Osnabrück, emma-theater, Götz von Berlichingen – Johann W. von Goethe, IOCO Kritik, 06.01.2021

emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

emma-theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück

 Götz von Berlichingen  –   in die Gegenwart gezerrt

– Die Lust am Untergang oder  „Fuck You, Goethe“  –

von Hanns Butterhof

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Corona ist an Vielem Schuld. Dazu gehört, dass Johann Wolfgang Goethes 1773er Jugenddrama Götz von Berlichingen statt auf der Bühne des emma-theater in Osnabrück (zum Theater Osnabrück gehörig) nun online Premiere als Theater-Film herauskam. Unschuldig ist Corona aber daran, dass der junge Regisseur Daniel Foerster Goethes Schauspiel um Ritter-Freiheit mit Lust an deren Untergang zu einer trash-Komödie dekonstruiert hat.

Die Frage nach der Handlung in Foersters Götz von Berlichingen, nach Goethe kann man sich getrost schenken. Sie ist im herkömmlichen Sinn unverständlich. Denn was die Figuren sagen, sind und tun, bildet keinerlei sinnvollen Zusammenhang. Nicht ihr Handeln bestimmt ihr Schicksal, sondern ihr Geschlecht.

Götz von Berlichingen am emma-theater
youtube Trailer Theater Osnabrück
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Das Regiekonzept, „Götz“ radikal und auch mit allen möglichen technischen filmischen Mitteln (Simon Baucks) in die Gegenwart zu zerren, ist nicht reine Willkür. Auch Goethes „Götz“ spielt in einer Umbruchs- und Untergangs-Zeit und kreist um den Gedanken der Freiheit, um die man sich aktuell durchaus Sorgen machen kann.

So wohnt die Prekariats-Sippe der Götzens, die gut in eine Reality-Soap-Serie passen würde, in einer etwa 80 m2 großen Wohnküche mit Bad (Ausstattung: Lydia Huller). Da geht es laut und etwas sexualisiert zu. Hausherr Götz (Oliver Meskendahl) ist ein großsprecherischer Raufbold mit wirrem Langhaar, der viel trinkt, behaarte Brust zeigt und sich gerne mal ans Geschlecht fasst. Den nicht ernst zu nehmenden Macho könnte man sich gut in einem illegalen Autorennen mit seinem Gegner Weislingen (Viet Anh Alexander Tran) vorstellen. Der ist ein haltloser Weichling, überschätzt sich in allem und wird schließlich von Adelheid (Juliane Böttger), die er zu beherrschen meint, mittels Gift aus ihrem Weg geräumt. Götzens etwas kleinformatigerer Freund Sickingen (Philippe Thelen) wird von dessen Schwester Maria (Magdalena Kosch) in einer langdauernden brutalen Sequenz mit schwerem Küchengerät erschlagen.

Den Männern, die ordentlich der Reihe nach zu Tode kommen, weint die Regie keine Träne nach, zelebriert vielmehr freudig deren Untergang.

Anders hält sie es mit den Frauen. Sie überleben wohl alle, selbst Elisabeth, Götzens Frau (Hannah Walter). Die blonde, sinnliche Kettenraucherin ist schon etwas fascho: in ihrer Welt haben Schwache keinen Platz. Maria, die nach einer herben Enttäuschung durch Weislingen von Sickingen zur Frau genommen wurde, wird unbesehen jeder Grund für ihren Gattenmord zugebilligt. Doch richtig gefeiert wird die planerisch überlegene, kluge Adelheid: Wenn sie am Ende mit dem androgynen Franz (Magdalena Kosch) zärtlich im Bett zusammen ist, kommt die Schlachterei an ihr Ende, ist endlich Friede. Nach dem Untergang der bösen Männerwelt geht, wenn auch mit einigen Kollateralschäden, die Sonne der neuen, weiblichen Welt der Freiheit auf.

Theater Osnabrück / Götz von Berlichingen - hier : mit Juliane Böttger als kluger Adelheit bricht die Zeit der Freiheit an. Film-Still © Theater Osnabrück

Theater Osnabrück / Götz von Berlichingen – hier : mit Juliane Böttger als kluger Adelheit bricht die Zeit der Freiheit an. Film-Still © Theater Osnabrück

Diese Idee trägt auch Carl (Katharina Kessler), der weiche Sohn Berlichingens, in die Zukunft. Schon von Beginn an will er sich von jeder geschlechtlichen und sonstigen Zuschreibung frei machen. Am Ende schminkt er sich Schwarz und entsorgt die Waffen der Männer.

Die sieben Schauspieler agieren in ihren dreizehn Rollen ganz famos, der Spaß am komödiantischen Überdrehen, das ihnen Regie und das Format Theater-Film mit Zitaten aus dem Stummfilmrepertoire, dem Western und Kriegsfilm gestatten, ist ihnen durchgängig anzumerken und springt auch auf die Betrachter über.

Zwar macht es Sinn, die Entartung der frühbürgerlichen Freiheit zu ökonomischer, sexueller und sonstiger Schrankenlosigkeit zu geißeln und sich deren Untergang herbeizuwünschen. Aber das Prekariat, das Foerster in diesem „Götz“ zeigt, zur Allgemeinheit der alten, weißen heterosexuellen etc. Männer aufzublasen, die an allem Schlechten in der Welt Schuld haben sollen, ist etwas zu billig. Dieser „Götz“ geht nur als Spaß durch und an Goethe meilenweit vorbei: „Fuck You, Goethe“ 

Der Theater-Film steht als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de – link HIER! –  zur Verfügung.

Wien, Wiener Staatsoper ,MAHLER LIVE Wiener Staatsballett – Martin Schläpfer auf ARTE concert, 04.12.2020

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

»MAHLER, LIVE«

DIE PREMIERE DES WIENER STAATSBALLETTS LIVE-ZEITVERSETZT AUS DER WIENER STAATSOPER AUF ARTE CONCERT / MARTIN SCHLÄPFERS »4« IN DER »MATINEE« auf ORF2

Am Freitag, 4. Dezember 2020 präsentiert der neue Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer mit der Premiere des zweiteiligen Abends Mahler, live nicht nur sein erstes eigenes Programm in der Wiener Staatsoper, sondern stellt sich mit seiner Uraufführung 4 zu Gustav Mahlers 4. Symphonie (dem zweiten Werk des Abends) auch als Choreograph vor. Entstanden ist ein großes Ballett für das gesamte Ensemble, dem zur Eröffnung des Programms mit Hans van Manens Live eine Ikone der Tanzgeschichte vorausgeht. Axel Kober dirigiert das Orchester der Wiener Staatsoper, als Solistinnen sind Shino Takizawa am Klavier sowie die Sopranistin Slávka Zámecníková zu erleben.

Wegen der vorübergehenden Schließung aller österreichischen Bühnen im Rahmen der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie kann die Premiere nicht vor Publikum stattfinden, wird aber um 20.30 Uhr im Rahmen der ARTE »Opera Season« auf ARTE concert live-zeitversetzt gestreamt. Am Dienstag, 8. Dezember folgt um 9.05 Uhr eine erneute Ausstrahlung von Martin Schläpfers 4 in der ORF2-Sendung »Matinee«.

Nachdem das Wiener Staatsballett durch ein ausgefeiltes Sicherheits-Konzept mit regelmäßigen Testungen sowie strengen Hygiene-Regeln seit Beginn der Saison 20 Vorstellungen der Programme Jewels, Hollands Meister und Peter Pan in der Wiener Staatsoper und Volksoper Wien vor Publikum zeigen konnte, waren die Produktionsbedingungen für die Premiere Mahler, live durch verringerte Arbeitszeiten während des neuerlichen Lockdowns sowie mehrere Covid-19-Infektionen im Ensemble stark eingeschränkt. »Die derzeitige Situation ist für uns alle eine immense Herausforderung, es war mir aber wichtig, das Programm ›Mahler, live‹ trotzdem so weit wie möglich zu produzieren«, äußert sich Martin Schläpfer. »Es ist ein großes Glück, mit dem deutsch-französischen Kultursender ARTE sowie ORF2 zwei starke Partner für eine Fernsehübertragung zur Seite zu haben. Es geht um mehr als um das Streaming eines Ballettabends. Es geht um die Kunstform Ballett an sich und die große Freude, die diese bereiten kann. Es geht darum, den Menschen zu zeigen, dass wir da sind, dass wir trotz aller Unwägbarkeiten in eine Beziehung mit ihnen treten und ihnen ein berührendes Tanzerlebnis schenken wollen. Und nicht zuletzt geht es um ein positives Zeichen hinaus in die Welt, eine Ermutigung, nicht aufzugeben, weiterzumachen und nach vorne zu blicken.«

Mit Live eröffnet ein Werk das Programm, das Tanzgeschichte geschrieben hat. 1979, in der Pionierzeit der Videotechnik, kreierte Hans van Manen ein meisterhaftes Vexierspiel über die Mechanismen der Wahrnehmung: Eine Frau, ganz allein auf der großen Bühne, mit dem Rücken uns zugewandt. Auf ihre Füße ist eine auf dem Boden liegende Kamera gerichtet. Ein Mann kommt dazu, hebt die Kamera auf und lässt sie über die Zuschauer schweifen. Riesengroß auf eine Leinwand geworfen werden wir zu Protagonisten dieses Stückes, das sich – mit dem Medium des Films – schließlich ins Foyer der Staatsoper und hinaus in die Wiener Nacht öffnet.

In Amsterdam uraufgeführt, wurde Live bisher ausschließlich von Het Nationale Ballet, dem der 88-jährige Hans van Manen bis heute als Hauschoreograph verbunden ist, getanzt. Auf besonderen Wunsch Martin Schläpfers hat der Niederländer seine Arbeit nun dem Wiener Staatsballett und damit erstmals einer weiteren Compagnie anvertraut. Henk van Dijk, der Live seit der Uraufführung als Kameramann begleitet hat, wird in Wien seine letzte Vorstellung geben.

Martin Schläpfer antwortet diesem intimen Kammerspiel Hans van Manens mit einem großen Ballett, das er allen Tänzerinnen und Tänzern seines Ensembles widmet. Schlicht 4 nennt er seine Uraufführung zu Mahlers 4. Symphonie, die ihn mit ihrer hintergründigen Schönheit, ihren gefährdeten Idyllen, aber auch ihrem bösen Humor, ihren scharfen Tönen und ihrer drastischen Schilderung eines ganz und gar nicht himmlischen Paradieses zu einem tänzerischen Welttheater inspirierte. Mahlers Dramaturgie der Brüche und Verwerfungen aufgreifend entfaltet Martin Schläpfer kaleidoskopartige Bilder des Menschen, voller Sehnsucht, Ausgesetztheit und Verlorenheit, traumentrückt oder sich an den großen Fragen des Lebens reibend – Szenen wie Inseln eines gewaltigen Archipels untergründig miteinander verbunden.

MAHLER, LIVE

Live
Musik Fünf kleine Klavierstücke S.192, »Bagatelle sans tonalité« S.261a, »Wiegenlied« S.198 und »Abschied« S.251 von Franz Liszt
Choreographie Hans van Manen
Kostüme Keso Dekker
Licht & Produktionsleitung Bert Dahlhuysen
Einstudierung Rachel Beaujean

Tänzerin & Tänzer Olga Esina – Marcos Menha
Kamera Henk van Dijk
Klavier Shino Takizawa

4
Uraufführung
Musik Symphonie Nr. 4 G-Dur von Gustav Mahler
Choreographie Martin Schläpfer
Bühne Florian Etti
Kostüme Catherine Voeffray
Licht Thomas Diek

Solisten und Corps de ballet des Wiener Staatsballetts

Musikalische Leitung Axel Kober
Sopran Slávka Zámecníková
Orchester der Wiener Staatsoper

Live-zeitversetzter Stream der Premiere des Wiener Staatsballetts aus der Wiener Staatsoper:
Freitag, 4. Dezember 2020, 20.30 Uhr auf ARTE concert

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Biel, Stadttheater Biel, Die Rheinnixen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 27.11.2018

November 28, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Biel Solothurn

Stadttheater Biel © Ilja Mes

Stadttheater Biel © Ilja Mes

Stadttheater Biel Solothurn

Les fées du Rhin / Die Rheinnixen – Jacques Offenbach

– Nixen auf dem Trockenen –

Von Julian Führer

Eine unbekannte Oper mit bekannter Musik: Wenn die Ouvertüre beginnt, nicken sich die Zuschauer erfreut zu, denn sie erkennen die Barcarole aus Les Contes d’Hoffmann. Jacques Offenbach war geschickt im Arrangieren, aber auch im Rezyklieren, und so hat er zwei bekannte Stücke, eben die Barcarole und eine Arie aus dem ersten Akt, in seiner sehr viel erfolgreicheren Hoffmann-Oper übernommen. Und in den Rheinnixen finden sich wiederum Stücke aus früheren Kompositionen Offenbachs. Das Libretto verfasste Charles Nuitter (eigentlich Truinet), bevor Alfred von Wolzogen, der Vater des Wagner-Apostels Hans von Wolzogen, eine deutsche Fassung herstellte. Die Uraufführung fand zu dem Zeitpunkt statt, als eigentlich Wagners Tristan und Isolde aus der Taufe gehoben werden sollte, doch waren die Proben wegen erwiesener Unspielbarkeit des Werkes abgebrochen worden. Die Rheinnixen, ein Auftragswerk der Wiener Hofoper, wurden 1864 aufgeführt, gerieten in Vergessenheit, wurden 2002 wiederentdeckt und nun, im Herbst des Jahres 2018, in Biel zur schweizerischen Erstaufführung gebracht.

Die Rheinnixen –  Jacques Offenbach
Youtube Trailer des Theater Orchester Biel Solothurn
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Das Stadttheater Biel ist eine Spielstätte des Theater Orchester Biel Solothurn. An zwei Spielstätten (Biel und Solothurn) werden die drei Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz abgedeckt. Von außen kaum als Theater erkennbar, ist der Zuschauerraum in Biel sehr klein, fast winzig (keine 300 Sitzplätze), aber erstaunlich hoch. Der Orchestergraben reicht nicht aus, alle Instrumente aufzunehmen, so dass die Harfe rechts neben den vorderen Parkettreihen plaziert ist – ein reizvoller Umgang mit beengten Verhältnissen.

 Jacques Offenbach - Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach – Montmartre © IOCO

Die Rheinnixen sind tatsächlich Elfen; der französische Titel Les fées du Rhin lässt ihre Natur offen. Wer schwimmende Rheintöchter erwartet, muss weiterhin zu Wagner gehen. Bei Offenbach handelt es sich um weibliche Waldwesen, die bei einer Art Waldweben den Landsknechten mit säuselnder Musik den Kopf verdrehen. Die Tradition der romantischen Gespensteroper ist hier spürbar. Gleichzeitig sind Die Rheinnixen stark von der Pariser Grand opéra geprägt, und zwar ebenso in der Abfolge der Stücke mit einem Ballett nach der Pause wie auch in der dramatischen Zuspitzung am Ende, wo sich die Nixen auf einmal schwer nach weiter vorangetriebenem Boieldieu oder nach Gounod anhören, insbesondere wenn wie hier mit Benjamin Pionnier ein Dirigent mit Spürsinn für die Partitur am Pult steht. Die Werkgeschichte ist mit verschiedenen Fassungen, die in den vergangenen Jahren rekonstruiert werden konnten, einigermaßen vertrackt.

Der erste Akt ist eine lange Exposition: Hedwig ist vor längerer Zeit auf einen Tunichtgut hereingefallen, der ihr mit Hilfe eines falschen Geistlichen die Heirat vorgegaukelt und sie dann sitzengelassen hat. Das aus dieser Verbindung entstandene Kind heißt Laura (in anderen Fassungen des Werkes Armgard) und ist inzwischen herangewachsen. Gottfried hat ein Auge auf Laura geworfen, Laura interessiert sich nur für Franz, der aber zu den Soldaten gegangen ist. Wie der Regisseur Pierre-Emmanuel Rousseau (auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich) im Programmheft darlegt, lässt er die Handlung „auf dem Balkan“ spielen. Die Kostüme lassen es ahnen, aber nicht allzu deutlich werden. Was ist mir dieser Verlegung gewonnen? Vielleicht ein Bewusstsein für die Allgegenwart des Krieges. Gottfried, von Lisandro Abadie mit warmem Bariton gegeben, wird hier als Geistlicher gezeigt – dekorativ, aber im Rahmen dieses Regieansatzes nicht besonders schlüssig. Oder ist er aus Entsagung Geistlicher geworden? Ganz wie es sich für eine große Oper gehört, folgt auf den Eingangschor jedenfalls ein Gebet. Hedwig klagt anschließend über die Schäden, die der Krieg anrichtet. Diese Partie wurde am 7. November überzeugend von Susannah Haberfeld verkörpert, übrigens in Anwesenheit ihrer Mutter Gwyneth Jones, die ihren Geburtstag in Biel verbrachte (alles Gute vom dankbaren Rezensenten an seine erste Brünnhilde!).

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach © Konstantin Nazlamov

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach © Konstantin Nazlamov

Die Szenerie spielt im Elsass in der Nähe des Rheins zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als marodierende Haufen die Gegend unsicher machten (ein über Generationen anhaltendes Trauma, das beispielsweise auch in Schillers Räubern und im Freischütz seinen Niederschlag fand, dann mit dem Verweis auf den Dreißigjährigen Krieg). Conrad, der Anführer der Landsknechte, kommt mit seinem bewaffneten Haufen und drangsaliert die weibliche Bevölkerung; Laura sticht ihm ins Auge, sie soll für ihn singen. Auch Franz ist dabei, Lauras große Liebe, aber aufgrund einer Verwundung leidet er an Sinnestäuschungen und Gedächtnisverlust und weiß nicht recht, wo er sich befindet und wen er vor sich hat. Gustavo Quaresma verkörperte den am Kopf verwundeten Soldaten glaubhaft, sein Tenor wirkte jedoch eng geführt und gepresst. Erstaunlich ist aus dem Kontext der Werkentstehung heraus, dass Soldaten und Militär sehr negativ charakterisiert werden, sowohl im Libretto als auch in der Musik (ein Plünderungen und Brandschatzung verherrlichender Chor und ein von Conrad dargebrachtes Trinklied). Diese dem Krieg gegenüber kritische Haltung mag ihren Teil dazu beigetragen haben, dass Die Rheinnixen zur Zeit der deutschen Einigungskriege keinen nachhaltigen Erfolg erzielen konnten.

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach - hier : die spielenden Rheinnixen © Konstantin Nazlamov

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach – hier : die spielenden Rheinnixen © Konstantin Nazlamov

Gesungen wird in dieser Fassung nach dem Libretto Nuitters in französischer Sprache. Im Angesicht der vorgehaltenen Waffe singt Laura dann auf einmal deutsch, und zwar das ‚Vaterlandslied‘, das Offenbach bereits abgeschlossen hatte und in diese Oper einbaute („Du liebes Land, du schönes Land! Du schönes, großes deutsches Vaterland!“). In der Schweiz können solche inbrünstigen Zeilen über ein deutsches Vaterland auf Teile des Publikums befremdlich wirken. Warum dieser Sprachwechsel? Das Elsass ist eine Kontaktzone zwischen zwei Sprachregionen, Biel ebenfalls, aber ein tieferer Sinn des Sprachwechsels wollte sich hier nicht erschließen, zumal angesichts der Verlegung des Schauplatzes nach Südosteuropa. Laura (Serenad Uyar mit viel Energie und Ausdauer) muss immer weiter singen, bis sie entkräftet zusammenbricht, natürlich zum Entsetzen Hedwigs, aber auch Franz‘, der sie sechs Takte vor Aktschluss dann doch noch erkannt hat.

Im zweiten Akt trauert Hedwig um ihre Tochter Laura, die sich buchstäblich totgesungen hat. Sie berichtet Gottfried, wie es zu Lauras Geburt gekommen ist. Gottfried, immer noch in Laura verliebt, schwört Rache: Er wird die Soldaten Conrads den Elfen entgegenschicken, die sich ihrer bemächtigen werden.

Im dritten Akt umtanzen die Elfen die Gegend. Die Ballettmusik ist wahrlich schön. Der Regie ist hier nicht viel mehr eingefallen, als dass einige großgewachsene Gestalten mit Tiermasken langsam über die Bühne ziehen. Bären und Adler waren für den Rezensenten eine etwas überraschende Beimischung zu der für Offenbach so typischen leichten, schwungvollen Musik. Gottfried nun scheint sich mit Elfen auszukennen und lotst die Soldaten dorthin, wo sie von den Naturwesen und ihrem Gesang außer Gefecht gesetzt werden. Laura, doch nicht so tot wie gedacht, lotst Franz beiseite, dem dieses Schicksal also erspart bleibt.

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach © Konstantin Nazlamov

Stadttheater Biel / Die Rheinnixen von Jacques Offenbach © Konstantin Nazlamov

Im vierten Akt kommt es dann zur großen Konfrontation zwischen Conrad, der Gottfried für dessen Verrat hinrichten lassen will, und den anderen Protagonisten. Ob Laura nun tot ist oder nicht, scheint auch Offenbach nicht genau gewusst zu haben, denn immer wieder wird betont, alles sei nur ein Traum, aber die dramatische Situation bleibt gleichwohl real. Als dann auch noch Hedwig ihrem ehemaligen Scheinehemann Conrad eröffnet, dass er eine Tochter hat, die aber aus dessen eigenem Verschulden heraus tot ist (oder auch nicht), ist dieser zunächst am Boden zerstört. Jetzt will er sich um seine Tochter kümmern, aber das will Hedwig nicht. Jetzt wollen Gottfried und Hedwig sterben, aber dafür lebt nun Laura. Nun will aber auch Conrad (im Verlauf der Oper immer lauter und lauter: Leonardo Galeazzi) sterben, der wird wiederum von den anderen überredet, am Leben zu bleiben. Nach doch recht langem Hin und Her, wer nun eigentlich warum sterben möchte, beschließt man zum nun von fünf Solisten inbrünstig wie in einer Apotheose von Gounod gesungenen ‚Vaterlandslied‘ aus dem ersten Akt eine gemeinsame Flucht. Als das Happy End dann tatsächlich bevorzustehen scheint, lässt die Regie die Landsknechte auftreten und zu den F-Dur-Akkorden des Schlusses die Solisten erschießen. Wie oft hat man das schon sehen müssen… Man ist immerhin dankbar, dass die Schüsse wesentlich leiser sind als die in diesem kleinen Raum massiven Klangzusammenballungen von Orchester und Bühne.

„Ein in der Anlage so verfehltes, in der Ausführung so plattes Textbuch muß den freien Aufschwung jedes Komponisten lähmen.“ (Eduard Hanslick über die Wiener Uraufführung 1864) – ist das so? Das Werk ist nicht verfehlt, in der Aufführungsgeschichte ging es zwischen den Anhängern Wagners und denen, die Offenbach für seine Operetten liebten, verloren. Es dieser Vergessenheit entrissen und auch in der Schweiz dem Publikum präsentiert zu haben, ist das bleibende Verdienst des Stadttheaters Biel, das man zu weiteren Entdeckungen ermuntern will.

Die Rheinnixen des Theater Orchester Biel Solothurn, weitere Vorstellungen in:  Biel 18.12.; 21.12.; 23.12. 2018 und Januar 2019; in Solothurn – Premiere am 30.11.2018; 8.12.; 29.12.2018 und auch Januar 2019

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