München, Residenztheater, Don Karlos – Friedrich Schiller, IOCO Kritik, 20.06.2018

Juni 20, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

DON KARLOS  –  Friedrich Schiller

– Schiller beim Wort genommen –

von Hans-Günter Melchior

Die Bühne liegt überwiegend im nachtschwarzen Dunkel. Nur ganz vorne, von einer großen Deckenleuchte herausgeschnitten ein helles Viereck, auf dem die Weltpolitik verhandelt wird. Rechts davon eine Art Fallgrube, in die einige unbekannte Personen hinunterfahren und von einem bösen Rauschen verschlungen werden; Liquidation im Unrechtsstaat. Später werden Prominente folgen. Die Eboli etwa und Don Karlos.  Aber bis es soweit ist, geschieht noch einiges.

Mystisches ereignet sich. Einige Handelnde stehen vorne im Viereck der Verhandlungen. Andere sind zunächst nicht sichtbar, man hört sie reden und es ist wie ein langsamer aufklimmender Gedanke, eine sich vollendende Rede, wenn sich schließlich ins Licht treten.

Residenztheater München / Don Karlos - hier : Nils Strunk als Don Karlos © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos – hier : Nils Strunk als Don Karlos © Matthias Horn

Das ist sehr schlüssig, entspricht genau dem Duktus des teils philosophisch verschlüsselten schillerschen Textes, dessen Jamben anmuten als kämen sie erst mit der Zeit zu sich selbst. Schwer verständlich, warum gerade dies, das Wachsen aus der Dunkelheit auf negative Kritik stieß. Die streng geheimen Gespräche sind einem anderen Raum zugeordnet: hermetische, ganz in blau gehaltene, relativ kleine Zimmer, aus deren Wänden Schallschutzpyramiden auf die Anwesenden einzudringen scheinen.

Alle Darsteller sind schwarz gekleidet -, bis auf Don Karlos (Nils Strunk, bewegt, engagiert, leidenschaftlich), der manchmal mit entblößtem Oberkörper erscheint: als wolle er sein Seelenleben offenbaren.  Die Sprache hält sich genau an die literarische Vorlage. Was für ein Genuss. Regisseur Martin Kusej kommt ganz ohne den Performance-Nonsens so manchen  sich kühn dünkenden Neueres aus. Man atmet dankbar auf. Hier vertraut jemand dem dichterischen Genie des Autors.

Nahezu völliger Verzicht auf Dekorationen, keine buntscheckigen Ablenkungen. Der Zuschauer den hochkomplexen Inhalt gezwungen. wird ganz in die rationale Pflicht genommen, zur Konzentration auf den hochkomplexen Inhalt gezwungen.  Kusej verlangt jedoch nicht mehr  als Schiller, er beherrscht dieses schwierige Werk in jeder Hinsicht, arbeitet souverän mit den sparsamsten Mitteln.

Residenztheater München / Don Karlos - hier : v.l. Thomas Loibl als Philipp II und Thomas Gräßle als Lerma © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos – hier : v.l. Thomas Loibl als Philipp II und Thomas Gräßle als Lerma © Matthias Horn

Unerbittlich werden die handelnden Personen vorgeführt.  Die Macht- und politische Vernunftmaschine Philipp II (hervorragend Thomas Loibl, alle Nuancen  des Stücks perfekt beherrschend, mal zynisch, mal elegant-ironisch, mal souverän, mal verunsichert und gefühlig) steht stur und altersstarr in den Positionen des absolutistischen Herrschaftsdenkens verharrend gegen den Idealismus der Jugend, die von Don Karlos und seinem Freund , dem Marquis von Posa (überzeugend Franz Pätzold) repräsentiert wird. Freiheit für die Niederland im Namen einer neuen Humanität ist deren Parole. Posa hat für deren Verwirklichung Don Karlos  ausersehen. Er soll für die Niederländer kämpfen. Aber der König verweigert ihm das Kommando über die spanischen Truppen. Der Boden für die Intrige und den internen Machtkampf ist bereitet. Alte Machtvernunft gegen die neue Vernunft einer historischen Erneuerung.

Und allen, mögen sie sich noch so überzeugt auf die Vernunft und die Wahrheit berufen, redet das Gefühl hinein. Das Stück ist auch als ein Familiendrama zu verstehen Der Sohn kommt nicht darüber hinweg, dass der Vater ihm die Geliebte und Verlobte genommen hat, indem er aus machtpolitischem Kalkül Elisabeth von Valois (Lilith Häble, kühl, souverän, kantisches Pflichtgefühl verkörpernd) heiratete. Und der Reinste von allen, der Idealist und Freiheitskämpfe Posa kann sich seine Freundes Don Karlos nicht sicher sein, er verrät ihn aus taktischen Gründen, der eigentliche Kopf der Freiheitsbewegung.

Eindrucksvoll die Niederschlagung des Aufstands in Madrid: Leichen über Leichen in Plastiksäcke eingewickelt überfüllen die Bühne. Befriedigt verkünden die Herrschenden, dass Ruhe in der Stadt herrscht.

Gefühle, Verwirrungen, Grausamkeiten, Gewalt. Selbst der König, der unentwegt auf die eheliche Treue pocht, will eine außereheliche Beziehung zur Hofdame Prinzessin Eboli (sehr verführerisch Meike Droste) einfädeln. Briefe und abermals Briefe gehen hin und her…

Residenztheater München / Don Karlos von Friedrich Schiller © Matthias Horn

Residenztheater München / Don Karlos von Friedrich Schiller © Matthias Horn

„Kein Sein ohne Seiendes“ (Adorno Negative Dialektik) – das ist die Lehre. Das Menschlich-Allzumenschliche durchkreuzt allenthalben die rationalen Pläne, die Visionen der Vernunft.  Allenfalls der Beichtvaters  des Königs , der mit allen Wassern gewaschene Intrigant Domingo (Thomas Gräble) und Herzog Alba (Marcel Heuperman als eiskalter Feldherr und Machtpolitiker, der buchstäblich über Leichen zu gehen entschlossen ist). Auf der Seite der Aufrichtigen, der liebevoll Gezeichnete: Lerma  (Thomas Gräble)

Am Ende siegt der Zynismus der Kirche die alles unter dem Verdikt göttlicher Allmacht unter sich begräbt. Sie reklamiert Don Karlos für sich und der König fügt sich. Unter dem Bannblick des Großinquisitors (Manfred Zapatka) richtet sich der Königssohn Selbst, bevor er gerichtet wird. Er springt in die Grube…

Eine höchst gelungene und durchdachte Aufführung. Langer Beifall

Don Karlos am Residenztheater München; weitere Vorstellungen: 1.7.; 9.7.; 12.7.2018

 

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Residenztheater, Mauser von Heiner Müller, IOCO Kritik, 02.12.2017

Dezember 2, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Musical, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

 Mauser von Heiner Müller

„Die Menschwerdung des Menschen“

 Von Hans-Günter Melchior

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich: Sie besuchen ein Stück, das und dessen Autor Sie einigermaßen zu kennen glauben und dem Sie sich gewachsen fühlen. Und dann geraten Sie in ein Minenfeld von Theorien und Meinungen, von formalen Besonderheiten und Experimenten und es wird ein richtig schwieriger Abend, aus dem Sie nur schwer einen Weg hinaus in eine rationale Erklärung finden.

So kann es Ihnen bei dem Stück Mauser von Heiner Müller in der Inszenierung Oliver Frljic´s im Marstalltheater in München widerfahren.

Ein Lehrstück? Vielleicht. Vielleicht auch nur ein Stück zum Nachdenken, das sein aggressives Lehr- und Lernziel, sofern es eines hat, verfehlt. Weil es an Selbstzweifeln leidet. Weil es zwischen Revolution und Evolution schwankt und sich unter diesem großen Fragezeichen duckt. Und damit die Frage offen lässt.

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier vl Christian Erdt, Nora Buzalka, Franz Paetzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier vl Christian Erdt, Nora Buzalka, Franz Paetzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann © Konrad Fersterer

Es handelt vom russischen Bürgerkrieg, der mit der Oktoberrevolution von 1917 begann und mit der Gründung der Sowjetunion 1922 endete. Mauser oder einfach A muss sich vor einem Revolutionstribunal verantworten, weil ihm das Töten zum Selbstzweck wurde, für ihn eine „Arbeit wie jede andere“ ist, die sich vom revolutionären Ziel gelöst hat. Es wird ihm (von einem Chor) angesonnen, geradezu einsichtig in seine Hinrichtung einzuwilligen.

Aber er, der seinen Vorgänger B exekutierte, weil dieser aus Mitleid konterrevolutionäre Bauern laufen ließ, will leben. Er pocht darauf, ein Mensch zu sein. „Ein Mensch – Was ist das?“ fragt widerständig das Stück. Steht der Mensch am Ende der Revolution als dessen Ergebnis? Oder wird er von der Revolution als Humanwesen geopfert? Und: ist dieses Opfer also sinnlos, weil am Ende der Revolution nichts weiter als die Revolution selbst steht, die sich zum einzigen Ziel des Kampfes gemacht hat? Kann man Humanität durch Inhumanität, durch Terror erkämpfen? Heiligt der Zweck die Mittel und bleibt letztlich der Zweck in den Mitteln stecken? Ein Fragengebirge, das den frommen Himmel ideologischer Selbstgewissheiten kratzt.

„Das Gras müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt“, heißt es mehrfach im Stück. An diesem inneren Widerspruch leidet die revolutionäre Theorie. Denn durch das Ausreißen verdorrt gerade erst das Gras.

Brecht fand in seinem Stück Die Maßnahme noch eine eindeutige Antwort: der echte Revolutionär stimmt bedingungslos seiner Hinrichtung zu, weil er gegen seinen revolutionären Auftrag verstoßen hat. Heiner Müller zögert hingegen mit der Antwort…

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier Alfred Kleinheinz © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier Alfred Kleinheinz © Konrad Fersterer

In der Regie von Oliver Frljic´ überwiegen indessen die implizierten formalen Elemente des Stücks. Ziel, so Müller in Anlehnung an Brecht, ist es nicht, die Zuschauer zu belehren, diese sind grundsätzlich sogar entbehrlich. Vielmehr sind es die Schauspieler selbst (und im Wesentlichen allein diese), die im Vollzug des Spielereignisses aus dem Stück Erkenntnisse gewinnen. Dieser Absicht dient auch der Umstand, dass die Rollen ständig wechseln. Jeder Schauspieler schlüpft gleichsam im Wechsel in die Rolle eines anderen, um aus der Perspektive des Anderen zusätzlichen Erkenntnisgewinn zu erzielen.

Sofern Zuschauer sich eingefunden haben, zwingt dies freilich zu den erkenntnisvermittelnden Aktionen des sogenannten performativen Theaters. Konkret heißt das, dass Interaktionen zwischen Zuschauern und Schauspielern stattfinden. Die Schauspieler verlassen den künstlerischen Sakralraum der Bühne und wenden sich direkt an einzelne Zuschauer, mit denen sie zumindest symbolisch interagieren. Während auf bzw. hinter Bühne das überdimensionale Gesicht Heiner Müllers (ein bekanntes Foto) mit der obligatorischen Zigarre das Geschehen beobachtet. Auf der Bühne selbst befindet sich außer einigen Utensilien aus der proletarischen Romantik, z.B. ein Holzpflug, nur eine gelegentlich hereingefahrene Pritsche, auf der „lebendige“ oder zum Leben erweckte Leichen liegen und zu spielen anfangen.

Mauser von Heiner Müller: Weitere Vorstellungen
Marstall – 11.12.2017 – 12.01.2018

In mehr als der Hälfte des Stücks sind die Schauspieler (allesamt großartig und bewundernswert virtuos, sowohl in ihren körperlichen wie auch sprachlichen Aktionen: Nora Buzalka; Christian Erdt; Marcel Heupermann; Alfred Kleinheinz und Franz Pätzold) völlig nackt. Dieser Umstand soll den Lernaspekt, dem sich die Schauspieler (und nicht, wie gesagt, die Zuschauer) unterwerfen verdeutlichen: die Belehrung vermittelt sich nämlich nicht nur unter sprachlichen und argumentativen Gesichtspunkten, sondern vor allem auch in körperlichen Erfahrungen. Wobei die körperliche Erfahrung durchaus eine gewisse Eigenständigkeit behauptet und quer zur Ideologie steht. So ist auch das exzessive Holzhacken zu verstehen, dem sich die Darsteller mit sichtbarer Anstrengung unterziehen. Der Regisseur hierzu im Interview, das im Programmheft abgedruckt ist: „Vielleicht kann man den Kampf der Körper gegen die Ideologien auch als Kampf der Körper mit dem Text beschreiben, also zwischen den Bedeutungen, die vom Text erzeugt, und den Bedeutungen, die die Körper erzeugen.“ Und weiter: „Indem sich die Körper nicht mehr dem Text unterwerfen, behauptet das Theater eine gewisse Autonomie oder Eigenwertigkeit, weil es sich einer zu gängigen, zu einfachen Lesbarkeit wiedersetzt.“ Dabei ist Frljic´ im Gegensatz zu Müller der Auffassung, dass der nackte Körper keineswegs eine nicht mehr hinterfragbare Individualität darstellt, sondern selbst noch Träger einer Ideologie ist.

Verstörend der Schluss: auf einer Grabstele, die den Namen Heiner Müller trägt, steht Müllers Kopf in Eis geformt. Die Frau des Ensembles zerhackt diesen Eiskopf mit wuchtigen Axthieben, bis nur noch Stücke übrig bleiben. Der Älteste aus der Gruppe der Revolutionäre nähert sich mit einem Whiskyglas. Er wirft sakrilegisch einen Eisbrocken aus dem zerhackten Kopf in seinen Whisky. Danach kracht die Hintergrunddekoration mit Müllers Foto in sich zusammen und es wird stockdunkel im Theater. Heiner Müllers Absturz. Der Regisseur glaubt nicht an den von Zweifeln gepeinigten Autor. Und er glaubt nicht an die Veränderungsfähigkeit- und willigkeit einer/unserer Gesellschaft.

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier vl Nora Buzalka, Christian Erdt, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann, Franz Paetzold © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier vl Nora Buzalka, Christian Erdt, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann, Franz Paetzold © Konrad Fersterer

Ein Abend auf der Höhe der formalen Diskussion des modernen Theaters. Verwirrend, aber nicht falsch. Mit über Kreuz gezogenen Ideen, aber nicht sinnlos. Historisch und zugleich zeitnah. Die politischen, ideologischen und religiösen Fanatismen unserer Zeit werden geradezu gedanklich-assoziativ aufgewirbelt. Das prinzipielle Problem wird deutlich: ist diese Gesellschaft strukturell und inhaltlich in der Lage, sich selbst zu hinterfragen? Kann eine gesellschaftliche Veränderung hin zur sozialen Gerechtigkeit mit friedlichen (demokratischen) Mitteln erlangt werden? Oder lassen sich Veränderungen nicht ohne Kampf, Gewalt und Terror herbeiführen? Revolution oder Evolution? Kommen wir aus diesen Verwicklungen heil heraus, solange wir noch nicht die Menschen sind, die wir sein sollen?

Keinen Vorwurf an den, der daran zweifelt. Der Kampf steht uns noch bevor. So oder so. Aber die Sehnsucht geht nach dem Frieden.

„Ein Mensch – Was ist das?“ Von der Vollkommenheit besessen in seiner unabänderlichen Unvollkommenheit. Teufel und Engel zugleich.

Eine gewisse angestrengte Ratlosigkeit mischt sich in den freundlichen Beifall. Auf der Straße stolpert man über kleinste Steine, weil der Kopf so schwer geworden ist.

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—