Wien, Wiener Staatsoper, 150 Jahre Wiener Staatsoper – ARTHAUS MUSIK, IOCO DVD Rezension, 06.08.2019

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

150 Jahre Wiener Staatsoper –   CD / DVD  zum Jubiläum

EAN:  4058407093954   – UPC:  4058407093954

von Marcus Haimerl

Am 25. Mai 2019 feierte die Wiener Staatsoper ihr 150-jähriges Jubiläum mit der Premiere einer Neuinszenierung von Richard Strauss Frau ohne Schatten, welche 100 Jahre zuvor ihre Uraufführung hier feierte. Zudem war der Komponist gemeinsam mit Franz Schalk von 1919 bis 1924  Direktor des Haus am Ring.

Zum 150-jährigen Jubiläum der Staatsoper veröffentlichte ARTHAUS MUSIK, Halle (Saale) eine CD-/ DVD- Box mit großen Aufführungen und Premieren an der Wiener Staatsoper. Die DVD-Box umfasst insgesamt acht DVDs aus den Jahren 1978 bis 2014 und die Direktionszeiten von Egon Seefehlner (1. Amtszeit), Lorin Maazel, Claus Helmut Drese, Ioan Holender und Dominique Meyer und umfasst folgende Aufnahmen: Il Trovatore (Verdi), Carmen (Bizet), Turandot (Puccini), Elektra (Strauss), Lohengrin (Wagner), Don Giovanni (Mozart), Alcina (Händel) und Ariadne auf Naxos (Strauss).

IL TROVATORE (Giuseppe Verdi)

Am 1. Mai 1978 wurde Verdis Il Trovatore in der Inszenierung Herbert von Karajans aufgezeichnet. Es war die 98. Vorstellung in der Karajan-Inszenierung, die bereits 1968 Premiere feierte und mit 169 Aufführungen bis 1991 dem Repertoire erhalten blieb.

Die großartige Besetzung, die es nur in zwei Vorstellungen im Mai 1978 zu erleben gab, liest sich wie das who-is-who des Verdi-Gesanges der 60er und 70er Jahre. Piero Cappuccilli als Conte di Luna, Raina Kabaivanska als Leonore, Fiorenza Cossotto als Azucena und Placido Domingo als Manrico in der klassischen und etwas düsteren Inszenierung Karajans, der auch am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper stand, ist in jedem Fall eine der großen Sternstunden des Hauses.

ARTHAUS DVD / 150 Jahre Wiener Staatsoper © ARTHAUS Musik

ARTHAUS DVD / 150 Jahre Wiener Staatsoper © ARTHAUS Musik

CARMEN (Georges Bizet)

Am 9. Dezember 1978 hatte Bizets Oper Carmen in der Inszenierung des 2019 verstorbenen Franco Zeffirelli Premiere. Diese ebenfalls ausgesprochen klassische Inszenierung steht aktuell immer noch auf dem Spielplan und erlebte am 12. September 2018 seine bereits 164. Aufführung.

Unter dem Dirigat von Carlos Kleiber sangen in der Premiere Elena Obraztsova als Carmen, Plácido Domingo den Don José, Yuri Mazurok den Escamillo, Isobel Buchanan die Micaela und Kurt Rydl den Zuniga. Elena Obraztsova sang die Carmen insgesamt nur sieben Mal an der Wiener Staatsoper: einmal 1975 in der Inszenierung von Otto Schenk und sechs Mal in der Inszenierung von Franco Zeffirelli. Maßstäbe setzte Agnes Baltsa in dieser Zeffirelli-Inszenierung von. Sie sang diese Partie zwischen 1984 und 2004 insgesamt 59 Mal. Diese hervorragend besetzte Aufzeichnung von Bizets Meisterwerk zählt zweifelfrei auch zu den Höhepunkten in der Geschichte der Wiener Staatsoper.

TURANDOT (Giacomo Puccini)

1983 feierte Puccinis letzte Oper Turandot Premiere in einer Inszenierung des für seine Musical-Inszenierungen bekannten Harold Prince. Die opulente Umsetzung in den Bühnenbildern und Kostümen von Timothy O’Brien und Tazeena Firth erinnern auch ein wenig an das Genre Musical. Ebenso beeindruckend ist auch hier die Besetzung. Die ungarische Sopranistin Eva Marton gab die eisige Prinzessin Turandot, als Calaf erlebte man José Carreras und als Liù die italienische Sopranistin Katia Ricciarelli. In dieser starken Besetzung erlebt man auch die Aufzeichnung dieser spannenden Produktion. Auf insgesamt 61 Vorstellungen brachte es die Inszenierung ehe sie im März 2004 zum letzten Mal aufgeführt wurde.

ELEKTRA (Richard Strauss)

Ehe es durch die Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg im Jahr 2015 ersetzt wurde brachte es Harry Kupfers Inszenierung von Richard Strauss Atriden-Drama Elektra auf insgesamt nur 65 Aufführungen bis 2012. Die Premiere fand am 10. Juni 1989 zum 125. Geburtstag von Richard Strauss statt. In Kupfers Inszenierung dominiert die zerbrochene Statue Agamemnons die Bühne, auf welcher die hochkarätige Premierenbesetzung zu erleben war. Eva Marton als Elektra, Brigitte Fassbaender als Klytämnestra, Cheryl Studer als Chrysothemis, James King als Aegisth, Franz Grundheber als Orest und Claudio Abbado am Pult machen diese Aufzeichnung zu einem intensiven Erlebnis.

LOHENGRIN (Richard Wagner)

Bereits 1985 debütierte der spanische Tenor Plácido Domingo als Schwanenritter Lohengrin an der Wiener Staatsoper. Kein Wunder also, dass Placido Domingo auch zur Premierenbesetzung der Neuinszenierung durch Wolfgang Weber im Jahr 1990 gehörte. In dieser klassischen Regiearbeit, in welcher der Schwan als Projektion den Bühnenhintergrund dominiert, sangen neben dem spanischen Startenor in der Titelrolle Stars wie Cheryl Studer die Elsa, Hartmut Welker und Dunja Vejzovic Telramund und Ortrud und Georg Tichy den Heerrufer. Unter dem grandiosen Dirigat von Claudio Abbado wurde auch hier Operngeschichte geschrieben.

DON GIOVANNI (Wolfgang Amadeus Mozart)

Vor 150 Jahren wurde das Haus am Ring mit Mozarts Don Juan feierlich eröffnet. Somit darf auch dieses Werk in der DVD-Box nicht fehlen. Die Produktion des Hauses am Ring, die für die Wiener Festwochen allerdings am Theater an der Wien aufgeführt wurde, stammt aus dem Jahr 1999. Zu dieser Zeit als das Regietheater schon länger auf dem Vormarsch war erlebte der Zuseher ein opulentes Kostümspektakel in der Regie von Roberto de Simone.  Unter dem großartigen Dirigat von Ricardo Muti verkörperten Carlos Álvarez den Don Giovanni, Franz Josef Selig den Commendatore, Adrianne Pieczonka die Donna Anna, Michael Schade den Don Ottavio, Anna Caterina Antonacci die Donna Elvira, Ildebrando D’Arcangelo den Leporello, Angelika Kirchschlager die Zerlina und Lorenzo Regazzo den Masetto in einer absolut sehenswerten Produktion.

ALCINA (Georg Friedrich Händel)

Unter Direktor Dominique Meyer kehrte auch die Barockoper an die Wiener Staatsoper zurück. Anstelle des Orchesters der Wiener Staatsoper setzte man auf Originalklangensembles wie im vorliegenden Fall Les Musiciens du Louvre-Grenoble unter dem Dirigat von Marc Minkowski. Die beinahe märchenhafte Umsetzung stammt von Adrian Noble, musikalisch brillieren Anja Harteros als Alcina, Vesselina Kasarova als Ruggiero, Veronika Cangemi als Morgana, Kristina Hammarström als Bradamante, Benjamin Bruhns als Oronte und Adam Plachetka als Melisso. Diese Produktion markierte den Beginn der Rückkehr der Barockoper an die Staatsoper, die in der Erstaufführung von Georg Friedrich Händels Oper Ariodante im Jahr 2018 gipfelte.

Ariadne auf Naxos – Christian Thielemann und Ensemble studieren die Oper ein
youtube Trailer Staatsoper Wien
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

ARIADNE AUF NAXOS (Richard Strauss)

Im Dezember 2012 löste die von den Salzburger Festspielen übernommene Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf nach 162 Vorstellungen die klassische Inszenierung von Filippo Sanjust ab. Bechtolf rückte die Handlung in die Zeit der Uraufführung, der zweite Teil, die Aufführung der Oper seria Ariadne gemeinsam mit der Opera buffa fand zwischen sandverzierten Klaviertrümmern statt. Die Aufzeichnung dieser Oper bot ein Wiedersehen mit dem 2019 plötzlich verstorbenen Kammerschauspieler Peter Matic, der als Haushofmeister aus dieser Produktion nicht mehr wegzudenken ist. Auch dem viel zu früh verstorbenen Tenor Johan Botha als Tenor / Bacchus wird mit dieser Aufnahme ein Denkmal gesetzt. Aber auch der Rest der Besetzung lässt sich hören: Soile Isokoski als Primadonna/ Ariadne sang hier eine ihrer letzten szenischen Produktionen; Sophie Koch als Komponist, Jochen Schmeckenbecher als Musiklehrer, Daniela Fally als Zerbinetta, sowie Adam Plachetka, Carlos Osuna, Jongmin Park und Benjamin Bruhns als Harlekin,Scaramuccio, Truffaldin und Brighella und das Dirigat Christian Thielemanns machen diese Aufzeichnung zu etwas ganz Besonderem.

Die im Beige der Wiener Staatsoper gehaltenen DVDs zeigen auf der Vorderseite eine Ansicht des Schwindfoyers, die DVD-Innenseite eine Perspektive von der Bühne auf den Zuschauerraum. Die acht DVDs befinden sich in einem Schuber mit einem Bild der Wiener Staatsoper auf der Vorderseite der Box.

Die limitierte Ausgabe von 1.869 Stück der DVD-Box mit einer Gesamtspielzeit von 1.290 Minuten ist um rund 100 € im Fachhandel erhältlich.

—| IOCO CD-Rezension |—

Brenda Roberts – Diskographie – Teil 2, 08.11.2018

CD Brenda Roberts in Frao ohne Schatten Brenda Roberts in Elektra 1975 HH © Sebastian Sierke

CD Brenda Roberts in Frau ohne Schatten Brenda Roberts in Elektra 1975 HH © Sebastian Sierke

 BRENDA ROBERTS  – DISKOGRAPHIE – Teil 2

Von Rolf Brunckhorst

In diesem zweiten Teil der Diskographie geht es um die drei großen Wagner-Rollen von Brenda Roberts: Kundry, Ortrud und Isolde. Während die Lohengrin-Aufnahme aus Hamburg gerade wiederveröffentlicht wird, bleiben die beiden anderen Aufnahmen besondere Raritäten, die nur mit etwas Spürsinn aufzutreiben sind.

Die Tristan – Aufnahme stammt vom 2. Oktober 1983, am Staatstheater Mainz sang Brenda Roberts ihre erste Isolde und war schlichtweg brillant. Scheinbar mühelos, mit sicherer Höhe, und überaus verständlicher Diktion stellte sie sich gleich in der Premierenserie an die vorderste Front der Isolde-Interpretinnen. Über den ganzen Abend gab es keinerlei Ermüdungserscheinungen, und gekrönt wurde das Ganze mit einem begeisternden Liebestod. Schade daß diese Aufnahme nicht auch auf DVD festgehalten werden konnte. Das Publikum jubelte jedenfalls seiner neuen Isolde begeistert zu. Ihr Bühnenpartner Herbert Becker hat später durchblicken lassen, daß er die Abteilung „Bravo, Beifall und Blumen“ für bestellt gehalten habe, womit er genauso schief liegt wie mit vielen seiner Töne. Genau seinetwegen wäre eine DVD-Version dieses Abends eher unerfreulich, war er doch in einen weißen Dandy-Anzug gewandet, während er dann später auf der Premierenfeier in seiner Oberförster-Kluft erschien. Stimmlich gab es viele kritische Stellen, und das Liebesduett war eine Meisterleistung von Brenda Roberts. Weniger Freude bereitete auch die Brangäne des Abends, Verena Keller, die so nervös war, daß sie die gesamten Wach-Rufe zu leise und zu zittrig sang. Laslo Anderko gab einen stimmlich taufrischen, sehr energischen und nachhaltigen Kurwenal, der mit seiner großen Stimme erfreulicherweise sehr differenziert umgehen konnte. Mit großem wohlklingenden Bass zelebrierte Karl Schreiber seine Auftritte als König Marke. Am Pult waltete Mladen Basic, dessen Verdienst es war, ein Ensemble, welches unterschiedliche Wagner-Kenntnisse mit in die Proben brachte, zu einem funktionierenden Wagner-Ensemble zu formen. Das Orchester klang selbst bei den heiklen Bläser-Einsätzen äußerst souverän, und das Publikum bejubelte diese Premiere rückhaltlos.

 Tristan & Isolde Aufnahme in Mainz mit Brenda Roberts als Isolde

Tristan & Isolde Aufnahme in Mainz mit Brenda Roberts als Isolde

Die Vorgeschichte zu diesem Oldenburger Parsifal vom 1. Juni 1985 ist relativ bekannt: Ohne die Partie der Kundry jemals vorher auf der Bühne gesungen zu haben, sprang Brenda Roberts in letzter Minute als Kundry ein und rettete die Vorstellung. Glücklicherweise konnte der geneigte Hörer schon in den kurzen Passagen des ersten Aktes ahnen, daß es für diese Kundry keine großen stimmlichen Probleme geben würde. Und tatsächlich schon in den ersten Aufschreien in der Klingsor-Szene zeigte Brenda Roberts, wie man eine Kundry auf die Bühne zu stellen hat. Sie klang weich und verführerisch bei den ersten Parsifal-Rufen, bewältigte in den Monologen ohne Mühe die gefürchteten Intervallsprünge und Spitzentöne, um schließlich in einem nahezu hysterischen Ausbruch Parsifal zu verfluchen und in die Irre zu schicken. Das Publikum dankte der glücklichen Debütantin mit lang anhaltendem Applaus. Da der dritte Akt dieser Aufführung unweigerlich verloren ist und auch die anderen „Nicht-Roberts-Szenen“ fehlen, kann über die restliche Besetzung nicht weiter geurteilt werden. In Erinnerung geblieben ist dem Rezensenten jedoch ein prächtig auftrumpfender Bernard Lyon als Amfortas, ein von der Stimme und Gestaltung her eher blasser Mario Brell in der Titelpartie, und ein belastbarer Heinz Klaus Ecker als Gurnemanz, der seine langen Monologe souverän bewältigte. Der Dirigent des Abends, Wolfgang Schmid, kümmerte sich intensiv um seine Kundry-Debütantin und hielt das Orchester erstaunlich klangschön beisammen.

Parsifal Aufnahme aus dem Jahr 1985 mit Brenda Roberts als Kundry

Parsifal Aufnahme aus dem Jahr 1985 mit Brenda Roberts als Kundry

Die Ortrud in Richard Wagners Lohengrin hat Brenda Roberts an der Hamburgischen Staatsoper in zahlreichen Vorstellungen verkörpert. So hat sie z.B. in der Premierenserie 1977 alle Vorstellungen gesungen, und ist auch später in den Wiederaufnahmen als Ortrud zu hören gewesen.  Im ersten Akt  hat die Ortrud kaum dankbare Aufgaben, mancher Zuschauer, der mit dem Werk nicht sonderlich vertraut ist, wird sie vielleicht gar nicht auf der Bühne entdecken; anders Brenda Roberts: Schon mit den ersten Tönen im Schlußensemble blüht die Stimme voll auf und man erkennt die Vorteile, die die Besetzung der Ortrud mit einem hochdramatischen Sopran bietet. Für die düsteren Passagen des zweiten Aktes wird die Stimme abgedunkelt und Ortrud träufelt der verängstigten Elsa leise zischelnd ihr Gift ins Ohr. Danach ist die Stimme von Brenda Roberts wie ausgewechselt: die „Entweihten Götter“ ertönen, und das jetzt wieder mit der vollen Wucht einer hochdramatischen Sopranistin. Mit beißendem Hohn schleudert Ortrud in ihrer finalen Szene am Ende des dritten Aktes ihr „Fahr‘ heim, fahr‘ heim“, dem fassungslosen Lohengrin und der gesamten brabantischen Bevölkerung entgegen  –  eine Glanzrolle für Brenda Roberts. Ihr zur Seite fügte sich Caterina Ligendza nahtlos in dieses Konzeption ein, sie wirkte überängstlich, geradezu verhuscht, und bot mit ihrem lyrischen Klang, dem silbrigen Timbre und einer gut gespielten Hilflosigkeit den hellen Gegenpol zur Ortrud.

Diese Aufnahme zeigt außerdem René Kollo als Lohengrin auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Einfach wunderbar gelangen ihm die Schwanen-Lieder und die Brautgemach-Szene. An der faszinierenden Gralserzählung führte Kollo noch einmal sein ganzes Können vor. Auch Siegmund Nimsgern als Telramund zeigt sich als stimmschöner Heldenbariton, der allerdings immer zu kuschen hat, wenn seine Ortrud das Wort führt. Kurt Moll als König Heinrich demonstrierte nachhaltig, warum er Jahrzehnte lang als einer der weltbesten Bässe galt. Bedenkt man, daß der Heerrufer Franz Grundheber hieß, und Horst Stein am Pult des Philharmonischen Orchesters wahre Wagner-Wonnen initiierte, muß man einmal mehr daran erinnern, auf welch hohem Niveau sich die Hamburgische Staatsoper in den Sechziger und Siebziger Jahren befand.

—| IOCO CD-Rezension |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Franz Grundheber hält Meisterklasse, IOCO Aktuell, 15.02.2018

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Franz Grundheber hält MEISTERKLASSE im Januar 2018  

Nachwuchssänger des Opernstudios der Oper am Rhein gefördert

Von Susanne Resperger

Franz Grundheber ist ein seit Jahrzehnten international hoch angesehener Opernsänger, Bariton, welchem für seine außergewöhnlichen Leistungen sowohl von der Wiener Staatsoper als auch der Hamburgischen Staatsoper der Titel Kammersänger verliehen wurde.

Vor Jahren hatte Franz Grundheber bereits eine Meisterklasse für Mitglieder des Opernstudios der Deutschen Oper am Rhein in der Oper Düsseldorf gegeben. 2017 hat Prof. Christoph Meyer, Intendant der Rheinoper, Franz Grundheber erneut für eine solche Meisterklasse  gewinnen können, für die Zeit 10.1.-13.1.2018 im Maxhaus. Gekoppelt mit einem Auftritt von Grundheber als Peter Besenbinder in einer Hänsel und Gretel – Vorstellung der Rheinoper am 14.1.2018. Die Schüler der Meisterklasse, Mitglieder des Opernstudios der Oper am Rhein, waren Beniamin Pop, Peter Aisher, Maria Bioko, Sebastià Persi, Dimitra Kotidou.

Deutsche Oper am Rhein / Ankündigung zur Meisterklasse © Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Ankündigung zur Meisterklasse © Deutsche Oper am Rhein

Die Meisterklasse verlief im Maxhaus insgesamt lehrreich wie harmonisch; der  Abschluss am 13.1.2018 wurde jedoch durch Besucher ruppig gestört.  Geplant war, dass Franz Grundheber auch am Abschlussabend der Meisterklasse mit seinen Schülern an Feinheiten „arbeitet“. Auch das Publikum sollte erkennen, wie Franz Grundheber mit seinen Schülern arbeitet und was er ihnen für diesen Beruf mit auf den Weg geben möchte. Es sollte veranschaulicht werden, wie Schüler sich weiterentwickeln können und seine Empfehlungen in der Praxis umsetzen. Der Verlauf des Abends und seine Ziele wurden zu Beginn entsprechend kommuniziert. Auch der Bühnenaufbau lies diese Absicht erkennen; auf der linken Seite der kleinen Bühne stand ein Flügel, auf der rechten Seite ein Ohrensessel und ein Mikrofon.

Dennoch kam es im Laufe des Abends zu einem ungewohnten Eklat.  Zunächst wurde am Klavier Ville Enckelmann (Musikalischer Leiter des Opernstudios der Oper am Rhein) begrüßt und von Franz Grundheber für seine großartigen Leistungen in der vorangegangenen Arbeitswoche umfänglich gewürdigt. Dann betraten die Nachwuchssänger das Podium.

Deutsche Oper am Rhein / Meisterklasse - hier Franz Grundheber mit Blumenstrauss © Susanne Resperger

Deutsche Oper am Rhein / Meisterklasse – hier Franz Grundheber mit Blumenstrauss © Susanne Resperger

Der Abend begann mit Liedern von Robert Schumann und Johannes Brahms. Der Tenor Peter Aisher sang „Im wunderschönen Monat Mai“. Der Bariton Beniamin Pop sang Johannes Brahms „Von ewiger Liebe“. Wie angekündigt unterbrach Franz Grundheber, wie zuvor angekündigt, um den jungen Künstlern zu erklären, was sie an der jeweiligen Stelle verbessern könnten. Auch für Zuhörer ist es lehrreich, mehr über die intimen Zusammenhänge von Wort und Musik zu erfahren, welche Betonung oder Tonlänge eine bestimmte Wirkung erzielen kann, wie man Interpretationen nutzen kann, ohne direkt in die Musik einzugreifen. Unendlich bedeutende Facetten, welche aber die Umsetzung der Musik vielschichtiger, lebendiger werden lassen, welche die Seele der Dichtung zu klingen bringen. Auch erklärte Grundheber, wie Sänger das Publikum mit Blicken einbeziehen und die Wirkung seiner eigenen Persönlichkeit verstärken könne.

 Störende Besucher – Wunderbare Stimmen

Leider steigerte in dieser Phase der Veranstaltung im hinteren Teil des Saales Unruhe, bis Besucher schließlich rüde und unfreundlich riefen, „man möge doch aufhören ständig zu unterbrechen. Man sei zu einem Konzert gekommen und wolle nur zuhören.“ Franz Grundheber erklärte beruhigend, „die Veranstaltung sei nicht als reines Konzert, sondern als Meisterklasse geplant gewesen. Wenn man dies jedoch wünsche, so werde er nicht mehr unterbrechen.“  Grundheber gab den Störenfrieden nach, nicht beleidigt oder verärgert; „es sei vollkommen in Ordnung, wenn das Publikum ein reines Konzert hören wolle“.

Auch der anwesende Intendant der Deutschen Oper am Rhein, Prof. Christoph Meyer, griff mit sehr berührenden und emotionalen Worte ein: „Es ist sehr schade, dass man einem so großen Künstler nicht zuhören wolle und nicht erfahren möchte, wie er seine Arbeit macht und was die jungen Künstler eine Woche lang genossen hatten.Meyer betonte, wie stolz die Rheinoper sei, eine solche Persönlichkeit (NB Herrn Grundheber) bekommen zu haben, welcher mit den jungen Leuten des Hauses arbeitet und so viel verändern konnte; dass alle hier an einem solchen Abend teilnehmen dürfen und in diesem Rahmen den Beruf eines Sängers erklärt zu bekommen, wäre ein Privileg. Es sei bedauerlich, daß Störenfriede eine Änderung des Verlauf der Meisterklasse „erzwangen“

Deutsche Oper am Rhein / Meisterklasse - hier Franz Grundheber mit Blumenstrauss © Susanne Resperger

Deutsche Oper am Rhein / Meisterklasse – hier Franz Grundheber mit Blumenstrauss © Susanne Resperger

Der Großteil des Publikums reagierte sehr enttäuscht und verärgert über die Störenfriede. Die folgenden Lieder von Maria Bioko und Sebastià Persi gingen in der emotionalen Stimmung zwar ein wenig unter, wurden aber nicht mehr unterbrochen. Franz Grundheber blieb zwar am Podium sitzen, beschränkte sich aber nur noch auf ein herzliches Applaudieren der vortragenden Künstler.

Die Vorgänge wurden in der Pause heftig diskutiert. Doch Franz Grundheber ging nicht mehr auf die Bühne. Im zweiten Teil gab es das Lied des Harlekin aus der Oper Ariadne auf Naxos von Richard Strauss (Sebastià Peris) und die Szene des OctavianWie du warst“ aus dem Rosenkavalier (Maria Boiko). Beide mit wunderbar schönen Stimmen.

Alle Künstler hatten bisher ausgezeichnet gesungen; es war ein Genuss die herrlichen, jungen und angenehmen Stimmen zu hören. Doch war es dann Dimitra Kotidou, welche mit der Arie der Königin der Nacht („Oh zittre nicht“) das Publikum in Staunen versetzte und die Stimmung im Saal auffällig anheizte. Ihre großartige, lebendige Darbietung beflügelte den eher schüchtern wirkenden Peter Aisher bei seiner Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ (beides aus Mozarts Zauberflöte).

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war dann die Arie des Blondchens „Durch Zärtlichkeit“ aus Mozarts Entführung aus dem Serail, aus welcher Dimitra Kotidou ein wahres Kabinettstück machte. Wer hier genau hinsah und beobachtete, konnte ganz genau die Handschrift des Lehrers erkennen. Sie hatte diese Arie mit großer Ambition und Leidenschaft umgesetzt. Viele kleine Gesten und Blicke. Man spürte, wie Franz Grundheber all dies erklärt auch den Besucher vermitteln hätte können , vor allem wenn man seine Einstellung zur Rollengestaltung kennt.

Franz Grundhebers lange Erfahrung, wie man eine Rolle, eine Partie glaubhaft und ausdrucksvoll gestalten könne, ließ sich immer wieder deutlich erkennen. Doch durch die Rufe hinterer Reihen nahm der Abschlussabend des Meisterklasse einen unerwarteten Verlauf, wurde die Harmonie gestört. Vielen Besuchern blieb so Grundhebers Sichtweise zur Gestaltung des Liedausdrucks leider verborgen.

Die Schüler der Meisterklasse jedoch gehen ihren küntlerischen Weg auf den Bühnen der Musiktheater, inspiriert von dem reichen Informationsschatz Franz Grundhebers. Schöne Stimmen hatten sie allemal schon vor dieser Meisterklasse. Nun aber können sie, bereichert von Ratschlägen, dem „Knowhow“ des großen Franz Grundhebers, dem Publikum in ihren Theatern  Glück und Geheimnisse der Musik noch besser näherbringen.

—| IOCO Aktuell Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, IOCO Kritik, 15.02.2018

Februar 16, 2018 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

Ein deutsches Volksmärchen – Lebendig und unverformt

Von Susanne Resperger

An der Düsseldorfer Oper wurde im Januar 2018, leider, zum letzten Mal in dieser Saison, Hänsel und Gretel gespielt. Eine alte, zauberhafte und liebenswerte, aber auch kindgerechte Umsetzung dieser Oper. Und ein Blick ins Publikum zeigt viele Altersgruppen gemeinsam dieses Werk genießen: Eltern mit ihren Kindern, Großeltern mit ihren Enkeln.
Und hier zeigt sich das Verbindende der Oper. Neben mir saß ein gerade mal 3-jähriges Kind mit seiner Mutter, aufmerksam und gespannt und voller Freude. Das kleine Mädchen war nicht zum ersten Mal in der Vorstellung und freute sich auf diesen Abend. Überhaupt herrschte eine wunderbare Stimmung.

Wie oft sehe und lese ich Berichte von aktuellen Inszenierungen, welche zwar den Untertitel „Märchenspiel in drei Bildern“ trägt, aber in zeitgenössischer Kleidung und heutigem Ambiente spielt, dem märchenhaften nicht wirklich entsprechen .

Viele Menschen fragen, warum „moderne“ Regisseure sich oft scheuen, Hänsel und Gretel, dies wunderbare Märchenspiel mit den phantastischen Elementen, den Träumen, Zaubereien, Fabeltieren und Geistern  klassisch neu auszuformen; es zu gestalten, als das, was es sind: im unserem Kulturkreis über viele Jahrhunderte entstandene Fabel über Nöte, Träume, Unterbewußtem von großen und kleinen Wesen mitten aus dem Volk. Doch Hänsel und Gretel an der Rheinoper atmet Träume, Wünsche, Unterbewusstes.

Seit 1969 steht Andreas Meyer-Hannos Hänsel und Gretel -Inszenierung auf dem Spielplan der Deutschen Oper am Rhein. Und es ist lobenswert, wenn man die Nostalgie, welche in dieser Inszenierung liegt, auch ungeteilt an sich heran lässt. Nostalgie, etwas schal der Klang, hilft nur zu oft, seelische Ungleichgewichte wieder  aufzurichten. Die Hänsel und Gretel Produktion der Rheinoper ergreift so Groß und Klein.

Deutsche Oper am Rhein / Hänsel und Gretel © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Hänsel und Gretel © Hans Joerg Michel

Die Düsseldorfer Oper schreibt dazu: „Spielleiterin Esther Mertel hatte Hänsel und Gretel in der Spielzeit 2015/16 mithilfe der Bühnenbildskizzen, Kostümfigurinen und Fotos der Premiere liebevoll rekonstruiert und neu einstudiert. Auch die Möglichkeiten der Beleuchtung haben sich in den letzten vierzig Jahren verändert. Volker Weinhart hat basierend auf alten Aufzeichnungen mit neuen Mitteln ein märchenhaftes Lichtkonzept entwickelt, damit die von Jung und Alt geliebte Produktion in neuem Glanze erstrahlen lassen.“ Schön wenn sich ein Opernhaus die Mühe macht, auch alte Inszenierungen zu behalten. Die Mischung aus alten und neuen Produktionen in einem Repertoire macht für mich die Stärke eines Opernhauses aus.

Neuartig für mich der Beginn der Oper: man sieht während der Ouvertüre die ganze Familie beisammen, danach geht Peter fort um Geld zu verdienen. Ein kleiner, aber sehr feiner Auftakt. Die Besetzung der Rollen ist großartig Katarzyna Kuncio ist ein wunderbarer schlaksiger Hänsel mit angenehmer Mezzostimme. Die Gretel von Inga-Britt Andersson liebenswert und spielfreudig mit schönem Sopran. Renee Morloc gefällt als Mutter Gertud und ist ihrem Peter eine gute Partnerin.

Als Peter Besenbinder hat sich die Rheinoper an diesem Abend einen besonderen Künstler geholt: Franz Grundheber, Star der Opernhäuser, seit Jahrzehnten auf den großen Bühnen der Welt zu Hause. Franz Grundheber hatte die vorangehende Woche in Düsseldorf eine jungen Sänger/innen Meisterklasse gegeben und freute sich, an der Düsseldorfer Oper seinen Schülern auf der Bühne zu zeigen, was er eine Woche lang gelehrt und erklärt hatte.

Deutsche Oper am Rhein / Hänsel und Gretel - und das so verträumte Hexenhaus © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Hänsel und Gretel – und das so verträumte Hexenhaus © Hans Joerg Michel

Sein Peter Besenbinder ist in Gestik, Blick und Betonung des Textes ausgefeilt. Für ihn ein ganz besonderer Teil des Operngesanges, da man seiner Meinung nach mit den Worten und der Musik das vermitteln kann was Komponist und Textdichter aussagen wollten.

Meine Sitznachbarin meinte, dieser Sänger habe sie kalt erwischt. Sie wusste nicht wer auf der Bühne stehen würde, aber so einen Peter habe sie noch nie erlebt. So authentisch habe sie diese Rolle noch nie gesehen. Dass muss man eigentlich nicht mehr ergänzen. Dass er auch noch über eine wunderbare farbenreiche Stimme verfügt, welche in der Höhe leuchtet, macht die zusätzliche Faszination der Persönlichkeit dieses Künstlers aus. Sein Alter ist zu keiner Zeit der Vorstellung von Bedeutung.

Hier zeigt sich auch die Besonderheit eines generationsübergreifenden Ensembles. Es sei der Direktion der Rheinoper große Hochachtung gezollt, eine solches Wagnis einzugehen. Doch das Ergebnis gibt dem Haus recht. Interessiert man sich für Sänger und deren Qualitäten, kann man auch einen 80-jährigen Künstler auf die Bühne stellen und es wird ein voller Erfolg.

Deutsche Oper am Rhein / Hänsel und Gretel - hier mittig Franz Grundheber als Besenbinder © Zoebisch

Deutsche Oper am Rhein / Hänsel und Gretel – hier mittig Franz Grundheber als Besenbinder © Zoebisch

Eine tadellose Leistung auch von Johannes Preißinger, welcher sehr passend eine wirklich böse Hexe spielte. Ein Gegensatz zu dem liebens- und hörenswerten Sand- und Taumännchen von Aisha Tümmler.

Axel Kober führt die Düsseldorfer Symphoniker in teilweise schwelgerischem Wagnerklang, am Beginn waren lediglich kleinere Tempoabweichungen zu bemerken, welche die Routine aller Beteiligten aber rasch wieder ausgleichen konnte. Ein wunderbarer Abend mit viel Applaus, welcher vor allem dem Senior des Abends, natürlich aber auch allen Beteiligten gleichermaßen galt. Wer Franz Grundheber kennt, weiß dass er sich nie lange feiern lässt, sondern gleich wieder neben seinen Kollegen steht um den Applaus mit ihnen zu teilen.

 —| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Nächste Seite »