Mannheim, Musikalische Akademie, 7. Akademiekonzert – Berg, Haydn, Mahler, Schreker, IOCO Kritik, 08.06.2021

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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

7. AKADEMIE-KONZERT  –  Musikalische  Akademie
des Nationaltheater Orchester Mannheim  –
31.5. – 2.6.2021 – livestream aus dem Mannheimer Rosengarten

von Uschi Reifenberg

Allmählich entspannt sich die Corona Situation im Land, erste Öffnungen von Theatern und kulturellen Einrichtungen mit Live Publikum zeigen endlich Licht am Ende des Tunnels.

Werke von  –  Alban Berg (1878-1935), Joseph Haydn (1732-1809)
Gustav Mahler (1860-1911), Franz Schreker (1878-1934)

Die Musikalische Akademie des Nationaltheater Orchesters Mannheim konnte auch in ihrem 7. Akademiekonzert wieder mit einem spannenden und klug zusammengestellten Konzertprogramm im Livestream-Format überzeugen, das rundum Freude bereitete.

Auf große Orchesterbesetzungen und entsprechende Literatur muss zur Zeit noch verzichtet werden, einzelne Orchestermusiker und Solisten aus den eigenen Reihen können wieder in Kammerbesetzungen ihre herausragende Qualität unter Beweis stellen.

Darüberhinaus kommt das Publikum in den Genuss, eher selten gespieltes Repertoire in besonderen Konstellationen kennenzulernen.

Gustav Mahler Gedenken vor der Hamburger Staatsoper © IOCO

Gustav Mahler Gedenken vor der Hamburger Staatsoper © IOCO

GMD Alexander Soddy hatte mit Joseph Haydn,  Gustav Mahler, Franz Schreker und Alban Berg Komponisten ausgewählt, die eine Klammer setzen von Haydn als Repräsentanten der ersten Wiener Schule bis zu Alban Berg, zur zweiten Wiener Schule im 20. Jahrhundert. Die Werke sind -bis auf Haydns Trompetenkonzert – alle in einem engen Zeitraum, von 1916 bis 1928 entstanden. Diese Komponisten verbindet nicht nur eine gemeinsame Tradition, sie standen auch in engem Kontakt zueinander, inspirierten sich gegenseitig und entwickelten ihre ästhetischen Konzepte weiter. Gleichzeitig verbindet sie Wien als Wirkungsstätte, das in dieser Zeit der Aufbruchsstimmung kulturelles Zentrum und einzigartiger künstlerischer Kristallisationspunkt von Musikern, Malern und Literaten war.

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Als „kleines Denkmal einer großen Liebe“ bezeichnete Alban Bergs seine „Lyrische Suite“ für Streichquartett, von dem er 1928 drei Sätze für Streichorchester bearbeitete. Dieses Stück wurde  zu einem seiner Meisterwerke, voller geheimer Programmatik und opernhafter Bezüge, aufgrund der autobiografischen Verflechtungen, die Berg in dieses Stück hineinwebte. Berg thematisiert seine Liebe zur verheirateten Hannah Fuchs-Robettin, einer Schwester des Dichters Franz Werfels. Das Werk spiegelt die Zerrissenheit von Bergs Seelenzuständen und die Aussichtslosigkeit dieser Beziehung, das Tristan Zitat im letzten Satz des Streichquartetts verweist in tragischer Weise auf die Liebe-Tod Thematik.

Alban Berg verwendet hier die Zwölftontechnik Schönbergs zum ersten Mal und erzielte damit ein Maximum an Dichte und Expressivität. Es entstehen starke Spannungsmomente und  verblüffende, sinnliche Streicher- Klangfarben.

Soddy arbeitete die komplizierten Strukturen dieses atonalen Machwerks sorgfältig heraus,  verblieb jedoch nie im Abstrakten, sondern setzte den hochemotionalen Gehalt dieser Musik frei und erzeugte ein Höchstmaß an Ausdruck. Die rondohaft wiederkehrenden Themen im „Andante amoroso“ erklangen verhalten, mit äußerster Zartheit, die Soddy mit Hingabe zelebrierte.

Das „Allegro misterioso“ geht unter die Haut mit seinen aufregenden Streicher-Spieltechniken, flirrenden, rastlosen  Sechzehntelbewegungen, die eine unterschwellige brodelnde Unruhe transportieren, fast durchweg im piano gehalten. Tragik vermittelt Soddy im „Adagio appassionato“, das als tönendes Abbild eines leidenschaftlichen Liebesdialogs gedacht ist. Schwermütiges Melos in den tiefen Streicherlagen, jähe Aufschwünge, dazwischen einsame Zitate der Solobratsche und -violine. Der Schluss verhaucht ins Leere…

Mit Joseph Haydns Trompetenkonzert in Es-Dur setzte Lukas Zeilinger, Solotrompeter im Nationaltheater Orchester, einen ersten strahlenden Höhepunkt.

Dieses Instrumentalkonzert, das als eines der Standardwerke für Trompete gilt, schrieb Haydn 1786 für die von Anton Weidinger neu erfundene Klappentrompete, welche die frühere Naturtrompete ablöste, mit der man nur die Naturtöne, nicht aber chromatische Töne blasen konnte.

Musikalische Akademie / Solotrompeter Lukas Zeilinger © Zeilinger

Musikalische Akademie / Solotrompeter Lukas Zeilinger © Zeilinger

Lukas Zeilinger brillierte mit einem schwebenden und warmen Trompetenklang, idealer Technik und viel stilsicherem Feingefühl. Unprätentiös und mit innerer Freude gestaltete er das Thema des ersten Satzes mit seinen Verzierungen und feinen dynamische Abstufungen. Stets spürte er sensibel und mit elastischer Tongebung dem Haydn‘schen Melos nach, in der Kadenz erfreute er mit seinem glasklaren, leichten Ansatz, mühelosen Koloraturen, und strahlenden Spitzentönen. Das NTO und Lukas Zeilinger befanden sich in bestem Dialog, Alexander Soddy sorgte jederzeit für die perfekte klangliche Balance.

Dem  wiegenden Charakter des Andante Themas gab er weichen Schmelz, ließ die Kantilenen schön aufblühen und beeindruckte mit seiner ausgereiften Phrasierungskunst.

Den Rondo- Satz ging er leichtfüßig und tänzerisch an, schwungvolle Läufe, Intervallsprünge und schmetternde Fanfaren setzten im Finalsatz einen virtuosen Schlusspunkt.

In der längeren Umbaupause interviewte die Harfenistin des NTO, Nora von Marschall, den Solisten Lukas Zeilinger und GMD Alexander Soddy, was sich im Online- Format als eine hervorragende Gelegenheit erweist, die Künstler hautnah im Anschluss an ihre Auftritte zu erleben. Das Publikum lernt auf diese Weise „seine“ Musiker näher kennen und erfährt beispielsweise manch interessantes Detail über deren Werdegang oder zukünftige Pläne.      Eine wunderbare Bereicherung der Programmgestaltung.

Gustav MahlersLieder eines fahrenden Gesellen“ in der reduzierten Bearbeitung von Arnold Schönberg von 1920 für Streichquartett, Flöte, Klarinette, Klavier, Harmonium und Schlagwerk, fügt sich perfekt in die Dramaturgie des Konzertabends ein.

Mahler verarbeitet in diesen vier Liedern eine eigene unerfüllte Liebe und schrieb selbst den Text, der an die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ angelehnt ist. In diesen autobiografisch aufgeladenen Liedern sublimiert Mahler nicht nur seine unbewältigten Erfahrungen, sie sind auch eine Huldigung an die Natur, die hier als Gegenwelt und Sehnsuchtsort erscheint. Das Thema des 2. Liedes „Ging heut morgen übers Feld“ verwendete Mahler in seiner 1. Sinfonie, die wenig später entstand. Er überschrieb sie mit „Wie ein Naturlaut“. Die intime Instrumentierung intensiviert die Innenschau des zwischen Hoffnung und Aussichtslosigkeit, Realität und Traum getriebenen Gesellen und wirft ein eher indirektes Licht auf die einzelnen Stationen.

Musikalische Akademie / Bariton Thomas Berau © Desirèe Schmitt

Musikalische Akademie / Bariton Thomas Berau © Desirèe Schmitt

Der Bariton Thomas Berau, ebenfalls ein renommierter hauseigener Solist, nahm sich den Liedern des unglücklich liebenden Wanderers an und wurde dessen wechselvollen Seelenzuständen mit seiner suggestiven Gestaltungskraft in höchstem Maße gerecht. Mit klarer Diktion und vorbildlicher  Textausdeutung füllte er jede Phrase mit Leben, sein Bariton überzeugt sowohl in den lyrischen Naturbetrachtungen als auch in den heldischen, opernhaften Aufschwüngen.

Beklemmend gerieten im 3. Lied „Ich hab ein glühend Messer in meiner Brust“ die „Oh weh!“ Rufe, hochexpressiv und mit ausladender Gebärde. Stärker könnte der Kontrast nicht sein beim Wechsel von der ersten zur zweiten Strophe „Wenn ich in den Himmel seh“. Hier verleiht Thomas Berau  seiner Stimme zarten Schmelz und Innigkeit, wird die Phrase in matten Klang getaucht, schmerzerfüllt und anrührend.

Die  selten aufgeführte Kammersinfonie von Franz Schreker ist eine wahre Entdeckung. Der österreichische Komponist war vor allem bekannt geworden durch seine Oper „Der ferne Klang“, von 1912. Seine Kammersinfonie für 23 Musiker schrieb er mitten im Ersten Weltkrieg 1916, ein spätromantisch anmutendes Werk voller Farbenreichtum und Klangsinnlichkeit. Schreker war neben Richard Strauss wohl einer der wichtigsten und außergewöhnlichsten Opernkomponisten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der die Linie von Gustav Mahler fortführte und zwischen Moderne und Tradition vermittelte. Die Nazis verhinderten 1934 seinen weiteren beruflichen Aufstieg, woran er kurze Zeit später zerbrach. Noch 1938 wurde er auf die Liste der verfemten Komponisten gesetzt.

Franz Schreker ist ohne Zweifel ein Meister der Instrumentierung. Alexander Soddy und das Nationaltheater Orchester tauchten in die erotisch aufgeladene Musik Schrekers ein, die mit ihrem umarmenden Klang betörende Stimmungen evozierte.

Soddy kontrollierte mit idealer Balance die verführerischen Klangbilder und ließ magische Momente entstehen. Die Orchestermusiker setzten solistische Glanzpunkte, wunderbare Flöten- und Oboensoli kontrastierten mit süffigen Streicherwogen, die fast hypnotische Wirkung entfalteten. Hinreißend die Farbwerte von Klavier, Harfe, Celesta und Harmonium.

Ein hochemotionales Hörerlebnis aus dem Rosengarten von Mannheim!

—| IOCO Kritik Musikalische Akademie Mannheim |—


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Wien, Wiener Symphoniker, Patrick Hahn – jüngster GMD im deutschen Sprachraum, IOCO Aktuell, 21.01.2021

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Konzerthaus Wien bei Nacht Foto IOCO

Konzerthaus Wien bei Nacht Foto IOCO

Wiener Symphoniker

Wiener Konzerthaus

Patrick Hahn und die Wiener Symphoniker

Musik, Talk und Unterhaltung direkt nach Hause: Moderiertes Wohnzimmer-Konzert mit den Wiener Symphoniker 

IOCO kündigte Patrick Hahn im Juli 2020 an: „Patrick Hahn wird Generalmusikdirektor der Wuppertaler Bühnen und der Sinfonieorchester GmbH.  Mit der Spielzeit 2021/22 wird der in Graz geborene erst 24-jährige  Österreicher Patrick Hahn Nachfolger von Julia Jones und zugleich jüngster GMD im deutschen Sprachraum. Sprühende Leidenschaft für die Musik verknüpft mit einer außergewöhnlichen dirigentischen Präzision – Patrick Hahn hinterließ bereits im Januar dieses Jahres bei seinem Dirigat des 5. Sinfoniekonzerts des Sinfonieorchester Wuppertal einen phänomenalen Eindruck“.

Nun, am kommenden Freitag, dem 22.1.2021, dirigiert Patrick Hahn im Konzerthaus Wien  die Wiener Symphoniker. Zu erleben sind die Symphoniker und Patrick Hahn  auf der Facebook-Seite der Wiener Symphoniker und auf deren Streaming-Seite

Wuppertaler Bühnen / Patrick Hahn, GMD in Wuppertal ab 2021 © Gerhard Donauer C&G Pictures

Wuppertaler Bühnen / Patrick Hahn, GMD in Wuppertal ab 2021 © Gerhard Donauer C&G Pictures

 PATRICK HAHN – Dirigent, IVAN KITANOVIC – Kontrabass, AXEL BRÜGGEMANN – Moderation,  WIENER SYMPHONIKER

  • Franz Schreker „Intermezzo“ für Streichinstrumente op. 8
    Giovanni Bottesini Kontrabasskonzert Nr. 2 h-moll, 1. Satz (Allegro moderato)
    Bernd Alois Zimmermann „Giostra Genovese“, Alte Tänze verschiedener Meister

Ein ganz besonderes Konzert steht diesen Freitag, 22.1.2021, am Spielplan der moderierten Wohnzimmer-Konzerte, mit denen die Wiener Symphoniker seit Mitte November 2020 Musik, Talk und Unterhaltung direkt zu ihrem Publikum nach Hause bringen: Im Rahmen der bereits dritten Staffel der beliebten Streaming-Reihe begrüßen sie den jungen Ausnahmemusiker Patrick Hahn am Dirigentenpult des großen Saals des Wiener Konzerthauses. Der 1985 in Graz geborene Dirigent, Komponist und Pianist kann bereits auf eine beeindruckende künstlerische Laufbahn verweisen, und wurde mit der Ernennung zum Generalmusikdirektor der Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester zur Spielzeit 2020/21 zum jüngsten GMD im deutschsprachigen Raum berufen. Es ist seine zweite Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern.

Am 22. Jänner präsentiert Patrick Hahn ein feinsinnig durchdachtes Programm mit selten gespielten Meisterwerken der Hochromantik und Moderne. Eröffnet wird der Abend mit einem eng mit der Orchestergeschichte verbundenen Werk: Franz Schrekers Intermezzo entstand im Gründungsjahr der Wiener Symphoniker 1900 und wurde von dem Orchester zwei Jahre darauf im Wiener Musikverein uraufgeführt. Anschließend erklingen hochvirtuose Klänge im tiefsten Register, wenn der Erste Solobassist der Wiener Symphoniker Ivan Kitanovic den Eröffnungssatz von Giovanni Bottesinis romantischem Zweiten Kontrabasskonzert intoniert. Bernd Alois Zimmermanns Giostra Genovese, eine faszinierende Auseinandersetzung mit vorbarocken Tänzen aus dem Blickwinkel des 20. Jahrhunderts rundet den Konzertabend ab.

—| IOCO Aktuell Wiener Symphoniker |—


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Kassel, Staatstheater Kassel, September 2020 – L’ultimo sogno, Der Sturm .. IOCO Aktuell, 30.06.2020

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Staatstheater Kassel

Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel © N. Klinger

Spielplan –  September 2020

Nach Lockdown und Ersatzspielplänen senden wir Ihnen schon jetzt voller Optimismus unsere Spielplanvorschau für September 2020. Mit fünf Premieren, bzw. Uraufführungen und einem prallen Programm rundherum starten wir in eine Spielzeit, die möglicherweise noch so einige Unwägbarkeiten birgt und zugleich die letzte unter Intendant Thomas Bockelmann ist. Einiges am Spielplan hat sich seit der Präsentation im März bereits geändert: So spielen wir die berühmte Verdi-Oper La Traviata nicht in gewohnter Form, sondern bringen mit L’ultimo sogno – Der letzte Traum von Carlo Ciceri eine Annäherung an das Verdi-Werk zur Uraufführung.

Darüber hinaus wird das erste Sinfoniekonzert wird nicht in der Stadthalle, sondern im Opernhaus stattfinden, dort allerdings an vier Terminen.

Staatstheater Kassel / Intendant Thomas-Bockelmann © N. Klinger

Staatstheater Kassel / Intendant Thomas-Bockelmann © N. Klinger


 Der Sturm  –  William Shakespeare

Fassung von Joachim Lux

Inszenierung: Thomas Bockelmann, Bühne: Sabine Böing, Kostüme: Ulrike Obermüller, Musik: Jens Kilz, Dramaturgie: Michael Volk

Mit Meret Engelhardt (Caliban / Miranda), Christina Weiser (Ariel / Ferdinand) und Jürgen Wink (Prospero)

Der Wissenschaftler Prospero, der sich als Herzog von Mailand statt zu regieren eher dem Studium und den Künsten hingegeben hat, wurde von seinem Bruder entmachtet, mit seiner kleinen Tochter Miranda auf See ausgesetzt und auf eine Insel gespült. Wie viele von Shakespeares magischen Landschaften changierend zwischen Tropenhölle und Paradies (die Kolonialisierungsgeschichte Europas mit den Berichten und Schätzen aus fernen Ländern wirkt hier in die Literatur hinein), ist das Eiland den Neuankömmlingen Experimentierfeld und Spielwiese, ein Ort, an dem der Mensch fernab der Zivilisation ganz von vorne beginnen kann: Macht und Ohnmacht des menschlichen Verstandes im Kräftemessen mit der Natur, deren Teil er doch ist – hier sind alle großen Themen Shakespeares und der Renaissance noch einmal versammelt. Mit Hilfe zweier Wesen, einem poetischen Monster namens Caliban, Sohn einer alten Insel-Hexe, und dem Luftgeist Ariel, gelingt es Prospero eines Tages, einen Sturm zu beschwören, der alle seine Feinde – seinen verräterischen Bruder samt Verbündeten – als Schiffbrüchige in seine Gewalt bringt. Miranda, die noch nicht viel von der Welt jenseits der Insel und somit noch nicht viele Männer gesehen hat, verliebt sich in einen der Gestrandeten: Ferdinand, Prinz von Neapel. Wenn Prospero auf seine Rache verzichtete, wäre die Inselromanze ein erster Schritt für eine allgemeine Aussöhnung …

Shakespeares letztes Stück ist in seiner poetischen, lebensprallen Verspieltheit, seiner Welterkundungslust, seiner Rohheit und zarten Melancholie auch ein Vermächtnis und ein Abschied des großen Theaterdichters.

Premiere: Samstag, 12. September, 19.30 Uhr, Schauspielhaus


Uraufführung   –  Bär im Universum

von Dea Loher

Inszenierung: Martina van Boxen, Bühne: Michael Habelitz, Kostüme: Esther van de Pas, Musik: Olaf Pyras, Dramaturgie: Julia Hagen

Mit Aljoscha Langel (Benny, ein Eisbär), Amelie Kriss-Heinrich (Polly), Lua Barros Heckmanns (Anni / Ute / Isabella) und Olaf Pyras (Rübe / Livemusik)

Eisbär Benny (mit weichem B!) ist nicht nur die Scholle und damit seine Heimat unterm Hintern weggeschmolzen, er ist auch noch der allerletzte seiner Art – im ganzen Universum. Wenn das mal nicht zum Heulen ist. Um sich selbst vor dem Aussterben zu bewahren, begibt er sich auf die Suche nach einem Eisbärmädchen und trifft Polly (mit Doppel-L!). Polly ist zwar genau wie Benny auch weiß und flauschig, aber leider kein Eisbär, sondern ein Huhn. Während sich Benny und Polly fragen, ob aus Eiern auch kleine Hühnerbärchen und Bärenhühnchen schlüpfen können, melden sich jede Menge Tiere auf Bennys Kontaktanzeige. Sie fliehen vor Buschfeuer und Wilderei, Fangnetzen und schwimmenden Müllbergen, manche haben eine Vorliebe für elektronische Musik und sie alle fürchten sich vor dem Aussterben. Doch mit wem soll man sich paaren, wenn man der Letzte seiner Art ist? Wer weist einem den komplizierten Weg durch Artensterben, Plastikmeere und Waldbrände? Und welcher Stern ist eigentlich der hellste am Himmel?
Dea Lohers erstes Kinderstück erzählt einfühlsam und augenzwinkernd von den Unwägbarkeiten unserer Zeit, vom Sichverlieben und Sichverpassen, von Freundschaft und vor allem von Hoffnung. Martina van Boxen, FAUST-Preisträgerin und seit 2019 Leiterin des JUST – Junges Staatstheater Kassel, wird mit dieser Uraufführung unser Programm für junges Publikum eröffnen.

Uraufführung: Sonntag, 13. September, 15 Uhr, tif – Theater im Fridericianum


Der zerbrochne Krug

von Heinrich von Kleist

Inszenierung: Markus Dietz, Bühne und Kostüme: Mayke Hegger, Licht: Christian Franzen, Dramaturgie: Petra Schiller

Mit Bernd Hölscher (Adam, Dorfrichter), Hagen Bähr (Walter, Gerichtsrath), Lukas Umlauft (Licht, Schreiber), Rahel Weiss (Frau Marthe Rull), Christina Thiessen (Eve, ihre Tochter), Uwe Steinbruch (Veit Tümpel, ein Bauer), Sandro Šutalo (Ruprecht, sein Sohn)

Staatstheater Kassel / Der zerbrochne Krug - Bernd Hoelscher © N. Klinger

Staatstheater Kassel / Der zerbrochne Krug – Bernd Hoelscher ©
N. Klinger

Adam, Richter in Huisum, einem fiktiven Dorf bei Utrecht, ist nicht in bester Verfassung: Wunden auf dem Kopf und im Gesicht, der Fuß verletzt, die Perücke abhanden. Adam will beim Aufstehen aus dem Bett gefallen sein. Zwar klingt die Geschichte merkwürdig, doch für detaillierte Nachforschungen bleibt keine Zeit. Es ist Gerichtstag und darüber hinaus hat sich Gerichtsrat Walter angekündigt, der eine (nicht mehr ganz) geheime Inspektion durchführen will. Vor Gericht stehen sich die Familien Rull und Tümpel gegenüber, Corpus Delicti ist ein Krug, der am gestrigen Abend bei Marthe Rulls Tochter Eve zu Bruch gegangen ist. Nun fordert die Mutter Schadensersatz vom Bräutigam Ruprecht, er sei’s gewesen, als er sich unerlaubt in Eves Kammer schlich. Dieser aber leugnet standhaft und möchte die Verlobung mit Eve lösen, da er einen anderen Mann in Eves Kammer ertappt habe, der den Krug zerbrach. Adam indes setzt alles daran, mehr Dunkel als Licht in den Fall zu bringen, verstrickt sich dabei aber selbst immer mehr im Netz der Wörter. Die Einzige, die etwas zur Aufklärung beitragen könnte, schweigt sich über das nächtliche Ereignis aus. Was geschah in den „abgemessnen zwei Minuten“, in denen Adam Eves Hände hielt und schwieg?
Der zerbrochne Krug ist die »witzigste, geistreichste, überraschendste Komödie in deutscher Sprache« (Peter Michalzik). Kleist analysiert aber auch Machtstrukturen, deren Missbrauch und Erhalt – wenn Eve endlich zu sprechen beginnt.

Premiere: Freitag, 18. September, 19.30 Uhr, Schauspielhaus


Staatstheater Kassel / L'ultimo sogno - Carlo-Ciceri © Giancarlo Pradelli

Staatstheater Kassel / L’ultimo sogno – Carlo-Ciceri ©
Giancarlo Pradelli

Uraufführung  –  L’ultimo sogno – Der letzte Traum

Annäherung an La Traviata in einem Akt von Carlo Ciceri / Giuseppe Verdi
Text: Francesco Maria Piave,  in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Francesco Angelico, Inszenierung: Bruno Klimek, Bühne: Hermann Feuchter, Kostüme: Tanja Liebermann, Dramaturgie: Christian Steinbock, Choreinstudierung: Marco Zeiser Celesti

Mit Vlada Borovko als Gast (Violetta Valéry), Maren Engelhardt (Flora Bervoix), Lena Langenbacher (Annina, Violettas Dienerin), Giordano Lucà als Gast (Alfredo Germont), Hansung Yoo / Cozmin Sime (Giorgio Germont), Bassem Alkhouri (Gastone, Vicomte de Létorières), Daniel Holzhauser (Barone Douphol) u.a.m.

Für die Pariser Edelkurtisane Violetta Valéry zählen nur der Rausch des Augenblicks und die unbedingte Freiheit, bis sie Alfredo Germont und mit ihm Liebe und Glück kennenlernt. Doch ihr Leben an seiner Seite endet jäh, als Alfredos Vater sie um die Auflösung der Beziehung bittet: Die Zukunft seiner eigenen Familie stünde auf dem Spiel. Schweren Herzens verlässt Violetta Alfredo und kehrt – von der Tuberkulose gezeichnet – in die Halbwelt zurück, der sie sich entflohen glaubte.

Staatstheater Kassel / L'ultimo sogno - Vlada Borovka © Nataliya Anasimova

Staatstheater Kassel / L’ultimo sogno – Vlada Borovka © Nataliya Anasimova

Das Staatstheater Kassel hat den aus La Spezia stammenden italienischen Komponisten und Dirigenten Carlo Ciceri beauftragt, eine Neuinterpretation von Verdis berühmter Oper „La Traviata“ zu schreiben, die den Pandemie-Einschränkungen gerecht wird und dabei die musikalische Linie Verdis unangetastet lässt. Dabei instrumentiert Ciceri verschiedene Stimmen aus der Originalpartitur für ein Orchester von rund 20 Musikern mit der Intention, Verdis musikalischem Duktus zu folgen und zugleich neue und individuelle Klangfarben zu schaffen. Der Fokus der durch notwendige Striche straffer gewordenen Erzählung liegt dabei ganz auf der Figur der Violetta, die selbst Opfer der Tuberkulose wird – Opfer einer sogenannten „stillen Pandemie“: Aus dem Rückblick der sterbenden Kurtisane wird das vorherige Geschehen aufgerollt und Violetta träumt im Fieberwahn einen letzten großen Liebestraum. Er ist auch Titel gebend für die Uraufführung des neu geschaffenen Werkes: „L’ultimo sogno“.

Uraufführung: Samstag, 19. September, 19.30 Uhr, Opernhaus


 z. B.  Philip Seymour Hoffman

von Rafael Spregelburd, deutsche Übersetzung von Klaus Laabs

Inszenierung: Wilke Weermann, Bühne und Kostüme: Paula Wellmann, Musik: Constantin John, Dramaturgie: Thomaspeter Goergen, Video: Christian Neuberger

Mit Eva-Maria Keller, Alexandra Lukas, Marius Bistritzky, Tim Czerwonatis, Enrique Keil, Stephan Schäfer, Artur Spannagel

Ein japanischer Teenager, der in einer Gameshow alles über seinen Lieblingsschauspieler beantworten kann, sogar die Farbe dessen Slips … jetzt, im Augenblick der Show. Sodann ein Schauspieler, der zur Identitäts-Therapie muss, weil er zwar arbeitslos ist, zugleich dauernd für Philip Seymour Hoffman gehalten wird. Und zu guter Letzt kein Geringerer als eben der legendäre Philip Seymour Hoffman, der von einer Produktionsfirma ein überaus seltsames Angebot erhält … Willkommen im magischen Realismus. Drei Handlungsstränge, in denen die Zeit nicht linear verläuft, Kausalitäten höchst subjektiv sind, das Wunderbare alltäglich, das Alltägliche dagegen wunderbar. In Südamerika, bei Jorge Luis Borges etwa oder Gabriel García Márquez, floriert dieses Genre, in dem du die Geschichte schreibst und die Geschichte dich: Transitions in eine Dritte Realität, die Zone zwischen dem echten Wirklichen und dem fiktiven Realen. In diesem Sinne zaubert (oder realisiert) der argentinische Schauspieler, Regisseur und Autor Rafael Spregelburd dieses Tableau absurder, zärtlicher, existentialistischer und verrückter Szenen um einen animierten Flughafen, den hungrigen Godzilla, ein Haus aus Papier, den Prototyp der Kartoffel und: Weihnachten im November! Und natürlich auch »zum Beispiel« – Philip Seymour Hoffman …

Deutsche Erstaufführung: Sonntag, 20. September, 20.15 Uhr, tif – Theater im Fridericianum

 


KONZERTE – Auswahl


Staatstheater Kassel / 1_Sinfoniekonzert-Francesco Angelico © N. Klinger

Staatstheater Kassel / 1_Sinfoniekonzert-Francesco Angelico ©
N. Klinger

1.  Sinfoniekonzert

Anton Webern: 5 Stücke für Orchester op. 10,  Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 G-Dur op. 58, Franz Schreker: Kammersinfonie in einem Satz

Solist: Gerhard Oppitz (Klavier), Musikalische Leitung: Francesco Angelico

Aus der Stille heraus eröffnet das Klavier ganz solistisch das 4. Konzert für Klavier und Orchester von Ludwig van Beethoven. Nach fast sechsmonatiger Zwangs-Stille wird diese Herzmusik im 1. Sinfoniekonzertwieder zu Herzen gehen“, so wie es Beethoven einmal selbst geschrieben hat. Gerhard Oppitz, der international gefeierte Brahms- und Beethoven-Interpret, wird diese Musik gemeinsam mit Francesco Angelico und dem Staatsorchester wieder zum Leben erwecken. Gleich viermal(!), wird er das Konzert des diesjährigen Jubilars in Kassel zu Gehör bringen.

Anton Webern beschwört in seinen fünf Stücken für Orchester op. 10 seine eigene Welt herauf. In knapp sechs Minuten reduziert er die Musik auf das Wesentliche und erschafft eine intensive Emotionalität, die bis dahin ihresgleichen suchte. Kaum zu glauben, dass er dieses unnachahmliche Werk mit gerade einmal Mitte Zwanzig schrieb.

Franz Schreker, der zu Beginn der goldenen 20er-Jahre als einer der bedeutendsten Opernkomponisten neben Richard Strauss galt und wenig später als „entarteter Künstler“ gebrandmarkt wurde, komponierte seine Kammersinfonie 1916. Das Werk ist eines seiner wenigen Ausflüge in die Welt der „absoluten Musik“ und verbindet die ausklingende Spätromantik mit der aufkommenden Wiener Moderne.

Sonntag, 6. September, sowie Montag, 7. September, jeweils um 17 Uhr und 20 Uhr im Opernhaus


GASTSPIELE UND EXTRAS – Auswahl


Förderverein Kasseler e.V. Jazzmusik präsentiert „Jazz im tif“ zu Gast im Schauspielhaus:

LANDSCAPES

Kongeniale Klangwelten zweier international renommierter Solisten

Markus Stockhausen (Trompete, Flügelhorn) und Ferenc Snétberger (Gitarre)

Staatstheater Kassel / Landscapes - Ferenc Snetberger und Markus Stockhausen © Angela Snétberger

Staatstheater Kassel / Landscapes – Ferenc Snetberger und Markus Stockhausen © Angela Snétberger

Markus Stockhausen, einer der wichtigsten europäischen Trompeter mit großer Variationsbreite, hat mit Ferenc Snétberger einen der besten akustischen Gitarristen Europas an seiner Seite. Ihr Duo ist ein Zusammentreffen zweier Charaktere, die auf intuitive Art und Weise miteinander zu kommunizieren wissen – eine spannungsvolle musikalische Gratwanderung im Grenzbereich zwischen Jazz, klassischer Musik und Weltmusik.

Über das Duo (CD „Streams“ ’07) schrieb U.Steinmetzger/ Leipziger Volkszeitung): „Diese CD ist ein seltener Solitär, weil zwei Individuen bei sich bleiben, indem sie zueinander finden… Diese Musik hütet sich davor, einfach nur schön sein zu wollen, indem sie sich anbiedert. Sie ist schön, weil sie strahlt, flirrt und etwas zu erzählen hat. Sie ist hochvirtuos, ohne je eitel aufzutrumpfen.“

Sonntag, 6. September, 19.30 Uhr, Schauspielhaus


Staatstheater Kassel / Klaus Doldinger_© Klaus Doldinger

Staatstheater Kassel / Klaus Doldinger_©
Klaus Doldinger

Theaterstübchen geht fremd – Ersatztermin für den 13. März 2020

Klaus Doldinger’s Passport feat. China Moses

Weltpremiere des neuen Albums –  Motherhood

Re-Make oder Neudeutung? Weder noch! In Klaus Doldingers Augen ist sein neues Album Motherhood, das er mit Passport, Gesangsgästen und Solist*innen eingespielt hat, gleichsam Rückblick und Standortbestimmung. „Motherhood“ gab es schon mal, Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre. Allerdings nicht als Albumtitel, sondern als Projektname mit dem vorangestellten Artikel The.

Doldingers besondere Verdienste für Fortbestand und Fortschritt der modernen Musik aus Deutschland sind mehrfach gewürdigt worden. Um mit bald 84 Jahren wieder aufzubrechen und neue Anknüpfungspunkte für seine Komponistenhandschrift zu finden, sei die energetische Standortbestimmung MOTHERHOOD sinnvoll gewesen, erklärt er. Das Publikum muss sich die Sinnfrage hingegen gar nicht stellen. Zuhören, genießen und erkennen zu können, warum Doldinger heute so klingt wie er klingt, ist beinahe ein Segen.

Sonntag, 13. März, 19.30 Uhr, Opernhaus            


„… und der Regen rinnt“. Literarisch-musikalische Eindrücke über Theresienstadt

Idee: Jugendchor CANTAMUS, Konzept und Szenario: Sophie Geismann, Clara Neher, Elena Padva, Emma Töppler, Maria Radzikhovskiy

Sara Nussbaum, Ilse Weber, Helga Weissová und Greta Klingsberg fahren zusammen in einem imaginären Zug und unterhalten sich über die Vergangenheit und die Zukunft. Alle vier waren während des zweiten Weltkrieges im Ghetto Theresienstadt. Wir wissen nicht, ob sie einander gekannt haben. Doch jetzt verflechten sich ihre Schicksale in einer literarisch-musikalischer Erzählung.

Montag, 28. September, 19.30 Uhr, Opernfoyer


—| Pressemeldung Staatstheater Kassel |—


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Arlene Saunders, 1930 – 2020, eine Würdigung, IOCO Portrait, 14.05.2020

Mai 13, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Portraits, Staatsoper Hamburg

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Arlene Saunders © Wolfgang Schmitt / Lead Technologies

Arlene Saunders © Wolfgang Schmitt / Lead Technologies

ARLENE SAUNDERS – Ein Mensch – EINE KARRIERE

5. Oktober 1930 – 17. April 2020

von Wolfgang Schmitt

In den 1960er und 70er Jahren war sie die „Primadonna assoluta“ der Hamburgischen Staatsoper während der Liebermann-Ära. Nun wurde auch Arlene Saunders ein prominentes Opfer der zur Zeit grassierenden Corona-Pandemie.

Geboren am 5. Oktober 1930 in Cleveland, Ohio, als Arlene Pearl Soszynski, entdeckte sie schon als 10jährige ihre Leidenschaft für die Oper, und so studierte sie nach der High School Gesang am dortigen Baldwin-Wallace College of Arts. Ein erstes Engagement führte sie an die National Opera Company in Raleigh, North Carolina, wo sie u.a. die Rosalinde in der Fledermaus, Donna Elvira in Don Giovanni und sogar die Titelrolle in Cole Porters Musical Kiss me Kate sang.

Bei einem Wettbewerb amerikanischer Opernsänger in New York errang sie den ersten Platz und erhielt ein Stipendium, mit dem sie nach Italien ging, wo sie ihre Gesangsstudien vervollkommnete und am Mailänder Teatro Nuovo ihr Rollendebüt als Mimi in Puccinis La Boheme geben konnte. Zurück in Amerika engagierte Julius Rudel sie an die New York City Opera, wo sie als Giorgetta in Puccinis Il Tabarro debütierte und in Partien des lyrischen Sopranfachs besetzt wurde, u.a. in Charpentiers Louise. Mit der New Yorker Metropolitan Opera ging sie auf die jährliche MET-Tour quer durch die USA und sang das Evchen in den Meistersingern und Rosalinde in der Fledermaus (alternierend mit Beverly Sills).

1963 war Rolf Liebermann, Intendant der Hamburgischen Staatsoper, auf Talentsuche in New York, Arlene Saunders sang für ihn die Arie der Magda aus Puccinis La Rondine und wurde vom Fleck weg engagiert. Hamburg wurde nun ihr Zuhause und ihr künstlerischer Lebensmittelpunkt. Mit ihrem neu erworbenen weißen Karmann-Ghia liebte sie es, die Stadt und das Hamburger Umland zu erkunden. Ihre Hamburger Debüt-Partie war die Pamina in der Zauberflöte, für die sie dann auch gleich gastweise ans Staatstheater Stuttgart engagiert wurde, auch für die Mimi luden die Stuttgarter sie sogleich ein. In Hamburg folgten Rollendebüts als Marzelline in Fidelio, Marie in Die verkaufte Braut, Liu in Turandot (mit Birgit Nilsson und James McCracken), Iphis in Jephta, Antonia in Hoffmanns Erzählungen, Fiordiligi in Cosi fan tutte, und Ann Truelove in The Rake’s Progress (die Premierenserie dirigierte Igor Strawinsky persönlich).

Arlene Saunders als Manon in Manon Lescaut 1982 © Colin Graham

Arlene Saunders als Manon in Manon Lescaut 1982 © Colin Graham

Ihr Hamburger Festvertrag ließ ihr jedoch genügend Freiraum für internationale Gastspiele, und so sang sie 1965 die Micaela in Carmen (mit Marilyn Horne, Franco Corelli und Justino Diaz) in Philadelphia, 1966 die Pamina beim Glyndebourne Festival, 1967 die Marguerite in Faust (mit Alfredo Kraus) an der San Francisco Opera, dort folgten Charpentiers Louise und Freia in Rheingold. Sie gastierte als Mimi in Florenz und an der Mailänder Scala, und gab in Toronto ihr Kanada-Debüt in Glucks Orfeo ed Eurydice. An der Wiener Staatsoper debütierte sie als Marzelline in Fidelio, sang dort auch Eva und Donna Elvira.

Mit der Deutschen Oper Berlin schloß sie einen Gastvertrag und debütierte dort als Nedda in einer Neuinszenierung des Bajazzo. In Hamburg erweiterte sie ihr Repertoire um Partien wie Tatjana in Eugen Onegin, Figaro-Gräfin, Agatheim Freischütz, um mit der Elsa in Lohengrin endgültig ins jugendlich-dramatische Sopranfach zu wechseln (in dieser Premiere sang Placido Domingo seinen ersten Lohengrin). Es folgten Neuinszenierungen von Arabella, Ariadne auf Naxos (mit dieser Produktion gastierte die Hamburgische Staatsoper auch beim Edinburgh Festival), Tannhäuser / Elisabeth (in der Regie von Harry Meyen, dem damaligen Ehemann von Romy Schneider, was dem Premierenabend einen besonderen Glamour verlieh, denn auch Magda Schneider und viele andere Größen des deutschen Films waren zugegen), Die Walküre / Sieglinde, sowie ihre erste Tosca. Die Tosca sang sie kurz darauf in Cincinnati, dort auch die Mimi. Es folgte eine Arabella-Neuproduktion in Amsterdam, und an die San Francisco Opera kehrte sie zurück als Eva für eine Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg (mit Theo Adam und James King als Partner). An der Oper in Boston debütierte sie als Natascha in der amerikanischen Erstaufführung von Prokoffievs Krieg und Frieden (inszeniert und dirigiert von Sarah Caldwell), und in Washington sang sie die Uraufführung der eigens für sie von Alberto Ginastera komponierten Oper Beatrix Cenci, mit der das J.F. Kennedy Center for the Performing Arts 1971 feierlich eröffnet wurde, diese Produktion wurde später von der New York City Opera übernommen.

Arlene Saunders als Marschallin © Seattle Opera

Arlene Saunders als Marschallin © Seattle Opera

Auch an der Hamburger Oper wirkte Arlene Saunders bereits in zwei Opern-Uraufführungen mit, in Giselher Klebes Jakobowsky und der Oberst (Marianne) – mit der die Hamburger Staatsoper eine Gastpielreise an die New Yorker MET unternahm, gemeinsam mit The Rake’s Progress -, und in Giancarlo Menottis Hilfe, Hilfe, die Globolinks (Madame Euterpova), welche auch verfilmt wurde. Weitere Opernfilme der Rolf-Liebermann-Produktionen, in denen Arlene Saunders mitwirkt, sind Figaros Hochzeit (Gräfin), Der Freischütz (Agathe), Die Meistersinger von Nürnberg (Eva), und Arabella (bei Arthaus auf DVD erhältlich). Im Dezember 1972 gab es an der Hamburger Staatsoper die Uraufführung von Paul Burkhards Oper Ein Stern geht auf aus Jaakob, in der Arlene Saunders die Maria und Vladimir Rudzak den Josef sang, diese Oper wurde fürs Fernsehen aufgezeichnet und am Weihnachtsabend ausgestrahlt. Ein weiterer Fernsehfilm ist Carl Millöckers Gasparonemit Arlene Saunders als Carlotta, Barry MacDaniel in der Titelpartie, sowie Martha Mödl und Benno Kusche (als Zenobia und Nasoni). In dieser Zeit nahm Arlene Saunders für Philips die Operetten Der Zarewitsch und Der Graf von Luxemburg auf. Bei RCA waren bereits Mendelssohns Sommernachtstraum unter Erich Leinsdorf, und Mozarts Il Re Pastore (mit Arlene Saunders als Tamiri sowie Lucia Popp, Reri Grist und Luigi Alva) erschienen.

Auch als Konzertsängerin war Arlene Saunders stets aktiv, so sang sie u.a. Beethovens Missa solemnis unter Leonard Bernstein beim Tanglewood Festival, Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder und Franz Schrekers Lieder von Walt Whitman“ unter Erich Leinsdorf in der Berliner Philharmonie, Haydns Schöpfung unter Igor Markevitch in Monte Carlo, Beethovens Neunte in der Hamburger Musikhalle, Geoffredo Petrassis Orationes Christi unter Massimo Freccia in Berlin; auch Liederabende gab sie u.a. in Hamburg, Hannover und Oslo mit Liedern von Richard Wagner, Richard Strauss, Franz Liszt, Heitor Villa-Lobos, Silvestre Revueltas, Aaron Copland und Samuel Barber.

Die 1970er und 80er Jahre verliefen weiterhin höchst erfolgreich für Arlene Saunders: An der Hamburgischen Staatsoper folgten weitere Rollendebüts als Marschallin im Rosenkavalier, als Gräfin in Capriccio, und als Chrysothemis in Elektra. An der Opéra de Paris debütierte sie in einer Tosca-Neuinszenierung (mit Placido Domingo und Gabriel Bacquier als Partner unter der Leitung von Charles Mackerras), sang die Sieglinde in einer Neuinszenierung der Walküre in der Regie von Peter Stein, in späteren Spielzeiten dort auch die Chrysothemis / Elektra und die Marschallin. Eine besonders beachtete Produktion war die Ballett-Inszenierung von Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder, von Maurice Béjart choreogrphiert und mit Arlene Saunders singend und agierend inmitten der Tänzerinnen und Tänzer ins Bühnengeschehen integriert. An der Seattle Opera sang sie die Marschallin in einer Neuproduktion des Rosenkavalier, diese Partie auch in Brüssel und in Stuttgart. Am Opernhaus Köln sang sie ihre erste Senta im Fliegenden Holländer sowie eine weitere Tosca-Neuinszenierung. Als Tosca war sie ebenfalls Gast am Teatro Nacional Sao Carlos in Lissabon. In Turin wirkte sie mit in einer RAI-Rundfunkproduktion von Hindemiths Cardillac (Partie der Tochter).

An die Wiener Staatsoper kehrte sie zurück als Donna Elvira und als Elsa. Es folgten Auftritte an der New Yorker Metropolitan Opera als Eva in den Meistersingern (mit Thomas Stewart und Jean Cox), und als Elsa in einer Lohengrin –Neuproduktion in Hartford (mit Karl-Walter Böhm und Mignon Dunn). Schließlich gab sie ihr Rollendebüt als Minnie in Puccinis La Fanciulla del West an der Boston Opera. Die Minnie wurde zu einer ihrer Lieblingspartien, mit der sie auch an die New York City Opera zurückkehrte und die sie 1979 ans Teatro Colón Buenos Aires (mit Placido Domingo und Gianpiero Mastromei als Partner) und schließlich 1980 ans Londoner Royal Opera House Covent Garden führte. An der English National Opera North in Leeds gastierte sie als Senta (mit Norman Bailey als Holländer) und sang dort 1982 höchst erfolgreich ihre erste Manon Lescaut. In London sang sie die Titelpartie in Richard Strauss‘ Die Liebe der Danae in einer BBC-Rundfunkproduktion unter der Leitung von Charles Mackerras, die auf CD erschienen ist. Am Grand Théatre de Genève sang sie zur Saisoneröffnung 1980-81 die Elsa im „ Lohengrin  und die Marschallin im „ Rosenkavalier. Weitere Rollendebüts gab Arlene Saunders als Nadia in der amerikanischen Erstaufführung von Michael Tippets The Ice Break in Boston, als Santuzza in Cavalleria rusticana in Buenos Aires, als Marquise in Verdis Un Giorno di Regno beim Verdi-Festival in San Diego, und als Giulietta in Les Contes d’Hoffmann an der Hamburger Staatsoper, wo sie im Rahmen ihres Gastvertrages weiterhin die Mimi, Tosca, Senta, Chrysothemis, sowie während der Weihnachtszeit stets die Gertrud in Hänsel und Gretel sang (sie war 1972 die Premieren-Gertrud).

Arlene Saunders als Senta in Leeds © Colin Graham

Arlene Saunders als Senta in Leeds © Colin Graham

Es folgten weitere interessante Engagements beim Maggio Musicale Fiorentino, Florenz, als Tannhäuser – Elisabeth (mit Wolfgang Neumann, Hermann Prey und Brenda Roberts in den anderen Hauptpartien), als Tosca am Teatro dell’Opera in Rom, als Marschallin in Neuproduktionen des Rosenkavalier in Boston, Bordeaux und Bonn sowie beim Viennese Festival in Minneapolis, und als Senta im Holländer beim Wolf Trap Festival. Ihr australisches Debüt gab sie in der Saison 1983-84 an der Oper in Sydney in ihrer Paraderolle, der Minnie in La Fanciulla del West, der Rundfunkmitschnitt dieser Premiere ist auf CD erschienen. Ihren Abschied von der internationalen Opernbühne nahm sie 1985 als Marschallin in einer Neuinszenierung des Rosenkavalier am Teatro Colón in Buenos Aires, um sich ins Privatleben zurückzuziehen, sich ihren zahlreichen Hobbies zu widmen – unter anderem der Aquarell-Malerei -, und von Hamburg nach New York umzuziehen. Dort lebte sie mit ihrem Ehemann, dem Psychologen Dr. Raymond Raskin bis zu dessen Tod 2017 in einer schönen großen Wohnung mit Blick auf den East River. Am 17. April starb Arlene Saunders, 89jährig, in einer New Yorker Seniorenresidenz. Als unvergleichliche Interpretin insbesondere von Strauss-, Wagner- und Puccini-Partien wird sie uns unvergesslich bleiben.

—| IOCO Portrait |—

 


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