Frankfurt, Oper Frankfurt, Liederabend mit Michael Spyres, 18.06.2019

Juni 11, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

TENOR MICHAEL SPYRES
BESTREITET ACHTEN UND LETZTEN LIEDERABEND DER SPIELZEIT 2018/19

Der achte und letzte Liederabend der Spielzeit 2018/19 wird bestritten von dem amerikanischen Tenor Michael Spyres am
Dienstag, dem 18. Juni 2019, um 20.00 Uhr im Opernhaus.

Oper Frankfurt / Tenor Michael Spyres © Marco Borrelli

Oper Frankfurt / Tenor Michael Spyres © Marco Borrelli

Als Vasco da Gama (L’Africaine) hat er bei seinem Debüt an der Oper Frankfurt im Februar 2018 nicht nur ferne Welten erobert, sondern auch die Herzen des Publikums: Der amerikanische Tenor ist einer der Wenigen, die die schwierige Partie bewältigen. Von der New Yorker Met, der Wiener Staatsoper, der Opéra National de Paris und dem Royal Opera House Covent Garden in London bis zu den Münchner Opernfestspielen – Michael Spyres ist auf den großen Bühnen der Welt zu Hause. In seinem Liederabend beweist er Neugierde auf das nicht ganz so Bekannte und versammelt Liedkompositionen auf Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Russisch, in denen ein Text, eine Figur oder ein Sujet Länder- und Sprachgrenzen hinter sich gelassen hat. Ein englisches Volkslied von Haydn gehört ebenso dazu wie Berlioz’ französische Version von Goethes „Fischer“. Mit Rossini besingt er Romeo, mit Tschaikowski Don Juan und mit Verdi den Exilanten. Auch das Musical ist vertreten mit dem Song „All the Things You Are“ von Jerome Kern und bietet dem Ausnahmetenor eine willkommene Gelegenheit, seine Vielseitigkeit auch im Liedgesang unter Beweis zu stellen.

Anlässlich seines ersten Frankfurter Liederabends präsentiert Michael Spyres, begleitet von Mathieu Pordoy am Klavier, unter dem Motto „Foreign Affairs“ Lieder von Joseph Haydn, Hector Berlioz, Gioachino Rossini, Franz Liszt, Peter I. Tschaikowski, Friedrich Nietzsche, Charles Ives, Benjamin Britten u.a.

Die Liederabend-Reihe der Oper Frankfurt wird auch in der kommenden Saison 2019/20 fortgesetzt:

Jakub Józef Orli?ski, Countertenor 03. September 2019
Pretty Yende, Sopran 29. Oktober 2019
Stanislas de Barbeyrac, Tenor 26. November 2019
Maria Bengtsson, Sopran 14. Januar 2020
Jiddische Operettenlieder u.a. mit Barrie Kosky, Klavier 04. Februar 2020
Florian Boesch, Bassbariton 25. Februar 2020
Gaëlle Arquez, Mezzosopran 31. März 2020
Peter Mattei, Bariton 12. Mai 2020
John Osborn, Tenor 23. Juni 2020

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Berlin, Pentatone – Musikhören und digitaler Wandel, IOCO, 07.02.2019

Februar 9, 2019 by  
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Pentatone LOGO

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PENTATONE

PENTATONE – Die Welt des Labels 

Womit überrascht es 2019 – Musikhören und digitaler Wandel

von Michael Stange

Musik wird heute meist mittels Mobil- oder Hi-Fi-Geräten erlebt. Tonträger und Technik sind dadurch zentral für das Hörerlebnis und die Erwartungen an Live-Konzerte. Vorschläge der Streamingsdienste für nach Computeralgorithmen generierte Playlists prägen in weiten Teilen den Geschmack der Hörer.

Tamara Stefanovich und Kaspar van Kooten PENTATONE © Jörg Rüger, Berlin, httpswww.sichtbarkeiten.de

Tamara Stefanovich und Kaspar van Kooten PENTATONE © Jörg Rüger, Berlin, httpswww.sichtbarkeiten.de

Meilensteine dieses Wandels waren die Erfindung der Tonaufnahme und die Verbreitung von Musik aller Kontinente durch Schallplatten und später durch die Kurzwellensender der Radiostationen aller Welt. Bald danach boten Schallplatten und CDs die Möglichkeit, sich vertieft und eigenständig in alle Erteile, Epochen und Musikrichtungen zu begeben.

Entsprechende technische Geräte zogen in die Wohnungen der Hörer. So wurden Künstler weltbekannt und Plattenlabel verkauften manche Tonträger millionenfach mit immensem Profit.

Mit der Digitalisierung wurden diese Geschäftsmodelle zu Grabe getragen. Tonträgermarkt und Hörverhalten haben sich revolutioniert. Streaming Dienste ersetzen physische Tonträger. Kostenlos verfügbare Angebote wie youtube bieten gigantische Musikbibliotheken und früher kaum Beschaffbares steht nach einem Klick gratis zur Verfügung.

Arabella Steinbacher © Jörg Rüger, Berlin, www.sichtbarkeiten.de

Arabella Steinbacher © Jörg Rüger, Berlin, www.sichtbarkeiten.de

Ein Umstand spielt aber heute noch den verbliebenen rührigen Plattenlabels in die Hände. YouTube, digitale Radiosender und mancher Stream geraten Hinsichtlich der Klangqualität rasch an ihre Grenzen.

Schlecht Aufgenommenem und stark Komprimiertem fehlen Dynamik, Präzision und Klangschönheit. Ergänzt durch leistungsschwache Wiedergabegeräte bleiben insbesondere bei Orchester-, Vokal- und Instrumentalaufnahmen am Kopfhörer des Smartphones viele Wünsche nach wirklichkeitsgetreuer, raumfüllender Wiedergabe offen.

Dass Klangvollendetes Hören mit guten technischen Geräten für die Musikwiedergabe beginnt haben die Konsumenten erkannt. Der Markt für Hi-Fi-Komponenten wächst. Umsätze für Verstärker, Streaming Geräte und Hi-Fi-Lautsprecher steigen. Der Trend zu hochwertigen Geräten und höheren Preisen scheint ungebrochen.

Die vollendete Wiedergabequalität gewährleisten heute Super Audio CD (SACD), CD, ein hochauflösender Stream oder ein hochwertiger Download. Bindeglied zwischen Musik und Wiedergabegeräten sind qualitativ hochwertigen Aufnahmen, die sämtliche Möglichkeiten der heutigen Aufnahme- und Wiedergabemöglichkeiten nutzen.

Im Klassikbereich müssen Musiklabels daher noch mehr als früher auf technisch und künstlerisch hochwertige Aufnahmen als Markenzeichen und Alleinstellungsmerkmale setzen. Dies wird idealerweise durch einen vielfältigen spannenden Katalog mit Bewährtem und Neuem ergänzt.

  PENTATONE  –  Das Label

Große Interpretationen und perfekte Technik gehören zur Philosophie von PENTATONE. Mit der Qualität der Künstler und der technischen Perfektion der Aufnahmen wird kräftig gepunktet. Der exquisite Geschmack bei der Auswahl des Repertoires, die Vielfältigkeit des Katalogs, der außerordentlich große Reigen an brillanten Künstlerinnen und Künstlern, ihre Interpretationen und der Klang der Aufnahmen begeistern.

Simon Eder, der Geschäftsführer von PENTATONE, fasste dies dergestalt zusammen, dass Tonträgerproduzenten bzw. Label heute auch die Aufgabe haben, die Künstler in den Mittelpunkt zu stellen und sie durch Marketing auch in den sozialen Medien zu unterstützen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die Güte der Aufnahmen und die technische Qualität idealerweise derart faszinieren, dass Musikfans gern auch zu bisher für sie Unbekanntem greifen, weil sie dem musikalischen Geschmack des Teams von PENTATONE vertrauen.

Denis Kozhukhin, Renaud Loranger © Jörg Rüger, www.sichtbarkeiten.de

Denis Kozhukhin, Renaud Loranger © Jörg Rüger, www.sichtbarkeiten.de

Die Aufnahmen sind von höchster Qualität. Mit Spitzentechnologie und kundigen Toningenieuren wird die Musik naturgetreu eingefangen. Dies ist dem PENTATONE Label auch ein wenig in die Wiege gelegt. Seine Gründer waren drei ehemaligen leitende Angestellten der Philips Classics Records. Sie setzen auf den 5-Kanal-Surround-Sound als Ersatz für den Stereoklang. Der Vorläufer dieser Technologie war die Quadrophonie im Hi-Fi Bereich. In den siebziger Jahren ersonnen und erprobt, hat sie sich bei Industrie und Hörern wegen komplexer technischer Anforderungen, der Preise für die erforderlichen Geräte und des Erfordernisses von vier Lautsprechern nicht durchgesetzt. Dies hat sich durch technische Innovationen und die Beliebtheit von auch für die Wiedergabe von Filmen verwendbaren Surround Systemen heute gewandelt.

Bisher sind 27 Quadrophonie-Einspielungen legendärer Philips-Classics-Künstler jener Epoche auf SACD erschienen. Sie kommen in exzellenten 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie es 1970 geplant war. Dadurch besteht beispielsweise erstmals die Möglichkeit, Rafael Kubeliks Beethoven – Zyklus mit dem Concertgebouw Orchester in dieser damals revolutionären Technologie zu hören.

Hauptteil des Katalogs sind aber Neueinspielungen in brillanter Qualität. Unter Marek Janowski liegen Richard Wagner Hauptbühnenwerke auf 33 SACDs vor. Darüber hinaus enthält der Katalog in Hülle und Fülle weitere Komponisten und hervorragende Interpreten.

Alle PENTATONE-Aufnahmen erscheinen auf sogenannten hybriden SACDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal liegt. Diese hybriden Tonträger können in Stereo auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround-Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SACD-Spieler und eine Sourround-Hi-Fi-Anlage.

Guy Braunstein © Jörg Rüger, Berlin, www.sichtbarkeiten.de

Guy Braunstein © Jörg Rüger, Berlin, www.sichtbarkeiten.de

Schon mit einem CD Spieler oder einem Wiedergabegerät für Streams kann der Stereo-Hörer in die PENTATONE Welt eintauchen. Die SACDs brillieren auch dort durch räumliche Klangwiedergabe, blühende Farben von Orchester und Instrumenten, ihre Dynamik und die Klangschönheit der Aufnahmen.

Die Aufnahmen:

CD Anna Lucia Richter –  Heimweh

Liedern mit dem Thema Heimweh von Franz Schubert widmet der Sopran Anna Lucia Richter ihr ihre Debüt-Album bei PENTATONE.

Selbst Hörer, die dem Liedgesang erst für sich entdecken dürften die Interpretationen und die Hingabe von Anna Lucia Richter in ihren Bann ziehen. Anna Lucia Richter ist in der Welt des Liedes zutiefst zu Hause und hat mit dem Album belegt, dass sie zur ersten Reihe der heutigen Liedinterpretinnen gehört. Ihr gelingt es mit Poesie, Musikalität und Charisma den Hörer zu umgarnen und in die Welten der Dichter und Schuberts Musik zu entführen. Ihr glockenheller Sopran punktet in Tiefe und Mittellage mit bronzefarbenem Timbre und erreich silbrig schimmernde, jauchzende Höhen. Ihr Album gestaltet sie mit musikalischer Präzision, Textdeutlichkeit und glutvollen, beseelten Stimmfarben. Das Textbuch kann getrost zur Seite gelegt werden. Durch ihre sprudelnden Stimmfarben und ihre tiefe emotionaler Involviertheit gelingt es ihr, die Zuhörer an den Lautsprechern schon nach den ersten Takten ihren Bann zu ziehen.

Beispielhaft ist die erste Zeile des Liedes Nr. 2 der Mignon. „Heiß mich nicht reden..“, die sie mit ungemein verhaltener Melancholie nimmt, bei „der Sonne Lauf“ blüht die Stimme wie Sonnenlicht auf, verschattet sich wie Nebel bei „der finstern Nacht“ und leuchtet danach wieder intensiv bei „erhellen“ auf. Jedes Lied ist mit einer Stilsicherheit, einem tiefen inneren Erleben und einer Intensität vorgetragen, die Staunen macht. Gerold Huber spürt die Farben und den Atem der Lieder und des Soprans. Seine schwebende und musikalische intensive Begleitung tragen einen großen Teil zur Stimmigkeit und Schönheit dieser Liedeinspielungen bei. Technisch punktet die Aufnahme durch eine kammermusikalische Atmosphäre, klaren Klang und getreue Wiedergabe von Stimme und Klavier ein wesentlicher Faktor dieses wunderbaren Albums ist. Ungemein beglückend und emotional zutiefst berührend.  Bravo!

CD Richard Strauss – Alpensinfonie –  hr-Sinfonieorchester Frankfurt und
Andrés Orozco-Estrada

Die Alpensinfonie von Richard Strauss ist üppig-illustrierte Reise. Das kühne, optimistische und leidenschaftliche Werk erzählt in 22 Abschnitten von einer Bergbesteigung und dem folgenden Abstieg. Sie stellt entfesselte und ekstatische Ausbrüche orchestraler Farben neben Momente ehrfürchtiger Betrachtung der Naturschauspiele. Strauss verband im Werk persönliche Erinnerungen sowie Reaktionen die Tode Friedrich Nietzsche und Gustav Mahlers Jahr 1911. So entstand das Werk in einer Zeit, in der klar war, dass die alte Welt unterging. Er selbst schrieb in seinem Tagebuch: „Ich möchte meine Alpensinfonie Anti-Christ nennen. Sie ist eine moralische Reinigung durch eigene Anstrengung, Befreiung durch Arbeit und Anbetung der ewigen, ruhmvollen Natur.“ Im Jahr 1915 ist es vor den „Vier letzten Liedern“ der erste Weltabschied von Richard Strauss von seiner damaligen gewohnten Welt, der Monarchie und ihrer Bürgerlichkeit, die mit Beginn des 1. Weltkriegs versank.

Johannes Moser © Jörg Rüger, Berlin, www.sichtbarkeiten.de

Johannes Moser © Jörg Rüger, Berlin, www.sichtbarkeiten.de

In Orchesterfarben und Klangbild der Alpensinfonie finden sich viele traditionelle Klänge und Bezüge zur Spätromantik. Die interpretatorische Tücke liegt darin, Strauss Intentionen nicht als Kitsch abzutun, sondern sie schwelgerisch auszukosten und die Partitur erblühen zu lassen statt die Orchesterfarben durch rasche Tempi zu verwischen, zu verdecken oder zu „glätten“.

Dies gelingt dem Sinfonieorchester des Frankfurter Rundfunks und Andrés Orozco-Estrada vortrefflich. Die beredsame Phrasierung und die klare und glutvolle Spielweise sind ein großer Pluspunkt der Aufnahme. Orozco-Estradas Ansatz besticht durch warmen Ton und majestätisches Ausloten der Partitur. Die „Vision“ wird mit weitem Atem gespielt und lyrisch ausgekostet. Orozco-Estrada lässt die Schweizer Natur auf der Alm vor dem Auge des Hörers erstehen. Innigkeit und Freude des Spiels atmen Grasgeruch und Sonnenlicht. Die vielen Bilder der Sinfonie erstehen durch die Spielfreude des Orchesters lebhaft vor dem Auge des Zuhörers. Spannungen werden sorgsam vorbereitet, gut aufgebaut und machtvoll durchlebt. Orozco-Estradas Sichtweise überzeugt durch herrlicher Wärme und Größe. Ein immenser Pluspunkt ist auch die klangliche Brillanz der Aufnahme der Performance und der Farbreichtum.

Zehn Minuten länger als Richard Strauss in seiner Einspielung von 1941 oder fünf Minuten länger als Hans Knappertsbusch braucht Orozco-Estrada. Die Musik fließt, sie bleibt trotz Auskosten intensiver Momente nie stehen. Geschaffen wird eine Alpensinfonie, in der sich Melodie und Farben organisch entwickeln und die durch beseelte Interpretation besticht. Orozco-Estrada hat eine extrovertierte, aber auch sehr aufrichtige und liebevolle Vision der Alpen im Sinne von Richard Strauss für die heutigen Hörer aufgenommen.

Die Aufnahme atmet den Geist des Werkes in seiner Melancholie und Anbetung der Natur. Sie besticht durch ihre Musikalität und Leidenschaft. Luxuriös ausgekostet, wissend im Detail und liebevoll in den Klangfarben haben Orchester und Dirigent hier einen wertvollen Beitrag zur Strauss Discographie geleistet.

Die Aufnahmequalität ist perfekt. Der Orchesterklang warm und durchsichtig, die Balance zwischen den Instrumenten und die Dynamik perfekt. Das Versprechen auf der Rückseite des Booklet  „Sit back and enjoy“  wird vollends erfüllt.

PENTATONE Event Berlin 2019

Ihr Label und die Pläne für 2019 stellten PENTATONE Vorstand Simon Eder, Renaud Loranger (Vorstand Artists and Repertoire) und Kasper van Kooten (Produkt Manager) vor.

Im Februar wird die Schubert Lied CD Heimweh mit Anna Lucia Richter erscheinen. Sämtliche Planungen finden sich schon auf der Webseite des Labels (http://www.PENTATONEmusic.com/releases).

Tamara Stefanovich © Jörg Rüger, Berlin, www.sichtbarkeiten.de

Tamara Stefanovich © Jörg Rüger, Berlin, www.sichtbarkeiten.de

Im März 2019 wird die Pianistin Tamara Stefanovich eine CD mit Werken von Bach, Messiaen, Béla Bartók, Charles Ives veröffentlichen. Man darf gespannt sein. Für sie bedeutet Klavierspiel auch die Suche nach authentischer Musik. Dies demonstrierte sie beim Release Event mit Ausschnitten aus Sonaten von Ives. Mit Verve, Leidenschaft und fein durchgeformtem Anschlag interpretierte sie diesen faszinierenden Komponisten.

Ein weiterer Höhepunkt dürfte die Klavier CD Denis Kozhukhins mit Grieg und Mendelssohn werden. Sein Grieg paart Kühle und Feuer. Mit technischer Brillanz bot er Kostproben seiner Sicht auf Grieg, die neugierig machten.

Arabella Steinbacher gab Charmant einen Ausblick auf ihre im Oktober erscheinende CD Four Seasons mit Werken von Antonio Vivaldi und Astor Piazzolla, die sie mit dem Munich Chamber Orchestra eingespielt hat. Einen glutvollen, mitreißenden Vorgeschmack darauf gab sie mit Stücken aus den Jahreszeiten von Piazzola.

Johannes Moser präsentierte seine Sicht auf Mendelssohn Cello Sonaten mit rundem Bogen und innigem Ton. Diese CD erscheint im August 2019. Nebendem ist vieles mehr zu erwarten. Stöbern lohnt sich.

Eine gelungene Veranstaltung mit einem sympathischen, gut aufgelegten Reigen an Künstlern und Musikproduzenten. Die Ankündigungen und musikalischen Kostproben machten auf die Veröffentlichungen gespannt. Ein runder Auftakt für das Musikjahr 2019.

—| IOCO CD-Rezension |—

Hamburg, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Rathausmarkt Open Air / Philharmonische Akademie 2018

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte _ Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte – Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Staatsorchester Hamburg

Open Air – Im Rathaus und der Laeiszhalle:

Kent Nagano präsentiert die Philharmonische Akademie

Sechs Konzerte am 25.-27. August 2018 und 8. April 2019

Kent Nagano eröffnet die Philharmonische Konzertsaison 2018/19 mit einer Philharmonischen Akademie im Herzen Hamburgs: Am Samstag, 25. August 2018 um 20 Uhr, dirigiert Hamburgs Generalmusikdirektor sein erstes Open-Air-Konzert auf dem Rathausmarkt. „Dieses Konzert soll ein musikalisches Geschenk an die Menschen in unserer Stadt werden“, sagt Kent Nagano, „wir laden alle ein, gemeinsam mit uns den Rathausmarkt in einen Konzertsaal zu verwandeln.“ Der Eintritt zu diesem Konzert ist deshalb frei. Auf dem Programm stehen Werke wie die Ungarischen Tänze von Brahms und RachmaninowsRhapsodie über ein Thema von Paganini“. Als Solist ist der russische Pianist Nikolai Luganski zu erleben. Mit Auszügen aus den Musicals West Side Story und Candide würdigt Nagano seinen Mentor Leonard Bernstein, der an diesem Tag seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Am folgenden Tag geht es im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses weiter: Thematischer Mittelpunkt der vier Akademiekonzerte am 26. und 27. August 2018 ist Wien. Ausgehend von Werken Mozarts spannt sich der musikalische Bogen über Schönberg und die Neue Wiener Schule bis hin zu zeitgenössischer Musik von Friedrich Cerha, und sogar ein Abstecher ins Milieu der legendären urwienerischen „Schrammelmusik“ steht auf dem Programm. Neben Musikern des Philharmonischen Staatsorchesters sind Solisten wie Salome Kammer, Sharon Kam oder Dominique Horwitz sowie das Klangforum Wien zu erleben.
Am 8. April 2019 widmen sich Kent Nagano und eine Philharmonische Kammermusikformation im Kleinen Saal der Laeiszhalle noch einmal Symphonien und Solokonzerten Mozarts.

Karten für die vier Akademiekonzerte im Großen Festsaal des Rathauses sind zu einem Benefizpreis von 10 € erhältlich beim Kartenservice der Hamburgischen Staatsoper, unter 040 35 68 68 oder online unter www.staatsorchester-hamburg.de. Der Erlös aus diesen Konzerten kommt der professionellen Nachwuchsförderung junger Orchestermusiker im Philharmonischen Staatsorchester zugute. Karten für das Konzert in der Laeiszhalle kosten 12-35 €.

Hintergrund Kent Nagano hat die „Philharmonische Akademie“ zu Beginn seiner Amtszeit als Hamburgischer Generalmusikdirektor und Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters im Jahr 2015 begründet. Seitdem bilden diese Konzerte den Auftakt zur jeweils neuen Opern- und Konzertsaison. Nagano und seine Philharmoniker verstehen darunter ein „offenes“ Projekt, ebenso experimentell ausgerichtet wie immer auch bedeutenden Komponisten, wichtigen Themen und musikalisch-inhaltlichen Erkundungen gewidmet.
Rathausmarkt Open Air mit Kent Nagano

Samstag, 25. August 2018, Rathausmarkt, 20 Uhr
Gioachino Rossini: Ouvertüre zu „Guillaume Tell”
Sergei Rachmaninow: Rhapsodie über ein Thema von Paganini
Johannes Brahms: Ungarische Tänze 5 & 6
Leonard Bernstein: Ouvertüre zu „Candide“
Leonard Bernstein: „Balcony Scene” („Tonight”) & „I Feel Pretty” aus „West Side Story”
Maurice Ravel: Boléro
Kent Nagano, Dirigent
Nikolai Luganski, Klavier
Elbenita Kajtazi, Sopran
Oleksiy Palchykov, Tenor Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Eintritt frei


1. Akademiekonzert
Sonntag, 26. August 2018, Rathaus, Großer Festsaal, 11 Uhr
„Triumph des Lebens“
Wolfgang Amadeus Mozart: Serenade Nr. 10 B-Dur KV 361 „Gran Partita“
Texte von Ingeborg Bachmann, Friedrich Nietzsche und anderen
Sevgi Özsever, Ralph van Daal, Oboe
Alexander Bachl, Christian Seibold, Kai Fischer, Matthias Albrecht, Klarinette
Olivia Comparot, Fabian Lachenmaier, Fagott
Pascal Deuber, Saskia van Baal, Isaak Seidenberg, Ralph Ficker, Horn
Stefan Schäfer, Kontrabass
Dieter Rexroth, Lesung
Benefizpreis € 10 (freie Platzwahl)


2. Akademiekonzert
Sonntag, 26. August 2018, Rathaus, Großer Festsaal, 16 Uhr
Schönberg & die Schrammelbrüder
Arnold Schönberg: Serenade op. 24 und „Pierrot Lunaire“ op. 21 (Auszüge)
Friedrich Cerha: Eine Art Chansons (Auszüge)
sowie Werke von Ferdinand Leicht, Anton Strohmayer, Carl Rieder, Johann Schrammel u.a.
Salome Kammer, Martin Winkler, Stimme
Klangforum Wien
Benefizpreis € 10 (freie Platzwahl)


3. Akademiekonzert
Sonntag, 26. August 2018, Rathaus, Großer Festsaal, 20 Uhr
Wolfgang Amadeus Mozart: Streichquintett Es-Dur KV 614
Alban Berg: 4 Stücke für Klarinette und Klavier op. 5
Wolfgang Amadeus Mozart: Klarinettenquintett A-Dur KV 581
Sharon Kam, Klarinette
Stephan Kiefer, Klavier
Solveigh Rose, Annette Schäfer, Violine
Naomi Seiler, Bettina Rühl, Viola
Thomas Tyllack, Violoncello
Benefizpreis € 10 (freie Platzwahl)


4. Akademiekonzert
Montag, 27. August 2018, Rathaus, Großer Festsaal, 20 Uhr
Igor Strawinsky: L‘histoire du soldat
Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonia Concertante für Bläser Es-Dur KV 297b
Kent Nagano, Dirigent Dominique Horwitz, Sprecher
Konradin Seitzer, Violine
Stefan Schäfer, Kontrabass Thomas Rohde, Oboe
Alexander Bachl, Klarinette
Olivia Comparot, Fagott
Bernd Künkele, Horn
Mario Schlumpberger, Trompete
Felix Eckert, Posaune
Fabian Otten, Schlagzeug
Kammerorchester des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
Benefizpreis € 10 (freie Platzwahl)
Pressekontakt: Hannes Rathjen, Presse und Marketing Philharmonisches Staatsorchester Hamburg,


5. Akademiekonzert
Montag, 8. April 2019, Laeiszhalle, Kleiner Saal, 19.30 Uhr
Wolfgang Amadeus Mozart:
Symphonie Nr. 28 C-Dur KV 200
Klavierkonzert Nr. 12 A-Dur KV 414 (Fassung für Streichquartett)
Hornkonzert Nr. 4 Es-Dur KV 495
Symphonie Nr. 33 B-Dur KV 319
Kent Nagano, Dirigent
Pascal Deuber, Horn
N.N., Klavier
Kammerorchester des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
Karten € 35 / 28 / 21 / 12

 

—| Pressemeldung Staatsorchester Hamburg |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Der Wagnerianer – Das eigenartige Subjekt, IOCO Aktuell, 09.09.2018

August 14, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Der Wagnerianer – Phantom oder  Phantasmagorie

  Albrecht Schneider auf der Suche nach einem eigenartigen Subjekt

Lässt heutzutage jemand beiläufig die Bemerkung fallen, ein Besuch in Bayreuth sei beabsichtigt, wird er wahrschein­lich zu hören kriegen:  „Nach Bayreuth wollen Sie? Sie sind sicherlich Wagnerianer?“ Entfällt die Antwort zugunsten der Gegenfrage, was der Betreffende sich wohl unter einem Wagnerianer vorstelle, heißt es zumeist: „Na ja, das sind die Leute, die jedes Jahr im August dorthin pilgern, um sich die langen und lauten Opern des Richard Wagner zu Gemüte zu führen. Wie die das aushalten, bleibt mir schleierhaft.“

Vernachlässigen wir den Wert solcher Aussage und verlegen uns lieber darauf, dieser ominösen Person nachzuspüren. Keinesfalls nämlich soll der Fehler begangen werden, den Wagnerianer lediglich für eine fiktive Figur, für eine Projektion zu halten. Eine, die von Antiwagnerianern ausgeheckt, von ihnen benötigt wird, um, gemäß dem jeweiligen Grad ihrer Abneigung, in erster Linie den oberfränkischen Festspielhausbesucher als etwas seltsamen, bornierten, sogar fanatischen Fan des sächsischen Großmeisters anzuschwärzen.

Bayreuth 2018
Youtube Trailer Bayerischer Rundfunk
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Unberührt davon sollte der Frage nachgegangen werden, inwieweit der Wagnerianer in der Tat irgendwo und irgendwie als Wesen existiert und ob seines mystischen Rufs sich grämt oder sich gratuliert.

Bevor wir uns daran machen, ihn schlichtweg als Phantom der Ahnungslosigkeit links liegen zu lassen, oder doch seiner ? als mit uns keineswegs geistig noch sonstwie verwandte Person ? habhaft zu werden, muss man stets im Auge behalten, dass Richard Wagner nicht einzig für ?lange und laute’ Opern zu haften hat. Zwecks ihres Verständnisses schrieb er viele und weitschweifige Bücher, worin von ihm gleichermaßen klug und einsichtig wie kompliziert und kraus seine Absichten und Ansichten ausgebreitet wurden. Da der gute Richard, wie die Zeitgenossen überliefern, den Ruf eines äußerst redseligen Mannes genoss, war er, der federführende Kommentator seiner selbst, nicht weniger von sich überzeugt und emsig, wie als selbsternannte Autorität in ästhetischen, zivilisatorischen, politischen und sittlichen Fragen seiner Zeit.

Das Werk des toten Tonsetzers begannen die Nachlassverwalter, also dessen weibliche wie männliche Nachkommen, Interpreten, Apologeten, Jünger und Sympathisanten, sitzend zu Füßen der Witwe und Prima Donna Assoluta Cosima Wagner, gleich einer Offenbarung zu deuten. Zur Bewältigung der Daseinsproblematik schlugen sie nicht länger in der Bibel, den kanonischen Schriften der Philosophen und Denker, oder schlichter, in Meyers Konversationslexikon nach, nein sie bedienten sich lieber dieses Komponisten und Schriftstellers Gesamtkunstwerk.

Auch mit Beginn des 20. Jahrhunderts waren für Preußendeutschland und in dessen Erbfolge die Gegner der Weimarer Republik nationalistische, chauvinistische, kulturstolze, zudem böse antisemitische Denkarten charakteristisch. Dergleichen ließ sich in Wagners Schriften unschwer finden. Deren Exegeten verstanden daraus einen fatalen Geist zu destillieren, der in den Köpfen gemäß deren Ausstattung recht unterschiedlich wirkte. Manche machte er derart besoffen, um sich nachgerade als Mitwisser an jedem Weltgeheimnis zu wähnen. Andere erlebten ihr Pfingsten und fühlten sich von Wagners Ingenium geradezu erweckt, weswegen sie sich eilends zu den bereits erleuchteten Hütern seiner Hinterlassenschaft gesellten. Nunmehr empfanden sie sich einer elitären Gemeinschaft einverleibt, die jedwede Art der Kritik an ihrem Idol als Verrat, ja Blasphemie verdammte. Letztlich ging es ja um nichts weniger denn um den <Verfall der historischen Menschheit und deren Regeneration< (zit. nach R.W.)

Sitz und Pilgerstätte aller sich berufen Fühlender war Bayreuth. In der Villa Wahnfried und ihrem Umfeld etablierte sich eine Art >Bayreuther Kreis<, der mit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Missionar des Meisters, wie dieser verklärend genannt wurde, agierte: hauptsächlich zwecks Erhaltung sowie Ausbaus der Festspiele, und weiterhin um eben die Regeneration vor allem des Deutschen Geistes zu befördern. Darin waren sie später eines Sinnes mit dem Nazidrittreich, das Wagner zu seinem Säulenheiligen erhob und Bayreuth zu dessen Tempel, ihm obendrein propagandistisch und finanziell allzeit die allerbeste Dienste leistend.

 Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Traf man mit ihnen auf den ?Wagnerianer’, wie er oben im Kopf unseres Bekannten und in vielen Köpfen weiterer, nicht durchgängig wohlmeinender Kritiker, sowie der Skeptiker und Verneiner herumspukt?

Ob dererlei Dissidenten in den heutigen enthusiastischen oder schwärmerischen Wagnerhörern und Bayreuthfahrern die Wiedergänger jener Methusalems der Wagnervergötterung entdecken wollen, wäre zu untersuchen. Aber waren denn letztere nicht mit in den Sog des Untergangs des Nazidrittreichs geraten, ersoffen und damit gleichsam in Walhall einmarschiert? Und längst aus dem Gedächtnis getilgt? Doch selbst als Überlebende war vorerst an einen Auftritt in ihrem Habitus kaum zu denken: nicht einzig Wotan, Hunding und Hagen wurde der Rauschebart abrasiert, noch viel mehr alte Bärte hatten die Wagnerenkel Wieland und Wolfgang abgeschnitten. Als sie 1951 die Ära Neubayreuth einläuteten, hockten zwar die Altbayreuther (Wagnerianer?), nachdem sie den Meister als ihren Präzeptor Germaniae und Welterklärer definitiv verabschiedet hatten, zunächst noch schweigsam auf den angestammten Plätzen im Festspielhaus, mussten sich aber die tränennassen Augen reiben ob des ?Neuerertums’, das sich ihren Blicken bot. Allerdings begannen sie dann wieder leise, und im Laufe der Jahre auch lauter zu maulen über die Verhunzung von ihres Meisters Gesamtkunstwerk.

Mit einem partiell illusionslosen Theater meldete sich neuerlich die klassische Dialektik des Plansolls der Kunst: Erhebung und Aufhellung des bürgerlichen Gemüts oder dessen Verstörung und Verdüsterung: den Festspielhausbesuchern wurden 1956 die ?Meistersinger’ gleichsam ohne Nürnberg präsentiert, und 1972 sollten sie sich in der Wartburggesellschaft des ?Tannhäuser’ gespiegelt sehen. Entleerung wie Verfremdung von Szene und Kostüm brandmarkten neben den Traditionalisten auch etliche neue Wagnerverehrer als Frevel an den Intentionen ihres Idols. Höchst unwohl fühlten sie sich deswegen auf dem Grünen Hügel. Deren Protest drang so geräuschvoll an die Öffentlichkeit wie das Wehgeschrei einer dort regelmäßig aufwartenden bundesrepublikanischen Nomenklatura. In der Hysterie des kalten Krieges griffen die betroffen schauenden Konservativen zu dem ausgeleierten Totschlagargument, im Festspielhaus wären – in aktueller Ausdrucksweise – „links versiffte“ – Kräfte, sprich kommunistische Unterwanderung, am ruchlosen Werk.

Stellt mithin derjenige, der absolut seinen alten Meister Richard Wagner wiederhaben wollte ? wobei ihm vermutlich eine beschwerdefreie Gestaltung und genussvolle Rezeption der Musikdramen vorschwebte ? den zu denunzierenden Wagnerianer dar? Oder ist es auch bei ihm zu lange her, als dass er in unseren Tagen als solcher von den Leuten, die wolkige Vorstellungen von ihm haben, gemeint sein könnte?

Sofern man andererseits den Begriff ganz und gar nicht als Geringschätzung, gar Diskriminierung, vielmehr als Graduierung, als eine Art Salbung auffassen möchte, dann wären hier alle sich offenen Sinnes, mal affirmativ mal kritisch, die Inszenierungen betrachtenden Opernhausbesucher und Festspielliebhaber zu nennen. Jene also, die mit Wagner, dem genialen Künstler, widersprüchlichen Denker und fragwürdigen Moralisten, sich historisch und zeitnah auseinanderzusetzen bereit waren und sind, und sich auf die mal überzeugenden, mal fehl gehenden Inszenierungen seiner Musikdramen überall einlassen wollten und wollen. Und je nachdem applaudierten oder buhten.

Richard Wagner Berliner Tiergarten © Rainer Maass

Richard Wagner Berliner Tiergarten © Rainer Maass

Eine derartige Einteilung indessen, hier der alte und dort der neue Wagnerianer, liefe auf eine Klassifizierung hinaus. Bloß ihn in zwei Schubfächer einzusortieren, ehe man ihn überhaupt beim Wickel gekriegt hat, da sei der Teufel vor. Solange bis er – wohlwollende Umstände angenommen – gefasst ist, und selbstredend auch danach, sollen jedermann und jedefrau nach seiner/ihrer Fasson mit dem genialen – sächsischen Gnom –  (Thomas Mann) selig werden.

Indem wir, um ihn dingfest zu machen, die Nachwagnerhistorie nicht sehr ertragreich durchblätterten, wird nunmehr eine Reise nach Bayreuth unabdingbar. Wenn überhaupt, könnte man ihm dort zur Festspielzeit auf den Leib rücken. Schließlich wäre, seine Existenz voraussetzend, hier sein Mekka zu verorten.

In jenen Kreisen, die den Wagneropernguckern und besonders den Bayreuthwallfahrern ein absonderliches Musikverständnis oder einen absonderlichen Musikgeschmack attestieren, wird gern verbreitet, subtrahiere man von Bayreuth den Richard Wagner, laute das Ergebnis schlicht: finstere Provinz. Wer auf diese Weise doppelt diffamiert, ist zweifelsfrei kein Wagnerianer, eher wäre er als Antiwagnerianer abzustempeln. Was keineswegs den Rückschluss erlaubt, falls letzterer damit quasi gerichtsnotorisch sei, ließe sich zwangsläufig daraus auf die Anwesenheit des ersteren folgern. Nur so leicht läuft das nicht, noch muss weiter ermittelt werden

Beim Marsch durch den verleumdeten Ort hin zum „Grünen Hügel“ erinnern wir uns des Romanschreibers Jean Paul genauso wie des Klaviervirtuosen – und Wagners Kollegen  – Franz Liszt, beides gewichtige Geister, die hier mit anderen gleich kreativ waren wie die modernen Geistesarbeiter in der einheimischen Universität. Deren formidabler Ruf wurde bekanntlich durch des Herrn von Guttenbergs originelle, jedoch nicht originale Dissertation vorübergehend angekratzt. Vorbei. Es sorgen sich die Stadtsparkasse samt Brauereien um die Prozente, und Fußball wird immerhin in der Regionalliga gespielt. Kurzum, stabreimend und dem lokalen Heros RW nacheifernd: Bayreuth bemisst sich als ein um einen mäßigen Materialismus wie sich um die Musen mühender munterer oberfränkischer Mittelpunkt.

Kraft der Verbindung zu beziehungsreichen Zirkeln (IOCOredaktion!) verfügen wir über ein Billet zu den ?Meistersingern’. Während derer langen Pausen wollen wir uns unter das ums Festspielhaus flanierende Volk mischen. Denn wo sonst, wenn nicht an diesem Ort, müsste das gesuchten Objekt herumspazieren.

Sollte es nicht einfach anhand seines Äußeren zu identifizieren sein? Beobachtung ist darum angesagt. Zwei Wochen sind seit der Premiere vergangen, die ihretwegen aufgebügelten Roben und Smokings hängen längst wieder zerknittert im Schrank. Das Publikum im Festspielhaus kleidet sich heute nicht anders als eines sonstwo im Opernhaus. Auffällig unter fast allen Unauffälligen wird eine grazile Dame (Amerikanerin?), weil sie sich von den Schuhen über das geraffte, gebauschte, gefältelte Kostüm bis zum Hütchen und den Handschuhen in flirrendem Lila präsentiert, inklusive des aufgeklappten Sonnenschirmchens ? eine siebzehnuhrdreißig Oberfrankenaugustsonne strahlt mit Kraft? , das, kokett über dem Kopf geschwenkt, Schatten auf ihr Gesicht wirft, und das mithin nahezu unerkennbar bleibt. Völlig im Schatten könnte die putzige Erscheinung stehen, sofern der Zweimetermann in fischschuppengrauem Cutawayjackett mit Hundingbart, langem, hinten zum Zopf gebundenen Silberhaar und einem Embonpoint von zwanzig Liter Fassungsvermögen, sich vor ihr aufbauen würde. Sind das die bedeutungsschweren wagnerianischen Zeichen?

Wohl kaum. Vertrauen wir nicht länger dem Aussehen und versuchen stattdessen etwas von den mutmaßlich aufschlussreicheren Gesprächen ringsum zu erhaschen. Abhören ist schließlich zeitgemäß. Vor dem Kiosk der Gastronomie reihen wir uns in die Schlange ein und lauschen der Unterhaltung zweier vor uns wartender, vernehmbar im internationalen Festspielbetrieb bewanderter Damen, diesmal immerhin in langen dunklen Abendkleidern.

„Bratwurst und Braunbier passen zu Wagner“, sagt die eine, und kramt einen Fünfzigeuroschein aus einem buntperlenbestickten Seidensäckchen. „In Salzburg“, fährt sie fort und zieht das Beutelchen wieder zu, „bei Mozart ist sowas fehl am Platz. Zu ihm gehört eine Schwammerlpfanne und Grüner Veltliner.“

Ist das jetzt wagnerianisch gedacht?

Am Ende, an einer Salzbrezel für drei Euro kauend, grübelt man, ob wir durch deren Erwerb, der Gestehungspreis beträgt allenfalls fünfzig Cent, zu Mäzenen des Festspielunternehmens graduiert werden. Und damit geradewegs zum Wagnerianer?

Überflüssige Überlegungen hinsichtlich unseres Problems, das fortbesteht.

Die Lösung ist jetzt hoffentlich ein Interview. Die Wahl trifft ein offenkundig älteres Ehepaar, das auf einer der vielen Bänke sitzt, in Sichtweite von RW’s gusseisernem Großkopf, eine Schöpfung des Monumentalbildhauers Arno Breker. Die Frau löffelt buntes Kugeleis aus dem Pappbecherchen, der Mann dreht ein halbleeres Weißbierglas in den Händen.

„Entschuldigen Sie die Störung und die direkte Frage: Sind Sie ein Wagnerianer?“

„Nein! Ich bin Steuerberater aus Bottrop. Und hab’ mit Wagner eigentlich nichts am Hut. Seit fast dreißig Jahren begleite ich bloß meine Frau hierher.“

Aha.

„Darf ich Sie fragen, gnädige Frau, ob Sie eine Wagnerianerin sind?“

„Ich liebe Tannhäuser und Lohengrin. Mag auch Hans Sachs. Der Tristan, der Ring und Parsifal,das sind für mich viel zu schwere Opern.“

Eine Verehrerin, die im „Parzifal“ eine Oper sieht und nicht ein ?Bühnenweihfestspiel’, die kann nie und nimmer eine Wagnerianerin sein. Der Meister würde sich von solcher Gemeinde gleichermaßen gekränkt und verleumdet fühlen wie einst von Friedrich Nietzsche.

Wo, um Wotans willen, spüren wir den Wagnerianer denn nun endlich auf? Hat er existiert, ist jedoch vor Zeiten bereits ausgestorben und ruht mumifiziert im Geheimmagazin des hiesigen Wagnermuseums so wie – dort indessen öffentlich – im paläontologischen Museum das Gerippe des Brachiosaurus brancai?

Und heutzutage? Handelt es sich bei ihm eventuell um ein geglaubtes Fabelwesen, ähnlich dem Lochnessungeheuer oder dem Yeti? Schlagen wir uns lediglich mit einer Legende, einem Mythos, gar einem Gespenst herum, wohingegen es den Wagnerianer im nach wie vor undefinierten Sinne längst nicht mehr gibt und er ebenso wenig neuerlich auferstehen wird? Was uns übrigbleibt, ist allein ein zweiter verzweifelter und stabgereimter Hilferuf:  Wo um Walhalls wohlgestalter Walküren willen weilt der wahnwitzige Wagnerianer? Wo?

—| IOCO Portrait Bayreuther Festspiele |—

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