Hamburg, Theater i.d. Marzipanfabrik, IDA Erdenheldin – eine Klimaoperette, IOCO Aktuell, 25.10.2019

Theater in der Marzipanfabrik © Annemone Taake

Theater in der Marzipanfabrik © Annemone Taake

Theater in der Marzipanfabrik

IDA,  ERDENHELDIN   _  eine KLIMAOPERETTE

 vom Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Untätigkeit

von Ingmar Beck

Die Uraufführung einer Kammeroper an der Hamburger Staatsoper im Mai 2019 war der Beginn des ungewöhnlichen und modernen Opernprojekts „IDA – Erdenheldin“. Das Künstlerkollektiv mit Maike Schuster – Text, Regie, Friedemann Hasse, Laura Lievers, Rami Olsen Steven Tanoto – Komposition, Ingmar Beck – Koordination, Musikalische Leitung, wird Klima und Umwelt als aktuelle Themen der heutigen Zeit musikalisch und künstlerisch auf der Bühne darstellen. Vom 13.-15.12.2019 wird das Werk des Kollektivs, die Operette IDA – Erdenheldin, in Hamburg, im Theater in der Marzipanfabrik uraufgeführt.

In moderner Darstellung sollen in diesem Theater neben dem ohnehin kulturaffinen Klassikpublikum  besonders junge Menschen einer Stadt angesprochen, für die Kunstform „Oper“ begeistert und auch Verständnis für etabliertes Musiktheater geschaffen werden. Durch solch friedlichen Meinungsaustausch wachsen Wissen und Ansichten von Jung und Alt, von allen Beteiligten. IDA, Erdenheldin soll beitragen, generationsübergreifend Grundanschauungen und allgemeine Werten, die zentralen Grundpfeiler für ein harmonisches Zusammenleben unserer Gesellschaft darzustellen, zu moderieren und letztlich zu stärken.

 Theater in der Marzipanfabrik / Ingmar Beck © Fay Fox

Theater in der Marzipanfabrik / Ingmar Beck © Fay Fox

DIE HANDLUNG: Ida, Erdenheldin, begibt sich auf eine Heldinnenreise; nah an der Lebensthematik der Fridays for Future – Generation, die die große Frage der Zeit in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. Die Titelfigur Ida begegnet dabei sechs Wesen, die ihr auf verschiedenste Arten und Weisen die Wirklichkeit und die Zukunftsperspektiven aufzeigen und sie verändern. Ida, Erdenheldin ist eine Operette zum Zuhören, zum Nachdenken und nicht zuletzt zum Handeln – für den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Untätigkeit.

Ingmar Beck –  Zur Zukunft unserer Opernhäuser
– ZURÜCK IN DIE GEGENWART –

Im Sommer 2019 besuchte ich bei einem weltbekannten Opernfestival eine Vorstellung der romantischen Oper Salome mit Starbesetzung, und ich war – wieder einmal – hellauf begeistert von der hervorragenden Qualität der Aufführung und der Künstler. Als ich nach der Vorstellung bei wunderschönem Wetter die Treppen des Opernhauses herunterging, sah ich etwa 200 Jugendliche und StudentInnen, die auf den Treppen Bier und Wein tranken und einen schönen Abend genossen; es tat mir sehr leid, dass sie nicht auch in den Genuss dieser wunderbaren Aufführung kommen konnten. Warum gingen diese jungen Leute nicht auch in das Opernhaus? An den Eintrittspreisen lag es bestimmt nicht alleine. Dies veranlasste mich zum Nachdenken. Was fehlt den jungen Menschen in der Oper – und wie können wir sie für diese einzigartige Kunstform gewinnen? Trotz aller Jugendförderung, einem guten Marketing und in Deutschland wieder steigenden Zahlen von Opernbesuchern ist die derzeitige Situation nicht das erstrebenswerte Ziel.
Oper und Lebenswirklichkeit

In der Oper Salome sieht sich ein König gezwungen, die Tötung eines Menschen anzuordnen, um gegenüber einer schönen Tänzerin nicht wortbrüchig zu werden. Die tragische Handlung der Oper wird durch die Strausssche Musik ins Grandiose gesteigert. Inhalt und Form ergänzen sich so zu höchster Kunst.

Aber wollen und können junge Menschen ohne umfassende Hör- und Seherfahrung diesen Zusammenhang sehen? Oder stört es sie, dass der in der Oper dargestellte Seelenkonflikt weit abseits ihrer Lebenswirklichkeit liegt?
Sicherlich, ein Teil des Opernpublikums geht gerade deshalb in die Oper, weil es den Abstand vom Alltag sucht und diesen beispielsweise im Genuss der musikalischen Ausgestaltung einer biblischen bzw. literarischen Legende findet. Sicher möchte ein weiterer Teil des Publikums – wie auch wir Künstler – unser großartiges und einzigartiges Kulturgut, das für uns da ist und das uns prägt, wertschätzen und pflegen. Und gerade deshalb wünsche ich mir auch eine Oper, welche die junge Generation nicht vergisst, welche die Fragen ihrer Zeit in den Mittelpunkt stellt, eine Oper, die eben für sie da ist, und damit auch für alle Anderen. Der jungen Generation nicht nur eine Stimme verleihen, sondern dieser auch zuhören, ohne ein zeitgenössisches Werk als “Jugendoper” zu degradieren.

 Theater in der Marzipanfabrik / Ida, Erdenheldin - eine Klimaoperette © Nadja Häupl

Theater in der Marzipanfabrik / Ida, Erdenheldin – eine Klimaoperette © Nadja Häupl

Pflege der Alten Musik
Ein kurzer Einblick in die Geschichte der Aufführungen von Alter Musik: Seit der Gründung der Academy of Ancient Music in London in der Mitte der 1780er-Jahre, bei der nur Musik aufgeführt wurden durfte, die älter als 20 Jahre war, wurde Alte Musik hoffähig. Ziel  damals war die Pflege der Musik von Georg Friedrich Händel; auch Haydn litt damals unter diesen Bestimmungen bei seiner ersten London-Reise zu Beginn der 1790er-Jahre. Die 20-Jahre-Regel wurde später in London zu 30 Jahren erweitert etc. – das übergeordnete Ziel war, Händels Musik zu Präsenz verhelfen. Felix Mendelssohn-Bartholdy brachte dieses Konzept dann nach Deutschland und programmierte in den 1820er-Jahren als Musikdirektor des Gewandhauses mehrere vier- bis sechswöchige Konzertreihen, bei der Alte Musik aufgeführt werden sollte (hier begann u.a. die berühmte Bachpflege). Diese Konzerte wurden damals vom Publikum nur halbherzig angenommen; halbleere Konzertsäle und kritische Stimmen von der Presse wurden laut. Wie könnte man wochenlang nur Alte Musik spielen und keine aktuellen Werke lebender Komponisten programmieren?

–  Wandel in den letzten 200 Jahren

Wie wir alle wissen, hat sich die Situation seitdem komplett verändert. Heute zählt Alte Musik (hier: Musik, die vor mehr als 20-30 Jahren komponiert wurde) zum gängigen Klassikrepertoire; Uraufführungen und besonders Wiederaufführungen von zeitgenössischen Werken sind die Seltenheit. Die Situation im Konzertbereich ist auf einem guten Weg: Zahlreiche KomponistInnen werden mit Kompositionswünschen beauftragt, dazu teils bereits uraufgeführte Werke wiederaufgeführt und spätestens nach den vielen Jahren voller intelligenter Konzertprogramme, die Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker aufsetzte, gehört nahezu zu jedem Konzertprogramm ein zeitgenössisches Werk, wenn eine Institution innovativ wirken möchte.

  Zeitgenössische Oper – zu teuer?

Im Opernbereich ist dies jedoch leider anders. Manche großen Häuser beauftragen alle zwei bis drei Jahre einen Komponisten, eine Uraufführung zu schreiben; die Handlung ist jedoch meist ein Libretto mit einem nicht aktuellen, nicht gesellschaftsrelevanten Inhalt. Warum ist das so? Opernhäuser begründen dies mit Kosten, die teils sehr hoch sind, wenn Uraufführungen im Großen Haus anstehen; oder man verschiebt die zeitgenössische Oper in die Kammeroper, um weniger Ausgaben zu haben und ein geringeres finanzielles Risiko einzugehen. Die Möglichkeiten einer großen Reichweite bzw. einer Starbesetzung sind dadurch meist äußerst begrenzt und die gesellschaftspolitischen Auswirkungen für die Menschen in Stadt und Umland gering.

–   Die erfolgreichen Zeiten der Gattung Oper

Warum werden heute keine Opern konzipiert, deren Handlungen unsere Gesellschaft repräsentieren und Probleme der heutigen Zeit aufzeigen? Was hinterlassen wir Opernschaffende unseren Nachkommen aus unserer heutigen Zeit? Gelöschte E-Mails, Autographen als Sibelius-Datei, zeitgenössische Opern über Karl V., und moderne Inszenierungen unserer Repertoire-Opern, die oft gewollt modernisiert werden (und äußerst selten wirklich passen), da man realisiert, dass moderne und aktuelle Elemente in einer Handlung gebraucht werden? In den erfolgreichen Zeiten der Kunst (u.a. auch der Oper) wurde immer die Gesellschaft und deren Probleme in Opern thematisiert: Als Mozart spitzbübisch und nicht offen, sondern mit Witz und Charme versteckt seine Herrscher kritisierte, Beethovens Fidelio die französische Revolution und den Freiheitsdrang dieser Zeit abbildete, Hänsel und Gretel die Zeit der aufkeimenden Nationalgedanken repräsentierte und Arnold Schönberg die Maschinen der Industrialisierung in seiner Musik zum Klingen brachte… und heute?

– Direkt in die Mitte der Gesellschaft

Es ist mein Ziel, die Oper wieder in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Das Opernhaus soll ein Ort sein, wo neben den Märchen und der wichtigen Pflege des Repertoires Menschen diskutieren, sich austauschen und neue Ideen sowie ein stärkeres Bewusstsein für eine offenere oder vielschichtigere Weltsicht bekommen. Ein Ort, an dem wir Künstler eine Möglichkeit haben, unsere Meinung über Gesellschaftspolitik, soziale Gerechtigkeit und aktuelle Ereignisse in unserer musikalischen und theatralischen Sprache zu thematisieren. Ein Ort, an dem Menschen nicht von Politikern in Talkshows, sondern von Künstlern des Opernhauses neue Impulse erhalten und unterschiedliche Auffassungen und Denkweisen erfahren, um ihre Überzeugungen zu überdenken und sie infolgedessen besser artikulieren zu können. Ein Ort, an dem in der zeitgenössischen Musik auch wieder gelacht werden darf, an dem satirischer, ironischer oder unter Umständen auch derber Humor ausgelebt werden darf – die Themen unserer Zeit sind meist ernst genug. Wie wäre es also beispielsweise mit einem Revival der Operette (mit dem Nebeneffekt, auch neue Opernbesucher anzuziehen)?

IDA, Erdenheldin – im Theater in der Marzipanfabrik; Friesenweg 4/ Haus 10, 22763 Hamburg; Termine 13. – 15. Dezember 2019

—| IOCO Aktuell Theater in der Marzipanfabrik |—

Essen, Aalto-Theater, Cosi fan tutte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 19.06.2019

Juni 20, 2019 by  
Filed under Aalto Theater Essen, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Cosi fan tutte – Wolfgang A. Mozart

– Allgegenwärtiges Lügen  wird  Zur Lehrstunde  des Lebens –

von Viktor Jarosch

Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Salieri (1750-1825) kannten einander sehr gut; begegneten sich in Wien wie in ihren Werken immer wieder. Lorenzo da Ponte (1749 – 1838), von Salieri aus Venedig nach Wien vermittelt, wiederum schrieb Libretti für Mozart und Salieri: 1788 das Libretto zu Antonio Salieris tragisch-komischer Oper Axur, re d’Ormus und 1786, 1787, und 1789 die Libretti zu Mozarts Opern Figaros Hochzeit, Don Giovanni und Cosi fan tutte. Erste Texte von da Ponte, gedacht für Antonio Salieris Werk La scuola degli amanti (Die Schule der Liebenden), „landeten“ so bei Wolfgang Amadeus Mozart, der die Komposition Cosi fan tutte (So machen´s alle) benannte; seiner Oper Le Nozze di Figaro entlehnt, wo Don Basilio den vermeintlichen Betrug der Susanna mit den Worten „So machen´s alle (Frauen)“ beschreibt.

Das Sujet der Oper Cosi fan tutte, weibliche Untreue, fasziniert denn seit Ovids Metamorphosen Werke und Gedanken zahlloser männlicher Schriftsteller. Männliche Untreue fasziniert SchriftstellerInnen weniger; wohl weil diese so alltäglich ist. Die Dramaturgin des Aalto-Theater meinte denn auch zur Einführung der Premiere, Cosi fan tutte sollte eher Cosi fan tutti (Männer und Frauen einschließend) heißen.

Cosi fan tutte –  Wolfgang A. Mozart
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Mozart komponierte Cosi fan tutte 1787, von Geldnöte geplagt; seine letzte Uraufführung, Don Giovanni, lag bereits etwas zurück. Angeblich, unbelegt, hat Kaiser Joseph II Mozart zu der Komposition beauftragt. Mit Lorenzo da Ponte eng verbunden entstand die Oper in kurzer Zeit, im Herbst 1789. Im Januar 1790 wurde sie im Burgtheater uraufgeführt; seither wird sie auf allen Bühnen der Welt regelmäßig gespielt: Mozarts lebendig komplexe Komposition belebt, beschwingt schon auf dem Weg zur Vorstellung. Das von männlichen Träumen beschwerte oft überzeichnetes Verwirrspiel dagegen nötigt zur Gelassenheit,es  ist eine musikalische Komödie; geschrieben zu einer Zeit, in welcher die beginnende Französische Revolution verunsicherte.

Die Handlung: In Cosi fan tutte will „Dunkelmann“ Don Alfonso, den aufrechten, leicht beeinflussbaren   Ferrando und Guglielmo, beweisen, dass die Treue ihrer Liebsten, der Schwestern Dorabella und Fiordiligi unbeständig ist; „dass Lieb ein unstet Ding ist“. Ferrando und Guglielmo lassen sich von Alfonso verführen und ein schräges Spiel von Verwandlung, Täuschung, Verwirrung läuft ab: Die Männer gaukeln vor, in einen Krieg zu ziehen; kehren als Albaner verkleidet zu ihren Liebsten zurück; drohen, sich das Herze zu durchbohren und zu vergiften, wenn Dorabella und Fiordiligi  ihre Liebe nicht erwidern.

Aalto Theater Essen / Così fan tutte © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Così fan tutte © Matthias Jung

Regisseur Stephen Lawless und Bühnenbildner Philipp Schlößmann stellen in ihrer ästhetisch klassizistischen Aalto-Inszenierung Mozarts Komposition, das Ensemble mit seiner Spielfreude in den Vordergrund. Die in der Handlung allgegenwärtige Lüge soll im Aalto-Theater zu einer sichtbaren „Lehrstunde des Lebens“ werden; in zeitlosem Klassizismus auf die Bühne gebracht: Ein hoher, heller, hellenistischer Saal mit antiken Statuen am vorderen Bühnenrand, im Hintergrund italienische Landschaften und der Vesuv: Dieser Raum ist bleibender Schauplatz; und sendet dabei beständig sensible Chiffren an das Publikum, wenn sich Decken und Wände des Saales zur Handlung lösen, brechen, wieder verfestigen; wenn Statuen sich wandeln; wenn im Hintergrund inmitten einer italienischen Landschaft der Vesuv raucht; wenn Fiordiligi, Dorabella ihre Kleider tauschen. Diesen Chiffren, Andeutungen ist oft nur schwer zu folgen, sodaß man sich gerne der Komposition wie Stimmen und Spielfreude des starken Ensembles zuwendet.

Die Akteure agieren meist in gepflegten Kostümen: Don Alfonso, Intriganten-gerecht in barockem dunklem Wams oder in dunkler priesterlicher Soutane mit großem Kreuz auf der Brust; Fiordiligi, Dorabella, Ferrando, Guglielmo stets in dezent gepflegten Rokoko-Kostümen. Despina dagegen treibt die Handlung aktiv: mal als brave Kammerzofe, mal als schriller Quacksalber, mal als trüber Notar. Sie ist die Kupplerin in  einem doppelbödigem Verwirrspiel; polarisiert die Herren-Intrige mit Primadonnen-Theater.

Aalto Theater Essen / Così fan tutte - hier : Martijn Cornet als Guglielmo, Dmitry Ivanchey als Ferrando © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Così fan tutte – hier : Martijn Cornet als Guglielmo, Dmitry Ivanchey als Ferrando © Matthias Jung

Das Theater, so zeigt auch Cosi fan tutte, hat alle Rechte gegen die Wahrscheinlichkeit, denn Dorabella und Fiodiligi fühlen eiskalte Stirnen und den schwachen Puls röchelnder Männer; sie klagen „Poverini! La lor morte, mi farebbe lagrimar.“ (Die Armen! Ihr Tod machte mich weinen)“; und konspiriert weiter: „Weil die Unglücklichen bald sterben müssen, bemüht euch wenigstens, ihnen Mitleid zu bezeigen“, so Despina zu Fiordiligi und Dorabella. Doch als Wunderheiler kuriert Despina die leidenden Ferrando und Guglielmo schnell mit falschem Latein und neumodischem Magnetismus-Apparat (Anspielung auf den zu Mozarts Zeit populären Arzt Anton Meßmer), um anschließend als Notar die schnell gesundeten Ferrando und Guglielmo mit Dorabella und Fiordiligi zu vermählen. Verwicklungen, welche nur komödiantisch, aber nie ernsthaft hinterfragt werden dürfen.

Der Besucher im Aalto-Theater wird zum wahren Genießer, wenn er das Aalto-Ensemble mit seinen wohl timbrierten wie  lyrischen Stimmen, das Aalto-Orchester und  Mozarts Komposition zu seinem Fokus macht; dabei den Sinn der vielen Chiffren des Bühnenbildes „hintanstellt“. Baurzhan Anderzhanow treibt als sympathisch eleganter Don Alfonso die Handlung, die Wette, nimmt den Besucher mit fest timbriertem Bariton wohltuend ein; er ist kein praller Bösewicht, kein dunkler Verschwörer, Don Alfonso im Aalto  vertreibt sich seine Zeit mit einer Wette, welcher die anderen eben folgen.

Aalto Theater Essen / Così fan tutte - hier : Despina als Notar vermählt © Matthias Jung

Aalto Theater Essen / Così fan tutte – hier : Despina als Notar vermählt © Matthias Jung

Dmitri Ivantchey, mit lyrischem Tenor, und Martijn Cornet, als Ferrando, Guglielmo wie als Albaner haben durch das bemühte Libretto ihrer Partie einen schweren Stand gegen eine starke Frauenriege: die Portugiesin Liliana de Sousa überzeugt als vielseitige Despina („Eine Frau kann ohne Liebe leben, aber nicht ohne Liebhaber…“), als Alfonsos leibhaftiges konspiratives Alter Ego, welches sich optisch und darstellerisch beständig wandelt: von einer Zofe in schwarzem Mieder zum Quacksalber zum Notar. Tamara Banjesevic als Fiordiligi und Karin Strobos als Dorabella ergänzen sich in ihren großen Partien als vermeintlich „verführte Frauen“ stimmlich wie darstellerisch, dominieren die Vorstellung. Der seitlich der Bühne positionierte  Aalto-Chor (Einstudierung Patrick Jaskolka) unterlegt das Fest von Stimmen und Klängen. Tomas Netopil leitete dazu die Essener Philharmoniker sängerfreundlich, mit wunderbaren Legatos und  sensibel gefestigtem Klangvolumen.

Das Premierenpublikum im gut gefüllten Aalto-Theater feierte  ihre neue Cosi fan tutte, die Lehrstunde des Lebens, ihr Ensemble, Chor und Orchester mit großem Beifall

Cosi fan tutte im Aalto-Theater; die nächsten Vorstellungen 22.06.; 27.06.; 4.07.; 13.07.2019

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Paris, Opéra Bastille, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 04.06.2019

Juni 4, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera National de Paris

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Opera National de Paris 

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

TOSCA   –  Giacomo Puccini

Suggestive, atmosphärisch-dichte Bildwelten – historisch verortet

von Uschi Reifenberg

In diesem Jahr  gibt es für die Opéra National de Paris gleich zwei bedeutende Ereignisse zu feiern. Zum einen begeht Frankreich heuer das Jubiläum „350 Jahre Pariser Oper“ unter dem Leitsatz „Modern seit 1669“, zum anderen feiert die Opéra Bastille 2019 ihren 30. Geburtstag.

Opéra Bastille – gelegen auf dem symbolträchtigen  Place de la Bastille

Die Bastille Oper wurde 1983 vom damaligen Staatspräsidenten François Mitterand als moderner Gegenentwurf zum Palais Garnier konzipiert, jenem neobarocken Prachtbau, der seit 1875 den Parisern für Opern- und Ballettaufführungen diente und zu einem der repräsentativsten und prunkvollsten Theaterbauten Europas zählt. Heute finden in der Opéra Garnier in erster Linie  Ballettaufführungen des hauseigenen Ensembles statt.

Die Opéra Bastille, als demokratisches, anti-elitäres Theater geplant, steht auf einem der symbolträchtigsten Plätze von Paris, dem „Place de la Bastille“, in dessen Mitte die Siegessäule von 1830 prangt, von welchem 1789 mit dem „Sturm auf die Bastille“, dem damaligen Pariser Staatsgefängnis, die Französische Revolution ihren Anfang nahm. Eröffnet wurde der futuristisch anmutende Riesenbau 1989, am Vorabend des 200. Jahrestages der Französischen Revolution.

Die Opéra Bastille – Ihre Entstehung 
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Das Opernhaus fasst vier verschiedene Säle, der große Saal bietet 2703 Zuschauern Platz. Mit neun beweglichen Bühnen, beweglichem Orchestergraben, einem Amphitheater, integrierten Werkstätten, Büros und Proberäumen ist die Bastille Oper eines der überragendsten französischen Großprojekte der letzten Jahrzehnte. Die Technik wird nach neuesten Standards weiterentwickelt, zählt heute zu den aufwendigsten weltweit.

Umso beziehungsreicher und spannender gestaltet sich eine Aufführung von Giacomo Puccinis Oper Tosca im historischen und entstehungsgeschichtlichen Kontext an der französischen Opéra National de Bastille.

Das populäre Werk des italienischen Opernkomponisten Puccinis basiert auf dem Schauspiel La Tosca des französischen Dramatikers Victorien Sardou, der 1831 in Paris geboren wurde, dort mit seinen Bühnenwerken Berühmtheit erlangte und im Jahr 1908 hochgeachtet starb. Die Hauptrolle in Sardous Drama übernahm eine der damals gefeiertsten Schauspielerinnen des 19. Jahrhunderts, Sarah Bernhardt, die in der Rolle der eifersüchtig, aber aufrichtig liebenden Primadonna alle Facetten Ihrer Schauspielkunst ausschöpfen konnte.

Puccini erlebte anfangs der 1890er Jahre eine Aufführung von Sardous Drama in Mailand, und obwohl er die französische Sprache nicht verstand, war er von den schauspielerischen Möglichkeiten sowie vom theatralischen Potenzial des Stoffes so beeindruckt, dass er sich entschloss, das Drama als Vorlage für eine Oper zu verwenden. Er kaufte Sardou die Bearbeitungsrechte ab und seine Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica verfassten  zusammen mit Sardou das Libretto.

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Die Premiere fand 1900 in Rom statt, in welcher das Stück im Jahre 1800 auch angesiedelt ist. Der Stoff des Werkes weist eine große Nähe zum sogenannten „Verismo“ auf, jener italienischen Stilrichtung in der Literatur, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, vom französischen Naturalismus beeinflusst war und aktuelle sowie soziale Probleme der Gegenwart ungeschönt und ohne Idealisierung darstellte wollte. Es sollte ein Abbild des „wahren“ Lebens gezeigt werden, mit Milieuschilderungen, politisch-revolutionären Sujets, die eine Abwendung vom Historismus der Oper des 19. Jahrhunderts bedeuteten, ebenso vom Symbolismus und vor allem von den mythisch- germanischen Stoffen Richard Wagners.

Sardou verortet Tosca ganz konkret am 17. und 18. Juni 1800 in Rom, in einer Zeit großer  politischer Unruhen; die Schauplätze sind eindeutig festgelegt. Die Einheit von von Zeit, Raum und Handlung ist gegeben.

Die Folgen der Französischen Revolution sind überall deutlich zu spüren, in Europa brechen Kämpfe aus, es ist der Beginn einer neuen Zeit, der Napoleonischen Ära. Das Postulat von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gerät  wenig später zum Leitmotiv für die neue Geisteshaltung. Eugène Delacroix‘ berühmtes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830 ist  im benachbarten Pariser Louvre zu bewundern.

Besuchte Vorstellung – 25. Mai 2019  –  Opéra Bastille, Paris

Auch in Paris gut 230 Jahre später erlebt Frankreich wieder politische Aufstände in Gestalt der Gelbwesten, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit und niedrigere Steuern auf die Straßen begeben.Jeden Samstag formieren sich Aufständische und liefern sich Zusammenstöße mit der Polizei, so auch am 25.05.19 vor der Opéra Bastille. Als deutsche Opernbesucherin, die das „Schauspiel“ aus der sicheren Entfernung durch die Fenster der Oper verfolgt, am Abend vor der Europawahl, verstärkt diese Erfahrung die symbolische Bedeutung des Schauplatzes und weitet zusätzlich den Blickwinkel für unsere gemeinsame europäische Verbundenheit und Verantwortung.

Im Rom um 1800 stehen Royalisten den freiheitlich gesinnten Republikanern gegenüber, die in der  Folge gejagt und hingerichtet wurden. Am 14. Juni trafen im norditalienischen Marengo die französischen Truppen Napoleons auf die Österreichischen Machthaber, welche zunächst den Sieg der Royalisten über die Franzosen verkünden und ihren Triumph feiern. Das ist die Ausgangslage, in welcher nun die Handlung der Tosca einsetzt.

Diese Oper ist ein Kraftwerk der Gefühle. Ein Stück über eine Dreieckstragödie, die Geschichte einer starken Frau, eine Liebesbeziehung, die in die Fänge von Macht, Politik und Kirche gerät, ein Künstlerdrama im Überwachungsstaat, zwischen Liebe, Eifersucht, Verrat, Machtgier und Loyalität.

Und ein packender Opernthriller, der fast alles an gesetzeswidrigen Tatbeständen aufweist, was das heutige krimigeschulte Publikum erwartet: Erpressung, sexuelle Nötigung, Folter, Widerstand gegen die Staatsgewalt, versuchte Gefangenenbefreiung, falsche uneidliche Aussage, falsche Verdächtigung, Bestechlichkeit, Körperverletzung im Amt, Bestechung, Verfolgung Unschuldiger, Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat, Mord, Selbstmord…

Tosca –  Giacomo Puccini
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Piere Audi, der Regisseur, bleibt in seiner Lesart nah am Text, besticht mit einer ausgefeilten Personenführung und überwältigt mit suggestiven, atmosphärisch-dichten Bildwelten, die den Zuschauer sogartig in die Szene hineinziehen. Der Bühnenbildner Christof Hetzer hat drei beeindruckende opulente Bilder geschaffen, die auf die historischen Verortungen präzise, aber variabel Bezug nehmen.

Der 1. Akt in der Kirche Sant’ Andrea della Valle in der römischen Innenstadt wird von einem riesigen Holzkreuz beherrscht, das als Kirchenraum und gleichzeitig als erhöhter Zugangsweg mit Treppe zur Kirche dient und in den ersten beiden Akten als Dreh- und Angelpunkt präsent ist. Noch vor Einsetzen des wuchtigen Scarpia Motivs, ist für Gruseleffekt gesorgt. Die Bühne ist völlig dunkel, (Lichtregie: Jean Kalman), aus Nacht und Nebel schälen sich die Umrisse einer schwarzen Gestalt, die Häscher sind omnipräsent, der Überwachungsstaat im Einsatz.

Der Künstler Cavaradossi, ein junger, Charmeur, malt im von Kerzen erhellten Altarraum an der Unterseite des Holzkreuzes an einem Panoramabild mit tanzenden blonden Nymphen und schwärmt von seiner Geliebten Floria Tosca. Mit der Fluchthilfe des aus dem Gefängnis entflohenen Häftlings Angelotti hat sich der Republikaner Cavaradossi den Fängen des Polizeichefs Scarpia ausgeliefert. Im folgenden Duett mit seiner Geliebten, der berühmten Sängerin Tosca, die ihre Eifersucht nur schwer kontrollieren kann, blitzt dennoch die Möglichkeit der Erfüllung ihrer beider Liebesglücks auf, spürt man für einen Moment die unendliche Leichtigkeit des Seins. Aber es ist zu spät.

Opéra Bastille © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille © Uschi Reifenberg

Scarpia, der römische Polizeichef, die Inkarnation des Bösen, ein Nachfolger Jagos, ist eine janusköpfige Gestalt mit graumelierter Mähne und Gehstock, mit dem er bedrohlich hantiert. Er verfügt über alle Abgründe menschlicher Niedertracht und schreckt vor nichts zurück. Als Zyniker und Tyrann kann er seine Lüsternheit hinter einer aalglatten Fassade verbergen und sublimiert sie in falscher Bigotterie. Zum „Tedeum“ finden sich Gläubige, Kleriker, und der Kardinal in der Kirche ein, das Holzkreuz dient nun zur Trennung der verschiedenen Ebenen. Unten steht das Volk, erhöht der Klerus und im grellen Neonlicht in der Mitte erscheint der Kardinal. Ehrfürchtig verneigt sich Scarpia vor der kirchlichen Macht. Ein starkes Bild!

Der 2. Akt zeigt Scarpias „Büro“, ein prunkvolles Zimmer im Palazzo Farnese, mit halbrunden roten Wänden, das in der Höhe nur die Hälfte der Bühne einnimmt, darüber thront das Holzkreuz aus dem 1.Akt, das nun senkrecht zur Bühne angebracht ist. Im Zimmer der gedeckte Tisch, mehrere Chaiselongues, brennende Kerzen, religiöse Requisiten. Tosca, die bejubelte Sängerin, erscheint in strahlender Schönheit. im golddurchwirkten langen Kleid (Kostüme: Robby Duiveman), mit Diadem und schwarzem Haarkranz. Sie erinnert in ihrem Auftritt an eine weltberühmte Rollen- Vorläuferin. Hier spielt sich nun die Tragödie von Tosca, Cavaradossi und Scarpia ab, wird durch die politischen und individuellen Implikationen das Schicksal der drei Protagonisten unabänderlich besiegelt. Scarpia lässt Cavaradossi foltern, um den Aufenthaltsort von Angelotti zu erpressen, dieser bleibt jedoch standhaft. Tosca, die Musikerin, die nur für die Kunst und die Schönheit lebte, und dies in einem ergreifenden Bekenntnis offenbart, wird zum Opfer des eiskalt und zynisch handelnden Tyrannen. Die Verkündigung von Napoleons Sieg verleiht Cavaradossi neue Kräfte und er triumphiert über die Royalisten. Um an sein Ziel zu gelangen, bietet Scarpia Tosca einen Deal an: Sex gegen Cavaradossis Leben, sie willigt ein. Als Scarpia Tosca umarmen will, ersticht sie ihn mit einem Messer.

Im 3. Akt weicht Pierre Audi vom vorgegebenen Schauplatz der Engelsburg ab und verlegt das dortige Gefängnis auf ein ehemaliges Schlachtfeld. Dieses symbolstarke Bild wird beherrscht von vereinzelten toten Baumstümpfen und Sumpfgrasbüscheln, welche die Trostlosigkeit der Szene spiegeln. Schwach dämmert der graue Tag herauf, ein kleines beleuchtetes Zelt dient dem todgeweihten Cavaradossi als letzte Zuflucht und ist Blickfang. Das Holzkreuz beschließt nun in Deckenhöhe die einsame Szene. Soldaten lagern auf dem Feld, formieren sich zum Exekutionskommando, unterbrochen von Cavaradossis letztem verzweifeltem Aufbäumen gegen das grausame Schicksal, das seiner Liebeshoffnung und seinem Leben nun ein Ende setzt. Da stürmt wie ein deus ex machina Tosca auf die Szene und gemeinsam geben sich die Liebenden noch einmal der trügerischen Hoffnung einer gemeinsamen Zukunft hin, bis die grausame Realität mit Cavaradossis realer Hinrichtung der Liebesutopie ein jähes Ende setzt. Es fällt ein schwarzer Schleier, man sieht Tosca auf ein Tor aus gleißendem Licht zuschreiten.

Wenn man es nicht geahnt hatte, dann weiß man es spätestens nach dieser Aufführung. Anja Harteros ist vielleicht DIE Tosca unserer Zeit. Ihre Stimme ist prädestiniert für Puccinis große Heroine und vereint alle Eigenschaften, die für eine kongeniale Rollenausdeutung ideal sind. Ihr voller, warmer Sopran leuchtet in allen Lagen, sie variiert ihre Stimme von äußerster Zartheit bis in dramatische Spitzenbereiche und schattiert jeden Affekt mit verblüffendem Nuancenreichtum. Ihr untrüglicher Sinn für Puccinis‘ Melos lässt ihr „Vissi d‘arte“ zu einem Höhepunkt der Aufführung werden und reißt das Pariser Opernpublikum zu Beifallsstürmen hin. In ihrem Spiel akzentuiert sie die aufrichtig Liebende mit Sensibilität und Verletzlichkeit, anrührend gerät ihre Traumatisierung nach dem Mord an Scarpia.

Tosca –  Giacomo Puccini
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Marcelo Puente als Cavaradossi avanciert ebenfalls zum Publikumsliebling an diesem Abend. Ein feuriger, jugendlicher Liebhaber, der mühelos jede tenorale Klippe umschifft und mit einem beeindruckenden Rollenportrait überzeugt. Sein warmer lyrischer Tenor besitzt Strahlkraft, Innigkeit und viel Schmelz, er weiß perfekt zu phrasieren, ohne stilistisch abzugleiten und bewegte tief mit seiner letzten Arie „E lucevan le stelle“.

Zeljko Lucic punktet als Fiesling Scarpia mit vielen baritonalen Glanzmomenten, seine höhensichere Stimme klingt einschmeichelnd, voll triefender Ironie und weiß vor allem an den leisen Stellen zu überzeugen. Im „Tedeum“ überstrahlte sein tragfähiger Bariton mühelos das Ensemble und im 2. Akt findet er nicht nur in der Darstellung zu Härte und Boshaftigkeit. Auf höchstem Niveau sangen und agierten  Krysztof Baczyk als Angelotti, Nicolas Cavallier als Mesner, Rodolphe Briand als Spoletta, Igor Gnidii als Sciarrone und Christian R. Moungoungou.

Dan Ettinger am Pult des Orchestre de l‘Opéra National de Paris entlockte dem hochmotivierten Klangkörper ein Feuerwerk an Klangfarben wie man es sich von Puccinis Partitur erträumt. Der ehemalige Mannheimer GMD und Chefdirigent der Stuttgarter Philharmoniker findet die perfekte Balance zwischen italienischem Pathos, Transparenz, stilsicherem Rubato und mitreißender Schwärmerei. Ettinger zaubert hinreißende Klangbilder, und gestaltet dramatische Aufschwünge mit südländischem Temperament, ohne die Details zu vernachlässigen. Wann hat man jemals so eine spannende und differenziert gestaltete Dynamik bei der Militärmusik gehört sowie derart sensibel und fein ziselierte Holzbläser. Ebenfalls herausragend waren Chor ( Leitung: José Luis Basso) und Kinderchor.

Das enthusiasmiere Pariser Publikum bedachte die Hauptakteure mit Blumen und spendete lange Beifall nach diesem außergewöhnlichen Abend

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—

Meiningen, Meininger Staatstheater, DAS SCHLOSS DÜRANDE – Othmar Schoeck, 08.05.2019

Meininger Staatstheater 

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

DAS SCHLOSS DÜRANDE – Othmar Schoeck (1886 – 1957)

nach einer Novelle von Joseph von Eichendorff, Szenische Uraufführung der Neufassung,  Libretto Francesco Micieli, musikalische Adaption Mario Venzago

„So lebe und liebe! Bis du sattgeküsst.“  –  Renald ertappt seine Schwester bei einem Stelldichein mit einem jungen Mann, den er als den Grafen Armand erkennt. Er glaubt nicht an aufrichtige Absichten des Grafen und bringt Gabriele in ein Kloster.

Meininger Staatstheater / Das Schloss Dürande - Yücel, Sailings © Sebastian Stolz

Meininger Staatstheater / Das Schloss Dürande – Yücel, Sailings © Sebastian Stolz

Bei einem Erntefest, zu dem auch die gräflichen Herrschaften erscheinen, erfährt Gabriele, wer der Geliebte ist. Als Gärtnerbursche verkleidet folgt sie ihm nach Paris. Renald glaubt seine Schwester entführt und reist hinterher. In Paris gerät er in den Kreis populistischer Agitatoren und schließt sich ihnen an. Die Französische Revolution wird nicht von politischen Ideen motiviert, sondern von einer Horde Gewaltbereiter ins Rollen gebracht. Während draußen die Walze der Revolution über das Land hinwegfegt, liegt der Adel in Agonie. Der Alte Graf von Dürande spielt lieber seine Spieluhr und sein Sohn Armand zieht sich in einen poetischen Elfenbeinturm zurück. Die Zeichen der Zeit, die wie Wetterleuchten am Horizont aufblitzen, bleiben unverstanden. Die Liebe von Gabriele und dem Grafen bleibt in diesen Zeiten eine chancenlose Utopie.

Als Joseph von Eichendorff (1788 – 1857) 1837 seine Novelle DAS SCHLOSS DÜRANDE schreibt, stand er unter dem Eindruck des politischen wie sozialen Umbruchs, der seit der Französischen Revolution in Wellen der Gewalt, der Restauration und neuer Gewaltausbrüche Europa schließlich neu formte. Selbst dem Adel entsprossen, steht Eichendorff diesem kritisch gegenüber. Was er im alten Regime sieht ist nicht so sehr eine Willkürherrschaft, sondern die völlige Gleichgültigkeit gegenüber der Welt und damit auch gegenüber den Menschen. Der Alte Graf von Dürande verkörpert dieses Bild: ein alter Schlossbesitzer, der von früheren Festen träumt und die Gegenwart nicht mehr versteht.

Die Oper wurde 1943 in Berlin uraufgeführt mit einem stark der Zeit verhafteten Libretto, das eine Aufführung nach 1945 schlichtweg unmöglich machte. Ein Projekt der Hochschule der Künste in Bern ersetzte nun den Text und führte ihn zurück zur Poesie von Eichendorff. Als Uraufführung dieser textlichen Neufassung am Meiniger Staatstheater setzt Ansgar Haag das politisch brisante Werk mit seiner emotionalen, packenden Musik unter der musikalischen Leitung von GMD Philippe Bach für die Bühne um.

Musikalische Leitung: GMD Philippe Bach, Regie: Ansgar Haag, Bühne & Kostüme: Bernd Dieter Müller/Annette Zepperitz, Chor: André Weiss, Dramaturgie: Corinna Jarosch
Besetzung, Armand: Ondrej Šaling

Mit:  Der alte Graf: Matthias Grätzel, Priorin: Anna Maria Dur, Gräfin Morvaille: Sonja Freitag,  Renald Dubois: Shin Taniguchi, Gabriele: Mine Yücel/Sophie Gordeladze, Nicolas: KS Roland Hartmann, Wildhüter: Mikko Järviluoto, Volksredner: Remy Burnens, Wirt Buffon: Daniel Pannermayr/Giulio Alvise Caselli, Advokat: Robert Bartneck, Gärtnerbursche: Sanjun Lee, 1. Helferin: Heejoo Kwon/Imogen Thirlwall, 2. Helferin: Kylee Slee/Dana Hinz, Kommissar: Youngkyu Suh, Ein anderer Revolutionär: Pedro Arroyo, Ein Soldat: Lars Kretzer, Polizist: Kuk Sung Han, Wachtmeister: Sang-Seon Won, 1. Jäger: Thomas Lüllig, 2. Jäger: Steffen Köllner, 3. Jäger: Gerhard Goebel, Pariser: Silvio Wild/Sanjun Lee, Eine Stimme: Axel-Michael Thoennes

—| Pressemeldung Meininger Staatstheater |—

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