“ benennen können. Die Zeitenwende ist der Leitgedanke und der Aktualitätsbezug bei dieser Neuadaption des Stoffes.
 
Gemeinsam mit der Hörspielautorin und Regisseurin Beate Andres und den Bühnenbildnern Andreas Auerbach und Paul Zoller entwirft Mario Schröder einen szenischen Bogen, der die Geschichte vom Fall der Burgunder dorthin zurückbringt, woher sie kam, bevor sie Dichtung wurde: in die Welt der körperlich-sinnlichen Erfahrung.
 
Diese erlebnisreiche Reise unternehmen die Mitglieder des Produktionsteams mit ihren ganz eigenen künstlerischen Ausdrucksformen und Sichtweisen: Beate Andres greift bei ihrer Dramaturgie auf Versatzstücke aus ihrem Hörspiel Das Nibelungenlied zurück, das sie 2007 mit dem SWR produziert hatte. Paul Zoller setzt auf Fritz Langs bildgewaltigen Stummfilm aus dem Jahr 1924, der über großflächige Projektionen das Bühnenbild bestimmen wird. Auch nach neunzig Jahren überzeugt der Urgroßvater aller Fantasy-Blockbuster durch seine perfekte, malerische Bildkomposition, einen großen Aufwand an Ausstattung und Masken, innovative Tricks und visuelle Effekte.
 
Aus Hamburg, Berlin und Weilheim stoßen zwei Musiker dazu: Thomas Leboeg („Kante“) und Andi Haberl („The Notwist“) werden für den Ballettabend nicht nur eine meditative Musik komponieren, die wie ein neunzigminütiger elektronisch-perkussiver „Scope“ funktioniert – die beiden Musiker werden samt Ihrem umfangreichen analogen und elektronischen Instrumentarium auch szenischer Bestandteil der Bühnenaufführung sein.
 
PREMIERE: Freitag, 14. Juni 2013, 19:30 Uhr – Opernhaus
WEITERE AUFFÜHRUNGEN: 20., 21., 29. und 30. Juni 2013
 
Das Nibelungenlied
Ballett von Mario Schröder
Live-Musik: Thomas Leboeg (Kante), Andi Haberl (The Notwist)
Choreografie: Mario Schröder
Bühne, Kostüme, Video: Andreas Auerbach / Paul Zoller
Dramaturgie: Beate Andres
Leipziger Ballett
 
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