Wien, Wiener Staatsoper, DIE FRAU OHNE SCHATTEN – 150 JAHRE OPERNHAUS AM RING, 25.05.2019

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

DIE FRAU OHNE SCHATTEN – Richard Stauss

 Jubiläum zur Eröffnung der Wiener Staatsoper 1869

Festpremiere am 25. MAI 2019

Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des Opernhauses am Ring – die heutige Wiener Staatsoper wurde am 25. Mai 1869 feierlich eröffnet – kommt Richard Strauss’ Die Frau ohne Schatten am 25. Mai 2019 zur hochkarätig besetzten Festpremiere.

Auf genau dieser Bühne wurde das Werk vor 100 Jahren, am 10. Oktober 1919, uraufgeführt. Das kongeniale Duo Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal diskutierte schon ab 1910 über einen neuen Opernstoff, der Titel Die Frau ohne Schatten – ihre vierte gemeinsame Oper – existierte spätestens ab 1911. Inmitten des Ersten Weltkriegs entstand das Werk, das 1917 fertig gestellt wurde und das der Komponist selbst als „schönste und erhabenste Arbeit“ prophezeite. Erzählt wird die (komplexe) Geschichte zweier Paare – Kaiser und Kaiserin sowie Färber und Färberin –, die durch Selbsterkenntnis und Selbstüberwindung zum glücklichen Ende finden.

Lotte Lehmann Wien © IOCO

Lotte Lehmann Wien © IOCO

Wien wäre nicht Wien, wenn nicht schon das Vorhaben, das Werk hier zur Weltpremiere zu bringen (auch Hofmannsthal hatte sich zuerst dagegen ausgesprochen), auch eine Opposition auf den Plan gerufen hätte, wie Staatsoperndramaturg Dr. Oliver Láng im Magazin „Prolog“ erläutert. Parallel dazu kam Kritik am neuen Direktor Strauss, der noch vor seinem Antritt angefeindet wurde. Nach der Uraufführung – unter Franz Schalk, u. a. mit Maria Jeritza (Kaiserin), Lotte Lehmann (Färberin), Karl Aargard-Oestvig (Kaiser), Richard Mayr (Barak) und Lucie Weidt (Amme) – waren die Lager gespalten. Doch seit der Uraufführung hat Die Frau ohne Schatten eine reiche Aufführungsgeschichte erlebt und gilt als einer der besonderen Höhepunkte des Wiener und internationalen Musiktheaters. Im Haus am Ring kam es nach der Uraufführung 1919 zu sechs weiteren Premieren: 1931 kam eine Neuproduktion unter Clemens Krauss heraus (sie wurde auch bei einem Gastspiel in Venedig gegeben, die italienische Erstaufführung), bereits zwölf Jahre später, 1943, eine weitere unter Karl Böhm. Zur Wiedereröffnung des Hauses am Ring 1955 war Die Frau ohne Schatten Teil des Premierenzyklus’, in einer Doppelpremiere (mit zwei Besetzungen) brachte Karajan im Juni 1964 eine Neuproduktion heraus, 1977 stand eine weitere Premiere unter Karl Böhm auf dem Programm. Die bislang letzte Neuinszenierung erfolgte 1999 unter Giuseppe Sinopoli (Inszenierung: Robert Carsen). Insgesamt erklang die Oper bislang 147mal im Haus am Ring.


Leading Team

Christian Thielemann dirigiert Die Frau ohne Schatten

Für die musikalische Leitung konnte mit Christian Thielemann einer der bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart gewonnen werden. Die Frau ohne Schatten ist nach Tristan und Isolde (2003) und Hänsel und Gretel (2015) seine dritte Staatsopernpremiere. Seit seinem Debüt am Haus 1987 mit Così fan tutte dirigierte er hier – neben den Premierenproduktionen – Vorstellungen von La traviata, Le nozze di Figaro, Parsifal, Die Meistersinger von Nürnberg, Ariadne auf Naxos sowie den Ring des Nibelungen.

Als „Liebe auf den ersten Blick“ bezeichnete er rückwirkend das erste gemeinsame Konzert im Jahr 2000 mit den Wiener Philharmonikern, dessen Mitglieder ja bekanntlich in Personalunion das Staatsopernorchester bilden. Im Gespräch mit Staatsoperndramaturg Dr. Andreas Láng streut er dem unverwechselbaren, weich-goldenen, „im guten Sinne defensiven“ Klang des Orchesters und der musikalischen Flexibilität der einzelnen Musiker, die stets mit einem Ohr bei den Sängern auf der Bühne seien, Rosen. Gemeinsam mit dem Orchester erarbeitete er die Frau ohne Schatten 2011 für die Salzburger Festspiele und blickt zurück: „Einige Musiker zeigten sich verwundert, dass ich mit ihnen so entspannt arbeiten würde, worauf ich erwiderte, dass es genau umgekehrt wäre: Das ganze Orchester wäre mir gegenüber entspannt. Offensichtlich stimmt also die Chemie zwischen uns. Es herrscht ein wahres Geben und Nehmen, ein gegenseitiges Anbieten und Aufnehmen.

Inszeniert wird Die Frau ohne Schatten von Vincent Huguet, der mit dieser Produktion sein Staatsoperndebüt gibt. Der französische Regisseur arbeitete vor seiner Theatertätigkeit u. a. als Kunsthistoriker, bevor er 2008 seine Zusammenarbeit mit Patrice Chéreau begann, dessen Assistent er bis zum Tod des legendären Regisseurs 2013 blieb. Jüngste eigene Inszenierungen führten ihn nach Montpellier (Lakmé), Aix-en-Provence (Dido and Aeneas) und Luzern (Roméo et Juliette).

Hugo von Hofmannsthal Wien © IOCO

Hugo von Hofmannsthal Wien © IOCO

Dass Die Frau ohne Schatten in einer Zeitenwende entstanden ist, findet Vincent Huguet spannend: „Es war der Moment in Europa, als man sich genau an der Absprungkante zwischen Vergangenheit und Zukunft befand. Nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch. Die Avantgarde kam auf und ließ manches plötzlich alt aussehen. Daraus ist der Gedanke der „letzten romantischen Oper“ entstanden: Ein letzter Höhepunkt, eine Verschmelzung von so vielen Dingen: Da ist die deutsche Romantik drinnen, die Welt von 1001 Nacht, Antik-Ägyptisches, Goethe und vieles mehr. Umso weiter man gräbt, desto mehr eröffnet sich eine faszinierende Welt!“ Er verschreibt sich nicht einer spezifischen Lesart der Oper – „die Oper ist so reich, so vielfältig, so vielschichtig, dass jeder Versuch, sie auf eine Denkschiene zu setzen, einer Reduktion ihrer Ausdruckskraft gleichkommt. […] Strauss und Hofmannsthal wollten diesem Werk die Qualität eines Märchens schenken. Nun wissen wir: Es gibt nichts Zerbrechlicheres als ein Märchen. Sobald man es erklärt, es fest zu machen versucht und die Symbolik ausdeutet, verliert es seinen Zauber. […] Man […] muss die Magie wirken lassen.

Er betont weiters die Parallele zum Heute, geht es in der Frau ohne Schatten doch „um den Krieg […], nicht direkt angesprochen, aber in einem höheren Sinne […] – als Künstler ist man gefordert Stellung zu beziehen und einen Kommentar abzugeben. Wie also nahmen sie Stellung? Sie sagten, dass wenn Menschen sich – nicht nur in ihrem Verhalten, sondern auch in der Art, wie sie mit der Liebe umgehen – nicht ändern, der Zyklus des Lebens, der Generationenweitergabe unterbrochen wird und es kein Weiter, keine Kontinuität mehr gibt. Es muss ein Umdenken stattfinden, ein Sprung über den eigenen Schatten! […] Und eigentlich ist es beklemmend, dass wir heute erneut an einem solchen Punkt angelangt sind! Vielleicht aktuell nicht militärisch. Aber auf ökologischer Ebene: Wenn wir heute nicht umdenken und unser Verhalten grundlegend ändern, werden die Generationen nach uns keine Erde mehr vorfinden, auf der man leben kann …“

Für das Bühnenbild zeichnet Aurélie Maestre verantwortlich, für die Kostüme Clémence Pernoud. Beide präsentieren mit der Frau ohne Schatten ihre erste Arbeit für das Haus am Ring. Das Lichtdesign stammt von Bertrand Couderc, Dramaturg der Produktion ist Louis Geisler.


Die Besetzung

KS Stephen Gould singt erstmals im Haus am Ring den Kaiser. Der amerikanische Heldentenor ist der Wiener Staatsoper seit seinem Debüt 2004 als Paul in der Premiere von Die tote Stadt eng verbunden. Nach Die tote Stadt, Siegfried und Götterdämmerung (Siegfried) sowie Ariadne auf Naxos (Tenor/Bacchus) ist Die Frau ohne Schatten seine fünfte Staatsopernpremiere. An der Wiener Staatsoper war er weiters als Erik (Der fliegende Holländer), Tristan (Tristan und Isolde) sowie in den Titelpartien von Parsifal, Peter Grimes und Tannhäuser zu erleben.

In der Interpretation der Frau ohne Schatten betont er im Gespräch mit Dr. Andreas Láng für den „Prolog“, dass es „essentiell ist, eine Erzähl-Metapher zu finden, die das ganze Werk veredelt und uns hilft, die geistig/menschliche Erkenntnis zu sehen, die sich dann zum Mythos erhebt.“

Die Kaiserin verkörpert – ebenfalls erstmals an der Wiener StaatsoperCamilla Nylund. Die Frau ohne Schatten ist nach Lohengrin (Elsa) und Der Freischütz (Agathe) die dritte Premiere im Haus am Ring der finnischen Sopranistin, die hier bisher u. a. auch die Titelpartien von Salome, Arabella, Rusalka, Ariadne auf Naxos; Elisabeth (Tannhäuser), Gräfin (Capriccio), Marschallin (Der Rosenkavalier), Sieglinde (Die Walküre), Marietta (Die tote Stadt), Donna Anna (Don Giovanni) und Leonore (Fidelio) sang.

Für sie ist Die Frau ohne Schatten „eine in jeder Hinsicht bombastische Oper – in dieser Ausprägung übertrifft sie wohl alle anderen Strauss-Opern“, wie sie das Außergewöhnliche dieses Werkes charakterisiert. Mit der Musik von Richard Strauss assoziiert sie mit dem Gesang „Riesenbögen“ und den „im wahrsten Sinn des Wortes sauberen, manchmal sogar fast kindlich-reinen Klang, den es so nur bei Strauss gibt. […] Wenn ich […] an die Strauss’schen Ausbrüche in der reinen Orchestermusik denke, so sehe ich vor mir hingegen das Bild eines sich öffnenden Himmels.“

Evelyn Herlitzius, die als Elektra in Trojahns Orest in der letzten Staatsopernpremiere einen großen Erfolg feierte, gibt mit der Amme ein weiteres weltweites Rollendebüt im Haus am Ring. Die Frau ohne Schatten ist nun die zweite Premiere an der Wiener Staatsoper der gefragten deutschen Sängerin. Sie debütierte 2000 als Leonore (Fidelio) im Haus am Ring, wo sie weiters u. a. als Brünnhilde (Der Ring des Nibelungen), Isolde (Tristan und Isolde), Färberin (Die Frau ohne Schatten), Marie (Wozzeck), Kundry (Parsifal) und zuletzt in der Titelpartie von Kátja Kabanová zu erleben war.

Ihre erste Annäherung an die Gesamtheit des Kunstwerkes fasst sie so zusammen: „Sich als erstes dem Ganzen einfach hinzugeben. Danach, wenn der Rausch nachlässt: darüber lesen, sich immer mehr hinein versenken.“

Den Barak singt – wie bereits bei der letzten Vorstellungsserie der Frau ohne Schatten im Haus am Ring 2012 – Wolfgang Koch. Der international renommierte deutsche Bariton debütierte 2008 als Fritz Kothner (Die Meistersinger von Nürnberg) im Haus am Ring und war hier weiters als Hans Sachs (Die Meistersinger von Nürnberg), Telramund (Lohengrin) und Jochanaan (Salome) sowie in der Titelpartie der Premierenproduktion von Dantons Tod zu erleben.

Nach der Kundry und der Elektra gibt schließlich KS Nina Stemme als Färberin ein weiteres wichtiges internationales Rollendebüt an der Wiener Staatsoper. Die gefeierte schwedische Sopranistin ist damit – nach Der fliegende Holländer (Senta), Die Walküre (Sieglinde), La forza del destino (Leonora), Siegfried (Brünnhilde), Tristan und Isolde (Isolde), La fanciulla del West (Minnie), Elektra und Parsifal (Kundry) – in ihrer neunten Staatsopernpremiere zu erleben. Im Haus am Ring war sie darüber hinaus u. a. als Tosca, Leonore (Fidelio), Marschallin und Brünnhilde (gesamter Ring des Nibelungen) zu erleben.

Angesprochen auf das Gefühl, mit welchem sie 100 Jahre nach der Uraufführung der Frau ohne Schatten an der Wiener Staatsoper ebendiese Bühne betreten wird, sagt sie: „Abgesehen von der Ehre und Freude tragen wir ein Stück Verantwortung, wenn wir dieses Werk vor dem Publikum in unserer Interpretation präsentieren. Einerseits sind wir diesbezüglich vollkommen frei, andererseits liegt die Musik dieser Oper gerade hier in Wien gewissermaßen in der Luft, sodass man nur nach ihr greifen muss.“

Den Geisterboten singt Sebastian Holecek. Der aus Wien stammende Bariton tritt seit seinem Debüt 1991 als Papageno (Die Zauberflöte) an der Wiener Staatsoper auf und sang hier bisher u. a. Peter Besenbinder (Hänsel und Gretel), Don Fernando (Fidelio), Harlekin (Ariadne auf Naxos) und Christian (Un ballo in maschera). Die Frau ohne Schatten ist seine erste Premiere im Haus am Ring.

Die weiteren Partien singen die Staatsopern-Ensemblemitglieder Maria Nazarova (Hüter der Schwelle des Tempels und Stimme des Falken), Benjamin Bruns (Stimme eines Jünglings), Monika Bohinec (Stimme von oben), Samuel Hasselhorn (Der Einäugige), Ryan Speedo Green (Der Einarmige), Thomas Ebenstein (Der Bucklige), Ileana Tonca (Erste Dienerin, Erste Stimme der Ungeborenen, Erste Solostimme), Mariam Battistelli (Zweite Dienerin, Zweite Stimme der Ungeborenen, Zweite Solostimme), Szilvia Vörös (Dritte Dienerin, Vierte Stimme der Ungeborenen, Vierte Solostimme), Virginie Verrez (Dritte Stimme der Ungeborenen, Dritte Solostimme), Bongiwe Nakani (Fünfte Stimme der Ungeborenen, Fünfte Solostimme) und Zoryana Kushpler (Sechste Solostimme).

Es spielen das Orchester der Wiener Staatsoper und das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper, es singt der Chor der Wiener Staatsoper.


Die Frau ohne Schatten im Radio und Livestream sowie internationale Übertragungen

Die Premiere am 25. Mai 2019 wird live auf Radio Ö1 (+ EBU) ausgestrahlt sowie
via WIENER STAATSOPER live at home übertragen (www.staatsoperlive.com). Die Premiere sowie alle Folgevorstellungen (30. Mai, 2., 6., 10. Juni 2019) werden zudem im Rahmen von „Oper live am Platz“ live auf den Herbert von Karajan-Platz übertragen.

Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten „150 Jahre Opernhaus am Ring“ wird die Premiere zudem live bzw. live-zeitversetzt auf wichtige Plätze in den österreichischen Landeshauptstädten von Bregenz bis Eisenstadt sowie auf einen Riesenscreen im Moskauer Zaryadye-Park übertragen (www.wiener-staatsoper.at/150).

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, 28.10.2018

Oktober 19, 2018 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

  Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

 Regie Nigel Lowery

Eine neue Inszenierung von Richard Wagners  Die Meistersinger von Nürnberg feiert am Sonntag, 28. Oktober um 16 Uhr im NTM Premiere: Regisseur und Bühnenbildner Nigel Lowery kehrt nach seiner Inszenierung des Hercules am NTM in der Spielzeit 2016/2017 mit seinem unverkennbar britischen Humor zurück und wird es mit der »deutschen Kunst« aufnehmen. KS Thomas Jesatko gibt Hans Sachs, Joachim Goltz ist Beckmesser, Astrid Kessler gibt Eva. In den weiteren Partien sind Sung Ha, Thomas Berau, Uwe Eikötter, Raphael Wittmer, Dominic Barberi, Bartosz Urbanowicz, Christopher Diffey und Marie-Belle Sandis aus dem Ensemble zu erleben sowie die Gäste Samuel Levine, Rainer Zaun und Tilmann Unger und aus dem Opernstudio Koral Güvener und Marcel Brunner.  Generalmusikdirektor Alexander Soddy dirigiert das Nationaltheater-Orchester.

Premiere 28. Oktober; weitere Aufführungen  1., 10. und 25. 11.2018 sowie am 20. und 26. Januar und 2. Februar 2019

Musikalische Leitung: Alexander Soddy, Regie, Bühne & Kostüm : Nigel Lowery, Licht:  Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Cordula Demattio / Albrecht Puhlmann, Chor: Dani Juris

Mit:  Hans Sachs: KS Thomas Jesatko, Veit Pogner: Sung Ha, Kunz Vogelgesang:  Samuel Levine (Gast), Konrad Nachtigall: Rainer Zaun (Gast), Sixtus Beckmesser:  Joachim Goltz, Fritz Kothner: Thomas Berau, Balthasar Zorn: Uwe Eikötter, Ulrich  Eisslinger: Koral Güvener (Opernstudio), Augustin Moser: Raphael Wittmer, Hermann Ortel: Marcel Brunner (Opernstudio), Hans Schwarz: Dominic Barberi, Hans Foltz:  Bartosz Urbanowicz, Walther von Stolzing: Tilmann Unger (Gast), David: Christopher Diffey, Eva: Astrid Kessler, Magdalene: Marie-Belle Sandis, Ein Nachtwächter: Bartosz Urbanowicz, Mit dem Opernchor und dem Extrachor

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Die Meistersinger von Nürnberg, IOCO Kritik, 29.08.2018

August 29, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Die Meistersinger von Nürnberg

In Haus Wahnfried – Mit Richard Wagner, Hermann Levi, Franz Liszt

von Marcus Haimerl

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

 Barrie Kosky © IOCO

Barrie Kosky © IOCO

Wieviel Autobiografisches steckt in Richard Wagners Meistersinger von Nürnberg? Diese Frage wirft der australische Regisseur Barrie Kosky in seiner Inszenierung für die Bayreuther Festspiele in den Raum. Auch die Stadt Nürnberg wird hier zum zentralen Thema: von der von Wagner idealisierten mittelalterlichen Stadt über die Stadt der               Reichsparteitage und der 1935 ausgerufenen Rassengesetze bis hin zu den Nürnberger Prozessen.

Der erste Aufzug zeigt den unglaublich detailgetreu nachgebildeten großen Saal des Haus Wahnfried (Bühne: Rebecca Ringst), eine Einblendung verrät, dass es sich um den 13. August 1875 handelt und Kapellmeister Hermann Levi erwartet wird. Auch Franz Liszt ist auf dem Weg. Dem Klavierspiel Wagners entsteigen, einer Inspiration gleich, kleine Doppelgänger Wagners, schließlich auch David und Stolzing, welche ebenfalls große Ähnlichkeit mit dem Komponisten aufweisen. Schon bald wird jedoch klar, welche Richtung die Inszenierung nehmen wird. Während des Chorals („Da zu Dir der Heiland kam“) feiern alle Beteiligten einen improvisierten Gottesdienst, deren Rituale Hermann Levi nicht folgen kann. Wagner und Liszt weisen Levi an, dennoch wird dieser als Außenseiter vorgeführt, er soll es auch bis zum Finale bleiben.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Richard Wagner und Cosima in Haus Wahnfried © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Richard Wagner und Cosima in Haus Wahnfried © Enrico Nawrath

Die beiden dominierenden Bilder, Richard Wagners Porträt von Cäsar Willich und Cosimas (eigentlich erst vier Jahre später entstandenen) Porträts Franz von Lenbachs. Diese dienen später als Gemerk und an der Rückseite wird Beckmesser seine Kreidestriche anbringen. Denn Wagner teilt den Anwesenden ihre Rollen zu: Richard Wagner ist Hans Sachs (und eigentlich sowohl Stolzing als auch David), Franz Liszt wird Veit Pogner und Cosima zu Eva, Hermann Levi, Sohn eines Landesrabbiners, wird zu Sixtus Beckmesser und eine Dienerin die Magdalene. Auch die Meister entsteigen, in historischen Gewändern, dem Klavier. Doch dieser erste an Slapstick gemahnende Aufzug endet bedrohlich. Die Szene friert ein und Richard Wagner/Hans Sachs entsteigt diesem Bild, welches in den Bühnenhintergrund fährt und den Blick auf den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse freigibt.

In diesem Ambiente finden auch die beiden restlichen Aufzüge statt. Anstelle des Kunstrasens, welcher bei der Neuinszenierung 2017 den zweiten Aufzug beherrschte, findet sich auf der linken Seite der Bühne das aufgestapelte Mobiliar des Haus Wahnfried, so wie 1945 die Besatzer Wahnfried „entrümpelt“ haben. Die Zimmerpflanze inmitten dieses Möbelhaufens wird kurzerhand zum Fliederbusch. Unter dem Porträt Wagners aus dem ersten Aufzug wird Sixtus Beckmesser verprügelt, man setzt ihm einen großen Kopf auf, welches den geschmacklosen antisemitischen Karikaturen des dritten Reichs ähnelt, und lässt ihn als Demütigung vor den Bürgern Nürnbergs tanzen. Dieselbe Fratze entsteigt in Form eines überdimensionalen Ballons dem Zeugenstand am Bühnenrand, welcher gegen Ende des Aufzugs den Kopf neigt, sodass für das Publikum nur noch die Kippa mit Davidstern erkennbar ist.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Der dritte Aufzug findet in dem nunmehr voll eingerichteten Gerichtssaal statt. An einem einzelnen Schreibtisch im Vordergrund sitzt Hans Sachs und sinniert über den deutschen Wahn und beklagt die Massenschlägerei in seinem lieben Nürnberg. In Gestalt Franz von Lenbachs Porträt wird Cosima von David in den Zeugenstand gestellt, ehe sich die Festwiese als ein von historisch gewandeten und Fahnen schwenkenden Bürgern Nürnbergs bevölkerter Gerichtssaal herausstellt. Der Auftritt der einzelnen Meister wird mit Applaus begrüßt, welcher Sixtus Beckmesser jedoch versagt wird. Hans Sachs, wieder in Gestalt von Richard Wagner, steht für seine Ansprache („Verachtet mir die Meister nicht“) im Zeugenstand alleine auf leerer Bühne. Der Chor wird in Form eines Orchesters nochmals hereingefahren, welches von Hans Sachs / Richard Wagner dirigiert wird. Als diese Phantasmagorie verschwindet, bleibt Wagner erneut alleine, dirigierend auf der Bühne zurück und es bleibt dem Volk/Publikum überlassen, über Wagners Antisemitismus zu richten.

Barrie Kosky gelingt stellenweise eine humorvolle Inszenierung (ja, man hört auch Wagnerianer kurz auflachen), an einigen Stellen wiederum bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken. Die Entscheidung darüber, ob die Regiearbeit von Barrie Kosky Sinn macht, ob sich eine Inszenierung der Meistersinger zwangsweise mit Antisemitismus und Nationalsozialismus auseinandersetzen muss, kann dem Besucher nur selbst überlassen bleiben.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Eva und Hans Sachs © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Eva und Hans Sachs © Enrico Nawrath

Philippe Jordans leichte, beinahe spritzige und manchmal fast kammermusikalische Klanggestaltung harmoniert mit der manchmal humorvollen Inszenierung was bereits beim pantomimisch gestalteten Vorspiel zum 1. Akt bewusst wahrgenommen wird und selbst im dritten Akt kommt Jordan ohne großen Pomp aus. Auch der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor agierte in gewohnter Weise auf Spitzenniveau.

Mit seinem sehr hellen aber kraftvollen Tenor, klangschön und sehr lyrisch begeistert Klaus Florian Vogt erneut das Publikum als Ritter Walther von Stolzing. Daniel Behle singt mit tenoraler Strahlkraft einen intensiv berührenden, schwärmerischen David und überzeugt auch darstellerisch in allen Facetten. Auf einem ebenso hohen Niveau erlebt man Wiebke Lehmkuhl in der Partie der Magdalene mit jugendlichem Charme. Die Altistin verfügt über eine schöne, klare Höhe und ein angenehmes warmes Timbre in Mittellage und Tiefe. Anstelle der im Vorjahr eher wenig bejubelten Anne Schwanewilms erlebt man in diesem Jahr Emily Magee in der Partie der Eva, die das Publikum leider auch nicht richtig begeistern konnte. Die amerikanische Sopranistin klingt hier leicht gepresst und kann auch nicht mit Textverständlichkeit punkten. Allerdings muss man auch sagen, dass es die Regie der Partie Eva, vor allem im ersten Aufzug als an Migräne leidender Cosima, nicht besonders einfach macht. Günther Groissböck ist mit seinem kräftigen, sonoren Bass eine Luxusbesetzung für die Partie des Veit Pogner.

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Johannes Martin Kränzle als geschundener Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, wird in Koskys Inszenierung zum Sympathieträger, der mit viel Witz und schönem Bariton der Rolle einen ganz besonderen Charakter verleiht. Diese grandiose Leistung, die ihresgleichen sucht, wird lediglich von Michael Volle als Hans Sachs übertroffen. Mit unglaublicher Souveränität, kraftvoll, nuanciert braucht Volle den Vergleich mit namhaften Vorgängern nicht zu scheuen. An seiner Leistung wird man wohl künftige Interpreten dieser Partie messen müssen.

Aber auch die Meister, Tansel Akzeybek (Kunz Vogelsang), Armin Kolarczyk (Konrad Nachtigall), Daniel Schmutzhard (Fritz Kothner), Paul Kaufmann (Balthasar Zorn), Christopher Kaplan (Ulrich Eisslinger), Stefan Heibach (Augustin Moser), Raimund Nolte (Hermann Ortel), Andreas Hörl (Hans Schwarz) und Timo Riihonen (Hans Foltz) sorgten für einen außergewöhlichen musikalischen Abend, welcher vom Publikum mit Ovationen bedacht wurde. Dieser Abend wird vom musikalischen Standpunkt aus (vielleicht auch aus szenscher Sicht), noch lange im Gedächtnis der Festspielbesucher bleiben.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—